Aus gegebenem Anlass

Weil es in den Wochen vor der nürnberger Diskussionsveranstaltung grad die Runde macht. Wer sich fragt, was Jörg Finkenberger über bisexuelle Männer wirklich gesagt hat, findet es hier.

Das erzeugte oft eine seltsame Assymetrie: die Bisexuellen waren öfter die, die eher an grossartigen Ideen hingen als die Schwulen. Das kommt, weil es für uns ein Abenteuer war, für die Schwulen ihr normales Leben. Das gab unseren Vorstellungen von dem, was wir da taten, zweierlei: erstens einen gewissen Überschwang, aber andererseits auch eine Realitätsferne. Uns nervte auch der Mief, den es in der schwulen Szene gab; wir redeten uns auch leicht, wir waren im Grunde nicht auf sie angewiesen. Umgekehrt betrachtete man uns Gestaltwandler mit völlig berechtigtem Misstrauen; wir konnten, und die meisten würden auch irgendwann, ein normales Leben führen, da lassen sich leicht grosse Reden schwingen.

Und so weiter. Also mit anderen Worten: übelste Hetze.

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Der ca ira-Verlag bittet um Ihre Mithilfe

Wir geben das hier einmal weiter:

Als hätten uns die allgemeinen Entwicklungen innerhalb der sogenannten Verlags- und Buchbranche im vergangenen Jahr – Umsatzeinbrüche von bis zu 50% im Buchhandel seit dem Februar 2022, bei gleichzeitigem enormen Anstieg der Druck- und Produktionskosten von mindestens 30% in Folge der gestiegenen Papier- und Energiekosten und das alles zusätzlich zur allgemeinen Inflation – finanziell nicht schon genug zugesetzt, erreichte uns im November dann die Schreckensmeldung, die die Bilanz eines schlechten Jahres vollends desaströs werden ließ: Unsere Auslieferung, die sozialistische Verlagsauslieferung GmbH (sova), die als Zwischenhändler die Bestellung der Geschäftskunden besorgt und für die Präsenz im regulären Buchhandel unabdingbar ist, musste überraschenderweise Insolvenz anmelden.

Zu allem Überfluss betrifft die Zahlungsunfähigkeit der sova nun ausgerechnet das Herbstgeschäft 2022, also genau jene Monate, die zu unseren umsatzstärksten gehörten, weil wir mit Das Kapital, sans phrase Nr. 20, Lichtlein für die Toten und Mit Marx gleich vier Neuerscheinungen auf einen Schlag hatten, die zudem auch im Buchhandel erstaunlich gut nachgefragt waren und für uns das Ruder in einem umsatzschwachen Jahr noch einmal herumreißen hätten können.

Was ihr tun könnt, um uns zu helfen:

1) Spenden auf unser Postbankkonto
Jeder Betrag, wirklich jeder, hilft uns, seien es zwei-, drei-, vier- oder gar fünfstellige Summen. Sie sind uns alle recht!

Inhaber: Institut für Sozialkritik Freiburg (ISF) e.V.
IBAN: DE94 6601 0075 0226 0457 56
BIC: PBNK DEFF
Verwendungszweck: »Spende, Vor- und Nachname«

2) Anpassung oder Erhöhung des Mitgliedsbetrags
Ihr steht mittlerweile in Lohn und Brot und könnt ein paar Euro mehr im Monat entbehren? Erhöht euren Dauerauftrag vom reduzierten Mindestbeitrag von 15 € für Schüler, Studenten und Erwerbslose auf den regulären Beitrag von 20€ für Erwerbstätige, 30€ für Fördermitglieder oder einen höheren Betrag eurer Wahl.

3) Neuwerbung von Vereinsmitgliedern
Ihr kennt Leute im Freundes- und Bekanntenkreis, die sich zwar für unsere Arbeit interessieren, aber noch kein Mitglied sind oder ihre Mitgliedschaft pausieren mussten? Sprecht sie an und erinnert sie an die Möglichkeit der Mitgliedschaft. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, um Mitglied im Institut für Sozialkritik zu werden.

4) Buchbestellungen über unseren Webshop
Helft uns, die Zahlungseinbußen aus dem Buchhandel abzufedern und bestellt als Privatkunden fleißig Bücher von unserer Backlist über unseren Webshop. Privatkunden werden so zügig wie gewohnt von unserem Büro in Freiburg bedient.

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Das Grosse Thier bittet um Mithilfe

Liebe zukünftige Thier-Autorinnen und -en,

wie ihr alle wisst, findet Mitte des Monats der Kongress der Strömung „Revolutionärer Bruch“ statt. Wir wollen totgeschlagen sein, wenn wir wissen, was das überhaupt ist, ausser dass es sich um einen momentan heiss gehandelten Auswuchs des studentischen Sektenwesens handelt. Und hier wird es für uns auf einmal interessant.

Die niedere, aber notwendige Kunst der Satire ist in der Linken in Verfall geraten. Dem kann und muss abgeholfen werden. Und der Kongress und seine Vorbereitung versprechen Premium-Content. Eine Debatte unter Pseudo-Linken, in der Sätze fallen wie dieser, ist Gold wert:

Die wesentliche Differenz, die zwischen uns und den Autor*innen des Aufrufs steht, ist unsere Ab­lehnung eines traditionellen Verständnisses der Linken, das diese im wesentlichen als revolutio­när-antikapitalistisch interpretiert und bruchlos an die Traditionen der Arbeiter*innenbewegung anschließt. Auch wir verstehen uns als revolutio­när und antikapitalistisch und setzten uns auch in die Tradition der Arbeiter*innenbe­wegung.

