Buchbesprechung: China

Jason M. Kelly, Market Maoists, the Communist Origins of China’s Capitalist Ascent, Harvard University Press, 2021

Ralf Ruckus, The Communist Road to Capitalism, How Social Unrest and Containment Have Pushed China’s (R)Evolution Since 1949, PM Press 2021

Manfred Elfström, Workers and Change in China: Resistance, Repression, Responsiveness, Cambridge University Press, 2021

Wu Zhongmin und He Jun, Essentials of Governance, Twelve Lectures on Social Contradictions in China, Brill, 2021

Steven Rolf, China’s Uneven and Combined Development, Palgrave Macmillan, 2021

Desmond Shum, Red Roulette, An Insider’s Story of Wealth, Power, Corruption and Vengeance in Today’s China, Scribner 2021

Shaojie Zhou und Angang Hu, China: Surpassing the „Middle Income Trap“, Palgrave Macmillan, 2021

Roger Garside, China Coup, The Great Leap to Freedom, University of California Press, 2021

Es gibt über China seit geraumer Zeit mehr Bücher pro Jahr als Augen, sie zu lesen, und das wird sich auch nicht mehr ändern. Die meisten sind nicht der Rede wert. Auch die hier besprochenen, alle aus dem Jahr 2021, sind nicht an sich selbst bemerkenswert. Man greift sich zuweilen, alle paar Jahre, so ein paar neu erschienene Sachen heraus und schaut sie sich an, meistens ist es alles das selbe. Die Sachen, um die es hier geht, sind untereinander so verschieden wir nur möglich, aber sie haben auf bestürzende Weise etwas gemeinsam, was derartige Bücher vor fünf Jahren, auch vor 2 Jahren noch nicht gemeinsam hatten.

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Nehmen wir mal eine Handvoll Titel aus den letzten Jahren; Sachen, um die es hier, ich wiederhole das, ausdrücklich nicht geht. Daniel F. Vukovich, Illiberal China, Palgrave Macmillan, 2019 etwa, ein Buch, das nebenbei auch Dienst tut als Beispiel, warum man Politikwissenschaftlern nie ein Wort glauben sollte. Vukovich interessiert sich für „Diskurse“, und redet ansonsten viel über die „entpolitisierte“ Art und Weise, wie Politik überall, z.B. auch in China, stattfindet. Es fällt ihm nicht ein, dass es da einen Zusammenhang gibt und dass sein verdinglichtes Geschwätz in einem weniger „entpolitisierten“ Umfeld dem Gespött verfiele.Ihn fasziniert natürlich die ebenfalls von Politikwissenschaftlern erfundne sogenanne chinesische „Neue Linke“, die so etwas lehrt wie eine Mischung von Wagenknecht, Melenchon und Dugin. Das hält er für sehr „politisch“ und für fast etwas bessres als Klassenkampf, und schreibt diesem neuen „Diskurs“ einige Erklärungskraft für die soziale Unruhe im gegenwärtigen China zu. Es ist ja bekanntlich undenkbar, dass das ungelehrte Volk sich zusammenrottet, ohne dass vorher ein Philosoph herausgefunden hat, was sie dabei denken können. Die Zeit für derartige Professorenphilosophie ist aber vor 10 Jahren abgelaufen. Das hat sich noch nicht überall herumgesprochen, aber es ist so.

Wenn es um China geht, verkaufen sich solche Sachen einstweilen noch. China ist bekanntlich unveränderlich, hier gelten andere Gesetze als sonst in der Geschichte. Daran glauben allerhand Leute in Westen fest. Sehr viel schmaler ist deshalb die Literatur z.B. über die immense Streikwelle, die um 2010 angefangen hatte; Ren, Li, Friedman, China on Strike, Haymarket Books, 2016 gehört dazu. Solche Arbeiten sind immens wichtig, aber nie zureichend. Sie sind die einzigen, die nicht aus der Herrschaftsperspektive geschrieben sind, aber genau deswegen sind die Einblicke, die sie erlauben, immer fragmentarisch. Sie werden auch nicht gelesen, und wenn, werden sie nicht verstanden, weil die Klasse, die solche Bücher liest, von Streiks soviel versteht wie von der Arbeitswelt überhaupt.

Oder Huang, Cracking the Chinese Conundrum, Oxford University Press, 2017. Eine nützliche Erinnerung daran, dass damals die Literatur bis neulich hauptsächlich gespalten war zwischen sogenannten Optimisten und Pessimisten, solchen also, die das „chinesische Modell“ für durchhaltbar hielten und solchen, die nicht. Das „chinesische Modell“ heisst übrigens mit bürgerlichem Namen „kapitalistische Produktionsweise“, womit alles über seine Durchhaltbarkeit gesagt ist; und alles darüber, wie verdreht diese Debatte geführt wird.

Huangs Buch ist vom Standpunkt der Optimisten, d.h. es enthält Perlen wie diese: „Der Ansteig der Verschuldung muss deswegen kein so ernstes Problem sein wie viele glauben, vorausgesetzt, das Niveau der Grundstückspreise ist durchhaltbar.“ Ich nehme an, der verehrte Lesepöbel hat die Nachrichten über die Immobilienfirma Evergrande gelesen. Man wird keinen Widerspruch erwarten müssen, wenn man die Schule der sogenannten Optimisten für erledigt hält.

Bei den 2021 erschienenen Büchern ist der Ton auf einmal völlig anders. Es gibt nicht mehr Optimisten und Pessimisten. Das liegt nicht einfach daran, dass die Optimisten dieses Jahr keine Bücher herausgebracht hätten; sondern ihre Position hat sich gegenüber der Realität verschoben. Man gewinnt, wenn man ein paar davon liest, den Eindruck, dass eine Krise angefangen hat von Proportionen, die über 2008 hinausgehen; und bei der in China die Decke mit herunterkommen könnte. Die Frage ist nicht mehr, ob das chinesische System die nächste Krise übersteht; die Frage ist, ob es einfach zusammenbricht oder es vorher auf einen Krieg ankommen lässt.

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Die Ursprünge des chinesischen Kapitalismus liegen natürlich im chinesischen Staatssozialismus. Das ist natürlich völlig unverständlich für alle die, die den Staatssozialismus für ein völlig anderes System als den Kapitalismus halten. Der chinesische Staatssozialismus gilt zu Unrecht als radikaler als der ältere russische; Mao hat seit 1957 eine Politik verfolgt, die „linker“, innerhalb des bolschewistischen Koordinatensystems, als die Chruschtschows gewesen ist. „Links“ bedeutet in diesem Zusammenhang Enteignung der Bauernwirtschaften und beschleunigter Aufbau der Industrie; die Sowjetunion hatte aber unter Stalin dieselbe Politik verfolgt. Diese „linke“ Politik im Staatssozialismus ist nicht das Gegenteil des Kapitalismus. Sie ist die Voraussetzung seiner Entwicklung.

1961 führt der Bruch Chinas mit der Sowjetunion zum Auseinanderbrechen der sogenannten „kommunistischen Weltbewegung“. China betreibt danach eine gegen die Sowjetunion gerichtete eigenständige Weltmachtpolitik. 1969 stehen beide Mächte am Rande eines Atomkriegs. Der „linke“ Kurs Maos, der dahin geführt hatte, macht den Weg frei für die Verständigung Chinas mit den USA 1972, und für die beschleunigte Integration in den kapitalistischen Welthandel. Nicht besonders tiefgehend, aber immerhin beschreibt den Vorgang Jason M. Kelly, Market Maoists, Harvard University Press 2021.

Die Veränderung zwischen der streng diktatorischen Wirtschaft unter Mao und der Förderung des Privateigentums unter seinen Nachfolgern hat ihren Grund und ihre Dynamik in der Veränderung der chinesischen Gesellschaft, die durch den Aufbau der grossen Industrie in Gang gesetzt worden sind. Der neue Staat reagierte auf die Bewegungen der neuen Klasse teils durch Repression, teils durch Entgegenkommen; der Versuch, diese Bewegungen durch gesteuerte Kampagnen zu kanalisieren, führte 1967 beinahe zum Zusammenbruch der Staatsmacht, aber die seit den 1970ern beschleunigte Steigerung der industriellen Produktivität machte es seither möglich, solche Situationen meistens zu vermeiden. Ralf Ruckus, The Communist Road to Capitalism, PM Press 2021, ist nicht entfernt so ausführlich wie sein Vorbild, Bettelheims Studie über die Klassenkämpfe in der Sowjetunion, aber ein guter Überblick.

Die Klassenkämpfe, nicht die staatliche Planung, sind der Motor der Entwicklung. Sie sind es, die dem Staat die Ziele seiner Planung aufzwingen. Nicht nur die Auseinandersetzungen in der Fabrik, dazu die hervorragende Arbeit von Manfred Elfström, Workers and Change in China, Cambridge University Press 2021; sondern die Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung ausserhalb der Fabrik zwingen der Führung ihren Kurs auf; einen in sich widersprüchlichen Kurs, denn sie muss gleichzeitig Ausbeutung und Teilhabe am Wohlstand organisieren, ohne das Monopol ihrer Partei aufzugeben.

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Über die richtige Behandlung der Gegensätze innerhalb der Gesellschaft schreiben Zhongmin/Jun, Essentials of Governance, Brill 2021. Gesellschaftliche Gegensätze erzwingen gesellschaftliche Entwicklung, schreiben sie S. 44 ff. und greifen dazu weit in die neuere Geschichte der kapitalistischen Welt aus. Es ist richtig, führen sie S. 56 ff. aus, dass die bestehende Gesellschaft das Resultat von Klassenkämpfen ist, aber es besteht natürlich keine allgemeine Garantie, dass Klassenkämpfe von ihrer eigenen Natur aus danach streben, glatt in einem Fortschritt der bestehenden Gesellschaftordnung auszugehen. Unsre hiesigen Hegelianer vergessen das anscheinend öfters.

Damit die Klassenkämpfe die bestehende Ordnung nicht einfach über den Haufen werfen, sondern sich zu nichts als Fortschritt zusammenfügen, müssen für die gegensätzlichen Interessen „rationale“ Akteure bestehen; das heisst, sie müssen artikuliert werden von Instanzen, die ein bewusstes Interesse am Fortbestand der bestehenden Ordnung haben, aber dennoch autonom genung, dass sie als die authentischen Vertreter dieser Interessen angesehen werden können. Also zum Beispiel freie Gewerkschaften, aber solche, die es nicht übertreiben; sondern die so „verantwortungsbewusst“ sind wie der DGB. Wir haben hier gewissermassen das Gegenstück zu dem vor uns, was Johannes Agnoli die Transformation der Demokratie nannte. Wie man von der Demokratie aus zu so etwas kommt, wissen wir, aber wie kommt man dazu von der Diktatur aus?

Der Logik der Sache nach ist so etwas nur möglich in einer sogenannten pluralistischen Gesellschaft, oder genauer einem parlamentarischen Mehrparteien-Regime. Man sollte diesen Zustand eigentlich nicht „Demokratie“ nennen, solcher schlampige Sprachgebrauch führt in die Irre. Es handelt sich um freiere Konkurrenz verschiedener Oligarchien. Bis zu einem bestimmten Punkt kapitalistischer Entwicklung ist sie unmöglich, aber ab diesem Punkt wird sie nach geläufiger Weisheit unentbehrlich.

„In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren“, schreiben sie S. 167, „wird China in einen kritischen Zeitraum eintreten. Die gesellschaftlichen Gegensätze werden wahrscheinlich den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichen, wegen verschiedener Faktoren: eine langfristige Schwäche der Ökonomie, das schnelle Wachstum der Ansprüche und der Forderungen der Bevölkerung, und die Entwicklung der Gegensätze selbst. Werden die Gegensätze zu sozialer Unruhe führen, und wird die Entwicklung Chinas zum Stehen kommen? Das ist eine Frage von grosser Bedeutung.“

Im Ergebnis, sagen sie, ist die Wahrscheinlichkeit gering, weil die chinesische Gesellschaft stark genug ist, um einige heilsame Grundsätze einzuhalten, die sie dankenwerterweise S. 189 ff. noch einmal aufschreiben. Leider ist unter dieser anscheinend optimistischen Diagnose eine weitere, weit weniger günstige verborgen, wenn man diese Grundsätze aufmerksam durchliest. Sie sind nämlich in aller Kürze zusammengefasst das Gegenteil von dem, was zu tun die gegenwärtige Regierung sich anscheinend gezwungen sieht.

Z. B. „soziale Gerechtigkeit befördern“, S. 189, worunter verstanden wird namentlich die Anerkennung der Betätigungsfreiheit von Gewerkschaften, Koalitionen und Interessengruppen; Manfred Elfström hat in einem Interview neulich bemerkt, dass in einem System wie dem zaristischen Russland oder dem sozialistischen China zwischen der ökonomischen und der politischen Tätigkeit der Arbeiterbewegung ein Unterschied nicht besteht, jeder Lohnstreik richtet sich direkt gegen die staatliche Ordnung. Im Grunde läuft die Empfehlung von Zhongmin und Jun auf einen Systemwechsel hinaus.

Das wird S. 55 ff. gespenstisch erhellt, indem sie Ghaddhafis Libyen als Gegenbeispiel anbringen. Sie zählen unter den Fehlern, die zu seinem Sturz geführt haben, merkwürdigerweise genau diejenigen auf, die man auch Mao und Präsident Xi nachsagen wird, bis hin zur forcierten Verbreitung der „shoddy ideas“ des geliebten Führers, die in China ja neuerdings Verfassungsrang haben. Man kann es nicht anders lesen: die Aussage ist völlig klar, da sind brennende Buchstaben an der Wand; ah, das ist also aus der optimistischen Schule geworden.

4

Steven Rolf, China’s Uneven and Combined Developement, Palgrave Macmillan 2021, beschreibt die neuere Entwicklung Chinas seit 2000; zunächst, bis 2008, eine stürmische Entwicklung des industriellen Exports, dann, nach der Krise, der Ersatz dieser exportgestützten Konjunktur durch eine investitionsgestützte. Die tragende Rolle spielen in der chinesischen Industriepolitik die staatseigenen Unternehmen; hier sitzen sowohl die produktiven Überkapazitäten, als auch sind sie die hauptsächlichen Hebel, mit denen der Staat nach 2008 die Stützungskredite in die Wirtschaft einbrachte. Die bedeutenden privaten Unternehmen sind aus dem staatlichen Sektor auf die eine oder andere Weise hinausgewachsen, sie öffnen neue Produktionsfelder, sie haben hauptsächlich den Boom und die Ausdehnung der Beschäftigung der 2000er Jahre getragen; aber die Preispolitik ihrer staalichen Zulieferer garantiert, dass die Profite hauptsächlich vom Staatssektor realisiert werden.

Das ist eine ganz gegenteilige Dynamik, als sie im Westen zu beobachten ist, wo die entprechenden Profite und Marktkapitalisierung von den neugegründeten sogenannten Tech-Firmen realisiert wird, wo also eine neue Fraktion des produzierenden Kapitals den alten industriellen Kapitalstock stückweise durchdringt und assimiliert, und neue Konglomerate entstehen, deren herrschende Unternehmen z.B. aus ausgearteten Werbeagenturen hervorgehen. In China verkaufen dagegen die neuen Tech-Oligarchen ihre Start-Ups, sobald sie strategisch werden, zurück an die Staatsunternehmen; vermutlich, nachdem die zuständigen Organe ihnen klargemacht haben, wie sinnvoll das aus Gründen des Strategic Asset Management ist.

Die Krise von 2008 hat, wie alle wissen, China kaum betroffen, diesen Stabilitätsanker des Weltsystems; ausser, dass die Führung, um dieses Ergebnis oder diesen Anschein zu erzeugen, ungeheure Mittel mobilisieren und in die Staatsunternehmen einspeisen musste; so ungeheure Mittel in der Tat, dass das ganze bisherige Akkumulationsmodell unmöglich wurde. „Überschüsse, die durch exportgestütztes Wachstum akkumuliert und vom Staatssektor angeeignet worden waren, haben zusammen mit dessen charakteristischer Kontrolle über den Finanzsektor der chinesischen Regierung ermöglicht, sich von der ungünstigen globalen Witterung lange Zeit abzuschirmen. Nachdem diese Überschüsse abgenommen hatten, hat das staatliche Management auf fiktive Kapitalschöpfung – Verschuldung – zurückgegriffen, um Wachstum und soziale Stabilität aufrechtzuerhalten. … Aber nur eine Rückkehr zur Profitabilität des Kapitals in den Kernsektoren des Exports kann China erlauben, seine hohen Wachstumsraten in Zukunft aufrechtzuerhalten“, Rolf S. 172. Die „chronischen Überkapazitäten“ der staatlichen Industrie haben die eigenen Profitmargen genauso aufgefressen wie die der internationalen Konkurrenz, S. 199. Der forcierte Export von Kapital, das unter dem Namen Belt and Road Initiative versucht wird strategisch anzulegen, hebt die ökonomische Konkurrenz zum Westen auf die Ebene einer geostrategischen Rivalität, S. 242 ff.

