Jetzt nochmal wegen diesem „Kalifen“

Jörg Finkenberger

Jetzt, wo der nahezu gänzlich tot ist, ist vielleicht die richtige Zeit, sich das hier zu Fragen. Hätte man nicht erwarten können, dass man von einem so hohen Herren mehr als zweimal etwas hört, nämlich wenn er zum „Kalifen“ erklärt wird, und wenn er wiederholt für tot erklärt wird? Sollte man nicht auch hören, dass er irgendwelche Entscheidungen getroffen, Reden gehalten, irgendjemanden ernannt hat? Was Herrscher so machen? Jedenfalls sollte man das doch erwarten, wenn die treibende Kraft hinter dieser politischen Bewegung der Hunger des sunnitischen Islam nach einem Kalifat sein soll, und nicht etwa das Ganze eine Ansammlung von alten ba’thistischen Obristen. Man hätte doch erwarten, dass dieser „Kalif“ ein bisschen mehr rumgezeigt wird vielleicht. Die Person des Kalifen selbst soll doch, wenn ich es richtig verstehe, angeblich die religiöse Legitimation weltlicher Herrschaft vermitteln, und das soll es doch gewesen sein, was den IS so unbesiegbar gemacht hat, und nicht etwa die chronischen Betrügereien der angeblich gegen ihn alliierten. Man hätte sich doch unter so einem islamischen Staat ein bisschen etwas anderes vorzustellen, als denselben Haufen von altgedienten Killern, nur „Jetzt Neu! Mit Kalif“. Warum erklärt man nicht offen: Der sogenannte Islamische Staat ist genau die Struktur, die es angeblich nie gegeben hat: eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und der Qa’ida? Jede Sorte Regime hatte ihre Leute in al Qa’ida. Die Fraktion, die für Saddam Hussein arbeitete, taucht zum Beispiel ab 2001 in der Gegend von Halabja auf. In diesem Milieu entsteht die Vorläuferorganisation des IS, al Qa’ida im Zweistromland. Diese hat es bisher zweimal geschafft, die anderen Organisationen des sunnitischen „Irakischen Widerstands“ zu unterwerfen, nämlich in der Endphase des sunnitisch-ba’thistischen Aufstands von 2003-7, und dann wieder nach dem Zusammenbruch von Malikis (und Nujayfis) Herrschaft im West- und Zentraliraq 2011. Offensichtlich hat die Organisation bessere Verbündete. Im Mittleren Osten wird gerne Qatar beschuldigt, wo ein Teil der exilierten Ba’th-Elite lebt. Die Hierarchie des IS besteht aus ehemaligen Offizieren Saddam Husseins.

BAGHDAD – If Islamic State leader Abu Bakr al-Baghdadi is confirmed dead, he is likely to be succeeded by one of his top two lieutenants, both of whom were Iraqi Army officers under late dictator Saddam Hussein.

Experts on Islamist groups see no clear successor but regard Iyad al-Obaidi and Ayad al-Jumaili as the leading contenders, though neither would be likely to assume al-Baghdadi’s title of “caliph,” or overall commander of Muslims.

Wer hätte es gedacht. Aber wie kann denn die innere Struktur eines gestürzten Regimes, das niemandem mehr etwas zu versprechen hat, in einzelnen Landesteilen Jahrzehnte lang überleben und immer wieder nach der Macht greifen, dabei seine eigene Ideologie ablegen und eine neue annehmen, selbst eine anscheinend entgegengesetzte, und sich immer noch auf den über die Zeit immer schrumpfenden inneren Kern von alten Kadern stützen? Wie das geht, können wir auch nicht sagen. Aber dass es geht, haben z.B. die Roten Khmer vorgemacht, die nach ihrem Sturz in Kambodja noch zwanzig Jahre im Nordwesten des Landes die Macht hatten, unter den alten Führern, und die bis heute nicht aufgehört haben zu bestehen; auch wenn sie, ebenfalls kurz nach ihrem Sturz, ihre „marxistisch-leninistische“ Ideologie, in deren Namen sie die kambodjanischen Städte entvölkert hatten und ein Viertel der Bevölkerung den Tod brachten, von einem Tag auf den anderen fallen liessen (Dezember 1981). Die Parallele ist ziemlich tragfähig.