Das waren die Leute, die gegen unsern Vortrag in Leipzig aufgetreten sind. Kein Wunder:

Wir halten die Arbeiter*innenklasse für eine marginalisierte Gruppe unter anderen, der kein besonderer Vor­rang zukommt. Wie für jede marginalisierte Gruppe ergeben sich auch für die Arbeiter*in­nenklasse spezifische Strategien der politischen Arbeit, aus denen sich verschiedene Forderun­gen radikaler gesellschaftlicher Veränderung ab­leiten lassen. Aus den Konflikten der Arbeiter*in­nenklasse allein lässt sich beispielsweise die Überwindung des Hetero-monogamen-Komple­xes aber nicht denken. Diese Forderung ent­springt anderen gesellschaftlichen Konflikten, die sich zwar mit dem Klassenkampf über­schneiden, mit diesem aber weder identisch sind noch sich aus diesem ableiten lassen.

Übersetzt heisst das: was wir machen, hat zwar mit dem Klassenkampf nichts zu tun, aber wir werden trotzdem so tun als ob („überschneiden“); weil wir das Prestige der Unterdrückten brauchen. Was für decouvrierende Ausführungen muss nicht ein Kongress von mehreren rivalisierenden Gruppen dieser Art bieten! Und das alles in der verschwurbeltsten Sprache, die man sich nur wünschen kann. Man sollte es transkribieren und szenisch aufführen.

Es kann eigentlich nur grossartig werden. Anmeldung zum Kongress hier, Zuschriften zum Abdruck an die bekannten toten Briefkästen.

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31.1. Nürnberg Diskussion: Genderdebatte

Weil die Ankündigung noch nirgendwo verlinkbar zu finden ist, hier auf altmodisch analoge Weise:

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Die „Pseudo-Linke“ in Leipzig (1)

Ob sich die Aufregung um die Vorgänge vom 11.12. in Leipzig mittlerweile etwas gelegt hat, wissen wir nicht und glauben es auch nicht; der Tag hat das Potential, die Linke noch eine ganze Weile zu beschäftigen, und wir gehen nach dem bisherigen Stand davon aus, dass die Linke den Schuss diesmal gehört hat. Die Zustände, die wir beschreiben, bedrohen die freie Erörterung unsrer Angelegenheiten, das heisst sie bedrohen die Linke an ihrer Wurzel. Und die Linke hat, wie uns scheint, die Lage erkannt und wird beginnen, sich zu verteidigen.

Einstweilen reichen wir für die, dies noch nicht gefunden haben, ein paar Sachen nach: erstens den Mitschnitt des Vortrags und der Diskussionsbeiträge (nachgesprochen).

Zweitens ein den Tag vorher erschienenes Gespräch über dasselbe Thema beim Podcast Nordwestpassage.

Drittens den Bericht der Veranstalter über die Angriffe auf das Publikum.

Viertens ein Bericht im Kulturteil der Welt über die Vorgänge, der gut recherchiert ist, aber dem man die Agenda anmerkt, nach der er gearbeitet ist.

Für die vielen Zuschriften danken wir. Die Solidarität wissen wir zu schätzen, und die Angebote zur Diskussion werden wir nicht ausschlagen. Es geht hier aber gar nicht um uns und unser wertes Empfinden, sondern um die Geschäfte der Linken; und die Diskussion erledigen wir lieber in der Öffentlichkeit statt im kleinen Kreis unter alten Feinden. Man kann den Vortrag buchen; man kann sogar zu dem Referenten noch einen anderen Standpunkt auf die Bühne setzen, zum Beispiel seinen eignen. Was das erforderliche Sicherheitskonzept betrifft, wissen wir seit Leipzig etwas, was wir vorher nicht wussten.

Die Wahrscheinlichkeit von tätlichen Angriffen, vor allem gegen Frauen, ist hoch. Man soll das nicht als Grund zum Wegducken nehmen, sondern damit offensiv umgehen: man muss die Lage auf der Strasse geregelt kriegen, aus eignen Kräften oder mit der Hilfe der Behörden, uns ist das egal. Letztlich werden diesen Leuten ihre Grenzen gezeigt werden müssen, eher wird es nicht anders.

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Buchbesprechung: Neuestes aus der Spekulativen Physik


Dieser Artikel, und fast alle dort besprochenen Positionen, stehen unter einem sehr merkwürdigen Vorbehalt. Es könnte sich zeigen, dass der neuere Ansatz von Peter Gerwinski ihnen den Boden unter den Füssen wegzieht. In diesem Falle würde ich sehr lachen. Und vermutlich Sabine Hossenfelder auch.

Smolin, Three Roads to Quantum Gravity, 2001
Barbour, The End of Time, 2001
Zeh, The Physical Basis of the Direction of Time, 2007
Smolin, Time Reborn, 2013
Smolin u. Unger, The Singular Universe and the Reality of Time, 2014
Rovelli, The Order of Time, 2018
Hossenfelder, Lost in Math, 2018
Smolin, Einsteins Unfinished Revolution, 2019
Baggott, Quantum Space, 2019
Barbour, The Janus Point, 2020

Die Grundlagenkrise der Physik

Die genannten Bücher sind grösstenteils keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen im strengen Sinn. Sie sind aber auch keine populärwissenschaftlichen oder Pop-sci-Bücher. Sondern selbst die, die in essayistischem Plauderton gehalten sind, zitieren und paraphrasieren ausführlich allerhand bekanntere und auch entlegenere wissenschaftliche Arbeiten. Sie versuchen nicht nur um der breiteren Leserschaft oder der „Allgemeinverständlichkeit“ willen, auf die Sprache der Formeln zu verzichten; sie haben dafür einen eigenen methodischen Grund.

