Die Produktion, das sind immer die anderen

[An dieser Stelle reichen wir einen Text aus dem Heft# 17/2021, der damals unter den Tisch gefallen ist. Die Ausgaben kann man übrigens auch online lesen. Lasst uns dieses Thema nicht aus den Augen verlieren. – GT]

Denke ich an den Stand der Diskussion über „alternative Wirtschaftsmodelle“, so sehe ich vor mir, wie WachstumsgegnerInnen und UmweltschützerInnen gemeinsam verschiedene Paragraphen zur Einschränkung bzw. Förderung jeweils schlechter bzw. guter Sachen vorbereiten (1). Diese Reformvorschläge bringen sie zeitgemäß in Petitionen ein. Dementsprechend zeigt die Konjunktur von Vereinen wie Campact, wie Protest funktioniert bzw. was Protest heute zu bieten hat. Der Appell an die staatliche Reglementierung der allzu sichtbaren Schweinereien zeigt, wie weit weg der Ort des Geschehens bzw. der adressierte Missstand den AktivistInnen und kritischen KonsumentInnen erscheint.

Nur ein Teil der Empörten kümmert sich, statt um die falsche Konsumption von Waren, um deren Erzeugung. Änderungen in der Produktion versprechen sie sich letztlich dennoch von gesetzlichen Limitierungen (2), wobei die privatwirtschaftliche Unternehmung selbst nicht in Frage gestellt wird – dem gierigen Management aber dennoch der Spielraum genommen werden soll.

Wenn doch mal über die ArbeiterInnen gesprochen wird, dann aus anderer Perspektive: Die Diskussion dreht sich um das Arbeitsverhältnis und die Arbeitsbedingungen, endet jedoch vor dem Ziel und dem Ergebnis der Beschäftigung. In dieser Denke sind Betriebsräte jene Leute, die sich um die Unterlagen für die Kündigung oder Neueinstellung kümmern und gelegentlich die Arbeitssicherheit und den Datenschutz ansprechen. Die Belegschaften als Interessengruppen sind derzeit jedoch nur in Ausnahmefällen Sphären politischer Auseinandersetzung. Dass Arbeitskräfte tatsächlich in Relation zu den Produkten bzw. Leistungen gedacht werden, kommt selten vor. So entfremden sich die ArbeiterInnen nicht nur vom Resultat ihrer Arbeit; sie verschwinden in der öffentlichen Wahrnehmung auch noch hinter ihrem Produkt. Das ist nicht neu: Hitler hat die Autobahnen schließlich auch alleine gebaut.

Das Unbehagen in der Waren produzierenden Gesellschaft artikuliert sich viel häufiger als Kritik der KonsumentInnen am Angebot (Auto zu groß, Huhn zu unglücklich, Strom zu nuklear), denn als Kritik der ArbeiterInnen an ihrem Auftrag. Der Protest leitet sich also aus dem Privaten ab, wo wir mit dem Auto fahren, ein Spiegelei essen und das Auto aufladen. „Politischer Aktivismus findet in Deutschland meist nach Feierabend statt, gern auch am Wochenende und anlässlich von Groß-Events. Der Arbeitsplatz gilt als tendenziell unpolitischer Raum, für die herrschende Klasse steht er auch außerhalb der Demokratie.“ (Wigand, Rote Hilfe 3/2020)

Uns geht es hier weniger um das Demokratieverständnis der Arbeitgeber, mehr um das von uns ArbeitnehmerInnen selbst. Sich als potenzielleN politischeN AkteurIn qua Lohnarbeit zu verstehen bietet den Raum, abseits von der Rolle als Wahlvieh und KonsumentIn einen Handlungsspielraum zu entdecken, der nicht unmittelbar von Staat und Kapital (so) vorgezeichnet ist. In diesem Sinne soll auch der Titel dieses Textes erinnern ans das simple Credo: The systems works because you work (3). Weiterlesen

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Everybody Knows

„Ende des Sozialismus, Zukunft der Revolution“

Es ist unter Linken selbst immer noch ein Rätsel, was genau 1989/91 eigentlich zerbrochen ist. Sie erinnern sich dunkel an einen fürchterlichen Rückschlag, sie reden viel über seine katastrophalen Auswirkungen, aber sie können anscheinend auf keine Weise wissen, worin er eigentlich bestanden hat und wieso er die Macht hat, derartig weittragende Auswirkungen zu haben.

