Aus Heft 17: Buchbesprechung Communization

Wir stellen die aber hier nicht noch mal hoch, steht schon hier.

Buchbesprechung: Communization

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Über Selbsttätigkeit

Aus Heft 17

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Wenn man über die heutige Gesellschaft etwas sagen kann, dann das, dass sie zum Entsetzen disfunktional ist. Das ist vielleicht nicht ganz neu, aber die Lage, in der wir uns sehen, ist in der Tat halbwegs neu; und es zeigt sich, dass die Gesellschaft von sich aus nach wie vor völlig ausserstande ist, ihre eigenen gemeinschaftlichen Angelegenheiten vernünftig zu regeln. Sogar noch mehr: sie ist noch nicht einmal in der Lage, einen klaren Gedanken über ihren eigenen Zustand zu fassen.

Die Gründe dafür sind nicht so oberflächlicher Art, wie man es oft hört. „Das Internet“ ist für die Mehrheit der Bevölkerung zwar tatsächlich neu, aber es schafft nicht die Konfusion, es beschleunigt sie nur; „Verschwörungstheorien“ sind nicht die Ursache der verbreiteten Desorientierung, sondern ihre Folgen. Auf der anderen Seite kann die letzte Ursache des Übels mühelos in der Verfassung der Gesellschaft selbst gefunden werden; in der Isolation und der unvermeidlichen Hilflosigkeit ihrer einzelnen Glieder; aber damit ist man von einer Handhabe immer noch weit entfernt.

Die Krise der jetzigen Gesellschaft spitzt diese Isolation und Hilflosigkeit weiter zu; es steht niemandem frei, sie einfach abzulegen. Aber jeder Ausweg ist unmöglich, wenn es nicht gelingt, sie wenigstens teilweise zurückzudrängen und Raum zu erobern, in denen Austausch und Koordination möglich ist. Solcher Raum kann als Ansatzpunkt für eine breitere Gegenoffensive dienen.

Nehmen wir als Beispiel einmal die neueste und unbegreiflichste Form dieser Krise, die neuere Corona-Epidemie. Ich glaube, nicht zu übertreiben, wenn ich die Reaktion der Gesellschaft wie folgt zusammenfasse. Als sich im März 2020 das Ausmass der Epidemie abzuzeichnen begann, hatte ein Teil der Gesellschaft schon spontan den sozialen Kontakt eingeschränkt, eine vernünftige Reaktion, und begann öffentliche Massnahmen zu fordern. Das scheinen mir meistens die Frauen gewesen zu sein. Erst langsam kam der Staat dem nach, und immer noch zögernd, und die Gastronomie wurde erst eine Woche nach den Schulen geschlossen.

Niemand hatte natürlich Vorsorge getroffen für eine solche Lage, die sozialen Dienste haben fast völlig versagt, und die Unzufriedenheit damit ist berechtigt. Öffentlich am lautesten geäussert wurde allerdings eine ganz andere Unzufriedenheit, nämlich die an gesellschaftlicher Seuchenbekämpfung überhaupt. Urplötzlich tauchten die allerirrsten Geschichten auf, es ist überhaupt nicht nötig, sie zu wiederholen, ein wimmelnder sich widersprechender Wust von obskuren Theorien, mit denen man sich jede Veränderung, sei sie noch so gering, vom Hals zu halten versuchte. Das verband sich schnell mit den grösseren Verschwörungstheorien, die den ideologischen Boden der neueren revolutionären Rechten bilden.

Die Reichweite aller dieser Geschichten sollte man nicht unterschätzen. Und es ist ja nicht so, dass ihr Vordringen von einer in sich zusammenhängenden Gegenansicht begrenzt wäre. Sondern was diese Gegenansicht im Inneren zusammenhält, ist der Rest von Vertrauen in die bestehenden Institutionen; ein Vertrauen, dass diese Institutionen aber nicht verdienen, und das sie nicht auf lange Dauer werden halten können. Wer wird dann einspringen?

Nehmen wir doch auch dafür die neuere Epidemie als Beispiel! Kann man über den Staat sagen, dass seine Massnahmen konsequent, sinnvoll, hilfreich gewesen sind? In Bayern muss man zum Einkaufen FFP2-Masken tragen, aber keineswegs auf der Arbeit. Weil? Oder: Nachdem die Staatsgazette „Bild“ ihre wüste Schlacht gegen Drosten gewonnen hatte, war der öffentliche Konsens der, dass Kinder in der Schule das Virus praktisch nicht ausbreiten. Also musste man, wie in Britannien, die Schulen offenhalten. In Britannien bildete sich dann eine Variante des Virus aus, die diesen Verbreitungsweg nutzen konnte: völlig absehbar breitet sie sich also schneller aus. Wie reagiert man? Man stellte die Flüge aus Britannien ein, aber man hielt zäh die Schulen offen.

Wer soll da das Gefühl haben, ihm würde die Wahrheit gesagt? Aber noch schlimmer: die Regierung hat die eigene Krisen-Kommunikation sabotiert. Sie hat aus Unfähigkeit die Verbreitung begünstigt und die Epidemie verschlimmert. Wird das öffentlich diskutiert? Opposition in dieser Gesellschaft besteht aus Leuten, die den sächsischen Ministerpräsidenten über dessen Gartenzaun anschreien, dass niemand, in Worten niemand an dieser Krankheit gestorben sei; und innerhalb der linken Szene aus Leuten, die dergleichen Opposition nicht den Rechten überlassen wollen. Haben sie Vorschläge, die sie nicht als komplette Trottel dastehen lassen? Ich habe keinen gehört.

Ich ziehe den Schluss: die heute bestehenden Kanäle der gesellschaftlichen Kommunikation sind katastrophal unfähig, sie bevorzugen Wahnsinn und Dummheit, und sie bringen die Belange des grösseren Bevölkerungsteils zum Schweigen. Es müssen ganz andere Arten von Dinge gesagt werden; das heisst, es muss über ganz andere Kanäle der Kommunikation nachgedacht werden.

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Bedrückend muss das Gefühl gewesen zu sein, sowohl der Epidemie als auch der Verwaltung völlig ausgeliefert zu sein. Aber war man das notwendig? Die Gesellschaft hat eine grössere Fähigkeit zu gegenseitiger Selbsthilfe, als man ihr das gemeinhin zutraut. Sollte man sich wundern? Viele derjenigen Dinge, die die Verwaltung unterlässt, bleiben ohnehin auf den Schultern der Gesellschaft liegen, aber natürlich zunächst auf denjenigen ihrer Strukturen, die nicht ohne weiteres damit umgehen können, der Familien z.B.

In den frühen Tagen des Lockdown war z.B. an vielen Orten die Rede davon, gegenseitige Selbsthilfe in den einzelnen Wohnvierteln zu organisieren, Besorgungen für Leute in Quarantäne, Kinderbetreuung usw. Sehr oft wurde daraus nichts, weil einerseits niemand die Dinge kannte, die man in medizinischer Hinsicht zu beachten hätte, und andererseits niemand die Leute kannte, neben denen man wohnte. Es ist natürlich schwer, in einer solchen Situation die Grundlagen für Nachbarschaftsorganisation erst zu legen. Im Rückblick wäre es vielleicht die beste Chance gewesen, aber das war erst zu begreifen, als sie vorbei war.

Kirchengemeinden, sogar Fussballvereine begannen, solche Dienste anzubieten; schliesslich tat auch die Verwaltung so, als gedenke sie, sich zu kümmern. Diesen Anschein hielten alle aufrecht bis zu dem Moment, wo es darauf angekommen wäre, Ende 2020. Dann verdampfte das unter der Überlastung aller Strukturen; und was man den Sommer über bequem hätte aufbauen können, war jetzt völlig unmöglich ins Werk zu setzen.

Was die Gesellschaft aber so handlungsunfähig und so abhängig von der Obrigkeit macht, ist als erstes gerade das Fehlen von Kanälen der Kommunikation. Damit ist noch nicht einmal die technische Ebene gemeint. Es wäre einfacher, mit Wildfremden sich zu vereinbaren, wenn wenigstens eine Übung darin bestünde; eine Ebene bekannt wäre, auf der man überhaupt redet. Die Einzelnen sind radikal unkommunikativ, weil sie es niemals anders gelernt haben. Ohne Kommunkation aber keine Organisation.

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Aber umgekehrt auch ohne Organisation keine Kommunikation. Man kann nicht einfach eines Mittwoch nachmittags bei den Nachbarn aufkreuzen und vorschlagen, sich doch aus keinem Grund zusammenzutun, ohne berechtigten Verdacht zu erwecken. Ohne ein wirkliches unabweisbares Bedürfnis treten Menschen nicht in Aktion, auch nicht in Verbindung.

Die Genossenschaften der alten Arbeiterbewegung hat viel beigetragen, die Klasse politisch zusammenzuhalten, solange es währte; es waren aber nicht die Reichtagsreden der sozialistischen Abgeordneten, oder das kommunistische Manifest, was sie stiftete, sondern das handfeste Bedürfnis. Welches sind heute solche Bedürfnisse, wo der Verbrauch der arbeitenden Klasse zum Gegenstand der Preiskämpfe der Discounter geworden ist?

Auch die anderen gesellschaftlichen Bedürfnisse selbst der abgehängtesten Schichten liegen ja nicht so offensichtlich zu Tage. Überall beansprucht irgend ein Teil der kommunalen Bürokratie, für sie zuständig zu sein. Für alles gibt es irgendwo eine Stelle, irgendwo Gruppen von Ehrenamtlichen. Aber der ganze Apparat funktioniert so, dass die Bedürftigen in Passivität bleiben.

Alle Beteiligten wissen, welche immensen Aufgaben liegen bleiben, aber das sind gerade diejenigen, für die immense Mittel aufgebracht werden müssten. Nehmen wir den neuesten unfreiwilligen Qualitätssprung in unserem Bildungswesen, Remote Learning. Es gibt Kinder, die anscheinend komplett vom Radar verschwinden, weil ihre Eltern die Rechner oder den Internetanschluss nicht haben, den man dazu braucht. Was würde eine Genossenschaftsbewegung tun? Man könnte Zentren in den Stadtteilen einrichten, in denen solche Rechner stehen; böse Zungen würden sagen, etwas funktionsgleiches habe es früher gegeben und man habe es Schulen genannt. Man könnte hausweise freie Bandbreite poolen; man könnte sich in Support Bubbles, wie es in England heisst, zusammenschliessen und Rechnerkapazität teilen. Alle diese Lösungen haben ihre verschiednen Schwierigkeiten und verschiednen Vorzüge, ich führe sie hier beispielhalber an.

Die verschiednen lohnarbeitenden Schichten wohnen oft deutlich voneinander getrennt, das erschwert gegenseitige Hilfe innerhalb der Klasse; bestimmte Lösungen kommen unter Epidemiebedingungen nicht in Frage aus den gleichen Gründen, warum auch der Präsenzunterricht eingestellt ist. Bestimmte Lösungen sind pandemiefest, aber haben andere Nachteile. Ein einheitliches dauerhaftes Selbsthilfenetzwerk müsste sich einstellen, sehr flexibel zu arbeiten. Es müsste vor allem aber schon vorher am Platz sein, jedenfalls in Ansätzen, und die Ansätze müssten von vorneherein erweiterbar geplant sein.

Welche der unabweisbaren wirklichen Bedürfnisse sind heute die geeignetsten, um solch einem Netzwerk stabile Verbreitung und Etablierung zu erlauben? Das lässt sich vermutlich nicht allgemein angeben. Es müsste ermittelt werden, aber das Elend ist, dazu bedarf es wiederum der Kommunikation.

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Auch die Ermittlung der Bedürfnisse funktioniert nicht so, dass man mit einem Klemmbrett in der Hand eines Mittwoch nachmittags bei den Nachbarn aufkreuzt. Sie werden sie einem nicht sagen, und zwar nicht nur, weil sie einem nicht trauen oder nie gesehen haben, sondern weil sie diese Bedürfnisse gar nicht kennen. Und zwar dieses aus dem einfachen Grund, weil niemand jemals danach gefragt hat. Die knapp zahlreichste Gruppe der Bevölkerung besteht aus Leuten, deren Arbeit für alle Gesellschaft völlig zentral ist und deren Bedürfnisse seit Jahrtausenden als irrelevant gelten, sogar als öffentliches Gespött dienen, nämlich den Frauen. Diese unterdrückten Bedürfnisse müssen erst aus ihrer mühsamen Verdrängung entwickelt werden.

