Buchbesprechung: Castoriadis, Die bürokratische Gesellschaft

Buchbesprechung: Castoriadis, Ausgewählte Schriften Bd. 10, Die Bürokratische Gesellschaft, Übersetzt von Michael Halfbrodt, ISBN 978-3-86841-327-4. 559Seiten, 34 €

Die sehr verdienstvolle deutsche Ausgabe der Werke des Castoriadis ist hier bisher verschwiegen worden. Das ist zu korrigieren.

Der neu erschienene Band versammelt Arbeiten zur Sowjetunion aus mehreren Jahrzehnten. Castoriadis gehört zu dem wenigen aufrechten Gegnern dieses Herrschaftssystems und aller seiner Nachahmer, die auf der linken Seite der schwatzenden Klassen Beachtung gefunden haben.

Abgedruckt sind einige Arbeiten aus der frühen, „trotzkistischen“ Phase. Diese haben ihren Wert trotz des abschreckend doktrinären und sektiererischen Tonfalls, den sie mit allen trotzkistischen Äusserungen teilen. Die Trotzkisten hatten sich angewöhnt, den Stalinismus als eine Degeneration ihres bolschewistischen Ideals anzuschauen statt als seine Realität; als eine Art Restauration des Reformismus und Revisionismus, die durch den kommenden Krieg und die danach zu erwartenden Revolutionen zum Untergang verurteilt wäre.

Man macht sich heutzutage kaum noch einen Begriff davon, dass diejeingen, die Trotzki noch persönlich gekannt hatten, über Krieg und Revolution nicht viel anders redeten als Marx 1848 über seinen „Krieg gegen Russland“; nämlich als ob der Krieg notwendig die Wiederaufnahme der Revolution nach sich ziehen würde, als ob alle konservativen Mächte ihn deswegen zu vermeiden suchten, und als ob es eine revolutionäre Sache wäre, sie in den Krieg hineinzuziehen.

Der kommende Krieg,nämlich der zweite Weltkrieg, kam, und die Stalinisten sassen fester im Sattel als vorher; ihr System breitete sich weit nach Europa und tief nach Asien aus. Eigentlich ist der Trotzkismus seit Ende der 40er Jahre vollständig widerlegt, eine Zombie-Partei. Genau deswegen beginnt hier seine wirklich grosse Karriere innerhalb derjenigen Geisteskrankheit, die man „westliche Linke“ nennt.

Denn wenn der Stalinismus wirklich nur eine Spielart des Verrätertum ist, der überall, wo er am Ruder ist, die Revolution hintertreibt, wie die Trotzkisten wirklich meinten, warum hat er dann in Osteuropa, in China usw. wirklich die besitzenden Klassen enteignet, die Produktionsmittel verstaatlicht uws? Also alles das getan, was die Trotzkisten für die Aufgabe der Revolution gehalten haben. Und die Frage, die sich daran anschliesst: was für eine Ordnung ist es, die er wirklich einführt, die einem zentralisierten Staats-Kapitalismus so ähnlich sieht? Kann man die Ordnung, die den Weißmeer-Kanal gebaut hat, wirklich als einen lediglich deformierten Arbeiterstaat begreifen? Oder handelt es sich um ein neues Herrschaftssystem eigener Art? (Heute ist nichts mehr neu daran, um so weniger Entschuldigung gibt es für die, die heute die Methoden des Weißmeer-Kanals loben.)

Castoriadis war anscheinend einer der wenigen, die das Problem bemerkt haben, und seine parteiinternen Texte sind deswegen zu Recht in den Band aufgenommen. Von dieser Kritik aus beginnt sein Weg, der ihn zum „Inhalt des Sozialismus“ führen wird, seiner wirklich unsterblichen Arbeit, und der ihn zum Lehrer Debords und der Operaisten gemacht hat.

