„Ende des Sozialismus, Zukunft der Revolution“
Es ist unter Linken selbst immer noch ein Rätsel, was genau 1989/91 eigentlich zerbrochen ist. Sie erinnern sich dunkel an einen fürchterlichen Rückschlag, sie reden viel über seine katastrophalen Auswirkungen, aber sie können anscheinend auf keine Weise wissen, worin er eigentlich bestanden hat und wieso er die Macht hat, derartig weittragende Auswirkungen zu haben.
Man kann die Konstellation, die heute herrscht, nicht gut ohne das verstehen. Die betäubende Dummheit, die einen heute auf der Linken umfängt, hat auch dort noch ihre Wurzeln.
1. Es war nicht allzu lange vor 1989, dass Sätze gesagt und auch geglaubt worden sind wie „Die Oktoberrevolution ist der Wendepunkt der Menschheitsgeschichte.“ Der Satz in dieser Form ist parteioffiziell autorisiert, aber seine Urheber dem Inhalt, dem Geiste nach wird man an vielerlei Orten finden. Es sind dies die gläubigeren Schüler Blochs und Lukács, die humanistischen Marxisten des Ostens und der grössere Teil des sog. westlichen Marxismus.
Wen gab es, der real etwas anderes gedacht hat? Die Trotzkisten dachten sich den Osten meistens so, dass die ökonomische Revolution schon, wenn auch unvollkommen, durchgeführt ist, und nur noch eine politische nötig wäre, um die Arbeiterklasse wirklich in den Besitz der dankenswerterweise schon verstaatlichten und zentralisierten Produktionsmittel zu bringen. Die sozialdemokratische Linke dachte nicht viel anders, sie fasste es nur in Begriffe von Demokratisierung und Öffnung. Die Konvergenztheorie schlug die Brücke zu den „fortschrittlichen“ Technokraten.
Man hat natürlich die Bonzen nicht gemocht, man hat den Gulag nicht für richtig gehalten, aber dass irgendetwas sozialistisches da war, das weit über die Gestalt seiner derzeitigen Verwalter hinausgewiesen hat, das war ganz offensichtlich ein weit verbreiteter Gedanke. Wir glauben zufällig, dass kein Wort davon wahr ist. Das hindert uns nicht, die Sache mit derjenigen Art Sympathie anzugehen, die man für Irrtümer aufbringt, denen man nahe steht.
2. Selbstverständlich sieht man die Wirklichkeit unter diesem System. Sie lässt sich nicht abstreiten. Es lassen sich nur immer Gründe finden, warum sie so ist und nicht anders; und gerade weil das ganze so offensichtlich falsch und veränderungsbedürftig ist, lässt sich leicht vorstellen, dass die Veränderung auch einmal eintreten wird. Die Schranzen, die die Macht an sich gerissen haben, sind nicht das letzte Wort, sind nur vorläufig da; sie sind nur die traurigen, unfähigen Sachwalter einer höheren Wirklichkeit, die sich irgendwann enthüllen und die Fesseln ablegen wird, die sie heute noch binden. Hinter dieser Zukunft, die nie kommt, verschanzt sich natürlich die Gegenwart.
Der humanistische Marxismus, dessen Dilemma so anfängt, hat seinen Hauptsitz und seine institutionelle Stütze im Kultur- und Bildungswesen gehabt; in denjenigen Einrichtungen, die Louis Althusser den ideologischen Staatsapparat genannt hat. Man mag sich Leute wie Walter Janka oder Wolfgang Harich als seine Sprecher denken.
Irgendwann ergibt es sich, dass ein Machthaber der alten Garde stirbt oder stürzt; oder dass sich der Wind sonst auf irgendeine Weise dreht, wie und warum, das zu untersuchen hat der humanistische Marxist die Mittel nicht. Veränderung scheint denkbar, und die neuen Leute an der Macht reden von „Öffnung“, „Umgestaltung“, „Dezentralisierung“. Es sollen hundert Blumen blühen, oder es soll ein neues Denken einziehen. Die Stunde scheint zu schlagen. Es ist die Zeit der Petöfi-Kreise.
