„Die Begegnung der Menschheit mit sich selbst“

Eine Hommage an Hans Jaeger

Es gibt sie immer wieder, Menschen, die ihre Zeit missverstehen und von ihrer Zeit missverstanden werden. Sie sind keine Misanthropen, obwohl sie der Öffentlichkeit als solche gelten, es fällt ihnen nur schwer, liebenswerte Zeitgenossen zu finden; Einzelgänger sind sie nur erzwungenermaßen, da sie penibelst darauf bedacht sind, sich selbst nicht aufzugeben; sie sind Träumer, nicht weil sie sich der Realität verweigern wollen, sondern weil die Realität meistens trist und abscheulich ist; als Zyniker und Immoralisten werden sie verschrien, doch sie wollen stets nur ehrlich sein; ihr Eifertum reicht manchmal bis zur Bilderstürmerei, aber nicht, weil die Heiligtümer falsch, sondern weil sie nicht heilig genug sind. Manch dreimal-kluge Leute halten sie für Propheten, allerdings für die Propheten des Kleinbürgertums, die nur eine abgenutzte protestantische Moral dem hereinbrechendem kapitalistischen Zeitgeist entgegenhalten und die folglich dem Untergang geweiht sind. Ihre heroische Gesten scheinen leer, das Suchen nach der Wahrheit ist ihnen wichtiger als das Finden und der Weg führt sie in der Regel entweder direkt in den Schlund des Nihilismus oder des Mystizismus. (1)

Hans Henrik Jaeger wurde 1854 in Norwegen geboren, als das noch größtenteils bäuerliche Land sich langsam, aber sicher aus der Union mit Schweden herauslöste. Ich gebe zu, nicht sehr viel über die Geschichte dieser Gegend zu wissen, außer dass Norwegen trotz Gas- und Ölvorkommen es geschafft hat, das Schicksal extraktivistischer Volkswirtschaften wie Russland, Iran oder Venezuela zu umgehen und 2014 das 200-jährige Verfassungsjubiläum offiziell ausgerechnet mit ex-Blackmetalern von Enslaved feierte. Irgendeine bekloppt-vernünftige Tradition hat die Gegend (wie die meisten Gegenden auf diesem Planeten) offensichtlich schon. Ob das Land damals als europäisches Hinterhof galt, kann ich auch nur schwer sagen. Jedenfalls wirtschaftlich hat es sehr schnell aufgeholt, die politische Emanzipation des Bürgertums verlief relativ ruhig, offener militärischer Konflikt mit Schweden konnte vermieden werden und Norwegen schälte sich erst 1905 friedlich aus der Union mit Schweden vollständig aus.

Jaegers Eltern starben früh, mit 16 beschloss er, Seemann zu werden, und war viel in Europa und Nordamerika unterwegs. Mit 20 kehrt er nach Kristiania (so hieß damals Oslo) zurück, will Schullehrer werden, schreibt sich an der Uni ein und studiert Philosophie. Um Studiengebühren zu bezahlen, heuert er als Stenotypist im norwegischen Parlament an. Das ist vielleicht für manche seiner späteren Ideen nicht unwichtig, galt das Parlament des jungen, seiner revolutionär-gewaltvollen Ursprungs noch bewussten Bürgertums damals noch vielen Linken als der Ort der gesellschaftlichen Vernunft. (2) Ab Ende der 1870er Jahre werden seine Ansichten zunehmend sozialkritisch, er wird Atheist, kritisiert die bürgerliche Ehe, vertritt Vorstellungen von der freien Liebe und will die Rechte der Prostituierten als notwendig aus der bürgerlichen Geschlechterordnung Ausgestoßenen stärken. (3) Seine Ansichten versucht er zunächst in Theaterstücken zu verbreiten, der Name Jaeger wird in der jungen, unruhigen KünstlerInnenszene immer bekannter.

1885 versucht er nochmals das Publikum zu erreichen, diesmal mit einem halbautobiographischen Roman „Kristiania-Boheme“. Für heutige Verhältnisse scheint das Buch lauwarm, in der damaligen fürs verschlafene Norwegen ziemlich turbulenten Zeit war es ein Skandal. Der König verlor an Macht, der Parlamentarismus setzte sich immer mehr durch, die Urbanisierung schritt voran, die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem verschoben sich, aber das Bürgertum machte keinerlei Anstalten, mit den überlieferten Moralvorstellungen aufzuräumen, was zu einer bitteren Desillusionierung bei der jüngeren Generation führte.