„Trotzdem.. halte ich es nicht mit denjenigen Pessimisten, die regelmässig den Untergang der chinesischen Ökonomie vorhersagen… eine Bereinigung der unproduktiven und zunehmend verschuldeten Unternehmen ist wahrscheinlich notwendig, ehe ein erneute Rund der Akkumulation plausibel ist, die Chinas Wachstum zu den früheren hohen Raten zurückbringt“, Rolf 223 f.; aber wenige Seiten später: „Der chinesische Staat ist dennoch aus strukturellen Gründen unfähig, seine Ökonomie voll zu öffnen (und damit definitiv unfähig, dem Verlangen der USA in dem Handelskrieg nachzugeben), weil das wahrscheinlich die Auflösung vieler Staatsunternehmen, ruinöse Kapitalflucht, und in der Folge eine Schwächung, wenn nicht Zerstörung, des Einparteienstaats in seiner bisherigen Form bedeuten würde. Es ist ausserdem unklar, ob solch ein Schritt der Wirtschaft viel helfen würde“, S. 232.

Aber wie soll denn die Bereinigung der unrentablen Kapitalien vor sich gehen? Die Staatshilfen und die Schuldenbelastung machen aus den Staatsunternehmen insgesamt einen zunehmend unrentablen Sektor. Die Staatsunternehmen sind aber die Machtstütze der Partei im Ganzen, ihre einzelnen Konglomerate die der einzelnen Fraktionen, und Gegenstand der oft tödlichen Intrigen innerhalb des Apparats. Welche Instanz soll einzelne Unternehmen auswählen, um sie untergehen zu lassen? Die politische Form, die dieser Vorgang in staatssozialistischen Systemen gewöhnlich annimmt, ist der Putsch und die Säuberung. Und es sind gerade diese Instrumente, mit denen der jetzige Präsident, Xi, seine Macht errungen hat und sie befestigt.

Auch dieses Jahr erschienen sind die Memoiren des hongkong-chinesischen Biznesmen Desmond Shum: Red Roulette, Scribner 2021, für die, die Larmoyanz nicht abschreckt und die es gern anschaulich haben. Stark geschönt, aber man erfährt allerhand über das Leben der chinesischen Oligarchen und Staasfunktionäre, und genug über die erwähnten Intrigen und Säuberungen.

5

Zhou et al., China: Surpassing the Middle Income Trap, Springer Singapore, 2021 fassen, was vorhin mit dem „kritischen Zeitraum“ gemeint war, in einer anderen, neuerdings beliebten Weise: die sogenannte Middle Income Trap beschreibt die Schwierigkeit der sogenannten nachholenden Entwicklung, auf den Stand der alten Industrieländer aufzuschliessen. „Es wird erwartet, dass China 2025 in die Gruppe der Hocheinkommens-Ökonomien eintritt, vorausgesetzt, die Wachstumsrate des BIP pro capita bleibt über 5% während der Periode des 1. Fünfjahresplans. Zusätzlich wird… das BIP Chinas das der USA übersteigen“, Zhou et al. S. 193 f.

Das klingt optimistisch, bis man das Kleingedruckte liest: „Wenn China es nicht schafft, seine Totale Faktorproduktivität gegenüber der USA zu verbessern, oder einen Rückgang hinnehmen muss, wird China in die Middle Income Trap fallen“, S. 138 f. Nun fragen Sie, liebe Leserin, und Sie, lieber Leser, mich bitte nicht, was die Totale Faktorproduktivität ist! Ich werde es sonst versuchen müssen zu erklären, und das würde uns beide nicht glücklich machen.

Die totale Faktoproduktivität ist eine mystische Grösse aus derjenigen Pseudo-Wissenschaft, die man Ökonomie nennt. Das wirtschaftliche Output kommt zustande aus seinen Bestandteilen: Arbeit und Kapital. Das Output wächst aber in der Regel stärker als seine Produktionsfaktoren. Man berechnet das eine, und das andere, und den unerklärlichen Rest zu dem beobachteten Wachstum nennt man totale Faktorproduktivität. Warum es diesen Rest gibt, weiss man nicht; vermutlich, weil die ganze Rechnung völliger Unsinn ist, aber lassen Sie das die Ökonomen nicht hören! Die Gefahr besteht, dass die Ihnen Recht geben, ehe sie Ihnen lange Vorträge halten darüber, was in ihrem Fach noch alles vermutlich völliger Unsinn ist.

Man interpretiert die Grösse verlegenheitshalber manchmal als Effizienz, als technischen Fortschritt oder auch als Energienutzung. Das Ganze ist also hoch wissenschaftlich, sagt aber nicht viel mehr aus, als: unabhängig vom Kapital- und Arbeitseinsatz wächst die chinesische Wirtschaft nicht so stark, wie sie müsste, und zwar seit 2013. Und wenn das so bleibt, kommt China über den Stand eines sogenannten Schwellenlands nicht hinaus. Das klingt weniger tragisch, als es ist, aber es heisst, es wird weder die sozialen Ansprüche der Bevölkerung befriedigen können, noch wird sich ein Phänomen wie der jetzige Grundstückspreis halten können; den Namen Evergrande haben wir schon ausgeprochen. Die Grundstückspreise aber haben die doppelte Rolle, einerseits besichern sie alle Kreditströme; andererseits beruhen sie auf nichts anderem als auf der Naherwartung, dass die Entwicklung in vergleichbarer Geschwindigkeit weitergeht; und sie tut es nicht. Und das heisst: die Kreditströme schrumpfen, die Gütermenge schrumpft, die Preissumme schrumpft, das Investitionsvolumen und zuletzt die sogenannte Faktorenauslastung, etc.; also 2008 in klein, oder in gross, je nach Perspektive.

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Alle Zeiger weisen in dieselbe Richtung. Die neueren Nachrichten über Evergrande usw. waren dabei noch nicht in der Welt, als die meisten dieser Bücher in Druck gingen; man merkt es ihnen kaum an, so voraussehbar waren sie. Das chinesische System ist in der Klemme; seine Industrie ist unrentabel, die Arbeiterschaft aufsässig, und das Kreditsystem, das das alles abgefangen hat, ist am zusammenbrechen. Die Versuche, die Rentabilität durch Kapitalexport zu retten, machen die USA zum Feind; ebenso die Praktiken, mit denen man versucht, die Profite der staatlichen Industrie zu subventionieren.

Man kann nicht auf Dauer eine Wirtschaft in der WTO haben, die Massengüter mit subventionierten Preisen auf die Weltmärkte klopft. Wenn die chinesische Industrie reelle Preise berechnen, fliegen sie aus dem Rennen; oder aber die Arbeitsproduktivität steigt wieder. Dazu müssen entweder die Löhne sinken, was die Arbeiter nicht dulden werden; oder es muss neue Technik her, und zwar aus den USA, die aber keine mehr liefern wollen. Oder man machts wie die anderen Kapitalisten auch, man sattelt die Sünden der ganzen Brüderschaft auf zwei oder drei Konzerne und schickt die in die Pleite, dann ist auch saniert. Aber dazu muss man die dazugehörige Hälfte der Partei auch in die Wüste schicken. Stattdessen erdrosseln die verschiednen Fraktionen der Partei einstweilen gemeinschaftlich den privaten Sektor; aber der ist das einzige, was derzeit profitabel wäre.

Die Washington Post musste sich sehr über die letzte Neuerscheinung wundern, die ich hier bespreche, Roger Garside, China Coup, California University Press 2021. Den Autor kenne man doch als besonnenen und massvollen Mann, langjähriger britischer Diplomat in China schon zu Zeiten, ehe Mao ins Ewige Plenum einging; nicht jemand, der mit ungewöhnlichen Gedanken auffällt. Sein Gedanke ist an sich auch nicht ungewöhnlich, nicht für Leute, die um 1990 nicht unter einem Stein gelebt haben; um so wunderlicher muss er sich heute ausnehmen. Sein Gedanke ist nur falsch, das ist eine ganz andere Sache.

Garside entwirft ein Szenario für einen fundamentalen Wandel, und zwar einen von der Sorte, wie ein bürgerlicher Autor sich vorstellen wird, dass ein Wandel zum besseren aussehen wird. Anlass ist für ihn nicht eine chinesische Krise nach Art von 2008; sondern eine Eskalation der handelspolitischen Konfrontation. Massnahmen der US-Börsenaufsicht; Kriegsgefahr im südchinesischen Meer; alles Dinge, die morgen geschehen könnten und zur Folge hätten, dass China vom US-Kapitalmarkt abgeschnitten wäre oder schlimmstenfalls in einen Krieg hineinschlitterte.

Garside lässt nun das Politbüro der KP Chinas den Geliebten Führer absetzen (er nennt Namen möglicher Putschisten), aber der Coup bleibt dabei nicht stehen, sondern der Nachfolger macht den Jelzin, verkündet also grundlegenden Systemwandel, Ende der Alleinherrschaft der Partei, freie Wahlen, Abbruch der Eskalation gegenüber den USA, und auf den restlichen 150 Seiten begründet Garside, warum das das einzige ist, was der KP übrigbleibt. Er beschreibt dazu die chinesische Wirklichkeit der letzten Jahre, und er beschreibt sie ganz genau so wie alle anderen Bücher das auch tun; das ist das unheimliche daran. Mit einem Male bekommt man das Gefühl, dass eigentlich nur von dem Punkt aus, von Krise und Umsturz aus, das alles auch nur ansatzweise Sinn macht.

Zum Beispiel das Corona-Kapitel. Die meisten dieser neueren Bücher haben eins; und es steht eigentlich überall das gleiche darin. Aber bei den meisten endet die Darstellung des völlig zerrütteten Vertrauens in die Führung gewissermassen blind; Folgerungen verbieten sich die Autoren. „In China gibt es keine Wahrheit und kein Vertrauen“, hört man die Chinesen sagen; aber man sieht sie auch mit einer bisher ungekannten Erbitterung in einen Kleinkrieg mit den Internetzensoren eintreten. Kann man, was Menschen denken und sagen, sinnvoll darstellen ohne das, was sie danach zu tun bereit sind? Jeder denkbare künftige Zustand ist eine Auflösung des gegenwärtigen Zustands, jedes denkbare Szenario der Veränderung ist plausibler als das, was ist. Das ist an sich schon kein gutes Zeichen.

Oder was hat die Verfolgung der Uighuren mit der Stabilität der Grundstückspreise zu tun? An und für sich nichts, im gegenwärtigen Zustand aber alles; der gegenwärtige Zustand verlangt unbedingt beides, und er hängt unbedingt an beidem. China ist in eine Situation hineingeraten, in der diese und andere Dinge in einem Zwangszusammenhang miteinander verknüpft sind. Dieser Zusammenhang, der den gegenwärtigen Zustand ausmacht, ist an und für sich unbegreiflich und unsichtbar. Er kommt erst zu Bewusstsein unter dem Aspekt, dass der Zwang wegfällt.

7

Aber Garside ist sich seiner Sache viel zu sicher. Er vergisst, auf die Alternative einzugehen: dass China sich auf einen Krieg wirklich einlassen, und die kaputte Ökonomie durch die Kriegswirtschaft zu sanieren versuchen könnte. Ich habe genug über den pazifischen Krieg gearbeitet, um mich bei vielen Dingen, die man heute liest, an Japan 1941 erinnert zu fühlen. Alles, was Garside annimmt, hängt daran, dass das Personal der chinesischen Staatspartei ihre privates Interesse höher ansetzt als den Bestand des Systems. Das ist nicht an sich unwahrscheinlich, wird allerdings unwahrscheinlicher, je mehr die internationale Verflechtung des Kapitals zurückgedrängt wird durch die neuerdings in die Handelspolitik wieder eingeführten Methoden; der Krieg wird wahrscheinlicher, je weiter die Methoden der Kriegswirtschaft fortschreiten. „Kritischer Zeitraum“ indeed.

Das liberale Revolutionspanorama, das Garside zeichnet, ist an sich auch nicht unplausibel; die Entscheidung, ob es soweit kommt, wird das Politbüro treffen. Ein Satz, den man gehofft hat, nie wieder zu hören; what could possibly go wrong? Ohne einen Übergang zur parlamentarischen Demokratie „können wir niemals die mächtigen Interessen überwinden, die auf jeder Ebene die ökonomischen Reformen blockieren. Wir müssen die ‚Kommandohöhen‘ der Wirtschaft, die Banken, Energieversorgung und Transportwesen öffnen, damit die dynamischen, profitablen Privatunternehmen mit den korrupten, sklerotischen Staatsunternehmen konkurrieren können“, lässt er einen der Putschisten S. 18 sagen. Garside geht davon aus, dass die inneren Reformbedürfnisse des chinesischen Kapitals an und für sich identisch sind mit demjenigen, was der Welthandel und die USA von China verlangen, das ist keine selbstverständliche Voraussetzung, sondern sozusagen eine neoklassische. Kern der Sache ist die Überkapazität der staatlichen Industrie; ob das chinesische Kapital nicht vielleicht doch versucht sein könnte, den japanischen Weg von 1941 zu gehen, ist durch sein Räsonnement nicht beweisbar. Seine neoklassische Logik hat auf die kurze Frist keine anderen zwingenden Beweisgründe als die amerikanische Nuklearwaffe.

Garside lässt auch die Geschichte aufhören, wie man sie um 1990 auch aufhören hat sehen, und es gibt überhaupt keine Garantie, dass es so bleibt. Wie werden sich die Arbeiter verhalten? Das Ende der Herrschaft der Partei wäre nur der Anfang jahrelanger Klassenkämpfe mit völlig ungewissem Ausgang; wenn nicht die gestürzten Parteiflügel schon von Anfang an versuchen, die Arbeiter der staatlichen Industrie, die sich vor der Privatierung fürchten müssen, gegen die Ansprüche der veränderungswilligen Teile der Arbeiterschaft zu mobilisieren. Bo Xilai und Zhou Yongkan haben vor zehn Jahren vorgemacht, wie so etwas aussieht, es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass es nicht öfter versucht werden wird.

Die Revolution in China kann dann leicht denselben Verlauf nehmen, den die syrische Revolution genommen hat. Vielleicht aber ist es auch das Rückspiel? Und das Rückspiel für 1990. Vielleicht übernehmen ja diesmal die Arbeiter die Fabriken, vielleicht wird ja diesmal „die Staatmaschine zerschlagen“, vielleicht reisst ja diesmal der Gesamtprozess dieser Gesellschaftsordnung in Stücke? Man ist aber nicht Hegelianer, dass man an solche Homöostasis der Geschichte glauben könnte. Sondern es wird alles schlimme passieren, das passieren kann.

„Bis die Krise kommt, dauert es länger, als man denkt; und dann geschieht sie schneller, als man gedacht hätte“, habe ich irgendwo neurdings gelesen, in einem Artikel über den chinesischen Immobilienmarkt. Und es kann gut geschehen, dass es genau andersherum kommt, als Garside es sich denkt; dass China auf die altmodische Methode zurückgreift, nach der man früher in Europa Bilanzen bereinigt hat; es gibt auf der Welt genug andere Regime, die sich gerne als Verbündete andienen und denen nach einem neuen 2008 auch nur noch mit Methoden der Kriegswirtschaft geholfen werden kann. Und gilt das nicht eigentlich auch für den „Westen“?

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Zum Beispiel Anger-Crottendorf

-spf

Es ist seltsam, wenn man erst in einer sog. überregionalen Zeitung wie das „neue deutschland“ über kriegsähnliche Zustände im eigenen Viertel lesen muss. „Kriegsähnlich“, naja. Menschen machen sich Sorgen, dann machen sich andere Menschen darüber auch Sorgen und wiederum andere fangen an sich auch deswegen zu sorgen und sagen: „OMG, wer hat den Nazis schon wieder die Tür aufgemacht?“ Es sieht in etwa so aus:

Rund einhundert Garagen werden abgerissen, im Osten von Leipzig. Die boomende sächsische Großstadt, die nach einer langen Phase rückläufiger Einwohnerzahlen seit einem Jahrzehnt wieder deutlich wächst, will auf dem Gelände ein dringend notwendiges Schulzentrum errichten. Vor allem von älteren, in der DDR sozialisierten Männern hagelt es Einwände und Kritik. Denn für sie ist dieser Ort weit mehr als ein überdachter Abstellplatz für ihre Fahrzeuge. Viele Jahre lang hat ihnen der Garagenhof als Bastelraum und Treffpunkt gedient; hier fanden und trafen sie Freunde, für manche Bewohner der Nachbarschaft war er das Zentrum ihres sozialen Lebens. Dass er jetzt einem Neubauprojekt weichen soll, führt zu enormer Verbitterung – die von interessierter Seite aufgegriffen wird. Die empörten Pächter richten Protestnoten an die Stadt, schreiben E-Mails, suchen politische Unterstützung. Bei der Leipziger AfD stoßen sie damit auf offene Ohren, bei anderen Parteien eher nicht. So tut sich 2018 im Quartier eine »populistische Lücke« auf.