Der Alptraum des Ba’th-Regimes ist nach 2003 nicht vorbei gewesen. Wer ist schuldiger, die USA, die sich die Mühe einer Besatzungsarmee wie in Deutschland 1945 sparen zu können glaubten, oder die „antiimperialistischen“ Kräfte von Nürnberg bis Damaskus, die aktiv das unterstützten, was heute IS heisst?

Es wird wahrscheinlich Leute geben, die den IS für ein zwangsläufiges Ergebnis der religiösen Aspirationen des sunnitschen Islam halten. Es gibt ebenso auch solche, die ihn für ein reines Geheimdienstkomplott halten. Seltsamerweise gibt es eine Schnittmenge zwischen beiden Ansichten, die nämlich beide vereinbar sind mit dem irren Glauben, der IS sei das logische Ergebnis und verkörpere die innere Tendenz der arabischen Revolution. Eine gewisse Zwangsläufigkeit führt zu solchen Ansichten: solche Schlüsse muss man ziehen, wenn man die Geschichte des modernen Staates als die Lösung betrachtet, statt als eine Geschichte von Trümmern, die immer wieder solche Bewegungen hervorbringen und am Leben halten.

Der Ba’th-Staat war, nach allen Kriterien, ein neuzeitlicher Staat der Hochmoderne. Das sollte vielleicht Anlass sein, darüber nachzudenken, was diese Moderne und ihr Staat für Angelegenheiten sind und wie man sie wieder los wird. Wie ein solches Regime wahrscheinlich nicht gestürzt werden kann, haben wir gesehen. Welche Kräfte, wenn man einen solchen Sturz unternähme, einem Freund und welche Feind sein werden, das kann man mit einigem Nachdenken abschätzen.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Jetzt nochmal wegen diesem „Kalifen“

Im nächsten Heft

Im nächsten Heft finden Sie eine kleine Zusammenfassung eines kleinen Vortrags über Würzburger Verhältnisse. Eine kleine Geschichte, in welcher dieser Herr und einige seiner Helfer eine gewisse Rolle spielen.

„Dieser Herr“ hat neuerdings einen

„Förderverein zur Unterstützung der kulturellen Vielfalt der Posthalle“ gegründet.

Zu den Fördervereinsmitgliedern zählen unter anderen Peter Grethler (Vorsitzender Kino Central), Horst Porkert (Club „Immerhin“, H2O), Alexander Schraml (Chef des Landkreis-Kommunalunternehmens), Gunther Schunk (Vogel Business Media), Reinhard Stumpf (Ex-Stadtrat, KaGe Elferat) und Wolfgang Weier (Stadtmarketing „Würzburg macht Spaß“). Vereinsvorsitzender ist Csaba Béke (Theater Chambinzky).

Gut zu wissen, dass die kulturelle Vielfalt in den „Posthallen“ jetzt unterstützt wird. Wieso ist eigentlich der Spezialpädagoge nicht dabei?

Wie man so weit kommt wie der Herr Schulz in der würzburger „Jugendkultur“politik, das ist ganz speziell der Schwerpunkt des zweiten Teils über den würzburger Sumpf: „Wie man ein Autonomes Kulturzentrum leitet Und dabei selbst keinen Schaden erleidet“. Diesmal werden Namen und Zahlen genannt, anders als in dem alten Artikel direkt damals. Es gibt keine Rücksichten mehr zu nehmen.