Ohne das ist an keine Veränderung dieser Gesellschaft auch nur zu denken. Die Krankheit dieser Gesellschaft, ihre Unfähigkeit, über ihre wichtigsten Angelegenheiten einen klaren Begriff zu bekommen: das entspricht vollkommen der Art, wie mit diesen Bedürfnissen umgegangen wird. Hier liegt das erste Hindernis der Veränderung, aber auch ein mächtiger Hebel.

Wie aber lassen sich solche Bedürfnisse entwickeln? Man geht nicht einfach hin und bildet sich ein, man weiss, was gut für die Leute ist und was sie wollen müssen. Sondern sie müssen sich in freier Selbsttätigkeit entfalten und eine Sprache selbst finden. Es handelt sich auch nicht einfach darum, dass Einschränkungen bestehen, die einfach aufgehoben werden könnten; sondern es kann niemandem unmittelbar klar sein, was er oder sie wirklich will, weil niemals die Möglichkeit bestand, darüber in Ruhe nachzudenken. Und in Ruhe, das heisst auch gar nicht alleine, sondern in Gesellschaft und Austausch. Genau dieser fehlt.

Was da tun? Wir besitzen ja doch einen konkreten Begriff von freier, selbsttätiger und schöpferischer Rede. Man nennt es die Kunst. Und die gesellschaftliche Literatur, der „angewandte Roman“ (Friedrich Schlegel) ist das Theater. Die moderne Kunst, namentlich die sogenannte avantgardistische, erhebt schon lange den Anspruch, gesellschaftsverändernd zu wirken; unterdrückte Bedürfnisse zu entwickeln; die Mittel des Ausdrucks zu befreien; einen Angriff gegen die bestehende Ordnung zu führen.

Glauben wir das? Ich habe neulich Zweifel daran geäussert: gerade der durch nichts gedeckte Anspruch, eine Avantgarde zu sein, eine abgetrennte und selbstherrliche Gruppe, die niemandem Rechenschaft schuldet, ist es, der das Vorhaben unmöglich macht. Die Hinterlassenschaft von 200 Jahren Avantgarde-Kunst müsste, um zu etwas noch nütze zu sein, radikal von dieser Perspektive aus neu untersucht werden: welche Gestalt nimmt sie an, wenn sie nicht mehr die Ansprüche einer kleinen Gruppe von Intellektuellen, sondern die Ansprüche der unterdrückten Mehrheit entwickeln sollte? Wie sähe eine massenhaft demokratische und radikale Kunst aus?

Das interessante ist, wir haben bereits Erfahrungen. Theater z.B. funktioniert ganz hervorragend und besser ohne das Hohepriestertum des Autors oder des Regisseurs, ohne den Geniekultus des spezialisierten Schauspielers. Dieser ganze Kram kann ohne weiteres auf den Müll. Die moderne Kunst hat schon jetzt besseres, einschneidenderes, machtvolleres gefunden; sie kann es sich nur nicht eingestehen, ohne ihr spezialisiertes Dasein aufzugeben. Diejenigen, die ein Stück entwickeln, unterscheiden sich von denen, die es ansehen, nur auf eine Weise unvermeidlich: dass sie länger sich damit beschäftigen. Jeder Gegenstand von einigem Interesse, aus dem man ein Drama machen kann, bietet unendlich Gelegenheit zu Überlegung, Erörterung und Urteil; und zwar befreit von einem unmittelbar drängenden Zweck, aber trotzdem angeleitet von dem Gegenstand. Je relevanter aber der Gegenstand, desto mehr schlägt solche kollektive Kunst in gesellschaftliche Debatte selbst um. Gerade wegen ihrer Realitätsferne kann die Form Kunst gegen eine Gesellschaftsordnung gekehrt werden, die selbst realitätsfern ist.

Es gibt natürlich einige theoretische Schulen für derartiges Theater, ausgedacht von Fachpersonal; einige interessanter, andere weniger. Aber man muss sich mit diesen nicht länger aufhalten, als man will; jedesmal, wo spezialisiertes Wissen zur Voraussetzung für solche Tätigkeit wird, hört diese Tätigkeit auf, frei und allgemein zugänglich zu sein. Kritische Intellektuelle haben nicht die Aufgabe der dauernden Anleitung; Prozesse, die mehr als einen nachhaltigen Anstoss benötigen und ohne dauernde Anleitung nicht ablaufen, sind künstlich und taugen nicht zur Selbstbefreiung.

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Jeder Versuch, dauerhaft die Isolation zwischen den Gesellschaftsgliedern aufzuheben, wird sich auf mehr als einer Ebene bewegen müssen und sich mehrerer Mittel bedienen müssen. Umgekehrt kann keines dieser Mittel ohne Einbusse seiner Wirkung alleine betrieben werden. Sie unterstützen sich in ihrer Wirkung, aber sie behindern sich gegenseitig, wenn sie nicht gleichmässig entfaltet werden. Die Entfaltung der verdrängten Bedürfnisse hat den Status eines Versprechens, mehr nicht; sie bedarf zu ihrer Wirksamkeit der Einlösung, der praktischen Unterstützung für die bereits bewussten Bedürfnisse. Die praktische Selbsthilfe aber bedarf dieses Versprechens, bedarf des Auswegs aus der Passivität; der Bereitschaft, nach dem bisher unmöglichen zu streben.

Solche sich gegenseitig bedingenden Tätigkeiten gehören also eigentlich schon räumlich zusammen. Die Frage nach dem Raum und seiner organisatorischen Struktur zieht die Frage nach sich, wie man die nötigen Ausgaben bestreitet; eine der letzten Rückzugsorte für Spezialistentätigkeit wird auf absehbare Zeit die Wissenschaft von den Fördermitteln bleiben. Es ist keine Schande, Förderungsmittel zu beziehen; besser wäre es, wenn es dessen nicht bedürfte. Fördermittel tendieren dazu, Abhängigkeit zu schaffen; aber man muss bedenken, dass auch jeder konkurrierende Akteur, die Vereine und die Kirchen, Förderungen beziehen. Die frühe französische Arbeiterbewegung hatte bei aller Staatsfeindschaft keine Scham, für ihre Bourses de Travail, Arbeiterbörsen, sich von den Gemeinden Häuser geben zu lassen. Sie hatte allerdings auch die Grösse, die Gemeinden dazu zu bringen.

Je unabweisbarer das gesellschaftliche Bedürfnis, in dessen Namen man auftritt, desto legitimer tritt man auch auf; desto eher ist man in der Lage, Räume und Möglichkeiten zu bekommen. Es ist vielleicht keine schlechte Idee, sich Gegenden mit gemischter Sozialstruktur zu suchen. Die bestehenden Sozial- und Kulturangebote in gemeindlicher, kirchlicher oder freier Trägerschaft sollte man gut kennen; sie konstituieren im Guten wie Bösen die unmittelbaren Bedingungen der Tätigkeit.

Man sollte sich an keine der einzelnen unterdrückten Gruppen exklusiv binden, wenn das die Gefahr mit sich bringt, dass man sich den Zugang zu anderen Gruppen dadurch versperrt. Genau die Dynamik der Zwietracht sollte man im Gegenteil unterlaufen. Und man sollte niemals der Versuchung unterliegen, sich einzubilden, man hätte fertige, belastbare und überlegene Ideen, die man anderen nur nahe genug legen muss. Auch die eigenen Beschränkungen, bei unserer Leserschaft die des studentischen Milieus, müssen abgelegt werden. Auch wir wissen in Wahrheit erschreckend wenig.

Heisst das, die längst bekannte Stadtteilarbeit neu zu erfinden? Wahrscheinlich gar nicht unbedingt. Aber es liegt auch dort viel an Fähigkeiten brach, und es bleibt zu vieles ungetan; und das Bewusstsein fehlt heute in weiten Kreisen, was praktische Kritik (denn um solche handelt es sich) bedeutet, und wieviel davon abhängt. Es geht nicht um ein Haus mit einer roten Fahne, wo man seine Parties feiert. Es geht nicht um einen Raum, wo man seine Vorträge hält. Keine Sekte, keine Szene hat hier etwas zu suchen, keine Organisation, die nach Bestätigung ihrer eigenen Grundanschauungen suchen muss. Sondern es geht hier darum, die alte Gesellschaft aufzulösen, indem man eine andere beginnt. Die Eroberung der Mittel des Ausdrucks, die Revolution des alltäglichen Lebens; alle diese schönen Wörter, mit denen unsere Sekte gewohnt war zu hantieren, haben eigentlich keine Bedeutung, wenn nicht so.

Kollektivarbeit

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Gute Frage XV

Bärbock, ah, aus South Park, oder?

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Sackgasse der Subversion

Vorbemerkungen zu einer Selbstkritik des „Surrealismus im Dienste der Revolution“

Es ist gelegentlich die Rede von den Situationisten und ihrem Beitrag dazu, das revolutionäre Erbe der Avantgardekunst zu retten. Aber es wird fast nie darüber nachgedacht, worin dieses Erbe denn bestehen soll, noch nicht mal, ob die Avantgardekunst denn ausreichend tot ist, um sie beerben zu wollen. Am Ende könnte es sein, dass die Ideen über die Avantgardekunst genauso unüberlegt sind wie die über die Revolution. Man soll sie ja einander aber nicht einfach äusserlich gegenüber stellen. In was für einem Verhältnis stehen sie zueinander?

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Fragen wir erst einmal André Breton, den Gründer des Surrealismus. „Meine Sympathie ist in der Tat viel zu vollständig bei denen, die die soziale Revolution machen werden, als dass diese Schwierigkeiten sie auch nur zeitweilig beeinträchtigen könnte“ (Andre Breton, Zweites Manifest des Surrealismus). Das schrieb er interessanterweise, als der versuchte, der kommunistischen Partei beizutreten, und dabei auf Schwierigkeiten stiess. Diese Schwierigkeiten hatten ihre Ursache noch nicht in den Differenzen über den Stalinismus, die später zu seinem Austritt führten; sondern in völlig verschiednen Ansichten über das Verhältnis der künstlerischen Avantgarde zur Revolution.

„Ich glaube nicht an die momentane Möglichkeit einer Kunst oder Literatur, die die Ansprüche der arbeitenden Klasse ausdrückt. Wenn ich mich weigere, an eine solche Möglichkeit zu glauben, dann deshalb, weil in der Zeit vor der Revolution die Künstler oder Schriftsteller, die notwendigerweise von der Bürgerklasse hervorgebracht werden, unfähig sind, diese Ansprüche zu übersetzen,“ ibd.

Die kommunistische Partei hatte solche Bedenken nicht; sie verlangte von den Künstlern sogenannten sozialistischen Realismus, und behandelte den als legitimen Ausdruck proletarischer Kunst. Man muss vielleicht heute nicht mehr lange darüber argumentieren; die Künstler, auch die sozialistisch-realistischen, die die kommunistische Partei Frankreichs um sich sammelte, sind in der Tat schon definitionsgemäss keine Arbeiter, sondern kommen aus den privilegierten Klassen. Sonst hätten sie nicht die Zeit, Künstler zu sein; so geisttötend einfältig diese Wahrheit auch ist. Der Realismus ist eine Tendenz innerhalb der bürgerlichen Kunst; und zwar eine, die ohne Schwierigkeit mit einer politischen Tendenz beladen werden kann, weil sie annspruchslose und leicht fassliche Arbeiten ermöglicht; die also zu der Rolle passt, die die kommunistische Partei sich für die Arbeiter gedacht hatte, als passive Konsumenten der Dinge, die die Parteiintellektuellen für sie dachten.

