Weltwetter in Syrien. Oder: Was macht eigentlich der Thomas von der Osten-Sacken?

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Inzwischen ist es ja schon einige Jahre her, dass Teile der sogenannten Antideutschen Linken mit viel Krach und Tamtam begannen, bürgerliche Politik zu propagieren. Wo utopischer Kommunismus war, da sollte Demokratie, Liberalismus oder Konservatismus sein. Die Freunde der offenen Gesellschaft waren damals ein besonders schriller Ausdruck dieses mit den Attentaten vom 11.9.2001 einsetzenden Schwenks, Stop the Bomb später ein besonders seriöser. Vorangetrieben wurde diese Entwicklung allerdings von der Zeitschrift Bahamas. Einer der Leute, die von dieser Zeitschrift plötzlich als Experten über den Irakkrieg präsentiert wurden, war der zuvor schon in der Jungle World aufgefallene Thomas von der Osten-Sacken, der damals ein wenig über die blühenden Landschaften eines demokratischen Iraks labern durfte. Das war alles relativ lächerlich und die Bahamas hat einige Jahre später sogar wieder ihre Position geändert und will nichts mehr mit diesen Neuliberalen, Neudemokraten und Neukonservativen zu tun haben. Von der Osten-Sacken aber macht immer noch Politik. Und Politik, das ist Propaganda. Er betreibt u.a. einen Blog für die stets lahme Jungle World. Und da agitiert er gerade unter anderem gegen den russischen Militärangriff auf Syrien. Weiterlesen

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Weltwetter: kleineres Unwetter über Portugal

Die Südwestprovinz Portugal hat bei der jüngsten Wahl ein Patt gewählt: Einerseits gewann die Partei der imperialen Sparmaßnahmen die relative Mehrheit. Andererseits gewann die linke Nörgelei gegen die Sparmaßnahmen die absolute Mehrheit, aber verteilt auf eine Fronde aus proeuropäischen Sozis, antieuropäschen Sozis und Sozis, die sich Kommunisten nennen. Der Präsident dieser Provinz gehört der imperialen Minderheit an, die allerdings relativ gesehen die meisten Stimmen besitzt. Eben ein Patt. Er hat der linken Fronde die Regierung untersagt und uns so ein weiteres Griechenspektakel erspart. Es war und ist notwendig: Die imperiale Sicht sieht vor, dass die EU im Weltmaßstab besteht und Europa kann daher nicht auf die albernen Wahlen seiner Provinzen Rücksicht nehmen. Es gibt eine Informationssperre über dieses Thema und nur in England kann man noch spotten, als diese Macht die Herrschaft des Festlandes nicht akzeptiert.

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Werbeaktion des Rechten Sektors

Eindrücke vom Oktober 2015; wir bedanken uns bei der Person, die uns die Fotos dankenswerterweise überlassen hat.

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„Brüder“krieg forever

Wolodimir Zadiraka / nihilist.li

Die Verwandtschaft des alten ukrainischen und des neuen russischen Nationalismus

Die UkrainerInnen haben es einfach, Putin zu verstehen. Besonders gut können ihn diejenigen verstehen, die mit der Ideologie des ukrainischen „integralen“ Nationalismus bekannt sind. Der Begriff selbst entstand, wie SpezialistInnen sagen, nach dem 2. Weltkrieg. Er bezeichnet zwei miteinander verwandte, aber nicht übereinstimmende Ideologien: den „wirklichen Nationalismus“ und den „organisierten Nationalismus“. Unter dem ersten versteht man theoretische Arbeiten eines parteilosen Intellektuellen, Dmytro Donzow, eines originellen und belesenen, literarisch begabten Autoren, der von den meisten seiner ehemaligen Kampfgefährten verflucht und verachtet wird, der dabei methodologisch wirr geblieben ist. Das sind alles Qualitäten, die für einen populären faschistischen Autoren Pflicht sind.

Donzows Ansichten basieren auf einem für das Vorkriegseuropa charakteristischen totalitären Nationalismus. Der Wille zur Macht, Aggressivität, politischer Autoritarismus, Disziplin, Immoralismus, Selbstaufopferung und metaphysische Betrachtungsweise der Geschichte. Das Letztere, freilich, verwundert ein wenig. Donzow kam schließlich aus der marxistischen, nicht aus der religiösen Ecke. Entweder zeugt das von einem Bruch mit der alten Methodologie, oder von einem gewissen politischen Zynismus.