Der dritte Teil in einem der folgenden Hefte wird dann ein paar Klatschgeschichten über die würzburger Linkspartei und das ganze alten DKP-Milieu aussenrum enthalten, und wird den Bogen zurück zum ersten Teil schlagen, der bereits 2012 erschienen war. Zusammen soll das ein kleines Kompendium mit Warnungen für künftige würzburger Linke abgeben.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Im nächsten Heft

Nächstes Heft

Lieber Lesepöbel,

es scheint kaum glaubhaft, aber das todte Thier ist wieder untodt und arbeitet an der nächsten Ausgabe. Freuet euch! Es wird zauberhaft wie immer.

Eine Ankündigung des Inhalts kann ich noch nicht geben, weil ich mir noch nicht einig bin,

also spricht

das Grosse Thier.

PS. Weiss jemand, ob man statt Druckkopf-Reiniger auch Fensterputzmittel nehmen kann?

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Nächstes Heft

Presseschau

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn warnte seinerseits davor, gerettete Flüchtlinge nach Libyen zurückzubringen, solange sich die Zustände in den dortigen Lagern nicht verbesserten. „Das sind zum Teil Konzentrationslager“, sagte er.

Kann man in der Zeitung lesen.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Presseschau

9.9. Heftvorstellung: „Wir sind Russen, Gott ist mit uns“

26.7., 20 Uhr in K-Fetisch, Wildenbruchstraße 86, Berlin

9.9. 16 Uhr in Betriebsküche, Berlinerstraße 63, Dresden (bei den Libertären Tagen)

 

orthodoxe_kirche

„Wir sind Russen, Gott ist mit uns“, so geht eine russische Militärhymne. Im maroden Russland ahndet man nach irgendeiner nationalen Idee, um nach außen hin handlungsfähiger zu werden, sich von der Knechtschaft durch fremde Mächte zu befreien und endlich einen eigenen zivilisatorischen Weg zu gehen. Die Annexion der Krim sei die Wiederaneignung des für orthodoxe ChristInnen heiligen Bodens, die Militäroperation in Syrien – gar der heilige Krieg gegen das Böse schlechthin; man auferlegt sich innenpolitisch „geistige Fesseln“, was so viel heißen soll, dass kaum ein repressiver, reaktionärer Gesetzesvorschlag ohne eine wie auch immer geartete Bezugnahme auf höhere, religiöse Werte auskommt. Da kommt die Russische Orthodoxe Kirche mit ihrer tausendjähriger Geschichte auf ihre Kosten und darf sich als staatlich genehmigtes Monopol für höhere Werte inszenieren.

Doch der Schein trügt. Es ist die Schwäche, die verzweifelt nach Bindung sucht. In der postsowjetischen Postmoderne muss man sich zwischen Fundamentalismus und Nihilismus nicht entscheiden; nicht gläubige Individuen inszenieren sich als gläubige Nation in einem säkularen Staat. Die Religion ist im heutigen Russland ein umkämpftes Gebiet, doch es geht nicht mehr um sie.

Die neue Ausgabe des Grossen Thiers möchte zu einer Religionskritik beitragen, die notwendigerweise die Kritik des irdischen Jammertals und keine „idealistische Hermeneutik“ sein soll.

 

Veröffentlicht unter Geschireben | 2 Kommentare

Was macht eigentlich…

Neulich aus einer Veranstaltungsankündigung:

und nicht zuletzt der, der Grenzen sichert, gerade jene Grenzen, die einen Raum möglichst angst- und gewaltfreien gesellschaftlichen Verkehrs sichern und definieren

Bevor man diesen Gedanken solchermassen ins linksdeutsche übersetzt hatte, hiess das „Grenzen retten Leben“ und war ein Motto der Identitären Bewegung.

Es fällt deswegen nicht auf, weil die Ähnlichkeit so unabweisbar ist.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Was macht eigentlich…

Brennende Autos

Randalierer steckten landesweit 897 Autos in Brand, wie das Innenministerium in Paris am Samstag mitteilte. 13 Polizisten und Soldaten seien verletzt, 368 Menschen in Gewahrsam genommen worden.