Sie ist natürlich keine Kunst, die die arbeitende Klasse selbst hervorbringt; und sie ist auch kein Schritt auf dem Weg zu einer solchen Kunst, sie betrügt die arbeitende Klasse nur ein weiteres Mal um die ersten Voraussetzungen einer solchen Kunst. Breton hatte andere Absichten: er wollte, beteuert er, der arbeitenden Klassen die Mittel der künstlerischen Avantgarde in die Hand geben. Aber hat er Wort gehalten?

„Ich kann nichts erkennen, was irgendein Wort vom Lautreamont entwerten würde im Hinblick auf das, was den Geist betrifft. Im Vergleich, jeder Versuch, gesellschaftliche Erscheinungen anders als mit Marx zu erklären, ist gerade so irrig, wie jede Anstrengung, eine sogenannte „proletarische“ Kunst und Literatur aufzustellen in einem Zeitalter, wo niemand rechtmässig eine Verwandtschaft zur proletarischen Kultur beanspruchen kann, aus dem hervorragenden Grund, dass diese Kultur noch nicht existiert,“ ibd.

Niemand, richtig. Aber warum denn die Avantgarde der modernen Kunst? Woraus kann denn diese ihren eigenen revolutionären Anspruch begründen? Breton sagt: daraus, dass sie selbst an der Befreiung arbeitet, an der Auflösung der alten Welt, an der Verwirklichung unerhörter Ansprüche; an der Anerkennung der verdrängten, unterirdischen Seite der wirklichen Menschen; an der Niederreissung aller derjenigen Trennungen, auf denen die Herrschaft des Menschen über den Menschen beruht.

„Von unsrer Position aus behaupten wir, dass die Tätigkeit der Interpretation der Welt immer mit der der Veränderung der Welt verbunden sein muss. Wir behaupten, dass es die Aufgabe des Dichters, des Künstlers ist, das menschliche Problem in der Tiefe und in allen seinen Formen zu untersuchen; dass es gerade das unbeschränkte Fortschreiten seines Geistes in diese Richtung ist, die die Möglichkeit der Veränderung bietet… Nicht durch stereotype Erklärungen gegen Faschismus und Krieg werden wir die uralten Ketten des menschlichen Geists brechen, und die neuen Ketten, die ihm drohen; sondern durch die Betätigung unserer Treue zu denjenigen Mächten, die den menschlichen Geist befreien. … „Die Welt verändern“, sagt Marx; „das Leben ändern“, sagt Rimbaud. Diese zwei Worte sind eins für uns.“ (Rede auf dem Schriftstellerkongress 1935)

Also vorerst auf einem rein philosophischen Titel; wer aber garantiert, dass die Tendenz der Befreiung, wie sie die Avantgardekunst versteht, zusammenfällt mit den Ansprüchen der wirklichen Unterdrückten? Niemand, sagt eigentlich Breton, ausser die wirkliche Teilnahme an ihrem Kampf; nichts als die wirkliche Arbeit an der Veränderung. Die Kunst kann ein Mittel zu dieser Veränderung sein, eine Waffe in der Hand der Unterdrückten, statt ein Kulturgut in den Händen der privilegierten. Ja, vielleicht ist das so, aber ist der Surrealismus ein Schritt dahin?

Fragen wir unter seinen Nachfolgern die, die am klarsten auf der Seite der Revolution geblieben sind. „In der Epoche ihrer Auflösung ist die Kunst als negative Bewegung… eine Kunst der Veränderung und zugleich der reine Ausdruck der unmöglichen Veränderung. Je grandioser ihre Forderung ist, um so mehr liegt ihre wahre Verwirklichung jenseits ihrer. Diese Kunst ist gezwungenermaßen Avantgarde und diese Kunst existiert nicht. Ihre Avantgarde ist ihr Verschwinden.“ (Debord, Gesellschaft des Spektakels, These 190). Dass die Kunst als ein eigener, von der Praxis der Gesellschaft getrennter Bereich erscheint, liegt darin, dass die Praxis der Gesellschaft selbst nicht freie schöpferische Tätigkeit ist, sondern unter Zwang geschieht. Alright, das verstehen wir.

„Der Dadaismus und der Surrealismus sind die beiden Strömungen, die das Ende der modernen Kunst kennzeichneten. Sie sind, wenn auch nur auf eine relativ bewußte Weise, Zeitgenossen des letzten großen Sturmangriffs der revolutionären proletarischen Bewegung; und das Scheitern dieser Bewegung, das sie gerade im künstlerischen Feldb… eingeschlossen hielt, ist der Hauptgrund für ihre Immobilisierung. Der Dadaismus und der Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im Gegensatz zueinander. In diesem Gegensatz, der für jede der beiden Strömungen auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet, erscheint die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der anderen nur einseitig entwickelt wurde. Der Dadaismus wollte die Kunst aufheben, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie aufzuheben. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische Position hat gezeigt, daß die Aufhebung und die Verwirklichung der Kunst die unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Überwindung der Kunst sind“ (ibd 191).

Auch das klingt plausibel. Die Kunst ist ein Produkt einer gesellschaftlichen Verdrängung, nämlich aller freien schöpferischen Tätigkeit aus der Gesellschaft in einen gesonderten Bereich. Die Kunst wird natürlich durch diese Verdrängung entstellt sein. Aber wie soll das vonstatten gehen? Wohin soll die Kunst aufgehoben werden, worin soll sie verwirklicht werden? Die Situationisten geben uns darüber noch weniger Aufschluss als diejenige moderne Kunst der Avantgarde, die auch nach dem Surrealismus weiter Kunst treiben, als wäre nichts.

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Denn offenbar kann man das. Nehmen wir Joyce. Aber diese Kunst zeigt eine bestimmbare Tendenz: der Gegenstand dieser Untersuchung ist das alltägliche Leben. Und das ist auch die einzige nähere Erklärung, zu der die Situationisten sich bereit finden: die Überwindung der Kunst steht im Dienst der Revolution des alltäglichen Lebens.

Wir müssen im folgenden so tun, als könne man insoweit die moderne Kunst einerseits, die Avantgarde-Bewegungen seit Dada, und die Situationisten als etwas zusammenhängendes ansprechen, und füreinander haftbar machen. Man mag dagegen einwenden, was man will. Wir haben ja bisher schon so getan, als wären Dada, der Surrealismus und der Situationismus im Grunde ein und dasselbe, ohne dass es jemanden gestört zu haben scheint. Wir wissen ohnehin niemanden ausser uns, der diesen Tendenzen noch hinreichend verbunden wäre, dass er die Vollmacht hätte, für sie zu sprechen.

Sehen wir uns rein als Beispiel einen Aspekt dieser modernen Kunst einmal an, für den sie seltsamerweise nicht angeschaut werden will. Sagen wir, wie suchen ein Drama um 1900, vielleicht zum Aufführen, und blättern durch Strindbergs oder auch Kokoschkas Werke. Man wird erstaunlich oft finden, dass sie für unsere Zwecke unbrauchbar sind, und zwar wegen eines rasenden, fanatischen Frauenhasses, der den Arbeiten nicht auszutreiben sein wird, weil er in der Tat oft den inneren Kern der Handlung abgibt, der das Stück zusammenhält. Was für einen Reim macht man sich darauf?

Man kann auf die interessante Ausrede verfallen, mit den Surrealisten, mit der modernen Avantgarde habe das nichts zu tun; das waren auch „andere Zeiten“, ganze zwanzig Jahre vorher; aber was ist mit ihrer Anbetung des de Sade, oder sogar Lautreamonts? Liegt bei diesen der Fall anders? Oder mit Bretons berühmtem Roman „Nadia“. Die Titelperson kommt da nur als ein rätselhaftes Objekt vor, es wird kein Versuch gemacht, herauszubekommen, warum sie so handelt, wie sie handelt. Und Dali, der doch vom Surrealismus her kommt: sein ungeheurer Erfolg verdankt sich gerade seinem offen zur Schau getragenen Frauenhass. Orwell hat das in seinem Aufsatz über ihn fast erkannt und auf interessante Weise diese Einsicht gerade noch zu verfehlen geschafft.

Oh aber man verstehe mich nicht falsch, natürlich hat Breton oft und nachdrücklich die Unterdrückung der Frauen angeklagt, und ihre Befreiung gefordert! Aber getrennt von seinem Werk, diesem äusserlich, und auf gerade die Weise, wie die Dichter der Volksfront ihr revolutionären Proklamationen äusserlich neben ihre nicht revolutionäre Kunst gestellt haben. Wir erinnern uns: „stereotype Erklärungen…“

Es ist für mich garnicht die Frage, ob Breton das verziehen werden kann. Es geht nicht um ein moralisches Urteil, oder um billige Absolution. Es geht um ein Versagen, das die befreiende Kraft dieser radikalen Kunst in Frage stellt. Es ist nicht eine Frage der äusserlichen Solidarität, sondern der inneren Wahrheit dieser Kunst. Für die Sache der allgemeinen Befreiung ist ein Surrealismus, der Männerphantasien produziert und äusserlich Solidarität mit den Frauen daranleimt, gerade so hilfreich wie ein Realismus mit aussen darangeleimter Sympathie fürs Proletariat.

Oder sehen wir Henry Miller an! Orwell nimmt ihn zu Recht als hervorragendes Beispiel für die Tendenz der modernen Kunst zum alltäglichen Leben. Ihm ist nichts menschliches fremd, ausser alles, was die Frauen in seinen Geschichten denken, wollen und fühlen. Es sind vollkommen rätselhafte Wesen, die zu verstehen er sich nicht bemüht; etwas anderes als sie zu betrügen fällt ihm nicht ein. Es ist jedenfalls ehrlich, es ist nicht gelogen; es hat, man muss Orwell Recht geben, durchaus einen Wert.

Und die Milleriten, die nach ihm kamen: Ginsberg, oder Burroughs; es geht hier ja keineswegs nur um Prosakunst, sondern diese Schule gehört fest zu denjenigen Veränderungen des alltäglichen Lebens, die man heute die „sexuelle Revolution“ nennt. Davon ist diese Avantgarde die Avantgarde gewesen. Wir haben heute zum Glück eine ausgezeichnete Arbeit über diese ganze Bewegung, Sheila Jeffreys „Anticlimax“. Und das Problem an dem Verlauf und dem Inhalt dieser „sexuellen Revolution“ steht in einer interessanten Verbindung zu dem Problem der Avantgarde.

„Diejenigen, die behaupten, dass The Naked Lunch in der Tat ein Kunstwerk ist, und nicht bloss eine Darstellung von Burroughs‘ sadomasochistischen Phantasien, haben sich einen sehr anspruchsvollen sozialen Zweck seiner obsessiven Neigung zum Erhängen ausgedacht. Er besteht darin, ‚den Lesern die Verbindung zwischen sexuellem Begehren und dem Drang zu töten oder zu quälen deutlich zu machen, um Grausamkeit zu unterbinden durch Selbsterkenntnis…‘ … Wenn dieses Genie die Welt verändern wollte, was war sein Ziel? Offensichtlich wollte er die Verbindung von Sex und Liebe durchtrennen. Liebe, behauptete er, ist ‚ein Betrug, begangen vom weiblichen Geschlecht‘ … Burroughs überlegte auch eine Lösung für das Problem, dass die Frauen seinem grossen Plan Widerstand leisten würden. Frauen würden ausgeschaltet werden müssen. Burroughs erläutert das Problem der Existenz von Frauen wie folgt:… ‚Frauen sind ein vollkommener Fluch.‘ Ich denke, sie sind der grundsätzliche Fehler, und das ganze dualistische Universum entwickelte sich aus diesem grundlegenden Fehler.“ (Jeffreys, Anticlimax, S. 54 f.)

Ich würde nur an einem Punkt widersprechen; natürlich gehört Burroughs in die Tradition der modernen Kunst. Ebenso gehört er in die Tradition dessen, was das zwanzigste Jahrhundert sich unter der „sexuellen Befreiung“ vorstellte. Um so schlimmer für beide!