Nicht alles in der Physik steht in den Gleichungen; sondern was man unter diesen Gleichungen sich denken soll, das nennt man die Interpretation. Man braucht eine Interpretation nicht kennen, um eine Gleichung zu lösen; das heisst aber, die Gleichung selbst sagt einem recht wenig darüber, was bei dem Vorgang tatsächlich geschieht, den sie beschreibt. Auch Maschinen können aus den Daten, die man eingibt, Gleichungen finden; wenn man sie richtig programmiert, sind sie sogar richtig, d.h. zutreffend. Aber niemand kann einem sagen, warum sie richtig sind und was sie wirklich bedeuten, d.h. wie man aus ihnen sinnvolle und nichttriviale neue Gleichungen gewinnt.

Das Problem der gegenwärtigen Physik ist gerade dieses, dass solche neuen Gleichungen seit nunmehr 50 Jahren praktisch nicht mehr gefunden werden; seit 1973. So etwas ist in der neueren Geschichte der Wissenschaft fast ohne Beispiel; und es ist in der Tat erst in den letzten 10 Jahren, dass man sich über diese Einsicht nicht mehr hinwegtäuschen kann. In den 1980ern versprach die sogenannte erste String-Revolution eine tragfähige Grundlage der Physik zu finden; und nach deren schmählichem Scheitern in den 1990ern die sogenannte zweite String-Revolution genauso, und auch dieser ist es nicht besser gegangen, die experimentellen Ergebnisse am Tevatron und später LHC haben wenig von ihnen übriggelassen, und die Krise manifestierte sich ab 2000 in den sogenannten String-Kriegen in der Physik, von denen unsre Bücher hier spätere Ausläufer sind.

Es hatte sich bisher nie eine Idee abgezeichnet, wie die Krise ausgehen könnte; alle Versuche, sie zu überwinden, sind zu offensichtlich selbst Symptome der Krise gewesen. Es ist ja leicht, über die String-Theoretiker zu spotten, weil alle es tun und weil es solchen Spass macht. Sie sind in ihrer legendären sektenhaften Arroganz und Verstiegenheit gewissermassen die Postmodernisten der Physik. Aber das ganze Geschrei um die String-Theorie ist ja Folge, nicht Ursache der Krise; und selbst Smolin, ein Lieblingsfeind der String-Szene, gesteht ihren Mühen durchaus eine wenn auch untergeordnete Existenzberechtigung und einen Platz in seinem eignen Lösungsvorschlag zu, selbst der berühmten M-Theorie, obwohl niemand diese je zu Gesicht bekommen hat.

Die Grundlagenkrise der neueren Physik kommt, wie allgemein bekannt sein dürfte, daher, dass sie zwar teilweise Beschreibungen für die Grundlagen der Naturwissenschaft erarbeitet hat, aber diese teilweisen Beschreibungen untereinander nicht zusammenpassen wollen; sie sind inkonsistent, sie lassen sich gegenseitig nicht auseinander ableiten, die ganze Wissenschaft ist daher unvollständig. Alle Naturwissenschaften ruhen auf der Physik, diese aber wiederum auf den beiden Relativitätstheorien und der Quantentheorie. Eine Beschreibung, die alle diese drei Theorien in sich enthält, das heisst eine wahre Grundlegung, ist nicht gefunden worden; das heisst, die Grundlagen der Physik sind ungenügend verstanden.

Die Lage ist vielleicht gut beschrieben mit der Wheeler-DeWitt-Gleichung. Das ist eigentlich eine nach der allgemeinen Relativitätstheorie umformulierte zeitunabhängige Schrödinger-Gleichung, sie enthält also womöglich mindestens einen Teil der gesuchten grundlegenden Theorie, eine quantentheoretische Formulierung der Relativitätstheorie oder umgekehrt. Aber aus der Formel ist das kaum herauszubekommen, man kann sie auch nicht überprüfen, denn sie rechnet sich nicht, und es ist nur durch Zufall in den 1980ern dem Smolin und anderen eine Klasse von Lösungen zu finden gelungen, und auch mit diesen Lösungen ist nicht allzuviel anzufangen. Smolin und übrigens die meisten anderen, die wir hier besprechen, gehören zu der Schule der Schleifen-Quantengravitation, der grössten Oppositionsschule zur Stringtheorie; und, wie man sagen wird, auch der Schule, die bisher die schöpferischsten Köpfe hervorgebracht hat, und die unnachgiebigsten Kritiker des bestehenden Zustands.

Die theoretische Physik hat die letzten 50 Jahre keine Fortschritte bei ihren Grundlagen gemacht. Es gibt dafür eine Reihe von Gründen, und auch dafür, dass sie trotzdem anscheinend unbeirrt ihren Stiefel weitertreibt, statt ihren Ansatz zu kritisieren und dann anders anzufangen: die wissenschaftssoziologischen Gründe, dass z.B. die akademische Welt genauso organisiert ist wie ein die mittelalterlichen Klöster, nämlich um altes Wissen zu bewahren und neues Wissen zu unterdrücken (Smolin, Einsteins Unfinished Revolution); die Erosion der wissenschaftlichen Methode, die eintritt, wenn Symmetrie und Ästhetik des mathematischen Formalismus als Wahrheitskriterium behandelt werden (Hossenfelder); aber auch Gründe, die in der Sache selbst liegen, die auf abgeschlossne Systeme ausgerichtete Richtung der Untersuchung (Smolin, Barbour), das Desinteresse an allem, was nicht in den Formeln aufgeht, die Verachtung philosophischer Fragen, die allerdings in der Unfähigkeit der Gegenwartsphilosophie eine gewisse Rechtfertigung haben könnte (Barbour). Und die Tatsache, dass von Theorie zu Experiment heute 50 Jahre und mehr vergehen, und dazwischen die blanke Spekulation regiert, d.h. die Ansprüche der Theoretiker (Smolin, Hossenfelder); und natürlich aber auch der Unwille zur echten Revolution, der anerzogene Konformismus der Ehrgeizigen (ebd.), der die wenigen Leute, die neue Gedanken denken wollen, zu Sonderlingen macht. Das ist in vielen Feldern heute so: Emeriti, oder Privatgelehrte, der Rest hütet sich heute, den Mund nicht aufzutun.

