Notizen zu „Great Again“ – Vortrag von M. Klaue und U. Krug in Halle

Den folgenden Beitrag erhielten wir von einem Zuhörer der Vortragsveranstaltung vom Juni diesen Jahres. Es erscheint uns hilfreich, ihn zu veröffentlichen, um zu einer Diskussion über den auf Veranstaltungen dieser Art regelmässig vorgetragenen Unsinn beizutragen, und zwar jenseits des Miieus, das solche Vorträge regelmässig besucht und in den anschliessenden rituellen Diskussionen den Unsinn rituell bestätigt. Von diesem ist offenbar nicht mehr zu erwarten, aus eigener Kraft aus seiner Spirale des grösser werdenden Unsinns auszubrechen.

Die AG Antifa lädt zum Vortrag “Great Again – Antiamerikanismus im Zeitalter Donald Trumps” – und heraus kommt ein Medley aus neokonservativer Leugnung des Klimawandels, Forderungen nach härterem Grenzschutz und linksnationalistisch angehauchten Überlegungen zur Wirtschaftspolitik. So durcheinander die Themenauswahl, so unsortiert auch diese Anmerkungen. Also hinein! (Kursiv gesetzt sind sinngemäß von Krug und Klaue übernommene Passagen.)

– Eine kurze Anmerkung zum Argumentationsstil: Diese rein assoziativen Argumentationen scheinen mir immer nicht sehr überzeugend. Aus dem Gleichklang vom Klimaleugner mit dem Holocaustleugner kann man kaum herauslesen, dass der Klimawandel in Deutschland den Holocaust als große Menschheitskatastrophe abgelöst hat. Und dass es vor dem Klima (im Sinne von Wetter und so) den Begriff des Betriebsklimas gab, der heutzutage allerdings verschwunden sei, ist keine so deepe Erkenntnis, wie Magnus Klaue zu meinen scheint. Das ist doch alles etwas zu nah dran an der eigenartigen Sprachmagie der Postmodernen.

– Überhaupt, der Klimawandel. Anscheinend alles deutsche Ideologie, auch wenn man das so deutlich dann doch nicht sagen möchte. Stattdessen ganz ergebnisoffene Nachfragen, Anmerkungen: dass das Klima ein überaus komplexes System sei, dass es niemals statisch gewesen sei, dass ein menschlicher Einfluss wirklich eindeutig nie nachgewiesen werden könne. Dass man außerdem ja gar nicht wissen könne, ob der Klimawandel, so er denn überhaupt existiert und so er denn überhaupt menschengemacht sei, wirklich zur großen Katastrophe führen werde. Und so, nachdem man den realen Klimawandel aus der Gleichung gestrichen hat, bleibt der Klimaschutz als deutsche Ideologie: der Hinweis auf den Klimawandel soll eben nicht nur den Holocaust vergessen machen, er soll auch den islamischen Terrorismus als größte Menschheitsgefahr relativieren, überhaupt: Klimaschutz und Islamismus gleichen sich in ihrer Verachtung für das einzelne Leben.

– Zur Kernthese des Abends, wie sie im Ankündigungstext schon, nun ja, angekündigt wurde: die Verteidigung der “Grenzen, die einen Raum möglichst angst- und gewaltfreien gesellschaftlichen Verkehrs sichern und definieren”. Grenzen und deren Kontrolle, soweit wird man mitgehen können, sind ein Bestandteil staatlicher Souveränität. Deren Grundprinzip ist – zumindest in ihrer bürgerlichen Variante – der Schutz aller ihrer Bürger. 2015 allerdings, also mit der Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge, habe Angela Merkel dieses Grundprinzip bürgerlicher Nationalstaatlichkeit tendenziell aufgehoben; sie habe damit die Sicherheit ihrer Bürger in Gefahr gebracht (!) und, so möchte man ein wenig überspitzen, die Sache der Barbarei ein Stück vorangetrieben. Spannend an dieser Argumentation: die Flüchtlingsbewegung nach Europa ist a priori eine Gefahr für die europäischen Bürger, überhaupt kommt die Gefahr von außen – sofern der Staat seine Grenzen nicht ordentlich schützt. Und: die staatliche Setzung, nach der das Leben der Staatsbürger wichtiger ist als das Leben von Nichtstaatsbürgern, wird umstandslos übernommen. Nur so kann eine – weitgehend schwammige, hypothetische – Gefahr für die Sicherheit innerhalb der europäischen Grenzen als Begründung herhalten, außerhalb tausende ersaufen zu lassen – ganz konkret und für jeden sichtbar. Aber schlussendlich ist das schon alles irgendwie OK, schließlich kommt ein ordentlicher Grenzschutz auch den Flüchtlingen zugute; die relative Freundlichkeit, die ihnen in den USA entgegenschlägt beruht schließlich darauf, dass sie nach nationalem Interesse selektiert wurden.

– Welch abgrundtiefe Versäumnisse in der Staatskritik, die sich da auftun. Die teilweise Verteidigung bürgerlicher Staatlichkeit war einst gegen jene gerichtet, die keinen Unterschied mehr erkennen wollten zur nationalsozialistischen Barbarei. Vernachlässigt wurde dabei von vielen die Frage nach dem Zusammenhang von (bürgerlicher) Staatlichkeit und nationalsozialistischem Unstaat, zwischen Normalzustand und Ausnahemzustand. Der Ausnahmezustand wurde aus dem bürgerlichen Staat hinausverlagert, erst durch die Exkommunikation Deutschlands aus der bürgerlichen Gesellschaft, dann durch denVerweis auf den Islam – in dem ja bekanntlich die Dialektik der Aufklärung immer schon suspendiert sei. Nur so können Sätze zustande kommen, wie der, dass der Zweite Weltkrieg nicht von “Nation und Grenzen”, sondern vom “paranoiden Antisemitismus” ausgelöst worden sei – ohne zu fragen, ob vielleicht “Nation und Grenzen” irgendetwas mit diesem “paranoiden Antisemitismus” zum tun haben könnten. Und nur so kann man ignorieren, dass an Europas Außengrenzen tagtäglich der Ausnahmezustand herrscht, dass die Illusion des Normalzustands innerhalb der Grenzen geradezu darauf basiert. Und auch diese neue Floskel, der Nationalsozialismus sei antinational gewesen. Die Logik scheint einwandfrei: wenn Grundprinzip von Staatlichkeit ist, all seine Bürger zu schützen, dann war der Nationalsozialismus kein Staat, denn er hat ja einen bedeutenden Teil seiner Bürger entrechtet,verfolgt, ermordet. Nur: der Staat beschützt natürlich nie alle seine Bürger. Und: der Staat kann grundlegend selbst definieren, wer seine Staatsbürger sind. Es ist wie mit der Rechtsstaatlichkeit: es ist durchaus ehrenwert und im Zweifelsfall durchaus angenehm, dass der Staat sich selbst gewisse Regeln auferlegt und verspricht, sich an diese zu halten. Nur: wenn er das nicht mehr möchte, wer sollte ihn daran hindern. Vielleicht sollte man sich mal wieder mit Themen wie dem Gewaltmonopol und ähnlichem beschäftigen.