Die Counter-Culture, die man für subversiv zu halten gewohnt waren, dient heute als Steinbruch für einen Haufen Bewegungen, die zum Einzugsbereich des heutigen Faschismus gehören; diese fühlen sich anscheinend sehr wohl in dieser Vorstellungswelt. Diejenigen, die wollen, dass es bleibt, wie es vorgestern war, okkupieren den Gestus der Rebellion; sind sie nicht dabei, die Techniken der Subversion selbst in Beschlag zu nehmen? Oder wie die Situationisten es nannten: zu rekuperieren… „Rekuperiert wird nur, wer sich rekuperieren lässt.“ In der Tat! Warum also lässt es sich rekuperieren?

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Oder wollen wir den erprobten Sophismus ausprobieren: wenn die Counter Culture rekuperiert werden kann, ist sie einfach nicht radikal genug gewesen… Nein. Man kann sich nicht herausreden. Oder vielleicht andersherum: die künstlerische Avatngarde ist überhaupt nie revolutionär gewesen… Aber sie ist doch wirklich aufs tiefste mit der Revolutionsgeschichte verflochten. Keine Ausflüchte mehr.

Das Problem liegt woanders, und es kommt darauf an, zu begreifen. Die moderne Kunst, das heisst die Kunst hat im Zeitalter der Revolution wirklich diejenige eigene Tendenz, sich in die Revolution des alltäglichen Lebens fortzusetzen. Die Situationisten haben es richtig beschrieben. Aber aus Gründen, die sie nur andeuten, bleibt sie dabei stecken. Sie verliert an irgendeinem Punkt anscheinend ihre verändernde Kraft; wenn man nur sagen könnte, an welchem!

Das muss als ein katastrophales Problem der Kunst begriffen werden. Der Übergang zur Revolution, das ist ihr eigenes Gesetz, das ist ihre Nötigung, der sie sich nicht entziehen kann. Huelsenbeck, Tzara, Breton hatten völlig Recht damit. Wenn sie es nicht tut, wird sie Müll. Sie kann nicht Kunst bleiben, ohne gleichzeitig zu beginnen, ihr eigenes abgesondertes Dasein als Kunst durchzustreichen, ihre Spezialisierung und Abtrennung. Es ist eine Frage von Leben und Tod für ihre eigene Wahrheit. Ihre eigene Tendenz zur Befreiung des Ausdrucks verurteilt sie dazu, entweder an der Verallgemeinerung der Mittel des Ausdrucks zu arbeiten, oder in Schande unterzugehen.

Aber aus der Notwendigkeit einer Tat ist noch nie die Tat selber schon gekommen. Die Avantgarden alle sind ja, man muss es sagen, gescheitert, alle ihre grössten Werke sind imposante Ruinen dieses Scheiterns. James Joyce’s Finnegan’s Wake, eine gigantische Arbeit, aber die Kunst verläuft weiter bloss als Kunst, man bestaunt es, und es hat kaum einen Nachfolger gefunden; ausser, und das ist noch schlimmer, dass niemand Ezra Pound gehindert hat, denselben Stil für seine Judenhetze nachzuäffen, und man wird raten dürfen, wo das heute seine Resonanz findet. Darüber wird nicht gern gesprochen unter den Freunden der modernen Kunst.

Die moderne Kunst ist gefangen; sie ist unfähig, ihr Programm zu verwirklichen. Sie kann es aus eigenen Kräften gar nicht. Es wird nur gelingen durch einen viel gründlicheren Anschlag auf ihren Kerker, als selbst die Dadaisten sich zu träumen gewagt hätten.

Die Situationisten haben diese Lage zwar beschrieben, aber haben sie sie zu lösen vermocht? Sie haben ja immerhin, um 1968 herum, einen Versuch gemacht, den Boden der blossen Kunst zu verlassen, und ihre Mittel an der Gesellschaft selbst ausprobiert; und man kann nicht einmal sagen ohne Erfolg. Sie haben ihren Angriff geführt, wie die Avantgarde der Dadaisten seinerzeit: kräftig, aber rein negativ. Aber als der erste Aufstand gekommen war, 1968, fanden sie, dass sie handlungsunfähig geworden waren. „Unsere Ideen sind bereits in allen Köpfen, es handelt sich nur darum wann sie herauskommen“, ja, aber als das geschehen war, gerät die Avantgarde in Auflösung; in genau den Wochen, in der sich die Niederlage der Bewegung entschieden hat, war sie unfähig, der Bewegung noch etwas mitzuteilen.

Gerade was der Vorteil der organisierten Avantgarde sein sollte, ihre streng aufrechterhaltene Handlungsfähigkeit, löst sich genau dann auf, wenn es auf sie ankommt. Die Grundlage, auf der das alles aufgebaut war, ist von Anfang an die falsche gewesen.

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Machen wir jetzt einen anscheinend weiten Sprung zu einem völlig anderen Aspekt dessen, was man gewöhnlich subversiv nennt. In jeder linken Bewegung, die eine gewisse Anziehung nach aussen entfaltet, sammelt sich alsbald eine bestimmte Sort junger Männer, die wir sehr gut kennen, und die eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten entfalten, durch die sie sich einem bestimmten Typus zuordnen lassen, den zornigen jungen Männern.

Es sind dies junge Leute, die einen Platz für sich in der Welt suchen, den sie, im Bewusstsein ihrer Fähigkeiten, natürlich recht hoch veranschlagen. In kuriosem Gegensatz steht dazu anscheinend ihre Strategie, diesen zu erreichen.

Sie zeichnen sich durch die besondere Unbedingtheit aus in jeder Sache, auf die sie sich werfen; durch eine Bereitschaft zu einer oft unnötigen Radikalität, die merkwürdig oft so aussieht, als wäre sie wichtiger als die Sache selbst, die dahinter nicht selten ganz verschwindet und die für sie in Wahrheit nur ein rein äusserliches Interesse hat.

In ihren Kreisen herrscht eine regelrechte Sucht nach den krassesten und abseitigsten Meinungen, die sie um die Wette vertreten; mit Vorliebe solche, die von anderen unmöglich oder zumindest sehr schwer akzeptiert werden können. Das ist kein Nachteil dieser Meinungen, sondern gerade ihr Vorteil, denn sie wären nicht zufrieden, auch wenn man sie mit vollster Zustimmung empfangen würde.

Es geht ihnen gar nicht um die Zustimmung, es geht ihnen um die Anstrengung, die sie anderen bereiten, wenn diese versuchen sollten, ihnen entgegenzukommen. Es geht ihnen nicht um den Inhalt von Zugeständnissen, sondern um die Anerkennung ihrer eigenen, radikal empfundenen Subjektivität.

Ihre Ansichten werden oft mit besonders radikaler und abstrakter Verneinung verwechselt, während sie in Wahrheit vor allem eine halb bewusste Strategie ist, sich selbst ihrer Mitwelt aufzuzwingen. Eine andere Sache als sich selbst haben sie nicht. Das erscheint ihnen nicht als Mangel. Denn es ist ihre eigene Existenz alleine, die ihnen als ungeheuer radikal erscheint, so dass für sie keine Anstrengung als zu gross veranschlagt werden kann. Es ist gar keine Verstellung im Spiel; sie wissen es einfach wirklich nicht besser.

Sie glauben fest an ihre eigene radikale Freiheit, weil sie auf das Trugbild ihrer Ungebundenheit hereinfallen. Sie bemerken nicht, dass diese nur als Illusion oder als Privileg möglich ist; sie nehmen sie vielmehr als das Mass dessen, was sie anstreben. So streben sie nach einer Stellung in der Welt, die nur als eine Usurpation möglich ist.

In allen diesen radikalen Welten halten sich zeitweise auch Frauen auf; aber innerlich sind die jungen Männer voll Unverständnis und Zorn über diese, weil sie das Gefühl haben, dass diese immer mit einem Bein in der „alten Welt“ stehen bleiben, sich niemals so rückhaltlos auf diese „radikale Existenz“ einlassen; sie träumen vielleicht davon; aber sie wissen insgeheim, dass es leicht reden ist für die, die im Notfall sich um Konsequenzen einfach herumstehlen werden.

Menschen in der Revolte, in der Tat, aber wogegen? Gegen die gesellschaftlichen Formen, ja, meinetwegen. Aber haben diese nicht mehrere Gesichter, je nachdem, wem sie sich zuwenden? Die monogame Ehe z.B. ist ein Vertrag, das heisst sie bindet zwei sehr verschieden unglückliche Parteien, und es gibt zwangsläufig zwei sehr verschiedne Möglichkeiten einer Kritik der Mongamie! Es gibt durchaus eine männliche und eine weibliche Kritik der Familie. Welche von beiden wird wohl lauter gehört werden, in der Gesellschaft, und in der Avantgardekunst, wenn wir schon bei dem Thema sind?

Es ist nicht leicht zuzugeben, aber das Leben der jungen Frauen enthält alles, was auch im Leben der jungen Männer vorkommt; aber nicht umgekehrt. Der Führungsanspruch der zornigen jungen Männer ist Usurpation, aber überall erhalten sie die Führung, zumindest zum Schein, wirklich zugestanden.

Das ausweglose ihrer Lage ist aber dieses, dass ihr Zorn für eine verbrauchte Sache eintritt. Die zornigen jungen Männer sind selbst eine verbrauchte Kraft, auch wenn sie immer frisch nachzuwachsen scheinen. Diejenige Radikalität, die sie selbst hervorbringen können, ist leere Negation. Die Avantgarde der modernen Kunst gleicht diesen zornigen jungen Männern.

5

Der Unentschiedenheit, ob die Kunst eher aufzuheben oder eher zu verwirklichen ist, entspricht in der Revolution die Unentschiedenheit, ob die Arbeit in der Negation des bestehenden oder in dem Aufbau neuer Formen liegt. Und auch hier ist beides nicht ohne einander zu haben, und auch hier ist dieser Zwiespalt von der bestehenden Position aus nicht zu überbrücken.

Das Problem der Revolte, das Camus beschreibt, hat im Grunde diese Ursache. Camus hat formale Kriterien gegeben, aber keine materialen. Wäre es jetzt nicht genauer zu sagen? Er untersucht die Revolutionsgeschichte nach der Keimanlage des Terrors, und nicht überraschend findet er sie auch, aber er fasst sie anscheinend nicht gründlich; so dass nur eine im Grunde äusserliche Moral, oder Mässigung als Heilmittel in Frage kommen. Äusserlich heisst, der Revolutionsgeschichte äusserlich; Camus‘ Ideen sind also hilflos, weil sie in der Revolutionsgeschichte, und im Objektiven eine Stütze nicht haben. Auch Orwell hat ja doch nicht ganz durchschaut, was es mit der Ambivalenz der modernen Kunst auf sich hat. Wie wenn etwas ihn daran hindert, aus seiner ganzen Kritik des Dali usw. die sich aufdrängende Folge zu ziehen.

Der Gegensatz ist aber ein scheinbarer, er besteht überhaupt nur von der Position der künstlichen Verantwortungslosigkeit aus, sozusagen von der Position der zornigen jungen Männer aus. Er nimmt sogleich eine ganz andere Form an, wenn das Problem in die Hände solcher gerät, die nicht für ein Privileg zu kämpfen haben.

Die Frage, wie radikale Kunst zu treiben wäre, löst sich auf vor der Frage, von wem radikale Kunst getrieben werden kann. Das Schicksal des Hugo Ball ist vielleicht lehrreich. Er war unter den Dadaisten einer der ersten, und einer der Männer der radikalsten Verneinung, aber was hatte er davon? Was wusste er mit der schwindelnden Höhe der Verneinung anzufangen, zu der er sich verstiegen hatte? Er musste erkennen, dass er lediglich einen Abgrund aufgerissen hatte, der bereits da war; und dass die Negativität, die er als einzige Waffe führen konnte, die des objektiven Prozesses selbst gewesen war. Er suchte dann seine Zuflucht im Positiven, in seinem Fall im Katholizismus, aber ich bezweifle, dass er sie gefunden hat.

Eine Verneinung aber ist nur so abstrakt und ausweglos wie diejenige Subjektivität, das sie äussert; und sie teilt deren Schicksal. Diese Auswegslosigkeit ist aber nicht unabänderlich, sondern Schein. Die Verneinung führt nicht von sich aus schon eine getrennte radikale Existenz selbst, die sich in der Verneinung gewissermassen erschöpft. Das ist niemals der Fall, wenn man es sich nicht eigens einbildet. Aber diese Einbildung, wir haben es angedeutet, hat eine gesellschaftliche Grundlage.