Die Zeit der NPD-gesteuerten „Elterinitiativen gegen Flüchtlingsunterkünfte in der Nachbarschaft“ in Leipzig scheint zwar vorbei zu sein, aber die Masche bleibt dieselbe. Witzig, dass solche Sachen, die vor nicht so langer Zeit noch hier und da in Ostdeutschland pogromähnliche Formen annahmen, im Bericht nicht auf „einen Mangel an Partizipationsmöglichkeiten im lokalen Nahraum“ gereimt werden.

Ja, die alte gute „Garagenkultur“. Kenn ich auch noch „von früher“, diese Wohnungsverlängerung und Ersatz für Hobbykeller, Wohnzimmer und Abstellraum gleichzeitig, der sich selbst dann gelohnt hat, wenn man kein Auto oder Motorrad hatte. Ein Raum der unbegrenzten Männlichkeit. Es waren bzw. sind ja nicht die Frauen, die da rumhängen, wenn gerade kein Stadion- oder Kneipenbesuch ansteht. Nun sieht es so aus, als müsste der potthässliche Biotop (von denen es noch viele in der Stadt noch zerstreut sind, wenn man denn überhaupt hinschaut) hinter der alten Feuerwache in Crottendorf, einem vergleichsweise jünger und autoärmer werdenden Stadtteil, einem Schulgebäude weichen. Weiterlesen

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China und die Krise

Es kann natürlich sein, dass wir die Zeichen unsrer Zeit völlig missdeuten; aber folgende Entwicklungen scheinen uns auffällig:

1. Die USA orientieren sich ernsthaft auf Konfrontation gegenüber China. Man muss sich nicht wundern, dass das nicht vor vier Jahren gesagt worden ist, über den vorherigen Präsidenten. Präsident Biden hat ohne zu zögern Afghanistan geopfert und das mühsam aufgebaute System, das er der USA erlaubte, den sogenannten Krieg gegen Terror weiterzuführen, ohne eine Niederlage eingestehen zu müssen. Direkt danach der strategische Handel mit Australien: Atom-U-Boote, die ein französisches Angebot aus dem Rennen schlagen, und eine neue Allianz im pazifischen Raum; dazu weitgehende Annäherung an Indien. Erklärtermassen ist diese Politik gegen China gerichtet.

2. China wird von den europäischen Kapitalisten hauptsächlich als ein grosser Markt gesehen; wie früher die USA, d.h. als Chance für zweitrangige Ökonomien wie die deutsche, an der Stellung einer erstrangigen zu parasitieren. Der jahrzehntelange Aufstieg der chinesischen Kapitalismus schien ihnen immer Recht zu geben.

Nun ist aber in der Zwischenzeit mehrerlei eingetreten. Ausgerechnet 2011 kam es in China zu riesenhaften Streiks, die arabischen Aufstände hätten mehrmals da hineingepasst; das ist der harte Grund dafür, dass die chinesische Führung seither beschlossen hat, die Wirtschaft inskünftige mehr auf „Binnenkonsum“ und „Massenkaufkraft“ auszurichten.

Das Problem ist dabei nicht nur, dass das mit schnellem und hohem Wachstum auf die Dauer nicht vereinbar ist; das Problem ist noch viel mehr, dass es zu sinkender Produktivität führt. „According to data from the Conference Board, total factor productivity declined 1.3 percent every year on average between 2008 and 2019, meaning China is spending more to produce less each year.“

Die chinesische Wirtschaft produziert wie jede kapitalistische Wirtschaft einen eigenen Krisenzyklus; und je entwickelter sie ist, desto prononcierter dieser Zyklus. Je grösser der produzierende Kapitalstock, desto grösser einerseits die Wirkung der chinesischen Krisen auf den Krisenzyklus der Weltökonomie; desto tiefer aber auch die zyklischen Rezessionen, in denen er sich ausdrückt.

Ziemlich alleine in Europa behaupten wir ja z.B., 2015 auf 2016 habe es eine globale Rezession gegeben, die von den Ökonomen meistens unbemerkt geblieben sei, weil sie einen untypischen Verlauf hatte; und diese sei als erste globale Krise von China ausgegangen. Wir sind damals so weit gegangen, für 2022 die nächste zyklische chinesische Krise mit viel grösserer Dimension anzukündigen. Ich bitte in diesem Zusammenhang, die Nachrichten um die Immobilienfirma Evergrand genau zu verfolgen.

3. Eine derartige Krise, von den Ausmassen der Krise von 2008, hätte eine ganze Reihe wahrscheinlicher Folgen. China hat seit 10 Jahren bedeutend mehr importiert als früher; das kann sich schnell ändern. Der chinesische Martk verliert dann seine strategische Relevanz. Den europäischen Mächten wird dann nichts anderes übrigbleiben, als sich der Konfrontation auf der Seite der USA anzuschliessen.

Diejenigen Kapitalien, die auf den chinesischen Markt ausgerichtet sind, werden von der Krise mit ergriffen werden; und es ist kaum zu überreissen, welche das sein werden, aber es wird jedenfalls auch hier wieder die Auto-Industrie mit dabei sein. Die deutsche Prosperität kann jäh abreissen, und der industrielle Kapitalstock ist up for grabs.

In dem Kontext einer weltpolitischen Konfontation wird es wahrscheinlicher, dass auf die Krise wichtiger Industriezweige auch mit den entsprechenden Mitteln reagiert wird: staatliche Zwangsbewirtschaftung, Marktordnung, kriegswirtschaftliche Beschlagnahme. Es wird viele geben, denen auf einmal einfallen wird, darin einen „sozialistischen “ Inhalt zu entdecken. Man sollte sich, ehe der rough ride losgeht, gut einprägen, was man dazu wissen muss, nämlich: das ist ein sogenannter Scheissdreck.

4. Man sollte sich den Hinweis mit den Atom-U-Booten genau gesagt sein lassen. Die militärische Seite der Eskalation wird im südchinesischen Meer ausgetragen werden, und zwar um die Insel Taiwan. Die Ereignisse um Hong Kong haben gezeigt, dass die chinesische Führung nicht mehr willens oder in der Lage gewesen ist, eine Wiedereingliederung abgetrennter Landesteile auf dem Wege friedlicher Übereinkunft zu erreichen. Grenzkonflikte mit Indien werden als strategische Nebenschauplätze dienen; aber noch mehr das Bündnis zwischen China und Pakistan, das ohnehin schon sehr eng ist.

Zu einem gewissen Teil ist die neue Bündniskonstellation vorgeprägt durch die Allianzen der Obama-Ära, d.h. durch das Bündnissystem Putins. Aber es ist überhaupt nicht klar, wie energisch die USA versuchen werden, Putin oder einige seiner Verbündeten zu einem Seitenwechsel zu bewegen. Einige sind ohnehin schon gewandert, z.B. Israel durch die letzte Wahl und damit ein Teil der sunnitischen Staaten. Saudi-Arabien wird diesesmal nicht als erste Macht einen Botschafter zu den Taliban entsenden.

In einigen mehr oder minder wichtigen Staaten scheinen politische Veränderungen anzustehen, z.B. Polen und Ungarn. In anderen, z.B. der Türkei, sind sie blockiert gerade durch die aussenpolitische Zwangslage, die einstweilen wie eine Garantie für den Machterhalt feindlich verkeilter Regime wirkt. Aber es genügen verhältnismässig geringe Erschütterungen, um das ganze labile System der jetzigen Mächte umzuwälzen. Und es sieht nicht so aus, als ob der Eintritt Chinas als Garantiemacht der Regime an Russlands Stelle die Sache bedeutend stabilisieren wird.

Die Grundlage sind gelegt für Erschütterungen, die viel weittragender sein werden als die von 2011.

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„Gewisse Professionalisierungstendenzen“

Von den Erscheinungen dieses Sommers hat mich am meisten die 10. Ausgabe des Feingeistmagazins „Trieb“ vom Dresdener Bischofsweg gefreut. Ich wartete darauf immerhin seit 2014, seit der dünnen 9. Ausgabe. Ernsthaft. Über den Späti, dessen Besitzer seine und seiner Kundschaft literarische Produktion abdruckt und wiederum seiner Kundschaft neben Getränken und Knabberzeugs anbietet, bin ich zufällig 2009 bei den sog. „libertären Tagen“ gestolpert. Ich dachte, ich erwähne das besser als meine „ganz persönliche 9/11-Geschichte“ auszupacken.

Während das letzte Heft (bekannt als „trieb 9“) noch eine Danksagung an das Open-Source-Programm Scribus enthält, wird die neue angeblich vom Dresdner Amt für Kultur und Denkmalschutz gefördert. Auch Peter (von Herrschaftsanbetern, die sich für seine Anbeter halten, manchmal auch Petrus genannt) Hacks seinerzeit wollte die vornehmliche Bestimmung des Künstlers darin sehen, dass dieser seine Brötchen im Polieren der Herrschaftsstiefel verdiene. Der Versuchung ist schwer zu entkommen, ich weiß es.

Überhaupt lassen sich am aktuellen Heft gewisse Professionalisierungstendenzen feststellen. „Trieb“ ist dick und teuer geworden, auch schön. Das Fotoshooting mit der hübschen Asiatin soll vermutlich von der Schäbigkeit der Dresdner Neustadt ablenken oder diese sogar betonen – wer weiß das schon. Ist ja Kunst. Außer „unverständlichen Mitteilungen“ in Prosa- und Gedichtform gibt es eine ausführliche ethnologische Studie zu BesucherInnen des Spätshops. Man leidet zwar an der Ausführlichkeit, kann aber das Heft nicht aus der Hand (eigentlich ist es ein Buch) legen. Es folgen erbauliche Schrottpresse und Dokumentation einer Auseinandersetzung mit dem Ordnungsamt, dem Naturfeind eines/r jeden Stätshop- und KneipenbesitzerIn.

Die KünstlerInnen sind bekanntlich wie kleine Hunde, die als erste am Popo des Weltgeistes erschnüffeln, woher der Wind weht. Und diesem Drang, diesem Trieb können sie sich gewissermaßen nicht widersetzen. So haben das zumindest die führenden Literaturwissenschaftler der Antike Kloppstock und Lukacs formuliert, dieser Satz ist seitdem als das Kloppkacs‘sche Axiom bekannt geworden. Der Wahrheitsgehalt des Axioms sowie der Kunst selbst ist seitdem umstritten. Dennoch sind wir immer aus unverständlichen Gründen bereit, ihnen aufs Neue unser Gehör und Glauben zu schenken.

„Trieb“ ist wie immer auf seine durchtriebene Weise chick. Warum nicht öfter so? Weil das Leben „unregelmäßig“ ist? Ja, klar…

Zu bestellen unter… könnt Ihr gar nicht bestellen!

https://triebmagazin.de/

-spf

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Die afghanischen Ereignisse

1. Vor 20 Jahren, von einem Tag auf den anderen, waren die Zeitungen auf einmal voll von ganz frischen Afghanistan-Experten. Da las man dann erstaunt, wie viele unsrer Journalisten eigentlich genau Bescheid wussten über die britischen und die russischen Eroberungen in Asien im 19. Jahrhundert. Das sogenannte „Great Game“, man wird sich erinnern, habe vor allem Afghanistan zum Gegenstand gehabt. Worin es bestand, hat man meistens nicht dazugeschrieben.

Afghanistan war von Britisch-Indien aus gesehen das letzte indische Fürstentum, von Russisch-Turkestan aus das letzte zentralasiatische. Aber beide Mächte haben, nachdem sie sich ein Bild von der Lage gemacht hatten, versucht, Afghanistan nicht erobern zu müssen; und waren zufrieden, sobald man sich miteinander verständigt hatte, dass der andere es auch nicht erobert.

Afghanistan war früher so gut wie nur irgendein anderer Teil der alten Welt ein ziemlich begehrtes Land, in der Geschichte der Grossreiche genauso oft erobert, und genausooft Ausgangspunkt eines Grossreichs wie jeder andre Teil der alten Welt; es ging eine sehr profitable Überland-Handelsroute da durch, und es gab Agrikultur, von der man Abgaben eintreiben konnte. Man soll weniger drüber sinnieren, ob „schon Alexander der Grosse vergeblich versucht hat, Afghanistan zu erobern“; seine Nachfolger haben da jedenfalls noch lange geherrscht, wie der griechisch-buddhistische König Menander.

Die moderne Seefahrt hat aber später die Überlandroute überflüssig gemacht, und die moderne Industrie profitiert nicht nur auf Kosten der Bauern, sondern auch ihrer königlichen oder gutsherrlichen Schinder. Die moderne kapitalistische Wirtschaft hat die Reichtümer des Schah von Kabul ausser Kurs gesetzt. Afghanistan sieht so aus, wie es aussieht, weil es zum Erobern so teuer ist wie ein richtiges Land, aber es ist nichts da zu holen. Die wenigen, die es aus Versehen einmal versucht haben, haben es schnell wieder bleiben lassen. Das ist die Pointe an dem „Great Game“, die unsren Journalisten anscheinend entgangen ist.

Afghanistan ist nicht ein Land, das alle immer erobern wollten, aber nie erobert bekommen haben, etwa wegen der mannhaften Wehrhaftigkeit der paschtunischen Krieger, oder des engen Zusammenhalts einer traditionellen Stammesgesellschaft, oder wegen „dem Islam“; Afganistan ist nicht das „graveyard of Empires“. Das sind müde alte Cliches, totgeritten von hunderten Zeitungsschreibern. Afghanistan ist das, was alle modernen Mächte von Asien übriggelassen haben, weil sie es nicht brauchen konnten.

2. Afghanistan ist aber heute doch nicht mehr dasselbe Land wie das, das man vor 20 Jahren den Taliban abgenommen hat. Es ist nicht mehr mit den überlieferten Herrschafttechniken eines Agrarlands zu regieren. Ein Viertel der Bevölkerung lebt in den Städten; in 20 Jahren werden es mehr als die Hälfte sein. Die Hälfte der Bevölkerung ist nach 2001 geboren; Mobiltelefone, Internet, Fernsehen werden sich nicht ohne weiteres austreiben lassen. Man darf es den Taliban ruhig glauben, dass sie diese Veränderung begreifen. Sie werden vermeiden müssen, sich die neuen städtischen Klassen schon am Anfang zu Feinden zu machen.

Die Taliban haben in den letzten 10 Jahren in der Tat einige Veränderungen unternommen; sie sind keine rein auf den paschtunischen Süden begrenzte Organisation mehr, sondern haben uzbekische und tajikische Gesichter gefunden. Sie haben ausserdem begonnen, sich mit den alten äusseren Feinden gutzustellen, Russland einschliesslich seiner Satellitenstaaten, und China. Was ihre eignen alten Verbündeten, die uzbekischen, kaukasischen, uyghurischen Jihadisten davon halten, mag man sich denken.

Es ist aber auch eine Spaltung bereits eingetreten: Man hört von Konflikten zwischen dem pashtunischen, dem nördlichen und dem wazirischen Teil, gerade von den neuen tajikischen und usbekischen Anführern haben sich einige dem sog. Islamischen Staat angeschlossen. Das wird kein leicht zu lösendes Problem sein. Die Taliban haben jetzt selbst einen bewaffneten jihadistischen Aufstand am Hals, der vor allem versucht, ihnen die effektive Beherrschung des Lands und die Anerkennung durch die auswärtigen Mächte zu verweigern; das ist die Ursache der paradoxen Situation, dass die Taliban jetzt auf bestimmte Weise zum Vertragspartner des Auslands geworden sind.

Sie sind in gewisser Weise in der Klemme; deswegen verhandeln sie mit Leuten wie Karzai, oder mit Abdullah, der vielleicht in der Lage wäre, ein Mandat für die Bildung einer verfassungsmässigen Übergangsregierung aus dem Ärmel zu zaubern. Es müsste einen gar nicht wundern, wenn sie sich darauf einliessen. Der Zugriff auf das Guthaben der afghanischen Zentralbank hängt daran, und wer weiss vielleicht eines Tages Lieferungen für Ersatzteile für die amerikanischen Waffen, die ihnen in die Hände gefallen sind.

3. Es kann auch völlig anders ausgehen, und die Taliban können sich entschliessen, es wieder zu machen wie früher. Aber sie werden dann mit der afghanischen Gesellschaft noch grausamer umspringen müssen als damals. Man soll nicht glauben, die afghanische Gesellschaft wäre nicht in der Lage, einer Regierung entschiedne Opposition zu machen.

