Wir wissen, dass man das, was wir hier tun, immer noch nicht Leben nennen kann. Der Widerwille gegen die Welt, der uns durchdringt, und sich als Ekel vor dem Körper und seinen Funktionen, vor Anderen, äußert; die Wut auf die Zustände, mit denen wir uns abfinden müssen und die nicht besser werden dadurch, dass sie Jahrzehnte oder Jahrhunderte überstanden haben (falls wir überhaupt etwas fühlen); der Zynismus, mit dem wir etwas davon mit einem Augenzwinkern auszudrücken gedenken; die lassen uns nicht schlafen, lassen sich nicht durch Sport und nicht durch Substanzen betäuben, die lassen sich beim Sex und in Beziehungen nicht abstellen, und sie fressen an uns, bis wir uns leer fühlen. Wir wissen, dass die anderen es auch fühlen, wir sehen es ihnen an und dass wir es ihnen nicht mildern können, bringt uns heimlich zur Verzweiflung. Wir hoffen dass wir selbst daran schuld sind, damit wir uns nicht hilflos fühlen müssen. Gegen den psychischen Verfall, der den körperlichen begleitet, der uns mit uns selbst, mit den geliebten Menschen Dinge tun und sagen lässt, die wir uns lieber nicht eingestehen möchten, vermögen wir fast nichts. Wir verwenden immer noch den größten Teil unserer Lebenszeit auf verdichtete fremdbestimmte, größtenteils sinnentleerte Tätigkeit. Das Stresslevel ist hoch. Unsere Leute haben keine Zeit. Jeder ist auf sich allein gestellt. Das soziale Leben zieht sich zurück in Beziehungen, die möglichst wenig zeitintensiv sind. Wir wissen, dass wir nur zusammen etwas dagegen ausrichten können, können uns aber nicht dazu durchringen, einander auch nur über den Weg zu trauen. Wir meinen, dass uns die nächste Reise durch dieses Jahr, das nächste Medikament durch die schlimmsten Schmerzen, die nächste Beförderung einem wenigstens halbwegs erträglichen Arbeitsalltag näher, die nächste Affäre durch die Krise in der Familie oder mit uns selbst bringt. Wir wissen, dass es nicht reichen wird. „Die Isolierung, die man den Gefangenen einmal von außen antat, hat sich in Fleisch und Blut der Individuen inzwischen allgemein durchgesetzt. Ihre wohltrainierte Seele und ihr Glück ist öde wie die Gefängniszelle (…). Die Freiheitsstrafe verblaßt vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit.“ (Horkheimer / Adorno, S. 242) Das alles ist mittlerweile recht vielen klar. Es wird nicht nur in linken jugendlichen Subkulturen diskutiert. Die politischen Ansätze zur Überwindung des allgemeinen Elends sind selbst in ihren Unterschieden unfassbar öde und ebenso öde die Debatte darüber. Asylsuchende konsequent abschieben oder gleich an den EU Außengrenzen zurückprügeln? Israelkritik üben oder Hamaspropaganda nachlabern? Neoliberalismus oder Wohlfühlstaat? das Klima noch retten oder gleich solidarisch preppen? nochmal den Klassenkampf zum Sozialismus ausrufen, oder sich mit K-Gruppen Kadermentalität als Selbstzweck begnügen? Bildungsarbeit und Symbolpolitik machen, oder die Energie in den Aufbau der zukünftigen Organisation stecken, die so gut ist, dass sich sogar der politische Inhalt erübrigt? Man führt übers ganze politische Spektrum hinweg Scheindebatten, und die radikale Linke weiß es natürlich auch nicht besser. „Stets gab es auf jede Frage eine allgemeingültige Antwort, was hieß, dass es gar keine Fragen gab.“ (Marcus, S. 315), schreibt Greil Marcus über die Situation in Berkeley mitte der 1960er. Je verbissener wir unsere Positionen verteidigen, desto größer offenbar das Bedürfnis zu verschleiern, dass über nichts geredet wird – außer über die AFD. Und je weiter entfernt politische Lösungen unserer Probleme scheinen, je mehr wir uns damit abfinden, dass „lowering our expectations […] is a small price to pay for being protected from terror and totalitarianism“ (Fisher, S. 5); desto näher liegt es, Veränderung in uns selbst zu suchen (1), in unseren unmittelbaren Beziehungen. Diese letzteren informieren durchaus die Art, wie gut wir in der Lage sind, politische Konflikte zu lösen. Kommunikationsregeln und Moderation mögen helfen, das Plenum zu disziplinieren, halten die ggf gebildeten Fraktionen aber nicht davon ab, zt unmittelbar nach dem Plenum die Unvereinbarkeiten umso unerbittlicher aufeinander einzudreschen – und verhindern ebenfalls nicht, dass einfach über gar nichts geredet wird. Muss man unbedingt mit genau den Menschen lernen, über die eigenen Beschränkungen in der Konfliktfähigkeit hinauszuwachsen, mit denen man politisch arbeitet, und am konkreten Konflikt? Eher nicht. Die persönlichen Beziehungen sind nicht der Ort, politische Konflikte zu lösen und ebenfalls nicht der Ort, politische Utopie zu verwirklichen. Es ist lähmend, wenn das Politische – das Verhandeln über die Organisation der gemeinsamen Angelegenheiten und deren potenzielle Veränderung – zu sehr in den unmittelbaren zwischenmenschlichen Umgang verschoben wird; oder in die eigene Psyche. Beides sind Wege, wie man in der Szene versucht hat, sich vermeintlich emanzipierteres Verhalten einfach überzustülpen.
Angst vor den Lebensentscheidungen, die einen weiter an die Gesellschaft, wie sie jetzt organisiert ist, ketten, ist berechtigt. Auswege jedoch sucht man in der Linken momentan eher in der Therapie als im Plenum.
„Wo immer die Gesellschaft in den politischen Bereich nicht nur gelegentlich einbrach, sondern ihn überwuchern und schließlich absorbieren konnte, hat sie ihre eigenen Sitten und Gebräuche und vor allem die ihr eigentümlichen moralischen Wertmaßstäbe, also die Intrige, die Lüge und die Gemeinheit der Hintertücke, in die Politik verschleppt, und darauf haben die unteren Klassen des Volkes noch niemals anders als mit Brutalität und Gewalttätigkeit reagiert.“ (Arendt, S. 156)
Es sind konformistische Zeiten. Wenn einer eine Regel bricht, dann nicht ohne vorher die Erlaubnis der gesamten Gesellschaft einzufordern. Es ist kein Wunder dass die rechtspopulistischen Pseudorebellen beliebt sind. Irgendwo müssen die destruktiven Anteile des Begehrens hin. Die Frage wie sich aus dem derzeitigen Zustand andere Beziehungen und also eine andere Gesellschaft entwickeln können (oder wie man argumentieren könnte, überhaupt eine), bzw. warum das vielleicht nicht so einfach geht, haben wir bisher nicht beantworten können. Man versuchte (3) immer wieder, die – politisch in geringem Maß vorhandenen – Gestaltungsmöglichkeiten in die persönlichen Beziehungen auszulagern. Wie sehr das die gesamtgesellschaftlichen Zustände spiegelt, muss glaube ich nicht extra ausgeführt werden. Die Institutionen, die uns ausgespien haben, Familie, Beruf, Kirche, Vereinswesen, sollten durch ganz neue Konzepte ersetzt werden, die man mitbestimmen konnte und von denen man keine Angst haben musste, wegen Unangepasstheit (und weirdness) ausgeschlossen zu werden. Im ganz Alltäglichen weiß man aber immer noch nicht, wie miteinander umgehen, und vor allem: wie einander nahe kommen. Dem „Fortschritt der barbarischen Beziehungslosigkeit“ (Horkheimer / Adorno, S. 169) hat die radikale Linke keinen Einhalt zu gebieten verstanden. Die Versuche, Privatleben zu gestalten, statt Gemeinschaft oder gar Gesellschaft zu gestalten, mussten scheitern. Wir lassen uns gegenseitig mit unserer Einsamkeit allein, wenn wir die Verantwortung, neue, funktionierende und individuell passende Beziehungsformen zu finden, jedem einzeln anlasten.