In diese Phase, seine klassische Phase, fällt die Chruschtschow-Ära. Seine Arbeiten dazu sind solide, aber stehen normalerweise im Schatten seiner Texte über die ungarische Revolution, die in einem anderen Band zu finden sind. Die Zeit des XX. Parteitags war für die damaligen Kommunisten erderschütternd; die Zöglinge Stalins erklärten der staunenden Welt, dass erstens alle Verbrechen des Stalinismus wirklich begangen wurden, aber allesamt von einem einzigen Mann und seinen sämtlich bereits verstorbenen Helfern, und dass die Staatsordnung, die ihn hervorgebracht hat, an allem vollkommen unschuldig ist.

Besonders zu erwähnen sind die Texte über die sowjetischen Agrarverhältnisse. Die Bolschewiken haben sich bekanntlich eine interessante Umbenennung ausgedacht, wonach der Staat, die riesigen Industrieunternehmen und ihre allmächtige Führungsschicht „das Proletariat“ sind und die Bauern, d.h. 70% der arbeitenden Klassen „die Kapitalisten“. Diese kleine Übung in Dialektik hat es ihren Anhängern ermöglicht, sich dumm zu stellen und das Kolchos-System als etwas anderes anzusehen als den originalgetreuer Nachbau der Leibeigenschaft, der es war. Die Auspressung der Bauern, übrigens auf einem erstaunlich primitiven Niveau, bezahlte den Aufbau der Industrie, mit der das System dann allerdings, als er fertig war, nichts anzufangen wusste.

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Der dritte grosse Block sind die mir vorher völlig unbekannten Arbeiten über die Breschnew-Ära und ihren Annex, die Gorbatschow-Jahre. Diese Texte fallen in die Zeit seiner überaus komplizierten und m.M.n. überflüssig prätentiösen „Abwendung vom Marxismus“, was vom Leser eine ständige zusätzliche Anstrengung verlangt, nämlich die, das ganze wieder in normale marxistische Begriffe umzurechnen. Dass das problemlos geht, macht die „Abwendung“ so prätentiös und unnütz.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und hiermit verkünden, dass ich mich von der Schwerkraft abgewandt habe, weil man nur Ärger mit ihr hat und ich nicht glaube, dass sie bisher richtig formuliert ist.

In den Arbeiten zur Beschnew-Ära findet sich der Begriff der „Stratokratie“ für das neue System. Die bewaffneten Kräfte verfügen über einen komplett eigenen produktiven Apparat, bevorzugten Zugriff auf Ressourcen und Arbeitskräfte, und in ihrem Apparat funktionieren Dinge tatsächlich. Der gewöhnliche produktive Apparat dagegen ist unfähig, die Nachfrage zu befriedigen. Die Aufrechterhaltung der Armee ist offenbar der reelle Zweck des Staats.

Castoriadis war einer der wenigen, die seinerzeit die russsische Aufrüstung ernst genommen haben. Das hat ihm natürlich wenig Liebe eingebracht von derjenigen „Linken“, die im Westen Friedensbewegung gespielt hat, während ihr die östlichen Waffen genauso egal gewesen ist wie die östliche Friedensbewegung, die sie einfach hat absaufen lassen.

Es ist von heute aus natürlich unglaublich schwer zu bewerten, ob man wirklich damit rechnen musste, dass russische Panzer benachbarte Länder mitten im Frieden angreifen könnten. Auch heute scheint diese Möglichkeit vielen kaum glaubhaft.

Mir selber scheint seine Ansicht aber einseitig. Der Zustand der sowjetischen Streitkräfte mag besser gewesen sein als ihrer zivilen Industrie, aber nach meinen Informationen trotzdem hundsmies. Ob sie trotzdem innerhalb dreier Wochen ihre Pferde am Rhein hätten tränken können, ist eine andere Frage. Das westeuropäische Militär war, wie allen Wehrpflichtigen damals bekannt, selbst ein vollkommener Witz.