Für Donzow ist eine christliche Rhetorik charakteristisch, dabei widerspricht – wenn man ehrlich ist – die Idee des Nationalismus der Botschaft des Evangeliums komplett, das nationale Unterschiede negiert. Nation bedeutet dem Gott des Neuen Testaments nichts. In der zynischen Welt des „wirklichen Nationalismus“ sind Angriff und Verteidigung gleichwertig, Lüge im Namen der Nation moralisch annehmbar, wenn es sich dabei um die ukrainische Nation handelt. Übrigens sind Cholmogorow oder Markin (1), die die Notwendigkeit der Lüge zugunsten Russlands anerkennen, nicht sehr weit von Donzow entfernt. Genauso im Rahmen der integralen Nationalismusdoktrin handelt der offen ins Gesicht lügende Putin.

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Buchbesprechung: Sin Patrón — Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs

Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle. Das argentinische Modell: besetzen, Widerstand leisten, weiterproduzieren. Lavaca (Hg.), AG SPAK Bücher, 2015

von ndejra; erschienen in der Oktober-Ausgabe von GaiDao

Für sie wie für die Marxisten der anderen Richtungen gibt es zwischen der gegenwärtigen kapitalistischen und der künftigen sozialistischen Gesellschaft diese Kluft und Generalpause der Revolution. Der Kapitalismus entwickelt sich bis zu seinem Gipfel, dann, teils durch diese Entwicklung selbst, teils durch unermüdliche Agitation und Aufklärung, kommt die große Revolution, das fruchtbare Chaos, und wenn sich die Wolken verzogen haben, wird der Sozialismus da sein. Ganz wie auf der Wagnerbühne, wo zwischen zwei total verschiedenen Szenenbildern sich schleierhaftes Gewölk herabsenkt. (…) Ich meine, in irgendeinem Winkel des Kommunisten, tief verborgen und ängstlich immer wieder ins Dunkel heruntergestoßen, muss das Wissen wohnen, dass es doch so in der Welt nie zugehen kann, dass die Dinge gar nicht diesen Gang nehmen können. Man ist nur hilflos, man weiß nichts anderes, jedes Einlassen mit der Gegenwart, jede tatsächliche Betätigung erscheint als eine unwürdige Anpassung…“ – so schrieb einst mit bitterem Spott Gustav Landauer über die anarchistisch-kommunistischen Revoluzzer seiner Zeit (1), so oder so ähnlich ließe sich über die heutige radikale Linke schreiben, die – jedenfalls meistens – recht fassungslos vor der Welt steht, sich in Pseudo-Aktivität verheizt und um Nachwuchs zum Weiterverheizen unter sich konkurriert. Dass es Orte und Zeiten gibt, wo es anders zugehen kann, wo Menschen ohne viel link(isch)es Spektakel lernen, sich und die Welt zu verändern, zeigt das Buch „Sin Patrón – Herrenlos“, erstmals 2004 von der argentinischen Verlagskooperative Lavaca herausgegeben, jetzt von Daniel Kulla ins Deutsche übersetzt und mit Aktualisierungen versehen.

