Dieser Artikel, und fast alle dort besprochenen Positionen, stehen unter einem sehr merkwürdigen Vorbehalt. Es könnte sich zeigen, dass der neuere Ansatz von Peter Gerwinski ihnen den Boden unter den Füssen wegzieht. In diesem Falle würde ich sehr lachen. Und vermutlich Sabine Hossenfelder auch.
Smolin, Three Roads to Quantum Gravity, 2001
Barbour, The End of Time, 2001
Zeh, The Physical Basis of the Direction of Time, 2007
Smolin, Time Reborn, 2013
Smolin u. Unger, The Singular Universe and the Reality of Time, 2014
Rovelli, The Order of Time, 2018
Hossenfelder, Lost in Math, 2018
Smolin, Einsteins Unfinished Revolution, 2019
Baggott, Quantum Space, 2019
Barbour, The Janus Point, 2020
Die Grundlagenkrise der Physik
Die genannten Bücher sind grösstenteils keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen im strengen Sinn. Sie sind aber auch keine populärwissenschaftlichen oder Pop-sci-Bücher. Sondern selbst die, die in essayistischem Plauderton gehalten sind, zitieren und paraphrasieren ausführlich allerhand bekanntere und auch entlegenere wissenschaftliche Arbeiten. Sie versuchen nicht nur um der breiteren Leserschaft oder der „Allgemeinverständlichkeit“ willen, auf die Sprache der Formeln zu verzichten; sie haben dafür einen eigenen methodischen Grund.
Nicht alles in der Physik steht in den Gleichungen; sondern was man unter diesen Gleichungen sich denken soll, das nennt man die Interpretation. Man braucht eine Interpretation nicht kennen, um eine Gleichung zu lösen; das heisst aber, die Gleichung selbst sagt einem recht wenig darüber, was bei dem Vorgang tatsächlich geschieht, den sie beschreibt. Auch Maschinen können aus den Daten, die man eingibt, Gleichungen finden; wenn man sie richtig programmiert, sind sie sogar richtig, d.h. zutreffend. Aber niemand kann einem sagen, warum sie richtig sind und was sie wirklich bedeuten, d.h. wie man aus ihnen sinnvolle und nichttriviale neue Gleichungen gewinnt.
Das Problem der gegenwärtigen Physik ist gerade dieses, dass solche neuen Gleichungen seit nunmehr 50 Jahren praktisch nicht mehr gefunden werden; seit 1973. So etwas ist in der neueren Geschichte der Wissenschaft fast ohne Beispiel; und es ist in der Tat erst in den letzten 10 Jahren, dass man sich über diese Einsicht nicht mehr hinwegtäuschen kann. In den 1980ern versprach die sogenannte erste String-Revolution eine tragfähige Grundlage der Physik zu finden; und nach deren schmählichem Scheitern in den 1990ern die sogenannte zweite String-Revolution genauso, und auch dieser ist es nicht besser gegangen, die experimentellen Ergebnisse am Tevatron und später LHC haben wenig von ihnen übriggelassen, und die Krise manifestierte sich ab 2000 in den sogenannten String-Kriegen in der Physik, von denen unsre Bücher hier spätere Ausläufer sind.
Es hatte sich bisher nie eine Idee abgezeichnet, wie die Krise ausgehen könnte; alle Versuche, sie zu überwinden, sind zu offensichtlich selbst Symptome der Krise gewesen. Es ist ja leicht, über die String-Theoretiker zu spotten, weil alle es tun und weil es solchen Spass macht. Sie sind in ihrer legendären sektenhaften Arroganz und Verstiegenheit gewissermassen die Postmodernisten der Physik. Aber das ganze Geschrei um die String-Theorie ist ja Folge, nicht Ursache der Krise; und selbst Smolin, ein Lieblingsfeind der String-Szene, gesteht ihren Mühen durchaus eine wenn auch untergeordnete Existenzberechtigung und einen Platz in seinem eignen Lösungsvorschlag zu, selbst der berühmten M-Theorie, obwohl niemand diese je zu Gesicht bekommen hat.