Nach dem Ende der Sowjetunion ist der Wehrsektor ohnehin denselben Bach herunter gegangen wie der Rest der Industrie, und die oberen Ränge der Generalität sind wahrscheinlich nach ihrer Fähigkeit ausgesucht worden, sich an dieser Plünderung zu beteiligen. Der ukrainische Krieg hat bewiesen, dass man auch mit einer derartigen Armee einen Krieg anfangen und ihn länger andauern lassen kann als beide Weltkriege.

Ich halte den Begriff „Stratokratie“ für das Ergebnis eines verzweifelten Versuchs, irgendeinen Sinn in der schieren Weiterexistenz des Sowjetsystems in den 1970ern zu finden. Irgendein Subjekt muss doch in diesem Apparat wohnen, irgendeinem Zweck muss er doch dienen! Denn, wie Castoriadis selbst zeigt, jeder andere Zweck, jede andere Idee, selbst der letzte Rest „sozialistischer“ Ideen war ihm komplett ausgetrieben. Es ist nicht leicht, sich mit einer so sinnlosen Sache zu befassen.

Andere Fraktionen des Apparats scheinen die Aussichtslosigkeit ihrer Lage sehr deutlich bemerkt zu haben; zuallererst die Geheimdienstriege, die Gorbatschow nach oben gehoben haben, und die „technisch-administrative Intelligenz“, die Kombinatsdirektoren usw. Das ganze lief am Ende auf die Auflösung der Sowjetunion hinaus, und auf eine Deindustrialisierung und Desorganisation, die auch vor der Machtbasis des Streitkräfte nicht haltgemacht hat; dasjenige Militär, das Putin in die Ukraine geschickt hat, ist jedenfalls nach den Nuller Jahren neugebaut mit westlicher Technik, und ist abhängig von westlichen Ersatzteilen.

Es kann natürlich sein dass ich mich irre, Castoriadis Recht hat, und dass die Politik Gorbatschows ein bewusster und erfolgreicher Versuch gewesen ist, eine Dominanz des Militärs im Staat zu stürzen. Der Apparat kann gut zu dem Schluss gekommen sein, dass die Sache auf eine Schiene gesetzt ist, die von sich allein zwangsläufig auf eine Art nordkoreanisches Modell zusteuert, und dass das einzige Mittel dagegen das ist, die ganze Sache aus den Gleisen springen zu lassen. Wir reden natürlich von dem Flügel des Apparats, der vor 1991 Wirtschaftsfunktionäre und nach 1991 private Eigentümer derselben Unternehmen geworden ist.

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Seine Arbeiten über Gorbatschow sind grossenteils zutreffend, aber wenig aufsehenerregend, so wie auch Castoriadis späte Arbeiten alle m.M.n. wenig aufsehenerregend sind. Das ist eine Spätfolge der „Abwendung vom Marxismus“, die bei allen, die keine Renegaten werden, auf die Abwendung von Disziplin und Klarheit im Denken hinausläuft. Und Renegat ist er nicht geworden, aber mit dem Alter immer unklarer, vager und abstrakter, bis er zuletzt ein anerkannter „öffentlicher Intellektueller“ war.

Der Band ist vor allem für solche interessant, die sich tiefer mit Castoriadis befassen möchten. Agitieren wird er niemanden; wer nicht viel Zeit hat, soll Bd. 2.1 lesen, er enthält alles, was wichtig ist und was bleiben wird.

Insgesamt ist die Werkausgabe für Freaks wie mich selbstverständlich ein reines Entzücken; aber vermutlich nicht für viele andere. Man sollte aus dem „Inhalt des Sozialismus“ eine Broschüre machen, die man für wenig Geld als Taschenbuch verkaufen kann; das wäre vermutlich eine ganz andere Ebene der Wirksamkeit. Vielleicht gründet ja demnächst jemand einmal einen kleinen Verlag, der sich Lizenzen für genau so etwas beschafft?

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