Das Wertvollste am Buch sind freilich die Berichte von Frauen und Männern, die über ihre sehr persönlichen Verwicklungen in die Geschichte erzählen. Die zehn Berichte aus zehn unterschiedlichen Betrieben, aus einer gemeinsamen Lage: der Krise der argentinischen Wirtschaft 2000/2001, als die Regierung de la Rua den harten neoliberalen Kurs fährt und die Ökonomie des Landes soweit „optimiert“, dass diese zusammenbricht. Es kommt praktisch in allen im Buch versammelten Augenzeugenberichten vor: das waren alles profitable, gut funktionierende, in den Markt integrierte Betriebe, die absichtlich von ihren Eigentümern und der Politik ausgeschlachtet und aufgegeben wurden. Wir lesen über die Belegschaften einer Keramik-, einer Haushaltsgeräte- und einer Textilfabrik, zweier Metallbetriebe, zweier Druckereien, eines Steinbruchs, einer Klinik und einer Zeitung. Wie sie zunächst von ihren Bossen übers Ohr gehauen wurden, wie sie fassungslos warteten, dass der Vater Staat sich ihrer annimmt, wie sie auf eigenen Leibern lernen mussten, dass die Polizei und die Justiz nur noch eine besser bewaffnete mafiöse Struktur unter anderen sind, wie ihre Rechte von den sogenannten Arbeiter*innen-Vertretung der peronistischen Gewerkschaften sie – nun ja – mit Füßen getreten werden. Wie sie schikaniert, eingeschüchtert, verprügelt, ausgesperrt, ohne Lohn gelassen und mit mickrigen Geldbeträgen bestochen werden; wie sie sich über ihre rechtliche Lage mal klug machen, sich mit anderen Belegschaften und Einwohner*innen vor Ort vernetzen. Wie die Besetzungen so trivial anfangen: „Es begann mit ‚Ich verliere meinen Job‘, nicht mit der Entscheidung, Eigentümer zu werden“, wie ein Arbeiter im Buch verrät. Und wie sie schließlich, die Produktion wieder ankurbeln (manchmal heimlich, unter dem Rücken der Polizeiposten), selber Kredite, Kunden und Absatzmöglichkeiten finden, sprich die unnötige und betriebswirtschaftlich kontraproduktive Managementabteilungen ersetzen, für Gleichheit in betrieblichen Strukturen und Einkommen sorgen; wie sie mit der Zeit sogar Produktivität steigern, neue Leute einstellen und trotzdem ohne Hetze arbeiten; wie sie Schulen, Theater, soziale und kulturelle Zentren in ihren Betrieben aufmachen. Alles voller Erfolg also?

Wir erfahren außerdem, dass die neue Regierung, die sich gerne als die „Volksregierung“ präsentiert, sie zu vereinnahmen versucht, die kleinen Erfolge des sozialen Bewegungen und Betriebsbesetzungen stolz sich selbst zuschreibt und die Repression gegen sie in abgewandelter Form fortsetzt. Eine Art wissenschaftlicher Nachbetrachtung im Anhang des Buches zeigt allerdings die Grenzen dieser aus der Not entstandenen Bewegung: oft fehlt es am Kapital für die Erneuerung des Maschinenparks, der Zugang zum Markt und Rohstofflieferung gestalten sich schwierig. Oft geraten solche Betriebe in Abhängigkeit von „normalen“ Betrieben, welche sie in Produktionsketten beliefern, außerdem verbleiben sie auch im staatlichen Rechtssystem und nehmen ihm als eine Art selbstorganisierter Billiglohnsektor einige Sorgen ab. Die Autoren weisen darauf hin, dass es den Besetzer*innen im Großen und Ganzen nicht gelingt, einen parallelen Markt mit anderen selbstverwalteten Betrieben aufzubauen. Dafür werden wohl die über 300 instandbesetzte Betriebe volkswirtschaftlich gesehen immer noch zu wenige sein.

Das wird wohl dieses „schleierhafte Gewölk“ sein, von dem Landauer sprach. Das salto mortale der mit dem Rücken zur Wand gestellten Menschen in einer Welt, in der der Trieb der individuellen Selbsterhaltung mit dem Interesse der kapitalen Akkumulation zusammenfällt. Der Sexismus, der „machismo“, der die argentinische Gesellschaft prägt, ist unter den Arbeiter*innen noch weitgehend präsent, wie der Übersetzer Daniel Kulla in seiner lesenswerten Einführung schriebt. Hin und wieder begegnen uns in jenen zehn Berichten patriotische Floskeln, wie „Es gibt Leute, die morgens aufstehen und sich überlegen, wie sie andere übers Ohr hauen können, und es gibt die, die überlegen, wie sie dieses Argentinien wieder aufbauen können, das auseinandergerissen wurde“. Das Vorwort des Lavaca-Kollektivs versteckt ebenfalls hinter der ganzen Soziologiebegeisterung den Wunsch nach einer guten Marktwirtschaft, wie sie angeblich vor dem neoliberalen Einbruch war. Dennoch: Jeder einzelne Zug im Verblendungszusammenhang ist doch relevant für sein mögliches Ende. Gut ist das sich Entringende, das, was Sprache findet, das Auge aufschlägt. Als sich Entringendes ist es verflochten in die Geschichte, die, ohne dass sie auf Versöhnung hin eindeutig sich ordnete, im Fortgang ihrer Bewegung deren Möglichkeit aufblitzen lässt“. (2) Es kommen auch Stimmen vor, die „…ein Betrieb ohne patrones und eine Welt ohne patrones“ einfordern. Wie auch immer, man sieht: staats- und regierungsgläubig werden diese Frauen und Männer wohl nicht mehr.