– Der Fairness halber sei angemerkt: Klaue und Krug haben überhaupt nichts gegen alle Flüchtlinge. Sie bevorzugen nur diejenigen, die sich aus freier Entscheidung, aus einem vernünftigen Entschluss auf ein schöneres Leben auf den Weg gemacht haben; das also, was der Volksmund gehässig als Wirtschaftsflüchtlinge abwertet. Wen sie nicht mögen, sind vor allem islamische Flüchtlinge, weil die sich immer so als Opfer gerieren. Interessant ist: die beiden übernehmen unbesehen die Aufteilung des deutschen Mainstreamdiskurses in egoistische “Wirtschaftsflüchtlinge” bzw. “Vernunftmigranten” und von den Verhältnissen getriebene, quasi willenlose Kriegs- und politische Flüchtlinge. Dass auch der Beschluss, aus einem Kriegsland bzw. vor politischer Verfolgung zu fliehen, zum Teil eine bewusste Entscheidung für ein besseres Leben ist, kommt ihnen ebensowenig in den Sinn, wie ihnen der “stumme Zwang” der auch wirtschaftlichen Verhältnisse noch ein Begriff zu sein scheint.

– Die Strömung, die jahrelang die neoliberale “Reformagenda” zum Umerziehungsprogramm gegen den Staatsfetischismus umgelogen hat, entdeckt jetzt plötzlich das arme, abgehängte (weiße) Proletariat wieder – und zwar dort, wo alle Pauschalisierungen zutreffen, die Antideutsche jahrelang über Proletariat und soziale Proteste getroffen haben: bei Trump und Brexit. Da hat man tatsächlich mal politische Strömungen, die nationalistisch, protektionistisch und antisemitisch gegen den “Globalismus” vorgehen, die die (Wieder-)Eingliederung des Proletariats in die kapitalistische Verwertung über den Nationalstaat vorantreiben wollen und im Gegenzug das Kapital in die Pflicht nehmen wollen, wieder produktiv zu sein, und zwar in seinem “Heimatland”. Und bei Krug wird das ganze zum unterstützenswerten Widerstand gegen die “Emanzipation des Kapitals vom Proletariat”, bei Klaue gerät Trumps “ökonomischer Pragmatismus” gar zum “Residuum des Fortschritts”. Da hilft es nicht viel, dass Krug tatsächlich die ökonomische Vorherrschaft Deutschlands in der EU ganz gut beschreiben kann, wenn dann als Widerstand dagegen der nationalistische Protektionismus hochgehalten wird. Aber: wenn das deutsche Austeritätsregime fällt, dann wegen Trump.

– Das ganze ist im Übrigen geprägt von etwas, was man eigentlich wirklich nur noch als Eurozentrismus bezeichnen kann (oder Westozentrismus? Gibts dafür schon ein Wort, was ich nicht kenne?). Teilweise ganz offen, in der Verteidigung unserer kleinen Inseln der Glückseligkeit, in denen – nochmal – “Grenzen […] einen Raum möglichst angst- und gewaltfreien gesellschaftlichen Verkehrs sichern und definieren”, der zu verteidigen ist gegen die weniger glückseligen da draußen, die vielleicht auch angst- und gewaltfreien gesellschaftlichen Verkehr genießen wollen. Etwas subtiler kommt das ganze in der Kritik an der “Klimaschutzideologie” zum Vorschein. Wer Klimaschutz und Islamismus in ihrer Verachtung fürs einzelne Leben gleichsetzt muss ignorieren, dass der Klimawandel bereits jetzt massenweise “einzelne Leben” zerstört. Und wer die Frage stellt, ob der Klimawandel wirklich je zur großen Katastrophe führt, schließt die Augen davor, dass in weiten Teilen der Welt die große Katastrophe in Form von Trockenheit und Überflutung schon längst da ist. Aber eben nicht in Europa, zumindest nicht für Berliner Zeitschriftenredakteure.

– Die ganze Übung hieß ja nun “Great Again – Antiamerikanismus im Zeitalter Donald Trumps”. Und ja, der schlechte alte Antiamerikanismus hassfreut sich natürlich ohne Ende über Donald Trump, findet seine ganzen Ressentiments in dieser einen Person bestätigt. Da ist ein kulturloser, grober Medienheini, der aufs Weltklima scheißt, solange er seine Kohleindustrie behalten kann; rassistisch ist er auch noch, und wirtschaftlich predigt er einen rücksichtslosen nationalen Egoismus – America first eben. Und ja, die Deutschen fühlen sich gerade moralisch besser, als die großen Umweltschützer, die großen Flüchtlingsretter, die Verteidiger des freien Welthandels gegen den nationalen Protektionismus. Das alles erfordert eine grundlegende Kritik, die vermutlich bei der Verlogenheit der ganzen Geschichte anfangen könnte – die große Autonation Deutschland, mitten in einer EU von Absatzmärkten und Flüchtlingspuffern sitzend, erklärt dem Rest der Welt Umweltschutz und Flüchtlingshilfe. Was das alles nicht erfordert, sind Ideologiekritiker, die in schlecht postmoderner Manier die Verlogenheit der einen Seite erkennen und sich trotzig auf die andere Seite zurückziehen; die also all das, was Donald Trump von den Deutschen so verlogen vorgeworfen wird, jetzt einfach umdeuten ins positive: nationale Abschottung als “Residuum des Fortschritts”, “Grenzen retten Leben”, Ablehnung des Klimaschutzes als Bewahrung menschlicher Handlungsfähigkeit.

Veröffentlicht unter Geschireben | Ein Kommentar

Neue Überschrift über der Kommentarfunktion

Halle. Völlig überraschend hat das Grosse Thier die Überschrift über die Kommentafunktion seines Blogs verändert. Statt „Nichts, dass es uns interessierte…“ werden Freundinnen und Freunde des kultivierten Gedankenaustauschs jetzt mit dem neutraleren „Discuss.“ begrüsst, das die aus Unsicherheit gespeiste demonstrative Arroganz viel stärker kaschiert. Erste Reaktionen waren positiv etc.