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Die „Vergesellschaftungs-Konferenz“ in Berlin

Sehr guter Bericht von der Vergesellschaftungskonferenz und den Fragen, die dort nicht behandelt worden sind:

„Die Akteure der Vergesellschaftung sitzen hier!“ Von da an versäumte es kaum ein Beitrag auf den Erfolg der Initiative

hinzuweisen.

Dass das Thema Enteignung überhaupt wieder Wellen schlagen kann – gerade in einem Land wie Deutschland, in dem im herrschenden politischen Diskurs Enteignung, DDR und Satanismus dasselbe meinen – ist wohl tatsächlich die große Leistung des Referendums von 2021 und der Mobilisierung dafür gewesen. Aber müsste man den Erfolg einer politischen Initiative nicht an dem Ziel messen, das sie zu erreichen vorgibt?

Erstens: Ist dies eine verallgemeinerbare Strategie? Würde dies nicht bedeuten, dass man im Grunde für jeden einzelnen Konzern eine Initiative „VW enteignen“, „ALDI enteignen“ etc. ins Leben rufen und jedes mal die entsprechende Mobilisierungsmasse auf die Straße bringen müsste? Und zweitens: wären bei einer allgemeinen Vergesellschaftung – die, wie es die Journalistin Laura Meschede auf dem Abschlusspanel mit Blick auf die Eigentumsfrage endlich einmal aussprach, nur kommunistisch sein kann – nicht Zweck und Mittel identisch, in dem Sinne, dass eine solche Vergesellschaftung auch nur von der Gesellschaft vorgenommen werden kann und nicht durch den Staat?

Nur allzu sichtbar würde dadurch, dass die ganze politische Rhetorik durchzogen ist von dem Jargon des Event- und Kampagnenmanagments, so als gäbe es zwischen Wahlkampf, Marketing und einer wirklichen sozialen Bewegung keine Unterschiede mehr. Das zeigt sich an Kleinigkeiten, wie etwa dem alljährlichen Gerede vom „heißen Herbst“, einem griffigen Werbeslogan, der keine andere Funktion besitzt als das eigene Klüngel bei Laune zu halten, ebenso wie an der ewig großen Frage: „Wie erreichen wir die Leute?“ An dieser Frage erkennt man immer, dass Aktivist*innen unter sich sind, und dass sie sich in erster Linie als Aktivist*innen betrachten

Ganz frappierend war in dieser Hinsicht das Statement der Ökonomin Elena Hofferberth in dem Panel „Planen gegen die Klimakrise“: „Wir sind doch alle Konsumenten und politische Subjekte“. Offenbar fällt es nicht Wenigen schwer sich selber noch als produktive Arbeiter*innen zu sehen. Daher war es dann auch nicht verwunderlich, dass in Hofferberths vorgestelltem Konzept einer makroökonomischen Koordination, bei der in einer gesamtgesellschaftlichen Planung die Verteilung von Ressourcen und Arbeit entlang von im Vorfeld ausgehandelten ökologischen und sozialen Zielen organisiert werden soll, die Produzent*innen überhaupt nicht vorkamen. Stattdessen sollen Expertengremien übergreifend an einer irgendwie demokratischen Planerstellung mitwirken. Wer sind denn aber die Expert*innen für die Produktionsprozesse der verschiedenen Güter, wenn nicht die Produzent*innen selbst?

So nimmt es denn auch wenig Wunder, dass die Aktivist*in von heute morgen schon – wenn es mit der akademischen Karriere nichts werden sollte – in irgendwelchen Parteigremien oder in Gewerkschafts- oder NGO-Büros sitzt und an eben der Welt mitwirkt, gegen die man einst gekämpft hat. Welche Arbeitgeber hätte man auch sonst? Genau diese prekäre gesellschaftliche Stellung dürfte in vielen Fällen dafür verantwortlich sein, dass so viele Aktivist*innen die Erfahrungen, die sie in ihrem übrigen Lebenszusammenhang machen, ebenso wenig wie ihre dort erworbenen Fähigkeiten kaum in die politische Tätigkeit miteinbeziehen. Dort wo sie Aktivist*innen sind, sind sie nicht Schüler, Studierende oder Berufstätige und dort, wo sie Schüler, Studierende, Berufstätige sind, sind sie nicht politisch

Weil die Menschen aller Gestaltungsmittel beraubt sind, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihren politischen Willen kundzutun, statt ihn umzusetzen. Dies ist die strukturelle Ohnmacht, die dem politischen Engagement von vornherein eingeschrieben ist und die immer auch ihren Schatten über Initiativen wie DWe wirft. Wir behaupten nicht, dass das von den Akteuren der DWe nicht registriert werden würde; noch würden wir solche Ohnmacht als Verschulden der Akteure betrachten. Doch wird es problematisch, wenn die Selbstkritik ausbleibt und man sich als Erfolg lediglich die gelungene Mobilisierung gutschreibt. Dann liefert man sich dem Verdacht aus, dass man die gängigen Spielregeln akzeptiert hat und Mehrheiten und Medienwirksamkeit wichtiger sind als das eigentliche Ziel.