Es ist hierzulande vielleicht nicht so bekannt, aber es gab 2009 und seither immer wieder eine massenhafte Protestbewegung gegen die gefälschte Wiederwahl Karzais, und später gegen den ebenso gefälschten Sieg des jüngst davongerannten Ghani; es gab sogar eine Solidaritätsbewegung mit den ähnlichen iranischen Protesten von 2018. Die afghanische Öffentlicheit ist sensibel und mobilisierungsfähig.

Das ist vermutlich ihr Unglück, denn darum war sie unfähig, sich mit einem Regime wie dem jetzt untergegangnen auf Dauer zu arrangieren. Die afghanischen Regierungen der letzten 20 Jahre haben sich dadurch hervorgetan, jede noch so kleine Entscheidung in Kabul zu zentralisieren; sie sind zentralistischer als die britische Bürokratie, was eine Kunst ist; und die Zentrale wurde natürlich von Leuten regiert, die ein gutes Geschäft aus der Regierung zu machen verstanden. Schon deswegen durften Wahlen kaum ungefälscht bleiben.

Weil diese Sorte von Leuten also von den auswärtigen Mächten mehr abhängig war als von der Bevölkerung, genau deswegen geschah das, was geschah: sobald klar wurde, dass die Amerikaner abziehen, machte jeder Kommandeur heimlich seine Sachen mit den Taliban klar; weil jeder genau wusste, dass jeder andre es auch tat; und was an diesem Staat als einziges eine Substanz hatte, der militärische Apparat, zerbröselte innerhalb von zehn Tagen.

Und zwar ehe noch die Amerikaner abgezogen waren; und das überraschte angeblich die Beobachter dermassen. Aber genau das ist doch der Punkt: wenn so ein regionaler Kommandeur seinen Deal mit den Taliban macht, dann macht er ihn so früh wie möglich, wenn man noch etwas dafür bekommt. Die Dynamik ist dieselbe wie bei einer Börsenpanik.

Und das hätte mit dieser afghanischen Regierung nicht anders abgehen können. Wenn der politische Konflikt anders ausgegangen wäre, vielleicht; wenn die Gesellschaft ihre Präsenz auf der Strasse so fühlbar hätte machen können wie im Irak oder im Libanon, wer weiss? Aber von dieser Gesellschaft war die Regierung gerade völlig isoliert, gerade durch die grosszügige ausländische Unterstützung.

Der Westen, hört man, ist bei dem Versuch gescheitert, die Demokratie zu exportieren. Er hat in der Tat nicht die Demokratie nach Afghanistan exportiert, sondern bloss die parlamentarische Form der Klassenherrschaft. Nur in denjenigen Gesellschaften, in denen sich eine durchschnittliche Profitrate bildet, kann man sich einbilden, das sei dasselbe.

Die Demokratie dagegen bildet sich in den anderen Gesellschaften in der erbitterten Opposition zum Staat. Und sie bleibt in dieser Opposition. Sie macht sich gelegenlich fühlbar, sie greift gelegentlich nach der Macht, oder schickt sich an, den Staat zu zertrümmern; aber sie kann nie selbst der Staat werden. Im Irak hat man 2010-2020 eine ganze Reihe Lektionen darüber bekommen können. Die irakische Demokratie ist übrigens alles, was den mittleren Osten seither gerettet hat davor, in den neunten Kreis der Hölle gezogen zu werden. Ist nicht Afghanistan eigentlich in einer ähnlichen Lage wie der Irak 2014? Man wird es sehen.

4. Oder wäre die afghanische Armee nicht kollabiert, wenn man z.B. eine begrenzte Präsenz von ein paar tausend Leuten im Land gelassen hätte, z.B. Bagram Air Base weiter betrieben hätte? Vielleicht. Aber das war ja der Punkt: es ging bei dem Abzug nicht darum, 3.500 statt 180.000 Soldaten im Land zu lassen, sondern genau 0 statt 3.500.

Das ganze afghanische Engagement machte die USA anfällig für Druck. Jede beliebige Regionalmacht, Russland, China, Pakistan, Iran konnten je nach Laune in Afghanistan Schwierigkeiten machen, den Überflug, die Versorgung behindern etc., und mit jedem dieser Mächte hat man aber auf anderen Feldern allerhand anderes zu klären. Die amerikanische Präsenz in Afghanistan garantierte, dass in keiner anderen Frage irgendetwas rasches geschah, während die USA beschäftigt waren, dem Iran die Taliban, China die uyghurische Islamisten, Russland die kaukasischen vom Hals zu halten.

Noch verrückter: sie waren völlig abhängig von Pakistan, das nach Kräften alles tat, um ihre Feinde zu unterstützen; und das blockierte auch noch die Wiederannäherung an Indien, das nach Bündnis mit den USA gegen China streben musste. Dieses Bündnis. von Obama als „pivot to East Asia“ angekündigt, besteht jetzt. Es hat sich mit einem Schlag der Umriss einer neuen Konstellation der Bündnisse und der neuen Konflikte enthüllt, von der Trumps ungeschickter Handelskrieg nur das erste dumpfe Grollen gewesen ist.

Aber hört man nicht, dass Joe Biden durch die anscheinende Inkompetenz des Abzugs, oder durch die eiskalte Art, wie er die afghanischen Verbündeten fallen lässt, Vertrauen in der Welt verloren hat? Sind das nicht Bilder wie beim Fall von Saigon? Ich fürchte, solche Einwendungen kommen aus dem Zeitalter vor Trump. Ein Prinzip des Trumpismus, und das wird Trump lange überdauern, ist dieses: The cruelty is the point.

Er hatte versprochen, abzuziehen, egal was es kostet. Und er ist abgezogen, egal was es gekostet hat. Joe Biden führt der Welt eine amerikanische Regierung vor, die entschieden und völlig ohne Bedenken handelt, und die nicht zögert, zu rechnen, was ihr mehr kostet als es nützt; die sich nicht darum schert, was die Welt denkt; und die keine Schande kennt und das gerne zeigt. Das hat Trump gelehrt.

Man kann sich die falschen Tränen über den Untergang des Westens sparen. Der Westen ist stattdessen auf Angriffsposition gegangen. Die Umkehrung der Allianzen, die wir seit 10 Jahren sehen, ist jetzt vollständig, die internationale Ordnung ist neu konfiguriert: der Eskalation steht nichts mehr im Wege.

Man verwechselt, was den Westen betrifft, vielleicht manchmal seine Sache mit der derjenigen Revolution, die wir seit 2009 überall ihre Schritte tun sehen, ehe sie mit aller Gewalt zurückgeschlagen wird. Das, und den sentimentalen Appell an das Welt-Gewissen, kann man sich vielleicht in Zukunft auch sparen. Solange die Taliban nicht ein neues Kambodscha veranstalten, wird man sie überall als billigeren Ersatz zur letzten Regierung willkommen heissen.

Aber vorbei ist die Geschichte in Afghanistan und überall sonst noch lange nicht. Die Taliban haben Afghanistan noch nicht gewonnen. Sie haben nur den Kampf gegen die Regierung Ghanis gewonnen, die bewiesen hatte, dass sie Afghanistan nicht regieren konnte. Und sie haben jetzt schon bewiesen, dass auch sie es nicht können werden.

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#ohnechef

So hallo,

wir empfehlen folgenden kleinen Text:

Alle wissen doch, dass es ohne den Chef alles besser ginge. Alle wissen doch, dass die Arbeit im Betrieb gemacht wird von denen, die eben die Arbeit machen. Alle kennen doch die einzige Tätigkeit des Chefs, nämlich im Weg stehen; sinnlose und undurchführbare Anweisungen geben; alle wissen, dass sie immer um diese Anweisungen drumherumarbeiten. Und dass sie deswegen alle jederzeit belobigt oder gekündigt werden können.

Alle wissen das, aber womit kommen wir ihnen an? Wir kommen ihnen an mit „weisst du eigentlich, dass du auch Anspruch auf bezahlten Urlaub hast“ oder solchen ähnlichen dämlich schlauen Sachen. Klar wissen die das. Sie wissen auch, warum sie sie nicht bekommen. Aber niemand, niemand streckt seinen Kopf raus und markiert sich als den Unruhestifter für ein Stück Arbeitsrecht oder 3,40 Euro; aber für die Frage, wer das Sagen hat im Laden, setzen sie sich 500m von dem Laden entfernt in die Öffentlichkeit und lassen sich bei einer Arbeiterverschwörung zusehen.

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Buchbesprechung: Castoriadis

Cornelius Castoriadis:

Political and Social Writings, Tr. and ed. David Ames Curtis
– Volume 1, 1946-1955: From the Critique of Bureaucracy to the Positive Content of Socialism, University of Minnesota Press, Minneapolis 1988
– Volume 2, 1955-1960: From the Workers‘ Struggle Against Bureaucracy to Revo­ lution in the Age of Modern Capitalism, University of Minnesota Press, Minneapolis 1988
– Volume 3, 1961-1979: Recommencing the Revolution: From Socialism to the Autonomous Society, University of Minnesota Press, Minneapolis 1993

darin:
– On the Content of Socialism, I, in: Bd. I, S. 290 ff.
– On the Content of Socialism, II, in: Bd. II, S. 90 ff.
– On the Content of Socialism, III: The Workers‘ Struggle against the Organization of the Capitalist Enterprise, in: Bd. II, S. 155 ff.
– What Really Matters, Bd. II, S. 223 ff.
– Modern Capitalism and Revolution, Bd. II, S. 226 ff.

The Imaginary Institution of Society, Tr. Kathleen Blarney, Polity Press, 1987, Reprint 2005

1
Die Schriften des Cornelius Castoridiadis, von denen wir hier einige besprechen, gehören zu einer merkwürdigen verleugneten Tradition, die auf untergründige Weise ungeheuer wirksam gewesen ist. Castoriadis (ab jetzt C.) und sein Kreis, längere Zeit um die Zeitschrift „Socialisme ou Barbarie“, haben in den 1950ern Dinge formuliert, die auf die eine Weise oder die andre seit 1968 überall anzutreffen sind; sei es auch in entstellter Weise, in unkenntlicher, von ihrer lebendigen Begründung losgetrennten Form.

Seine Schriften werden heute hauptsächlich in Kreisen gelesen, wo man sich der alten, untergegangenen Linie des Rätekommunismus verpflichtet fühlt, aber eher in einer unbestimmten Weise; sie werden anscheinend auch dort nicht voll verstanden, denn es stehen dort noch Gedanken darin, deren Folgen merkbar wären, wenn sie aufgenommen würden. Man hält dort auch nicht zu nah an dem Rätekommunismus; es gibt dort, gibt man uns zu verstehen, doch einiges, was veraltet sei. Und auch über die Arbeit von C. wird nur in Andeutungen gesprochen. Weitaus bekannter sind seine Schüler, Debord und die Situationisten; und auch diese und ihre Bewunderer verwenden die Einsichten C.’s in entstellter und nur andeutender Weise.

Oder aber C. wird, in eher akademischen Kreisen, geheimnisvoll als eine Art besserer Ersatz für Foucault, Deleuze und die ganze Schule der postmodernen Philosophie gehandelt; und mindestens seine „Imaginäre Einrichtung der Gesellschaft“ ist auch ganz in dem obskuren Stil der Lacan-Schule gehalten. Aber als ein Modephilosoph wie diese hat er sich ja nun nicht durchsetzen können trotz dieses Stils; warum das so sein könnte, auch darüber hört man nur Andeutungen.

Aber wie kann es denn sein, dass, wie C. selbst schreibt, ganze Schulen von Philosophen davon leben, „schamlos zu plündern, was wir wenigen 30 Jahre lang ausgearbeitet haben“, Bd. III, 276? „Sie stehlen hastig von dieser Arbeit ein paar Stücke, und verdrehen ihre Bedeutung“; und ich weiss ja, was er meint, aber wie in der Welt kann so etwas zugehen?

Es ist zunächst einmal nur eine Frage der philosophischen Polemik, wenn C. über Foucault spottet, der 1968 auf einmal die Unterdrückten und den Widerstand gegen die Macht entdeckt, aber zu verstehen gibt, dass die Unterdrückten, sobald ihr Widerstand gefestigte Strategie und Organisation annimmt, selbst zu einem Teil der Macht werden. Es mag für Philosophen amüsant sein, Foucault nachzuweisen, dass er die „Macht“ zu einem „geheimnisvollen Subjekt“ und in der Geschichte wirkenden Rationalität gemacht hat, ebd. S. 274 f., und dass er entgegen aller seiner Beteuerungen also eigentlich einen erneuerten Hegelianismus betreibt.

Aber die Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben ja wirklich statt der Befreiung die totale Herrschaft von Organisationen hervorgebracht, die man, d.h. die Kommunisten, d.h. Leute wie C., als er jung war, einmal für die Organisationen der Befreiungsbewegung gehalten haben; und es hilft recht wenig, Foucault nachzuweisen, dass seine Antwort auf dieses Problem trügerisch falsch ist, wenn sich nicht eine bessere findet. Aber hat C. eine bessere? Wenn man sich unter seinen heutigen Freunden umsieht, sollte man das nicht meinen. Von dort hört und sieht man nichts. Und wenn das alles wäre, was zu sagen ist, könnte man es dabei belassen, aber es ist nicht alles.

2
C. hatte 1944 als junger Mann in Griechenland zur kommunistischen Partei gehört, aber sich dann den Trotzkisten zugewandt. Die KP versuchte wie in den nördlichen Nachbarstaaten die Macht zu ergreifen, und ohne das Eingreifen der Briten in den griechischen Bürgerkrieg hätte sie das vermutlich geschafft. C. floh nach Frankreich und arbeitete in der dortigen Sektion der 4. Internationalen und gründete dort mit Lefort eine eigene kleine Tendenz, wie man das unter Trotzkisten so macht. Seine theoretischen Arbeiten beginnen mit einer guten Frage, die seine Tendenz stellte.

Wenn nämlich, wie Trotzki sagt, die Sowjetunion ein deformierter Arbeiterstaat ist; also das Staatseigentum an den Produktionsmittel keineswegs die Grundlage der Despotie, sondern das authentische Erbe einer Arbeiterrevolution ist, welche Arbeiterrevolution dann nur durch die regierende Schicht deformiert worden ist; wie kann dann dieselbe deformierte Partei in den osteuropäischen Staaten und in China selbst das Staatseigentum durchführen? Wie kann der Stalinismus revolutionär sein? Wie kann ein System, das der Sowjetunion ähnelt, eingerichtet werden ohne den Durchgang durch eine wirkliche Arbeiterrevolution, ohne eine Phase von wirklichem lebendigem Sozialismus, der dann erst durch äussere Zufälle deformiert wird? Der ganze Hauptpunkt des Trotzkismus muss falsch sein.

Wer so verständige Fragen stellt, kann natürlich nicht lange bei den Trotzkisten bleiben, und C. und Lefort machten sich denn selbständig und sammelten um sich eine Reihe anderer abgefallner Trotzkisten, oder Reste von Bordigas Strömung, und was sonst noch von der älteren Ultra-Linken des Marxismus übrig geblieben war; und begannen damit, die Fragen gründlicher zu stellen. Sehr bald stiessen sie auf die Arbeiten der rätekommunistischen Strömung, auf Pannekoek und auf die Hinterlassenschaft der niederländischen Gruppe Internationaler Kommunisten. Pannekoek war sehr alt, er hatte um 1900 noch Rosa Luxemburg gekannt, und der GIK ging es nicht anders als allen anderen Organisationen aus den 1930ern: wenn sie den Krieg überstanden hatten, verschwanden sie in der Nachkriegszeit.

C. und sein Kreis fanden eine schnell auseinanderfallende Tradition vor, die sie neu zusammenzusetzen versuchten. Und sie sind, soweit ich weiss, auch nahezu die einzigen gewesen, die dieses Erbe damals überhaupt angetreten haben. Sie stehen auf diese Weise einerseits am Endpunkt der älteren Ultra-Linken; und auf eine andere am Beginn der ganzen neueren Ultra-Linken, wie sie sich nach 1968 gebildet hat.

Aber die historische Linie, die durch „Socialisme ou Barbarie“ und die Schriften von C. verläuft, ist anscheinend nicht einfach eine Linie, die zwei Bündel von Sekten in zwei Jahrhunderthälften miteinander verbindet. Sondern da ist mehr, das nicht in zwei Sätzen beschrieben ist.

3
Der ganze erste Band seiner Schriften ist von bloss historischem Interesse; überall findet sich hier, dass in den alten trotzkistischen Begriffen und Symbolen die Frage verhandelt wird: wie kann es geschehen, dass aus der Arbeiterbewegung selbst eine Ordnung von Ausbeutung und Herrschaft hervorgeht? Diese Frage ist die klassisch trotzkistische und daher unkenntliche Form der Frage, wie denn die Emanzipation der Arbeiterklasse wirklich vor sich gehen müsste. Und in dieser unkenntlichen Form wird sie in „Socialisme ou Barbarie“ auch behandelt etwa bis zu dem definierenden Ereignis dieser Zeit, der ungarischen Revolution von 1956. Selbst der erste Teil des „Inhalts des Sozialismus“ ist noch beherrscht von den alten müden Debatten.