Veröffentlicht unter Geschireben | 3 Kommentare

Grosse Thier-Autoren tragen vor: Nächster Theil

Diesmal: Daniel Kulla.

Vortrag & Buchvorstellung
mit Magui López & Daniel Kulla

05.08. – TU Berlin/Cafe A – 19 Uhr
Straße des 17. Juni 152 – 10623 Berlin

20.08. – FAU-Lokal – 19 Uhr
Grüntaler Straße 24 | 13357 Berlin

Als Argentiniens Wirtschaft 2001 zusammenbrach, führten Tausende Werktätige Betriebe in eigener Verwaltung weiter. Heute gibt es mehrere Hundert solcher Betriebe in Argentinien, zum Teil von der Regierung kooptiert, zum anderen Teil aber weiterhin im Aufstand.

Rest der Ankündigungb

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Grosse Thier-Autoren tragen vor: Nächster Theil

Ein paar Fragen zu Syrisch-Kurdistan

Es ist jetzt ein paar Jahre her seit der Schlacht um Kobane. Die syrisch-kurdischen Milizen der YPG, mit direkter Unterstützung durch die USA, haben es bis heute geschafft, die Stellungen zu halten und das Gebiet der sogenannten Selbstverwaltung beträchtlich auszudehnen. Ausser dem Kanton Afrin, weit im Westen, in Sichtweite des Mittelmeers und in den Bergen direkt über Aleppo, sind die vorwiegend kurdischsprachigen Gebiete Nord-Syriens zu einer zusammenhängenden Entität vereint; die Isolation von Afrin ist Ergebnis der türkischen Intervention und der russisch-amerikanischen Verständigung über die Aufteilung der von ISIS zurückeroberten Gebiete nach dem Fall Aleppos.

Wir werden auf den Fall Aleppos vielleicht noch zu sprechen kommen.

1. Zunächste sollte man einen Moment darüber nachdenken, dass ausserhalb der Türkei die Milizen der YPG fast überall nur Freunde haben. Der Enthusiasmus für die YPG greift weit über alle Parteigrenzen. Selbst innerhalb der radikalen Linken können sich fast alle darauf einigen, selbst solche, die sich vor 10 Jahren noch wegen „Palästina“ auf die Fresse gehauen haben. Wie schön, dass jetzt alle wieder einig sind! Das ist doch eine gute Arbeitsgrundlage für die Zukunft.

Mit zum neuen linken Konsens für Rojava gehören ausser den Antideutschen und den sogenannten „Antiimperialisten“ auch Barack W. Obama und sein Nachfolger; das ist nachvollziehbar, denn Obama war in jungen Jahren auch ein Linker, wie man hört, und sein Nachfolger hat die Demokraten unterstützt. Die revolutionäre Sache Rojavas zieht sich also von der radikalen Linken bis weit in die Mitte. Noch eine gute Nachricht.

Mit von der Partie ist Putin, der immerhin auch einmal für eine „Kommunistische Partei“ gearbeitet hat, auch wenn er heute der Abgott der Rechten ist. Ausserdem scheint Assad nicht viel gegen die YPG zu haben, aber führt die Ba’th-Partei nicht auch den Sozialismus im Namen? Fragen an unsere anarchistischen Freunde. Wisst ihr, wessen Partei noch den Sozialismus im Namen führte? Unter den richtigen Antworten verlosen wir tolle Dinge.

Die YPG – oder nennen wir sie doch lieber beim Namen – die PKK hat Frauen-Bataillone! Das ist in der Tat revolutionär und etwas, was im Mittleren Osten ausserhalb der israelischen Armee unerhört ist. Und, wenn man in all dem Elend zwanghaft etwas gutes finden will, ist das sicher eine Sache, die dem Mittleren Osten nicht schaden wird. Im Gegenteil ist die Bewaffnung der Frauen in jeder Hinsicht die erste Bedingung jeder Art von Befreiung, und die Frauen der Ägyptischen Revolution wussten das sehr gut.

Der Dear Leader der PKK hat ausserdem den Soft-Anarchisten Bookchin gelesen und viel davon in seine Schriften eingeflochten. Das ist erst einmal gut und nicht schlecht. Dass sein Verein nach wie vor wie eine Psychosekte geführt wird, lässt sich dadurch schwer ändern. Sogar wenn der Alte es wollte, liesse es sich schlecht ändern. Eine hierarchische Organisation, deren grosser Vorsitzender zu jedem Thema als Autorität angeführt werden kann, lädt jede ihrer Fraktionen zu dieser Art von Verhalten nur ein. Wie so etwas heilbar wäre, das ist eine Frage, die man nicht uns stellen sollte. Unsere Antwort wäre nur, Organisationen dieser Art aufzulösen.

Dass dem grossen Vorsitzenden zuweilen auch echte Erkenntnisse kommen, wie folgende:

Die Juden gehören zu den Kulturträgern des Mittleren Ostens.
Die Verweigerung ihres Existenzrechts ist ein Angriff auf den
Mittleren Osten als solchen.

(S.44 im Grossen Buch)
ist für einen alten Anti-Zionisten wie ihn in der Tat etwas neues, und es ist in der Tat erfrischend. Von den grossen Männern aller an Lenin orientierten „Parteien“ des Mittleren Ostens erinnern wir uns, nur von Jalal Talabani solche Worte gehört zu haben. Die jüdische Präsenz im Mittleren Osten ist legitim, und zwar in Begriffen des Mittleren Ostens selbst. Ein Angriff auf die jüdische Präsenz im Mittleren Osten ist ein Angriff auf den Mittleren Osten insgesamt.

Er hätte nun zwar durchaus noch dazu sagen können, dass die meisten Juden, die aus Ländern des Mittleren Ostens stammen, heute in Israel leben, dass sie dorthin vertrieben worden sind, und zwar von Sympathisanten des deutschen Nationalsozialismus, vor dem auch der grösste Teil der überlebenden europäischen Judenheit nach Israel geflohen ist. Er hätte auch erwähnen können, dass die mizraihischen Juden in Israel bis heute die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung des alten Madantsgebiets Palästina stellen. Wenn er wirklich der mittelöstliche Patriot wäre, der er sein will, hätte er sich sogar zu der These versteigen können, dass Israel im Grunde ein arabischer Staat ist. Zwei Drittel seiner Bürger stammen aus dem Mittlere Osten, etwa die Hälfte seiner jüdischen Bürger aus arabischen Ländern.