Es gibt die Idee, die nicht totzukriegen ist, andere aus einer Gemeinschaft auszuschließen könne Identität stiften. Die Angst davor, erneut zu nichts gehören zu dürfen, richtet sich nach außen als Serie von Kontaktabbrüchen und Verleumdungen. Das ist praktikabel und durch die Geschichte der Linken hindurch erprobt.(2) Es fühlt sich konsequent und aktivistisch an. Man schließt das abweichende Verhalten und vor allem Denken aus, um die eigene Zugehörigkeit zur Gruppe der sich richtig Verhaltenden und Denkenden zu betonen. Auf der Suche nach der richtigen politischen Haltung haben wir uns immer wieder die zwischenmenschliche Sentimentalität ausgetrieben, „…für einige war Zweifelsfreiheit schon immer das Wichtigste gewesen, und für ihren Seelenfrieden zahlten sie jeden Preis.“ (Marcus, S.315) Beziehungen lassen sich mit einer gewissen Abstraktionsleistung von einem Tag auf den anderen beenden. Es kann zumindest plötzlich die Kommunikation, der Umgang verweigert werden und damit der Mensch mit seiner Zuneigung, seinem Begehren, seinem Frust auf sich selbst zurückgeworfen werden. Das ist ein sehr schmerzhaftes, schockierendes Ereignis und verleiht demjenigen, der es kontrolliert, ein (und oft in politischer Hinsicht das einzig verfügbare) Gefühl von Macht und Sicherheit. In der Lohnarbeit, der Ehe und der Familie scheint das nicht so abrupt, nicht so chirurgisch durchführbar zu sein. Die Leute mit denen man dort zu tun hat, lassen sich aus bürgerlich rechtlichen Gründen nicht so leicht aus dem eigenen Leben entfernen. Eine gewisse Zeit wird man gezwungen sein, sich weiter mit ihnen auseinander zu setzen, bis die vertragliche Trennung gelingt. Im besonderen Fall Familie gelingt die Trennung sogar selten komplett. Es mag ein Grund sein für die beständige Anziehungskraft solcher Institutionen. Sie liefern ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit, ohne das der Einzelne nicht lange auskommt – außer in der Illusion, das junge, gesunde, starke, (männliche) autonome Subjekt könne sich über andere erheben und dadurch Abhängigkeiten überwinden (was meistens sowieso nur eine Verleugnung der eigenen finanziellen und emotionalen Abhängigkeiten ist). – Ein Glauben, der in der Realität keinen Bestand hat, aber ideologisch sehr nützlich ist. (4) Oder eben im Vertrauen darauf, dass der Staat, konsequent eingerichtet, sich um einen sorgen wird.
Übrig geblieben sind auch in der Szene, zumindest wo die Menschen es über die 30 geschafft haben, deswegen größtenteils diese erprobten, zt rechtlich geschützten Beziehungsformen. Der Rückzug in die Kleinfamilie zb, den ein beträchtlicher Teil von uns angetreten ist. Und die Zweierbeziehungen, die vielleicht gerade noch im sexuellen Leben andere nicht ausschließen wollen, in allen anderen Umgangsformen dafür umso strikter, weil es anders nicht zu gehen scheint. Man hat noch nicht gelernt, die Bedürfnisse einer dritten Person wahrzunehmen und ihr einen besonderen Schutz zu widmen als schwächste Position in einer schon vorher gewachsenen Beziehung bzw. als sich verlassen fühlende Position gegenüber einer neuen Verbindung im Rausch frischer Verliebtheit. Das wäre aber die Grundbedingung einer emanzipatorischen Öffnung der Form Paarbeziehung. Wir dachten (wie andere Generationen Linker vor uns), wir könnten romantische Beziehungen innerhalb kürzester Zeit völlig neu erfinden, stattdessen haben wir, wie eine Freundin es formulierte, hauptsächlich verbrannte Erde hinterlassen. Und uns danach in sicherere Beziehungsformen zurückgezogen.
Das Einzige, wozu man sich noch bekennen konnte, war Verzweiflung, Haß, Müßiggang und Selbstekel. Mit diesem Bekenntnis hatte man (…) eine ganze Kultur hochgezogen: eine kultivierte Schlafkrankheit, einen Selbstmord auf Raten.“ (Marcus, S. 316)
Indem wir Hedonismus vorwiegend als Konsumkultur begreifen, ermutigen wir uns nicht gerade dazu, lustvoll zu leben. Viele von uns halten es sogar für angebracht (und ich schließe mich da nicht aus), Selbstzerstörung als Hedonismus umzudeuten. Begehren, Wut, Zuneigung, Einsamkeit lassen sich leider nicht stilllegen für die Zeit, die man braucht um sich die Arbeit zu machen, das eigene Verhalten wieder ein Stückchen zu befreien, um solche Empfindungen zuzulassen und einzuordnen, um Bedürfnisse wie das nach Nähe zu befriedigen. Wir brauchen Nähe, kommen aber unterschiedlich gut damit klar. Es ist ein sehr praktisches Problem. Jede von uns muss täglich damit umgehen. Verdrängung ist ein probates Mittel. Die verdrängten Emotionen dann zum geeigneten Zeitpunkt wieder heraufzuwürgen, schwierig. Mit Hilfe von Drogen über die eigene Hemmschwelle, über das ewige Scheitern an sich selbst, einfach drüberzubügeln um anderen nahe zu kommen, bzw die Bedürfnisse damit zu betäuben, scheint da erstmal zielführend.
Bisherige Clubkultur, Kifferkultur und andere Drogenszenen können kaum Versuche der Wiederannäherungen ans verdrängte Lustprinzip genannt werden. Es geht meistens weniger um Rausch und potenziellen Zugang zu verdrängten Erfahrungen, oder zu veränderter Wahrnehmung, und das Erkenntnispotenzial dahinter, oder die Frage um dessen Vorhandensein (z.B. W. Benjamin über Haschisch) sondern es geht um Konsum, den Glauben daran, dass Substanzen oder Dinge die man kauft, einen glücklich machen können, oder um Betäubung.
Man trägt damit aber aktiv dazu bei, zu normalisieren, dass man mit den Aggressionen, der Angst und Traurigkeit, die dieses Leben und die meist vergebliche Auflehnung dagegen mit sich bringen, nicht umzugehen lernt, sondern sie immer nur betäubt. Fisher nennt es „depressive hedonia. Depression is usually characterized as a state of anhedonia, but the condition I’m referring to is constituted not by an inability to get pleasure so much as it (sic) by an inability to do anything else except pursue pleasure.“ (Fisher, S.22) Man bedeutet sich damit gegenseitig auch, dass man nicht wirksam sein kann in der Welt. Die Idee dass man seine Zeit akut frei von psychischem Schmerz verbringen können müsste, ist bemerkenswert gerade bei Leuten, die überhaupt nicht einverstanden sind mit den Umständen, in denen sie das einfordern. Menschen möchten sich gern aufeinander verlassen. Komplette Schmerzvermeidung war aber immer gekoppelt an die Selbstmordgedanken von ‚No future‘. Während wir also jeden Tag unser Leben mit Füßen treten, wollen wir andere überzeugen, ihres der Zukunft der Menschheit zu widmen. Das kann natürlich nicht überzeugen. Es ist fast zum verrückt werden.