In „Kristiania-Boheme“ haust ein junger Mann namens Eek in möblierten Zimmern, liest dicke Bücher, wird von geschlechtlicher Not geplagt, denn das Geld reicht ihm manchmal nicht mal für das unterste Angebotssegment der Prostitution in proletarischen Vierteln, sehnt sich nach Wärme und Liebe, fragt nach dem Sinn des Lebens und langweilt sich zu Tode. Es ist eigentlich Hans Jaeger selbst. Schön, dass er einen guten Freund Jarmann hat, dem es ähnlich im Leben geht, der aber etwas stabiler vom Charakter ist und mit dem sich ganz gut allerlei alkoholische Getränke konsumieren und philosophische Gespräche führen lassen. Man weiß, dass damit Jaegers Kumpel Johan Seckmann Fleischer gemeint war. Eek inhaliert begeistert den deutschen Idealismus, das bringt ihn auf seltsame Gedanken, die er dann natürlich mit Jarmann bei Bier und Schnapes diskutiert. „Ich studierte im Wesentlichen Hegel. Es ging aber mit der Arbeit nicht recht vorwärts. Es kam keine Ordnung hinein; denn ich verstand nicht das geringste von dem, was ich las; und es konnten ganze Wochen vergehen, in denen ich nur entweder schlapp auf dem Sofa lag und mit dem Gefühl absoluten Unvermögens zur Decke starrte oder auch bummelte und bei Branntwein und Frauenzimmern das Ganze zu vergessen suchte… Ich arbeitete nicht viel; wenn ich aber etwas arbeitete, dann war es Philosophie: alte und neue, meist aber alte. Ich hatte ja nichts zu versäumen, und es konnte ja immer von Nutzen sein, wenn ich so weit vordrang, um die Geschichte der spekulativen Philosophie so schreiben zu können, so dass jeder, der sich mit ihr befassen wollte, im Handumdrehen vollständig über sie orientiert sein und ihre völlige Nutzlosigkeit begreifen konnte“. Noch bunter geht es nach Fichtes Rechtsphilosophie zu: „Aber du großer Gott! Hatten denn die Menschen in diesen hundert Jahren nichts anderes zu tun gehabt als zu essen, zu trinken, zu schlafen und Toren zu sein? … Lebten denn die großen Geister vergebens? … Hatte denn all diese Zeit her niemand, gar niemand daran gedacht, das durchzuführen? Ja richtig, die große Revolution! … Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! … Das waren ja dieselben Ideen… Es war aber nicht gelungen… Es gab nur einen Weg. Die Massen müssten zu der Einsicht gebracht werden, dass die Gesellschaftsordnung ausschließlich dazu da ist, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und dann müsste die Masse fühlen lernen, dass sie die Macht hat, die Gesellschaft danach einzurichten. Dann würde schon die Masse anfangen, ihre Bedürfnisse geltend zu machen und ihre Befriedigung zu verlangen. Es gab ja aber kein anderes Mittel, um der Masse diese Einsicht beizubringen und ihr dieses Gefühl ihre Macht zu verschaffen, als indem man ihr die Zügel in die Hand gab und die selber regieren ließ… Selbst regieren… Selbstregierung? – Damit müsste es angefangen werden…“

