Iranische Rackets [Update: 14.07.2014]

Ein glänzendes Beispiel für sich untereinander bekämpfende Rackets, die ihren (politischen) Machtanspruch mit Gewalt durchzusetzen versuchen, ist auf dem Blog von Ali Schirasi zu finden:

Teheran: „Sittenstreife“ attackiert Sicherheitsdienst der Uni

Vergangene Woche kam es an der Kunsthochschule in Teheran zu einem Konflikt zwischen dem Sicherheitsdienst der Universität (Harassat-e Daneschgah), der letztlich dem Geheimdienstministerium untersteht, und einer Sittenstreife, die der Polizei, also dem Innenministerium untersteht.
Die Sittenstreife wollte eine Studentin, die nach ihrer Auffassung nicht ausreichend verschleiert war, auf dem Gelände der Universität verfolgen. Der Sicherheitsdienst der Universität versuchte, die Streife daran zu hindern, da sie auf dem Gelände der Universität nichts verloren hat. Darauf zückten die Beamten der „Sittenstreife“ den Pfeffergasspray und attackierten damit die Beamten des Sicherheitsdienstes.
Der Vorfall zeigt, dass die neue Regierung Rouhani den Rektor der Universität und auch den Sicherheitsdienst durch neue Leute ersetzen konnten, die nicht die Unterdrückungspolitik der Vorgänger fortsetzen wollen. Er zeigt aber auch, dass die Regierung Rouhani offensichtlich auf die Polizeiorgane keinen Zugriff hat – hier sind noch andere an der Macht, egal was die Wahlen ergaben.

Indessen berichtet das Blog von Ali Schirasi weiter:

Iran: Tagesbefehl des Führers an die Uni-Rektoren

Der Religiöse Führer der Islamischen Republik Iran, Ajatollah Chamene‘i, hat sich am 4.7.2014 in einer öffentlichen Rede an die Rektoren der Hochschulen des Landes gewandt.
Er warnte davor, die Universitäten zu politisieren, das beeinträchtige die wissenschaftliche Entwicklung des Landes. Ajatollah Chamene‘i gibt damit den Kräften freie Hand, die an den Hochschulen jede Freiheitsäußerung unterdrücken und studentische Organisationen streng kontrollieren wollen. Er setzt sich somit von Äußerungen des Präsidenten Hassan Rouhani ab, der mit einigen personellen Umbesetzungen im Sicherheitsdienst der Hochschulen das Regime lockern wollte. Das führte unlängst dazu, dass auswärtige Polizeikräfte aufs Gelände der Medizinischen Hochschule in Teheran eindrangen und Gewalt gegen Angehörige des Sicherheitsdienstes anwandten, die eine illegale Festnahme einer Studentin auf dem Hochschulgelände verhindern wollten.

Quelle: http://alischirasi.blogsport.de/2014/07/07/iran-tagesbefehl-des-fuehrers-an-die-uni-rektoren/

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Iranische Rackets [Update: 14.07.2014]

Joe Hill and the IWW in farsi

A text about Joe Hill an the IWW (Industrial Workers of the World) in farsi. Please, spread it.
Be yade- joe hiell-ramin

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Joe Hill and the IWW in farsi

Vom Kaukasischen Emirat zum slawischen Wahhabiten

Zu den Terroranschlägen in Wolgograd

von Seepferd

Erneut wird Russland von Terroranschlägen erschüttert. Die Rede ist von den Selbstmordanschlägen im Süden des Landes, in Wolgograd. Man spricht bereits vom dritten Anschlag: der erste ereignete sich am 21. Oktober 2013 und nahm 6 Menschen das Leben, viele wurden verletzt. Der zweite war am 29. November – eine gewaltige Explosion im Wolgograder Bahnhof, der dritte – bereits am nächsten Tag, am 30. November, eine Bombe geht hoch in einem O’bus. Viele sterben, noch mehr werden verletzt. Die Stadt verwandelt sich in eine trauernde Hochsicherheitsburg, die Sylvester-Offiziösitäten werden abgesagt.

So spektakulär die Bilder, so hasserfüllt die Kommentare, so gewohnt ist inzwischen das Ganze. Es scheint manchmal, niemand hat etwas Wichtiges dazu zu sagen.(1) Klar, wollte man Reden voller Pathos schwingen, sollte man sich es lieber verkneifen. Der nicht-existente kritische Journalismus, die zertrampelte „Zivilgesellschaft“, die „progressiven Kräfte“, alle wirken sehr zurückhaltend. Warum? Wohl nicht nur aus Pietät, Mitleid oder Trauer. Es ist einfach schon alles gesagt worden – vor vielen Jahren. Es hat seit der 1. Tschetschenischen Kampagne 1994 nicht aufgehört zu krachen, das sind mittlerweile 20 Jahre. Dennoch werden manche Dinge sichtbarer, etwas ist seitdem auch anders geworden, einiges wird sich noch ändern.

Es stimmt allerdings nicht ganz, mit dem „Süden der Republik“. Und warum werden eigentlich so gerne nur Terroranschläge auf dem „russischen“ Boden aufgezählt? Plötzlich erinnert man sich: tatsächlich, im August 2004 explodierten zwei Passagierflugzeuge in der Luft über Tula und Rostow‐na‐Donu, März 2010 sprengen sich zwei Attentäterinnen in der Moskauer U-Bahn, Januar 2011 sprengte sich ein Terrorist im Moskauer Flughafen Domodedowo – um nur die bekanntesten Anschläge zu nennen. Es waren in diesen 20 Jahren um einiges mehr. Es kommt darauf an, an was man sich erinnern möchte und wo der „russische“ Boden beginnt. Nimmt man doch dazu den täglichen Ausnahmezustand in Dagestan, Tschetschenien und Inguschetien, all die bewaffneten Übergriffe, Entführungen usw., was in den polizeilichen Statistiken als organisierte Kriminalität und Banditismus, und eben nicht als Terrorismus geführt wird, verändert sich das Bild komplett.

Der Nordkaukasus, offensichtlich ein Gebiet, das für den russischen Staat von immenser geopolitischer und wirtschaftlicher Bedeutung ist. Davon abgesehen, dass dort die Pipelines liegen, durch die Öl und Gas vom Kaspischen‐ zum Schwarzen Meer transportiert wird, ist diese Region ein Schauplatz eines über 200 Jahre währenden Kolonialkrieges. Das Möchte‐gern‐immer‐noch‐Imperium verbeißt sich seitdem in Nordkaukasus, der unter den Zaren Alexander I. und Nikolai I. kolonisiert wurde. Würde dieses hauptsächlich von Muslimen bewohnte Gebiet von Russland abfallen, müsste sich Russland um andere kolonisierten, nicht‐christlichen, nicht slawisch besiedelten Gebiete ernsthafte Sorgen machen. Denn, was ist Russland eigentlich sonst, als ein einziges kolonisiertes Gebiet, das jeder Zeit platzen könnte? Nur die Kolonien sind nicht irgendwo über dem Meer, sondern sind „angeschlossen“, sind Teil der Metropole selbst. Daher auch die schizophrene Wahrnehmung der Region in den letzten Jahren: in den kaukasischen Republiken hat es nie aufgehört zu knallen – man weiß es aus Nachrichten, es gehört fast schon zum Hintergrundrauschen – und zwar aus dem Grund, dass dieser Boden, mit aller Gewalt, auch „russisch“ sein soll. Und dennoch werden sie von etwa einem Drittel der Bevölkerung eben als „nicht Russland“ wahrgenommen.(2)