Man kann die Konstellation, die heute herrscht, nicht gut ohne das verstehen. Die betäubende Dummheit, die einen heute auf der Linken umfängt, hat auch dort noch ihre Wurzeln.

1. Es war nicht allzu lange vor 1989, dass Sätze gesagt und auch geglaubt worden sind wie „Die Oktoberrevolution ist der Wendepunkt der Menschheitsgeschichte.“ Der Satz in dieser Form ist parteioffiziell autorisiert, aber seine Urheber dem Inhalt, dem Geiste nach wird man an vielerlei Orten finden. Es sind dies die gläubigeren Schüler Blochs und Lukács, die humanistischen Marxisten des Ostens und der grössere Teil des sog. westlichen Marxismus.

Wen gab es, der real etwas anderes gedacht hat? Die Trotzkisten dachten sich den Osten meistens so, dass die ökonomische Revolution schon, wenn auch unvollkommen, durchgeführt ist, und nur noch eine politische nötig wäre, um die Arbeiterklasse wirklich in den Besitz der dankenswerterweise schon verstaatlichten und zentralisierten Produktionsmittel zu bringen. Die sozialdemokratische Linke dachte nicht viel anders, sie fasste es nur in Begriffe von Demokratisierung und Öffnung. Die Konvergenztheorie schlug die Brücke zu den „fortschrittlichen“ Technokraten.

Man hat natürlich die Bonzen nicht gemocht, man hat den Gulag nicht für richtig gehalten, aber dass irgendetwas sozialistisches da war, das weit über die Gestalt seiner derzeitigen Verwalter hinausgewiesen hat, das war ganz offensichtlich ein weit verbreiteter Gedanke. Wir glauben zufällig, dass kein Wort davon wahr ist. Das hindert uns nicht, die Sache mit derjenigen Art Sympathie anzugehen, die man für Irrtümer aufbringt, denen man nahe steht.

2. Selbstverständlich sieht man die Wirklichkeit unter diesem System. Sie lässt sich nicht abstreiten. Es lassen sich nur immer Gründe finden, warum sie so ist und nicht anders; und gerade weil das ganze so offensichtlich falsch und veränderungsbedürftig ist, lässt sich leicht vorstellen, dass die Veränderung auch einmal eintreten wird. Die Schranzen, die die Macht an sich gerissen haben, sind nicht das letzte Wort, sind nur vorläufig da; sie sind nur die traurigen, unfähigen Sachwalter einer höheren Wirklichkeit, die sich irgendwann enthüllen und die Fesseln ablegen wird, die sie heute noch binden. Hinter dieser Zukunft, die nie kommt, verschanzt sich natürlich die Gegenwart.
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Neuere Fortschritte der Irrealisierung

Nachtrag zur „Pseudolinke“-Reihe

Die bizarre, oder besser vollkommen närrische und verrannte Konstellation auf der Linken ist nicht oft so einfach in einem Bild zusammengefasst zu sehen gewesen wie neulich in Würzburg; und ich fürchte, man wird den Witz einem, der diese Stadt und ihre linke Szene nicht wenigstens 25 Jahre ertragen hat, nie völlig erklären können. Aber ohne Zweifel werden sich überall Parallelen finden lassen.

Am 17. Dezember war Veronika Kracher mit ihrem Vortrag über „Antisemitismus und Queerfeindlichkeit“ zu sehen, veranstaltet von der DIG Würzburg und der bewegungslinks-grünnahen Gruppe „Gegenpol“ (was für eine idiotische Konstellation allein schon dieser letztere Umstand).

Kracher Analyse des Zusammenhangs zwischen „Queerfeindlichkeit“ und Antisemtismus ist im Grunde eine „wissenschaftlicher“ formulierte Wiederholung der Lügenkampagne, die vor einigen Jahren gegen Marie Vollbrecht aufgefahren worden ist; notdürftig ergänzt um einige Brocken einer banalisierten Art der Ideologiekritik, wie sie in den 00er Jahren von einigen Studenten der Politikwissenschaft ausgedacht worden ist.

Der Trick besteht darin, durch eine möglichst verwässerte Umformulierung der Klassiker der „antideutschen Kritik“ alles, was einem am Herzen liegt, irgendwie in den Bereich des Antisemitismus hineinzudefinieren. Anders ausgedrückt läuft es darauf hinaus, die Geschichte des Antisemitismus nach allen Regeln der Kunst zu instrumentalisieren („für gegenwärtige Zwecke“, wie die Antideutsche Aktion Berlin neuerdings in einem allgemeineren Zusammenhang zitiert hat.)