Nicht wenige beteuerten, dass mit Vergesellschaftung etwas ganz anderes gemeint sei als Verstaatlichung. So sind Statements, wie etwa die von Jonna Klick in dem Panel „Aktuelle Ansätze progressiver Ökonomie im Gespräch zur Demokratisierung von Wirtschaft“, dass mit dem Staat als „ideellem Gesamtkapitalisten“ nichts zu gewinnen sei, durchaus zu begrüßen. Aber wenn nicht – wie bei Klick – ein recht unspezifischer Commons-Ansatz hinter der Staatskritik zu finden war, konnte man sich doch kaum des Verdachts erwehren, dass unter Vergesellschaftung etwas anderes verstanden worden wäre als – die Verstaatlichung. Dabei helfen auch keine Wortspielchen wie sie von Silke van Dyk und Robin Celikates vorgetragen wurden, dass man das Öffentliche und Politische nicht mehr als das Staatliche begreifen dürfe. Ähnlich verwirrend hieß es dann auch auf dem Freitagabendpanel „Demokratische Wirtschaft – eine alternative politische Ökonomie nach der Vergesellschaftung“, dass man den Begriff der Vergesellschaftung nicht auf die Eigentumsfrage einengen dürfe. (Dass dann z.B. auch Platzbesetzungen kurzerhand zu Vergesellschaftungen werden, erlebte man dann wohl auch als Verheißung statt als Problem.)

Offenbar saßen die Akteure der Vergesellschaftung doch nicht auf den Bänken der Hörsäle.

Wir stimmen meistens zu; bemerken allerdings eine Unsicherheit am Schluss des Textes. Dass der Sozialismus keine theoretische Angelegenheit von Intellektuellen sein soll, muss das auch für uns gelten; wir können nicht die Ideen der Rätekommunisten vor uns her tragen als eine weitere fertig ausgearbeitete Parteidoktrin und Erlösungslehre, die dann von der „wirklichen Bewegung“ anzunehmen sein wird. In diese Lage gerät man unfreiwillig, wenn man die rätekommunistischen Ideen mit einem solchen Kongress vergleicht: gemessen an der allgemeinen Technokratie nehmen sie selbst ein blasses und sektiererisches Aussehen an. Das kommt, weil sie ihr wirkliches Leben an einem ganz anderen Ort haben, und in einer ganz anderen Art der Bewegung; sehen wir also zu, dass wir eine solche Bewegung zu sehen bekommen! Wenn die Ideen wahr sind, d.h. ein wirkliches Bedürfnis ausdrücken, werden sie dort nicht erst von aussen hineingetragen werden müssen.

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Vortrag: Die neuere Pseudo-Linke, 24.11. Freiburg u.a.

Unsre Artikelreihe über die Umtriebe der neueren Pseudo-Linken (bisherige Teile: I II III IV V) gibt es jetzt auch als Vortrag.

Den Anfang machen wir am 24.11.2022 in Freiburg beim ca ira-Verlag:

)

Das Büro dort ist recht klein und Freiburg ist von fast allen Orten weit entfernt, aber:

Alle Vorträge finden als Hybrid-Veranstaltungen in Präsenz mit Zoom-Übertragung statt.Zoom-Link: https://us06web.zoom.us/j/88664348128?pwd=alZJWDZFalJlK2FGclBUMW9BdklGUT09
Aufgrund der eingeschränkten Anzahl an Sitzplätzen am Veranstaltungsort bitten wir um Anmeldung unter jourfixe@isf-freiburg.org.

Um einen Mitschnitt werden wir uns kümmern.Linke zum Facebook-Event.

Am 11.12. um 18.00 gibts dasselbe auf Einladung des Infoladen Leipzig im Conne Island; Link zum Facebook-Event. Wir werden darauf noch einmal gesondert hinweisen.

Der Referent lässt sich zu den üblichen Konditionen (Fahrtkosten, Unterkunft, ordentliches Sicherheitskonzept) unter dasgrossethier@gmx.de buchen. Termine sind ab Januar 2023 möglich.

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„Stalinisiert euch!“ Anstelle einer Buchbesprechung

Fathers of nations / Sons of the bitches
Sickle of death / Hammer of witches
Bald devils / Bearded goats
Twisted brains / Sold souls

I saw the slut on the Red Beast

E.S.T., „Red Beast“

Um gleich einzusteigen: „Kommunismus für Erwachsene. Linkes Bewusstsein und die Wirklichkeit des Sozialismus“ (2019) von Marlon Grohn, manchen wohl eher bekannt als stalinistischer Internet-Troll vom Blog Lyzis Welt, ist ein beeindruckendes Buch. Zehn Jahre Herumtrollen im Internet qualifizieren einen, wie es aussieht, zum Buchautor und Feuilletonisten, der im neuen deutschland für Dietmar Dath Dithyramben schreiben darf. Das Buch ist etwa so beeindruckend wie der Anblick und der Lärm eines Panzers, der auf einen zurollt. Nicht überzeugend eben, ein Panzer muss auch niemand überzeugen. Das wiederum ist für ein geistvolles Medium (und Geister kommen im Buch in großen Mengen vor), das zum richtigen Denken und, klar, zum Handeln inspirieren soll, kein Kompliment. Es hat einiges an Grübeleien in den letzten zwei Lockdowns gebraucht, wie und ob ich überhaupt darauf reagieren soll. So durch die Lektüre verblödet hab mich nur noch nach Thomas Mauls „Drei Studien zu Paulus“ gefühlt, und das ist ein Weilchen her. Letzten Endes habe ich mich dazu entschieden nicht der überwältigend guten oder schlechten Qualität wegen, sondern wegen der Frage: Was soll mir diese Schmähschrift über den Autor und vielmehr über die Leute sagen, die davon angesprochen werden. Denn solche gibt es, das habe ich schon registriert. Und ich glaube, diese Frage wird uns in der nächsten Zeit öfter beschäftigen, sollten die besagten Leute sich doch noch dazu entschließen, ihre Peter Hacks-Gedichtebändchen beiseite zu legen und wirklich so tätig zu werden, wie sie es ankündigen.