Daher auch eine sehr merkwürdige Tendenz – merkwürdig angesichts des immer noch weit verbreiteten, aus der Sowjetzeit überlieferten Antisemitismus und Antizionismus in der russischen Gesellschaft – sich womöglich Erfahrungen zu bedienen, die der Staat Israel mit seinen Terroristen gemacht hat. Zu den Vorschlägen, eine dichte Mauer um die unzivilisierte Region zu errichten, die seit jeher ertönen, kommt auch das Interesse an der Arbeit eines psychologischen Notdienstes hinzu, welcher Opfer von Terroranschlägen und deren Familienangehörigen betreut.(3)

Die Parallele ist außerdem insofern von Interesse, als der Charakter des Krieges sich vor einigen Jahren radikal geändert hat. Dies hier ist zwar nicht die Stelle, um die Genese dieses Krieges, also der 1. und der 2. Tschetschenischen Kampagne und den „polizeilichen Maßnahmen“, die eine Fortsetzung des Krieges darstellen, dennoch sind ein paar Worte darüber nötig. Konnte man z.B. Dschochar Dudajew, dem ersten Präsidenten der international nicht anerkannten Tschetschenischen Republik Itschkeria (TRI), dem ehemaligen General der sowjetischen Armee, der im Afghanistan‐Krieg kämpfte, nach dem missglückten Moskauer Putsch 1991 die Lage nutzen wollte und sich an die Spitze der nationalistischen tschetschenischen Bewegung stellte, keine besonders ausgeprägte Gläubigkeit unterstellen(4); sein wohl wichtigster Warlord, Schamil Bassajew, kam erst nach der 1. Tschetschenischen Kampagne mit Wahhabismus in Berührung, doch sein erster offener Brief an Putin lässt vermuten, dass er sich durchaus nationalistisch, wenn nicht mit einem unabhängigen Staat, dann auch mit einem Autonomiestatus zufrieden gegeben hätte. Wie auch immer, die letzten, sich halbwegs noch staatsmännisch gebenden „Politiker“ und „Generäle“ der TRI sind nun beseitigt. Anfang bis Mitte 2000er beseitigte man allerdings auch solche Abgesandte aus Saudi Arabien und Jordanien, wie al-Chattab, Abu l-Walid oder al-Dscharach, die Mitte 90er auftauchten, Geld, Connections und im afghanischen Krieg geschulte Kader mitbrachten. 2006 – 2007 verliert das Projekt der tschetschenischen Staatsgründung seinen letzten Anschein der Säkularität. Doku Umarow löst die de facto längst abgeschaffte TRI auf und erklärt sich zum Emir des Kaukasischen Emirats. Die polizeilich-vasallischen Funktionen übernahm der Clan von Achmat Kadyrow,(5) die islamistischen Gotteskrieger, die nebenbei gerne gegen den traditionellen milden Suffismus kämpfen,(6) werden aus der Republik in die gesamte Region hinaus gedrängt. Im Juli 2013 ruft Umarow seine Anhänger auf, die „satanische“(7) Olympiade in Sotschi „mit allen Methoden, die Allah zulässt“ zu verhindern.(8)

Vor diesem Hintergrund erweist sich die alte Leier, von wegen „die äußeren Feinde Russlands“ zögen an den Drähten, als großrussisch-paranoider Unfug.(9) Eine andere gute alte Verschwörungstheorie, der FSB inszeniere die Anschläge aus politischem Kalkül oder als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, sind freilich nicht ohne Grund in der Welt: hat sich doch der Geheimdienst 1999 mindestens ein mal, in Rjasan, dabei erwischen lassen.(10) Doch wäre so was heute erstens nicht nötig und zweitens sind die Tschekisten nicht so hirnlos, dass sie dabei selbst drauf gehen.

In diesem Paranoia-Storm gibt es allerdings mehr erwähnenswerte Konstruktionen. Die Anschläge wären eine Art Vergeltung für die Syrien‐Politik des Kremls. Moskau hält bekanntermaßen zu Assad und die Verhinderung der UNO-Resolutionen und militärischer Intervention wird im Lande als diplomatische Stärke angesehen.(11) Die Verbindung zwischen dem Kaukasischen Emirat und einflussreichen Gruppen im Nahen Osten und in den Staaten des Persischen Golfs lässt sich zwar nicht leugnen, mündet in diesem Kontext allerdings in das Gerede vom „islamischen Projekt, das von außen aufgezwungen wird“.(12) Man muss es aber nicht mehr „von außen aufzwingen“

Hier hat sich das russische Außenministerium zu etwas Ungewöhnlichem hinreißen lassen. Am 30.12.2013 verurteilte es im harschen Ton – und gegen die traditionell gepflegte Freundschaft zu Hamas – Anschläge in Wolgograd, in den USA, in Syrien, im Irak, Libyen, Afghanistan und Nigeria, die „nach einheitlichen Muster organisiert und von denselben Personen inspiriert sind“.(13)

So äußerlich ist diese Islam‐Sorte Russland nicht. Ich könnte zwar auf einen „öffentlichen Intellektuellen“, einen bedeutenden Eurasisten, Mitglied des Islamischen Kommittes Russlands und des Popular Arab and Islamic Congress, einen Mitbegründer der „Linken Front“ (sic!), der gerne den globalen Djihadismus für den zeitgemäßen Leninismus erklärt, nämlich auf Geydar Dzhemal verweisen. Doch die Anschläge von Wolgograd führten einen neuen Akteur‐Typus auf die Bühne: den so genannten „slawischen Wahhabit“, der womöglich von der „russischen Seele“ etwas offenbart, was die Damen und Herren Eurasisten nicht gerne gesehen hätten. Dmitry Sokolow, der mutmaßlich hinter dem Anschlag am 21.10.2013 stand, und Pawel Petschjonkin, für die Explosion im Bahnhof am 29.12.2013 verantwortlich, überfordern gerade die russische Öffentlichkeit. Es wäre sicherlich immens wichtig, dieses Phänomen psychologisch zu sezieren, würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen. Es wäre die Aufgabe der russischen Linken, die kein clowneskes Anhängsel der Gesellschaft mehr sein will. Dennoch scheint mir, dass nach über 20 Jahren chauvinistisch-patriotischer Erziehung, nach der aggressiven Klerikalisierung des Bildungswesens und des Kulturbetriebes, nach gesetzlich verordneter Homophobie und patriarchalem Familienbild, nach katastrophischer Verbürgerlichung und Individualisierung der Gesellschaft, traditionellem Antiliberalismus und Antiamerikanismus, das irre gewordene Subjekt sich auf die Suche nach Halt und Geborgenheit begibt und sie in Hass auf das „Andere“, Mord und Tod findet. „Der Islam als seelische Zuflucht der deformierten Überflüssigen: Nur so ist zu erklären, warum gerade in Zeiten der Krise diese Religion im Westen wie im Orient einen Zulauf hat wie keine andere“.(14) Der „russische Islamist“ wäre demzufolge das komplementäres Gegenstück zum brutal mordenden und „für die weiße Rasse“ in die Hölle des Gefängnis‐Systems absteigenden russischen Neonazi; genau wie dieser ist er das authentische Kind der Verhältnisse.

Die hämischen Rufe von rechts, dass Petschjonkin kein Russe, also kein Slawe, sondern Marijer oder Tatare war, werden nichts daran ändern – ein „Russländer“ war er allemal. Insofern auch kein Machwerk böser, dunkler Mächte, die das ansonsten perfekte Land in den Abgrund stoßen wollen.