Inhaltlich ist über diese verlogene Übung wahrscheinlich wenig zu sagen. Wo man mit dem Nationalsozialismus nicht weiterkommt, nimmt man sich Trump oder irgendeinen christlichen Konservativen, die sind schliesslich auch „rechts“. Alle offensichtlichen Widersprüche verschwinden unter auswendig gelernten Sophismen und dem Jargon der Antonio-Amadeu-Stiftung. Wir nennen das Spiel Lego der Ideologeme, und alle politischen Kräfte spielen zur Zeit nichts anderes.

Man hätte am selben Tag übrigens zur Linkspartei gehen können, die da einen Vortrag zum Zusammenhang von Zionismus und Antisemitismus im Angebot hatte. Der Kreisverband der Linkspartei ist, wie zur Zeit üblich, von den Queers for Palestine übernommen worden. Der Kreis-Sprecher, der einzige im Vorstand über 30, hat eine interessante Vergangenheit: er hat früher Bücher für ca ira lektoriert und war gross in Hanna Arendt und in Israelsolidarität, ehe er dann sich zur Linkspartei bekehrt hat.

Ich habe keinerlei Idee, wie man derart gründlich von A nach B gelangt. Aber wenn ich eins weiss, dann das: wenn man „Politik“ treibt, wenn man sich zum Politikanten herunterbringen lässt, dann wird man auf jeden Fall von A nach B gelangen, ehe man sich versieht.

Man muss das Wort „Politik“ genauso aussprechen, wie Jochen Bruhn es ausgesprochen hätte, oder die letzten Insus. Die „Form Politik“ ist genau das, woraus dieser ganze Wahnsinn gesponnen ist; der gegenwärtige mondsüchtige Unfug ist genau das, wozu die „Form Politik“ degeneriert, wenn die Bedingungen es verlangen.

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Ankündigung: Staat oder Revolution II

Von der Verlagswebsite:

Beschreibung

Die materialistische Untersuchung von Staat und Recht, die im ersten Band von Staat oder Revolution (2015) versucht wurde, ist in mehrerlei Hinsicht unvollständig geblieben. Sie musste sich auf den Begriff des Staats als Staat, als gegenüber der Gesellschaft selbständiger Form beziehen und führte zum Ergebnis, dass der Staat keine sekundäre Form ist, die aus der Bewegung des Kapitals abgeleitet werden könnte, sondern, dass die politische Form vielmehr selbst eine eigene Bewegung aufweist, die der des Kapitals analog ist. Dass Staat und Kapital zwei Seiten des selben Verhältnisses sind; dass ihre Eigenbewegungen aus derselben Ursache herrühren, die aber jenseits des im ersten Band betrachteten Rahmens liegt: das konnte dort nur vermutet, nicht aber gezeigt werden.

Der Rahmen des ersten Bands war zunächst der des kontinental-europäischen Staatsrechts in der Zeit nach der französischen Revolution gewesen. In Staat oder Revolution II wird jetzt erstens die Entwicklung der britischen Staatsverfassung, also desjenigen Staats, in dem die kapitalistische Produktionsweise zum ersten Mal zur Vorherrschaft gekommen ist, betrachtet und zweitens die Entwicklung des Staats nach seiner ökonomischen Seite hin, statt nur nach seiner politischen, also der Zusammenhang von Geldsteuer, fiskalischer Kasseneinheit und der permanenten Staatsschuld mit dem modernen Begriff des Staats in den Blick genommen.

Die modernen Gesellschaftsformen müssen sich spezifisch von den älteren unterscheiden lassen. Das erfordert einen allgemeineren Begriff von den Formen der agrarischen Gesellschaften. Dieser allgemeine Begriff ist nicht zu haben, ohne das Rätsel aufzulösen, warum ihr Inhalt, nämlich menschliche Tätigkeit, diese Formen, nämlich Herrschaft und Ausbeutung, angenommen hat. Dieses Rätsel führt zurück zu den Ursprüngen von Gesellschaftlichkeit überhaupt, zum Menschen als Naturwesen und zum Geschlechterverhältnis.