Man wünscht sich mitunter mehr Einblicke ins Innere der Menschen. Was machen diese Erfahrungen, diese turbulenten Zeiten mit ihnen? Sie werden gelassener, mutiger, selbstbewusster. Und am Rande, aus der Zeit des Zelteblagers vor der Textilfabrik Brukman: „Gab es auch Liebesgeschichten? – Oh, jede Menge“.

Zurecht weist Kulla darauf hin, dass die Situation in Argentinien an die Deindustrialisierung der DDR erinnert, dass auch Deutschland eine Geschichte von Arbeitskämpfen, Klassenkonflikten und Betriebsbesetzungen hat. Zu schnell verschwinden aus der Erinnerung solche Erfahrungen wie die z.B. von der Fahrradfabrik in Nordhausen und viele andere. (3) Wäre die Reaktion sich ihres historischen Sieges sicher, würde sie uns nicht permanent eintrichtern, dass nicht mehr geht. Zum Schluss nur noch zwei Fragen: erstens, muss es wirklich erst schlimm werden, damit die Belegschaften in Deutschland den Klassenkompromiss aufgeben? Zweitens, was macht man mit der „Pegida im Betrieb“? (4) Das werden wir erst herausfinden müssen.

Nur im Gewölk kann was aufblitzen!

1) Vgl. Landauers „Brief über die anarchistischen Kommunisten“, S. 305f, in: ders. „Anarchismus“, ausgewählte Schriften, Bd. 2, Siegebert Wolf (Hg.), 2009, Lich

2) Theodor W. Adorno: „Fortschritt“, S. 34, in: ders. „Stichworte. Kritische Modelle 2“, 1969, FfM

3) Heiko Grau-Maiwald: Betriebsausfall. Herbststurm 1989/90 in der DDR und die Kampftraditionen in 20 Jahren Nachwende“, Syndikat-A Medienvertrieb, 2009, Moers. Nur würde ich mich nicht so für den Arbeiteraufstand von 1953 begeistern.

4) http://www.heise.de/tp/news/Anfeindungen-von-Gewerkschaften-Pegida-im-Betrieb-2575018.html

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Weltwetter: Syrien bekommt nun Frieden

Die USA haben bekanntlich Frieden mit dem Iran geschlossen und dabei geopolitisch die Seiten gewechselt. Der ganze arabische Raum ordnet sich nun neu. Der Weltungeist fordert offenbar mehr Ruhe im Nahen Osten und so einigen sich diese einander feindlichen Mächte ein wenig. Insbesondere bekommt dadurch auch Irans Verbündeter Syrien Frieden. Die UNO hat ihn bereits perspektivisch anerkannt, die Russen untermalen ihn nun mit ihrem Militär und auch die USA geben grünes Licht. Die Israelis stimmen sich mit den Russen ab, um Militärunfälle zu vermeiden. Die Deutschen haben ihre symbolischen Patriots aus der Türkei abgezogen, die Flugverbotszone wird es nicht geben. Isis und Al Quaida werden besiegt. Die FSA bleibt was sie war: Ein Witz für die Seelenruhe von Menschenrechtsimperialisten. Jedenfalls bleibt Assad! Es wird viel Volk in Damaskus aufmarschieren und Assad in einer weiteren Wahl bestätigt werden. Rojava bekommt irgendeine Autonomie. Die Türkei ärgert sich und führt einen unsinnigen Krieg gegen die PKK. Und sie verliert ihn auch noch. Die Saudis ärgern sich und maschieren mit ihren Verbündeten im Jemen ein. Und sie verlieren auch. Israel macht gute Miene zum bösen Spiel. Nirgends wirklich mit dabei, nirgends verbrannt. Frankreich und England wundern sich über ihren außenpolitischen Fehlschlag in Syrien, aber der ist ja nicht so öffentlich. Deutschland ist fein raus, hat sich immer enthalten und kann jetzt authentisch für einen Frieden mit Assad werben und dabei auch die Saudis einbeziehen. Die ehrliche Maklerin und Ausgleichsapolitikerin Merkel. Es lebe der Kompromiss.