Wenn man das gesagt hat, kann man jede Zündelei an den israelischen Grenzen, jede gewaltsame Intifada, jede Kriegsdrohung, sogar den wirtschaftlichen Boykott gegen Israel nur als einen gewalttätigen Akt gegen den Mittleren Osten insgesamt ansehen. In der Tat tun wir das. Gehe ich zu weit in der Interpretation? Jeder Akt, der gegen die Normalisierung gerichtet ist, ist ein aggressiver Akt.

2. Diese schönen Dinge liessen sich alle zwanglos erschliessen aus den Worten des grossen Vorsitzenden. Macht das ihn und seine Organisation gut, oder, für die andere Seite, schlecht? Er legt sich wenig fest, schafft es, sich Bündnisoptionen offen zu halten, sein Verein wird sowohl von den USA als auch von Russland unterstützt, und vielleicht nicht nur von diesen. Und dabei noch mit dem Image des einzigen revolutionären Projekts im auseinandergefallenen Syrien.

Anscheinend sogar mit demselben Appeal, der der spanische Bürgerkrieg damals für die internationale Linke hatte. Anarchisten für die YPG, Internationale Freiwillige für marxistisch-leninistische Gruppen, es scheint, als wäre gerade die kurdische Revolution in Rojava das Ding unserer Zeit, unsere Revolution, unser Spanischer Bürgerkrieg. Es lohnt sich zu erinnern, dass der Spanische Bürgerkrieg das Ende einer revolutionären Epoche markiert und nicht den Anfang; und dass die Revolution zu Ende gebracht worden ist unter anderem durch das Eingreifen jener, die sich auf Lenin beriefen. Falls der radikalen Linken das Bewusstsein ihrer Geschichte so sehr mangelt, wie es den Anschein hat, wäre es vielleicht sogar angezeigt, sich das Geschichtsbewusstesein des Klassenfeindes genau anzusehen.

Just like Franco in Spain, who rolled into Madrid: der buchstäblich erste, der 2011 „Spanischer Bürgerkrieg“ geschrien hat, war Ghaddhafi, und zwar in der damals berühmten „Zenga Zenga“-Rede. Die jungen Leute kennen das alles gar nicht mehr.

Faszinierende Rede. Die musikalische Untermalung, mit der sie zum Meme aufstieg, stammt von einem tunesisch-stämmigen israelischen Techno-Menschen, und die arabische Jugend fand es grossartig. Das hat Gründe. Die Ironie der Musik macht die brutale Drohung, dem inneren Feind nachzusteigen „von Haus zu Haus, Gasse zu Gasse, zenga zenga“ ein bisschen milder. Was sie auch milder machte, war, das Ghaddhafi es nicht geschafft hat. Diesmal intervenierte der Westen, gegen die Möglichkeit, dass ein Franco-Nachfolder am Ende Giftgas gegen die Bevölkerung des Landes einsetzt. In Syrien intervenierte niemand.

Libyen sieht heute nicht besonders gut aus. Wenn Ghaddhafi gewonnen hätte, sähe es so aus wie Syrien heute. Die Linke, weder die staatstragende wie Sarah Wagenknecht, noch die sogenannte „radikale“, hat keinen Finger gerührt für die arabischen Revolutionen. Niemand hat. Die arabischen Monarchien haben bewaffnete Gruppen aufgebaut, der sogenannte Westen hat sich darauf beschränkt, in Libyen „einzugreifen“, um gleich danach irgenwelche neuen Räuber als Verbündete zu behandeln, aber die Linke hat in diesem Konflikt praktisch nichts zu sagen gewusst.

Die Ägyptische, die Tunesische und die Libyische Revolutionen beginnen mit der Arbeiterbewegung. In Ägypten kulminiert das ganze in einer drei Jahre dauernden Streikbewegung, die in Opposition zum verhassten islamistischen Präsidenten Mursi in der Erklärung des Austritts aus dem Staatsverband kulminiert.

Zu diesen Arbeiterbewegungen fällt der Linken nicht viel ein. Die meisten von uns haben noch nicht einmal davon gehört. Dafür wissen alle über die fürchterlich progressive Politik der PKK in Syrien Bescheid. Diese beiden Dinge widersprechen sich insoferne, als in Syrien die arabische Revolution, wie wir das für jetzt einmal nennen wollen, mit der kurdischen, in Konflikt liegt. Und die Meinung der Weltöffentlichkeit, von der die Linke nur eine Abteilung ist, neigt einseitig der „kurdischen“ Seite zu und hat die arabische Revolution völlig im Stich gelassen. Das ist eigentlich überraschend; sehen wir und doch kurz an, was da so parteiübergreifend gesagt und verschwiegen wird.

3. Es ist zum Beispiel überraschend, dass der Bericht der linken amerikanischen Zeitschrift The Nation über Kriegsverbrechen der PKK so überhaupt keine Resonanz gefunden hat. Ich schlage vor, dass man den einmal liest.

Wir fangen noch gar nicht mit den Übergriffen gegen die politische Opposition an, sondern mit etwas, das die Reste der pro-palästinensischen Linken eigentlich unversöhnlich erzürnen sollte.

Asked about the SNHR list of 26 completely destroyed villages, 40 partially destroyed villages, and 48 more emptied of all inhabitants in Hasakah alone, Dibo said it’s not the mandate of the PYD to investigate such violations. “Again I confirm that such things never happened,” he said.

In Hassakah leben 1,4 Mio. Menschen. In ganz Rojava leben 4,6 Millionen. Rechnen wir die 114 entvölkerten arabischen Dörfer einmal auf die Gesamgrösse von Rojava hoch, dann erhalten wir 375.

Das entpricht in guter Näherung der sogenannten „Nakbah“. Und die Zahlen sind aus der Zeit, ehe die PKK Raqqah erobert hat. Es wäre verrückt, wenn sie nicht mittlerweile viel höher wären.

Around 400 Arab towns and villages were depopulated during the 1948 Palestinian exodus.