„… aber das von ihnen zur Schau getragene Leiden verwandelte die „Unglücklichen“ doch erst in dem Augenblick in die enragés, als sie in den Männern der Revolution jenes leidenschaftliche Mitfühlen – ce zèle compatissant – erweckt hatten, das sie antrieb, das Leiden selbst zu verherrlichen und das Elend als Quelle und Garantie der Tugend zu preisen, so daß sie, ohne es zu merken, schließlich darangingen, das Volk gerade wegen seines Unglücks zu befreien und nicht, weil sie in ihm die künftigen Bürger und Herren des Landes respektierten.“ (Arendt, S. 165)
Einander nahestehende Menschen können sich leider nicht gegenseitig ihr jeweiliges persönliches Leiden lindern. Egal ob es um ein Leiden an der jeweiligen psychischen Konstitution geht, um persönliche Probleme, oder um körperliches Leid. Es ist absurd genug, dass diese Gesellschaft eine Reihe von psychischen Zuständen und Charakterkomplexen herausgebildet hat, die sie nicht integrieren kann, und die deshalb als krank gelten. „Wo man unter Menschen Psychologie zu Hilfe ruft, wird der karge Bereich ihrer unmittelbaren Beziehungen nochmals verengt, sie werden sich auch darin noch zu Dingen. Der Rekurs auf Psychologie, um den anderen zu verstehen, ist unverschämt, zur Erklärung der eigenen Motive sentimental.“ (Horkheimer / Adorno, S. 263) Thomas Szasz argumentiert sogar, dass es keine psychischen Krankheiten gibt, sondern nur persönliche Probleme: „Mental illness is a myth. Psychiatrists are not concerned with mental illnesses and their treatments. In actual practice they deal with personal, social, and ethical problems in living. …“ (Szasz, S. 262) (5) Ich würde sagen, wo die Probleme einen davon abhalten, Beziehungen aufrecht zu erhalten oder auch nur mit Menschen in Kontakt zu kommen, obwohl man es möchte, hören die persönlichen Probleme auf, und wir haben es tatsächlich mit einem Leiden an der eigenen psychischen Konstitution zu tun, mit dem man Hilfe braucht. Natürlich hat dieses dann auch eine gesellschaftliche Komponente und man könnte diese Problematik vielleicht mit politischen Mitteln lösen. Aber Menschen brauchen akut Gemeinschaft und können nicht auf politische Lösungen warten, die andere für sie anstreben müssten. Für den Umgang mit akutem psychischem Leiden, das sozial einschränkt, braucht es also leider weiterhin Fachleute, die sich auf der individuellen Ebene damit beschäftigen. Nicht nur weil jene Leiden sich dem normalen zwischenmenschlichen Erfahrungshorizont und dem sozial vermittelten (beschränkten) Basiswissen über den Umgang miteinander entziehen. Auch weil man nur gemeinsame Probleme gemeinsam lösen kann. Den eigenen Ballast muss man selbst geschultert kriegen, auch weil alles andere entmündigend wäre. Andere können nur beistehen. Zu einem gewissen Maß kann psychisches Leid zwar von der Familie, vom Freundeskreis abgefangen werden, wenn man solche Beziehungen noch hat. Man kann lernen, sich auf die speziellen Bedürfnisse eines Menschen ein Stück weit einzulassen, und die eigenen Grenzen einzuschätzen, ab welchem Punkt das nicht mehr geht. Das verlangen alle anderen Beziehungen auch. Zumindest wenn man sich darauf einlassen will, dass es mehr gibt an Verhaltensweisen als das, was man schon immer so gemacht hat. Es ist also bis dahin nur ein gradueller Unterschied. Sobald es aber darum geht, dass der Betroffene sein Leid nicht erträgt, und/ oder dieser Leidensdruck in Selbstzerstörung oder Fremdgefährdung umschlägt, kann man auch hier mit dem, was man an Wissen im Umgang mit Menschen mitbringt, nur mit großem Aufwand weiter helfen. Und nur wenn man selbst nicht bereits auf dem Zahnfleisch daherkommt. Auch hier ist der Fachmann mit der nötigen Distanz derzeit oft nicht zu ersetzen. (6)
Die Hilfe eines emotional nicht involvierten Fachmanns anzunehmen, ist nur besser als die von Freunden, weil dieser Mensch die Distanz zum Leidenden, die Zeit und die erlernten Mittel hat, sich vom Geschilderten zu distanzieren, sodass es bearbeitbar wird. Wenn ein Leidender das absolut nicht möchte, muss man ihm zusehen, wie er ggf. daran ein Stück zugrunde geht, und hoffen, dass er daraus irgendwie wieder zurückkehrt, d.h. bisweilen, es überhaupt überlebt. Alles andere wäre entmündigend. Je mehr ein Mensch unter den beschissenen Dingen leidet, die allen von uns im Leben begegnet sind (z.b. Gewalt, Entmündigung, Missbrauch, Einsamkeit, und natürlich der ganz normale Wahnsinn der Gesellschaft und des Aufwachsens in ihr), desto mehr ist er mit diesem Leid allein. Und was man als nahestehende Person machen kann, ist auf die eine oder andere Weise falsch. Diese Leute einfach sich selbst zu überlassen und sich nur den Funktionierenden zuzuwenden, ist aber auch grausam.
Therapie gibt es. Natürlich nicht genug, um alle gesellschaftlichen Probleme im Individuum zu lösen. Hürden, an eine Therapie zu kommen, gibt es also auch. (7) Therapie hilft auch. Zunächst einmal dabei, sich die eigenen, Leiden schaffenden Probleme anzueignen. Um sie dadurch überhaupt bearbeiten zu können. Das bedeutet auch weitere Vereinzelung und wichtiger, Entpolitisierung der Probleme. Wo das davon abhält, „[d]as zwangshaft projizierende Selbst […das] nichts projizieren [kann] als das eigene Unglück, von dessen ihm selbst einwohnenden Grund es doch in seiner Reflexionslosigkeit abgeschnitten ist[.]“ (Horkheimer / Adorno, S. 201) unmittelbar zu Politik zu machen, also den eigenen psychischen Ausnahmezustand zu politisieren, ist das wiederum als hilfreich zu bewerten. Therapie bringt einem Selbstwirksamkeit bei, aber natürlich als Einzelsport. Sie kann helfen, die schlimmsten Spitzen abweichenden Verhaltens abzuschleifen, sodass man irgendwann wieder mit anderen klarkommt, und das ist nicht unwichtig. Ebenfalls hilfreich ist, die Gründe für im Umgang mit anderen nicht hilfreiche Verhaltensweisen emotional zu ergründen, und zu begreifen. Von da aus ist wieder ein Weg zurück zur Politisierung denkbar. Eine gewisse Distanz zu den Erwartungen und Weisungen zu halten, die einem in Psychiatrie und Therapie begegnen, ist mindestens geboten.
Therapie ist eine Tätigkeit, die in der Welt nahezu keine Spur hinterlässt. Die Beziehungen (je nach Therapieform) zur Therapeutin, zu den Therapeuten und den Mitpatienten sind nur symbolische. Sie sind nicht dazu gedacht, das Ende der Therapie zu überdauern. Aus dieser Art Beziehung soll keine feste, soziale Bindung werden, sie ist nicht liebevoll, nicht belastbar, nicht solidarisch. Es ist eine unpersönliche, und auch eine unpolitische Form von Beziehung. Das ist der Grund, warum sie funktioniert. Therapie ist wahnsinnig viel Arbeit. Das Umlernen gefestigter Verhaltensformen, oder sogar einer Persönlichkeitsstruktur, aufwändig. (Man beachte dazu, wie oft Menschen ihr Verhalten und sogar ihre Entscheidungen dadurch begründen, ’nicht anders zu können‘, ‚eben so zu sein‘, ‚dass es einfach so passiert sei / sich so ergeben habe‘ oder mit Abwandlungen davon.) Weil man sich mit den Dingen konfrontieren muss, mit denen die meisten Menschen sich zurecht lieber nicht beschäftigen, den Ängsten, seelischen Wunden, der Wut und Traurigkeit, die man am liebsten unangetastet ließe, vergessen würde, oder betäubte. (8) Kein vernünftiger Mensch geht an so tiefsitzende Verhaltensmuster dran, wenn es nicht sein muss. Man muss seine Intuition, sein Erleben hinterfragen, um an eingeschliffene Verhaltensweisen ranzukommen. Der letzte Rest Selbsterleben, den man noch hat, (und der nicht durch therapeutische Umformung bereits berührt worden ist) geht dabei eventuell temporär verloren. Dann braucht man die Leitung des und das Vertrauen in den Therapeuten, einen Menschen, den man kaum kennt, und dem man gerade deshalb vertrauen soll, weil er außer die tiefsten Abgründe und Hässlichkeiten zu erfahren, nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat und keinen anderen Grund, sich damit zu beschäftigen, als seinen eigenen Broterwerb. Therapie ist ein abstraktes Beziehungskonstrukt, in das man sich voll hineingeben muss. Und von dessen Mühen, von den mitgenommenen Erfahrungen und Erkenntnissen im Sinne der Sache selten jemand erfährt, selbst bei Menschen mit denen man eine dauerhafte Beziehung hat, wenn man noch welche hat. Therapiestunden sind zu komplex, um sie zu erzählen, und zu intensiv für einen funktionierenden Alltag. Man arbeitet nur an sich. Eine erschreckend einsame Tätigkeit. Im besten Falle bemerken Freunde im Nachhinein, dass sie plötzlich leichter mit einem klar kommen, oder der Partner, dass man weniger schlecht zuhört. Oft hat man derlei enge Bindungen aber auch schon nicht mehr, oder niemals gehabt, ggf. wegen der psychischen Deformierung. Vor diesen Abgründen steht man jedenfalls allein. Und es ist klar, dass man diesen Prozess niemandem an den Hals wünschen möchte.