Schauen wir uns an, was passiert. Seit Jahren zeichnen sich zwei grundlegende Tendenzen in der russischen Gesellschaft ab: die zunehmende Unsicherheit infolge der wirtschaftlichen Rezession und eine Fremdenfeindlichkeit, die sich in allen Schichten breit macht. Nach dem kurzen, durch hohe Ölpreise auf dem Weltmarkt bedingten Aufblühen der Wirtschaft stellt sich das Gefühl ein, dass diese oft mit der Epoche Breschnews verglichene Stabilität nun zu Ende ist. Oktober 2013, bereits nach den Ausschreitungen in Birjulewo,(15) unterstützten 66% der Bevölkerung die Parole „Russland den Russen“, 70–80% können durchaus als xenophob bezeichnet werden. Immer mehr Menschen glauben, dass man den Aufenthalt von KaukasierInnen, ChinesInnen und ZigeunerInnen in Russland einschränken müsste. Der Chef des Lewada‐Zentrums, Lew Gudkow, erklärt es mit der verdrängten Aggression: Unmöglichkeit, den erwünschten Lebensstandard zu erreichen, das Ausgeliefertsein gegenüber der Willkür der Behörden, Mangel an Perspektiven – der Zorn wendet sich gegen die Gastarbeiter. Die staatlichen Institutionen verlieren allmählich ihre Legitimität, was Gudkow zum Schluss bringt, dass es gegebenfalls sehr leicht zu einer unkontrollierbaren Gewaltwelle kommen kann.(16) Was nicht zuletzt für den Hass auf KaukasierInnen konstitutiv ist, ist allerdings das sichere, aber verdrängte Wissen darum, dass der Krieg im Kaukasus nicht gerecht ist. Das Lewada‐Zentrum spricht davon, dass die Gesellschaft dissoziiert und innerlich zerfällt.(17)

Es ist bezeichnend, dass die Linke dazu nichts Vernünftiges zu sagen hat. Wenigstens da hat die verfemte Linke die Gelegenheit zu beweisen, dass sie ebenfalls ein echtes Kind ihres Landes ist. So äußern sich rabkor.ru und sensus novus, beide rosa‐rote Analyse‐ und Nachrichtenportale, dazu gar nicht. Die Konföderation revolutionärer Anarcho-Syndikalisten, die den Aufständen des „Arabischen Frühlings“ Islamismus und Gegenrevolution immer leidenschaftlich nachwies, bekommt nicht einmal ein laues „arbeitende Menschen als Kanonenfutter für Kapitalisten blabla“ raus. Ihre nicht weniger unappetitliche Abspaltung, die MPST, schürt wenigstens die Verschwörungstheorien und weiß an die Geschehenisse in Rjazan 1999 zu erinnern.(18) Die autoritäreren GenossInnen schweigen ebenfalls. Die umtriebig‐ aktivistische Autonome Aktion entblödete sich nicht einer pubertären Diskussion über Sinn und Unsinn des revolutionären Terrors und wie der Islamismus die revolutionäre Gewalt diskreditiert.(19) Wer allerdings noch Worte findet, zeigt sich mitten in der vorherrschenden begriffslosen Hysterie wenigstens als sprachlich begabt, so z.B. die trotzkistische (CWI) Russlandische‐Sozialistische‐Bewegung: „Das Regime Putin kam an die Macht unter der Parole der ‚Wahrung territorialer Integrität Russlands.‘. Aber nach Jahren voller blutiger Ereignisse sind wir in der Situation, wo von der ‚Einheit‘ des Nordkaukasus mit dem restlichen Russland, außer der territorialen, keine Rede sein kann. (…) Faktisch, das Resultat zweier Jahrzehnte des ‚Kampfes gegen Separatismus‘ ist die Zunahme der Stimmungen im Zentralrussland für die Abtrennung nordkaukasischer Republiken (…). Diese Tendenzen machen der Regierung offensichtlich so viele Sorgen, dass diese es für nötig hielt, ein Gesetz zu verabschieden, welches die Strafe für separatistische Propaganda verschärft“. Was als eine treffliche Feststellung anfängt, muss traditionsbewusst in einem Plädoyer für das Selbstbestimmungsrecht der Völker enden.(20)

Die radikal pro‐separatistischen Positionen, wie einst von der Assoziation der anarchistischen Bewegungen (ADA) vertreten – alles, was das Imperium zersetzt, müsse unterstützt werden; der immer währende koloniale Krieg müsse zum Bürgerkrieg gemacht werden, aus seiner sozialen Komponente würde sich alsdann die Revolution entwickeln(21) – vertritt niemand mehr. Die Zeit, wo man sich so etwas überhaupt noch hätte denken können, ist vorbei. Das damals naiv erhoffte revolutionäre Subjekt ist dabei, selbst den Gedanken an Menschlichkeit abzuschaffen. Was aber seitdem immer noch da ist: eine müde, zertrampelte Gesellschaft und ein Staat, der nicht mehr anders kann als sich eifrig zu delegitimieren und auf seinen Zerfall hin zu arbeiten. Daher steht die schmerzhafte Frage immer noch im Raum: wann ist es so weit und was passiert dann?

Anmerkungen
1) Stanislaw Apetjan registrierte anlässlich des „ersten“ Anschlags in Wolgograd, dass die russische Öffentlichkeit weit kühler darauf reagierte als z.B. auf den Anschlag in Boston: http://vz.ru/opinions/2013/10/21/655931.html
2) So der Chef des soziologischen Forschungszentrum Lewada Lew Gudkow in einem Interview über Xenophobie und Pogromstimmungen: http://www.levada.ru/25-10-2013/glava-levada-tsentra-rossiya-nakhoditsya-v-predpogromnom-sostoyanii-vopros-lish-gde-rvane
3) Alex Gerschanow im Radio Komsomolskaja Prawda: http://www.kp.ru/online/news/1624341/
4) Sein Lebenswerk wurde bezeichnenderweise von anderen zentrifugierenden Provinzen des sowjetischen Imperiums gewürdigt: so wurden Straßen, Alleen u.Ä. in Riga, Vilnius, Warschau, Lwiw und Goražde nach ihm benannt.
5) Jetzt regiert sein Sohn, Ramzan, der für das Regime Putins bei den Präsidentschaftswahlen 2012 auch mal 99,7% der Stimmen organisieren konnte. Im verwüsteten und um ein drittel der Bevölkerung gelichteten Tschetschenien!
6) So werden z.B. in Dagestan systematisch sufistische Scheichs ermordet: im Oktober 2011, August 2013, August 2013, um nur einige zu nennen. http://lenta.ru/news/2013/08/04/killed/
7) Als gäbe es nicht weit vernünftigere Gründe, diese Olympiade als „satanisch“ zu bezeichnen.
8) http://www.chaskor.ru/news/doku_umarov_prizval_boevikov_sorvat_olimpiadu_v_sochi_32726
9) Gerne beschäftigt man sich mit dem Kampf gegen den alten Erz-Feind Amerika und seine alles Gute zersetzenden Werte, ist man doch (fast offiziell) der letzte Verteidiger der eurasischen Kultur gegen den atlantischen Modernismus. Politiloge Sergej Markow dazu: „All diese Anschläge sind sowohl die Vorbereitung zu den Terroranschlägen auf die Olympiade, als auch ein Versuch, eine Absage verschiedener Länder der Teilnahme an olympischen Spielen in Sotschi zu provozieren. So landeten McCain, unsere Terroristen und radikale Opposition im selben Lager. Das ist kein Zufall, was sie eint ist die Russophobie“. Lässt man Herrn McCain aus, wird hier unter Anderem pro-westlicher Liberalismus für russophob erklärt. http://actualcomment.ru/theme/2854 Der hier bereits zitierte Experte, S. Apetjan kommt zu spannenden Schlüssen: „Ach ja, in autoritären Staaten mit Einparteien-Systemen ist die Anzahl der Terroranschläge wesentlich geringer als in Demokratien (das ist, für alle Fälle, aus der jüngsten Studie des American Journal of Political Science). Na, lasst uns installieren?“ http://actualcomment.ru/daycomment/1129/ Auch hier ist der Wunsch der Vater des Gedanken.
10) Zumindest die darauf folgende Anschlagserie in Moskau, Wolgodonsk und Bujnaksk diente als Anlass zur 2. Tschetschischen Kampagne. Vgl. „Blowing Up Russia“ (2007), einer der Autoren ist übrigens Alexander Litvinenko, darf ich erinnern?
11) Neben der routinierten Hetze gegen Liberale und die „kreative Klasse“, wird die saudische Spur vermutet. „…die Sicherheit der Olympiade in Sotschi hängt von der Position Russlands in der syrischen Frage. Wie bekannt ist, haben wir Syrien abgetrotzt“. http://www.vz.ru/columns/2013/12/30/666601.html
12) So der „Militärexperte“ M. Schurygin: http://actualcomment.ru/theme/2854
13) http://www.mid.ru/brp_4.nsf/newsline/C4417D6FEFDC741344257C51004A36AB
14) Natascha Wilting: „Die Lust an der Unlust oder warum der Islam so attraktiv ist“, in: Mit Freud, Renate Göllner und Ljiljana Radonic (Hg.), Freiburg, 2007
15) Ich verweise gerne an Ute Weinman, „Mit Füßen gtreten“, in: Jungle World Nr. 43, 24.10.13; oder http://utka.noblogs.org/post/2013/10/25/mit-fusen-getreten/
16) http://www.levada.ru/02-12-2013/intervyu-na-porokhovoi-bochke
17) http://www.levada.ru/12-11-2013/svoi-chuzhie-i-raspad
18) http://mpst.org/socialnye-problemy/rossiyskie-vlasti-i-borba-s-terrorizmom/
19) http://avtonom.org/freenews/o-terrorizme-0
20) http://anticapitalist.ru/analiz/diskucsii/myi_vse_%E2%80%93_zalozhniki_kolonialnyix_kompleksov_vlasti.html#.Us7n6vHztTM
21) Siehe dazu z.B. Pjotr Rauschs „Den Krieg wollen nur die Politiker“: http://liberadio.noblogs.org/?p=593