Die ganze Operation wird allerdings noch eine Weile dauern, aber das ist der Weltenplan für diese Region.

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Aus dem Fabriktagebuch von Simone Weil, 1935-1936

Die Erschöpfung lässt mich schließlich die wahren Gründe meines Aufenthaltes in der Fabrik vergessen, macht die stärkste Versuchung dieses Lebens fast unüberwindlich: nicht mehr denken, einziges Mittel, um nicht zu leiden. Nur am Samstagnachmittag und Sonntag kehren Erinnerungen zurück, Ideenstücke, erinnere ich mich, auch ein denkendes Wesen zu sein. Entsetzen erfasst mich, als ich meine Abhängigkeit von äußeren Umständen feststelle: es genügte, dass sie mir eines Tages eine Arbeit ohne wöchentlichen Ruhetag aufzwingen – was schließlich immer möglich ist –, und ich würde zu einem Lasttier, gehorsam und ergeben (wenigsten in meinen Augen). Allen das Gefühl der Brüderlichkeit, die Entrüstung angesichts des anderen zugefügten Unrechts bleiben – aber bis zu welchem Punkt widerstände all dies auf die Dauer? Ich bin nicht weit davon entfernt zu denken, dass das Seelenheil eines Arbeiters zuerst von seiner physischen Veranlagung abhängt. Ich sehe nicht, wie körperlich schwache vermeiden können, der Verzweiflung anheimzufallen – Saufen oder Vagabundieren, Verbrechen oder Ausschweifungen oder ganz einfach und häufigsten Abstumpfung (und die Religion?).

Die Revolte ist unmöglich, ausgenommen einige Blitze (und ich meine sogar das bloße Gefühl). Zunächst: wogegen? Man ist allein mit seiner Arbeit, man könnte nur gegen sie rebellieren – oder mit Ärger arbeiten, das hieße, schlecht arbeiten, folglich hungern. Siehe die lungenkranke Arbeiterin, die entlassen wurde, weil sie einen Auftrag schlecht ausgeführt hatte. Wir ähneln den Pferden, die sich selbst verwunden, sobald sie am Zaun zerren – und wir beugen uns. Man verliert sogar das Bewusstsein dieser Lage, man erleidet sie, das ist alles. Das Erwachen des Denkens ist schmerzhaft.

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Zeitunglesen im Bus

Wenn durch die dpa verlautbart wird, dass der SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann es wäre, der die Einreise-Entscheidung Merkels begrüße, mag das mit dem entscheidenden Zusatz, dass er das im Gegensatz zum CSU-Generalsekretär, Andreas Scheuer, konstatiert hätte, schon stimmen. Doch hat er das niemals als Antwort auf Andreas Scheuer formuliert. Erst die Anordnung der verschiedenen Stellungnahmen des Redakteurs lässt einen Satz wie diesen beinahe human erscheinen: „In einer so außergewöhnlich dramatischen Situation ist es absolut richtig, den Menschen erst einmal Zuflucht zu gewähren.“ Das ganze Dilemma der Politik, das wesentlich Krisenverwaltung ist, steckt nicht zwischen den Zeilen, auch nicht zwischen den Wörtern, sondern einzig und allein im Partikel einmal. Großzügig gewährt irgendetwas irgendjemand zumindest temporär Zuflucht (und keinen Schutz). Und dort wo von den Menschen, sowie den Proletariern gesprochen wurde, war noch nie anderes als tätschelnde Verwaltung zu erwarten. Und wer tätschelt, weiß damit nur unter Beweis zu stellen, auch zuschlagen zu können. Sofern die Situation von Flüchtlingen auch weiterhin von solchen Leuten abhängig ist, bleibt sie prekär.

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Das ist noch erst nur der Anfang

Oder: in was für einer Welt leben wir eigentlich?

Von Vince O’Briann

Dieser Text ist aus dem Letzten Thier. Wir hatten ihn noch nicht auf dem blog, wir bringen ihn, eh die Sachen aus dem neuen kommen, damith er nicht ganz vergessen werde.