An einem bestimmten Punkt scheint der Wille zur Veränderung endlich die Studierstuben zu verlassen und die Gesellschaft insgesamt zu ergreifen. Die sozialistische Demokratie scheint Wahrheit zu werden. Die Arbeiterschaft beginnt sich zu regen, schliesslich greift sie nach der politischen Macht.
Durch einen dummen Zufall ist das immer genau der Moment, wo den humanistischen Marxisten die blanke Angst befällt. Die Arbeiter, ohne Leitung durch die Partei und die Intellektuellen, werden unfähig sein, den Sozialismus aufrechtzuerhalten; oder viel genauer, der Einfluss des marxistischen Humanisten ist gebunden an seine Funktion für genau den Staat, der im Begriff ist, umgestürzt zu werden. Ohne Leitung durch den humanistischen Marxismus kommt nach der Revolution auch nicht der humanistische Marxismus, sondern die Herrschaft des Pöbels heraus.
Die andere Hand des Staats, die rechte, ist diejenige, die Panzer in Bewegung zu setzen im Stande ist, in Althussers Worten der repressive Staatsapparat. Dort sitzen genau die alten Kader, auf deren Ableben der humanistische Marxist insgeheim gewartet hat und zu deren Entmachtung er auf die Arbeiter hofft; jetzt helfen sie ihm aus seinem Dilemma, dass ihre Entmachtung auch seine eigene wäre. Sie setzen Panzer tatsächlich in Bewegung, auf Budapest, auf Prag, oder auf Warschau. Und die humanistischen Marxisten sind gezwungen, während ihre Hoffnungen unter den Panzerketten zerrieben werden, sich der Losung anzuschliessen: „Die Diktatur ist notwendig.“
Die Diktatur ist natürlich immer notwendig, und sie kann deshalb niemals aufhören. Dieses Spiel ist tatsächlich mehrere Runden gespielt worden, ehe es genügenden Leuten gereicht hat. Castoriadis hat als Erkenntis aus 1956 gezogen, dass es keine teilweise, bloss ökonomische Arbeiterautonomie geben kann; Leute wie Jacek Kuroń und Adam Michnik haben nach 1968, vom Anarchosyndikalismus kommend, beschlossen, die Sache auf eine wirkliche Arbeiterorganisation zu gründen statt auf die humanistischen Marxisten. Gescheitert sind natürlich alle, denn als Gewinner davongestohlen haben sich andere.
3. Es stellt sich heraus, die sozialistische Wirtschaft kennt sehr wohl Konjunkturkrisen. Günter Reimann hat es herausgefunden. Sie werden nur nicht über das Preissystem ausgetragen, sondern über das politische, so wie das zentrale Problem des sozialistischen Investitionszyklus ein politisches war.
Ist z.B. durch lange harte Jahre eine Schwerindustrie aufgebaut, kann nicht ohne weiteres dazu übergegangen werden, sie zum Aufbau einer Verbrauchsgütersektors zu nutzen. Denn dazu müsste das ganze System umgestülpt werden, und vor allem müssen ganze Parteifraktionen entmachtet werden. Die Machtkämpfe, Säuberungen, Putsch usw. sind Erscheinungen des politischen Konjunkurzyklus.
Diejenige Fraktion, die danach drankommt, wird von „Öffung“ reden und von „sozialistischer Demokratie“, aber sie wird vor allem Effizienz meinen. Effizienz ist bei Verbrauchsgütermärkten ein ganz anderes Problem als bei Kapitalgütern. Und die humanistischen Marxisten sind gar nicht die Leute, zu denen die neue Macht da spricht. Es ist eine ganz andere Klasse, Bahro nennt sie die „technisch-administrative Intelligenz“. Ingenieure, Kombinatsdirektoren usw.