Huch, da passt ja G20 mehrmals rein. Interessant, aus welchem Anlass derartige Eskalationen geschehen: aus Anlass des Nationalfeiertags.

Man muss aber auch zu sagen, dass das in Frankreich der Jahrestag der Erstürmung der Bastille durch besitzlose pariser Massen, die dabei waren, überall Waffen zu plündern. Man könnte jetzt sagen: durchaus angemessene Art zu feiern. Man könnte aber auch sagen: ist noch Luft nach oben drin.

Soviel erst mal vorläufiges zu der deutschen Aufregung über Hamburg.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Brennende Autos

Ontologie der Passivität, Pathologie der Linken

von Jörg Finkenberger; erschienen im Heft Nr. 11/2016

 

Die Dinge, die uns bevorstehen, sind hart und gefahrvoll. Deswegen ist es natürlich besser, sie gar nicht oder zumindest unrichtig zur Kenntis zu nehmen. Benötigt wird dazu eine vollständige Logik der Ohnmacht, eine Metaphysik der Passivität. Diese kann ans Alltagsbewusstsein anknüpfen, wo die Unterwerfung, die Ergebung ins Schicksal schon eingeübt ist. Den Einzelnen ist schon lange gezeigt worden, dass ihr Handeln keine Folgen hat; dass bloss, weil sie es anders könnten oder bräuchten, es nicht anders wird; aus demselben Grund übrigens, warum Hunger nicht der Grund ist, Brot zu backen. Die Illusion, dass andere Verhältnisse unmöglich sind, gerät ins Wanken, wo die Vereinzelten sich auch nur finden könnten, und sie muss notwendig mit Gewalt wiederhergestellt werden, wo Ideologie allein nicht ausreicht. Die Linke bietet aufgrund ihrer Erfahrungen der Niederlage hinreichend Reserve sowohl für die Reflexion der Niederlage als auch für ihre Verewigung. Je nach dem, in welcher Absicht sie die Dinge nachzeichnet, schlägt sie sich auf diese oder jene Seite; in ihr reproduziert sich unvermeidbar immer wieder der Gegensatz.

1. “Das europäische Grenzregime ist die Voraussetzung dafür, dass es hierzulande trotz Tröglitz und Pegida immer noch halbwegs friedlich zugeht und das soziale System nicht kollabiert: Die Finanzkrise und der Staatsbankrott in Griechenland haben gezeigt, dass eine Nationalökonomie nicht unendlich belastbar ist. Wenn die Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik dagegen exorbitant steigen würde, wenn die deutsche Volkswirtschaft nicht mehr dazu in der Lage wäre, für die armen Schlucker zu sorgen, und wenn sich die Krise in finanzieller Hinsicht stärker auswirken würde als bisher, dann könnten auch diejenigen Gefallen an der Parole »Ausländer raus!« finden, die sich zur Zeit noch über die hinterwäldlerischen Ausländerfeinde in Tröglitz empören.”

Diese Sätze stammen nicht aus einer Regierungserklärung Helmut Kohls zur Abschaffung des Asylrechts von 1992, sondern von der AG NTFK Halle und aus der “bonjour tristesse”, dem anerkannt einzigen verbliebenen bahamas-Generikum der antideutschen Provinz. Sie bezeichnen den momentanen Endpunkt der Selbstzerstörung der Linken. Das ist etwas ironisch, weil diese Selbstzerstörung ganz anders vonstatten geht, als die bahamas-Fraktion ihr Programm der Kritik der Linken selbst versteht. Nur sie und ihre intimen Feinde glauben ja, dass sie nicht Teil der Linken und ihrer Elendsgeschichte ist, und dass sie diese beiden nicht in mindestens dieser Hinsicht erst zur Kenntlichkeit bringt. Wie fehlgeschlagen diese Partei ist, zeigt sich daran, dass man heute die Linke anhand der bahamas-Fraktion kritisieren kann. Umgekehrt kann man dieser Fraktion eine grosse Zukunft prognoszieren: die Zukunft innerhalb der Linken gehört zweifellos ihr, solange deren Kritik, und zwar gründlich praktische Kritik, nicht gelingt. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschireben | Verschlagwortet mit , , , | Kommentare deaktiviert für Ontologie der Passivität, Pathologie der Linken