Ich kenne durchaus nicht wenige Leute, die sich keine sog. Nachrichten mehr ansehen; nicht nur, weil sie es nicht mehr ertragen, oder nicht die Kapazitäten haben, wirklich auseinanderzuhalten, was das alles bedeuten soll; sondern vor allem auch aus einer an sich sehr verständlichen Antipathie gegen die Geschichte selbst, so wie sie abläuft; oder aus abgrundtiefen Misstrauen daran, dass die Art von Information darüber, der man ausgesetzt ist, irgendjemandem etwas anderes bringt als immer nur mehr Panik und Desorientierung. Ich weiss selbst nicht so recht, was ich davon halte; aber dass niemand, wirklich niemand eine vernünftige Erlärung für das alles anbietet, das kann ich nicht bestreiten. Das scheint ein Teil dieses Problems selbst zu sein.

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Ukrainische Rechtsextremisten und der „Vaterlandsverrat“

– erneut dokumentieren wir einen Beitrag unserer ukrainischen GenossInnen. Man muss freilich nicht alle Thesen und Schlüsse teilen, zur Kenntnis nehmen sollte man diese Stimmen schon. Grunz! – das GT.

von Wolodimir Zadiraka / nihilist.li

Ukrainische Rechtsextreme trennt eine Frontlinie vom Putinismus, aber kein ideologischer Abgrund. Auf jeden Fall sind ihre Werte und politischen Ziele gar nicht so weit von einander entfernt. Die ultrakonservative Rhetorik eines Milonows (1) unterscheidet sich kaum von Äußerungen des „Rechten Sektors“.
Die beliebtesten und regelmäßig von „wyschiwatniki“(2) geäußerten Ideologeme führen die Ukraine zur Niederlage im Krieg, zur Einschränkung der Freiheiten und zum Verlust eines beträchtlichen Teils an Territorien und zur „Feodalisierung“ des Landes. Diese Ideen vereinen parlamentarische Clowns in der Partei von Kolomojskyj (3), marginale faschistische Gruppen und Anführer der militärisch-politischen Gruppierungen „Asow“ und des „Rechten Sektors“. Dasselbe wünscht sich auch der Kreml.
Putin wäre mit jedem illiberalen Regime zufrieden. Es ist ohne Belang, ob das „wyschiwatniki“ oder ehemalige „Regionalisten“(4) werden. Die einen wie die anderen können die Ukraine in Abhängigkeit von Russland bringen. Weder die einen noch die anderen findet Moskau sympathisch, aber solche Regimes würden für eine Einschränkung der sozialen Basis der Kiewer Regierung sehr von Nutzen sein. (5) Denn je autoritärer das Regime, je niedriger seine Legitimität und sein Rückhalt im Lande, desto schwächer ist es auf dem internationalen Parkett.

Nach Donezk!

Vor gar nicht so langer Zeit rief der lächelnde und entspannte Parasjuk (6) zum wiederholten Male in Schusters Fernseh-Show (7) zum Angriffskrieg und zur Erstürmung von Donezk auf. Das Ziel solcher Gespräche ist es, zu beweisen, dass es Poroschenko und dem Militärstab an Mut fehle. Diese Taktik sieht auf diejenigen ab, die hinter der Frontlinie sitzen und das siegreiche Voranschreiten der ukrainischen Armee sehen wollen, ungeachtet der ungeheuren menschlichen Opfer einer solchen Offensive. Weiterlesen

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Gauck und die Flüchtlinge

Gauck und die Flüchtlinge bei muessigerempirismus.wordpress.com

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Lilly Lent / Andrea Trumann – Kritik des Staatsfeminismus