Es ist erstaunlich, wie die Geschichtsschreibung unsrer Ultra-Linken bis heute auf das Ende der 1960er fixiert ist; für C. und Leute wie ihn, auch für die Situationisten, sind die prägenderen Jahre eher die Ende der 1950er gewesen. Gemessen an dem, was sich anzubahnen schien, muss der Mai 1968, der so viele bis heute beeindruckt, weit hinter seinen Erwartungen zurückgeblieben sein. Er zieht sich eine Weile danach aus der politischen Arbeit zurück und geht in die Philosophie und in die Psychoanalyse; offenbar erwartet er nicht mehr, dass dicht danach etwas grösseres passiert. Der bedeutendste Schluss, den er aus dem Mai 1968 zieht, ist, dass die Arbeiterklasse weitgehend passiv geblieben sei; und was diese Passivität zu bedeuten habe, Bd. III S. 140. Weiterlesen

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Buchbesprechung: Andrej Platonov, „Frühe Schriften zur Proletarisierung. 1919-1927“, Wien–Berlin, 2019

[aus dem Heft #15]

– von ndejra

Ich gebe zu, von dieser Seite, als Publizisten bzw. Journalisten, kannte ich ihn bisher nicht. Seit Langem schätze ich seine Romane, seine eigentümliche, unverwechselbare Sprache, seit vielen Jahren ist er mir ein „verborgener Mensch“ (so hieß sein Roman aus dem Jahre 1927), zu dem ich immer wieder zurückkehrte. Kaum jemand hatte die kolossale Anstrengung der gesellschaftlichen Kräfte während der russischen Revolution, des Bürgerkrieges und der anschließenden Modernisierung des Landes, den Lebenskampf seiner Leute so eindringlich und ehrlich geschildert. Genauso ehrlich beschrieb er wie diese Leute auf dem Weg in den Sozialismus von den ungeheuren Mächten zermalmt werden, die sie selbst geweckt hatten. Eben dafür ist Platonov seinerzeit als einer Hoffnungsträger der jungen proletarischen Literatur in Ungnade gefallen und wurde von Väterchen Stalin persönlich als „Abschaum“ tituliert. Die Wahrheit war er als einer der wenigen Proletarier in der Schriftstellerzunft der Revolution schuldig, das war sein Kunstverständnis. Die vorliegende Aufsatzsammlung liefert einen weiteren Beweis dafür, dass selbst seine finstersten Werke wie „Tschewengur“ oder „Die Baugrube“ nicht als antikommunistischen Dystopien konzipiert wurden. Ganz im Gegenteil: er war ein Kommunist, ein Utopist, ein Facharbeiter, jemand, der an der vorderster (Arbeits-)Front den Bauern während der Dürre die modernste Bewässerungstechnik erklärte und von der Erschließung der Naturkräfte und der Ausweitung des Sozialismus über das ganze Universum träumte. Stattdessen erlebte er den Einsatz der chemischen Waffen gegen ausgeraubte Bauern durch die rote Armee beim Tambower Aufstand mit. „Eine proletarische Zeitung muss alles drucken, was von Proletariern verfasst wird, denn jeder Proletarier ist ein potenzieller Kommunist. Seine Gedanken im Geist des Marxismus zu frisieren, den kaum jemand richtig versteht, das bedeutet, das Proletariat zu beleidigen und ihm unerhörte Dinge vorzuwerfen, nämlich Sympathien gegenüber dem Kapitalismus… Wir fordern die Freiheit des Ausdrucks für das Proletariat…Die beste Redaktion einer Zeitung ist die Werkhalle. Das Proletariat ist grundsätzlich ein Kommunist, und in kleinen Hinterzimmern seine Gedanken zu filtern, ist eine Widerlichkeit. Wir drohen!“ – schrieb er 1920. Wohl im selben Geist legt er sich mit provinziellen Parteifunktionären an und wird 1921 aus der Partei ausgeschlossen. Und so schrieb er offensichtlich seine Zeitungsartikel, über alles, was ihn gerade als Revolutionär beschäftigte. Aus diesem Buch erfahren wir nicht, welchen Einfluss die spätere Nähe zur „Lukács-Lifschitz-Strömung“ in Moskau auf ihn hatte, aber es stellt die wildesten Widersprüche nebeneinander, die Platonovs Denken in weniger als zehn Jahren durchgemacht hat. Nicht der Revolutionssentimentalität wegen ist dieses Buch interessant – die Revolution wird sich in dieser Form nicht mehr wiederholen –, sondern seines utopisch-praktischen Denkens im Kapitel „Die Umwelt des Proletariats“. Kaum etwas davon ist zwar heute noch brauchbar, einige Ideen ließen sich jedoch sehr schön an die Nase der heutigen menschenfeindlichen Klimaschutzbewegung binden. Er reicht nicht, etwas zu ändern, damit das Schlamassel noch eine Weile so weitergehen kann, es muss alles ganz anders werden: die Versöhnung mit der Natur setzt eine grundlegende Änderung des menschlichen Stoffwechsels mit ihr, sprich der Art und Weise, in der gearbeitet wird. „Der tragische Konflikt des Menschen, der mit Maschine und Herz und mit der Dialektik der Natur gewappnet ist, muss in unserem Land auf dem Weg des Sozialismus gelöst werden. Aber man muss verstehen, dass dies eine sehr ernste Aufgabe darstellt. Das alte Leben auf der ‚Oberfläche‘ der Natur konnte sich mit allem Nötigen aus den Ablagerungen der Naturgewalten versorgen. Wir aber dringen ins Innerste der Welt vor und sie drängt uns mit gleicher Kraft zurück“. Das schließt allerdings ein, dass die Natur dem Menschen feindlich gegenübersteht, die menschenwürdigen Bedingungen müssen ihr durch Arbeit und aktives Eingreifen in die Umwelt abgerungen werden. Die Vernünftigkeit der Klimaverbesserung mittels Reliefsveränderung durch „Sprengung plus Einsatz mechanischer Verfahren“, die Platonov Ende der der 20er Jahre vorschwebte, schlug etwa 40 Jahre später z.B. in den Irrsinn des Projekts „Tajga“ um, mit dem die Sowjetunion sibirische Flüsse mit atomaren Sprengsätzen nach Zentralasien umleiten wollte. Von dieser Unvernunft hätte der sowjetische Meliorator nicht einmal träumen können. Wir dagegen träumen nur Albträume. Vielleicht bringt uns ausgerechnet Andrej Platonov auf andere Gedanken. „Die Arbeit ähnelt dem Schlaf. Bislang schlief die Menschheit den Schlaf und konnte so überleben. Die Bourgeoisie ist der erste Seufzer der erwachenden, sich befreienden Menschheit. Der Kommunismus wird ihr endgültiges und vollständiges Erwachen sein. Die Elektrifizierung der Welt ist ein Schritt zu unserem Erwachen aus dem Schlaf der Arbeit. Sie ist der Anfang der Befreiung von der Arbeit, der Übergabe der Produktion an die Maschine, der Anfang einer neuen, völlig unvorhersehenen Lebensform.“ So was zum Beispiel. (Der ganze modische Poststrukturalismus im Nachwort – ja, ist vom Turia+Kant Verlag – braucht niemand zu interessieren).

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Aus Heft 17: Buchbesprechung Communization

Wir stellen die aber hier nicht noch mal hoch, steht schon hier.

Buchbesprechung: Communization

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Über Selbsttätigkeit

Aus Heft 17

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Wenn man über die heutige Gesellschaft etwas sagen kann, dann das, dass sie zum Entsetzen disfunktional ist. Das ist vielleicht nicht ganz neu, aber die Lage, in der wir uns sehen, ist in der Tat halbwegs neu; und es zeigt sich, dass die Gesellschaft von sich aus nach wie vor völlig ausserstande ist, ihre eigenen gemeinschaftlichen Angelegenheiten vernünftig zu regeln. Sogar noch mehr: sie ist noch nicht einmal in der Lage, einen klaren Gedanken über ihren eigenen Zustand zu fassen.

Die Gründe dafür sind nicht so oberflächlicher Art, wie man es oft hört. „Das Internet“ ist für die Mehrheit der Bevölkerung zwar tatsächlich neu, aber es schafft nicht die Konfusion, es beschleunigt sie nur; „Verschwörungstheorien“ sind nicht die Ursache der verbreiteten Desorientierung, sondern ihre Folgen. Auf der anderen Seite kann die letzte Ursache des Übels mühelos in der Verfassung der Gesellschaft selbst gefunden werden; in der Isolation und der unvermeidlichen Hilflosigkeit ihrer einzelnen Glieder; aber damit ist man von einer Handhabe immer noch weit entfernt.

Die Krise der jetzigen Gesellschaft spitzt diese Isolation und Hilflosigkeit weiter zu; es steht niemandem frei, sie einfach abzulegen. Aber jeder Ausweg ist unmöglich, wenn es nicht gelingt, sie wenigstens teilweise zurückzudrängen und Raum zu erobern, in denen Austausch und Koordination möglich ist. Solcher Raum kann als Ansatzpunkt für eine breitere Gegenoffensive dienen.

Nehmen wir als Beispiel einmal die neueste und unbegreiflichste Form dieser Krise, die neuere Corona-Epidemie. Ich glaube, nicht zu übertreiben, wenn ich die Reaktion der Gesellschaft wie folgt zusammenfasse. Als sich im März 2020 das Ausmass der Epidemie abzuzeichnen begann, hatte ein Teil der Gesellschaft schon spontan den sozialen Kontakt eingeschränkt, eine vernünftige Reaktion, und begann öffentliche Massnahmen zu fordern. Das scheinen mir meistens die Frauen gewesen zu sein. Erst langsam kam der Staat dem nach, und immer noch zögernd, und die Gastronomie wurde erst eine Woche nach den Schulen geschlossen.

Niemand hatte natürlich Vorsorge getroffen für eine solche Lage, die sozialen Dienste haben fast völlig versagt, und die Unzufriedenheit damit ist berechtigt. Öffentlich am lautesten geäussert wurde allerdings eine ganz andere Unzufriedenheit, nämlich die an gesellschaftlicher Seuchenbekämpfung überhaupt. Urplötzlich tauchten die allerirrsten Geschichten auf, es ist überhaupt nicht nötig, sie zu wiederholen, ein wimmelnder sich widersprechender Wust von obskuren Theorien, mit denen man sich jede Veränderung, sei sie noch so gering, vom Hals zu halten versuchte. Das verband sich schnell mit den grösseren Verschwörungstheorien, die den ideologischen Boden der neueren revolutionären Rechten bilden.

Die Reichweite aller dieser Geschichten sollte man nicht unterschätzen. Und es ist ja nicht so, dass ihr Vordringen von einer in sich zusammenhängenden Gegenansicht begrenzt wäre. Sondern was diese Gegenansicht im Inneren zusammenhält, ist der Rest von Vertrauen in die bestehenden Institutionen; ein Vertrauen, dass diese Institutionen aber nicht verdienen, und das sie nicht auf lange Dauer werden halten können. Wer wird dann einspringen?

Nehmen wir doch auch dafür die neuere Epidemie als Beispiel! Kann man über den Staat sagen, dass seine Massnahmen konsequent, sinnvoll, hilfreich gewesen sind? In Bayern muss man zum Einkaufen FFP2-Masken tragen, aber keineswegs auf der Arbeit. Weil? Oder: Nachdem die Staatsgazette „Bild“ ihre wüste Schlacht gegen Drosten gewonnen hatte, war der öffentliche Konsens der, dass Kinder in der Schule das Virus praktisch nicht ausbreiten. Also musste man, wie in Britannien, die Schulen offenhalten. In Britannien bildete sich dann eine Variante des Virus aus, die diesen Verbreitungsweg nutzen konnte: völlig absehbar breitet sie sich also schneller aus. Wie reagiert man? Man stellte die Flüge aus Britannien ein, aber man hielt zäh die Schulen offen.

Wer soll da das Gefühl haben, ihm würde die Wahrheit gesagt? Aber noch schlimmer: die Regierung hat die eigene Krisen-Kommunikation sabotiert. Sie hat aus Unfähigkeit die Verbreitung begünstigt und die Epidemie verschlimmert. Wird das öffentlich diskutiert? Opposition in dieser Gesellschaft besteht aus Leuten, die den sächsischen Ministerpräsidenten über dessen Gartenzaun anschreien, dass niemand, in Worten niemand an dieser Krankheit gestorben sei; und innerhalb der linken Szene aus Leuten, die dergleichen Opposition nicht den Rechten überlassen wollen. Haben sie Vorschläge, die sie nicht als komplette Trottel dastehen lassen? Ich habe keinen gehört.

Ich ziehe den Schluss: die heute bestehenden Kanäle der gesellschaftlichen Kommunikation sind katastrophal unfähig, sie bevorzugen Wahnsinn und Dummheit, und sie bringen die Belange des grösseren Bevölkerungsteils zum Schweigen. Es müssen ganz andere Arten von Dinge gesagt werden; das heisst, es muss über ganz andere Kanäle der Kommunikation nachgedacht werden.

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Bedrückend muss das Gefühl gewesen zu sein, sowohl der Epidemie als auch der Verwaltung völlig ausgeliefert zu sein. Aber war man das notwendig? Die Gesellschaft hat eine grössere Fähigkeit zu gegenseitiger Selbsthilfe, als man ihr das gemeinhin zutraut. Sollte man sich wundern? Viele derjenigen Dinge, die die Verwaltung unterlässt, bleiben ohnehin auf den Schultern der Gesellschaft liegen, aber natürlich zunächst auf denjenigen ihrer Strukturen, die nicht ohne weiteres damit umgehen können, der Familien z.B.

In den frühen Tagen des Lockdown war z.B. an vielen Orten die Rede davon, gegenseitige Selbsthilfe in den einzelnen Wohnvierteln zu organisieren, Besorgungen für Leute in Quarantäne, Kinderbetreuung usw. Sehr oft wurde daraus nichts, weil einerseits niemand die Dinge kannte, die man in medizinischer Hinsicht zu beachten hätte, und andererseits niemand die Leute kannte, neben denen man wohnte. Es ist natürlich schwer, in einer solchen Situation die Grundlagen für Nachbarschaftsorganisation erst zu legen. Im Rückblick wäre es vielleicht die beste Chance gewesen, aber das war erst zu begreifen, als sie vorbei war.

Kirchengemeinden, sogar Fussballvereine begannen, solche Dienste anzubieten; schliesslich tat auch die Verwaltung so, als gedenke sie, sich zu kümmern. Diesen Anschein hielten alle aufrecht bis zu dem Moment, wo es darauf angekommen wäre, Ende 2020. Dann verdampfte das unter der Überlastung aller Strukturen; und was man den Sommer über bequem hätte aufbauen können, war jetzt völlig unmöglich ins Werk zu setzen.

Was die Gesellschaft aber so handlungsunfähig und so abhängig von der Obrigkeit macht, ist als erstes gerade das Fehlen von Kanälen der Kommunikation. Damit ist noch nicht einmal die technische Ebene gemeint. Es wäre einfacher, mit Wildfremden sich zu vereinbaren, wenn wenigstens eine Übung darin bestünde; eine Ebene bekannt wäre, auf der man überhaupt redet. Die Einzelnen sind radikal unkommunikativ, weil sie es niemals anders gelernt haben. Ohne Kommunkation aber keine Organisation.

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Aber umgekehrt auch ohne Organisation keine Kommunikation. Man kann nicht einfach eines Mittwoch nachmittags bei den Nachbarn aufkreuzen und vorschlagen, sich doch aus keinem Grund zusammenzutun, ohne berechtigten Verdacht zu erwecken. Ohne ein wirkliches unabweisbares Bedürfnis treten Menschen nicht in Aktion, auch nicht in Verbindung.

Die Genossenschaften der alten Arbeiterbewegung hat viel beigetragen, die Klasse politisch zusammenzuhalten, solange es währte; es waren aber nicht die Reichtagsreden der sozialistischen Abgeordneten, oder das kommunistische Manifest, was sie stiftete, sondern das handfeste Bedürfnis. Welches sind heute solche Bedürfnisse, wo der Verbrauch der arbeitenden Klasse zum Gegenstand der Preiskämpfe der Discounter geworden ist?

Auch die anderen gesellschaftlichen Bedürfnisse selbst der abgehängtesten Schichten liegen ja nicht so offensichtlich zu Tage. Überall beansprucht irgend ein Teil der kommunalen Bürokratie, für sie zuständig zu sein. Für alles gibt es irgendwo eine Stelle, irgendwo Gruppen von Ehrenamtlichen. Aber der ganze Apparat funktioniert so, dass die Bedürftigen in Passivität bleiben.