Die sog. autoritäre Linke schreibt über ihre Pläne der Weltumgestaltung und welchen Platz darin sie sich selbst darin vorsieht mal mehr, mal weniger ehrlich. Dabei irrt sie sich in Bezug auf beides mal mehr, mal weniger. Das ist normal und unser Autor ist durchaus für den innerlinken Sektenstreit. Doch Grohn ist „mir der Liebste, alle anderen lass‘ ich ersauf‘“, wie der weltberühmte Dramatiker Anatol Blasch in einem Theaterstück einem Goethe gleich niemand geringeren als Gott selbst sprechen ließ. Er verteidigt den sog. „real existierenden“ und den eventuell noch kommenden Sozialismus, der wahrscheinlich genau wie jener „real existierende“ Sozialismus aussehen wird, so abstrakt-fanatisch, wie es nur ein in Westdeutschland und zu spät geborener Geisteswissenschaftler tun kann. Ich persönlich habe immerhin 10 Jahre meines Lebens im sog. Sozialismus gelebt, aber die Erfahrungen meiner Familie z.B. (ich habe ja nicht wirklich welche, nur Eindrücke) hätten in diesem Zusammenhang eh keine Gültigkeit. Wozu sich mit Subjektivem in der Gesellschaft beschäftigen, wenn man bereits den Weltgeist höchstpersönlich auf seiner Seite hat? Es wird viel über Objektivität und materielle bzw. historische Notwendigkeiten geredet, aber es geht gar nicht darum. Die Person Stalin interessiere ihn nicht, sagt Grohn; diese oder jene Umstände, theoretische Verrenkungen und praktische Entscheidungen, die dazu geführt haben, dass jeder praktische Versuch, die Welt in wahrsten Sinne des Wortes menschlich, sprich: kommunistisch zu gestalten, die bloße Idee des Kommunismus selbst von der Praxis des „real existierenden Sozialismus“ nachhaltig diskreditiert seien, auch nicht. Man wird allerdings über Planwirtschaft, über gesellschaftliche Synthesis, über das Fortbestehen der polit-ökonomischen Kategorien, des Rechts und des Staates in der sozialistischen Gesellschaft, auf welche Kosten und in welchem Ausmaß z.B. Industrialisierung geht u.Ä. reden müssen. Auch über die Revolution, sprich: die Frage der organisierten Gewalt und der Verteidigung der Revolution gegen innere und äußere Feinde. Aber nicht mehr mit ihm, denn das alles scheint ihn nicht zu interessieren. Am Ende steht die These, dass man nur als Stalinist den hegelschen absoluten Geist erklimmt (S. 195), zu dem dann die gemeine Wirklichkeit von alleine auf den Knien kriechen soll. Im Grunde genommen sind die „Erswachsenenkommunisten“ das – idealistisch und voluntaristisch durch und durch und merken das selber nicht einmal, wie im Übrigen alle Leute, auf die der Weltgeist hinuntergring und die dann Linksintellektuelle geworden sind. (1)

Zu Beginn gibt es eine Einleitung, dann „Dünkel und Erhellendes“, eine Art Absichtserklärung und Methodendarlegung, danach eine Art Fortsetzung davon, die in die aktualisierten Thesen zum Stalinismus des 21. Jahrhunderts übergeht. Überall steht ungefähr dasselbe. In erster, zweiter und dritter Linie ist dieses Buch eine Pöbelei gegen die verakademisierte bundesdeutsche Regenbogen-Einhorn-Linke. Unsere Klassiker hätten schließlich auch gegen andere Linke gepöbelt. Das alleine wird zwar nicht ausreichen, um sich zum marxistischen Klassiker zu qualifizieren, aber an sich schon eine normale linke Tätigkeit. Wer liest das nicht gerne? Relativ gleich wird ein Angriff auf die praktische Untätigkeit und folglich völlige Nutzlosigkeit der Kritischen Theorie formuliert, für die stellvertretend ein gewisser Rajko Eichkamp steht. Dieser steht aber nicht für meinen Begriff der Kritischen Theorie und vermutlich überhaupt für keinen anderen, wie die alten Männer wie z.B. Ebermann oder Pohrt im Übrigen auch nicht. Hier könnte man sich viel heiße Luft aus Grohns Einleitung sparen und zu einem wichtigen Punkt übergehen: Nur das Ganze soll, wie es bei Hegel heißt, wahr sein. Der stockbürgerliche Adorno, für den das Ganze nur unwahr sein sollte, habe uns ein falsches Weltbild in die Köpfe gesetzt. Wir sind mit einer gesellschaftlichen Totalität konfrontiert, das sieht Grohn auch. Auszubrechen ist nur möglich, wenn sie aufzeigen lässt, dass das Ganze eben nicht alles ist, was möglich ist, dass es Perspektiven aus etwas anderes und besseres gibt. Die Aufgabe der Kritischen Theorie ist es, die Praxis nach solchen Perspektiven durchzuforsten und ihr dadurch zu helfen, und nicht allen praktischen Versuchen krampfhaft nachzuweisen, nichts sei mehr möglich, alles Hopfen und Malz in der Geschichte endgültig verloren, Individuen seien vollständig abgerichtet oder seien gar keine mehr usw. (Wozu Pohrt, Ebermann und umso mehr Eichkamp mit seinen früheren Konsorten einiges beigetragen haben). Das Nichtidentische in der Kritischen Theorie steht für eine unüberbrückbare Differenz zwischen Objekt und Begriff. Es ist keine Versöhnung zwischen ihnen möglich, kein Aufgehen in einer Identität mit dem Falschen, was Affirmation unmenschlicher Zustände bedeuten würde. Sind die Einzelaspekte unmenschlich, wie ist das ganze wahr? Beim Idealisten Hegel ist das Ganze ein Resultat und soll am Ende einer Entwicklung stehen. Das und der Umstand, dass diese Entwicklung ideell und praktisch „unfragmentiert“ in Grohns Kopf sich bereits vollzogen hat, freut mich außerordentlich. Das endgültige Resultat des materiellen Universums, nicht des Ideenhimmels möge mir Grohn erst mal zeigen. „Das Wahre ist das Ganze“ in stalinistischer Auslegung ist die theoretische Vorwegnahme einer gewaltsamen Stilllegung der gesellschaftlichen Dialektik und eines Stillstands im Zustand der permanenten terroristischen Mobilisierung aller gesellschaftlicher Kräfte für den wirtschaftlichen Aufbau, der nicht einmal in der Sowjetunion oder in VR China ewig andauern konnte. Die Dialektik geht eben nur so weit, bis zum rüden preußischen Sozialismus samt seinem verflachten, dogmatischen Bismarxismus und muss am Schutzstreifen Halt machen. Denn da brummt ihr der anfangs erwähnte Grohn‘sche Panzer entgegen. Weiterlesen