Zum 8. Mai: Über die Gerechtigkeit eines Soldaten

von Seepferd

1414107695_116349_51

Traditionsgemäß begeht die Linke am 8. Mai den Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus. Ebenso traditionsgemäß diskutiert man, ob man eher eine „antideutsche Sexparty“ feiern oder eher der gefallenen KämferInnen gedenken sollte. (Es ist vielleicht auch nicht falsch, sich das jedes Jahr zu fragen. So besteht wenigstens eine geringe Chance, dass sich jemand irgendwas dabei denkt). Jedenfalls bedankt man sich bei den Alliierten in den Sprachen, die man kennt, und schmückt die Räumlichkeiten linker Biotope mit Plakaten und Aufklebern, auf denen man unter Anderem das berühmte Bild mit drei Rotarmisten sieht, die eine rote Fahne auf dem Dach des Reichstags befestigen. Nicht alle kennen die Geschichte dahinter. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Menschen wollen mitgemacht haben. Es ist wie der legendäre Holzbalken, den 1920 während des Maisubbotniks gefühlt Hunderte von Menschen zusammen mit W. I. Lenin auf dem Roten Platz getragen haben wollen.

Am 30. April überquerten die Einheiten der 3. Stoßarmee der 1. belarussischen Front den Spandau-Kanal und näherten sich dem Reichstag. Es kam der Befehl, das Gebäude zu erstürmen. Der stellvertretende Politoffizier Alexej Berest stellte eine kleine Gruppe aus erfahrenen Soldaten zusammen und ging unter Feuerschutz ins Gebäude. Pjotr Pjatnitzkij, der die rote Fahne getragen hatte, starb vor dem Eingang. Etage für Etage, unter ständigem Feuer kämpfte sich die Gruppe nach oben, bis sie nach 11 Uhr Abends die Fahne im obersten Stock an der Kolonne befestigte: Meliton Kantarija, Michail Jegorow und Berest. Erst später hängten sie die Fahne auf dem Dach um, mit einem Gürtel ans Bein einer zerschossenen Pferdestatue gebunden, damit man’s besser sieht.

Neben dieser lebensgefährlichen, aber immer noch rein symbolischen Tat, riskierte Berest diese Tage noch mal heldenhaft sein Leben in diesem Gebäude. Diesmal ganz unten. Im Bunker und den Tunnels unter dem Reichstag saßen noch etwa 1600 Wehrmachtsoldaten und waren fest entschlossen, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Lediglich über das Schicksal von ca. 500 verwundeten Kameraden wollten sie mit den Roten reden und bestellten deswegen einen ranghohen Offizier. Von den wichtigen Leuten traute sich selbstverständlich keiner, also gab sich Leutnant Berest für einen Oberst der Rotarmee aus und verhandelte mit den verschanzten Deutschen. Er weigerte sich, die Verwundeten zu evakuieren: entweder ergeben sich alle oder alle werden unter den Trümmern begraben. Nach zwei Stunden ergab sich die Garnison der Reichstag.