In den letzten Abschnitten wird der moderne Staat im Zusammenhang zwischen moderner Revolutionsgeschichte und der Durchsetzungsgeschichte des Kapitals betrachtet, sowohl in ihren imperialistischen als auch in den sogenannten antiimperialistischen Formen, von Britisch-Indien über das kaiserliche Japan bis zur Sowjetunion. Die Untersuchung versucht, mit einem Begriff von Revolutionsgeschichte zu enden, der der heutigen Lage angemessen ist.

Vita

Jörg Finkenberger, geboren 1976, Gastwirt, Landwirt, Jurist. Mitherausgeber der Zeitschrift Das Grosse Thier sowie des Magazins für aufrührerische Dichtung.

Aus dem Inhalt

  1. Einleitung
  2. Die britische Staatsverfassung
  3. Die agrarische Gesellschaft
  4. Steuer- und Repräsentativverfassung
  5. Ordnung, Trieb, Familie
  6. Die kapitalistische Produktionsweise
  7. Imperialismus und Staat
  8. Revolutionsgeschichte
  9. Schluss
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Das politische Phänomen des russischen Nationalismus

[Wir übernehmen einen weiteren Beitrag von Denis, um die allseits beliebte Rubrik fortzusetzen: was machen denn die ganzen „NATO-Faschos“ und die „antifaschistischen Befreier“? Gut geht es ihnen, zumindest äußerlich: bei den einen sieht es nach einer Privatfette aus, während bei den anderen ist es allerdings ein Staatsakt. Erwähnenswert ist bloß, dass der sog. russische Nationalismus ist zwiegespalten und das ist der Ausdruck der schizophrenen russländischen Staatlichkeit selbst: Russland ist ein altes Kolonialreich mit etwas auf der Strecke gebliebener Nationbildung. – das GT]

von Denis Kosak

Anlass für diese Notizen war ein Vorfall bei der Beerdigung des ukrainischen Anarchisten David Tschitschkan (eng. Chichkan). Denis Kapustin-Nikitin, Anführer des Russischen Freiwilligenkorps (RDK), tauchte unerwartet unter den Anwesenden auf.

Sein Auftritt war nicht als Ehrung des Andenkens gedacht, sondern als bewusste Provokation: Daraufhin wurde ihm Pfefferspray direkt ins Gesicht gesprüht. Der Vorfall verbreitete sich augenblicklich in den Medien und rief das vertraute Gefühl einer Straßenkonfrontation hervor – AnarchistInnen und AntifaschistInnen auf der einen Seite, Neonazis auf der anderen.

Dieser Vorfall ist jedoch nicht nur wegen des jüngsten Aufflammens eines alten Konflikts bemerkenswert. Im Mittelpunkt steht die Person Kapustin-Nikitins. Er ist kein ukrainischer Nationalist, sondern Russe – russischer Staatsbürger und zudem Kommandeur einer ganzen Militäreinheit. Seine Anhänger – sowohl russische als auch ukrainische Nationalisten – beeilten sich, sein Verhalten zu rechtfertigen und bezeichneten die Trauergäste als „linkes Gesocks“. In einem Akt der Solidarität verbreiteten sie in den sozialen Medien den Slogan „Ruhm der Rus’!“

Und hier stellt sich die entscheidende Frage: Was bedeutet dieser Slogan überhaupt im ukrainischen Kontext – insbesondere unter den Kriegsbedingungen? Auf den ersten Blick scheint er nichts Besonderes zu sein: Ein pathetischer Ruf nach „Ruhm“, eine simple Kopie des Slogans „Ruhm der Ukraine“, nur eben auf russische Art. Doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass es sich um einen rhetorischen Parasiten handelt, um einen Versuch, sich fremden symbolischen Raum anzueignen. Denn „Ruhm der Rus“ steht nicht für eine freie Ukraine, nicht für ihren Kampf und ihre Zukunft. Es ist ein Ruf nach einer Rückkehr in eine mythische Vergangenheit, in der „Rus“ nicht als Quelle vielfältiger Traditionen, sondern ausschließlich als Herkunftsgebiet russländischer Ultrarechte dargestellt wird. Weiterlesen

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Der Preis des Überlebens für Ukrainer in Deutschland