Eek, das wissen wir bereits aus Jaegers Biographie, will Lehramt Philosophie studieren, auf eine Mädchenschule zu kommen, wäre ganz im Sinne der großen Sache. Seine hehren Ziele legt er folgendermaßen dar: „…Im Dienste der Freiheit können wir jetzt eigentlich nur hübsche Mädchen brauchen – und dann müssen sie von frühester Jugend an erzogen werden – prosit! … Denke dir ein junges, hübsches Mädchen im Alter von fünfzehn bis sechzehn Jahren, üppig und lebensfrisch, und geschlechtlich gut begabt – das muss sie ja sein – denk sie dir in der Zeit, da eben das Liebesbedürfnis und die Liebessehnsucht erwacht sind und das Leben wie ein lichter Traum vor ihnen liegt – lauter Liebe! … Und stelle dir dann vor, wie die Liebe behandelt wird – nicht in Büchern, da wird sie ja bis zu einem gewissen Grade geduldet, aber im wirklichen Leben: man betrachtet sie wie einen wilden Vogel, der sich verflogen hat, fängt sie, zähmt sie und steckt sie in ein Bauer, wo sie verkümmert und durch Familienwärme und Mutterliebe ersetzt wird – und damit ist ihre Geschichte zu Ende. Wenn aber nicht, wenn wirklich eine neue Liebe aus der Asche der alten erstehen sollte, dann wehe dem Weibe, das sie nicht tief in seiner Brust verschließt… Bringen wir nun das junge Mädchen, dessen Leben bisher nur den einen Inhalt: die Liebe hatte, dazu, dass sie das versteht – öffnen wir ihr die Augen, dass sie das als Schicksal der Liebe in der Gesellschaft, in die sie eintreten soll, erkennt… Sie wird darüber aufs tiefste empört werden, und du wirst in ihr einen mächtigen Hass erzeugen können und einen wild begeisterten Trotz gegen all das, was daran schuld ist, dass die Liebe auf diese Weise zugrunde geht. Und verliebt sie sich dann in einen ganz freien Mann, der sie wieder liebt, aber nicht will, dass ihre Liebe in der Form der Familienwärme und Kinderliebe sich überleben und sie beide unfähig machen soll, überhaupt zu lieben – dann ist sie gerettet. Dann gibt sie sich ihm unbefangen hin und nimmt den Kampf gegen die Vorurteile der Gesellschaft auf – mutig und sicher, weil sie nicht dieselben Vorurteile in ihrer eigenen Brust zu bekämpfen hat“. Im Grunde genommen, was Jaeger hier schildert, bleibt immer noch unser Businnes in all diesen selbständigen Weiterbildungsmaßnahmen, heißen sie Lesekreise oder sonst noch wie, wo Männer Frauen belehren und nicht umgekehrt.

Mit den edelsten Ideen gewaffnet, begeben sich die beiden unterfickten Intellektuellen zum örtlichen Arbeiterverein, der ihnen helfen soll, die Gesellschaft gerechter und gesünder zu gestalten und das eigene Liebesleben dabei etwas aufzubessern. Sie wettern gegen die heiligen Fundamente der menschlichen Gesellschaft: gegen das Christentum, gegen die Moral und den freien Willen, sie fordern freie Kunst, freie Wissenschaft und freie Liebe. Während die Töchter aus den guten Häusern in ihrem Eheleben ohne Liebe und Leidenschaft dahinwelken, werden die anderen, die nicht so gut aufgestellt sind und ihre Liebe für ein bisschen Geld verkaufen müssen, buchstäblich aufgerieben. Vernünftig kann man diesen Zustand wahrlich nicht nennen. Den norwegischen Sozialdemokraten graust es mächtig vor solchen Ungeheurlichkeiten, die Freunde werden verjagt und in der Vereinszeitung diffamiert, Freunde und Bekannte, die ganze Stadt – und am schlimmsten noch – die Gymnasiastinnen, mit denen sie sich angefreundet hatten, wenden sich von Eek und Jarmann ab. Die Wetlrettungsversuche stoßen an ihre Grenzen, die Herren Intellektuellen sind mit ihrer Latein zu Ende und ziehen sich in die Szene zurück, Jarmann geht sogar zum Militär. Aber die Subkultur weiß auch nicht weiter; man säuft, macht Schulden, diskutiert und zerbricht sich den Kopf, wozu das Ganze. Jarmann kündigt seinen Selbstmord an, begleicht seine Schulden und gibt sich eines Tages die Kugel. Man rafft sich zu einem Begräbnis zusammen, schwingt Reden und betrinkt sich. „Und dann sind sie alle verschwunden, und Jarmann bleibt allein auf dem öden Friedhof liegen und verfault unter Blumen und Kränzen“. Spätestens am übernächsten Tag ist alles beim Alten.

