Zur „Deutschen Ideologie“

In einem Interview mit ein paar Leuten der Marx-Engels-Gesamtausgabe gibt es interessante Sachen zu hören über „Die Deutsche Ideologie“ von Marx und Engels, die wir vorschlagen, mit den Dingen zu vergleichen, die hier (und hier) und im Buch „Staat oder Revolution“ (ab Nr. 87, v.a. 101, mit weiteren nachweisen) zu lesen waren.

 

Eine Frage zu dem Manuskript, das Marx und Engels der nagenden Kritik der Mäuse überlassen wollten und das im 20. Jahrhundert unter dem Titel Die deutsche Ideologie bekannt wurde. Es ist in der MEGA im Band I,5 zu finden. Um was für ein Werk handelt es sich?

Gerald Hubmann: Die Pointe ist, dass es kein Werk Die deutsche Ideologie gibt. Was wir haben, sind 17 von Marx und Engels verfasste Manuskripte, die in intensiver Zusammenarbeit zwischen Oktober 1845 und April 1847 entstanden sind. Auf vielen Blättern finden sich beide Handschriften, sie korrigierten sich gegenseitig. Die Absicht war, eine Kritik der deutschen Philosophie zu verfassen, also an Bruno Bauer, Max Stirner und anderen. Publiziert werden sollten diese Texte aber nicht als Buch, sondern sie sollten – wie wir nachweisen konnten – im Rahmen einer Vierteljahrsschrift erscheinen, die Marx und Engels herauszugeben planten und an der anfangs noch Moses Hess beteiligt war. Entsprechend wurden weitere Autoren aufgefordert, für dieses Periodikum zu schreiben, Georg Weerth und Wilhelm Weitling etwa.

Das Projekt konnte aber aus finanziellen Gründen nicht realisiert werden; die Texte der anderen Autoren wurden zurückgesandt und Marx und Engels versuchten, ihr Material allein zu veröffentlichen – zunächst in zwei Bänden, später, mangels eines Verlegers, in einem. In diesem langen Prozess, der bis 1847 andauerte und schließlich scheiterte, wurden die Manuskripte, die ohnehin unfertig waren, fortwährend umgruppiert und umsortiert.

Gerade deshalb sind sie editorisch und ideengeschichtlich so interessant, weil man eine begriffliche und gedankliche Entwicklung beobachten kann. Im großen Stirner-Manuskript – über 400 Seiten – entwickeln sie etwa ihren Begriff des Kleinbürgertums; der Ideologiebegriff taucht auf; die Kritik an Feuerbach schärft sich. Aus diesem Grund entnehmen sie Passagen aus dem Stirner-Manuskript, um ein Feuerbach-Kapitel zu schreiben, das aber nicht realisiert wurde. Dieser work in progress kommt jedoch zu keinem Abschluss, auch weil es keinen Publikationsort gibt. Schließlich geben sie das Projekt auf und überlassen die Manuskripte der „nagenden Kritik der Mäuse“. Das ist wörtlich zu nehmen: Mäusefraß findet sich vor allem dort, wo Rotweinflecken waren. Aber die Texte sind auch ohne Mäusefraß unvollständig, sind oftmals ohne Titel, Anfang und Schluss. Zur Überlieferung ist zu sagen, dass sie nicht als geschlossenes Konvolut aufbewahrt wurden, sondern an unterschiedlichen Orten lagen. Marx selbst hatte, wie wir wissen, das Vorhaben als Selbstverständigung abgehakt.

Von wem stammt denn dann der Titel Deutsche Ideologie?

Gerald Hubmann: Der Titel stammt nicht aus den Manuskripten selbst, sondern verdankt sich einer beiläufigen, später verfassten Zeitungsnotiz von Marx – wobei unklar ist, auf welche Texte genau er sich bezog. Hinzu kommt: Die Manuskripte sind schwer lesbar, es gibt tausende Textvarianten. Und es gibt einen dritten Schreiber, Joseph Weydemeyer, der viele Seiten von Marx’ Handschrift abgeschrieben hat, um sie leserlicher zu machen. So war der Stand, bis man vor ziemlich genau hundert Jahren im Rahmen der Vorarbeiten zur ersten MEGA begann, diese Manuskripte zu edieren. Das war eine große Aufgabe, die jedoch mit einem klaren Ziel angegangen wurde: Man wollte Marx’ Gedanken rekonstruieren, weiterentwickeln, gleichsam zu einem Abschluss bringen – eine Philosophie des historischen Materialismus sollte herausdestilliert werden

Diese Geschichte kann man inzwischen kennen, dennoch wird die Deutsche Ideologie immer noch als Deutsche Ideologie referenziert. Eine andere berüchtigte Kompilation – Friedrich Nietzsches Der Wille zur Macht – würde keiner, der ernst genommen werden will, noch zitieren. Warum ist das bei der Deutschen Ideologie anders?

Herfried Münkler: Bei Nietzsche ist personal eindeutig, wer kompiliert hat: Elisabeth Förster-Nietzsche. Sie hat keinen guten Ruf. Das erzeugt so etwas wie einen Appell, andere Ausgaben zu zitieren. Im Fall der Deutschen Ideologie ist der Prozess komplizierter, mehrfach unterbrochen – auch wenn das Ergebnis am Ende in eine ähnliche Richtung weist.

Gerald Hubmann: Ich würde dennoch dafür werben, sich die authentischen Manuskripte einmal anzusehen. Die bisherigen Editionen erzeugten ein falsches Bild, das zudem nie wirklich stringent war: Nach ihnen kritisieren Marx und Engels gleich eingangs im Feuerbach-Kapitel jedwede Philosophie in Grund und Boden, verwerfen sie grundsätzlich zugunsten positiver Wissenschaft – und verwenden die dann folgenden mehr als 500 Druckseiten darauf, sich ausführlich und detailreich mit der zuvor verworfenen Philosophie zu beschäftigen. Man konnte sich immer denken, dass da irgendetwas nicht stimmen kann.

Betrachtet man die einzelnen Manuskripte und Fragmente hingegen chronologisch, wird schnell deutlich, dass der Prozess anders verlief. Insbesondere in der ausführlichen Auseinandersetzung mit Stirner entwickeln Marx und Engels ihre Begrifflichkeit. Dann sondern sie diese Passagen aus, weil sie zunächst planen, die daraus resultierende grundsätzliche Philosophiekritik in einem eigenen Kapitel zu explizieren. Aber genau dazu kommt es nicht mehr; sie verwerfen Philosophie zugunsten positiver Wissenschaft und politischer Aktion. Und wenn man berücksichtigt, dass sich das bis 1847 hinzieht und dass sich Formulierungen aus den späten Manuskripten auch im Kommunistischen Manifest finden, versteht man, warum Marx diese Texte nicht publizierte: Hier sollte eben gerade nicht – wie der Marxismus suggerierte – eine neue Philosophie des historischen Materialismus begründet werden, sondern hier wurde die Philosophie von Marx ad acta gelegt. Für die Einsicht in solche Denkbewegungen lohnt der Blick in die Manuskripte.

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