[Denis floh 2022 aus Russland nach Kasachstan, nachdem Kasachstan ihm den Schutzstatus verweigerte, konnte er 2024 der Extradiktion nach Russland entgehen und nach Deutschland ausreisen. Wir übernehmen den folgenden Beitrag, da wir der Meinung sind, hier werden wichtige Dinge angesprochen, während die FreundInnen der blau-gelben Folkloristik und die möchte-gern-Geopolitikasten uns mit bürgerlichem Idealismus und irgendwas „mit Europa vereint“ vollsülzen. Zwei grundsätzliche Kritikpunkte allerdings: die Frauen trifft es noch mal ganz anders, obwohl Osteuropäerinnen auch vor dem Krieg ganz gut in deutschen Bordells vertreten waren; zweitens, scheint der Kollege die ganze Hoffnung in die staatliche Regulation zu legen. Ohne die Selbstorganisation und solidarische Unterstützung jedoch wird sich nicht viel tun, punktuelle Erfolge und Erfahrungen gibt es mittlerweile. Es wird uns allen gut tun, den Kopf mal wieder aus dem Arsch zu ziehen. – das GT]

Denis Kosak

Anstelle einer Einleitung

Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur Millionen von Menschen schweres Leid zugefügt, sondern auch einen massiven Zustrom von Flüchtlingen in westeuropäische Länder, vor allem nach Deutschland, ausgelöst. Bis Mai 2025 wurden in Europa über fünf Millionen Ukrainer registriert, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Nach Angaben des UNHCR ist Deutschland das Land, wo mit etwa 1,2 Millionen Menschen die meisten Anträge auf Asyl und vorübergehenden Schutz gestellt worden sind.

Deutschland bleibt eines der wichtigsten europäischen Länder hinsichtlich der Zahl der Flüchtlinge und Migranten. Im Jahr 2025 stieg ihre Gesamtanzahl um weitere 124.000 Menschen auf rund 3,5 Millionen. Etwa ein Drittel aller registrierten Flüchtlinge sind ukrainische StaatsbürgerInnen.

Deutschland verfügt über eines der am weitesten entwickelten sozialen Unterstützungssysteme in Europa sowie vereinfachte Mechanismen für den vorübergehenden Schutz ukrainischer StaatsbürgerInnen. Darüber hinaus besteht auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein Bedarf an Arbeitskräften, was das Land nicht nur für Vertriebene, sondern auch für Migranten attraktiv macht, die stabilere Lebensbedingungen und Beschäftigungsaussichten suchen.

Als Migrant mit annulliertem Pass, der als Flüchtling in Deutschland lebt, habe ich die Komplexität der deutschen Bürokratie persönlich durchgestanden und aus erster Hand erfahren, dass Statistiken und offizielle Berichte nicht immer die Realität widerspiegeln. Heute gehöre ich der Arbeiterklasse an und arbeite Seite an Seite mit Ukrainerinnen und Ukrainern sowie anderen Migrantinnen und Migranten, die mit denselben Problemen und Herausforderungen konfrontiert sind. Deshalb ist es mir wichtig, meine Beobachtungen und Erfahrungen zu teilen, um zu zeigen, inwiefern das, was über die Situation von Flüchtlingen und MigrantInnen und Migranten in Deutschland erzählt wird, tatsächlich mit dem übereinstimmt, was wir täglich erleben.

Die Besonderheiten eines neuen Lebens

Jeder Wochentag beginnt für mich gleich: Der Wecker klingelt um 4:50 Uhr, und ich habe nur zwanzig Minuten Zeit, um mich fertigzumachen. Ich gehe raus, als es noch dunkel ist – die Fenster der Nachbarhäuser sind unbeleuchtet, als schliefe die Stadt noch. Ich warte auf den Bus und merke, dass ich allmählich von anderen Pendlern umgeben bin. Die Stille wird nur durch die Gespräche meiner Kollegen unterbrochen – überall wird Ukrainisch gesprochen, und es entsteht das Gefühl, gemeinsam einem neuen Arbeitstag entgegenzugehen. Weiterlesen

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Neu: der beliebte „Hass und Hetze“-Podcast

In der ersten Folge unsrer beliebten Reihe mit interessanten Geprächen begrüssen wir einen Gast, dessen Mikro nicht richtig geht. Wir haben daraus trotzdem eine Folge zusammengepfuscht. Nehmt euch daran ein Beispiel! Es ist sehr schön. Beachten Sie ausserdem unser Gewinnspiel: welche Sorte von Linken wird diese Folge am meisten hassen? Antworten nach jeder Folge bitte an unsre Emailadresse.