Dass das berühmte Foto am 2. Mai unter besseren Lichtbedingungen nachgestellt wurde und nur Jegorow und Kantarija mit einer anderen Fahne an einer ganz anderen Stelle zeigt, ist noch längst nicht alles. Während Jegorow und Kantarija (und mit ihnen selbstverständlich alle Abteilungs-, Trupp- und Divisionsführer) zu Helden der Sowjetunion ernannt und mit entsprechenden Orden ausgezeichnet wurden, musste sich Berest mit einem „einfachen“ Rotbannerorden zufrieden geben. Warum, weiß man immer noch nicht. Es ist bekannt, dass Stalin sich über die Beteiligung eines georgischen Landmanns, Kantarija, an der Aktion sehr freute, ebenso dass er generell den UkrainerInnen (Berest war übrigens einer, der seine Eltern und die Hälfte der Geschwister in der Hungersnot Anfang 30er Jahre verloren hatte) misstraute. Es ist auch bekannt, dass Marschall Schukow Politoffiziere nicht mochte. Man weiß sogar, dass Berest mit „Kollegen“ aus dem SMERSch im Clinch lag, da er sie „nie kämpfen sah“. Was davon für die ausgebliebene Auszeichnung und das Streichen aus Geschichtsbüchern ausschlaggebend war, weiß man nicht. Mehrmals reichte er Revisionsklagen an, wurde als Disziplinarmaßnahme in die Schwarzmehrflotte versetzt, woher er 1948 aufgrund von Verleumdungen schließlich entlassen wurde. In Rostow am Don arbeitete er als Direktor des lokalen Kinodienstes. Aufgrund erneuter Verleumdungen 1953 verurteilte das Gericht Alexej Berest zu 10 Jahren GULag, welches er wegen der Amnestie nach fünf Jahren wieder verlassen hat. Die 1961 von Breschnew allein zu diesem Thema einberufene Kommission entschied sich, an den Beschlüssen von 1946 zu halten, demnach Berest weiterhin ein Niemand blieb. Er kehrte nach Rostow zurück, arbeitete in der Fabrik und starb 1970, als er ein Kind vor einem rollenden Zug wegzog und selbst vom Zug erwischt wurde. Erst 2005 ernannte damaliger ukrainischer Präsident Berest posthum zum Helden der Ukraine. Die Russländische Föderation als Nachfolgerin der Sowjetunion hat es bis jetzt nicht nachgeholt.

Was haben die drei auf dem Dach des Reichstags aufgestellt? Die rote Fahne der sozialen Revolution oder eine an die Nationalfahne angelehnte Militärfahne der Roten Arbeiter- und Bauerarmee (RKKA), die zu dem Zeitpunkt längst nichts mit der einstigen demokratisch-revolutionären, ja, antistaatlichen Truppe von 1918 zu tun hatte1? Verteidigten sie eine bloße Möglichkeit einer befreiten Menschheit gegen die schwärzeste Reaktion des Nazifaschismus oder kämpften auf Befehl eines ideellen Gesamtlageraufseher mit seiner Säuberungspädagogik und nachholender Kapitalisierung? War es nicht dieselbe RKKA, die bereits zwei mal, 1919 und 1939, in Polen auf Tour war? Die die Frauen und Kinder zuhause beschützte und den Sieg über Nazideutschland mit Massenvergewaltigungen feierte? Für die Vernunft und Macht der Menschen oder für die marxologische Wissenschaft, die Versklavung mit dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte zu rechtfertigen und die wirtschaftliche Macht der Elektrifizierung plus landesweites Lagersystem2? Ist ein weiterer Orden wirklich die Gerechtigkeit eines Soldaten? Amnestie die Gerechtigkeit eines Sträflings? Guter Name – die eines Denunzierten? Gerechter Lohn – die eines Arbeiters?