Veröffentlicht unter Geschireben | 22 Kommentare

Von der Einheit der ukrainischen Nation

von Shiitman

Dies ist der zweite Abdruck aus dem Heft 1/2014. Wer es nicht bekommen hat, soll sich melden. Irgendwann bekommt man auch eine Antwort, versprochen!

Die bei den Liberalen so beliebte Rhetorik „der Einheit und Konsolidierung der Nation“ ist genau so schädlich und gefährlich, wie die offen nazistische Rhetorik der „Swoboda“, wie die imperiale Nekromantie der „russischen Welt“.
Gerade das unüberwindbare Schisma zwischen den ukrainischen Rechten rettet uns in vieler Hinsicht vor jenem Niveau der Reaktion, die gerade Russland überflutet. Haben einmal die Anhänger Stalins und die Banderas aufgehört, einander die Kehlen durchzubeißen, werden sie uns doppeltem Enthusiasmus uns an die Gurgel springen. Haben pro-ukrainische und pro-russische Faschos ihre Reibereien beigelegt und auf die für einander beleidigenden Symbole einmal verzichtet, werden sie sich im Kampf für Traditionelle Werte und einen Starken Staat ekstatisch vereinigen. Haben Bischöfe des Kiewer und des Moskauer Patriarchats ihre Fehden einmal vergessen, werden wir uns endgültig vom Säkularismus verabschieden müssen. Haben die Gespenster der Galizischer Division SS und Sperrtrupps des NKWD einmal aufgehört, einander in ihrem ewigen und sinnlosen Ringen zu schinden – wird dieses vereinigte Vampirenheer uns heimsuchen.
Bei all meinem Hass auf Nazis – ich fühle mich viel sicherer, wenn sie offen unter dem Hakenkreuz oder dem Imperialbanner auftreten, wenn sie Fackelmärsche für Bandera oder die UPA (Ukrainische Aufständische Armee) veranstalten, als wenn sie sich auf blau-gelbe Fahnen und das Singen der Nationalhymne beschränken. Solange Anarchisten schwach und zersplittert sind, ist uns alles günstig, was die Einheit der Reaktion schwächt: sowohl ökonomisch, als auch politisch oder kulturell. Wir begrüßen jegliche zentrifugalen Kräfte.
Die wirkliche Einheit des Landes ist der ewige Janukowytsch mit Irina Farion als Ideologin, es ist der ukrainisirte Dmytro Tabatschnyk, der Studentenschädel auf der Suche nach einem echt-slawischen abmisst, es ist der zweiköpfige und vierarmige Patriarch, der jeden Park mit einer kleinen Kirche und jedes Klassenzimmer mit einem Kruzifix schmücken wird, und wer’s nicht mag, dem wird das Grab geschmückt; die Einheit des Landes ist die durch die Einheit von Regierung und Oligarchat garantierte langjährige politische Stagnation, es ist das Lynchen von Drogenabhängigen und LGBT, es ist die gesetzlich verordnete Xenophobie, es ist der 12-Stunden-Arbeitstag und Streikverbot, es ist all das, wovon gleichermaßen die Regierung und die Opposition träumen.
Es gibt nichts Schrecklicheres für die Ukraine als die „nationale Einheit“. Ausgerechnet die Zersplitterung und Zerwürfnis retten das Land davor, auch zu jenem braunen Sumpf zu verkommen, zu dem Belarus und Russland bereits geworden sind.
Tod der Nation! Hoch lebe der Feind! Смерть нації! Слава ворогам!
http://nihilist.li

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Von der Einheit der ukrainischen Nation

Vorläufiges und Verspätetes zur Ukraine

von Seepferd

 

ZACHEDRYNSKIJ Und ich sage, das ist ein schlechtes Zeichen. Solange sie auf dem Weg waren, gab es ein Gleichgewicht in der Natur. Naja, vielleicht nicht in der Natur, aber in Russland. Sie wollten und wollten wegfahren, aber sie fuhren nicht weg. Aber jetzt, wo sie wegfahren, heißt es, dass irgendwas passiert.

TSCHELSOW Was?

ZACHEDRYNSKIJ Das ist es ja gerade, dass wir das nicht wissen. Aber es passiert ganz sicher was.

TSCHELSOW Steht was in der Zeitung?

ZACHEDRYNSKIJ Natürlich. In Australien hat man ein außergewöhnlich kleines Straußenei gefunden.

TSCHELSOW Das meine ich nicht, ich meine die Politik.

ZACHEDRYNSKIJ Auf dem Balkan ist es irgendwie ungewiss.

TSCHELSOW Und was ist mit diesem Kometen?

ZACHEDRYNSKIJ Sie meinen den Halley? Der kommt näher.

TSCHELSOW Das gefällt mir nicht.

 

Liebe auf der Krim“, Sławomir Mrożek

 

 

 

1.

Was in der Ukraine zur Zeit passiert ist allgemein bekannt. Nur verstehen tut das niemand, nicht ein mal die Menschen, die mitten in dieser Ungewissheit und Unübersichtlichkeit doch noch weiter leben und handeln müssen. Noch im Herbst 2013 konnte man mit Sicherheit sagen, die Lage sei gespannt, die Wirtschaft am Arsch, die Politik – selten so deutlich wie in der Ukraine damals – ein Zirkus, der von der Bevölkerung nur noch mit genervter Apathie wahrgenommen wird. Aber mehr nicht. Bekanntlich krachte es dann im November in Kiew nach dem bereits erprobten Muster der „Orangenen Revolution“, nur mit deutlich aggressiveren, nationalistischen Untertönen. Die friedlichen, eben in der glorreichen ukrainischen Tradition der Masseninszenierungen auf dem Maidan, sich eher auf die symbolische Politik beschränkenden Proteste hätten vermutlich eher früher als später allmählich aufgehört, hätte die Spezialeinheit der Polizei „Berkut“ die Versammlung am 30. November nicht brutal angegriffen – um die Aufstellung eines Tannenbaums für den Silvester zu ermöglichen. Das war tatsächlich der Punkt, wo es nicht nur für den militanten Arm der Nationalisten – diese hatten sich lange davor noch auf eine Konfrontation vorbereitet – an der Zeit war, sich zu Wort zu melden, sondern auch für alle Demokratiebewegten, die der postsowjetischen Misere überdrüssig waren, die Selbstdiskreditierung der Regierung Janukowitsch zu nutzen und die Machtfrage zu stellen.