Kapitalismusablehnung, gar Kapitalismusfeindschaft ist in Deutschland bekanntlich ein Phänomen der akademischen Jugend, wenn überhaupt. Und viele dieser Radikalen versuchen sich möglichst lang um Arbeit zu drücken, verdienen nur das nötigste dazu. Aber irgendwann bleiben das Kindergeld und sonstige Zuwendungen der Eltern aus, der Studentenstatus verfällt, die Versicherung und Miete will bezahlt werden. Viele flüchten sich noch in Doktorarbeiten und Stipendien, die engagierteren versuchen sich gar im Mittelbau der Universitäten einzunisten. Andere halten sich eine Weile weiter durch Jobs über Wasser, während sie z.B. ein Zweitstudium simulieren. Aber das ist oft auch nur eine Galgenfrist: Irgendwann müssen sie sich alle in den Arbeitsmarkt integrieren. Manche verstehen dann besser, worum es bei der kollektiven Aneignung des Privateigentums eigentlich geht, aber irgendwie zu spät. Entweder sie bleiben verbal radikal und entwickeln Spleens und irgendeine bescheidene Praxis. Das gedeiht am besten auf Hartz IV oder auf Jobs, die gut genug bezahlt werden, um das Lebensnotwendige abwerfen, ohne dass man dabei alle Zeit und Muße verlieren würde. Andere unterstützen gelegentlich reformistische Kampagnen oder entwickeln ein langweiliges gewerkschaftliches Bewusstsein, reden vom Proletariat. Wieder andere behalten ihre irgendwie radikale Haltung, unternehmen aber nichts mehr in diese Richtung, anfangs noch mit schlechtem Gewissen. Oft ist es mit der sog. Radikalität auch deshalb schnell vorbei, weil sich die Kritik der Lohnarbeit einfach als Angst vor der Lohnarbeit entpuppt, die sich mit der ersten Festanstellung und dort erhaltenem Lob schnell verflüchtigt. Oder sie entpuppt sich einfach als jugendlich-romantische Sucht nach Freiheit, die sich mit den Jahren verläuft. In jedem Fall tendieren die Radikalen stark zum Privatisieren. Irgendwie wurschtelt man sich durch, allenfalls in Kneipen kommt dann die alte Feindschaft durch, vermischt mit besoffenem Tatendrang – ja man müsste sich mal organisieren, wenigstens eine gediegene Propaganda entfalten, kleine Nadelstiche gegen die Herrschaft der Eigentumsordnung durchführen… Ja man müsste doch, ja man könnte doch…

Und Kinder? Zwischen 20 und 30 ist das noch weit weg, aber es gilt das eherne Gesetz: Sie kommen dann doch! Viele der jungen Frauen, die man fragt, bekommen ein zunehmend trauriges Gesicht, wenn sie ihre Jungs angucken und gestehen ein, dass sie eigentlich auch so ein Kleines haben wollen. Die Jungs gucken dann erschrocken und das Thema wird gewechselt. Die Regel ist dabei, dass gerade wer in der erweiterten Jugend den Wunsch nach Kindern abstreitet oder verleugnet, am Ende Vater wird. Neben der Kritik an der Lohnarbeit ist dann auch wieder die Kritik an der Familie auf der Tagesordnung, gerade weil die individuelle Praxis zeigt, dass dieselbe die objektive Form der Gesellschaft bleibt: Auch wenn es natürlich Wege gibt, sie anders zu gestalten, als gerade in der konventionellen Form der verkleinerten Kleinfamilie, so ist die Familie doch das Schicksal, das einem blüht, sollte der Kinderwunsch sich durchsetzen. Und später dann – die Beziehungen heute speisen sich oft aus kurzfristiger und auch wieder abebbender Leidenschaft: Patchwork, Alleinerziehung, Stress mit dem Vater, dass er was zahlt, sich auch kümmert etc. Oft auch eine verglichen mit der letzten Generation erstaunliche Armut – mindestens gefühlt, weil natürlich Deutschland ein reiches Land ist. Die Misere des Alltags ist jedenfalls für Eltern auch nicht besser.