Alle Beteiligten wissen, welche immensen Aufgaben liegen bleiben, aber das sind gerade diejenigen, für die immense Mittel aufgebracht werden müssten. Nehmen wir den neuesten unfreiwilligen Qualitätssprung in unserem Bildungswesen, Remote Learning. Es gibt Kinder, die anscheinend komplett vom Radar verschwinden, weil ihre Eltern die Rechner oder den Internetanschluss nicht haben, den man dazu braucht. Was würde eine Genossenschaftsbewegung tun? Man könnte Zentren in den Stadtteilen einrichten, in denen solche Rechner stehen; böse Zungen würden sagen, etwas funktionsgleiches habe es früher gegeben und man habe es Schulen genannt. Man könnte hausweise freie Bandbreite poolen; man könnte sich in Support Bubbles, wie es in England heisst, zusammenschliessen und Rechnerkapazität teilen. Alle diese Lösungen haben ihre verschiednen Schwierigkeiten und verschiednen Vorzüge, ich führe sie hier beispielhalber an.

Die verschiednen lohnarbeitenden Schichten wohnen oft deutlich voneinander getrennt, das erschwert gegenseitige Hilfe innerhalb der Klasse; bestimmte Lösungen kommen unter Epidemiebedingungen nicht in Frage aus den gleichen Gründen, warum auch der Präsenzunterricht eingestellt ist. Bestimmte Lösungen sind pandemiefest, aber haben andere Nachteile. Ein einheitliches dauerhaftes Selbsthilfenetzwerk müsste sich einstellen, sehr flexibel zu arbeiten. Es müsste vor allem aber schon vorher am Platz sein, jedenfalls in Ansätzen, und die Ansätze müssten von vorneherein erweiterbar geplant sein.

Welche der unabweisbaren wirklichen Bedürfnisse sind heute die geeignetsten, um solch einem Netzwerk stabile Verbreitung und Etablierung zu erlauben? Das lässt sich vermutlich nicht allgemein angeben. Es müsste ermittelt werden, aber das Elend ist, dazu bedarf es wiederum der Kommunikation.

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Auch die Ermittlung der Bedürfnisse funktioniert nicht so, dass man mit einem Klemmbrett in der Hand eines Mittwoch nachmittags bei den Nachbarn aufkreuzt. Sie werden sie einem nicht sagen, und zwar nicht nur, weil sie einem nicht trauen oder nie gesehen haben, sondern weil sie diese Bedürfnisse gar nicht kennen. Und zwar dieses aus dem einfachen Grund, weil niemand jemals danach gefragt hat. Die knapp zahlreichste Gruppe der Bevölkerung besteht aus Leuten, deren Arbeit für alle Gesellschaft völlig zentral ist und deren Bedürfnisse seit Jahrtausenden als irrelevant gelten, sogar als öffentliches Gespött dienen, nämlich den Frauen. Diese unterdrückten Bedürfnisse müssen erst aus ihrer mühsamen Verdrängung entwickelt werden.

Ohne das ist an keine Veränderung dieser Gesellschaft auch nur zu denken. Die Krankheit dieser Gesellschaft, ihre Unfähigkeit, über ihre wichtigsten Angelegenheiten einen klaren Begriff zu bekommen: das entspricht vollkommen der Art, wie mit diesen Bedürfnissen umgegangen wird. Hier liegt das erste Hindernis der Veränderung, aber auch ein mächtiger Hebel.

Wie aber lassen sich solche Bedürfnisse entwickeln? Man geht nicht einfach hin und bildet sich ein, man weiss, was gut für die Leute ist und was sie wollen müssen. Sondern sie müssen sich in freier Selbsttätigkeit entfalten und eine Sprache selbst finden. Es handelt sich auch nicht einfach darum, dass Einschränkungen bestehen, die einfach aufgehoben werden könnten; sondern es kann niemandem unmittelbar klar sein, was er oder sie wirklich will, weil niemals die Möglichkeit bestand, darüber in Ruhe nachzudenken. Und in Ruhe, das heisst auch gar nicht alleine, sondern in Gesellschaft und Austausch. Genau dieser fehlt.

Was da tun? Wir besitzen ja doch einen konkreten Begriff von freier, selbsttätiger und schöpferischer Rede. Man nennt es die Kunst. Und die gesellschaftliche Literatur, der „angewandte Roman“ (Friedrich Schlegel) ist das Theater. Die moderne Kunst, namentlich die sogenannte avantgardistische, erhebt schon lange den Anspruch, gesellschaftsverändernd zu wirken; unterdrückte Bedürfnisse zu entwickeln; die Mittel des Ausdrucks zu befreien; einen Angriff gegen die bestehende Ordnung zu führen.

Glauben wir das? Ich habe neulich Zweifel daran geäussert: gerade der durch nichts gedeckte Anspruch, eine Avantgarde zu sein, eine abgetrennte und selbstherrliche Gruppe, die niemandem Rechenschaft schuldet, ist es, der das Vorhaben unmöglich macht. Die Hinterlassenschaft von 200 Jahren Avantgarde-Kunst müsste, um zu etwas noch nütze zu sein, radikal von dieser Perspektive aus neu untersucht werden: welche Gestalt nimmt sie an, wenn sie nicht mehr die Ansprüche einer kleinen Gruppe von Intellektuellen, sondern die Ansprüche der unterdrückten Mehrheit entwickeln sollte? Wie sähe eine massenhaft demokratische und radikale Kunst aus?

Das interessante ist, wir haben bereits Erfahrungen. Theater z.B. funktioniert ganz hervorragend und besser ohne das Hohepriestertum des Autors oder des Regisseurs, ohne den Geniekultus des spezialisierten Schauspielers. Dieser ganze Kram kann ohne weiteres auf den Müll. Die moderne Kunst hat schon jetzt besseres, einschneidenderes, machtvolleres gefunden; sie kann es sich nur nicht eingestehen, ohne ihr spezialisiertes Dasein aufzugeben. Diejenigen, die ein Stück entwickeln, unterscheiden sich von denen, die es ansehen, nur auf eine Weise unvermeidlich: dass sie länger sich damit beschäftigen. Jeder Gegenstand von einigem Interesse, aus dem man ein Drama machen kann, bietet unendlich Gelegenheit zu Überlegung, Erörterung und Urteil; und zwar befreit von einem unmittelbar drängenden Zweck, aber trotzdem angeleitet von dem Gegenstand. Je relevanter aber der Gegenstand, desto mehr schlägt solche kollektive Kunst in gesellschaftliche Debatte selbst um. Gerade wegen ihrer Realitätsferne kann die Form Kunst gegen eine Gesellschaftsordnung gekehrt werden, die selbst realitätsfern ist.

Es gibt natürlich einige theoretische Schulen für derartiges Theater, ausgedacht von Fachpersonal; einige interessanter, andere weniger. Aber man muss sich mit diesen nicht länger aufhalten, als man will; jedesmal, wo spezialisiertes Wissen zur Voraussetzung für solche Tätigkeit wird, hört diese Tätigkeit auf, frei und allgemein zugänglich zu sein. Kritische Intellektuelle haben nicht die Aufgabe der dauernden Anleitung; Prozesse, die mehr als einen nachhaltigen Anstoss benötigen und ohne dauernde Anleitung nicht ablaufen, sind künstlich und taugen nicht zur Selbstbefreiung.

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Jeder Versuch, dauerhaft die Isolation zwischen den Gesellschaftsgliedern aufzuheben, wird sich auf mehr als einer Ebene bewegen müssen und sich mehrerer Mittel bedienen müssen. Umgekehrt kann keines dieser Mittel ohne Einbusse seiner Wirkung alleine betrieben werden. Sie unterstützen sich in ihrer Wirkung, aber sie behindern sich gegenseitig, wenn sie nicht gleichmässig entfaltet werden. Die Entfaltung der verdrängten Bedürfnisse hat den Status eines Versprechens, mehr nicht; sie bedarf zu ihrer Wirksamkeit der Einlösung, der praktischen Unterstützung für die bereits bewussten Bedürfnisse. Die praktische Selbsthilfe aber bedarf dieses Versprechens, bedarf des Auswegs aus der Passivität; der Bereitschaft, nach dem bisher unmöglichen zu streben.

Solche sich gegenseitig bedingenden Tätigkeiten gehören also eigentlich schon räumlich zusammen. Die Frage nach dem Raum und seiner organisatorischen Struktur zieht die Frage nach sich, wie man die nötigen Ausgaben bestreitet; eine der letzten Rückzugsorte für Spezialistentätigkeit wird auf absehbare Zeit die Wissenschaft von den Fördermitteln bleiben. Es ist keine Schande, Förderungsmittel zu beziehen; besser wäre es, wenn es dessen nicht bedürfte. Fördermittel tendieren dazu, Abhängigkeit zu schaffen; aber man muss bedenken, dass auch jeder konkurrierende Akteur, die Vereine und die Kirchen, Förderungen beziehen. Die frühe französische Arbeiterbewegung hatte bei aller Staatsfeindschaft keine Scham, für ihre Bourses de Travail, Arbeiterbörsen, sich von den Gemeinden Häuser geben zu lassen. Sie hatte allerdings auch die Grösse, die Gemeinden dazu zu bringen.

Je unabweisbarer das gesellschaftliche Bedürfnis, in dessen Namen man auftritt, desto legitimer tritt man auch auf; desto eher ist man in der Lage, Räume und Möglichkeiten zu bekommen. Es ist vielleicht keine schlechte Idee, sich Gegenden mit gemischter Sozialstruktur zu suchen. Die bestehenden Sozial- und Kulturangebote in gemeindlicher, kirchlicher oder freier Trägerschaft sollte man gut kennen; sie konstituieren im Guten wie Bösen die unmittelbaren Bedingungen der Tätigkeit.

Man sollte sich an keine der einzelnen unterdrückten Gruppen exklusiv binden, wenn das die Gefahr mit sich bringt, dass man sich den Zugang zu anderen Gruppen dadurch versperrt. Genau die Dynamik der Zwietracht sollte man im Gegenteil unterlaufen. Und man sollte niemals der Versuchung unterliegen, sich einzubilden, man hätte fertige, belastbare und überlegene Ideen, die man anderen nur nahe genug legen muss. Auch die eigenen Beschränkungen, bei unserer Leserschaft die des studentischen Milieus, müssen abgelegt werden. Auch wir wissen in Wahrheit erschreckend wenig.

Heisst das, die längst bekannte Stadtteilarbeit neu zu erfinden? Wahrscheinlich gar nicht unbedingt. Aber es liegt auch dort viel an Fähigkeiten brach, und es bleibt zu vieles ungetan; und das Bewusstsein fehlt heute in weiten Kreisen, was praktische Kritik (denn um solche handelt es sich) bedeutet, und wieviel davon abhängt. Es geht nicht um ein Haus mit einer roten Fahne, wo man seine Parties feiert. Es geht nicht um einen Raum, wo man seine Vorträge hält. Keine Sekte, keine Szene hat hier etwas zu suchen, keine Organisation, die nach Bestätigung ihrer eigenen Grundanschauungen suchen muss. Sondern es geht hier darum, die alte Gesellschaft aufzulösen, indem man eine andere beginnt. Die Eroberung der Mittel des Ausdrucks, die Revolution des alltäglichen Lebens; alle diese schönen Wörter, mit denen unsere Sekte gewohnt war zu hantieren, haben eigentlich keine Bedeutung, wenn nicht so.

Kollektivarbeit

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Gute Frage XV

Bärbock, ah, aus South Park, oder?

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Sackgasse der Subversion

Vorbemerkungen zu einer Selbstkritik des „Surrealismus im Dienste der Revolution“

Es ist gelegentlich die Rede von den Situationisten und ihrem Beitrag dazu, das revolutionäre Erbe der Avantgardekunst zu retten. Aber es wird fast nie darüber nachgedacht, worin dieses Erbe denn bestehen soll, noch nicht mal, ob die Avantgardekunst denn ausreichend tot ist, um sie beerben zu wollen. Am Ende könnte es sein, dass die Ideen über die Avantgardekunst genauso unüberlegt sind wie die über die Revolution. Man soll sie ja einander aber nicht einfach äusserlich gegenüber stellen. In was für einem Verhältnis stehen sie zueinander?

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Fragen wir erst einmal André Breton, den Gründer des Surrealismus. „Meine Sympathie ist in der Tat viel zu vollständig bei denen, die die soziale Revolution machen werden, als dass diese Schwierigkeiten sie auch nur zeitweilig beeinträchtigen könnte“ (Andre Breton, Zweites Manifest des Surrealismus). Das schrieb er interessanterweise, als der versuchte, der kommunistischen Partei beizutreten, und dabei auf Schwierigkeiten stiess. Diese Schwierigkeiten hatten ihre Ursache noch nicht in den Differenzen über den Stalinismus, die später zu seinem Austritt führten; sondern in völlig verschiednen Ansichten über das Verhältnis der künstlerischen Avantgarde zur Revolution.

„Ich glaube nicht an die momentane Möglichkeit einer Kunst oder Literatur, die die Ansprüche der arbeitenden Klasse ausdrückt. Wenn ich mich weigere, an eine solche Möglichkeit zu glauben, dann deshalb, weil in der Zeit vor der Revolution die Künstler oder Schriftsteller, die notwendigerweise von der Bürgerklasse hervorgebracht werden, unfähig sind, diese Ansprüche zu übersetzen,“ ibd.

Die kommunistische Partei hatte solche Bedenken nicht; sie verlangte von den Künstlern sogenannten sozialistischen Realismus, und behandelte den als legitimen Ausdruck proletarischer Kunst. Man muss vielleicht heute nicht mehr lange darüber argumentieren; die Künstler, auch die sozialistisch-realistischen, die die kommunistische Partei Frankreichs um sich sammelte, sind in der Tat schon definitionsgemäss keine Arbeiter, sondern kommen aus den privilegierten Klassen. Sonst hätten sie nicht die Zeit, Künstler zu sein; so geisttötend einfältig diese Wahrheit auch ist. Der Realismus ist eine Tendenz innerhalb der bürgerlichen Kunst; und zwar eine, die ohne Schwierigkeit mit einer politischen Tendenz beladen werden kann, weil sie annspruchslose und leicht fassliche Arbeiten ermöglicht; die also zu der Rolle passt, die die kommunistische Partei sich für die Arbeiter gedacht hatte, als passive Konsumenten der Dinge, die die Parteiintellektuellen für sie dachten.

Sie ist natürlich keine Kunst, die die arbeitende Klasse selbst hervorbringt; und sie ist auch kein Schritt auf dem Weg zu einer solchen Kunst, sie betrügt die arbeitende Klasse nur ein weiteres Mal um die ersten Voraussetzungen einer solchen Kunst. Breton hatte andere Absichten: er wollte, beteuert er, der arbeitenden Klassen die Mittel der künstlerischen Avantgarde in die Hand geben. Aber hat er Wort gehalten?

„Ich kann nichts erkennen, was irgendein Wort vom Lautreamont entwerten würde im Hinblick auf das, was den Geist betrifft. Im Vergleich, jeder Versuch, gesellschaftliche Erscheinungen anders als mit Marx zu erklären, ist gerade so irrig, wie jede Anstrengung, eine sogenannte „proletarische“ Kunst und Literatur aufzustellen in einem Zeitalter, wo niemand rechtmässig eine Verwandtschaft zur proletarischen Kultur beanspruchen kann, aus dem hervorragenden Grund, dass diese Kultur noch nicht existiert,“ ibd.

Niemand, richtig. Aber warum denn die Avantgarde der modernen Kunst? Woraus kann denn diese ihren eigenen revolutionären Anspruch begründen? Breton sagt: daraus, dass sie selbst an der Befreiung arbeitet, an der Auflösung der alten Welt, an der Verwirklichung unerhörter Ansprüche; an der Anerkennung der verdrängten, unterirdischen Seite der wirklichen Menschen; an der Niederreissung aller derjenigen Trennungen, auf denen die Herrschaft des Menschen über den Menschen beruht.

„Von unsrer Position aus behaupten wir, dass die Tätigkeit der Interpretation der Welt immer mit der der Veränderung der Welt verbunden sein muss. Wir behaupten, dass es die Aufgabe des Dichters, des Künstlers ist, das menschliche Problem in der Tiefe und in allen seinen Formen zu untersuchen; dass es gerade das unbeschränkte Fortschreiten seines Geistes in diese Richtung ist, die die Möglichkeit der Veränderung bietet… Nicht durch stereotype Erklärungen gegen Faschismus und Krieg werden wir die uralten Ketten des menschlichen Geists brechen, und die neuen Ketten, die ihm drohen; sondern durch die Betätigung unserer Treue zu denjenigen Mächten, die den menschlichen Geist befreien. … „Die Welt verändern“, sagt Marx; „das Leben ändern“, sagt Rimbaud. Diese zwei Worte sind eins für uns.“ (Rede auf dem Schriftstellerkongress 1935)

Also vorerst auf einem rein philosophischen Titel; wer aber garantiert, dass die Tendenz der Befreiung, wie sie die Avantgardekunst versteht, zusammenfällt mit den Ansprüchen der wirklichen Unterdrückten? Niemand, sagt eigentlich Breton, ausser die wirkliche Teilnahme an ihrem Kampf; nichts als die wirkliche Arbeit an der Veränderung. Die Kunst kann ein Mittel zu dieser Veränderung sein, eine Waffe in der Hand der Unterdrückten, statt ein Kulturgut in den Händen der privilegierten. Ja, vielleicht ist das so, aber ist der Surrealismus ein Schritt dahin?