 

Die Schilderung der nachfolgender Geschehnisse ersparen wir uns, darüber wurde zur Genüge berichtet. Man wusste aber nicht – oder andererseits, wusste man unwissenderweise sehr wohl – wie man auf jenen makabren Zusammenschluss von Demokraten und Neonazis zu reagieren hätte, vor allen unter den erklärten Feinden des Bestehenden. So richtig es war, dass die Neonazis auf dem Kiewer Maidan als stärkste und am meisten organisierte Kraft die führende Rolle übernahmen und hohe und wohlwollende Aufmerksamkeit – vor allem auch westlicher – Medien genossen, so richtig ist es ebenfalls, dass es woanders, z.B. in Charkow oder im Osten des Landes durchaus anders war. Ebenfalls richtig war es auch, dass auch in Kiew die progressiven / linken (wenn auch die gemäßigten, sozial-demokratischen) Kräfte präsent waren und den Neonazis ihre Hegemonie strittig gemacht haben. (1) Die notwendig ideologische Beschränktheit der Proteste lässt sich nicht leugnen – sie ist in der Geschichte des Landes, im daraus resultierenden verkrüppelten Zustand ukrainischer Linken begründet. Es stimmt wohl, die meisten Menschen gingen auf die Straße nach einem langen, zwangsverordneten lethargischen Schlaf, für – nicht mehr und nicht weniger – einfach ein gutes Leben. Dass dieses Leben in einer postsojewitscher, chronisch krisenhaften Gesellschaft sich immer noch auf eine „gut funktionierende Marktwirtschaft“ und „einen demokratischen Staat“ reimen soll, dürfte doch bekannt sein – das wäre zumindest anzunehmen. Aber anscheinend doch nicht. Dies hier soll kein Plädoyer für eine Querfront-Politik sein. Wie schnell jedoch die deutschen „Radikalen“ die progressiven Kräfte in diesem tragischen Schlamassel aufgegeben haben, ist bezeichnend. (2) Ja, der Kommunismus wird das nicht so schnell, die kleinen Lenins dürfen ihre Köfferchen wieder auspacken und abwarten, wann sie endlich mit Triumph ins Land einreisen dürfen.

 

2.

Das Krim-Referendum vom 17. März 2014 erschwerte die Lage in vielfacher Sicht. Die Halbinsel Krim, nicht weniger multinational als der Rest der Ukraine, wurde vorsichtshalber von russischen Streitkräften, die die ominösen Selbstverteidigungsmilizen der russischen Bevölkerung in der Region gespielt haben unter Beteiligung der zu dem Zeitpunkt in der (West-)Ukraine bereits aufgelösten Berkut-Einheiten, annektiert. (3) Selbstverständlich, hatte die Annexion nichts mit dem Schutz der russischsprachigen Bevölkerung zu tun, die Militärbase hätte Russland auch so behalten dürfen (außerdem nützt sie aus weltpolitischer Sicht nicht viel, weil die Türkei am Bosporus sitzt). Warum also der Kreml sich auf dieses mittelfristig wirtschaftlich und politisch ruinöses Abenteuer eingelassen hat, ist nicht ersichtlich. (21) Die Halbinsel ist größtenteils finanziell wie infrastrukturell von der Ukraine abhängig, sollte der Konflikt weiter auf dem Rücken der Krimbevölkerung ausgetragen werden, kann man sich sicher sein, das Tourismusgeschäft wird der Krim nachhaltig vermasselt. Man kann natürlich eine Pipeline und eine Brücke von Sotschi zur Krim bauen, sprich noch so eine ertragreiche „Umverteilung“ des staatlichen Budgets wie der Bau der Einrichtungen für die Olympischen Spiele anstoßen. Deswegen lässt man jedoch so dreist die Waffen nicht klirren. Die Diskussionen, wann und wem und vom wem die Krim „geschenkt“ wurde, sind schlicht Unfug.

 

Die Gründe werden, zum Einen, geopolitischer Natur sein: es ist nicht wirklich eine Reaktion auf den Nato-Vorstoß gen Osten (denn die Ukraine kooperiert mit der Nato bereits seit 1997), aber sehr wohl eine präventive polizeiliche Maßnahme gegen mögliches Umschlagen der nationalistischen Proteste in soziale und deren Ausbreitung auf dem russischen Territorium. Zum Anderen – offensichtlich hat Moskau innenpolitisch wieder mal einen „kleinen glorreichen Krieg“ wie den in Tschetschenien und Südossetien nötig. Im Zweifelsfall die Unzufriedenheit und Unsicherheit der Bevölkerung in Chauvinismus und postsowjetischen Revanchismus umlenken und das Ansehen der Staatsmacht sichern – das hat in Russland immer wieder funktioniert und wird vermutlich noch lange so funktionieren. Interessanterweise hat diese Finte außer der konservativen, „pseudo-monarchistischen“ auch eine „linke“, neo-stalinistische Seite, die sich naiverweise die Wiederherstellung der UdSSR verspricht. (4) Und sieh an, es funktioniert: die aktuelle Entwicklung im Osten der Ukraine schweißt „das Volk“ tatsächlich um den Kreml zusammen. (22)

 

Die Bevölkerung der Krim hat sich angeblich mehrheitlich für den Beitritt zu Russischen Föderation ausgesprochen. Es ist wiederum nicht ganz klar, was jetzt mit den dort lebenden UkrainerInnen sein soll. Die Krim-Tataren jedoch haben alle Gründe den russischen Staat nicht zu mögen, in der ansonsten sehr friedfertigen muslimischen Gemeinde auf der Krim macht sich mittlerweile der Djihadismus breit und ertönen Hilferufe an den tschetschenischen „Emir“ Doku Umarow. (23) Dass die meisten Krim-RussInnen weg vom ukrainischen Staat und hin zum russischen wollen, ist nicht verwunderlich. Vor die Aussicht gestellt, am Rande der kriselnden EU etwa als neues Rumänien oder Bulgarien zu vegetieren, entscheiden sich viele für das autoritäre, aber scheinbar wirtschaftlich stabilere Russland. Ob das wirklich so stimmt, spielt anscheinend bei solchen national-affektierten Entscheidungen wohl keine Rolle. Der Staat verteilt gerne medienwirksam russische Pässe, bildlich gesprochen – praktisch direkt von den Schützenpanzerwägen, wie er das schon mal in Südossetien und Abchasien tat. Die ethnisch russischen Flüchtlinge aus Kasachstan, baltischen Staaten und anderen ehemaligen Sojewtrepubliken dürfen weiter darauf warten. Russland hat keine Ahnung, was es eigentlich mit der Krim soll. (5)

 

Aber ein Prozess in der ukrainischen Gesellschaft, der nicht unwichtig ist, wurde durch das (para)militärische Eingreifen Russlands verhindert: der, der mit dem aus der Theologie entliehenen Begriff „Lustration“ (6) bezeichnet wird. Die Auseinandersetzung mit den illegalen Machenschaften und Verstrickungen der vorherigen Regierung, die sehr wohl in der Diskussion war, der sich die wie auch immer rechts-konservativ gebärdende neue Regierung stellen müsste, ist jetzt weg vom Fenster. Mit den Verschwundenen, Hingerichteten, mit all den Leichen, die man während dieser Tage in den Wäldern fand und noch finden wird, wird man sich noch Jahrelang beschäftigen müssen. Jetzt aber hat die rechtsextreme Minderheit tatsächlich eine gute Chance, ihren antirussischen Chauvinismus empörten und erschrockenen BürgerInnen schmackhaft zu machen, alles andere sind Kollateralschäden der „nationalen Revolution“.