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Buchbesprechung: „Rechte Tür links“

Kyrylo Tkachenko: Rechte Tür links. Radikale Linke in Deutschland, die Revolution und der Krieg in der Ukraine, 2013-2018. Stuttgart 2023

Die Jahre, die seit dem sog. Euro-Maidan und der Krym-Annexion vergangen sind, müssen jeder und jedem, die oder der die Ereignisse in der Ukraine aufmerksam verfolgt, bereits wie eine Ewigkeit vorkommen. Es ist viel passiert in dieser ewig langen und dennoch kurzen Zeit; dabei werden die Leute, die das unmittelbar getroffen hat, und Außerstehende den Ereignissen unterschiedliche Bedeutung beimessen. Nicht nur wir haben die Ukraine von außen beobachtet, die ukrainische Gesellschaft blickte zurück, die Kommunikation blieb verzerrt oder missglückte komplett.

Auch wenn Tkachenkos Ausführungen 2018 aufhören, sollte das den Reflexionsfähigen und Interessierten vollkommen reichen. Der Fremde, „der heute kommt und morgen bleibt“, wie es Georg Simmel irgendwo formulierte, sieht Manches schärfer, macht sich dementsprechend unbeliebt bei den Einheimischen. So viel anders ist die deutsche Linke seit Tkachenkos Versuch, diese dem ukrainischen Publikum zu erklären, nicht geworden: Ein Teil hängt immer noch sentimental Monstrositäten sozialistischer und postsozialistischer Gesellschaften an, ein Teil wird schwach bei islamistischen Metzgern aus dem Nahen Osten, die einen haben sich bei den postcolonial studies das letzte Hirn wegstudiert, den anderen gelten Leute wie Daniela Klette als Genossen, die dritten versuchen nach dem Vorbild der Gnostiker mit Sprachmagie ihrem biologischen Schicksal zu entfliehen, die anderen wiederum verlieren sich im theoretischen Delirium und finden nicht mehr zum Leben zurück, Sahra Wagenknecht gründet endlich ihre Querfront-Partei, allesamt sind wir felsenfest davon überzeugt, auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen und über alle Zweifel erhaben zu sein. 2023 veröffentlichte der ibidem-Verlag die deutsche Übersetzung des Buches in der Reihe „Ukraininan voices“, der ich übrigens weitestmögliche Verbreitung wünsche. Weiterlesen

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Neues Heft aufgetaucht

Nach mehrtägiger Suche ist das neue Heft nunmehr endlich gefunden worden:

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Pseudolinke-Vortrag auf Nokturnal Times

Den Vortrag „über die neuere Pseudo-Linke“ gibt es jetzt auch bei Nokturnal Times, er ist also gewissermassen zu den Klassikern der Bewegung hinauf musealisiert.
Die Zusammenfassung ist besonders erfreulich, indem sie nämlich von ChatGPT zu stammen scheint, genauso wie die leicht hirntote Überschrift und die Grafik. Alles ist purer Slop vom allerfeinsten. Wir finden das sehr passend, weil wir fest annehmen, dass die Vorträge dort auch von Bots angehört und geliket werden.

Eine Moral fällt uns dazu nicht ein, es ist einfach alles abgrundtief entsetzlich.

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Mit Grünen reden IV

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Der bei weitem direktere Modus des Bezugs dieser Schichten zum Land und zur Landwirtschaft ist natürlich der Konsum „biologischer“ Nahrunsgsmittel. Die individualpsychologischen Gründe dieses Konsumverhaltens sollen hier nicht untersucht werden. Seine soziale Funktion aber ist der eines Status-Markers der Mittelschichten, zur Abgrenzung nach unten; nach oben ist die Abgrenzung, so unglaublich es bei Körnerfressern klingt, durchlässig.

Man kann hier natürlich differenzieren und wird im Idealfall bei einer ähnlichen Unterteilung herauskommen wie oben: es gibt die exklusivere Kundschaft, die man an Meinungen erkennt wie, dass der Fleisch- und Wurstkonsum der unteren Schichten natürlich ungesund und insgesamt Zeichen eines schlechteren Menschen sei, nicht jedoch der Verzehr von handmassiertem Kobe-Rind. Dann gibt es das Milieu, das wir gestört bürgerlich nennen, man findet es z.B. in Vollkornbäckereien beim Kauf von Körnerbrötchen mit regionalem Bio-Kümmel. Die unteren Ränge, die gerne alternativ wären, aber sich vom Dünkel der Bourgeoisie abgestossen fühlen, weil sie ahnen, dass er sich auch gegen sie richtet, halten sich an „ihre Solawi“; während die Aufsteiger, die an Ökofrass ausdrücklich nur wegen des Prestiges interessiert sind, Discounter-Bio kaufen.