Fragen wir unter seinen Nachfolgern die, die am klarsten auf der Seite der Revolution geblieben sind. „In der Epoche ihrer Auflösung ist die Kunst als negative Bewegung… eine Kunst der Veränderung und zugleich der reine Ausdruck der unmöglichen Veränderung. Je grandioser ihre Forderung ist, um so mehr liegt ihre wahre Verwirklichung jenseits ihrer. Diese Kunst ist gezwungenermaßen Avantgarde und diese Kunst existiert nicht. Ihre Avantgarde ist ihr Verschwinden.“ (Debord, Gesellschaft des Spektakels, These 190). Dass die Kunst als ein eigener, von der Praxis der Gesellschaft getrennter Bereich erscheint, liegt darin, dass die Praxis der Gesellschaft selbst nicht freie schöpferische Tätigkeit ist, sondern unter Zwang geschieht. Alright, das verstehen wir.

„Der Dadaismus und der Surrealismus sind die beiden Strömungen, die das Ende der modernen Kunst kennzeichneten. Sie sind, wenn auch nur auf eine relativ bewußte Weise, Zeitgenossen des letzten großen Sturmangriffs der revolutionären proletarischen Bewegung; und das Scheitern dieser Bewegung, das sie gerade im künstlerischen Feldb… eingeschlossen hielt, ist der Hauptgrund für ihre Immobilisierung. Der Dadaismus und der Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im Gegensatz zueinander. In diesem Gegensatz, der für jede der beiden Strömungen auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet, erscheint die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der anderen nur einseitig entwickelt wurde. Der Dadaismus wollte die Kunst aufheben, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie aufzuheben. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische Position hat gezeigt, daß die Aufhebung und die Verwirklichung der Kunst die unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Überwindung der Kunst sind“ (ibd 191).

Auch das klingt plausibel. Die Kunst ist ein Produkt einer gesellschaftlichen Verdrängung, nämlich aller freien schöpferischen Tätigkeit aus der Gesellschaft in einen gesonderten Bereich. Die Kunst wird natürlich durch diese Verdrängung entstellt sein. Aber wie soll das vonstatten gehen? Wohin soll die Kunst aufgehoben werden, worin soll sie verwirklicht werden? Die Situationisten geben uns darüber noch weniger Aufschluss als diejenige moderne Kunst der Avantgarde, die auch nach dem Surrealismus weiter Kunst treiben, als wäre nichts.

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Denn offenbar kann man das. Nehmen wir Joyce. Aber diese Kunst zeigt eine bestimmbare Tendenz: der Gegenstand dieser Untersuchung ist das alltägliche Leben. Und das ist auch die einzige nähere Erklärung, zu der die Situationisten sich bereit finden: die Überwindung der Kunst steht im Dienst der Revolution des alltäglichen Lebens.

Wir müssen im folgenden so tun, als könne man insoweit die moderne Kunst einerseits, die Avantgarde-Bewegungen seit Dada, und die Situationisten als etwas zusammenhängendes ansprechen, und füreinander haftbar machen. Man mag dagegen einwenden, was man will. Wir haben ja bisher schon so getan, als wären Dada, der Surrealismus und der Situationismus im Grunde ein und dasselbe, ohne dass es jemanden gestört zu haben scheint. Wir wissen ohnehin niemanden ausser uns, der diesen Tendenzen noch hinreichend verbunden wäre, dass er die Vollmacht hätte, für sie zu sprechen.

Sehen wir uns rein als Beispiel einen Aspekt dieser modernen Kunst einmal an, für den sie seltsamerweise nicht angeschaut werden will. Sagen wir, wie suchen ein Drama um 1900, vielleicht zum Aufführen, und blättern durch Strindbergs oder auch Kokoschkas Werke. Man wird erstaunlich oft finden, dass sie für unsere Zwecke unbrauchbar sind, und zwar wegen eines rasenden, fanatischen Frauenhasses, der den Arbeiten nicht auszutreiben sein wird, weil er in der Tat oft den inneren Kern der Handlung abgibt, der das Stück zusammenhält. Was für einen Reim macht man sich darauf?

Man kann auf die interessante Ausrede verfallen, mit den Surrealisten, mit der modernen Avantgarde habe das nichts zu tun; das waren auch „andere Zeiten“, ganze zwanzig Jahre vorher; aber was ist mit ihrer Anbetung des de Sade, oder sogar Lautreamonts? Liegt bei diesen der Fall anders? Oder mit Bretons berühmtem Roman „Nadia“. Die Titelperson kommt da nur als ein rätselhaftes Objekt vor, es wird kein Versuch gemacht, herauszubekommen, warum sie so handelt, wie sie handelt. Und Dali, der doch vom Surrealismus her kommt: sein ungeheurer Erfolg verdankt sich gerade seinem offen zur Schau getragenen Frauenhass. Orwell hat das in seinem Aufsatz über ihn fast erkannt und auf interessante Weise diese Einsicht gerade noch zu verfehlen geschafft.

Oh aber man verstehe mich nicht falsch, natürlich hat Breton oft und nachdrücklich die Unterdrückung der Frauen angeklagt, und ihre Befreiung gefordert! Aber getrennt von seinem Werk, diesem äusserlich, und auf gerade die Weise, wie die Dichter der Volksfront ihr revolutionären Proklamationen äusserlich neben ihre nicht revolutionäre Kunst gestellt haben. Wir erinnern uns: „stereotype Erklärungen…“

Es ist für mich garnicht die Frage, ob Breton das verziehen werden kann. Es geht nicht um ein moralisches Urteil, oder um billige Absolution. Es geht um ein Versagen, das die befreiende Kraft dieser radikalen Kunst in Frage stellt. Es ist nicht eine Frage der äusserlichen Solidarität, sondern der inneren Wahrheit dieser Kunst. Für die Sache der allgemeinen Befreiung ist ein Surrealismus, der Männerphantasien produziert und äusserlich Solidarität mit den Frauen daranleimt, gerade so hilfreich wie ein Realismus mit aussen darangeleimter Sympathie fürs Proletariat.

Oder sehen wir Henry Miller an! Orwell nimmt ihn zu Recht als hervorragendes Beispiel für die Tendenz der modernen Kunst zum alltäglichen Leben. Ihm ist nichts menschliches fremd, ausser alles, was die Frauen in seinen Geschichten denken, wollen und fühlen. Es sind vollkommen rätselhafte Wesen, die zu verstehen er sich nicht bemüht; etwas anderes als sie zu betrügen fällt ihm nicht ein. Es ist jedenfalls ehrlich, es ist nicht gelogen; es hat, man muss Orwell Recht geben, durchaus einen Wert.

Und die Milleriten, die nach ihm kamen: Ginsberg, oder Burroughs; es geht hier ja keineswegs nur um Prosakunst, sondern diese Schule gehört fest zu denjenigen Veränderungen des alltäglichen Lebens, die man heute die „sexuelle Revolution“ nennt. Davon ist diese Avantgarde die Avantgarde gewesen. Wir haben heute zum Glück eine ausgezeichnete Arbeit über diese ganze Bewegung, Sheila Jeffreys „Anticlimax“. Und das Problem an dem Verlauf und dem Inhalt dieser „sexuellen Revolution“ steht in einer interessanten Verbindung zu dem Problem der Avantgarde.

„Diejenigen, die behaupten, dass The Naked Lunch in der Tat ein Kunstwerk ist, und nicht bloss eine Darstellung von Burroughs‘ sadomasochistischen Phantasien, haben sich einen sehr anspruchsvollen sozialen Zweck seiner obsessiven Neigung zum Erhängen ausgedacht. Er besteht darin, ‚den Lesern die Verbindung zwischen sexuellem Begehren und dem Drang zu töten oder zu quälen deutlich zu machen, um Grausamkeit zu unterbinden durch Selbsterkenntnis…‘ … Wenn dieses Genie die Welt verändern wollte, was war sein Ziel? Offensichtlich wollte er die Verbindung von Sex und Liebe durchtrennen. Liebe, behauptete er, ist ‚ein Betrug, begangen vom weiblichen Geschlecht‘ … Burroughs überlegte auch eine Lösung für das Problem, dass die Frauen seinem grossen Plan Widerstand leisten würden. Frauen würden ausgeschaltet werden müssen. Burroughs erläutert das Problem der Existenz von Frauen wie folgt:… ‚Frauen sind ein vollkommener Fluch.‘ Ich denke, sie sind der grundsätzliche Fehler, und das ganze dualistische Universum entwickelte sich aus diesem grundlegenden Fehler.“ (Jeffreys, Anticlimax, S. 54 f.)

Ich würde nur an einem Punkt widersprechen; natürlich gehört Burroughs in die Tradition der modernen Kunst. Ebenso gehört er in die Tradition dessen, was das zwanzigste Jahrhundert sich unter der „sexuellen Befreiung“ vorstellte. Um so schlimmer für beide!

Die Counter-Culture, die man für subversiv zu halten gewohnt waren, dient heute als Steinbruch für einen Haufen Bewegungen, die zum Einzugsbereich des heutigen Faschismus gehören; diese fühlen sich anscheinend sehr wohl in dieser Vorstellungswelt. Diejenigen, die wollen, dass es bleibt, wie es vorgestern war, okkupieren den Gestus der Rebellion; sind sie nicht dabei, die Techniken der Subversion selbst in Beschlag zu nehmen? Oder wie die Situationisten es nannten: zu rekuperieren… „Rekuperiert wird nur, wer sich rekuperieren lässt.“ In der Tat! Warum also lässt es sich rekuperieren?

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Oder wollen wir den erprobten Sophismus ausprobieren: wenn die Counter Culture rekuperiert werden kann, ist sie einfach nicht radikal genug gewesen… Nein. Man kann sich nicht herausreden. Oder vielleicht andersherum: die künstlerische Avatngarde ist überhaupt nie revolutionär gewesen… Aber sie ist doch wirklich aufs tiefste mit der Revolutionsgeschichte verflochten. Keine Ausflüchte mehr.

Das Problem liegt woanders, und es kommt darauf an, zu begreifen. Die moderne Kunst, das heisst die Kunst hat im Zeitalter der Revolution wirklich diejenige eigene Tendenz, sich in die Revolution des alltäglichen Lebens fortzusetzen. Die Situationisten haben es richtig beschrieben. Aber aus Gründen, die sie nur andeuten, bleibt sie dabei stecken. Sie verliert an irgendeinem Punkt anscheinend ihre verändernde Kraft; wenn man nur sagen könnte, an welchem!

Das muss als ein katastrophales Problem der Kunst begriffen werden. Der Übergang zur Revolution, das ist ihr eigenes Gesetz, das ist ihre Nötigung, der sie sich nicht entziehen kann. Huelsenbeck, Tzara, Breton hatten völlig Recht damit. Wenn sie es nicht tut, wird sie Müll. Sie kann nicht Kunst bleiben, ohne gleichzeitig zu beginnen, ihr eigenes abgesondertes Dasein als Kunst durchzustreichen, ihre Spezialisierung und Abtrennung. Es ist eine Frage von Leben und Tod für ihre eigene Wahrheit. Ihre eigene Tendenz zur Befreiung des Ausdrucks verurteilt sie dazu, entweder an der Verallgemeinerung der Mittel des Ausdrucks zu arbeiten, oder in Schande unterzugehen.

Aber aus der Notwendigkeit einer Tat ist noch nie die Tat selber schon gekommen. Die Avantgarden alle sind ja, man muss es sagen, gescheitert, alle ihre grössten Werke sind imposante Ruinen dieses Scheiterns. James Joyce’s Finnegan’s Wake, eine gigantische Arbeit, aber die Kunst verläuft weiter bloss als Kunst, man bestaunt es, und es hat kaum einen Nachfolger gefunden; ausser, und das ist noch schlimmer, dass niemand Ezra Pound gehindert hat, denselben Stil für seine Judenhetze nachzuäffen, und man wird raten dürfen, wo das heute seine Resonanz findet. Darüber wird nicht gern gesprochen unter den Freunden der modernen Kunst.

Die moderne Kunst ist gefangen; sie ist unfähig, ihr Programm zu verwirklichen. Sie kann es aus eigenen Kräften gar nicht. Es wird nur gelingen durch einen viel gründlicheren Anschlag auf ihren Kerker, als selbst die Dadaisten sich zu träumen gewagt hätten.

Die Situationisten haben diese Lage zwar beschrieben, aber haben sie sie zu lösen vermocht? Sie haben ja immerhin, um 1968 herum, einen Versuch gemacht, den Boden der blossen Kunst zu verlassen, und ihre Mittel an der Gesellschaft selbst ausprobiert; und man kann nicht einmal sagen ohne Erfolg. Sie haben ihren Angriff geführt, wie die Avantgarde der Dadaisten seinerzeit: kräftig, aber rein negativ. Aber als der erste Aufstand gekommen war, 1968, fanden sie, dass sie handlungsunfähig geworden waren. „Unsere Ideen sind bereits in allen Köpfen, es handelt sich nur darum wann sie herauskommen“, ja, aber als das geschehen war, gerät die Avantgarde in Auflösung; in genau den Wochen, in der sich die Niederlage der Bewegung entschieden hat, war sie unfähig, der Bewegung noch etwas mitzuteilen.

Gerade was der Vorteil der organisierten Avantgarde sein sollte, ihre streng aufrechterhaltene Handlungsfähigkeit, löst sich genau dann auf, wenn es auf sie ankommt. Die Grundlage, auf der das alles aufgebaut war, ist von Anfang an die falsche gewesen.

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Machen wir jetzt einen anscheinend weiten Sprung zu einem völlig anderen Aspekt dessen, was man gewöhnlich subversiv nennt. In jeder linken Bewegung, die eine gewisse Anziehung nach aussen entfaltet, sammelt sich alsbald eine bestimmte Sort junger Männer, die wir sehr gut kennen, und die eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten entfalten, durch die sie sich einem bestimmten Typus zuordnen lassen, den zornigen jungen Männern.

Es sind dies junge Leute, die einen Platz für sich in der Welt suchen, den sie, im Bewusstsein ihrer Fähigkeiten, natürlich recht hoch veranschlagen. In kuriosem Gegensatz steht dazu anscheinend ihre Strategie, diesen zu erreichen.

Sie zeichnen sich durch die besondere Unbedingtheit aus in jeder Sache, auf die sie sich werfen; durch eine Bereitschaft zu einer oft unnötigen Radikalität, die merkwürdig oft so aussieht, als wäre sie wichtiger als die Sache selbst, die dahinter nicht selten ganz verschwindet und die für sie in Wahrheit nur ein rein äusserliches Interesse hat.

In ihren Kreisen herrscht eine regelrechte Sucht nach den krassesten und abseitigsten Meinungen, die sie um die Wette vertreten; mit Vorliebe solche, die von anderen unmöglich oder zumindest sehr schwer akzeptiert werden können. Das ist kein Nachteil dieser Meinungen, sondern gerade ihr Vorteil, denn sie wären nicht zufrieden, auch wenn man sie mit vollster Zustimmung empfangen würde.

Es geht ihnen gar nicht um die Zustimmung, es geht ihnen um die Anstrengung, die sie anderen bereiten, wenn diese versuchen sollten, ihnen entgegenzukommen. Es geht ihnen nicht um den Inhalt von Zugeständnissen, sondern um die Anerkennung ihrer eigenen, radikal empfundenen Subjektivität.

Ihre Ansichten werden oft mit besonders radikaler und abstrakter Verneinung verwechselt, während sie in Wahrheit vor allem eine halb bewusste Strategie ist, sich selbst ihrer Mitwelt aufzuzwingen. Eine andere Sache als sich selbst haben sie nicht. Das erscheint ihnen nicht als Mangel. Denn es ist ihre eigene Existenz alleine, die ihnen als ungeheuer radikal erscheint, so dass für sie keine Anstrengung als zu gross veranschlagt werden kann. Es ist gar keine Verstellung im Spiel; sie wissen es einfach wirklich nicht besser.

Sie glauben fest an ihre eigene radikale Freiheit, weil sie auf das Trugbild ihrer Ungebundenheit hereinfallen. Sie bemerken nicht, dass diese nur als Illusion oder als Privileg möglich ist; sie nehmen sie vielmehr als das Mass dessen, was sie anstreben. So streben sie nach einer Stellung in der Welt, die nur als eine Usurpation möglich ist.