In der Presse und in den Boheme-Kreisen wurde der Roman heftig diskutiert, viele haben sich in den Figuren wiedererkannt. Jaeger hat sogar die Rede von Johan Fleischers Begräbnis wörtlich zitiert. Der Staat reagiert auch: die Ausgabe wird konfisziert, Jaeger verliert seinen Job im Parlament, bekommt eine Geldbuße und eine kurze Freiheitsstrafe aufgebrummt. Für den Versuch, das Buch unter einem anderen Namen in Schweden herauszubringen, kriegt er noch eine, diesmal etwas längere. Jeager beschließt darauf, dass es ihm langsam reicht, obwohl es etwa drei Monate sein sollten, und flieht nach Frankreich, kehrt zurück, sitzt die Strafe ab und wandert noch mal aus. In Paris arrangiert er sich eher schlecht als recht, kommt aber mit dem Anarchismus in Berührung und liest Grave, Reclus, Kropotkin usw. In Paris verfasst er sein nächstes Machwerk, das beinahe noch ungenießbarer ist als „Kristiania-Boheme“: den dreiteiligen Roman in Briefen „Kranke Liebe“. Es ist vor allem eins: finster und öde. Wer will, kann sich gern davon überzeugen: 1920 erschien „Kranke Liebe“ auf Deutsch, in feinster Frakturschrift. (4) Zeitgenossen, ebenfalls norwegische Bohemiens waren allerdings anderer Meinung, so schrieb Jonas Lie an Arne Garborg: „Es ist ein entsetzliches Buch, mit dem Revolver vor der Stirn ist es geschrieben worden. Seine ganze bürgerliche Existenz hat dieser arme Mensch aufs Spiel gesetzt, sein ganzes Leben, nur um zu sagen, um hinauszuschreien all dies Fürchterliche, an das wir anderen, weil wir uns für zu fein halten, natürlich nicht rühren mögen. Ein Notschrei ist es von dem, der sinkt, eine Großtat ist dieses Buch“.

„Kranke Liebe“ hat in Norwegen keine Chance und wird sofort verboten; es handelt von komplizierter Affäre Jaegers mit Oda Krogh, der Frau des bekannten norwegischen Malers Christian Krogh, die ihn offensichtlich zu Flucht und Rückkehr überredet und anschließend betrogen hatte. Der Grundton, laut Niels Hoher, ist jedenfalls recht depressiv: „ein langes Menschenleben unter der Menschenherde war Tod durch Erfrieren“. An seinen guten Freund Henrik Ibsen schrieb Jaeger um die Zeit: „Der Gedanke an den Tod ist mein Freund geworden und mein Tröster – ich finde nicht mehr, dass es schwer ist, sterben zu müssen. Das peinigt mich also nicht, dass ich sterben muss. …niemand wird mein Werk herausgeben, werde ich erst fort sein! Und das ist es, was mich mehr, als ich zu sagen vermag, peinigt. Gott weiß, was für eine verrückte Idee es ist, über den Tod hinaus leben zu wollen. Aber ich leide nun mal an dieser verrückten Idee: denn ich wollte, dass, wenn ich selber nicht mehr bin, mein tristes Liebesbuch meine Hinterlassenschaft sein würde, als ein Zeugnis, das ich einmal gelebt! Ich bilde mir ein, dass dieses Buch gelesen werden würde – gelesen, wie wenige Bücher – von allen, die unglücklich lieben, denen es in die Hände fallen würde durch Jahre und aber Jahre – und mir ist, als könnte ich allen von ihnen die Hand drücken. Und danach habe ich ein so unsagbares Verlangen, ja, das ist eigentlich das einzige Verlangen, das ich habe, wenn ich jetzt nach diesem jämmerlichen, missglückten Leben allem Lebewohl sagen muss – o, Sie ahnen nicht, was für eine letzte Genugtuung dies für mich sein würde“. Wer in diesem tristen Werk nach prickelnder Erotik suchen möchte, für die es von der Obrigkeit verboten wurde, dem wünsche ich in erste Linie viel Ausdauervermögen.

Von Paris aus arbeitet Jaeger für die schwedische Zeitung „Social-Demokraten“, tendiert mehr zum Organ der Jungsozialisten „Det Tyvende Aarhundrede“. 1906 etwa geht er nach Dänemark, versucht zusammen mit dem bekanntesten dänischen Anarchisten Jean Jaques Ipsen eine eigene Gruppe aufzuziehen, gründet Zeitungen „Korsaren“, „Skorpionen“ und „Revolten“, die alle nicht lange halten. Zu der Zeit schreibt er sein wohl verrücktestes Werk: „Die Bibel der Anarchie“.