Das geht der PKK so einfach durch, ohne jede Diskussion unter ihren westlichen Ünterstützern. Leute, die ernsthaft glauben, die Einmischung der amerikanischen Luftwaffe hätte die Massenflucht verursacht (eine Wahnidee, die nur Leuten kommen kann, denen es prinzipiell eigentlich scheissegal ist, was in Syrien passiert), dieselben Leute werden natürlich nicht mehr fragen, was denn z.B. Assad und die PKK damit zu tun haben könnte. Und sie werden nie auf die Idee kommen, dass genau das die lexikale Definition von Antisemitismus ist: Dinge, die an der kurdischen Staatsgründung niemandem auffallen oder die als unvermeidliche, wenn auch bedauerliche militärische Notwendigkeit abgetan werden, gelten  bei der jüdischen Staatsgründung dagegen als singuläre Verbrechen, die zum inneren Kern der israelischen Staatlichkeit gerechnet werden.

Wir wollen dies keineswegs als Argument gegen die kurdische Befreiungsbewegung verstanden wissen, wie dies die kompromissloseren unter den Antizionisten tun. Kurdistan als ein „zweites Israel“ in der Region, das ist heute eine Propaganalinie des iranischen Regimes, so wie es früher eine der iraqischen Ba’th gewesen ist. Im Gegenteil ist die Befreiung der Kurden vom arabischen Nationalismus wahrscheinlich die erste Bedingung der Befreiung der Araber vom arabischen Nationalismus.

Diese Befreiung ist allerdings ernsthaft dadurch gefährdet, dass die Anführer der kurdischen Revolution sich in eine Position bringen lassen, in denen sie mit den Feinden der arabischen Revolution gemeinsame Sache machen. Betrachten wir weiter den erstaunlichen Bericht von „The Nation“.

Kurds and Arabs alike say the expulsions are best understood by looking at the PYD’s relationship with the Assad regime. They say the expulsions were not ethnically but politically motivated, directed against the anti-Assad political opposition. Indeed, former residents said YPG Asayish, or military police, after capturing villages from ISIS, arrived with lists of regime opponents whom they then arrested.

The YPG calls itself a sworn enemy of ISIS, and indeed the two have fought ferocious battles against each other. But the two groups have often worked in tandem against moderate rebel groups. In several notable instances, for example in Tel Hamis and Husseiniya in Hasakah province, the YPG fought in 2013 to oust moderate rebels of the Free Syrian Army but failed. Islamic State fighters moved in with their suicide bomb units, captured the towns, and in 2015 handed them over to the YPG without a fight.

At a meeting in March 2011 with PKK leaders in Damascus, national security aides assigned the PKK the role of suppressing anti-Assad protests in Hasakah province, according to Mahmud al-Naser, who at the time was a top regime intelligence official in Hasakah province. “The message to the PKK was this: ‘We established you. We supported you from 1983. Now it’s your turn to do something for us.’” (He was referring to the founding of the Syrian branch of the PKK in Damascus under the patronage of Syrian intelligence. Naser said the regime of Hafez al-Assad, Bashar’s father, often encouraged the Syrian branch to carry out guerrilla operations as a proxy force against Turkey).
The Kurdish party closest to the protests was the Future Party, led by Mish’al al-Tammu, a charismatic agricultural engineer.

Tammu and other Kurds opposed to the Assad regime quickly became the first target in the YPG crackdown. There were mass arrests and assassinations of leaders—first Tammu, killed in October 2011; then Mahmud Wali in September 2012 and Ahmad Bunjak in September 2013.
“Certainly the PYD was operating under orders from the regime,” said Ibrahim Hussein, the Kurdish judge. Many regime opponents, all said to be on lists of those wanted by the government, were “disappeared” and never seen again, according to Hussein, and others were arrested or expelled.

Und so weiter. Ausserdem noch ein paar Einzelheiten zur Finanzierung und Steuerung der PKK-Operationen durch den Iran und Qassim Soleimani.

The expulsions and destruction of villages that began in early 2014 followed a surprising pattern of seeming collaboration between the YPG, ISIS, and the Assad regime with the purpose of expelling moderate rebel forces from key border crossings and major cities across the region. Again and again, in towns where the YPG lacked the manpower or weapons to dislodge the rebels, ISIS forces arrived unexpectedly with their corps of suicide bombers, seized the territory, and later handed it over to the YPG without a fight. Afterward the YPG expelled the Arab residents.

Und schliesslich die Rolle der PKK beim Fall von Aleppo.

The YPG’s collaboration with the Assad regime extends to recently active battlefronts. An example is Aleppo, where YPG forces in the suburban neighborhood of Sheikh Maksud attacked the last supply route into the rebel-held eastern sector last July, helping the Assad regime close the road and complete the siege, leading to its collapse in December.

Und es gibt noch mehr dazu. Das ist alles ziemlich heftig. Trotzdem machen Antifagruppen „Kurdistanabende für Rojava“, und Anarchisten schwärmen für die Selbstverwaltung (von den politischen Gefangenen in Rojava will man nichts hören); Antideutschen imponieren die Frauenbataillone, und sogenannten „Antiimperialisten“ imponieren die Frauenbataillone. Es ist alles perfekt, und niemand stellt mehr Fragen. Völlig untergepflügt wird bei alle dem, wer die syrische Revolution angefangen hat, und aus welchen Gründen. Es interessiert nicht, jetzt, wo das neue Vaterland der Werktätigen errichtet wird, mit Hilfe des Imperialismus und der Theokratie.

Also, Freunde, so leid es mir tut, aber eure Begeisterung für Rojava, das ist etwas, über das wir noch einmal werden reden müssen. OK, nehmen wir an, es wäre wirklich etwas wie der spanische Bürgerkrieg. Aber war da nicht auch etwas?

Jörg Finkenberger

Veröffentlicht unter Geschireben | Ein Kommentar

Termine zum Roma Genocide Remembrance Day

Folgende Ankündigung erreich tuns, die wir gerne weitergeben:

2 AUGUST ROMA GENOCIDE REMEMBRANCE DAY – KUNDGEBUNG UND ERÖFFNUNG VON ZWEI AUSSTELLUNGEN ZUR SITUATION ABGESCHOBENER ROMA IN DEN WESTBALKANSTAATEN

Am 02. August 2017 findet die Eröffnung der Ausstellungen „Zur Situation abgeschobener Roma in Westbalkanstaaten“(Roma Antidiscrimination Network) und „Inside Abschiebelager“ (Bayerischer Flüchtlingsrat) im ehemaligen Gefängnis Klapperfeld, Frankfurt/Main sowie eine Kundgebung des Fördervereins Roma anlässlich des Roma Genocide Remembrance statt.