Wird die Grundlage, oder präziöser ausgedrückt die Subjektivität, der Verneinung anders bestimmt, nämlich geeignet und sinnvoll bestimmt, dann sollte der Gegensatz verschwinden. Wie muss man sich das denken? Es müsste sich dann zeigen, dass eine Praxis der Kunst möglich ist, die gerade darin besteht, das getrennte Dasein der Kunst aufzuheben. Von diesem Punkt aus, wenn er gefunden werden kann, wäre die richtige Grundlage zu bestimmen.

6

Der Drehpunkt an der Kritik der bestehenden Gesellschaft, sagen die Situationisten, ist die Kritik des alltäglichen Lebens. Die Gesellschaft macht ihre Geschichte so, als ob diese weit entfertn von ihr auf den grossen Höhen stattfände. Und weil die Gesellschaft so tut, also ist es auch beinahe so. Das wirkliche, tägliche Leben ist unwichtig; wichtig sind dagegen die unsinnigen Illusionen, zu denen sie aufblicken. Diese Illusionen sind einzelne spezialisierte Funktionen: „die Politik“, „die Wirtschaft“, in denen sie glaubt, als einziges ihre eigene Geschichte erblicken zu können; aber sie sind von ihrem wirklichen Leben getrennt.

„Woher aber, wird man fragen, kommt es, dass die Wichtigkeit dieses alltäglichen Lebens, das meines Erachtens das einzige wirkliche Leben ist, so vollständig und unmittelbar … herabgesetzt wird… ? Das rührt meiner Meinung nach daher, dass das alltägliche Leben innerhalb der Grenzen einer skandalösen Armut organisiert wird, und hauptsächlich, weil diese Armut des alltäglichen Lebens nichts zufälliges an sich hat: sie wird ihm stets durch den Zwang und die Gewalt einer Klassengesellschaft aufgezwungen – es handelt sich also um eine den Notwendigkeiten der Geschichte der Ausbeutung gemäß historisch organisierte Armut“ (Debord, Perspektiven einer bewussten Änderung des alltäglichen Lebens, Vortrag 1961).

Die Abtrennung des alltäglichen Lebens als eines Bereichs, dem man keine Wichtigkeit beimisst, ist seine wirkliche Unterwerfung. Aber diese Abtrennung wird von den Formen, in denen die Menschen denken und leben, selbst produziert. „Wir müssen also annehmen, dass die von den Leuten über die Frage ihres eigenen alltäglichen Lebens ausgeübte Zensur dadurch zu erklären ist, dass sie sich seines unerträglichen Elends bewusst sind und gleichzeitig vielleicht uneingestandenermaßen, aber unvermeidlich irgendwann empfinden müssen, dass alle echten Möglichkeiten und alle Bedürfnisse, die durch das Funktionieren des sozialen Lebens zunichte gemacht werden sind, dort und keineswegs in den spezialisierten Tätigkeiten… enthalten waren“, ibd.

Was hier verdrängt wird, und zwar ins sogenannte Privatleben, ist gerade das, was die wirkliche Gesellschaftlichkeit zustandebringt; was als „Öffentlichkeit“ zurückbleibt, ist nur ein nutzloser Rest. „Man hat sich gefragt: ‘Wessen ist eigentlich das Privatleben beraubt worden? (privare, lat.: berauben)’. Ganz einfach des Lebens, das grausam von ihm abwesend ist. Die Leute sind der Kommunikation und der Selbstverwirklichung so weit beraubt worden, wie es nur möglich ist. Man sollte sagen: der Möglichkeit, persönlich ihre eigene Geschichte zu machen“, ibd.

„Bevor die Kritik und die ständige Neuschaffung der Totalität des alltäglichen Lebens von allen Menschen natürlicherweise ausgeübt werden kann, sollten sie unter den Bedingungen der gegenwärtigen Unterdrückung unternommen werden und zwar, um diese Bedingungen zu zerstören. Keine kulturelle Avantgardebewegung – sogar eine mit revolutionären Sympathien – kann das zustandebringen,“ ibd. Das ist alles gut und richtig. Aber an dieser Stelle endet, was uns die Situationisten über dieses „private Leben“ und seine Umwälzung mitzuteilen haben. Wissen sie nicht mehr davon? Genau in dem Jahr, in dem sie verstummen, beginnt die zweite Welle des Feminismus.

Die Kritik des alltäglichen Lebens, von der die Situationisten so viel geredet haben, ist erst begonnen worden von der Women’s Liberation Front und von Frauen wie Shulamith Firestone und Katie Sarachild. Und soweit sie überhaupt geleistet worden ist, ist sie von ihnen und ihren Nachfolgerinnen geleistet worden. Die Nachfolger der Situationisten haben sich nicht die Mühe gemacht, sie auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind zur Strafe irrelevant geworden.

7

„Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter. Sie werden im historischen Materialisten mit einem distanzierten Betrachter zu rechnen haben. Denn was er an Kulturgütern überblickt, das ist ihm samt und sonders von einer Abkunft, die er nicht ohne Grauen bedenken kann“; so bezeichnet Walter Benjamin den gesellschaftlichen Ort der Kunst, wo sie als fertiges Werk zum Ausstellungsstück tauglich wird (Thesen über die Geschichte, VII). Die Bestimmung ist für unsere Zwecke sehr einschlägig; denn es war genau diese Musealisierung, Reduktion der Kunst zu Beute der Herrschenden, zur Zierde ihrer Gesellschaft, die den Anschlag auf diese Art Kunst antrieb.

Die Befreiung der gewesenen Kunst aus diesem Schaukerker ist nicht in einem Akt getan. Sie ist ja nicht nur Beute, sondern sie ist selbst Produkt der Herrschaft; ihre Züge selbst sind die der Ausbeutung. Ihre Erlösung setzt ihre Kritik voraus; dass man sich ihren Erschaffern auf gleicher Ebene nähert und ihnen auf die Finger schaut; indem man ihnen unehrerbietige Fragen stellt, und nach ihren Motiven forscht. Die befreite Menschheit, wenn sie Siegerin sein wird, kann es nicht halten wie alle vorherigen Sieger; sie kann das gewesene nicht einfach als Trophäe ausstellen, denn es ist aus ihrem eigenen Leiden geschaffen, und sie wird sich selbst in diesen erkennen und erlösen müssen. Aus demselben Grund kann sie es nicht austilgen und vergessen machen. Das Erbe, das sie anzutreten hat, muss, um angetreten zu werden, völlig umgebildet werden.

Es ist auch gesagt worden: „Poesie kann nur durch Poesie kritisiert werden. Ein Kunsturteil, welches nicht selbst ein Kunstwerk ist,…. hat gar kein Bürgerrecht im Reich der Kunst. … “ (Friedrich Schlegel, Lyceum-Fragment 117); „Eine … Theorie des Romans würde selbst ein Roman sein müssen… Das Schauspiel [ist] ein angewandter Roman“ (ders., Brief über den Roman). Das ist nicht falsch; der Roman aber ist eine individuelle Form, das Schauspiel dagegen eine öffentlich gesellschaftliche. Diejenige umbildende Kritik, an die wir denken, hätte zur Voraussetzung, dass die Trennung zwischen Urheber und Werk, zwischen Werk und Publikum aufhört; dass diese Trennung im fortschreitenden Prozess umbildender Kritik sich auflöst. Dann, aber nur dann kann Kunst sich selbst als gesellschaftliches Denken über die Gesellschaft wissen. Erst dann ist sie legitim.

Die Gleichungen der Theorie dafür, wir habens gesehen, bestehen alle schon; sie ergeben sogar Sinn nur für eine Kunst als lebendig öffentliche umschaffende Kritik; sie werden falsch, wo die Kunst als bloss individuelle Anstrengung, ihr Erzeugnis als fertig abgeschlossenes unzugängliches Werk erscheinen soll. Das Schauspiel, von dem wir reden, hätte keine Autoren oder Regisseure; kein passives Publikum und keine spezialisierten Schauspieler. Es wäre Organ der gemeinsamen Verständigung für die, die an ihm teilnehmen; seine eigene Bewegung wäre die Eroberung der Mittel des Ausdrucks.

Vor allem aber hätte es über die Dinge zu reden, über die allgemein geschwiegen wird. Die Grundlage des öffentlichen Gesprächs in unseren Gesellschaften ist das Schweigen über die nächsten und wichtigsten Dinge. Jeder weiss das, aber jeder weiss auch gleichzeitig, dass diese Dinge nicht „wichtig“ sind. Begänne man sie als wichtig anzusehen, hätte man den Anfang des Fadens in der Hand. Auch das es diesen Faden und Anfang gibt, ahnen alle, aber sie tun, als könnten sie ihn nicht finden. So helfen sie alle mit, es allen zu verheimlichen. Ein Schauspiel wie das, von dem wir reden, könnte nur dann bestehen, wenn es Teil einer wirklichen Bewegung wäre, die darauf geht, diesen Zustand umzustürzen; ansonsten hätte es keine Aussicht; aber umgekehrt wäre eine solche Bewegung auch ohne ein solches Schauspiel nicht zu denken.

Eine solche Bewegung selbst ist mit den Mitteln des Schauspiels nicht zu erzeugen; aber sie ist ohne diese nicht aufrechtzuerhalten. Die umbildende Kritik eröffnet ihr den Zugang zur eigenen Geschichte der Gesellschaft. Dieses Schauspiel würde nicht fragen müssen, ob es die Kunst sich anzueignen oder sie zu zerstören hat. Beides wäre ohne weiteres das selbe. Die Kunst der Vergangenheit wäre in seine Gewalt gegeben. Kein Kulturgut wäre vor ihm sicher, denn keines könnte seiner auflösenden Kraft standhalten. Was würde aus Strindbergs Stücken in solchem Theater? Es würde überall leicht die sorgsam versteckte Lüge herausfinden, die jedes Werk der bisherigen Literatur plausibel hat machen helfen; und damit die Einrichtung der dazugehörenden Welt. Ob ein solches Theater bereits besteht, oder wie es zu betreiben wäre, ist hier nicht unsere Frage. Hier genügt es, festzustellen, dass eine solche Einrichtung der Attraktor einer Kunst sein müsste, die sich in der Sackgasse der Subversion nicht verfangen sollte.

Aber es war genau dieser einzige denkbare Attraktor, den die Avantgardebewegungen der modernen Kunst so zielsicher verfehlten. Und das ist kein Zufall, denn ihr ganzer gesellschaftlicher Charakter war darauf ausgerichtet, das um jeden Preis zu erhalten, was als erstes fallen muss: den Autor, oder die Avantgardebewegung selbst, die feststehende Existenz des Künstlers, der vom Publikum getrennt sein musste. Die Surrealisten konnten noch so laut erklären, den Surrealismus in den Dienst der Revolution zu stellen: den Preis dafür zu zahlen, waren sie nicht bereit: die Auflösung der eigenen Schule, die Preisgabe ihrer usurpierten Autorität, den gesellschaftlichen Charakter, den sie verkörperten.

Es werden noch viele wie sie kommen und gehen; aber immerhin, das Spiel ist fade und uninteressant geworden. Alle Kunst, die in gar keiner Beziehung auf die Revolution steht, ist ohnehin von der Quelle ihrer Kraft abgeschnitten; sie wird nicht einmal mehr zur Kenntnis genommen werden. Schon stellt sich die Frage, ob Kunst überhaupt noch möglich ist. Es ist die falsche Frage. Sie ist ohne Zweifel möglich und nötig. Nur nicht auf derselben Grundlage.

Die alten Prophezeiungen sind nicht plötzlich unwahr geworden. Alle Kunst ist in der Tat unmöglich, die nicht der Eroberung der Mittel des Ausdrucks dient, und der Revolution des alltäglichen Lebens; wenn auch ganz anders als wir es uns träumen liessen, als wir noch selbst zornige junge Männer waren; sollen wir vielleicht direkt sagen: allle Kunst ist unmöglich, die nicht feministisch ist? Denn nur auf diese Weise können die alten Prophezeiungen wahr werden.