 

3.

Bezeichnend scheint mir das besagte Referendum auf der Krim auch in anderer Hinsicht. Schon klar, die Weltöffentlichkeit ist empört, die anständigen DemokratInnen waren sich für die Unterstützung das Krim-Referendums zu schade usw. usf., jedoch um mal die leidige Frage aufzuwerfen, ob ohne Putin aus der Ukraine ein faschistischer Staat geworden wäre oder nicht: es fanden sich unter den Wahlbeobachtern sehr illustre Herrschaften. Das geballte Ekel der rechtspopulistischen und offen faschistischen europäischen Parteien war anwesend und fand an der Trennung der Krim von der Ukraine interessanterweise nichts Verwerfliches. FPÖ, Forza Italia, Jobbik, Ataka, Vlaams Belang, polnische SPR, Plattform für Katalonien – die europäischen Faschos und Rechtspopulisten ließen ihre Kameraden vom Rechten Sektor außenpolitisch im Stich. (7)

 

Es ist hier nicht der richtige Ort, sich penibelst mit der Frage zu beschäftigen, worin denn der ukrainische Nationalismus bzw. Neonazinsmus besteht. Während der parlamentarische Arm der Bewegung, die Swoboda-Partei, ehemals die Sozial-Nationalistische Partei der Ukraine, wird gezwungen sein, in der Regierung zu huschen und sich in wenigstens an die rechts-konservative, aber eben nicht offen faschistische Parteien wie Fidesz anzupassen, gibt es noch den militanten Arm, den losen und schlecht koordinierten „Rechten Sektor“ und den Schläger-Trupp der Swoboda, „C14“. Es ist überhaupt noch ungewiss, was demnächst mit der Swoboda in der Regierung und im Parlament geschieht: entweder werden sie sich mäßigen (und damit wäre nicht gesagt, so was wie Fidesz oder Front National an der Macht wären irgendwie schön), oder – sie werden „gegangen“ und entsorgt, denn der völkische Nationalismus ist in der Ukraine in dieser Form nicht möglich, wollen die Herrschaften weitere territoriale Verluste nicht hinnehmen. Es ist allerdings anzunehmen, sehr lange werden sie, wie überhaupt die neue, am 25. Mai gewählte Regierung Poroschenkos, an der Macht nicht bleiben. Die Wirtschaft ist marode, wer auch immer da gewählt wird, zieht die Arschkarte, weil die Regierung die „neoliberale“ Agenda wird durchpeitschen müssen. Nach dem „Euromaidan“ wird das ohne Weiteres nicht mehr möglich sein. (24)

 

Der „Rechte Sektor“, in dem u.A. der paramilitärisch agierende Trupp UNA-UNSO aufgeht, gibt es indes immer noch, sie werden den „anständigeren“ PartnerInnen im Parlament ihren neoliberalen Wandel nicht verzeihen. Das sieht man bereits jetzt an den weiteren Versuchen, die Proteste gegen die Rada, und gegen die darin sitzenden Mitglieder der Swoboda anzustacheln. (8) Die Liquidation von Olexandr Musytschko aka Saschko Bilyj macht’s deutlich, in welche Richtung die Reise für viele „konservative Revolutionäre“ gehen wird: es ist die russischen 90er Jahre, auf fast forward durchgespult. Wer sich in einer wilden Zeit mit der Waffe in der Hand an der Umverteilung (sei es von Macht oder vom Reichtum) beteiligt, aber danach nicht einknicken will und somit die Stabilisierung des kapitalistischen Normalzustands stört, darf die Rädischen von unten anschauen. (9) Der ukrainische Staat kommt wieder zu sich und will sein Gewaltmonopol zurück. Die Ernennung Igor Grintsewitsch zum Chef der Kiewer Polizei signalisiert ganz deutlich, dass der neue alte ukrainische Staat zwar nicht auf faschistischen Bajonetten, aber sehr wohl auf Polizeiknüppeln im Rektum aufgebaut wird. (10)

 

Andererseits sollte man den „Rechten Sektor“ nicht zu früh abschreiben. Die „Kommunistische“ Partei der Ukraine z.B. meldete vor Kurzem, dass zwei von ihren Aktivisten in Volynien entführt und gefoltert wurden (11). Man sollte nicht davon ausgehen, dass die Gewalt gegen Linke und Maidan-Aktivisten jemals aufgehört hat oder aufhören wird. Sollte sich Russland irgendwann mal entschließen, auch andere Teile der Ukraine in Krim-Manier zu annektieren, wird der paramilitärische Trupp seine Erfahrungen aus den georgisch-ossetischen, tschetschenischen und transnistrischen Konflikten endlich wieder in der Praxis anwenden. Bzw. genau das passiert jetzt mit der ukrainischen Nationalgarde, wo viele Neonazis in den Reihen der regulären Sicherheitskräfte „ihre Heimat“ gegen die Separatisten verteidigen dürfen.

 

4.

Man weiß offensichtlich nichts mit Russland in diesem ganzen Schlamassel anzufangen: verhindert es gerade eine Installation eines vom Westen gelenkten faschistischen Staates, stoppt endlich Umgestaltung der Welt nach US-Amerikanischen Wünschen, ist Putin ein neuer Hitler und Krim sein Sudetenland? Oder eher Stalin und immerhin „Cпасибо, союзники!“, nicht wahr? Wir sind zwar in der Postmoderne und sie schlägt bekanntlich auf das Gehirn, aber irgendwo hat’s auch seine Grenze. Ich glaube, hier diese wahnhaften Projektionen eine nach der anderen nicht zerpflücken zu müssen. Dazu seien jedoch ein paar Worte gesagt.

 

Weder ist Russland eine sozialistische Republik, die die Revolution in die Welt exportiert, noch ist es faschistisch. Jedenfalls nicht faschistischer als Ungarn oder Kasachstan, denn die „souveräne Demokratie“ ist nicht besonders demokratisch, dafür aber sehr souverän. Begriffe wie Bonapartismus treffen die Sache vielleicht doch am ehesten: die Exekutive mit einem charismatischen Führer an der Spitze macht die Politik, die Bourgeoisie macht ihre Geschäfte und hält ihr Maul, das Pöbel wird um eine nationale Idee mobilisiert. Es ist ein kapitalistischer, chronisch kriselnder Staat, der permanent großrussischen Chauvinismus und neostalinistischen Revanchismus schürt und versucht, seine Untertanen so permanent auf Trab zu halten. Es ist ein Staat, der im großen Stile Ausgaben für Soziales und Bildung kürzt und die Gesellschaft klerikalisiert und militarisiert, sich gerne als Großmacht gebärdet, die die verhassten USA und die gottlose „sodomitische“ EU herausfordert. Die Krim-Annexion ist ein willkommener Anlass, diese Prozesse noch ein mal zu intensivieren. Es ist ein Staat, der vieles, wovon die ukrainische Swoboda bislang geträumt hat, längst verwirklicht hat – mit dem Unterschied, er wurde nicht von faschistischen Progrommobs kreiert, sondern kreierte sich seine Pogrommobs selbst. (12) Die aktuelle patriotische Berichtserstattung in Russland und der großrussische „Antifaschismus“ der „öffentlichen Meinung“ legen den Verdacht nahe, eine Epidemie des Rinderwahnsinns sei unter Menschen ausgebrochen. (13)

 