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22.10. Kiezhaus Wedding: Arbeitszeitrechnung

Lakonisch heissts im Einladungstext:

Was heißt Arbeitszeitrechnung und warum brauchen wir sie in einer postkapitalistischen Gesellschaft? Welche Rolle spielen Arbeitszertifikate, Produktionspläne, Buchgeldkonten, Betriebsräte und die öffentliche Buchhaltung?

Diese und andere Fragen möchten wir mit euch am Samstag, 22.10.2022, 19 Uhr im Kiezhaus Agnes Reinhold im Wedding besprechen. Wir bringen unseren Einführungsvortrag mit, danach ist Raum für Fragen und Diskussionen.

Wir wollen gleichermassen lakonisch empfehlen: hingehen und anhören.

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Die Frauen und die Revolution

Unsre Zeitgenossen kennen keine Revolutionen mehr, deswegen wundern sie sich darüber, dass im Iran eine „Revolution der Frauen“ sich anzubahnen scheint. So etwas, meinen sie, ist nie dagewesen. Sie haben vermutlich auch die letzten 13 Jahre unter einem Stein gelebt. Wir erlauben uns, aus einem älteren Text zu zitieren:

Mit dem Streik der Frauen in Vyborg, Petersburg hatte am 8. März 1917 die zweite russische Revolution angefangen. Nun kann man von der russischen Revolution ehrlich gesagt halten, was man will. Wir halten es da mit Kropotkin, der bekanntlich meinte, die Bolschewiken hätten ein für alle Mal gezeigt, wie man eine Revolution nicht macht. Vor allem haben aber die Bolschewiken die Revolution ja nicht „gemacht“; sie waren nur von allen denen, die der Reihe nach an die Macht kamen, die ersten, die skurpellos waren, alles ausser sich kaputtzumachen. Sie haben die Revolution für sich ausgebeutet. Die Geschichte der Revolutionen hat aber noch nicht aufgehört! Nur die Zeit, wo man die Bolschewiken als Vorbild betrachtet hat, die hat allerdings aufgehört. Und man weiss heute, wie man sich vor ihnen hütet.

Überall, wo eine Gesellschaft schon in allen Fugen knirscht, und wo jeder schwören könnte, dass es nicht mehr so weitergehen kann, überall da geht es doch immer noch eine Weile weiter. Irgendwelche Leute kriegen es anscheinend hin, mit dem weniger gewordenen Lohn, mit den längeren Arbeitszeiten, bei leerer gewordenen Läden doch noch eine Weile zu haushalten; alles zusammenzuhalten, und irgendwie das Überleben organisiert zu bekommen. Unsere Geschichtsschreibung weiss recht wenig über diese merkwürdigen Menschen. Normalerweise kommen sie in ihr nicht vor. Bücher werden über andere Sachen geschrieben. Was sind das denn für Menschen?

Das sind, wie es scheint, die Frauen. Und ab und zu geschieht es, dass ihnen der Geduldsfaden reisst. Dass sie vor der Situation stehen, dass es wirklich nicht mehr weitergehen kann. Auch nicht mit der Art von Selbstverleugnung und Aufopferung, die man ohne zu fragen bei den Frauen seit jeher einfach voraussetzt. Das sind die Situationen, wo die Revolutionen anfangen. Scheinbar aus dem Nichts! Fragt die Geschichtsschreibung. Bis gerade war alles in schönster Ordnung! Irgendwie ging alles noch. Am nächsten Tag Aufstand. Unbegreiflich!

Alle Revolutionen haben bei den Frauen angefangen, weil alle Gesellschaften von den Frauen zusammengehalten werden. Der Moment, wo die Frauen aus öffentlichen Bewegung herausgedrängt werden, ist der Moment, wo sich die neuen Herren festsetzen. Das war in Russland nach 1917 so, das war neuerdings in Ägypten so, nach 2011.

Jede neue Herrschaft beginnt mit dem Terror gegen die Bewegung der Öffentlichkeit, und als erstes gegen die Frauen. Ohne die Frauen an der Spitze sind die unteren Klassen wehrlos: das ist die Lehre aus 200 Jahren Revolutionsgeschichte. Das Leben besteht immer noch aus wenig mehr als aus Arbeit. Keine Gesellschaft ist in den Stand gekommen, frei über den Reichtum zu verfügen, den sie produziert. Die Herrschaft der Männer über die Frauen, das ist der Grundstein der allgemeinen Knechtschaft. Die Befreiung der Frauen ist die erste Voraussetzung für jede Verbesserung der Lage.