Wenn man „Öffnung“ sagt, verstehen diese Leute „freie Preisfestsetzung durch die Unternehmen“, „Annäherung an Marktpreise“ usw., weil es genauso auch gemeint ist. Wenn sie vorher halb mit den Leuten der sozialistischen Demokratie verbündet waren, dann lösen sie sich spätestens jetzt aus diesem Bündnis. Auch das ein Grund für die Enttäuschung der humanistischen Marxisten.
1989 waren es diese Leute, die das Heft in der Hand hatten; es waren sie, die die Restauration des Privateigentums ausgehandelt haben. Sie haben damit gerettet, was die alte Elite an Einfluss noch zu retten hatte. Sie haben ja in Russland, Polen usw. das sozialistische Volksvermögen meistens in die eigene Tasche privatisiert, ganz wie es die alte Prophezeiung gesagt hat. Der marxistische Humanismus hat auch diesmal das übliche Spiel aufgeführt, sich vor den Siegern in den Staub zu werfen. Und mit wenigen Ausnahmen sind sie, nach 1989, zu dem schönsten Fensterschmuck geworden, den die umbenannte Staatspartei, die Partei der mittleren Kader, sich nur wünschen konnte.
4. „Die Oktoberrevolution ist der Wendepunkt der Menschheitsgeschichte“. Aber als das Ende gekommen war, hat sich gezeigt, dass niemand ein Wort von dem, was sie selbst sagten, geglaubt hat.
Die genauen Umstände dieses elenden Endes sind nicht Nebensache, sie sind ein Teil der Hauptsache. Alle waren sich einig, Trotzkisten, Humanisten, Reformer und Sozialdemokraten, dass der halbe Sozialismus schon da war, dass das Privateigentum schon abgeschafft ist und nur die politische Revolution nötig war. Und im Moment der Krise wurde diese nicht nur bewusst hintertrieben (das auch), sondern alle Mechanismen wirkten dahin, sie auf jeden Fall zu hintertreiben.
Dass die Arbeiterschaft passiv geblieben ist, bis es zu spät war, war eine Funktion des Systems; seine letzte. Sie sind oft genug auf die Barrikaden gestiegen, in Polen, in Ungarn, in der CSSR. Sie sind jedesmal der Reihe nach von allen verraten worden. Alles hat systematisch darauf hingewirkt, sie in die Lethargie und den Suff zu treiben. Man hat den Umsturz hinausgezögert, um die finale Krise als gewöhnlichen Konkurs managen zu können. Wie jämmerlich alles ausging, und wie man die Arbeiterschaft verkauft hat, das war nicht nur Teil einer Absprache; es war zwangsläufig und von vorneherein in der „sozialistischen“ Klassengesellschaft angelegt.
Die Diktatur, die als Vorstufe des Kommunismus „notwendig“ war, zeigt sich im Moment ihrer Krise als die Vorstufe der Restauration. Zu etwas anderem war sie nie gut. Darin liegt der letzte Akt des Betrug, der, den niemand verzeiht: alle Opfer waren umsonst.
Und niemand hat jemals Rede und Antwort dafür gestanden. Auch das hat Wirkungen. Man hat einfach weitergemacht, die Staatspartei umbenannt, man hat danach z.B. in „Interessenvertretung der Ostdeutschen“ u.a. gemacht, ehe man auch die abserviert hat. Man hat damit laut und deutlich erklärt nicht nur, dass man selbst kein Wort von den eigenen schönen Reden mehr glaubt, sondern dass man nie ein Wort geglaubt hat.
„Interessenvertreung der Ostdeutschen“! „Demokratischer Sozialismus“! Auf einmal eine normale Partei in einer parlamentarischen Demokratie. Aber ihr wart doch die Sachwalter des Weltgeistes! Unfehlbar wart ihr, wie Lukacs und Trotzki bezeugen; die Verwalter der Hoffnung des ganzen Menschengeschlechts! „Niemand kann unschuldig herrschen“, sagt Saint-Just. War denn die Diktatur auf einmal doch nicht notwendig? Es ist nicht mehr die Rede davon. Weswegen habt ihr sie denn betrieben, und gerechtfertigt, und jedesmal aufrechterhalten, wenn ihr Umsturz möglich war? „Die Oktoberrevolution ist der Wendepunkt der Menschheitsgeschichte“. Wo ist das denn geblieben? Aber vor kurzem haben sie alle noch getan, als glauben sie inbrünstig jedes Wort davon.