„Die Apologetik des Bestehenden gründet nicht auf Freude über das Wirkliche, sondern auf verdrängter Trauer um das Mögliche, nicht auf Angst um das Erreichte, sondern auf Furcht vor dem Erreichbaren. Beides aber ist – historisch – begründet“3. Aus diesem Grund feiert man auf dem Roten Platz, als gäb’s kein Morgen, kleidet kleine Kinder in historische Soldatenuniformen; schickt falsche Veteranen unter’s feiernde Volk, die jedes Jahr mit verschiedenen Medaillen und Abzeichen herum posieren; droht fröhlich – „wir könnten es wiederholen, 1941 – 1945“ als freue man sich auf das Leid, blutigen Schlamm und Massentod und ist stolz auf die höchste Opferzahl unter den Alliierten – 27. Millionen, die zum nicht geringen Teil dem geliebten Herrscher zu irgendwelchen feierlichen Anlässen erbracht wurden. Die einzige gesellschaftlich relevante Kraft, die von Revolution redet, ist die vorauseilende Gegenrevolution. „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“, schrieb 1961 kürzlich verstorbene Jewgenij Jewtuschenko, dessen Feder auch das herzzerreißende Gedicht „Der Babij Jar“ gehört. Er bereiste die ostukrainischen „Volksrepubliken“ und stellte sich in seinen letzten Gedichten – gewohnt pathetisch – unmissverständlich auf die Seite der prorussischen Kräfte.

Na, was meinst du, Leutnant Berest, wollen sie diesen Krieg oder wollen sie nicht?

Fußnoten:

1Ekkehardt Krippendorf: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft, 1985

2André Glucksmann: Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager, 1976

3Bini Adamczak: gestern morgen. über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft, 2011

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Zum 8. Mai: Über die Gerechtigkeit eines Soldaten

NDJERA „Wir sind Russen, Gott ist mit uns“

16865117_1247355248685168_956302908074540137_n

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für NDJERA „Wir sind Russen, Gott ist mit uns“

Vortrag: Religionskritik und Islam

Kritik des Islam, Kritik der Islamkritik
mit J. Finkenberger

Am 21.11. um 20 Uhr in der A&V Projekt- und Hörgalerie (via Translib), Lütznerstr. 30

Man sollte sich, auch wenn man Facebook nicht so sehr nutzt, den Spass machen, die Fb-Seite dieser Veranstaltung anzuschauen. Da tobt nur so der Hass.

(Da) kann man nur dazu auffordern, diese Spießgesellen so schnell wie möglich zum Schweigen zu bringen und endlich die ganze islamsensible linksbefreite Zone Connewitz in ihrer ganzen Hässlichkeit auszuheben und das Finkenberg-Gesocks und alle, die sich damit gemein machen, zum Teufel zu jagen und das heißt: sie gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen, denn in diesem kleinen Text steht schon alles, was man über sie wissen muss.“

Die Jungs haben, wie wir Fachleute es nennen, ziemlich einen an der Waffel. Aber anscheinend haben sie grad nicht viel anderes, um sich aufzuregen. Wer noch solche Perlen findet, bitte immer posten! Auch gerne Screenshots. Das verspricht alles sehr lustig zu werden

https://www.facebook.com/events/1240022936042119/

Hier der Ankündigungstext, der solchen Anstoss erregt:

Die Kritik der Religion ist keineswegs schon geleistet, die doch die Voraussetzung aller weiteren Kritik sein soll. Zum einen scheint Religion überall heute, mehr als gestern, gesellschaftliche Ideologie ersten Ranges abzugeben. Namentlich in der sog. islamischen Welt, heisst es, ist Religion wieder oder immer noch eine gesellschaftliche Macht. Zum anderen ist die Religionskritik, auch die linke und revolutionäre, in die Katastrophe des 20. Jahrhunderts tiefer verstrickt, als ihre Anhänger zugeben möchten. An der Geschichte des modernen Antisemitismus kann das deutlich gezeigt werden. Gesellschaftskritik, die den heutigen Zuständen zu Leibe rücken will, kann sich nicht ohne weiteres der klassischen Instrumente der junghegelianischen Religionskritik bedienen. Sie hat diese im Gegenteil selbst der Kritik zu unterziehen. Ohne solche Ideologiekritik der bisherigen Religionskritik bleibt der Weg zu materialistischer Religionskritik versperrt. Diese Überlegungen sollen am Material aufgezeigt werden, und zwar an einer historisch-kritischen Betrachtung der islamischen Geschichte, ihrer inneren Gegensätze und Wandlungen, und ihrer Aktualisierung im modernen Islamismus. Die heute sogenannte „Islamkritik“, die solche Einzelheiten nicht zur Kenntnis nimmt, kann einen Beitrag zur Destruktion dieser Verhältnisse nicht leisten. Sie bewegt sich in den Spuren Bruno Bauers und produziert „deutsche Ideologie“. Durch den Bruch mit dieser Schule „wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus“, auch den islamischen, „sich verbessern“ (W. Benjamin)