Aber die Anforderungen des Alltags: Funktionalität des Verhaltens, Anpassung an verdichte Arbeit, machen auch vor der Szene nicht Halt. Wir haben keine Zeit, mit dem Leben zu experimentieren – die einfache Verfügbarkeit von Sozialhilfe, günstigem Wohnraum und Lebenshaltungskosten, oder eben unmittelbare finanzielle Versorgung durch andere waren hierfür immer wichtige ermöglichende Faktoren – das Nötigste muss getan werden. Also gehen die Genossen eben in Therapie, ob uns das richtig vorkommt oder nicht. Und wir vielleicht selbst auch. Irgendwie muss man klarkommen auf sein eigenes Leben (denn auch die Tendenz zur Vereinzelung der Menschen in der zeitgenössischen Gesellschaft macht vor uns nicht Halt). In der Linken ist viel über das emanzipatorische Potenzial von Psychoanalyse geschrieben worden. Bzw das (Nicht-)Vorhandensein dieses Potenzials diskutiert. Ich kenne aber niemanden, der zur Psychoanalyse geht, sondern nur Leute, die Therapie machen. Und davon nicht wenige. Man muss also über Therapie schreiben.
Das Behandeln psychischer Leiden ist unweigerlich soziale Kontrolle. Man hat es größtenteils mit unkritischem Personal zu tun. Und selbst wo das nicht so ist, bleibt das Problem, „..dass PsychologInnen in ihrer berufspraktischen Tätigkeit individuelle Probleme unter Ausklammerung/Abstraktion von den gesellschaftlichen Bedingungen, mit denen sie vermittelt sind, zu lindern haben.“ (9) Wir lernen dort vor allem Anpassungsfähigkeit, und die Maßstäbe der Anpassung, die in Therapie eingeübt wird, richten den zu Therapierenden zuvorderst an den Anforderungen der Gesellschaft, wie sie ist, aus. Im besten Fall können wir uns von den normativen Anforderungen einer Therapie distanzieren, sie als Fähigkeit nutzen, die situativ auch ungenutzt bleiben kann.
Therapie kann dazu dienen, das eigene Unvermögen, Scheitern, Scheißverhalten sich wieder anzueignen und in zukünftiger Wiederholung als bewusste Entscheidung zu bewerten. Verantwortlich sein heißt manchmal, sich zwischen Alternativen zu entscheiden, die man jeweils als falsch erkennt, mit deren Konsequenzen man aber wird leben müssen. Es ist trotzdem eine Entscheidung. Natürlich kann man darunter leiden, sie so treffen zu müssen. Erzählt mir aber nicht, dass ihr keine Wahl habt; ihr habt keine vernünftigen Optionen. Therapie kann uns einen Zugang verschaffen zu den verinnerlichten Regeln, Hemmungen und Zwängen, denen wir uns unterwerfen. Therapie hat aber auch zum Ziel: zurecht kommen Können nicht nur in, sondern auch mit (dem Zustand) der Gesellschaft in Form von zurecht Kommen mit sich selbst. Und die Idee hat sich durchaus festgesetzt, dass Therapie und Anpassungsfähigkeit, oder ihre narzisstische Wendung: die Zustimmung der ganzen Gesellschaft einzufordern, die einzigen Mittel sind, der bestehenden Gesellschaft zu begegnen. Nämlich: sich individuell in ihr zurecht zu finden. (10) Veränderung ist darin nicht angelegt.
Thomas Szasz argumentiert, dass (bei ihm noch die Hysterie, aber heutzutage) psychische Krankheit eine Sprache ist, gesellschaftlich wenig akzeptierte und vor allem auch persönlich unangenehme Probleme zu artikulieren. Menschen kommunizieren mit der Sprache der (psychisch.) Krankheit, was sich sonst nicht so leicht kommunizieren lässt, d.h. z.b. Begehren, Protest gegen gesellschaftliche Normen, verhärtete Beziehungsdynamiken: „… the special language of hysteria – which is nothing other than the „language of illness.“ People use this language because they have not learned to use any other, or because it is especially useful for them in their situation.“ (Szasz, S.145) Es mag außerdem sein, dass unsere Depression, unsere Angstzustände ein metaphorischer Ausdruck für Leiden an und Hilflosigkeit gegenüber den Zuständen sind, an die wir uns anzupassen haben. Man kann das einen Protest nennen, dem die Worte fehlen oder sogar eine ungezielte Revolte. Oft ist der Anfang von Kritik in der Tat ein Gefühl des Unwohlseins gegen ein Geschehen. Wir müssen aber (wieder?) lernen, unseren Unwillen auch in einer anderen Sprache auszudrücken. Das wiederum geht nur gemeinsam. Schwierig ist das, wo die Symptomatiken so verschieden sind oder scheinen, wie die Entwicklungsgeschichten der einzelnen Individuen (und der Kranke vllt auf sein Recht besteht, dass dieser Umstand als unüberwindbar akzeptiert wird). Veränderung ist nur angelegt da, wo wir Gemeinsamkeiten in unseren psychischen Entwicklungen finden. (11) Wie das geschehen kann, muss ausprobiert werden. (12) Die verinnerlichte Zurichtung zum Funktionieren in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft könnte damit wieder zum äußeren Zwang werden. Franza Ranner schreibt über Depression: „Die Depression ist der Streik, der keiner sein will. Ein Streik des Unbewussten…. Die Depression trifft [also] diejenigen besonders, …. die ihre eigene Disziplinierung als Arbeitskraft als Freiheit wahrnehmen und überall und immer gut sein müssen. Niemals Zeit verplempern, sondern auch die ganze Freizeit so ausrichten, dass die Arbeitskraft bestens hergerichtet wird…. So streikt der Depressive nicht nur, sondern wünscht gar den Aufstand, den er jedoch erst mal nur gegen sich selber führt.Vernichtet wird dann nicht das Unternehmen, oder gar die Verhältnisse, die ein solches hervorbringen, sondern erst mal nur er selbst.“ (13) Und Fisher, „[w]e must convert widespread mental health problems from medicalized conditions into effective antagonisms. Affective disorders are forms of captured discontent; this disaffection can and must be channeled outwards, directed towards its real cause, Capital.“ (Fisher, S.80)
Das funktioniert nicht, wenn wir alles so weiter machen, wie bisher. Dass die Genossinnen sich momentan eher in Therapie begeben, als in die politische Auseinandersetzung, sagt mehr über unsere Ziele und Methoden aus, als über sie. Was an uns auch nicht spurlos vorbei gegangen ist, ist „…the ways that capitalism had seeped into the very unconscious; … the fact, that capitalism has colonized the dreaming life of the population… (Fisher, S. 8)“ und das führt laut Fisher zur „… deflationary perspective of a depressive who believes that any positive state, any hope, is a dangerous illusion.“ Und der Mann weiß, wovon er spricht, denn bekanntlich hat seine Depression ihm das Leben drastisch verkürzt. Die derzeitige Form politischer Arbeit macht uns ja auch depressiv. Die Leute, die beim Orgatreffen wahrnehmbar lustlos sind: sie leiden vor allem daran dass sie nicht verstehen, warum ihr politisches Handeln absolut keine Wirkung, nicht Mal auf die unmittelbare Gemeinschaft, erzeugt. Sie sitzen mit Leuten, zu denen sie keine Verbindung haben, schlimmstenfalls in einer online Konferenz, in Besprechungen über Aktivitäten, zu denen sie keinerlei Bezug haben, die aber vermeintlich genau so gemacht werden müssen. Die Lustlosigkeit ist uns anzumerken. Noch eine Pflichtveranstaltung mit entfremdetem Tätigsein in unserem Leben unterbringen zu müssen. Man muss sagen, dass diese Depressionen vllt. keine Krankheit sind, sondern vernünftige Reaktionen auf die Leere, die uns selbst in der als sinnerfüllt erhofften politischen Tätigkeit nicht loslassen will. Das Leiden daran ist real. Es wird nur nicht besser werden davon, dass jeder in seiner eigenen Freizeit noch zum eigenen Therapeuten rennt, um sein privates Leiden kurieren zu lassen.