Man muss bei allen diesen Leuten mindestens aus methodischen Gründen Vorsatz unterstellen, das heisst einen Anflug von Bewusstsein über ihre Stellung in der internationalen „Arbeitsteilung“, d.h. ihres wirklichen Parasitismus. Dann kann man dieses Konsumverhalten entschlüsseln als eine halbbewusste Weise, dieses Bewusstsein zu kommunizieren. Die Ideologiekritik ist hier die Voraussetzung der Klassenanalyse.

„Bio“ ist eine Nische und wird es bleiben. Erstens: der Marktanteil kann sich nur ins untere Preissegment hinein vergrössern, das heisst um den Preis allgemein sinkender Erzeugerpreise. Zweitens: man geht als Erzeuger in „Bio“, wenn es sich rentiert. Wenn zuviele das tun, verfallen ebenfalls die Preise, und man geht wieder hinaus. Die Sache hat also einen distinkten Zyklus.

Drittens: das Wachstum des Segments Discount-Bio entspricht dem Markteintritt, grosser, stark mechanisierter Höfe. Die bewirtschaften eine gleich grosse Fläche und d.h. beschäftigen jahresdurchschnittlich ungefähr soviel Arbeitskraft wie 10 Höfe vor 50 Jahren, also sagen wir 50 bis 100. Möglich sind solche Verhältnisse nur, wenn es entweder osteuropäische Wanderarbeiter gibt, oder aber ein verfestigtes landwirtschaftliches Proletariat wie früher in Ostelbien.

Für das erste gibt es nicht die Unterkünfte. Gegen das zweite spricht, dass gerade diese Sorte Arbeitskraft historisch für den Verbrauch des städtischen Systems mobilisiert worden ist. Die Sache kann also gar nicht anders als auf dem jetzigen Fusse funktionieren: Produktion für eine gehobene Nische, ermöglicht durch Ausbeuterpraktiken von beinah systemwidriger Niedertracht.

7
Schauen wir uns das Phänomen „Solawi“ einmal an. Es steht für „Solidarische Landwirtschaft“. In der Schweiz nennt man es regionale Vertragslandwirtschaft und kommt damit der Sache schon näher, ohne die Backen so aufzublasen. Dass die Backen aufgeblasen wird, ist immer ein schlechtes Zeichen. Man kennt heute wenig Wörter, die so deutlich dazu da sind, anästhesierend zu wirken, wie „solidarisch“. Wer ist denn da mit wem solidarisch?

Es handelt sich um eine Einrichtung, die das Marktrisiko anders aufteilt und damit Preisnachlass realisiert. „Solawi“ liefert Produkte meistens ein Stück billiger als im Bioladen, dafür wird das Vermarktungsrisiko auf die Abnehmer umgelegt. Es ist eigentlich ein Abo auf eine Gemüsekiste. Weiterlesen

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Mit Grünen reden III

1
Wir müssem über die Veränderungen reden, die mit den Dörfern in den Jahren seit den 1950er Jahren geschehen sind. Ohne diese Veränderungen sind die der Städte nicht zu verstehen.

Nehmen wir eine Monstrosität wie den Europastern in Würzburg, eine Wüste aus Fahrspuren und Betonpfeilern von der Grösse eines kleineren Stadtteils. Als dieses Ding geplant wurde, lag es im Grunde am Stadtrand. Seither ist es von Gewerbe- und neuen Wohngebieten einigermassen ist Stadtinnere eingewuchert worden. Dieses mehrspurige Scheusal reicht auch für den heutigen komplett irrsinnigen Verkehr beinahe noch aus.

Diese Tatsache ist auffällig. Als er in den 1960ern geplant worden ist, gab es in Dörfern, in denen heute 300 Autos stehen, ungefähr 3. Man soll nicht glauben, dass es unter der gewöhnlichen Bevölkerung der Städte anders ausgesehen hat. Man muss sich dieses Bauwerk am Anfang als im Vergleich zu heute menschenleer vorstellen.