Flyer_InsideAbschiebelager_SituationWestbalkan_Klapperfeld

Im Zuge diverser Asylrechtsverschärfungen in Deutschland in den letzten Jahren wurden die Westbalkanstaaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt. Damit werden die unhaltbaren Lebensbedingungen für Rom*nja in Südosteuropa, alltägliche Diskriminierung und Ausgrenzung ausgeblendet – Asylgesuche werden in der Regel in Schnellverfahren als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt. Was eine Abschiebung für die Betroffenen bedeutet, bleibt für die hiesige Öffentlichkeit in der Regel unsichtbar.

Anhand von Fotos, Interviewpassagen und Filmmaterial zeigt die Ausstellung die Situation von aus Deutschland abgeschobenen Rom*nja in den vermeintlich sicheren Westbalkanstaaten.

Mit dem 02. August wurde der Roma Genocide Remembrance Day als Datum für die Eröffnung der Ausstellungen gewählt. In einem unvergleichbaren Akt wurden am 2.8.1944 2800 Roma und Sinti bei der Auflösung des „Zigeunerlagers“ Auschwitz ermordet. Diese Aktion bildete gleichsam die Spitze der Erfassung, Verfolgung und Vernichtung der Roma und Sinti während des Nationalsozialismus. Bereits in den 30er Jahren wurden in enger Kooperation zwischen dem „rassehygienischen Institut“ des Reichssicherheitshauptamtes, verschiedenen Kriminalämtern sowie städtischen und kirchlichen Einrichtungen alle Roma und Sinti in Deutschland erfasst, vermessen, in Lagern inhaftiert und schließlich in Vernichtungslager deportiert. Etwa eine halbe Million Roma und Sinti wurden ermordet.

2. August 2017, 18.00 Uhr Kundgebung – Roma Genocide Remembrance Day – Fördervereins Roma in Kooperation mit der Initiative »Faites votre jeu!« , Braubachstraße 18-22, Geschäftsstelle des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, ehemaliges Stadtgesundheitsamt, Frankfurt am Main

19.00 Uhr Eröffnung der Ausstellungen „Zur Situation abgeschobener Roma in Westbalkanstaaten“ des Roma Antidiscrimination Network /Initiative „alle bleiben!“ Flüchtlingsrat Bremen und „Inside Abschiebelager“ des Bayerischen Flüchtlingsrates im ehemaligen Gefängnis Klapperfeld, Klapperfeldstraße 5, Frankfurt am Main

Roma Antidiscrimination Network RAN
Roma-Center Göttingen e.V.
Am Leinekanal 4
37073 Göttingen
T: 0551-388 7633
www.ran.eu.com
www.roma-center.de

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Termine zum Roma Genocide Remembrance Day

Grosse Thier-Autoren tragen vor: Teil soundso

Diesmal: Jörg Finkenberger – Do 28.09.2017 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Ein Riss ist in der Welt
Über Romantik und Revolution

Die Romantik, die erste moderne Avantgardebewegung, gilt zu Unrecht als prinzipiell rückwärtsgewandt. In den Ländern, in denen sie zuerst entsteht, Deutschland und England, kann sie viel genauer beschrieben werden, wenn man sie unter dem Blickwinkel ihrer kritischen Sympathie mit der französischen Revolution betrachtet, auf derem Höhepunkt sie entsteht.

Rest des Ankündigungstextes
Beachten Sie bitte auch den Rest des Vortragsprogramms!

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Grosse Thier-Autoren tragen vor: Teil soundso

Wie kommt es eigentlich…

… dass das Interesse an den neueren Beiträgen, soweit es unsere Zugriffszahlen betrifft, sich ganz klar trennen lässt in eines, das sich auf die meisten Beiträge bezieht, und ein etwas grösseres, das sich alleine um den Artikel über die sogenannte Islam-Kritik dreht?

Wie kommt es, das so ein Zeug so viele Leute überhaupt interessiert? Was ist mit einer Szene los, die so etwas überhaupt liest?

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Wie kommt es eigentlich…

Weitere Ankündigungen: Polizeiintrige

Aus aktuellem Anlass kündigen wir fürs nächste oder übernächste Heft eine kleine Untersuchung an: Kalkül und Chaos, Polizei-Intrige oder Überforderung als Element der öffentlichen Willensbildung anhand „Moabit“ „Heidenau“, „Köln“ und „Hamburg“.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Weitere Ankündigungen: Polizeiintrige

Autokrise und deutsche Kartelle

Dass es sich bei der zum Vorschein gekommenen Struktur ausgerechnet um ein Kartell handelt, bringt ein paar Erinnerungen aus der deutschen Industriegeschichte zurück.

Engels schreibt über die Anfänge der deutschen Industrie:

Sobald eine Ausschreibung für Schienen oder andere Produkte ihrer Fabriken angesetzt ist, bestimmt das Komitee reihum, welchem Mitglied der Auftrag zufallen soll und zu welchem Preise es ihn akzeptieren muß. Die anderen Beteiligten machen Angebote zu einem höheren Preis, der ebenfalls im voraus abgesprochen worden ist. Dadurch, daß jede Konkurrenz aufhört, besteht ein absolutes Monopol. Das gleiche gilt für den Export. Um die Durchführung dieses Planes zu sichern, deponiert jedes Mitglied des Ringes zu Händen des Komitees einen Blankowechsel über 125.000 Francs, der in Umlauf gebracht und präsentiert wird, sobald der Unterzeichnete seinen Vertrag bricht. Der aus den deutschen Verbrauchern auf diese Weise herausgepreßte Monopolpreis ermöglicht es den Fabriken, ihren Produktionsüberschuß im Ausland zu Preisen abzusetzen, zu denen sich sogar die Engländer weigern, zu verkaufen – und der deutsche Philister (der es nebenbei gesagt verdient) muß die Zeche bezahlen. So wird der deutsche Export wieder möglich, dank der gleichen Schutzzölle, die ihn nach Meinung des breiten Publikums scheinbar zugrunde richten. …

Es geht natürlich weiter:

Es versteht sich von selbst, daß dieses schöne System den unvermeidlichen Bankrott dieser miteinander verschworenen großen Unternehmen nur einige Jahre hinauszögern kann. Solange, bis die anderen Industrien es ebenso machen; und dann werden sie nicht die ausländische Konkurrenz, sondern ihr eigenes Land ruinieren. Man kommt sich vor, als lebe man in einem Narrenlande…

In der Tat, aber es hat ja länger funktioniert als gedacht.