Es ist alles umsonst gewesen. Es ist kein Wort davon wahr gewesen. Sie haben es nicht einmal selbst geglaubt. Es wird einfach weitergepfuscht. Wer soll diesen Leuten auch nur ein Wort noch glauben? Und die, die heute dabei sind, glauben es noch weniger; ja es weiss unter ihnen nicht nicht einmal jemand irgendetwas davon; und die, die noch glauben, können unmöglich noch dabei sein.
Sehr aufschlussreich ist z.B. der übertriebene und lächerliche Hass auf Wolf Biermann, der zu denen gehört, die geglaubt haben und Opfer gebracht haben, und der nicht geschmeidig genug war, zu vergessen und die neuen Marschbefehle zu empfangen. Man hasst ihn so, wie man alle hasst, die man betrogen hat; man hasst ihn aber doppelt wegen seines Zorns, der nicht vergessen kann und den man bevorzugt, nicht zu verstehen.
5. Man hat diese Geschichte und ihr ruhmloses Ende aus der Erinnerung herausgeschnitten, als ob es eine Nebenhandlung war, aber Generationen haben gelitten und Opfer gebracht für eine bessere Zukunft, die es nie gegeben hat und die niemand im Stande war herbeizuführen. Es ist lange her, und weit weg! Aber die ganze Sache wird noch einmal skandalös werden, nämlich wenn man sie begreift als einen wesentlichen, absolut unabtrennbaren Bestandteil alles dessen, was wir Moderne nennen.
Man kann diese Geschichte nicht aus der Erinnerung der Moderne herausschneiden, ohne die Geschichte der Moderne aus der Moderne herauszuschneiden. Verdrängt die Erinnerung an die gebrochenen Versprechen, und ihr werdet gar kein Versprechen mehr in der Hand haben. Manche würden sagen, dass es genau so gekommen ist. Wir leben längst in einer Welt ohne Erinnerung und ohne Geschichte. Aber ebendeswegen auch in einer Welt, die keine höhere Rechtfertigung für ihren Zustand mehr anführen kann.
Auch die Gesellschaften des Westens sind ja zusammengehalten worden vom Versprechen einer fortschreitenden Befreiung, das heute ganz dementiert ist. Der Bankrott war schon in den 1990ern fühlbar, er ist nur noch nicht zu Bewusstsein gekommen.
Woher sonst diese sarkastische Melancholie in den besten Produkten der Kunst der 1990er? „Everybody knows the deal is rotten“; es hat sich nie etwas geändert. Es soll ja Leute geben, die heute den Glutkern der Revolte vermissen, dessen Spur in „Lipstick Traces“ verfolgt wird, ehe sie sich in den 1980ern zu verlieren scheint. Er ist nicht so weit entfernt, wie man denken könnte.
Alle Versprechen sind gebrochen worden. Der Betrug ist erst offenkundig, dann allgemein geworden. Er hängt wie ein hartnäckiger Gestank an allem, was diesem Zeitalter angehört. Der Bruch mit alledem ist die erste Voraussetzung für jede Veränderung; keinem Versprechen ist mehr zu glauben. Auf die eine oder andere Weise wird diese Lektion gelernt werden; es gibt keine andere mehr zu lernen. Das zweite, nämlich dass es so, wie es ist, nicht bleiben kann, muss man heute niemandem eigens beibringen.
Das Ende des „Sozialismus“ ist in einem ganz anderen Sinne, als die anarchosyndikalistischen Gründer der Soldarnosc gehofft haben, die Bedingung geworden für die Zukunft der Revolution.