Von Jörg Finkenberger

 

Mehr:

NARRENMATT IM THEATERENSEMBLE

Nachträglich: Über die Situationisten

Über Selbsttätigkeit

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GIK-Lesekreis

Folgende Mitteilung rücken wir hier ein:

Hallo,

wir finden das Buch der Gruppe Internationaler Kommunisten (GIK),
"Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung"
(http://www.mxks.de/files/kommunism/gik.html), vielversprechend 
genug, um es gemeinsam zu lesen und zu diskutieren. Wir lesen 
es schon seit einigen Wochen immer Montag Abend und sind bereits 
bei Kapitel 12, Interessierte können sich aber gerne noch 
anschließen. Das Thema ist umfangreich genug, um uns noch 
ein Weilchen zu beschäftigten. Der Lesekreis findet online 
bzw. in Berlin statt. Schreibt uns bei Interesse 
an betriebe2020@gmx.de.
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Okkulter Klassenkrieg in Frankreich

— spf

Ich schenke euch hier mal wahlweise einen coolen Titel für einen roman noir, für eine „Revision“ eines Brecht-Stücks oder eine Black-Metal-Platte der Marke Mayhem oder so. Oder vielleicht alles gleichzeitig. Denn die geplante und von der Polizei vereitelte Ermordung eines CGT-Gewerkschafter und Sympathisanten der „Gelben Westen“ Hassan T. durch die Betriebsführung mit Hilfe der Freimaurer ist genau das: eine lausige, erbärmliche Version von „Johnny mnemonic“. Man muss fast schon dafür dankbar sein, dass es so lausig war. Andererseits: warum wundert mich dieser Blödsinn nicht ein mal richtig? Ich meine, vor vielen Jahren so was Ähnliches bei Julius Evola gelesen zu haben, was ich auch gerne wieder vergessen habe.

rtl.fr schreibt:

In drei Sätzen bestätigt der Geschäftsführer dann nach 48 Stunden Dementi die Vorwürfe von Frédéric V., dem mutmaßlichen Drahtzieher der im Januar in einer Freimaurerloge abgebauten Kriminalzelle, der unter anderem das desaströse Projekt der Justiz aufgedeckt hatte. „Ich war schwach und leicht beeinflussbar“, fügt Muriel M. schnell hinzu, bevor sie schlussfolgert: „Ich habe gemerkt, dass ich viel Blödsinn gemacht habe.“

Diese Geständnisse lassen uns nachvollziehen, warum die 54-jährige Mutter am 7. Mai wegen krimineller Verschwörung zum Mord angeklagt und in Untersuchungshaft genommen wurde, wie RTL mitteilte. Sie bestätigen auch die Gefährlichkeit der inzwischen neutralisierten Zelle, in der sich Freimaurer, ehemalige Polizisten und Geheimdienstler aller Art vermischten. (…)

Im Dezember 2019 wurde Hassan T. schließlich in den CSE gewählt. Muriel M. erzählt dann von ihrer „Angst“, dass er andere Mitarbeiter um sich vereinen werde und „Gewerkschaften sich gründen (…) nachdem wir den Familiengeist verloren haben“, so ihre Aussage gegenüber der Polizei. Es war ihre „Phobie“, bestätigt ihr Bruder, Co-Manager des Unternehmens. Keine Gewerkschaftssektion soll jemals das Licht der Welt erblicken, dennoch bietet die Personalabteilung dem Mitarbeiter eine Vertragspause an, die er ablehnt. (…)

Der Vertrag über den Kopf des Gewerkschafters wird Teil eines „Pakets“ Schulung + Audit + Elimination sein. Alles für rund 80.000 Euro, abgerechnet in „vier Rechnungen“, adressiert an die verschiedenen Firmen von Frédéric V.

Das nennt man auch Coaching, hab ich gehört. Oder Rationalisierungsmaßnahmen. Oder Unionbusting. Sorgt für Schutz.

 

 

 

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Extremely concerned about your class attitude

– spf

Der belarussische Staat hat neulich ein Passagierflügzeug auf dem Weg von einem EU-Land in ein anderes EU-Land unter Androhung von Waffengewalt zur Landung gezwungen. Von Bomben, eskalierenden Konflikten am Bord und anderen Bullshit-Vorwänden abgesehen, galt die Aktion dem Blogger Roman Protassewitsch (engl. Protasevich) und seiner Freundin. Es ist gut möglich, dass dem Mitbegründer des unabhängigen Nachrichtenportals NEXTA außer Folter und Gefängnis auch noch Hinrichtung droht – für das Provozieren von Massenunruhen. Das ist ein ganz großer Tennis, wie wir Profsportler sagen, selbst für Belarus. Für die Leute, die wie üblich etwas desorientiert sind, gibt es mittlerweile ein Twitter-Account Namens „Is EU concerned?“, auf dem die EU-BürgerInnen ihre Gefühle bequem mit offiziellen Richtlinien abgleichen können.

Und schon läuft eine Kampagne an, um die Solidarität mit Protassewitsch zu torpedieren. „International support for Belarussian Protasevich is currently undermined by pushing two major narritives. The first one is whataboutism about Evo Morales grounding incident in 2013, and the second one is ‚Protasevich is a Neo-Nazi‘“, wie neulich eine ukrainische Kollegin schrieb. „Minsk carried out a brilliant operation to detain Roman Protasevich, a man who manipulated human souls and urged juveniles to take to the streets so that they would be killed in the riots“, so steht das auf der englischsprachigen Seite von „Pravda“ (rus. für „Wahrheit“, sic!). Zahlreiche bots und agents retranslieren das auf ihre jeweilige Manier und in ihren jeweiligen Sprachen in ganz Europa.

Sogar Andrij „der weiße Führer“ Bilezkyj, seines Zeichens der Kommandeur des berüchtigten ukrainischen Frewilligenregiments „Azow“ hat Protassewitschs Tätigkeit als Journalist bestätigt. Der „linke Intellektuelle“ im Dresdner Exil Wolodymir Ischtschenko, nebenberuflich der ukrainische Kofferträger Putins, meint allerdings, dass Bilezkyj damit auch noch etwas anderes bestätigt hätte:

Ich sage dazu nur noch, was ich immer zu Leuten wie Ischtschenko sage: Achtet auf RednerInnen-und ReferentInnenlisten der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wenn die Veranstaltungen wieder live und in Farbe anfangen und sich wieder Gelegenheit bietet, eine „linke“ Konferenz zu deutsch-russischen Beziehungen über ukrainische Köpfe hinweg abzuhalten. Ansonsten überlasse ich den anderen, sich an dieser Kackschlacht zu beteiligen, falls jemand die Frage, ob selbsternannte Präsidenten JournalistInnen hinrichten dürften, auch wenn sie sich vor Jahren in Svastone-Klamotten ablichten ließen, für eine Diskussion mit offenem Ergebnis hält.

Es erinnert mich, ehrlich gesagt, an den Prozess gegen Senzow und Koltschenko, die 2014 wegen Terrorismus verhaftet und nach Russland verschleppt wurden. Für den Filmemacher Oleh (oder Oleg) Senzow engagierten sich diverse angesehene Leute und beispielsweise Europäische Filmakademie. Für seinen Mitgefangenen, den Krimer Anarchisten Olexandr Koltschenko, der ganz anständig an einer versuchten Brandstiftung an russländischen militärischen Einrichtungen auf der Krim sich beteiligte, interessierten sich nicht einmal deutsche bzw. europäische AnarchistInnen, die sich ansonsten routinemäßig mit jeder brennenden Mülltonne irgendwo auf der Welt solidarisieren. Ja, man glaubt es nicht, in welche Milieus die russländische Propaganda hineinreicht. Von etwa 70 verschleppten Krimtataren im Hizb-ut-Tahrir-Prozess ganz zu schweigen, die angesehenen Leute werden sich damit nicht profilieren können.

Nun lasst uns zu einem anderen Thema kommen, das wir vor einem halben Jahr angekündigt bzw. angeschnitten haben. Es dürfte vielen interessierten BeobachterInnen in den jüngsten Wahlprotesten in Belarus etwas aufgefallen sein, was bis jetzt in den sogenannten „farbigen Revolutionen“ bis jetzt so gut wie nie da war, vor allem so massiv: die Präsenz der Arbeiterklasse mit den eigenen Forderungen und Aktionen. Gehen wir diesem Umstand auf die Spur, es ist genügend Zeit vergangen, um wenigstens rückblickend darüber zu urteilen.

Bereits in den ersten zwei Wochen der Proteste im August 2020 beteiligten sich etwa 80 Betriebe in einer oder anderen Form an den Protesten: Warnstreiks, Petitionen, Demonstrationen, Organisation von eigenen Strukturen und Koordination mit anderen Betrieben abseits von offiziellen Gewerkschaften.

Das Verhältnis betrachten wir ein bisschen näher. Es gibt kaum unabhängige Gewerkschaften in Belarus, heißt es immer, und das scheint zu stimmen. Große Gewerkschaftsverbände seien eh die elektorale Basis des Regimes, vor allem die Belegschaften der Staatsbetriebe gelten der Opposition als unnötiger Ballast aus der Sowjetzeit, groß, staatstreu, fast vormodern – als würde der Staat nur mäßig profitable Großbetriebe nur für den einen Zweck aushalten, damit wenigstens jemand bei den bekanntlich gefälschten Wahlen ganz ehrlich seine oder ihre Stimme für Väterchen Luka abgibt. Das ist natürlich nicht so. Die Arbeiterschaft stand der neuen Opposition, die denselben neoliberalen Wirtschaftskurs wie Lukaschenko nur etwas schneller fahren will, logischerweise skeptisch gegenüber. Und nun macht zumindest ein Teil, ein sichtbarer Teil von ihr bei der Opposition mit. Da waren sich fast alle sicher: Wenn die stillen „Stützen des Systems“ in Bewegung geraten sind, sind seine Tage gezählt. Der Fall ist nun nicht eingetreten und wir müssen wohl alle einsehen, Lukaschenkos Regime wird nicht mehr so schnell fallen. Die Folgen der Einmischung der Arbeiterschaft sind aber klar zu spüren. Weiterlesen

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Heft 17 in Druck

Zumindest glauben wir, dass es Heft 17 ist. Hat jemand mitgezählt?

Zu beziehen über die üblichen toten Briefkästen.

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Die amerikanische Verfassungskrise IX

Es ist jetzt eine Weile her, dass uns die amerikanische Verfassungskrise beschäftigt hat, und erstaunlich schnell stellt sich ein Gefühl von Normalität ein. Es ist ja noch einmal alles gutgegangen, was. Es ist jetzt genügend Wasser die Pegnitz heruntergeflossen, dass man ein paar Dinge zusammenfassen und festhalten kann.

1. Man hat bis vor kurzem ohne weiteres so getan, als wäre die liberale parlamentarische Regierungsform gleichzeitig eine Natureigenschaft der kapitalistischen Produktionsweise, und eine Natureigenschaft einer bestimmten Weltregion, die man den „Westen“ nennt. Man beginnt zu begreifen, dass man auf diesen Gedanken überhaupt nur innerhalb einer bestimmten Epoche kommen konnte, und zwar ist diese Epoche nicht sehr lange gewesen. Sie beginnt vielleicht erst vor 100 Jahren mit dem Untergang der alten europäischen Ordnung, dem Eingreifen der USA in den ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs, und den Revolutionen nach 1917. Und all die Zeit konnte man so tun, als bliebe das globale Zentrum dieser Regierungsform und Gesellschaftsordnung, die USA, von der Geschichte der Revolutionen und Konterrevolutionen unberührt. Das ist wohl jetzt vorbei.

Also wird man vielleicht, nach den Ereignissen der letzten 10 Jahre, nicht mehr so tun, als wären diese Vorstellungen von „Freiheit und Demokratie“ sozusagen der Normalzustand der Moderne, der ohne weiteres gegeben ist. Man wird aber auch aufhören müssen, so zu tun, als wären sieirgendwann von Woodrow Wilson erfunden worden, rein um irgendwelche imperialistischen Ziele zu verschleiern.