Veröffentlicht unter Geschireben | 4 Kommentare

Post aus der praktischen Kritik

von Lisa Thomas
Teil I

Wir verweisen auf die Konferenz „Thinking about struggle“ am 19.11.2016 in Wittenberg, wo die Autorin über dieses Thema sprechen wird.
https://www.facebook.com/events/1075215259258728/

Das gemeinsame Interesse, das eine Anarchistin und Kommunistin, als die ich mich begreife, mit einem Menschen hat, der von einem Land in ein anderes geflohen, und also illegal eingereist ist, liegt in dessen Forderung auf Asyl. Wenn ohne weitere Umstände und bedingungslos jeder den Pass erhielte, den er aus welchen Gründen auch immer gerne hätte, so wären der Pass, der Staat, heißt alle Pässe, Staaten und Nationalitäten überflüssig. Denn wenn niemand von Bürgerrechten ausgeschlossen wäre, so bräuchte es auch keinen Ausweis derjenigen, denen diese Rechte zugestanden würden. Dies wäre nur denkbar in einer Welt, in der nicht in kapitalistischer Produktionsweise – also unter der Trennung von Produktionsmittel und Arbeitskraft – produziert würde und wenn es so wäre, dass endlich „alle kriegen, was sie brauchen“ (1). Denn erst mit der kapitalistischen Produktionsweise, die im stetigen Wandel ist, ging peu à peu das einher, was, ebensowenig unveränderlich wie auch die Voraussetzung für diese Produktionsweise auf Dauer ist: Rechtssysteme in Nationalstaaten organisiert, damit Partizipation und Ausschluß an dem, was zuweilen unter mittelbarem wie auch unmittelbarem Zwang produziert wird, qua Staatsgewalt geregelt und „gesichert“, an Grenzen (und nicht nur dort) blutig gesichert, werden kann. Daher betrachte ich alle „Arbeit mit Flüchtlingen“ als eine Arbeit daran, Grenzen zu Fall zu bringen in der Perspektive auf eine weltweite anarchistisch-kommunistische Revolution. Um den Refugee- Congress in München 2013, fanden Refugees selbst folgende Worte dazu:

The refugee should be considered for what he is, that is, nothing less than a border concept that radically calls into question the principles of the nation-state and, at the same time, helps clear the field for a no-longer-delayable renewal of categories. In the meantime, the phenomenon of so-called illegal immigration into the countries of the European Community has assumed (and will increasingly assume in coming years, with a foreseen 20 million immigrants from the countries of central Europe) features and proportions such as to fully justify this revolution in perspective. (2)

Und auch wenn jemand hier die deutsche Staatsangehörigkeit erhält (3), der sich selbst nicht als Anarchist und Kommunist diesem Sinne nach versteht, der also auch wahrscheinlich die Worte oben gar nicht dafür finden würde, um zu beschreiben, wie die Welt besser einzurichten wäre – dass sie nicht gut eingerichtet ist, so darf ich unterstellen, weiß er qua Fluchtgrund und -weg – so ist, denke ich, dem oben Beschriebenen ein Schritt näher gekommen, denn Anarchismus und Kommunismus bedeuten in erster Linie Solidarität. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Post aus der praktischen Kritik