Als ehemaliger Stenotypist kommt Jaeger zur Ehre, dass Gott persönlich ihm das Buch diktiert und mit der schnellstmöglichen Veröffentlichung beauftragt. Es ist natürlich nicht ernst gemeint, aber dieses biblische Lore von einem Atheisten ist schon verwunderlich. (Die Idee hätte auch einem Johann Most einfallen können, aber der schrieb nicht so langatmig). Was hier allerdings für die Geschichte der Menschheit ausgegeben wird, ist in Wahrheit die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Andere Gesellschaften, soweit ich weiß, hatten nicht die Gewohnheit sich selbst für die gesamte Menschheit zu halten. Wie auch immer, die Story ist so simpel wie witzig: der liebe Gott wettet mit dem Satan, ob der göttliche Funke, Vernunft und die Freiheitsliebe nämlich, in den Menschen erloschen ist oder nicht. Der Satan jubelt ihnen die Institution des Privateigentums unter, sollten sie sich nicht aus der daraus resultierenden Misere befreien können, darf Gott die gesamte Menschheit in einer Sintflut auslöschen. Und nun sitzen die beiden da und beobachten, wie die Menschen trotz ihres ganzen Wissens und unfassbar gestiegener Arbeitsproduktivität sich von einer Krise in die nächste stürzen. Und das alles in einem Seemann-Jargon, als wäre die Menschheit ein auf Grund gelaufenes Schiff, das es wieder flott zu machen gilt. „Der zivilisierte Teil der Menschheit sitzt nun zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem industriellen Produktionsapparat da, der in einem solchen Maße kolossal arbeitseinsparend ist, als ob es darum ginge, dass ein ganz unbedeutender Teil der Bevölkerung der zivilisierten Länder mit Hilfe dieses Apparats bequem das Vielfache von dem herstellen kann, was die zivilisierte Welt an industriellen Produkten überhaupt zu verbrauchen sich imstande sieht. Die beste Feldanbaumethoden, die man bisher versucht hat – und man findet ständig neue und bessere -, geben bereits eine so ungeheure Ausbeute im Verhältnis zur Arbeit, die sie erfordern, dass allein durch ihren Einsatz die halbe Bevölkerung eines zivilisierten Landes auf einen kleinen Bruchteil der Ackerfläche, die man insgesamt zur Verfügung hat, mit der allergrößten Leichtigkeit das Mehrfache an Lebensmitteln produzieren kann, was die ganze zivilisierte Welt überhaupt zu verzehren vermag. Auch der Kommunikationsapparat, über den man verfügt – der sich jeden Teil sowohl ausweitet als auch verbessert -, ist bereits so effektiv, dass ein winzig kleiner Teil der Bevölkerung mit seiner Hilfe zu jeder Zeit schnell und leicht alles, was man produziert, zu den Stellen bringen kann, wo Bedarf dafür besteht. (…) Das Resultat wäre, dass jeder einzelne Mensch der ganzen Zivilisation zu jeder Zeit alles für seinen Alltag zur Verfügung haben würde. (…) Solches wird indessen nicht geschehen – es fehlt dazu an Allgemeinsinn, an gesellschaftlicher Intelligenz“.

Der Zweck der Übung besteht natürlich nicht nur darin, dass niemand mehr leiden soll, wenn die Mittel zur Linderung der Not schon längst vorhanden sind. Nein, die Menschen haben etwas Großes vor, auch wenn sie selbst noch nicht wissen: „Die Menschheit? – das waren ja fünfzehnhundert Millionen einsame Seelen, unruhig flackernd rund um den Erdball, jeder für sich, im Dunklen, unbewusst einander suchend, ohne sich zu finden… Die Menschheit – das waren ja fünfzehnhundert Millionen einsame Herzen, voneinander geschieden, jedes für sich hinter einer Hülle von schalldichten Wänden, so klopft es alleine, in wunderlicher, ahnungsvoller Sehnsucht danach, gemeinsam mit allen zu klopfen – dem Herzen des Ritterfräuleins gleich, das einsam in ihrem Jungfernturm sitzt und jenen fremden Ritter wartet, den ihre Sehnsucht erschaffen hat… Und es dauerte nicht lange mehr, bis sie begriffen, dass sie immer noch an allen Vieren gefesselt in der alten Geldfalle saßen, und trotz ihrer Riesenkräfte immer noch gezwungen waren, ihre Zeit zu vergeuden mit der schmutzigen Frage: „Wovon sollen wir leben?“ – statt frei und froh voranzustürmen, dem Ziel ihrer Sehnsüchte zu: die Begegnung der Menschheit mit sich selbst… Die Revolutionäre stürmten die Bastille und glaubten dadurch, dass nun die Zeit der Freiheit angebrochen sei. Das war ein ungeheuerlicher Irrtum. Nicht König Ludwigs, sondern deine Bastille, Mammon, war es, die sie hätten stürmen sollen – die alte Bastille des Eigentumsrechts, die hinter ihren moosbewachsenen, ehrwürdig aussehenden Mauern das unheimliche Bremswerk verbirgt, wo Mutter Produktion eingesperrt sitzt und mit einer Binde vor den Augen produziert, mit Ketten und Händen und Füßen gefesselt. …erst dann beginnt die Zeit der Freiheit, erst dann kann die geknechtete Menschheit sich in ihrer Kraft erheben, lachend alle Geldgedanken und Ernährungssorgen hinter sich werfen, und mit einem Lächeln auf den Lippen voranstürmen auf ihr ersten großes Ziel zu: der Menschheit gewaltiges Treffen mit sich selbst – dem Beginn allen eigentlichen Lebens“. Doch es kommt ständig zu Überproduktionskrisen und Kriegen, die „Geldpeitsche“ treibt die Europäer über Seen und Ozeane; das viel ältere und weisere China versperrt sich bewusst gegen den ungezügelten technischen Fortschritt, wird aber von fremden Fortschritt und Überproduktion überrannt und unterworfen.