Das sollte man nicht erst erklären müssen. Es ist einfach und ohne weiteres zu begreifen. Aber die Sache der Frauen ist immer als eine Nebensache betrachtet worden statt als der Beginn der Hauptsache. Das ist eine der Taktiken der Männerherrschaft.

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News unter dem Radar II

Im achten Monat des Putinschen Blitzkriegs gegen die Ukraine habe ich mir gedacht, es wäre vielleicht doch mal wieder angebracht, mir einige Sachverhalte anzuschauen und Spekulationen anzustellen, die von der aktuellen Berichterstattung in den Öffentlich-Rechtlichen einerseits und der „strikten kommunistischen Wissenschaftlichkeit“ der pseudo-linken Idealisten andererseits nicht erfasst werden. Und – noch einmal die Gelegenheit nutzen, zu betonen, man könnte der Redaktion alles Mögliche vorwerfen, aber nicht, dass wir jemals für „konkret“ geschrieben hätten. Aber der Reihe nach.

Die Gesellschaft ist, ganz abstrakt gesprochen, sehr konkret. Es wurde hier einmal – rhetorisch, versteht sich, – die Frage gestellt, wer denn die russländische Gesellschaft „reparieren“ würde, wenn das mittlerweile 21 Jahre andauernde Schlamassel namens das Regime Putin zu Ende sein wird. Das Ende ist nah, das ist abzusehen. Die Massenteilmobilsierung bzw. Teilmassenmobilisierung in Russland, oder wie auch immer man diese Hekatombe noch nennen mag, mit der Putin die Büchse von Pandora wieder versiegeln möchte, wird das nicht mehr aufhalten. Ob Lukaschenka jetzt doch noch eine Beteiligung am Krieg riskiert, ist momentan nicht sicher. Er hat immerhin einen Job, durch seinen in periodischen Abständen verkündeten Kriegsbeitritt Teile der ukrainischen Streitkräfte an der belarussischen Grenze zu binden. Darum geht es hier nicht. Es geht ums „danach“. Wer traut sich?

Ich glaube, es ist ein offenes Geheimnis, dass man das sogenannte Aktionskommittee um Kasparow und Chodorkowskij in der Pfeife rauchen kann. Letztens, ein paar Tage nach dem Anschlag mitten in Moskau, bei dem Darja Dugina umgekommen ist, meldete sich eine Stimme zu Wort, von der man bis dahin nichts gewusst hatte: die Nationale Republikanische Armee. Vorgestellt hat sie allerdings eine bekannte – und eine zwielichtige – Person, Ilja Ponomarjow. Niemand kann genau sagen, was so einer überhaupt im Leben treibt, der mal von der KPRF und Linksfront zu „Gerechtes Russland“ wechselt, einer „sozialistischen“ Partei, der seit 2021 u.A. der bekannte Literaturfascho Sachar Prilepin vorsteht; im Staatsduma mal für staatliche Internetzensur, mal als einziger Abgeordneter gegen die Annexion der Krim stimmt; 2011 zusammen mit Nawalny den Koordinationsstab der Opposition gründet und sich 2013 am kremltreuen Waldai-Forum beteiligt.

https://t.me/s/krothrock/199:

Nun gründet der Mann angeblich einen Gegenpol zum liberal-pazifistischen Aktionskommittee, um die bewaffneten, militanten Kämpfe gegen das Regime Putin zu bündeln und beansprucht für die NRA nicht nur Dugina, sondern den Anschlag auf die Krim-Brücke und einige kleinere Aktionen mehr. Die mitvertretene Legion „Freiheit für Russland“ ist wohl eine TikTok-Gegenveranstaltung zu den Kadyrows Truppen, die bis jetzt auch nur noch auf TikTok militärisch geglänzt haben. Die einzige Kampfeinheit im Bund, die man tatsächlich ernst nehmen kann, ist die Russische Freiwilligencorps, die unter der historischen Fahne der Russischen Befreiungsarmee (ROA) kämpft, der waschechten Nazikollaborateure also, und über die man inzwischen ganz interessante Sachen weiß. Und die famose Veranstaltung Ponomarjows haben sie nach einem Tag bereits wieder verlassen. Ich glaube, es lag nicht nur daran, dass sie die weiß-blau-weiße Fahne der liberalen Opposition nicht akzeptieren konnten, sondern dass sie ganz einfach für solchen Blödsinn keine Zeit haben.

Indes zerstreitet sich die Opposition im Exil an der Frage, ob man den offensichtlichen Stuss doch noch nicht unterstützen sollte. Wer weiß, vielleicht inspirieren die Fakes über den bewaffneten Untergrund jemand so weit, dass so etwas in Russland wirklich entsteht. Irgendjemand sabotiert doch die Gleise bereits, vielleicht nimmt auch jemand eines Tages die Waffe in die Hand. Hmmm, vielleicht… Was aber jetzt schon sicher ist, ihr werdet keine Herren über so jemand sein. Eine im wahrsten Sinne des Wortes faschistische Rechte, die das Regime für seine katastrophalen imperialen Eskapaden immer offener kritisiert und angreift, kann ich mir vorstellen. Ob sie in Gestalt von Prigoschin, Malofejew und Dugin daher kommt – steht noch in den Sternen. Wie wichtig Dugin ist, fragt bitte Alex Gruber oder sonst noch jemand. Public intellectuals neigen dazu, einander zu überschätzen.

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