2. Grössere Teile unsrer Linken unterschätzen die Reichweite und Gehalt dieses „amerikanischen“ Begriffs von Freiheit und Demokratie. Man ist entweder sehr stolz darauf, dass mans „bürgerliche“ Freiheit und „bürgerliche“ Demokratie nennt, und vergisst nie, allerhand über den Kapitalismus dazuzusagen. Gleichzeitig gibt man sich aber verständnislos, wenn grössere Revolutionen der Gegenwart anscheinend bei diesen „bloss bürgerlichen“ Forderungen „stehenbleiben“. Wenn solche Revolutionen scheitern oder steckenbleiben, dann hört man die üblichen Weisheiten: wie wichtig es sei, dass sich derlei bürgerlich-demokratische „Illusionen“ auflösen; und dass „die Massen“ stattdessen besser dran täten, sich an die patentierten Methoden der jeweils eignen Sekte zu halten.

Das Ausmass, in dem solche oder ähnliche Weisheiten vorherrschen, ist genau das Ausmass, in dem diese Teile unsrer Linken niemandem etwas sagen werden, und von niemandem etwas lernen werden.

Wie kommts denn, dass „die Massen“ den „bloss bürgerlichen“ Begriffen von Freiheit und Demokratie viel hartnäckiger anzuhängen scheinen, als z.B. dem Leuchtenden Pfad oder auch dem Operaismus? Ich lese ja zur Zeit, ich gebs besser gleich selbst zu, aus reiner Langeweile den Castoriadis, und es wird wohl nicht ausbleiben, dass ich da noch etwas dazu schreiben muss. Castoriadis scheint mir zu denen zu gehören, die am Anfang der ganzen neueren (nach 68er und postmodernen) Ultra-Linken stehen. Und diese ganze Strömung scheint mir auf eine ganz ähnliche Frage zurückzugehen, mit der niemand recht zu Ende gekommen ist.

Die Arbeiter haben im Mai und Juni 1968 umfassend und unangemeldet gestreikt, aber sie haben danach im Grunde weiter Lohnarbeit, Gewerkschafterei und Parlamentswahl getrieben, obwohl wir doch wissen, dass sie stattdessen auch Fabrikbesetzung, Selbstverwaltung und klassenlose Gesellschaft hätten treiben können. Man findet dann allerhand Fragen auf diese Antwort. Aber man gibt sich keine Mühe, sie zu begreifen. Leute wie z.B. ägyptischen Arbeiter von 2011 ff. haben dann natürlich keinerlei Mitleid oder gar Solidarität mehr zu erwarten. Wenn man sich dann fragte, wer denn dann überhaupt, dann hat man das Problem schon völlig begriffen.

3. Wir werden uns also nicht viel klüger vorkommen, wenn man uns versichert, die Auseinandersetzung zwischen dem Biden-Lager und dem Trump-Lager habe uns im Prinzip nichts anzugehen, weil es eine Auseinandersetzung „innerhalb der herrschenden Klasse“ sei. Wir ahnen stattdessen, dass es womöglich innerhalb der „herrschenden Klasse“ mehrere Sorten gibt; die einen, deren Vorherrschaft der parlamentarischen Demokratie bedarf; und die andere, die nicht zur Vorherrschaft gelangen kann, ohne die parlamentarische Demokratie niederzureissen.

Wir haben ausserdem gefunden, dass diesen zwei Sorten womöglich verschiedne „Kapitalfraktionen“, wie man es altmodisch nennt, entsprechen, und dass die Wählerkoalitionen, die sie unterstützen, sich aus den Lohnarbeitern dieser Kapitalfraktionen zusammensetzen. Es können also beide Seiten von sich behaupten, von „den Arbeitern“ gewählt worden zu sein, und das tun sie auch ausgiebig. Die Klassenfrage hat eine nachgerade erstaunliche Wiederauferstehung erfahren.

Diese „Kapitalfraktionen“ stehen sich aber nicht einfach äusserlich und unveränderlich gegenüber, sondern sie stehen ja in ökonomischen Gefüge in dauerndem Austausch, d.h. im Kampf um Profitmargen; d.h. sie verdauen sich jeden Moment gegenseitig. Und es kann so aussehen, als ob für die USA diejenige Fraktion, an die sich die Demokratische Partei anlehnt, die entscheidende Oberhand gewonnen hat.

4. Man kann z.B. das Jacobin Mag lesen, das von Leuten gemacht wird, die sich für sog. radikale Linke halten müssen. Da liest man dann gleichzeitig folgende Dinge: erstens, Biden ist natürlich so eine Kapitalisten-Socke : „It didn’t take long for Joe Biden to betray the Labor Movement“, die alte Leier; wobei man sich bitte endlich einmal angewöhnen muss, sauber zu arbeiten, denn entweder ist jemand der Klassenfeind, oder jemand ist ein Teil der verräterischen versöhnlerischen Führung, aber nicht beides zusammen. Oder aber man liest über den PRO Act, es sei der ehrgeizigste Entwurf eines gewerkschaftsfreundlichen Gesetzes jemals, ohne eingebaute Kompromisse, eine „wish list„; aber aus dem Weissen Haus hört man, dass der Präsident dieses Gesetz beschlossen wünscht.

Und das gilt nicht nur für die Arbeitsgesetzgebung. Ganze Strömungen der radikalen Linken sind anscheinend in der Gefahr, ihre populärsten Forderungen zu verlieren. Die gekauften Schergen des Kapitals nehmen sie ihnen einfach weg und machen Gesetze draus. Es lässt sich noch nicht einmal sagen, dass sie mit allerhand üblen Tricks den sozialistischen Kandidaten Bernie Sanders von der Macht abhalten. Sie haben ihn zum Vorsitzenden des Haushaltsausschusses gemacht.

Präsident Biden ist nicht besonders radikal. Wer in der Lage ist, zwei Billionen Dollar in einen Nachtragshaushalt zu schieben, muss das auch nicht sein. Mit dieser Art Geld muss man nicht einzelne Personen des linken Parteiflügels kaufen. Sondern man kauft ihr Programm. Wer in der Lage ist, 100jährige Anleihen für praktisch 0% Zinsen am Markt zu plazieren, ist auch in der Lage, den gesamten Green New Deal in einem einzigen Gesetz zu erledigen.

Heisst das, dass alle diese Forderungen viel zu zahm, „reformistisch“ gewesen seien? Ich muss gestehen, dass ich nicht weiss, wer das sein soll, der reformistische von nicht-reformistischen Forderungen unterscheiden kann, und auch nicht, was eine nicht-reformistische Forderung sein soll. Mir scheint, dass z.B. revolutionäre Veränderungen nicht gefordert, sondern gemacht werden.

5. Ist das also die Art, wie die Auseinandersetzungen der letzten 10 oder 12 Jahre ausgehen: mit einer neuen sozialdemokratischen Ära? In keiner Weise. Es ist noch gar nichts vorbei, es hat noch nicht einmal begonnen. Genau in demselben Masse, in dem es Biden gelingt, die amerikanische Gesellschaft zu konsolidieren, verlagern sich dieselben Gegensätze auf die aussenpolitische Ebene. Und das selbe wird für eine etwa von den Grünen geführte deutsche Bundesregierung gelten.

Nehmen wir die Autoindustrie. Wir haben darüber schon viel geschrieben. Sie steckt in einer grösseren Sackgasse, ihr Kapitalstock ist veraltet, die internationale Konkurrenz frisst die Profite. Eine Politik nach Art des Green New Deal bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass ungeheure Summen in die Umstellung auf Elektromobilität gesteckt werden, und zwar sowohl in der Fertigung, als auch im Strom- und Strassennetz; sowie eine gewisse staatliche Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, die wie eine Abnahmegarantie wirkt.

Das ganze wirkt gegenüber dem Weltmarkt, insbesondere China, wie eine Aufholjagd in einem Handelskrieg; gegenüber den mächtigen Branchen der älteren Autokonjunkturen, wie der Erdölbranche, wie ein gewaltiger Machtkampf. Und wenn dieser Machtkampf im Inneren entschieden ist, sind die älteren abgestiegnen Branchen ihrerseits darauf verwiesen, sich zu fügen und einen Platz in der neuen Ordnung zu finden. Beweisstück B:

Können sie das? Ja, wenn die neue Ordnung der Dinge ihnen eine genügende Profitrate lässt. Aber genau das ist das Problem: die Sanierung der Profitrate ist nur zu haben über den Handelskrieg.

6. Die Gegensätze zwischen „dem Westen“ und China werden bis zu einem bisher unbekannten Punkt ansteigen. Und, was nicht ganz dasselbe ist, auch die zwischen „dem Westen“ und Russland bzw. denjenigen Regimen, für die Russland der Hauptanker ihres Bestehens ist.

Die Revolutionen von 2009 ff. sind auch keinesfalls erledigt, sondern sind mit gewaltiger Anstrengung stillgestellt. Sie können und werden weitergehen, sobald der Druck von ihnen genommen wird. Zwei Dinge halte ich aber auf absehbare Zeit für illusorisch.

Erstens: keine dieser Revolutionen wird schnell Frieden und Prosperität bringen. Sondern sie werden ohne Zweifel zu fürchterlichen Bürgerkriegen führen. Und jede innenpolitische Auseinandersetzung tendiert dazu, sich an den aussenpolitischen Gegensätzen festzumachen; so dass die kommenden Revolutionen auch in dieser Periode von Stellvertreterkriegen überlagert sein werden. Ohne die Aussicht auf Frieden und Prosperität werden aber grössere Teile der Bevölkerungen Revolutionen nicht unternehmen, ausser die Lage ist völlig verzweifelt. Es steht also zu erwarten, dass in vielen Gesellschaften die Lage in der Tat verzweifelt werden wird, während kleinere radikalierte Teile bereits in Bewegung geraten; ehe dann das Unvermeidliche dennoch losgeht und kein gutes Ende nimmt.

Zweitens: eine klare Perspektive für eine dauerhafte und gründliche Sanierung der kapitalistischen Produktionsweise gibt es nicht. Und ohne das gibt es überhaupt keine Antwort auf die Frage, ob „der Westen“ in seiner heutigen Form, oder die liberal parlamentarische Regierungsform, eine Zukunft haben. Aber eine solche Perspektive hat es niemals gegeben, sondern das ganze Geschäft hangelt sich mit notdürftigen Lösungen von Schwierigkeit zu Schwierigkeit. Einstweilen kann das Geschäft vielleicht aufrechterhalten werden, indem man China Anteile wegnimmt. Mittelfristig müsste man neue Bedürfnisse finden, die sich durch Waren befriedigen lassen; und die eine selbsttragende Konjunktur möglich machen würde, wie es z.B. Auto und Plastik in den 1950ern getan haben. Aber man kann nicht so tun, als würde sich das schon finden. Was passiert, wenn es sich nicht findet? Es geht so weiter wie bisher, nur härter.

Das heisst: weder die ungestörte Entwicklung der Dinge noch die Revolution lässt einen guten Ausgang erwarten. Aber beide werden dennoch unweigerlich eintreten.

7. Eine Revolution wie die jetzt versuchte in Weissrussland zB ist, sagen unsre Schlaumeier, ist gar keine grosse Sache, im Grunde gehts darum, ein verkommenes disfunktionales Regime zu ersetzen durch ein modernes, nagelneues Regime, aber eine grundlegend andere Gesellschaft wird daraus nicht. Und natürlich haben unsre Schlaumeier recht, denn das ist ihr Geschäft, d.h. das einzige, was sie können.

In denjenigen Teilen der Welt, in denen fürs parlamentarische Regieren die wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht bestehen, sind solche Revolutionen die einzige Art und Weise, wie ein unfähig gewordnes Regime verschwindet. Und als solches ist da auch nichts dabei, so könnte man unsern Schlaumeiern zugeben, und das ist der normale Gang der Dinge, von dem niemand viel erwartet. Ein neues Regime wird installiert, es erkennt die geerbte Staatsschuld an, die bestehenden Verträge und das ausländische Kapital und tastet auch ansonsten die Ordnung der Dinge nicht weiter an; 30 Jahre später ist es selbst versteinert, und das nächste ist an der Reih.