In allen diesen radikalen Welten halten sich zeitweise auch Frauen auf; aber innerlich sind die jungen Männer voll Unverständnis und Zorn über diese, weil sie das Gefühl haben, dass diese immer mit einem Bein in der „alten Welt“ stehen bleiben, sich niemals so rückhaltlos auf diese „radikale Existenz“ einlassen; sie träumen vielleicht davon; aber sie wissen insgeheim, dass es leicht reden ist für die, die im Notfall sich um Konsequenzen einfach herumstehlen werden.

Menschen in der Revolte, in der Tat, aber wogegen? Gegen die gesellschaftlichen Formen, ja, meinetwegen. Aber haben diese nicht mehrere Gesichter, je nachdem, wem sie sich zuwenden? Die monogame Ehe z.B. ist ein Vertrag, das heisst sie bindet zwei sehr verschieden unglückliche Parteien, und es gibt zwangsläufig zwei sehr verschiedne Möglichkeiten einer Kritik der Mongamie! Es gibt durchaus eine männliche und eine weibliche Kritik der Familie. Welche von beiden wird wohl lauter gehört werden, in der Gesellschaft, und in der Avantgardekunst, wenn wir schon bei dem Thema sind?

Es ist nicht leicht zuzugeben, aber das Leben der jungen Frauen enthält alles, was auch im Leben der jungen Männer vorkommt; aber nicht umgekehrt. Der Führungsanspruch der zornigen jungen Männer ist Usurpation, aber überall erhalten sie die Führung, zumindest zum Schein, wirklich zugestanden.

Das ausweglose ihrer Lage ist aber dieses, dass ihr Zorn für eine verbrauchte Sache eintritt. Die zornigen jungen Männer sind selbst eine verbrauchte Kraft, auch wenn sie immer frisch nachzuwachsen scheinen. Diejenige Radikalität, die sie selbst hervorbringen können, ist leere Negation. Die Avantgarde der modernen Kunst gleicht diesen zornigen jungen Männern.

5

Der Unentschiedenheit, ob die Kunst eher aufzuheben oder eher zu verwirklichen ist, entspricht in der Revolution die Unentschiedenheit, ob die Arbeit in der Negation des bestehenden oder in dem Aufbau neuer Formen liegt. Und auch hier ist beides nicht ohne einander zu haben, und auch hier ist dieser Zwiespalt von der bestehenden Position aus nicht zu überbrücken.

Das Problem der Revolte, das Camus beschreibt, hat im Grunde diese Ursache. Camus hat formale Kriterien gegeben, aber keine materialen. Wäre es jetzt nicht genauer zu sagen? Er untersucht die Revolutionsgeschichte nach der Keimanlage des Terrors, und nicht überraschend findet er sie auch, aber er fasst sie anscheinend nicht gründlich; so dass nur eine im Grunde äusserliche Moral, oder Mässigung als Heilmittel in Frage kommen. Äusserlich heisst, der Revolutionsgeschichte äusserlich; Camus‘ Ideen sind also hilflos, weil sie in der Revolutionsgeschichte, und im Objektiven eine Stütze nicht haben. Auch Orwell hat ja doch nicht ganz durchschaut, was es mit der Ambivalenz der modernen Kunst auf sich hat. Wie wenn etwas ihn daran hindert, aus seiner ganzen Kritik des Dali usw. die sich aufdrängende Folge zu ziehen.

Der Gegensatz ist aber ein scheinbarer, er besteht überhaupt nur von der Position der künstlichen Verantwortungslosigkeit aus, sozusagen von der Position der zornigen jungen Männer aus. Er nimmt sogleich eine ganz andere Form an, wenn das Problem in die Hände solcher gerät, die nicht für ein Privileg zu kämpfen haben.

Die Frage, wie radikale Kunst zu treiben wäre, löst sich auf vor der Frage, von wem radikale Kunst getrieben werden kann. Das Schicksal des Hugo Ball ist vielleicht lehrreich. Er war unter den Dadaisten einer der ersten, und einer der Männer der radikalsten Verneinung, aber was hatte er davon? Was wusste er mit der schwindelnden Höhe der Verneinung anzufangen, zu der er sich verstiegen hatte? Er musste erkennen, dass er lediglich einen Abgrund aufgerissen hatte, der bereits da war; und dass die Negativität, die er als einzige Waffe führen konnte, die des objektiven Prozesses selbst gewesen war. Er suchte dann seine Zuflucht im Positiven, in seinem Fall im Katholizismus, aber ich bezweifle, dass er sie gefunden hat.

Eine Verneinung aber ist nur so abstrakt und ausweglos wie diejenige Subjektivität, das sie äussert; und sie teilt deren Schicksal. Diese Auswegslosigkeit ist aber nicht unabänderlich, sondern Schein. Die Verneinung führt nicht von sich aus schon eine getrennte radikale Existenz selbst, die sich in der Verneinung gewissermassen erschöpft. Das ist niemals der Fall, wenn man es sich nicht eigens einbildet. Aber diese Einbildung, wir haben es angedeutet, hat eine gesellschaftliche Grundlage.

Wird die Grundlage, oder präziöser ausgedrückt die Subjektivität, der Verneinung anders bestimmt, nämlich geeignet und sinnvoll bestimmt, dann sollte der Gegensatz verschwinden. Wie muss man sich das denken? Es müsste sich dann zeigen, dass eine Praxis der Kunst möglich ist, die gerade darin besteht, das getrennte Dasein der Kunst aufzuheben. Von diesem Punkt aus, wenn er gefunden werden kann, wäre die richtige Grundlage zu bestimmen.

6

Der Drehpunkt an der Kritik der bestehenden Gesellschaft, sagen die Situationisten, ist die Kritik des alltäglichen Lebens. Die Gesellschaft macht ihre Geschichte so, als ob diese weit entfertn von ihr auf den grossen Höhen stattfände. Und weil die Gesellschaft so tut, also ist es auch beinahe so. Das wirkliche, tägliche Leben ist unwichtig; wichtig sind dagegen die unsinnigen Illusionen, zu denen sie aufblicken. Diese Illusionen sind einzelne spezialisierte Funktionen: „die Politik“, „die Wirtschaft“, in denen sie glaubt, als einziges ihre eigene Geschichte erblicken zu können; aber sie sind von ihrem wirklichen Leben getrennt.

„Woher aber, wird man fragen, kommt es, dass die Wichtigkeit dieses alltäglichen Lebens, das meines Erachtens das einzige wirkliche Leben ist, so vollständig und unmittelbar … herabgesetzt wird… ? Das rührt meiner Meinung nach daher, dass das alltägliche Leben innerhalb der Grenzen einer skandalösen Armut organisiert wird, und hauptsächlich, weil diese Armut des alltäglichen Lebens nichts zufälliges an sich hat: sie wird ihm stets durch den Zwang und die Gewalt einer Klassengesellschaft aufgezwungen – es handelt sich also um eine den Notwendigkeiten der Geschichte der Ausbeutung gemäß historisch organisierte Armut“ (Debord, Perspektiven einer bewussten Änderung des alltäglichen Lebens, Vortrag 1961).

Die Abtrennung des alltäglichen Lebens als eines Bereichs, dem man keine Wichtigkeit beimisst, ist seine wirkliche Unterwerfung. Aber diese Abtrennung wird von den Formen, in denen die Menschen denken und leben, selbst produziert. „Wir müssen also annehmen, dass die von den Leuten über die Frage ihres eigenen alltäglichen Lebens ausgeübte Zensur dadurch zu erklären ist, dass sie sich seines unerträglichen Elends bewusst sind und gleichzeitig vielleicht uneingestandenermaßen, aber unvermeidlich irgendwann empfinden müssen, dass alle echten Möglichkeiten und alle Bedürfnisse, die durch das Funktionieren des sozialen Lebens zunichte gemacht werden sind, dort und keineswegs in den spezialisierten Tätigkeiten… enthalten waren“, ibd.

Was hier verdrängt wird, und zwar ins sogenannte Privatleben, ist gerade das, was die wirkliche Gesellschaftlichkeit zustandebringt; was als „Öffentlichkeit“ zurückbleibt, ist nur ein nutzloser Rest. „Man hat sich gefragt: ‘Wessen ist eigentlich das Privatleben beraubt worden? (privare, lat.: berauben)’. Ganz einfach des Lebens, das grausam von ihm abwesend ist. Die Leute sind der Kommunikation und der Selbstverwirklichung so weit beraubt worden, wie es nur möglich ist. Man sollte sagen: der Möglichkeit, persönlich ihre eigene Geschichte zu machen“, ibd.

„Bevor die Kritik und die ständige Neuschaffung der Totalität des alltäglichen Lebens von allen Menschen natürlicherweise ausgeübt werden kann, sollten sie unter den Bedingungen der gegenwärtigen Unterdrückung unternommen werden und zwar, um diese Bedingungen zu zerstören. Keine kulturelle Avantgardebewegung – sogar eine mit revolutionären Sympathien – kann das zustandebringen,“ ibd. Das ist alles gut und richtig. Aber an dieser Stelle endet, was uns die Situationisten über dieses „private Leben“ und seine Umwälzung mitzuteilen haben. Wissen sie nicht mehr davon? Genau in dem Jahr, in dem sie verstummen, beginnt die zweite Welle des Feminismus.

Die Kritik des alltäglichen Lebens, von der die Situationisten so viel geredet haben, ist erst begonnen worden von der Women’s Liberation Front und von Frauen wie Shulamith Firestone und Katie Sarachild. Und soweit sie überhaupt geleistet worden ist, ist sie von ihnen und ihren Nachfolgerinnen geleistet worden. Die Nachfolger der Situationisten haben sich nicht die Mühe gemacht, sie auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind zur Strafe irrelevant geworden.

7

„Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter. Sie werden im historischen Materialisten mit einem distanzierten Betrachter zu rechnen haben. Denn was er an Kulturgütern überblickt, das ist ihm samt und sonders von einer Abkunft, die er nicht ohne Grauen bedenken kann“; so bezeichnet Walter Benjamin den gesellschaftlichen Ort der Kunst, wo sie als fertiges Werk zum Ausstellungsstück tauglich wird (Thesen über die Geschichte, VII). Die Bestimmung ist für unsere Zwecke sehr einschlägig; denn es war genau diese Musealisierung, Reduktion der Kunst zu Beute der Herrschenden, zur Zierde ihrer Gesellschaft, die den Anschlag auf diese Art Kunst antrieb.

Die Befreiung der gewesenen Kunst aus diesem Schaukerker ist nicht in einem Akt getan. Sie ist ja nicht nur Beute, sondern sie ist selbst Produkt der Herrschaft; ihre Züge selbst sind die der Ausbeutung. Ihre Erlösung setzt ihre Kritik voraus; dass man sich ihren Erschaffern auf gleicher Ebene nähert und ihnen auf die Finger schaut; indem man ihnen unehrerbietige Fragen stellt, und nach ihren Motiven forscht. Die befreite Menschheit, wenn sie Siegerin sein wird, kann es nicht halten wie alle vorherigen Sieger; sie kann das gewesene nicht einfach als Trophäe ausstellen, denn es ist aus ihrem eigenen Leiden geschaffen, und sie wird sich selbst in diesen erkennen und erlösen müssen. Aus demselben Grund kann sie es nicht austilgen und vergessen machen. Das Erbe, das sie anzutreten hat, muss, um angetreten zu werden, völlig umgebildet werden.

Es ist auch gesagt worden: „Poesie kann nur durch Poesie kritisiert werden. Ein Kunsturteil, welches nicht selbst ein Kunstwerk ist,…. hat gar kein Bürgerrecht im Reich der Kunst. … “ (Friedrich Schlegel, Lyceum-Fragment 117); „Eine … Theorie des Romans würde selbst ein Roman sein müssen… Das Schauspiel [ist] ein angewandter Roman“ (ders., Brief über den Roman). Das ist nicht falsch; der Roman aber ist eine individuelle Form, das Schauspiel dagegen eine öffentlich gesellschaftliche. Diejenige umbildende Kritik, an die wir denken, hätte zur Voraussetzung, dass die Trennung zwischen Urheber und Werk, zwischen Werk und Publikum aufhört; dass diese Trennung im fortschreitenden Prozess umbildender Kritik sich auflöst. Dann, aber nur dann kann Kunst sich selbst als gesellschaftliches Denken über die Gesellschaft wissen. Erst dann ist sie legitim.

Die Gleichungen der Theorie dafür, wir habens gesehen, bestehen alle schon; sie ergeben sogar Sinn nur für eine Kunst als lebendig öffentliche umschaffende Kritik; sie werden falsch, wo die Kunst als bloss individuelle Anstrengung, ihr Erzeugnis als fertig abgeschlossenes unzugängliches Werk erscheinen soll. Das Schauspiel, von dem wir reden, hätte keine Autoren oder Regisseure; kein passives Publikum und keine spezialisierten Schauspieler. Es wäre Organ der gemeinsamen Verständigung für die, die an ihm teilnehmen; seine eigene Bewegung wäre die Eroberung der Mittel des Ausdrucks.

Vor allem aber hätte es über die Dinge zu reden, über die allgemein geschwiegen wird. Die Grundlage des öffentlichen Gesprächs in unseren Gesellschaften ist das Schweigen über die nächsten und wichtigsten Dinge. Jeder weiss das, aber jeder weiss auch gleichzeitig, dass diese Dinge nicht „wichtig“ sind. Begänne man sie als wichtig anzusehen, hätte man den Anfang des Fadens in der Hand. Auch das es diesen Faden und Anfang gibt, ahnen alle, aber sie tun, als könnten sie ihn nicht finden. So helfen sie alle mit, es allen zu verheimlichen. Ein Schauspiel wie das, von dem wir reden, könnte nur dann bestehen, wenn es Teil einer wirklichen Bewegung wäre, die darauf geht, diesen Zustand umzustürzen; ansonsten hätte es keine Aussicht; aber umgekehrt wäre eine solche Bewegung auch ohne ein solches Schauspiel nicht zu denken.

Eine solche Bewegung selbst ist mit den Mitteln des Schauspiels nicht zu erzeugen; aber sie ist ohne diese nicht aufrechtzuerhalten. Die umbildende Kritik eröffnet ihr den Zugang zur eigenen Geschichte der Gesellschaft. Dieses Schauspiel würde nicht fragen müssen, ob es die Kunst sich anzueignen oder sie zu zerstören hat. Beides wäre ohne weiteres das selbe. Die Kunst der Vergangenheit wäre in seine Gewalt gegeben. Kein Kulturgut wäre vor ihm sicher, denn keines könnte seiner auflösenden Kraft standhalten. Was würde aus Strindbergs Stücken in solchem Theater? Es würde überall leicht die sorgsam versteckte Lüge herausfinden, die jedes Werk der bisherigen Literatur plausibel hat machen helfen; und damit die Einrichtung der dazugehörenden Welt. Ob ein solches Theater bereits besteht, oder wie es zu betreiben wäre, ist hier nicht unsere Frage. Hier genügt es, festzustellen, dass eine solche Einrichtung der Attraktor einer Kunst sein müsste, die sich in der Sackgasse der Subversion nicht verfangen sollte.

Aber es war genau dieser einzige denkbare Attraktor, den die Avantgardebewegungen der modernen Kunst so zielsicher verfehlten. Und das ist kein Zufall, denn ihr ganzer gesellschaftlicher Charakter war darauf ausgerichtet, das um jeden Preis zu erhalten, was als erstes fallen muss: den Autor, oder die Avantgardebewegung selbst, die feststehende Existenz des Künstlers, der vom Publikum getrennt sein musste. Die Surrealisten konnten noch so laut erklären, den Surrealismus in den Dienst der Revolution zu stellen: den Preis dafür zu zahlen, waren sie nicht bereit: die Auflösung der eigenen Schule, die Preisgabe ihrer usurpierten Autorität, den gesellschaftlichen Charakter, den sie verkörperten.

Es werden noch viele wie sie kommen und gehen; aber immerhin, das Spiel ist fade und uninteressant geworden. Alle Kunst, die in gar keiner Beziehung auf die Revolution steht, ist ohnehin von der Quelle ihrer Kraft abgeschnitten; sie wird nicht einmal mehr zur Kenntnis genommen werden. Schon stellt sich die Frage, ob Kunst überhaupt noch möglich ist. Es ist die falsche Frage. Sie ist ohne Zweifel möglich und nötig. Nur nicht auf derselben Grundlage.

Die alten Prophezeiungen sind nicht plötzlich unwahr geworden. Alle Kunst ist in der Tat unmöglich, die nicht der Eroberung der Mittel des Ausdrucks dient, und der Revolution des alltäglichen Lebens; wenn auch ganz anders als wir es uns träumen liessen, als wir noch selbst zornige junge Männer waren; sollen wir vielleicht direkt sagen: allle Kunst ist unmöglich, die nicht feministisch ist? Denn nur auf diese Weise können die alten Prophezeiungen wahr werden.

Von Jörg Finkenberger

 

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