Umgekehrt gab es in denselben Dörfern, in denen es heute 5 Vollerwerbs-Landwirtschaften gibt, 200. Und wir reden hier von Leuten, die noch ihre Besen selbst gebunden haben.

Was dazwischen liegt, kann nur als gewaltige Mobilisierung von Arbeitskraft bezeichnet werden. Und zwar Mobilisierung im mehrfachen Sinne, einerseits Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt, andererseits Bedarf nach Motorisierung. Die Bauern fahren natürlich nicht mit dem Auto zur Arbeit, sie sind damals tatsächlich auf ihre Felder oft noch zu Fuss gegangen.

Die ungeheure Zunahme des Automobilverkehrs ist zu einem erstaunlich hohen Teil die direkte Folge der Verwandlung der Landbevölkerung von Bauern in Verkäufer von Lohnarbeit. An dieser Stelle dürfen gern die besonders Gescheiten ihre Nase rümpfen und irgendetwas von der „Idiotie des Landlebens“ sagen, die man damit glücklich überwunden habe, oder irgendeine andere bedeutungslose Phrase.

Diese Verwandlung ist natürlich nicht freiwillig geschehen. Wenn man probeweise einmal die Relationen zusammenrechnet), wie sich eine Personenstunde in der Landwirtschaft gegen eine Personenstunde gewerblicher Arbeit ausgetauscht hat, wird man erstaunt sein. Das geht natürlich fast nur auf Grundlage anekdotischer Evidenz und auch nicht direkt, sondern man muss ein paar Proxys verwenden. Wieviel Schweine musste ein Bauer 1955 verkaufen, um die Personenstunden zu bezahlen, die im Bau eines neuen Hauses stecken? Wieviel waren es 1995? Raten sie die Zahlen, stecken Sie sie in einen Umschlag mit 85 Cent in Briefmarken für die Antwort, und nehmen Sie an der Verlosung teil! (Auflösung weiter unten).

Die Relation ist erstaunlich. Der Bauer musste 1995 etwas mehr als hundert mal mehr Schweine verkaufen als 1955, um die Personenstunden für ein Haus zu bezahlen. Und Schweine waren auch vorher kein absolut knappes Gut, die Bauern waren damals zahlreicher und hatten keinerlei Anbietermacht, so dass der Schweinepreis sich als Proxy durchaus eignen dürfte für die epochale Entwertung landwirtschaftlicher Arbeit.

2
Man wird mir einwenden, 1955 gehöre noch zu den letzten Mangeljahren nach dem Krieg. Ja, genau darum handelt es sich. Diese Mangeljahre wären der Normalzustand in einer warenproduzierenden Gesellschaft. Die Abweichung von diesen Relationen kommt durch den Effekt einer prosperierenden kapitalistischen Industrieproduktion zustande, und die kam für unser Zeitalter damals erst langsam wieder in Gang. Und es ist genau diese Konjunktur, deren Aufsteig, Durchsetzung, Reife und Fäulnis wir seither erlebt haben.

Anstatt als Normalzustand eine funktionierende, exportierende und hohe Profitraten schiebende Industrieproduktion anzunehmen, wie es den Leuten des westlichen Marxismus meistens widerfährt, sollte man stattdessen einmal nach der Herkunft und Eigenart desjenigen Reichtums fragen, der eine solche Wirtschaft möglich macht. Man sollte, mit einem Wort, die Gesellschaft des Wirtschaftswunders als ein logisches Rätsel betrachten. Man tut es meistens nicht, denn es lässt sich so schlecht lösen; es ist viel einfacher, so zu tun, als wäre es keines.

Meine ausführlichen Überlegungen zu diesem Problem kann ich hier nicht mitteilen, sie sind nachzulesen in „Staat oder Revolution II“, welches mein Verlag hoffentlich dereinst einmal herauszubringen sich im Stande sehen wird. Hier muss es ausreichen, dass man das schwer begreifliche daran nicht als einen Nebenaspekt, sondern als den Kern der Sache selbst ansieht: die Entwertung landwirtschaftlicher Arbeit zugunsten gewerblicher ist das, was kapitalistische Akkumulation überhaupt ermöglicht, und diese Akkumulation gelingt nur, wenn sie diese Entwertung aufrechtzuerhalten vermag. Mit einem Wort also, Rosa Luxemburg hatte Recht. Weiterlesen

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