Die Grundlagenkrise der neueren Physik kommt, wie allgemein bekannt sein dürfte, daher, dass sie zwar teilweise Beschreibungen für die Grundlagen der Naturwissenschaft erarbeitet hat, aber diese teilweisen Beschreibungen untereinander nicht zusammenpassen wollen; sie sind inkonsistent, sie lassen sich gegenseitig nicht auseinander ableiten, die ganze Wissenschaft ist daher unvollständig. Alle Naturwissenschaften ruhen auf der Physik, diese aber wiederum auf den beiden Relativitätstheorien und der Quantentheorie. Eine Beschreibung, die alle diese drei Theorien in sich enthält, das heisst eine wahre Grundlegung, ist nicht gefunden worden; das heisst, die Grundlagen der Physik sind ungenügend verstanden.
Die Lage ist vielleicht gut beschrieben mit der Wheeler-DeWitt-Gleichung. Das ist eigentlich eine nach der allgemeinen Relativitätstheorie umformulierte zeitunabhängige Schrödinger-Gleichung, sie enthält also womöglich mindestens einen Teil der gesuchten grundlegenden Theorie, eine quantentheoretische Formulierung der Relativitätstheorie oder umgekehrt. Aber aus der Formel ist das kaum herauszubekommen, man kann sie auch nicht überprüfen, denn sie rechnet sich nicht, und es ist nur durch Zufall in den 1980ern dem Smolin und anderen eine Klasse von Lösungen zu finden gelungen, und auch mit diesen Lösungen ist nicht allzuviel anzufangen. Smolin und übrigens die meisten anderen, die wir hier besprechen, gehören zu der Schule der Schleifen-Quantengravitation, der grössten Oppositionsschule zur Stringtheorie; und, wie man sagen wird, auch der Schule, die bisher die schöpferischsten Köpfe hervorgebracht hat, und die unnachgiebigsten Kritiker des bestehenden Zustands.
Die theoretische Physik hat die letzten 50 Jahre keine Fortschritte bei ihren Grundlagen gemacht. Es gibt dafür eine Reihe von Gründen, und auch dafür, dass sie trotzdem anscheinend unbeirrt ihren Stiefel weitertreibt, statt ihren Ansatz zu kritisieren und dann anders anzufangen: die wissenschaftssoziologischen Gründe, dass z.B. die akademische Welt genauso organisiert ist wie ein die mittelalterlichen Klöster, nämlich um altes Wissen zu bewahren und neues Wissen zu unterdrücken (Smolin, Einsteins Unfinished Revolution); die Erosion der wissenschaftlichen Methode, die eintritt, wenn Symmetrie und Ästhetik des mathematischen Formalismus als Wahrheitskriterium behandelt werden (Hossenfelder); aber auch Gründe, die in der Sache selbst liegen, die auf abgeschlossne Systeme ausgerichtete Richtung der Untersuchung (Smolin, Barbour), das Desinteresse an allem, was nicht in den Formeln aufgeht, die Verachtung philosophischer Fragen, die allerdings in der Unfähigkeit der Gegenwartsphilosophie eine gewisse Rechtfertigung haben könnte (Barbour). Und die Tatsache, dass von Theorie zu Experiment heute 50 Jahre und mehr vergehen, und dazwischen die blanke Spekulation regiert, d.h. die Ansprüche der Theoretiker (Smolin, Hossenfelder); und natürlich aber auch der Unwille zur echten Revolution, der anerzogene Konformismus der Ehrgeizigen (ebd.), der die wenigen Leute, die neue Gedanken denken wollen, zu Sonderlingen macht. Das ist in vielen Feldern heute so: Emeriti, oder Privatgelehrte, der Rest hütet sich heute, den Mund nicht aufzutun.
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