Über die Gründe dafür kann man z.B. die Textsammlung „Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus“ danach durchsehen, welche Rolle die Kartelle in Kriegswirtschaft und Nationalsozialismus, aber eben auch in der Weimarer Zeit dazwischen gespielt haben. Man ahnt, dass die jetzige Sache kaum in den 1990ern angefangen haben wird, sondern nichts geringeres als die instutionelle Absicherung der deutschen Orientierung auf den Weltmarkt seit 1871 ist.

Den in unserem Heft erschienen Text über die Autokrise, wo es heisst:

Zu einem gewissen anderen Teil zeigen die neuen Offenbarungen über deutsch eIngenieurskunst, dass die alte Tradition der Produktfälschung nicht ganz in Vergessenheit geraten ist. Die Wirkung dieser Enthüllungen auf die deutsche Industrie wird mittelfristig materiell so verheerend sein wie ideologisch. Staatlich protegierte Prellerei, das ist die Substanz der deutschen Industrie.

, möchte der Autor in dem einen Punkt modifiziert wissen, der im nächsten Heft etwas erläutert werden soll:

wird in diesem oder dem nächsten Jahr gewaltige Schockwellen in den weltmarktfähigsten Bereichen der Industrie geben.

Es zeigt sich, dass das erwartete Zusammenfallen solcher fortschreitender Enthüllungen mit einer zyklischen Konjunkturkrise, wo es weitgehende Löcher hätte reissen können, vorerst nicht entreten wird, wohl. Die erwartete zyklische Krise ging just in den Tagen der Abfassung dieses Artikels ihrem Ende entgegen und fiel unerwartet milde aus, was nichts anderes bedeutet, als dass sie mehr Stoff für die nächste lassen wird. Der hier abgezeichnete mögliche Krisenverlauf wird nicht eintreffen. Das heisst aber nur, dass die jetzigen Enthüllungen werden ihre Wirkung nicht schockhaft, sondern langfristig tun werden.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Autokrise und deutsche Kartelle

Zum Tarifeinheitsgesetz nochmal

2014 schrieb Vince O’Brien in diesem Heft:

Die Situation stellte sich dann hypothetisch so dar: eine Organisation, die es nur von Gnaden des Arbeitgebers gibt, schneidet den Arbeitnehmern den Zugang zu ihrem Grundrecht aus Art. 9 GG ab. Es sieht dann nicht mehr so aus wie das Eindringen eines machthungrigen kleinen Verbands in einen fremden Organisationsbereich, sondern wie die Gegenwehr von Arbeitnehmern gegen etwas, das man früher eine gelbe Gewerkschaft genannt hat.

Wie hängt das mit dem aktuellen Urteil des BVerfG zusammen? Das ist eine etwas längere Geschichte.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Zum Tarifeinheitsgesetz nochmal

Autokrise, Zwischenstand

Also die Sache mit den Abgaswerten hat sich nach einigen Verzögerungen als eine grosse Kartellangelegenheit gezeigt. Gut, oder? Einer der Leitsektoren des deutschen Kapitalismus hat ein gut laufendes Kartell am start, und niemand weiss, wie weit es erstreckt. Ausser, dass man es vermutlich doch ganz gut weiss, nämlich jedenfalls tiefer. Damit hat das, was mit diesen Abgasen begonnen hat, die Dimension einer Verfassungskrise der deutschen Wirtschaft angenommen. Glückwunsch! Auch an Herrn Elsässer und die seinen, die sich jetzt einiges werden ausdenken müssen, um das den Amis in die Schuhe zu schieben. – Die Einschläge kommen näher.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Autokrise, Zwischenstand

Wie Religionskritik nicht geht, Teil 1

Jörg Finkenberger

Felix Riedel, passenderweise, zeigt, wie man es nicht macht. Ich nehme das als Beispiel, weil ich keine Lust mehr habe, immer die komplett-irren herzunehmen, auch, weil ich glaube, dass man, was ich meine, bei Felix Riedel deutlicher aufzeigen kann. Felix Riedel gilt wohl überall als jemand guten Willens.

Irgendwie hat er sich, über diese unmögliche Jungle World, mal wieder in was gebracht, was man „Debatte“ nennt und was anscheinend für alle Beteiligten eine sehr wichtige, alle voranbringende Aktivität ist; nur dass diese Debatten niemanden voranbringen, seit Jahrzehnten immer identisch geführt werden, auf dem selben Fleck treten und dadurch einen Besitzstand von Argumenten schaffen, die schon allein durch ihr ehrwürdiges Alter Respekt erheischen, ohne dass jemand ihre Richtigkeit noch prüfen müsste.

Dumme Sache, das, also. Ziemlicher Totalschaden. Könnte man komplett ohne auskommen.

Und irgendwie, es ist ironisch, gibt Felix Riedel auf dieser Bühne die Rolle Thomas Mauls. Ironisch deswegen, weil sich zeigt, wieviel seine Argumentation eigentlich mit der des Bahamas-Kreises verbindet. Mehr, als er selbst gerne möchte, nehme ich an; die im Effekt mörderischen Konquenzen, die dort genauso leichthin in Kauf genommen werden wie das Opfer des eigenen Verstandes zugunsten der Hetzparole, sind ihm sicher so zuwider wie uns. Das macht ihn objektiv nicht zu ihrem Gegner, jedenfalls nicht zu einem, der eine konsistente Position zu vertreten hätte. Er bewegt sich im Gegenteil auf dem selben Boden, aber mit weniger Konsequenz, und mit weniger Aussicht auf Gefolgschaft ausser unter denen, die von Konsequenz selbst etwas zu befürchten hätten.

In dieser sogenannten „Debatte“ nun geht es irgendwie darum, wer eher Aussicht hat, selig, d.h. emanzipiert zu werden, der Christ oder der Muslim. Und das hat man doch irgendwo schon einmal gehört? Und das nimmt nun die Form an, welche Religion ist liberaler, säkularer:

Das Christentum ist anders als der Islam eine säkulare Religion.

Eine säkulare Religion ist nun allerdings ein Unding, wie Ludwig Feuerbach herausfinden musste, als er aus dem Christentum heraus als dessen Kritik eine säkulare Religion zu gründen unternahm. Wie man einen Satz: das Christentum ist eine säkulare Religion überhaupt hinschreiben kann, ist ein Rätsel. Das ist ungefähr das Niveau, auf dem in den Kreisen unserer heutigen Junghegelianer über Religion geredet wird. Eine säkulare Religion! Gütiger Gott.