Die Gesellschaft macht die Menschen nicht unmittelbar krank – oder zumindest ist es nicht so einfach, noch sind die Irren Ausdruck der Krankheit der Gesellschaft, noch sind sie zu Erkenntnissen fähig, die den gesellschaftlich Normalen nicht offen stehen. Als krank werden Leute bezeichnet, die die Gesellschaft – noch – nicht zu integrieren weiß, d.h. produktiv zu machen. Da wo wir kaputt sind, ist vllt nicht etwas zu reparieren. Nicht das ist unsere Stärke, was man trotz der Angst schafft, sondern wegen ihr – weil der Abgrund in einen hinein geblickt hat, und man nicht hineingesprungen ist. Vllt. möchte man sich also wieder darauf besinnen, dass man gar nicht integrierbar sein will, dass im nicht Integrierbaren disruptives Potenzial liegt. „Um (…) den Raum offen zu halten, ein Jenseits kapitalistischer Vergesellschaftung überhaupt noch denken zu können…“ (14) muss es auch Leute geben, die ihre Gefühle nicht fortschieben. Gefühle haben in der politischen Auseinandersetzung zwar nichts zu suchen, müssen also vorher verarbeitet werden. Sie sind aber ein guter Anzeiger dafür, wie wir zu einer Sache stehen. Wenn sich eine Entscheidung falsch anfühlt, oder Beklemmung hinterlässt, ist sie vielleicht falsch. Und mit unserem Hang zu zwischenmenschlichen Grausamkeiten im Namen der großen politischen Projekte können wir auf dieses Korrektiv nicht verzichten. Auch wenn sich diese Grausamkeiten derzeit mangels der Verfügung über Macht ins Private zurück gezogen haben oder sich als leidenschaftliche Unterstützung für die barbarischen Taten Anderer äußern.
Um sich ein besseres Leben vorstellen zu können, muss man sich zumindest ein bisschen lebendig fühlen. Wie das gehen soll, kann vllt weder die Psychoanalyse erklären, noch kann die Fähigkeit mechanisch mit Therapie ertüftelt werden. (15) Für Utopie braucht es den Schmerz den das Bestehende uns zufügt, und ich fürchte er muss zugelassen werden. Es geht also nicht nur darum, Gefühle nicht fortzuschieben, sondern auch darum, zuzulassen, dass man in sich etwas anderes entdeckt als Akzeptanz und Gelassenheit – oder Perfektion und Glamour. Man lebt nicht sein Leben, und treibt die Theorie der Veränderung von Allem als Hobby nebenher. Es fühlt sich an, als müsste dieses Offensichtliche nicht extra ausgesprochen werden.
„Die Behörden hatten [Johannes Baader] für unzurechnungsfähig erklärt; er hatte, um Huelsenbeck zu zitieren, den ‚Jagdschein‘; da man ihn im Gegensatz zu den übrigen Mitgliedern des Berliner Club Dada für seine Taten nicht zur Rechenschaft ziehen konnte, durfte er risikolos Dinge tun, von denen seine Gefährten nur träumten.“ (Marcus, S. 326)
Gefühle haben ist derzeit etwas, dass man allein tut und verschämt wie (wenn man keine Kinder und Haustiere hat) scheißen und masturbieren – oder, wie ein Freund sagte, meditieren. In der Politik haben sie nichts zu suchen, leider oft aber auch nicht in unseren Partnerschaften – zumindest wo diese im Übermaß der Anforderungen aus verdichteter Lohnarbeit (und Kleinfamilie: Eltern müssen eine Menge Emotionen aushalten und auch noch ausgleichen, die emotionalen Bedürfnisse der Kinder konkurrieren unweigerlich mit den eigenen) und unserem ergänzenden Hang zur Verdichtung auch unserer Freizeitaktivitäten, zur bloßen Teamsituation zusammen schrumpfen. Auch in Freundschaften behält man meist seine Gefühle für sich, weil man weiß, dass alle anderen auch belastet sind durch die Umstände, unter denen sie ihr Leben reproduzieren müssen. Phasen schwärmerischer romantischer Liebe sind eine bekannte Ausnahme von alldem, aber begrenzt in der Dauer und meistens auf zwei Beteiligte. Viele von uns gewöhnen sich Gefühle gar nicht erst an, oder lieber ab. Für Verletzlichkeit ist in dieser Welt nun wirklich kein Platz. Gerade deswegen brauchen wir sie. Das heißt nicht, dass man aus den Emotionen Politik macht, oder jede dahergelaufene autoritäre Regung mit Emotionen wie Empörung oder der Möglichkeit, dass Menschen verletzt sein könnten, rechtfertigt. Das wäre Populismus. (16) Aber dass Gefühle ein Einzelkampf sind, trägt zur Vereinzelung bei.
„Das gesunde Prinzip einer verkehrten Lebensweise innerhalb einer verkehrten Weltordnung hat sich an mir in jedem Betracht bewährt…“ (Kraus) (17)
Unsere Stärke als Subkultur war neben einer möglichst klaren Analyse der gesellschaftlichen Realität und einer unerbittlichen Kritik derselben (und als deren Resultat die Abspaltung von einer oder der anderen Fraktion von Mitkritikern), die unerbittliche weirdness unseres Verhaltens. Was Leute anzog mit ebenfalls weirdem Verhalten, die hofften unter uns ein soziales Auskommen zu finden. Dazu Fisher: „…the most powerful forms of desire are precisely cravings for the strange, the unexpected, the weird. These can only be supplied by (…) those (…) prepared to take a certain kind of risk.“ (Fisher, S. 76) Die seelisch und geistig Verwahrlosten in unseren Reihen sind nicht zufällig da. Man äußert sich manchmal despektierlich über diesen Umstand. Das soziale Experimentieren, das jederzeit nach hinten – in den Regress, in Selbstzerstörung, in missbräuchliche Strukturen (18) – losgehen konnte, und das in der Rückschau sich immer einer harschen Kritik unterziehen muss(te), ist eigentlich kein setting, in dem man sich verletzlich geben möchte. Aber man muss(te) es trotzdem versuchen. Es gab in der Szene immer Leute, die sich nicht zurecht finden können in dieser bestehenden Welt. Die untröstlich und vielleicht daran vereinsamt sind. Oft besteht die Interaktion mit denen, die sich trotz dieser Umstände auf einen einlassen, im Aushalten der Schwäche, der Deformierung des anderen. Denn: „Die radikal individuellen, unaufgelösten Züge an einem Menschen sind stets beides in eins, das vom je herrschenden System nicht ganz Erfaßte, glücklich Überlebende und die Male der Verstümmelung, welche das System seinen Angehörigen antut. ..“ (Horkheimer / Adorno, S. 259) Gleichzeitig müssen wir aushalten, dass dem Anderen mit seinem Leiden akut nicht zu helfen ist.