Wie dem auch sei, in absoluten Zahlen geht es der russischen Bevölkerung besser als der ukrainischen, das wird auch der Grund für Sympathien in der ost-ukrainischen Regionen oder auf der Krim für diesen unsäglichen Anschluss sein. (14) Jedoch perspektivisch ist es genau umgekehrt: die Reallöhne entwickeln sich in der Ukraine schneller, was vermutlich an den stärker entwickelten bürgerlichen Institutionen liegt. Das Schreckgespenst der „Orangenen Revolution“ ist zwar den Machthabern Russlands auch ein Begriff, der Block von Julia Timoschtschenko wurde mittels solcher Unruhen erstmals 2004 an die Macht gespült und das haben die ukrainischen Eliten nicht vergessen. (15) Außerdem sind die ukrainischen Eliten offensichtlich nicht fähig, sich zu konsolidieren, daher sind die sozialen Protesten und Arbeitskonflikte immer noch erfolgreicher als beim „großen slawischen Bruder“. Dies gelte es gegen diesen „Bruder“ zu verteidigen, mit den eigenen Nazis werden die UkrainerInnen, und die Leute, die sie damit nicht im Stich lassen und den antifaschistischen Kampf an Russland delegieren, selbst fertig. (16)

 

Eine sehr erfreuliche und zugleich dramatische Entwicklung ist der erstarkende Arbeitskampf der Bergleute und IndustriearbeiterInnen im Osten. Während das, was sich ukrainische Linke schimpft, Geldscheine mit „regierungsfeindlichen“ Beleidigungen beschmiert und zusammen mit russischen ChauvinistInnen im April linke Studenten jagt – ja, so sieht der „bewaffnete Untergrund“ der „Borot’ba“ aus (25), formiert sich langsam eine Streikwelle sowohl im Westen als auch im Osten. Es scheint, die führende Rolle wird von den Bergleuten im Osten gespielt, die im Grunde für den unitaristischen ukrainischen Staat eintreten (den es nicht mehr geben wird) und den Rückzug der ukrainischen Strafexpedition aus dem Osten sowie einen Stop der russischen Expansion fordern. Das stößt bei pro-russischen Separatisten auf wenig Begeisterung, können die Bergleute die gesamte Industrie des Landes lahmlegen (26), weswegen die streikenden Betriebe belagert und Gewerkschafter entführt werden. (27) Dass außerdem keine defensiven, wie z.B. die Lohnschulden bei der Belegschaft zu begleichen, sondern klare offensiven Forderungen gestellt werden, wie den Lohn ums Zweifache anzuheben, Arbeiterselbstverteidigungsmilizen (wie in Mariupol‘) zuzulassen, wobei der Dienst in den Milizen noch bezahlt werden soll, scheint angesichts der Umstände das einzig Anständige zu sein. Noch versuchen die NPGU und ihre Verbündeten so weit wie möglich politisch neutral zu bleiben und erwarten Abhilfe aus Kiew, es ist jedoch sehr gut möglich, dass die Umstände die Basisorganisationen über den reinen Trend-Unionismus hinaus treiben.

 

5.

Ich erlaube mir, eine historische Parallele zu ziehen, obwohl historische Parallelen sehr irreführend sein können. Ende des 18. Jhd. zerstückelten Russland, Österreich-Ungarn und Preußen, die versammelte europäische Reaktion also, den für damalige Verhältnisse durchaus progressiven Staat Rzeczpospolita. Jedenfalls beurteilte Marx die polnische Verfassung von 1791 als „das einzige vom Geiste der Freiheit durchdrungenes Dokument, dass Osteuropa inmitten der russisch-deutsch-österreichischen Barbarei von alleine hervorgebracht hatte“. Freilich, die heutige Ukraine ist nicht das damalige Polen-Litauen und ist wohl alles andere als „das osteuropäische Frankreich“ (17), die Weise jedoch, in der die Ukraine in den Gravitationsfeldern der EU und Russlands zerrissen wird, erinnert mich an die Situation auf jeden Fall. Mit jedem Stückchen Erde, dass sich der autoritäre, offiziell homophobe, soziale Konflikte mit härtesten Repressionen überziehende russische Staat (durchaus im Einvernehmen mit der BRD) sich aneignet, breitet sich die Reaktion in Europa aus. Dies einzusehen erfordert mitnichten einen Beitritt zum Klub der StaatsfreundInnen.

 

Oft hört man Somali-Vergleiche. Ich bin der Meinung, Somali wird das nicht, aber sehr wohl Jugoslawien. Ist das in der Ost-Ukraine noch eine groß angelegte polizeiliche Aktion oder ist es schon Krieg? Damals wollte man auch nicht glauben, dass ein multiethnischer Staat sich mitten in Europa jahrelang hätte zerfleischen können, nur damit es am Ende allen Beteiligten wirtschaftlich noch schlechter ginge. Wie Andrej Nikoloaidis in The Guardian schrieb: “The people in Bosnia were so full of optimism during the first days, even months, of war. Neighbours were saying that the west would never allow it to happen because ‚we are Europe‘. My aunt went to Belgrade, but refused to take her money from a Sarajevo bank. It will be over in a week; we’ll be back soon, she said. President Izetbegovic, in his TV address to the people, said: ‚Sleep peacefully: there will be no war.‘ Well, we woke up after a four-year nightmare“. (28)

 

So unlogisch das klingt, die Situation für soziale Kämpfe in der Ukraine ist so günstig wie nur selten. Nur wer vergreift sich an der schwächelnden Heimat in ihren schweren Stunden? Andersrum: wer trägt den Krieg nach Russland zurück? Es ist momentan niemand in Sicht, der dazu auch nur willig wäre. Der „Friedensmarsch“ am 15. März in Moskau mit etwa 40-50 Tausend Menschen mag vielleicht ein Zeichen sein, dass die Opposition am Bolotnaja Platz (der Name steht inzwischen für den „russischen Maidan“) immer noch sehr präsent ist und trotz Repression nicht aufgegeben hat. Aber es heißt auch nicht mehr als das.

 

6.

War die Annexion der Krim im März der erste Schritt zu einer offenen Konfrontation, gründeten sich wie aus dem Nichts bereits zwei „Volkrepubliken“ im Osten der Ukraine. Freilich sind die Donetsker und die Lugansker Volksrepubliken nicht einfach so aus dem Boden gestampft: pro-russisch ist nur ein teil der Bevölkerung, die anderen zeihen angesichts bewaffneter Rakets vor, das Maul zu halten, die neuen Regierenden werden entweder wie Alexander Borodai aus Moskau zugeschickt, oder sind Vertreter der hiesigen Oligarchenclans wie Oleg Zarjow, die „Volksmilizen“ rekrutieren sich aus Teilen der Berkut-Einheiten, der Polizei und organisierten Kriminalität. (33) Natürlich nicht ohne tatkräftige Unterstützung der Geheimdienste FSB und GRU wird da aus diesen Rakets ein Staat geboren: die DVR und LVR schlossen sich zu Noworossija zusammen. (34) Ob Russland Noworossija als Föderationssubjekt aufnimmt, ist (noch) ungewiss. Solange müssen die „Volksrepubliken“ eigene Staatlichkeit simulieren, Andersdenkende und Zivilbevölkerung allgemein terrorisieren und foltern, ekelhafte Verfassungen verabschieden, wo „Russische Welt“, „russisch-orthodoxer Glaube“, Homophobie und anderer Unfug festgeschrieben werden. (35)

 

Was ist tragischer – die Provokation am 2. Mai in Odessa, der 48 Menschen zu Opfer fielen, oder die andauernden Kämpfe in den abtrünnigen Provinzen? Die Frage, die ich nicht beantworten will. Fest steht nur noch eins: der Staat Ukraine wird wie Jugoslawien nie mehr wieder zusammenwachsen.

 

7.

