Wir wissen, dass man das, was wir hier tun, immer noch nicht Leben nennen kann. Der Widerwille gegen die Welt, der uns durchdringt, und sich als Ekel vor dem Körper und seinen Funktionen, vor Anderen, äußert; die Wut auf die Zustände, mit denen wir uns abfinden müssen und die nicht besser werden dadurch, dass sie Jahrzehnte oder Jahrhunderte überstanden haben (falls wir überhaupt etwas fühlen); der Zynismus, mit dem wir etwas davon mit einem Augenzwinkern auszudrücken gedenken; die lassen uns nicht schlafen, lassen sich nicht durch Sport und nicht durch Substanzen betäuben, die lassen sich beim Sex und in Beziehungen nicht abstellen, und sie fressen an uns, bis wir uns leer fühlen. Wir wissen, dass die anderen es auch fühlen, wir sehen es ihnen an und dass wir es ihnen nicht mildern können, bringt uns heimlich zur Verzweiflung. Wir hoffen dass wir selbst daran schuld sind, damit wir uns nicht hilflos fühlen müssen. Gegen den psychischen Verfall, der den körperlichen begleitet, der uns mit uns selbst, mit den geliebten Menschen Dinge tun und sagen lässt, die wir uns lieber nicht eingestehen möchten, vermögen wir fast nichts. Wir verwenden immer noch den größten Teil unserer Lebenszeit auf verdichtete fremdbestimmte, größtenteils sinnentleerte Tätigkeit. Das Stresslevel ist hoch. Unsere Leute haben keine Zeit. Jeder ist auf sich allein gestellt. Das soziale Leben zieht sich zurück in Beziehungen, die möglichst wenig zeitintensiv sind. Wir wissen, dass wir nur zusammen etwas dagegen ausrichten können, können uns aber nicht dazu durchringen, einander auch nur über den Weg zu trauen. Wir meinen, dass uns die nächste Reise durch dieses Jahr, das nächste Medikament durch die schlimmsten Schmerzen, die nächste Beförderung einem wenigstens halbwegs erträglichen Arbeitsalltag näher, die nächste Affäre durch die Krise in der Familie oder mit uns selbst bringt. Wir wissen, dass es nicht reichen wird. „Die Isolierung, die man den Gefangenen einmal von außen antat, hat sich in Fleisch und Blut der Individuen inzwischen allgemein durchgesetzt. Ihre wohltrainierte Seele und ihr Glück ist öde wie die Gefängniszelle (…). Die Freiheitsstrafe verblaßt vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit.“ (Horkheimer / Adorno, S. 242) Das alles ist mittlerweile recht vielen klar. Es wird nicht nur in linken jugendlichen Subkulturen diskutiert. Die politischen Ansätze zur Überwindung des allgemeinen Elends sind selbst in ihren Unterschieden unfassbar öde und ebenso öde die Debatte darüber. Asylsuchende konsequent abschieben oder gleich an den EU Außengrenzen zurückprügeln? Israelkritik üben oder Hamaspropaganda nachlabern? Neoliberalismus oder Wohlfühlstaat? das Klima noch retten oder gleich solidarisch preppen? nochmal den Klassenkampf zum Sozialismus ausrufen, oder sich mit K-Gruppen Kadermentalität als Selbstzweck begnügen? Bildungsarbeit und Symbolpolitik machen, oder die Energie in den Aufbau der zukünftigen Organisation stecken, die so gut ist, dass sich sogar der politische Inhalt erübrigt? Man führt übers ganze politische Spektrum hinweg Scheindebatten, und die radikale Linke weiß es natürlich auch nicht besser. „Stets gab es auf jede Frage eine allgemeingültige Antwort, was hieß, dass es gar keine Fragen gab.“ (Marcus, S. 315), schreibt Greil Marcus über die Situation in Berkeley mitte der 1960er. Je verbissener wir unsere Positionen verteidigen, desto größer offenbar das Bedürfnis zu verschleiern, dass über nichts geredet wird – außer über die AFD. Und je weiter entfernt politische Lösungen unserer Probleme scheinen, je mehr wir uns damit abfinden, dass „lowering our expectations […] is a small price to pay for being protected from terror and totalitarianism“ (Fisher, S. 5); desto näher liegt es, Veränderung in uns selbst zu suchen (1), in unseren unmittelbaren Beziehungen. Diese letzteren informieren durchaus die Art, wie gut wir in der Lage sind, politische Konflikte zu lösen. Kommunikationsregeln und Moderation mögen helfen, das Plenum zu disziplinieren, halten die ggf gebildeten Fraktionen aber nicht davon ab, zt unmittelbar nach dem Plenum die Unvereinbarkeiten umso unerbittlicher aufeinander einzudreschen – und verhindern ebenfalls nicht, dass einfach über gar nichts geredet wird. Muss man unbedingt mit genau den Menschen lernen, über die eigenen Beschränkungen in der Konfliktfähigkeit hinauszuwachsen, mit denen man politisch arbeitet, und am konkreten Konflikt? Eher nicht. Die persönlichen Beziehungen sind nicht der Ort, politische Konflikte zu lösen und ebenfalls nicht der Ort, politische Utopie zu verwirklichen. Es ist lähmend, wenn das Politische – das Verhandeln über die Organisation der gemeinsamen Angelegenheiten und deren potenzielle Veränderung – zu sehr in den unmittelbaren zwischenmenschlichen Umgang verschoben wird; oder in die eigene Psyche. Beides sind Wege, wie man in der Szene versucht hat, sich vermeintlich emanzipierteres Verhalten einfach überzustülpen.
Angst vor den Lebensentscheidungen, die einen weiter an die Gesellschaft, wie sie jetzt organisiert ist, ketten, ist berechtigt. Auswege jedoch sucht man in der Linken momentan eher in der Therapie als im Plenum.
„Wo immer die Gesellschaft in den politischen Bereich nicht nur gelegentlich einbrach, sondern ihn überwuchern und schließlich absorbieren konnte, hat sie ihre eigenen Sitten und Gebräuche und vor allem die ihr eigentümlichen moralischen Wertmaßstäbe, also die Intrige, die Lüge und die Gemeinheit der Hintertücke, in die Politik verschleppt, und darauf haben die unteren Klassen des Volkes noch niemals anders als mit Brutalität und Gewalttätigkeit reagiert.“ (Arendt, S. 156)