So heroisch der Kampf der Menschheit, so poetisch die Sprache, hat die „Bibel“ (wie auch das Original) ihre Längen und leidet an endlos scheinenden Wiederholungen. Jaeger quält seine LeserInnen regelrecht mit sehr abstrakten volkswirtschaftlichen Nachrechnungen für das unlösbare Problem der gemeinschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums. Er will auf diese Weise wohl demonstrieren, dass es auch nichts bringt, die „Geldpeitsche auf Rechnung des ganzen Volkes schwingen“, und polemisiert zugleich gegen die staatssozialistische Gleichmacherei: „Und das Ende wird sein, dass die gutgekleideten Bürger des Gleichheitsstaates, die sicher mit ihrer wohlgenähreten Familie in einem komfortablen Heim sitzen, sich nach dem unsicheren Zeitalter des Geldes zurücksehnen mit seiner souveränen Verachtung für Menschenleben und Menschenwerte, wo jeder gegen jeden kämpfte, wo Überfluss Seite an Seite mit dem Elend lebte, – aber wo es noch am einzelnen lag, sein Leben selbst zu einer Folge spannender Kämpfe zu machen, die wohl oft mit in grauenvollen Niederlagen endeten, aber bei denen man auch eine Chance hatte, sie mit einem strahlenden Sieg zu krönen – kurz gesagt: wo Leben noch ein Abenteuer war. Wie die geldverdienenden Bürger des neunzehnten Jahrhunderts in ihrer Freiheit sich nach der Poesie der Ritterzeit in einem abenteuerlichen Mittelalter zurücksehnten, genauso werden die wohlversorgten Bürger des Gleichheitsstaates sich nach der Poesie des Geldes im wahnwitzigen neunzehnten Jahrhundert zurücksehnen“. Es würde keine Hundert Jahre dauern, bis es genauso kommt: ganze Nationen brechen aus dem sogenannten Staatssozialismus aus, weil sie sich eingeengt fühlten, und sind nun im großen blutigen Abenteuer angekommen, wo jeder sein eigenes gespensterhaftes Glück als Schwert gegen alle Anderen schmiedet.