Das heißt nicht, dass gewisse Abwehrformen wie Sucht (19) und Selbstzerstörung hingenommen werden müssen. Zumindest auf sich selbst muss man ein bisschen aufpassen können, um auf andere ein bisschen Acht geben zu können, also Gemeinschaft zu finden. Es ist außerdem durchaus angezeigt, von unnötiger Grausamkeit gegeneinander Abstand zu nehmen. Gemeinschaft bedeutet nämlich nicht, dass man seine Ängste und Bedürfnisse gegeneinander durchsetzt, seine Probleme also zum Problem der Anderen macht (20); bzw. von jedem für alles Rücksicht und Verständnis (oder dessen Verkürzung, sprachliche Anpassung) einfordert, sich also in die eigenen Grenzen einschließt. Beides ist zerstörerisch für Gemeinschaft, das Zusammenfinden völlig verschiedener Leben mit dem Wunsch, sich auf einander zu verlassen.
Vielleicht kann man auch außerhalb der Szene die Augen offen halten nach diesen Leuten. Sie erscheinen uns als Gescheiterte oder Gebrochene, sie sind aber nur daran gescheitert, sich in der bestehenden Gesellschaft restlos zu integrieren und daran gebrochen, ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht auf Linie bringen zu können. Leute, die nicht ignorieren können dass sie gestört sind. Im Umgang mit anderen Gestörten werden jedenfalls schneller Brüche in Biografie und Selbstbild sichtbar. (21) Diese Brüche sind es, die uns nicht nur einander, sondern auch der Einsicht in die notwendige Veränderung der Verhältnisse näher bringen können. Das heißt nicht, dass man sich automatisch mit denen anfreunden wird oder muss – vielleicht findet man aber gemeinsame Interessen. Zum gemeinsamen politischen Handeln brauchts gemeinsame Interessen. Wie dieses politische Handeln aussehen kann und was es zum Inhalt haben kann, kann ich in diesem Text nicht beantworten. Ich kann nur sagen, wie es – meiner beschränkten – Erfahrung nach nicht geht.
Die Schaffung eines selbstverwalteten Zentrums, in dem es Raum gibt, Politik zu treiben, ist redlich und wichtig, bleibt aber oft genug auch Selbstzweck. Es kann ermöglichen, Gemeinschaft zu erleben und das ist sehr wertvoll, für manche sogar lebenswichtig. Das politische Handeln ist aber ggf beschränkt auf den Personenkreis, der dort rumhängt. Ebenso beim Aufbau schlagkräftiger Arbeiterorganisationen (die oft genug ohne Arbeiter auskommen müssen). Wenn es nichts gibt, was man gemeinsam erreichen will, oder wobei man sich gegenseitig beistehen will, bleibt man gern mal im organisatorischen Leerlauf stecken. Und der Wunsch nach Veränderung der bestehenden Verhältnisse arbeitet sich an der unmittelbaren Gemeinschaft ab. Das bleibt außerhalb der Gemeinschaft wirkungslos, und führt oft genug zu den oben genannten zwischenmenschlichen Grausamkeiten. Es kann zum Ziel der Weiterentwicklung der menschlichen Verhältnisse außerdem nicht darum gehen, dass der Einzelne eine umfassende Theorie der Gesellschaft mit Wahrheitsanspruch vorstellt, und diese mit allen Mitteln verteidigt, also auch linke Kritik der Gesellschaft im Großen und Ganzen ein Produkt ist, das es zu bewerben gilt. Der Erkenntnisvorgang muss stehen bleiben beim Ego des Herrn Kritiker und ggf den Problemen mit sich selbst, mit denen er sich nicht beschäftigen will, und die er in die Welt projiziert. (22) Es muss doch wirklich jedem auffallen, dass der Einzelne eine begrenzte Zeit hat, eine begrenzte Menge an Dingen zu lesen, zu beobachten, erfahren und bewerten. Man braucht den Austausch mit Anderen, um diese Beschränkung zu erweitern. Es braucht den Schritt übers unbedingt recht Haben einer berauschten späten Kneipendiskussion hinaus. Denn auch diese Diskussionen sind meistens ein Rahmen mit festen Spielregeln zur Vermeidung von zwischenmenschlichen Ambivalenzen, Unsicherheiten, Verletzlichkeit: es geht um nichts Persönliches, das reale Leben der Teilnehmer Betreffendes. Es kann erbittert gestritten werden, und doch ist der Einsatz denkbar gering. Darin ist das besoffene Kneipengespräch durchaus vergleichbar mit dem Plenum, auf dem der Moderationskoffer ausgepackt wird: das Risiko sozialer Interaktion soll möglichst gering sein – man möchte fast sagen, rituell gebannt werden. Schaltet man dieses Risiko aber ganz aus, kann man auch keine neuen Gedanken gemeinsam aushecken. Man muss bekanntlich eine Menge Ausschuss produzieren, wenn man auch offen sein will für neue Gedanken. Entwicklung über die individuellen Beschränkungen des jeweiligen Theoriegebäudes, sowie im Umgang miteinander hinaus, die die Entwicklung neuer gemeinsamer Gedanken und Weiterentwicklung der Umgangs- und Organisationsformen beschränken, hat etwas damit zu tun, dass jeder Einzelne sich trauen kann, seine eigenen Beschränkungen zu erkennen. „To reclaim real political agency means first of all accepting our insertion at the level of desire in the remorseless meat-grinder of Capital.“ (Fisher, S. 15)
Das eigene Leiden an der Welt, wie sie ist, ist keine Waffe, aber es ist, indem es erkannt wird, und akzeptiert sein kann, ein Motor für Erkenntnis, wie das Leiden aller gemeinsam vielleicht überwunden werden könnte.
von Stefanie Heike
1) Vgl. Fisher, S. 64 und Sn. 35 – 37
2) Ich verwende hier die Vergangenheitsform, weil meiner Beobachtung nach die Bewegung zu Polyamorie, offenen Beziehungen usw sich aus der Szene heraus zu gesellschaftlich verbreiteteren Formen wie Situationship, Friends with Benefits und so entwickelt haben. Danach sind sie in der Szene weniger prävalent geworden. In den gesellschaftlich verbreiteteren Formen zeigt sich deutlicher die alleinige Belastung des Einzelnen mit dem Risiko einer meist unsicheren Beziehungsform, die aber meiner Beobachtung im persönlichen Umfeld nach immer schon zu sehen war.
3) Ich verwende hier die Vergangenheitsform, weil meiner Beobachtung nach die Bewegung zu Polyamorie, offenen Beziehungen usw sich aus der Szene heraus zu gesellschaftlich verbreiteteren Formen wie Situationship, Friends with Benefits und so entwickelt haben. Danach sind sie in der Szene weniger prävalent geworden. In den gesellschaftlich verbreiteteren Formen zeigt sich deutlicher die alleinige Belastung des Einzelnen mit dem Risiko einer meist unsicheren Beziehungsform, die aber meiner Beobachtung im persönlichen Umfeld nach immer schon zu sehen war.