Was aber passiert, wenn seit zehn Jahren jedes noch so kaputte Regime, eh es stürzt, von russischen Waffen aufrechterhalten wird? Wenn die russische Regierung die Schutzmacht aller konservativen Kräfte geworden ist? Eines Tages wird sie zusammenbrechen, und mit ihr alle ihre Klienten, auf einmal. Sind das dann auch noch nur lokale episodische Ereignisse?

8. Es gibt also keinerlei Ruhepunkt, und keinerlei stabile Ordnung einer Zwischenzeit. Es kann sich jederzeit alles wieder umkehren. Der friedliche Fortgang der Dinge im Westen hat die Verschärfung der internationalen Konflikte zu seiner Voraussetzung. Ob er will oder nicht, sein Schicksal hängt an der Wiederaufnahme der Revolutionen; aber diese werden auch auf ihn zurückschlagen.

Keine bestehende Tendenz repräsentiert heute anscheinend etwas anderes als ein Moment innerhalb dieses Vorgangs. Von keiner kann erwartet werden, über ihn hinauszuführen. Aber keine bestehende Tendenz ist mehr neutral in irgendeinem Sinne, die Vorgänge der letzten zehn Jahre haben sie alle sortiert und ihnen ihren jetzigen Platz zugewiesen, wenn dieser Platz auch ein sehr anderer war, als man es am Anfang erwarten konnte. Es bestehen heute ganz andere Allianzen. Aber was werden sie taugen? Die Karten werden schon morgen neu gemischt.

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(Anti)-Paternalismus

Der vorletzte Artikel in der jungle world, den ich gelesen habe, war von Felix Klopotek. Ich hab danach noch einen von Magnus Klaue gelesen, dann hab ich beschlossen, dass ichs jetzt bleiben lass. Felix Klopotek argumentiert da irgendwie über die Massnahmen der Corona-Vorbeugung und bemüht da allerhand Dinge, um irgendeine Folgerung zu stützen, und ich kanns nicht ändern, ich find, was er sagt, einfach verlogen.

Was ist, wenn die Menschen dort (sc. „in proletarischen Vierteln“) eine Infektion mit dem Virus eher in Kauf nehmen als in den Wohngegenden der zum Teil panisch verängstigen Mittelschicht? Wenn ihnen das großfamiliäre Leben wichtiger ist als der Schutz vor der Pandemie? Wenn sie Kontaktbeschränkungen und Isolationsgebote bewusst nicht so ernst nehmen und sich sagen: »Wir haben eh ein hartes Leben, wenn wir es jetzt noch in Quarantäne verbringen, werden wir vielleicht gesund bleiben, aber dabei noch ärmer werden.«

So heissts da zunächst. Ja, in der Tat, was ist dann? Ist das dann gut oder schlecht? Felix Klopotek sagt es uns nicht. Das heisst, er sagt es uns nicht gleich. Er will uns zu einem Schluss führen, ohne ihn auszusprechen. Er nimmt es erst als Einleitung, um danach festzustellen,

dass Arme und Proletarisierte in linken Diskussionen derzeit fast nur als Opfer der Pandemie auftauchen und kaum einer auf die Idee kommt, ihnen Eigensinn zuzugestehen – als wäre der Antipaternalismus, den einst der Arzt und Historiker Karl Heinz Roth, der Rechtsanwalt und Autor Detlef Hartmann, die Wildcat-­Redaktion oder auch die Gruppe Kanak Attack mühselig etabliert haben, in der radikalen Linken schon wieder passé.

Also gut, Antipaternalismus ist erfunden worden von einigen Angehörigen freier Berufe, ein Arzt, ein Rechtsanwalt, allerhand Leute, die es zu etwas gebracht haben, aber warum sagt uns Felix Klopotek so ausdrücklich? Ich jedenfalls wollte es gar nicht so genau wissen. Und was schliesst er daraus? Gerade hiess es, dass arme Leute sich so einen Lockdown schlecht leisten können. Jetzt hiess es, dass wohlhabende Leute ihnen keine Vorschriften machen sollten. Das ist alles gut und schön. Und jetzt:

Anzeichen dafür, dass vielen Proleten ein Leben, das von Angst vor Tod und Krankheit bestimmt ist, nicht so lebenswert erscheint wie ein Leben, das riskanter, aber eben auch angstfreier ist, gab es im vergangenen Jahr immer wieder: Umfragen in Frankreich, wonach der Anteil der Lockdown- und Isolationsbefürworter unter Menschen mit geringem Einkommen signifikant niedriger ist; Jugend- und Vorstadtrandale in Frankreich, Brüssel, Stuttgart und jüngst in Spanien.

Jetzt hat man den Sprung gemacht, dass arme Leute eben einfach risikofreudiger sind als die „panisch verängstigte Mittelschicht“. Woher weiss man sowas? Aus „Anzeichen“. Das kann ich dem Felix Klopotek jetzt glauben oder auch nicht. Aber wozu sollte ich? Ich bin schliesslich derzeit weder Antipaternalist noch Freiberufler, dass ich aus allerhand „Anzeichen“ herauslesen könnte, was man als Handarbeiter oder, wie die Antipaternalisten sagen, „Prolet“ so denkt.

Ganz ernsthaft, ich glaube, diesen Leuten ist nicht mehr zu helfen. Dass man sich nicht blöd vorkommt, dass man Leute ernsthaft „Proleten“ nennt. Sich ihr Leben und ihre Motive ausmalt. Sich öffentlich daran erregt, für wie risikofreudig und unverdorben man sie hält. Während man offensichtlich keinerlei Ahnung hat. Und dann stolz seinen Antipaternalismus präsentiert. Guter Gott. Und der Zeitung, in der man das schreibt, fällts auch nicht auf.

Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was ich verliere, wenn ich mich, was diese Leute betrifft, an das schöne Lied von Anatol Blasch halte:

Wir wünschen Ihnen alles Gute
für Ihre berufliche Zukunft usw.

 

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Neuer Blog, neues Heft

So hallo,

das Alte Thier hat einen neuen Blog. Das liegt tatsächlich hauptsächlich an  wordpress.com, wo man grad das letzte benutzbare editing-Tool abgeschafft hat. Andererseits ists aber natürlich eine Art Übersprungshandlung, so wie man seine Wohnung aufräumt, wenn man merkt, dass man seit zu langer Zeit nichts mehr gescheites getan hat.

Also gut, tun wir mal wieder was gescheites! Die Bäume sind grün geworden, die Vögel drehen völlig frei und kreischen gestört; schnauzbärtige Diktatoren lassen wildfremde Passagiermaschinen abfangen, aber die Aussengastronomie öffnet wieder. Langsam reckt das Alte Thier seine knirschenden Knochen und hinkt nach der Öffnung seiner Höhle zu. Danach wird es hinunter zum Bach gehen, um seinen wüsten Durst zu stillen.

Und auch wir werden noch einmal mit dem Thier hinausgehen, auf unbekannte Ebenen;  eine andre Wahl haben wir ja doch nicht. Haltet euch gut an seinem schmutzigen Fell fest! Es wird wie immer eine wacklige Fahrt.

Vorwärts mit dem Grossen Thier!

ruft verzweifelt
Das Grosse Thier.

 

 

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Buchbesprechnung: (Hrsg.) Horst-Stowasser-Institut e.V., „Das Projekt A“, 2019, Bodenburg

[Aus der Ausgabe #15 – das GT]

Diese Buch kann ruhig ein moderner Klassiker des bundesdeutschen Anarchismus bezeichnen. Kaum jemand, der oder die heutzutage in irgendwelchen alternativen bzw. Kollektivbetrieben und Hausprojekten herumwerkelt, hat es gelesen, ist aber gewissermaßen ein Nachkomme des „Projekts A“, ohne es zu wissen. Zu einer umfassenden Reflexion durch den damaligen Initiator, Horst Stowasser, ist es leider nie gekommen, aber man kann sich ein Bild machen, wie es gedacht, diskutiert und umgesetzt wurde. Mitte der 80er Jahre startete nach einer bundesweiten Diskussion an drei Standorten in Oberhessen, Ostfriesland und Pfalz etwas Ambitioniertes, was mehr sein wollte als Hippi-Kommune, Verbund alternativer Betriebe oder der historische Sozialistische Bund Gustav Landauers – eine Föderation aus „dualen Projekten“, langfristig auf Ausweitung und Revolutionierung der Gesellschaft ausgerichtet. Der Gedanke ist trotzdem ein ziemlich Landauerscher. Wann die nächste Krise kommt, wissen Berufsrevolutionäre genauso wenig wie VWL-Professoren, aber sie pflegt diese immer wieder zu überraschen und einiges objektiv und subjektiv umzuwerfen. Dann haben Vorstellungen vom anderen Leben und Arbeiten wieder Konjunktur. „Solche Prozesse der Ernüchterung mögen generationsbedingt zusammenfallen mit der individuellen Midlife-crisis eines jeden, was seine kollektive Wirkung nur verstärkt und ihr Auftreten in den nächsten 10 bis 20 Jahren wahrscheinlich macht. Sie mögen zusätzlich verstärkt werden durch äußere Erschütterungen in Weltpolitik und Weltökonomie, die dazu beitragen, dass große Bevölkerungsschichten in tiefgreifende Wertkrisen fallen, etwa dann, wenn ihr Wohlstand gefährdet ist, ihr ökologischer Lebensraum bis zur Unerträglichkeit verkommt, oder ihr Ersatzgott ‚Geld‘ plötzlich nichts mehr wert sein sollte… Niemand kann solche Ereignisse voraussagen, aber es sind allesamt Dinge, die passiert sind, passieren und passieren werden – Dinge übrigens, mit denen die Linke in einer Art von ‚Katastrophentheorie‘ auch gelegentlich spekuliert (für die sie aber leider kaum brauchbare Strategien einer angemessenen Reaktion entwickelt und sich stattdessen von ihnen auf wundersame Weise eine ‚neue Welt‘ und einen ‚neuen Menschen‘ erhofft…). Spontan fallen mir dazu Szenarien ein wie ein internationaler ‚Dominoeffekt‘ unter Banken nach dem Bankrott von US-amerikanischen Sparkassen, der von Fachleuten erwartet wird, oder eine Verschärfung des Nord-Süd-Konflikts, der etwa mit dem finanziellen Bankrott eines Lands wie Mexiko, Brasilien oder Argentinien eingeläutet werden könnte oder einer forcierten Massenflucht der Armen in die Metropolen der Rechen… und vieles mehr“, sinnierte darüber Stowasser 1992. Die Leute, die das Projekt damals gestartet haben, wollten nicht nur wie auch immer emanzipatorisch leben und arbeiten, sondern unbedingt auch ökologisch wirtschaften – etwas, was man im Stowassers Plan nicht findet. Und eine Idee, ein Betrieb an eine politische Initiative wirtschaftlich zu koppeln, muss streng genommen ein durchdachter Businessplan sein, schlimmstenfalls versucht man z.B. die Sanierung und den Unterhalt eines Wohnprojekts bzw. eines Kulturzentrums mit Verkauf von Billigbier zu finanzieren. Der sorgsam ausgearbeitete Plan wird in der Regel von der Praxis revidiert oder gänzlich durchgestrichen: Finanznot, Arbeitsmoral, politische Differenzen, Transparenzprobleme, Wohnungsmangel, inzestuöse Abkapselung in der Subkultur, persönliche Sinn- und Beziehungskrisen, Eitelkeit und Eifersucht, das Fehlen von „langem Atem“. So kam es auch, so ist es heute immer noch. Wenn in Deutschland von diesen Strukturen wenig übriggeblieben ist, in Spanien erwies sich die Idee als erfolgreicher und lebensfähiger. Wie auch immer: praktisch nützlich am Buch ist so gut wie nichts mehr, es wollte im Übrigen auch damals keine „Projekt-Bilbel“ sein. Der Ausnahmezustand wird bekanntlich von der Linken nur in romantischen Phantasien herbeigeführt. Aber die wichtigste Frage darf die Linke gerne beantworten: Was hat sie vor zu tun, wenn es kracht? Und wenn es kracht, ist es nicht eh zu spät?

– von ndejra

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