Hier Jaeger wird persönlich, weil er offensichtlich seine Lebensgeschichte für verallgemeinerbar hält; er wettert gegen die Schule, die Erziehung, die Ehe und ihre Kehrseite – die Prostitution, er verzweifelt in diesem Alltagskampf, wird alt und das Land ist noch immer nicht in Sicht. Von Selbstmord sieht der Erzähler ab, wie Jaeger selbst wahrscheinlich nicht nur einmal in seinem Leben tat. Es kann ja sein, dass nicht alles vergebens war. Sogar die Gelehrten begreifen langsam den Wahnwitz der weltweiten Situation. Keine „stufenweise Entwicklung“, keine Verbesserung wird die Lage der Menschheit tatsächlich verbessern. Doch wo bleibt die Revolte? Ist ihr Geist wirklich erloschen, hat der Satan doch Recht behalten? Überall entstehen große Gewerkschaften, die Arbeiterklasse wird zunehmend selbstbewusster, man streikt was das Zeug hält, doch wenn die Produktion nicht übernommen und in eigener Regie geführt wird, sind das alles nur kosmetische Maßnahmen und die Revolution bleibt ein „törichtes Geschwätz“. Man wird vergebens nach exakten Plänen suchen, wie die Produktion den weltweit betrieben werden und was das liebe Geld ersetzen soll. Aber eine famose Idee hat Jaeger allenfalls: man gründe eine „anarchistische Partei“, die selbstverständlich nie bei den Wahlen gewinnen (das will sie nicht ein mal versuchen), aber dafür umso aktiver das Parlament für ihre Agitationszwecke benutzen würde. Und so wird das schon, denn der göttliche Funke ist ja da, er weiß nur noch nicht, wohin mit sich. (Was Jaeger zu seiner Zeit vermutlich noch nicht wahgenommen hat, ist der Umstand, dass auch die Reaktion mit der Sehsucht nach Gemeinschaft hausiert und dabei sogar erfolgreicher wird, weil ihre Gemeinschaft etwas weniger abstrakt ist. Abstrakte Menschheitsliebe wiederum hat ihre Kehrseite im eliminatorischen Antisemitismus, die linken und „progressiven“ Freunde Palästinas liefern aktuell dafür das beste Beispiel). Das ist in groben Zügen der Inhalt dieser seltsamen „Bibel“, die bei den aufmerksamen LerserInnen, nicht unähnlich der echten, verdammt große Fragezeichen in den Augen hinterlässt.

Nach all seinen gescheiterten Unternehmungen kehrt Hans Jaeger 1910 zum letzten Mal nach Kristiania zurück. Die Reise von Hans Jaeger, der unter der schwarzen Fahne der Menschheit entgegen segelte, kam hier zu Ende. Er hat sie nicht gefunden und ist gestrandet, wie jeder Freibeuter, der nicht die Ehre hatte, von der Herrschaft geteert und gehenkt zu werden. Er starb an Magenkrebs – allerdings nicht unterm Kneipentresen oder in einem abgeranzten Hafenbordell in der Karibik – sondern in einem tristen Hotelzimmer, umgeben von einigen wenigen Freunden. Nichts davon, was oben geschildert wurde, kann freilich als Wahrheitskriterium für seine Ideen gelten, als Kriterium für deren Unwahrheit allerdings auch nicht. Die Boheme bleibt allein auf dem öden Friedhof liegen und verfault unter Blumen und Kränzen.

von Ndejra

  1. Anatoli Lunatscharski: Ibsen und das Kleinbürgertum, 1907

  2. Auch Erich Mühsam z.B. fantasierte manchmal von einem Weltparlament, welches der Geheimdiplomatie der Staaten den Garaus machen würde.

  3. Nicht, dass damals jemand bei klarem Verstand „sex work“ für halbwegs emanzipatorisch befand. Friedrich Engels fasste in „Ursprung der Familie“ (1886) den Sachverhalt folgendermaßen zusammen: „So ist die die Erbschaft, die die Gruppenehe der Zivilisation vermacht hat, eine doppelseitige, wie alles was die Zivilisation hervorbringt, doppelseitig, doppelzüngig, in sich gespalten, gegensätzlich ist: hier die Monogamie, dort der Häterismus mitsamt seiner extremsten Form, der Prostitution. Der Häterismus ist eben eine gesellschaftliche Einrichtung wie jede andere; er setzt die alte Geschlechterfreiheit fort – zugunsten der Männer. In der Wirklichkeit nicht nur geduldet, sondern namentlich von den herrschenden Klassen flott mitgemacht, wird er in der Phrase verdammt. Aber in Wirklichkeit trifft diese Verdammung keineswegs die dabei beteiligten Männer. Sondern nur die Weiber: sie werden geächtet und ausgestoßen, um so nochmals die unbedingte Herrschaft der Männer über das weibliche Geschlecht als gesellschaftliches Grundgesetz zu proklamieren“. Und dem ist auch heute nichts hinzuzufügen.

  4. Trotz der Begeisterung von Herausgeber Niels Hoher, hat man Jaeger in Deutschland nur kurz wahrgenommen und sofort wieder vergessen: „Aber nicht Asyl ist es, was Hans Jäger in Deutschland findet: unter uns ist er kein Fremdling, denn seine geistige Heimat fand er auf der Wanderung zu Max Stirner her von Hegel und Immanuel Kant. Heimat geben wir ihm, denn Heimat soll ihm die Sprache sein unseres Deutschlands, darin frei geworden ist für alle Zeiten: das Wort“.

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