4) „Zur Gleichheit, die immer auch Gleichgültigkeit meint, verdammt, soll jeder zugleich etwas Besonderes sein. Ohnmächtig gegenüber den objektiven Bewegungsgesetzen des Kapitals, denen sie sich zu unterwerfen haben, sollen sie autonomes selbstbestimmtes Subjekt sein. Das Subjekt ist so als widersprüchlich bestimmt: zur Ohnmacht verdammt solle es genau das nicht sein.“ (Kirchhoff, S.113)
5) Vgl auch Szasz, Sn 24 – 25, 78 mitte – 79, 85 mitte, Sn. 101 unten – 102 oben, 262 – 263;
6) Halbkonkrete Beispiele: Hat man regelmäßigen Kontakt mit einer Person, die unter einem unverarbeiteten Erlebnis leidet, und die typischerweise mit der Unmittelbarkeit, die das eigene Erleben dieses Leids annimmt, auf einen einredend versucht, etwas von dem Leiden nachfühlen zu lassen und Verständnis zu erfahren, ihr Leid also zu teilen, sieht man sich plötzlich in einer abwehrenden Haltung. Die Eindringlichkeit unverarbeiteter Emotionen ist abschreckend, möchte doch niemand das geschilderte Erleben eines Anderen einfach ungefiltert übernehmen. Man sieht sich nicht mitfühlen, Gefühle spiegeln, trösten. Man beobachtet sich dabei wie man mauert, abwehrt – oder sich ausklinkt. Man möchte sich in das Knäuel von ungefiltertem unterworfen Sein unter eine Situation nicht hineinziehen lassen, büßte man damit doch seine Position als Gegenüber ein. Distanziert man sich aber, sortiert, bewertet, lässt man die Person unweigerlich in der wieder erlebten und zwanghaft wiederholten Situation alleine. Es gibt daraus keinen richtigen Ausweg.
Sieht man sich konfrontiert mit einer nahestehenden Person, die sich in der Abwehr von Gefühlen/ im psychotischen Schub/ in einer starken Depression selbst vernachlässigt, und sich immer weiter zurück zieht, wird man eine ganze Weile versuchen, den Kontakt aufrecht zu erhalten, und wieder zu intensivieren. Man wird vielleicht wiederholt Hilfe anbieten. Aber man wird auch verletzt sein, je näher man der Person steht, desto mehr. Es ist schwer, sich von Menschen, die man liebt, zeitweise zu distanzieren, und gleichzeitig einer Wiederannäherung offen zu bleiben. Man stößt schnell an Grenzen, die in der Schwierigkeit begründet sind, gleichzeitig Distanz zu halten, und Nähe zuzulassen. Wir können nicht für einen Menschen da sein, den wir lieben. Wir sind auch immer mit unseren eigenen Bedürfnissen da. Man wird irgendwann erwägen, den Kontakt abzubrechen, weil man mit der Wiederholung dieser Art von Kontakt nicht umgehen, sich nicht in Distanz halten kann, und anfängt zu leiden an der erfahrenen Hilflosigkeit, und das wäre falsch. Ebenso falsch wäre es, der Person weiterhin Therapie zu empfehlen, wenn die Person das wiederholt ablehnt. Und noch eine falsche Option ist es, den Leidensdruck der anderen Person an ihrer Stelle auszuhalten. Es gibt auch hier keine richtige Entscheidung.
7) Mehr an Belastung vorweisen zu können als Depression, die einfach zu verbreitet ist, oder lange Wartezeiten zu vertragen. Herumtelefonieren können, und sich nicht entmutigen lassen.
8) Und die man mit kollektiven Einverständnis zumindest nach Kriegen und anderen großen Katastrophen auch zunächst weitgehend unangetastet lässt, denn für jede psychische Krankheit gilt: je verbreiteter, desto weniger therapierbar, weil die Kapazitäten fehlen. Dh der Aspekt Krankheit an jeder psychischen Konstitution ist unabhängig davon, ob jemand unter seiner psychischen Verfassung leidet, auch von vornherein eine Bestimmung der Gesellschaft, nämlich ob sie ein abweichendes Verhalten als anders zum Normverhalten definieren, und ob sie es integrieren kann oder will.
9) Elène Misbach, Kritische Psychologie und studentische Praxisforschung, in: initiative not a lovesong, subjekt. gesellschaft, Unrast, Münster 2002
10) Liv Strömquist im Interview mit der Jungle World: „Viele Menschen haben heute nicht mehr das Gefühl, die politische Situation in der Welt beeinflussen oder gar verändern zu können. Bei all den Dingen, die auf der Welt passieren, fühlen sie sich oft zu machtlos oder bedeutungslos, um etwas auf struktureller, auf politischer Ebene zu bewirken. Das eigene Leben hingegen kann man sehr einfach ändern, indem man einfach eine neue Morgenroutine oder eine neue Essgewohnheit einführt. …“ https://jungle.world/artikel/2025/02/liv-stroemquist-comic-das-orakel-spricht-beim-backen-kniebeugen-machen Oder Fisher: „By privatizing these problems – treating them as if they were caused only by chemical inbalances in the individual’s neurology and/or by their family background – any question of social systemic causation is ruled out.“ (Fisher, S.21)
11) Strömquist: [D]er Kern von Therapie […] besteht [darin], eine individuelle Antwort auf ein allgemeines Problem zu geben. Das Leiden wird dabei als etwas gesehen, das man beheben kann, indem man an sich selbst arbeitet. Damit verkennt man aber die strukturelle Ebene. Bei so vielen Menschen, die heutzutage Stress erleben, kann es doch kaum sein, dass das alles mit der Kindheit zu tun hat. Es hat vielmehr mit Druck auf der Arbeit, prekären Arbeitsverhältnissen, geringen Einkommen und schlechten Wohnbedingungen zu tun. Diese Dinge werden nicht dadurch gelöst, dass alle zur Therapie gehen. Erst wenn diese Probleme auf einer strukturelle Ebene verhandelt werden, sieht man die vielen Gemeinsamkeiten und somit, dass es besser ist, kollektive Maßnahmen zu ergreifen. … https://jungle.world/artikel/2025/02/liv-stroemquist-comic-das-orakel-spricht-beim-backen-kniebeugen-machen
und Fisher: „Instead of treating it as incumbent on individuals to resolve their own psychological distress, instead, that is, of accepting the vast privatization of stress that has taken place over the last thirty years, we need to ask: how has it become acceptable that so many people, and especially young people, are ill? The ‚mental health plague‘ in capitalist societies would suggest that, instead of being the only social system that works, capitalism is inherently dysfunctional, and that the cost of it appearing to work is verv high.“ (S. 19)
12) Gruppentherapien und Selbsthilfegruppen sind ein Schritt aus der Vereinzelung in Therapie heraus, aber in ihren institutionalisierten Formen sind ihre emanzipatorischen Möglichkeiten beschränkt vom (Nicht-)Vorhandensein einer kritischen Haltung bei den jeweiligen Gruppenleitern. Dass man betroffen ist und Erfahrung im Umgang mit psychischem Leid hat, heißt noch lange nicht, dass man etwas weitergeben kann. Ich kann zb von einer Selbsthilfegruppe berichten, in der es weniger darum ging, sich tatsächlich beizustehen bei der eigenen Selbsthilfe, dafür gab es sehr viele Ratschläge für die nächsten therapeutischen Schritte im psychiatrischen Kontext. Erstaunlich oft ging es ganze Sitzungen lang um das Therapieangebot beim letzten stationären Aufenthalt eines der Gruppenleiter.