Religion ist nicht „liberal“ oder „säkular“, wer Religionen danach misst, misst sie danach, wie wenig sie als Religion noch gelten. Geht es euch um den theologischen Gehalt einer Religion, ihren allgemeinen „menschlichen“ Inhalt, das heisst das unbegriffene Rätsel aller bisherigen Gesellschaft, das sich daran ausdrückt? Oder geht es euch darum, dass sie doch so ernst nicht gemeint sein soll, dass sie keineswegs mit dem Asnpruch auftreten soll, von Gesellschaft zu reden und Gesellschaft zu sein?

Was aber heißt „keineswegs illiberaler als das damalige Christentum“?
Das Abbassidenreich wird oft als goldenes Zeitalter des Islam bezeichnet. Hier nahm Wissenschaft vor allem der Medizin, Mathematik und Geographie Fahrt auf, einige der Wissenschaftler waren arabische Christen und Juden.
Aber während des gleichen Kalifats kam es im 9. Jahrhundert zum Zandsch-Sklavenaufstand im Irak. Männliche Sklaven wurden durchweg kastriert, die Sklavenjagden hörten nie auf.

Welche Sklavenjagden auch z.B. die sehr christliche Stadt Lübeck reich gemacht haben, die auf wendische Sklaven nämlich. Was für einen Beweiswert hat das alles? Und glaubt irgendjemand ernsthaft, das Christentum des 9. Jahrhunderts hätte sich als Religion sowenig ernst genommen wie das Christentum Margot Kässmanns?  Und wie repräsentativ ist, was ihr für das Christentum haltet, für das Christentum in Freudenstadt, oder dort, wo es eine wachsende und lebendige Religion ist, in Afrika und Amerika?

Ich könnte auch fragen: der Islam des Ibn Arabi enthält Weintrinken und ausserehelichen Geschlechtsverkehr, ist er darum „liberal“ oder „säkular“? Nein, denn er enthält das als religiöse Praxis. Die Idee, dass irgendeine Religion der letzten 10.000 Jahre darauf gewartet hätte, dass die Leute der 1970er kommen und sie an ihren Lebensgewohnheiten messen (das, nehme ich an, meint Felix Riedel mit „liberal“, und nicht Adam Smith) und bestätigen, ist wahnhaft. Waren die Orphiker „liberaler“ als die Mysterien von Eleusis? Die Ebioniten „liberaler“ als die Bewegung von Cluny? Die Ranters mehr als Cromwell? Wovon redet der Mann?

Der nach dem zweiten Kalifen benannte, von der Quellenkritik erst für das 10. Jahrhundert bestätigte Kodex Umar mit seinen Kleidungsvorschriften, Ghettoisierung der Juden und diskriminierenden inspirierte die Diskriminierungen des 4. Laterankonzil 1215 vor.

Diese Verhältnisse, einschliesslich des Rechtsstatus des sog. dhimmi, findet sich nun vielleicht nicht inspiriert, sondern direkt ausgeführt im Codex Theodosianus von 438. Überhaupt wird man finden, dass die Kalifen vieles, bis hin zu ihrer Titulatur, von den römischen Kaisern, vicegerentes Dei, übernommen haben.

Ich argumentiere, dass liberales Denken im Islam gegen die Religion oder abseits der Religion entsteht, während Säkularismus und Individualismus im Christentum als Rückkehr zum wahren Christentum immerhin denkbar war. Das Christentum ist theologisch auf den Säkularismus und den Humanismus vorbereitet, der Islam ist es nicht.

Da juckt es einen doch, die Schlusskadenz des Originals zu ergänzen, die hier so spürbar fehlt:

Vor dem Menschen ist aber nichts unmöglich.

Was sollen solche Artikel? Warum muss diese Szene sich und uns wie unter einem Wiederholungszwang vorführen, dass sie den Bannkreis des vor-materialistischen Denkens unfähig ist zu überschreiten? Warum scheint das Original überall durch, als ob niemand wüsste, wie sehr es in die Katastrophe verstrickt ist? Zur Erwiderung verweisen die Opponenten gerne mit grosser Entrüstung auf wirkliche Schrecken, als ob diese Rechtfertigung wären für die eigene Verbissenheit in eine grundfalsche Fragestellung, die von selbst zu immer denselben grundfalschen Antworten führen muss.

Bei Felix Riedel ist die Tragweite dieser falschen Antworten nicht zu sehen, weil er sich vor den Konsequenzen zu drücken versteht. Uli Krug hat weniger Skrupel und spricht den „Anhängern des Islam“ in einer früheren Runde deselben Debatte  die Sublimationsfähigkeit, das heisst Zivilisationsfähigkeit ab, gestützt auf folgende sehr bauerische Erwägung:

Ohne Innerlichkeit, ohne Demut, ohne Trost und ohne Hoffnung; darin liegt der binnenreligiöse Grund dafür, dass der Islam seine Anhänger so extrem aggressiv und sublimationsunfähig macht

Das klingt wie aus Büchern von Bauer abgeschrieben, die er gar nicht gelesen haben kann. Wie schlafwandelnd wird hier ein Argumentationsfeld ausgetestet bis an seine Grenzen, wie wenn der Verfasser den inneren Zusammenhang der Argumente, die in ihm aufsteigen, kennen könnte:

Denn dieser Monstersekte fehlte dazu noch eine wenigstens auf utopische Versöhnung ausgerichtete Botschaft, womit wir beim zweiten Unterschied ums Ganze wären. Der Islam ist eine Religion ohne Transzendenz, ungemein praktisch und diesseitig

Der Autor kann, ich wiederhole es, das unmöglich gelesen haben, was er da zitiert. Er sagt mehr, als er weiss, sozusagen:

Die ersten beiden Religionen lassen Hermeneutik nicht nur zu, sie verlangen sie sogar; das ermöglicht eine kontextuelle Deutung und damit überhaupt ernsthafte Theologie; letzten Endes resultiert daraus die Säkularisierungsfähigkeit beider Religionen, die ihre Wunschreiche entweder in messianischer Zukunft oder in göttlicher Jenseitigkeit errichten, was der wesenhaft totalitäre Islam nicht kann

Soweit Uli Krug. Felix Riedel hütet sich vor solcher Nekromantie Bruno Bauers, als wüsste er, wo diese Reise enden wird. Aber irgendein wirksamer Einspruch von seiner Seite gegen die Neuauflage dieses verblendeten Irrsinns? Oder ist das Zeug viel zu tief in den linken Intellektuellen eingebacken, als dass man es wieder herausbekäme?

Veröffentlicht unter Geschireben | 7 Kommentare