Das ist jetzt alles auf die meist (post)studentischen Radikalen bezogen, aber die sogenannte normale Bevölkerung – der Teil, den die Radikalen gerne für ihre Phantasien agitieren würden – hat ja dieselben Probleme und Nöte, nur mit weniger ausgeprägtem Bewusstsein dieser Not, da ihnen dessen Ursache zur zweiten Natur geronnen ist. Ein neu erschienener schmaler Band widmet sich in agitatorischer Absicht der Kindererziehung unter hiesigen Bedingungen. Vom Stillgebot bis zur beschleunigten Eingliederung der Mütter in den Arbeitstag, von der zunehmenden Isolation durch die mit kapitalistischer Arbeit und individueller Kindererziehung einhergehende Zeitverschwendung bis zum Gebot, die Kinder ständig zu überwachen, da ja überall der plötzliche Kindstod lauert. Besonderes Augenmerk bekommen dabei die durchaus erfolgreichen Versuche des Staats, seine Bürgerinnen zu emanzipieren und sie dadurch nur noch mehr an den Rande des Nervenzusammenbruchs zu bringen, indem er auf unheilvolle Weise den alten Gleichheitsfeminismus mit dem alten Differenzfeminismus verquickt und dabei diese beiden Formen des bürgerlichen Feminismus um jedes Quantum Kritik bringt, dass sie angeblich einmal in sich bargen. Benutzt werden in dieser Polemik seltsame Statistiken, Wortmeldungen aus Internetforen, Gesetzestexte und manchmal auch Fragmente der Frauenbewegung aus den 70ern. Viel Verve und meist ad hominem!, beziehungsweise in diesem Fall natürlich ad mulierem. Am Ende kommt dabei immer die Forderung einer „vollständigen Umwälzung der bürgerlich-kapitalistischen Welt“ heraus – etwas dem bekanntlich der Differenzfeminismus näher steht, als der Gleichheitsfeminismus, der sich ja an die bestehende Männlichkeit anpassen muss: Wählen, arbeiten, Familie, nur halt gleichberechtigt. Statt dessen also Abschaffung des Eigentums, des Geldes und dann eine bessere Organisation der sogenannten Produktion und gleichzeitig die Auflösung sowohl der individuellen wie der privatwirtschaftlichen oder staatlichen Reproduktion, Kindererziehung, Altenpflege, mithin die wirkliche Aufhebung der Geschlechter. Alles andere sei Quark. Die Autorinnen sind in der positiven Formulierung dieses Programms noch sehr zurückhaltend, aber darauf will das Pamphlet hinaus. Es richtet sich daher implizit gegen alle Strömungen des gegenwärtigen Feminismus, der wiederum – da er nicht revolutionär sein will – dieses Buch ablehnen muss, wenn er es nicht ignoriert oder umarmt. Es wird in jedem Fall einige Mal verkauft werden. Eine Umsonst- oder Billigversion wie heute in der radikaleren Literatur üblich gibt es bislang noch nicht.

Bemerkenswert ist noch, dass dieses Buch – dass mehr eine Anklage der Gegenwart darstellt, als eine Strategie gegen diese Gegenwart zu entwerfen – am Ende doch eine Art Strategie entwirft, die sich an die richtet, die den Inhalt des Buches akzeptieren. „Die Zahl der Unzufriedenen und Überforderten angesichts der gesellschaftlichen Zumutungen ist groß.“ Allein: „Bisher äußert sich dies hauptsächlich in den weit verbreiteten Symptomen von Burn-out und Depression, denn die Schuld für ihre individuelle Misere suchen viele erst einmal bei sich selbst.“ Und wer kann diesen Abgrund überbrücken? Die Radikalen!: „Eine revolutionäre Bewegung müsste“ – ja müsste! – „hier ansetzen und individuelle Schuldzuweisungen, wie ihnen vor allen Mütter immer wieder ausgesetzt sind, bekämpfen. Gleichzeitig müsste sie jegliche Illusion, die sie bezüglich der staatlichen Politik hegt, aufgeben, und mit der kollektiven Organisierung beginnen.“ Das Buch als Ganzes richtet sich dabei eigentlich gar nicht primär an diese Radikalen einer imaginären revolutionären Bewegung, sondern versucht Teil des Übergangs der schüchtern-mädchenhaften Form des „es müsste unserer Einschätzung nach mehr darum gehen,…“ zum muntereren „es muss darum gehen,…“ oder gar zum energischen „es geht jetzt darum,…“ zu sein, sprich es versucht selbst am Widerspruch zwischen subjektivem Elend und objektiver gesellschaftlicher Wunschlosigkeit bzw. Ohnmacht „anzusetzen“ und die Mütter zu agitieren. Insbesondere ist es populär geschrieben. Aber die, die dann durch den neuen Ansatzpunkt heraus gehebelt werden sollen, sind ja letztlich die ersten der sog. revolutionären Bewegung und die müssten dann… Man sieht, es sind noch einige Tomaten zu werfen.

Lilly Lent, Andrea Trumann: Kritik des Staatsfeminismus. Oder: Kinder, Küche, Kapitalismus. Bertz und Fischer, ca. 8 Teuro.

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