13) https://www.magazinredaktion.tk/depression_streik.php
14) Christine Kirchhoff in https://www.phase-zwei.org/hefte/artikel/hass-auf-vermittlung-und-lueckenphobie-103
15) Kleiner Exkurs: Bataille in Der Verfemte Teil: „…wir kennen selbst die Aspekte des sozialen Lebens, wo die Menschen zu Dingen entwürdigt werden, und wir wissen ja, daß die Entwürdigung nicht erst mit der Knechtschaft beginnt. Durch die Einführung der Arbeit trat an die Stelle der Intimität, der Tiefe der Begierde und ihrer freien Entfesselung von Anfang an die rationale Verkettung, bei der es nicht mehr auf die Wahrheit des Augenblicks ankommt, sondern auf das Endresultat der Operationen… Seit der Setzung der Welt der Dinge wurde der Mensch selbst zu einem der Dinge dieser Welt, zumindest für die Zeit, da er arbeitet. Diesem Schicksal versuchte der Mensch zu allen Zeiten zu entkommen. In seinen eigenartigen Mythen, seinen grausamen Riten ist der Mensch seither auf der Suche nach einer verlorenen Intimität…. Diese abgründige Freiheit besteht in der Zerstörung, deren Wesen es ist, profitlos zu verzehren, was der Verkettung der nützlichen Werke hätte verhaftet bleiben können…. Die intime Welt verhält sich zur realen wie das Unmaß zum Maß, wie der Wahnsinn zur Vernunft, wie der Rausch zur Klarheit. Maß gibt es nur in bezug aufs Objekt, Vernunft nur in der Identität des Objekts mit sich selbst, Klarheit nur in den genauen Kenntnis der Objekte. Die Welt des Subjekts ist die Nacht: die erregende, unendlich suspekte Nacht, die, wenn die Vernunft schläft, Ungeheuer hervorbringt.…
Ich insistiere auf einer Grundtatsache: die Trennung der Wesen ist auf die reale Ordnung begrenzt. Nur wenn ich der Dringlichkeit verhaftet bleibe, ist die Trennung real. Sie ist in der Tat real, aber was real ist, ist äußerlich. In ihrer Intimität sind alle Menschen eins.“ (Bataille, S.87f)
Sind das, was ein Freund von mir suchte, als er mit Küchenmesser, Schneidebrett und Gitarre bewaffnet (als eine Art Performance gedacht) eine Bank „überfiel“, was der Bekannte aus dem Dorf eines Freundes sucht, wenn er auf einem selbst aufgemalten Zebrastreifen auf der Straße ein Feuer schürt, was der Mitbewohner eines Freundes sucht, wenn er sich als der „Kräuterdude“ vorstellt, weil er ab und zu ein paar Blätter rupft und für Tee trocknet, und Ähnliches, nicht – mehr oder weniger scheiternde – Versuche einer Verschmelzung mit den Dingen die einen umgeben? Das was Bataille nutzlose Verausgabung nennt, oder Intimität: sich in den Dingen verlieren ohne einen Gedanken an den nächsten Augenblick, ist die Suche nach etwas, das keinen funktionalen Zweck haben muss, sondern nur einen rein momentanen, subjektiven Sinn. Mit dem Ziel sich von den Dingen, die man manipuliert, nicht getrennt zu fühlen. Mit dem eigentlichen Sinn sich von den Menschen, die einen umgeben, nicht oder zumindest nicht so weit getrennt zu fühlen. Diese Handlungen könnten mit akademisch gefärbter Formulierung eines Konzepts irgendwie als Kunst durchgehen, wenn sie so genannt werden, im richtigen Milieu stattfinden, und der handelnde Zugang zu diesem Milieu hat. Die genaue Abgrenzung gegeneinander kann dieser Text nicht leisten. Jedenfalls würde ich Handlungen, die sinnlich ästhetischen Ursprungs sind, und solchen Anforderungen folgen, das Potenzial einräumen, zumindest Raum zu schaffen, in dem Verdrängtes und Unbewusstes erscheinen kann, damit es reflektierbar wird.
„Damit will ich genau sagen, den Unsinn eines ästhetischen Handelns, das vom Gefühl motiviert wird und nach gefühlsmäßiger Befriedigung strebt, mit einem Wort, das tun will, was nicht getan, sondern nur empfunden, nur empfangen werden kann, wie nach der calvinistischen Auffassung die Gnade. ….“ (Bataille, S.170f)
16) „Es wird wieder viel gefühlt – international, aber ganz besonders in Deutschland. Alles scheint wahnsinnig verletzend, alles, was man sagt, schreibt, tut, vielleicht sogar schon denkt, könnte anderen weh tun, andere ausschließen, andere silencen, anderen schaden, usw. usf. Stark Fühlende sind es, die in der Gegenwart den Ton angeben.“
17) Karl Kraus, Lob der verkehrten Lebensweise, auf https://www.projekt-gutenberg.org/kraus/buch/chap005.html
18) Zb hier beschrieben: https://taz.de/Missbrauch-in-der-Antifa/!6054037/
19) Nicht zuletzt deswegen: der maßlose Konsum berauschender Substanzen bindet den Konsumenten an ein ganz bestimmtes setting – an die private Wohnung, oder die (Szene)Kneipe wo genau das alle anderen auch machen – und schränkt die Bewegungsfreiheit stark ein. Nicht zu reden von der Reflexionsfähigkeit.
20) Darunter fallen auch vorgeblich emanzipative Beziehungsmodelle, wie z.b. einige Fundstücke aus meinem eigenen Bekanntenkreis: das Paar das ostentativ kein Paar ist (und es als verletzend betrachtet, wenn man sie dennoch so beschreibt und damit seine Definition nicht anerkennt), sondern nur zusammen wohnt, sexuell und emotional exklusiv ist, und als gemeinsame Front auftritt in einem Abwehrkampf gegen Leute, denen man wegen den einen oder den anderen Gründen den Umgang aufkündigt, weil sich in der Abgrenzung zu ihnen Einheit erleben lässt; während natürlich vom ganzen Freundeskreis ebenfalls eingefordert wird, den Umgang mit denen komplett einzustellen. Oder das Paar, das angeblich eine offene Beziehung führt, man weiß nur nicht genau, ob beide Beteiligte das mitbekommen haben, oder ob die Beziehung nur an einer Seite offen ist. Die aber jedenfalls, immer wenn es eine außerhalb der Beziehung stattfindende sexuelle Begegnung gibt, sich nicht gerade darin hervor tun, die Bedürfnisse aller beteiligten Parteien zu achten. Oder das linke selbstverwaltete Hausprojekt, das diskutierte, einem Mitbewohner das Mietverhältnis zu kündigen, der seine Miete nicht zahlte. Aber nicht, weil er seine Miete nicht zahlte, sondern weil er unter Schizophrenie litt und in einer psychotischen Episode einen Banküberfall inszenierte (s.o.) mit Küchenmesser, Schneidebrett und Gitarre. Bei dem niemand verletzt wurde und der Bankräuber freiwillig Gitarre spielend vor Ort auf seine Festnahme wartete. Daraufhin wurde er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, zum Glück nicht in eine geschlossene Station. Fürs Hausprojekt war er damit zu einer Gefahr für die dort wohnenden Kinder geworden.
21) „[…] Subjektivität [ist] als die der Kapitalverwertung angemessenste Form menschlichen Handelns und menschlichen Bewusstseins zu verstehen. Gingen die Subjekte aber in dieser Form auf, wären sie mit dieser Form identisch, wären Emanzipation wie subjektives Leiden undenkbar. Darüber hinaus Weisendes liegt in der Widersprüchlichkeit, in der Spannung, die das Nichtaufgehen in der Form hervorruft – im Moment des Nichtidentischen…. Dies heißt nicht, dass die Innerlichkeit, die individuelle Psyche das Nichtidentische sei. Dieses lässt sich nur negativ bestimmen. Es bezeichnet den Widerspruch, die Spannung im Subjekt.“ (Kirchhoff, S. 118)
22) „Die mit dem Wert in die Welt gesetzte Identität – und Identität bedeutet immer Zwang – geht nicht auf, weder gesellschaftlich noch individuell. Die Spannung dieses Nichtaufgehens in der Form ist kaum auszuhalten, daher wird das Inkommensurable abgespalten, auf gesellschaftlicher und auf individueller Ebene.“ (Kirchhoff, S. 120)
Hannah Arendt, Über die Revolution, Piper, München 2020
Georges Bataille, Das Theoretische Werk Band 1, Die Aufhebung der Ökonomie, Rogner & Bernhard, München 1975
Fisher, Mark, Capitalist Realism, Zero Books, 2009
Horkheimer / Adorno, Dialektik der Aufklärung, Fischer, Frankfurt 2016
Christine Kirchhoff, Anmerkungen zum Verhältnis von Gesellschaftskritik und Psychoanalyse, in: initiative not a lovesong, subjekt. gesellschaft, Unrast, Münster 2002
Greil Marcus, Lipstick Traces, Rogner & Bernhard, Hamburg 1993
Thomas Szasz, The Myth of Mental Illness, Harper Perennial, New York 2010