Nun, die Lage ist heikel und sehr gefährlich, doch nach einer Wiederauflage des 1. Weltkriegs sieht es momentan nicht aus. Die Generalversammlung der UNO hat’s verkackt, nennen wir es beim Namen: die Mehrheit gehörte den Ländern, die sich bei der Annektion der Krim enthalten haben, das ist wohl deutlich genug. Momentan sind alle Parteien, die sich am Konflikt beteiligen (möchten), vorsichtig genug, es Moskau gleich zu tun und ein wenig mit den Waffen zu klirren. Selbst der ruinöser ukrainischer Staat zog seine letzten Kräfte von der Krim ab, was im Prinzip heißt, die Annektion ist selbst von der Ukraine so gut wie akzeptiert. Wahrlich, wenn der Staat Geld von Oligarchen und Bevölkerung schnorrt – in der Manier: „schick eine SMS und überweise fünf Grivna an unsere Armee“ (18) – lässt es erahnen, in was für einem Zustand der Staat und seine Armee sich befinden.

 

Berechtigterweise machen sich andere Nachbarn von Russland Sorgen: die baltischen Staaten bereiten sich auf ein mögliches Kriegsszenario vor (20), Polen sieht jetzt vor eigenen Toren wieder russische Panzer stehen und das kann man Polen nicht verübeln. (29) Eine internationale Brigade, wohl etwas abseits der unentschlossenen NATO, ist jedenfalls angepeilt. (30)

 

Was werden Deutschland, Polen oder Ungarn (31) für ihre Interessen in der Ukraine tun können, ist z.Z. schwer zu sagen. Ebenfalls ist nicht abzusehen, was mit der eh unsinnigen Republik Transnistrien passieren wird: man sammelt Unterschriften für einen Anschluss an die RF, was in Moskau bislang nur wohlwollend belächelt wird. (32) Dass die Ukraine den beiden Mächten, der EU und Russland, sehr teuer sowohl als Rohstofflieferant und Absatzmarkt als auch in geopolitischer Sicht ist, dessen kann man sich sicher sein. Es wäre immens wichtig, aufzuzeigen, wo die Interessen des deutschen Kapitals genau liegen und wie sie umgesetzt werden – der deutsche Staat hat seinen Drang nach Osten selten so offen ausgelebt. Allerdings nur an Stalinitis der Hirnhaut Erkrankten können sich mit dem russischen zu solidarisieren. Worauf es ankommt, ist die wenigen nicht ganz von der Vernunft verlassenen Linken und GewerkschafterInnen zu unterstützen, die sich dem Rechtsruck der gesamten Region entgegenstellen.

 

 

 

30.03.14/30.05.14

 

 

 

 

1) http://openleft.ru/?p=2350

2) Es ist nicht so, dass die Masche nicht längst bekannt ist und erprobt wurde: „Ach, es gibt auch noch Muslimbrüder in Ägypten?! Nee, das ist nicht der Communismus“.

3) Wie die Arbeit der neu entstehenden ukrainischen Regierung (http://dasgrossethier.wordpress.com/2014/02/25/burgerliche-revolution-und-die-diktatur-der-bourgeoisie-in-der-ukraine/), ein wunderbarer Unterricht in Sachen Rechtsnihilismus.

4) Am schönsten drückt diesen Wunsch nach einem Sozialstaat-Sozialismus der nicht unbekannte Oppositionelle Sergej Udaltsow von der „Linken Front“ aus, für den die Annexion der Krim einen Schritt zur Schaffung einer neuen UdSSR bedeutet. http://leftfront.ru/articles/436/ Zum Anderen sind das pro-putinsche Organisationen-Kadaver wie „Naschi“ oder „Sut‘ vremeni“, die die traurigen Demos „Für die Solidarität mit der Krim und gegen den (ukrainischen) Faschismus“ im März veranstalteten.

5) Oder mit so elenden Gegenden wie Transnistrien, das neulich auch zu Russland wollte.

6) http://en.wikipedia.org/wiki/Lustration

7) http://www.pravda.com.ua/news/2014/03/16/7018997/ http://nihilist.li/2014/03/16/evropejskie-natsisty-na-referendume-v-kry-mu/ Es ist wiederum nicht sehr verwunderlich, dass sich Mitglieder der KKE und der Linken zu den Herrschaften gesellten. Dass die Linke von einem gewissen Hikmat al Sabty vertreten wurde, passt hier wieder wie Faust aufs Auge. Außerdem wäre wichtig anzumerken, dass die südlich Pipeline nach Europa durch Bulgarien, Griechenland, Serbien, Italien, Ungarn und Österreich verlaufen sollte – Länder, wo der Rechtspopulismus stark ist und deren Regierungen pro-russisch sind: im ansonsten auch sehr lesenswerten Artikel: http://www.opendemocracy.net/od-russia/anton-shekhovtsov/kremlin%E2%80%99s-marriage-of-convenience-with-european-far-right

8) http://vz.ru/world/2014/3/28/679373.html

9) http://vz.ru/opinions/2014/3/26/678985.html

10) Grintsewitsch, ehemaliger Chef der Polizei im Schewtschenkowsky Bezirk machte sich einen Namen mit Misshandlungen und Folter (u.A. die inzwischen sprichwörtlichen Vergewaltigungen mittels Polizeiknüppel, es gab auch Misshandlungen, die tödlich ausgingen) und Rekrutierung von Schlägertrupps, die gegen die Maidan-Proteste eingesetzt waren. http://nihilist.li/2014/03/17/oblastnuyu-militsiyu-vozglavit-palach-iz-shevchenkovskogo-rovd/

11) http://www.komunist.com.ua/article/27/20579.htm

12) Ich empfehle an dieser Stelle ein kleines Büchlein von Stanislaw Makrelow „Eine Frage des Überlebens“ (Hrg. Ute Weinmann), falls sich jemand einen Einblick in das Funktionieren der russischen Staatlichkeit verschaffen möchte. http://utka.noblogs.org/buch-eine-frage-des-uberlebens/ Über die innigste Freundschaft der Repressionsapparate mit den Rechtsextremen wurde eh genug geschrieben.

13) Was sagt uns das Auftauchen und Pushen solcher Seiten wie predatel.net in Russland, auf denen bekannte „Liberale“ und AnnektionskritikerInnen als VerräterInnen (dafür steht eigentlich „predatel“) gebrandmarkt werden? Oder plötzlich der Begriff „Volksverräter“ wieder mal salonfähig wird?

14) Der Maidan ist sowohl eine Inszenierung als auch eine wirkliche politische Macht, die so genannte Opposition, die meint ab und zu so was Ähnliches inszenieren zu können, spielt insofern immer mit dem Feuer. Timoschtschenkos Block, der höchstwahrscheinlich im Mai gewählt wird, rüstet vermutlich mit Gesichtern wie Grintskewitsch dafür auf.

15) Merkwürdig ist nur, dass beim Referendum nur 97% für die Annektion stimmten, und nicht 146%.

16) Was lesenswertes dazu: http://peopleandnature.wordpress.com/2014/03/28/take-sides-with-people-not-with-putin/

17) Zit. nach W.A. Djakow, Marks, Engel’s i Pol’scha, 1989

18) http://kp.ua/daily/150314/443698/

http://lenta.ru/news/2014/03/27/mars/

20) http://lenta.ru/news/2014/03/26/more/

21) Russland hat sich nachhaltig auch solche berühmt-berüchtigten Projekte wie die Eurasische Union und die „Russische Welt“ vermasselt. Beides macht ohne die „slawischen Geschwister“ aus der Ukraine keinen Sinn: das Erstere wirtschaftlich und politisch, das Zweite – die „Russische Welt“, das nächste große Ding der erzkonservativen Kreml-Politologen nach der „souveränen Demokratie“ – ideologisch. Dazu kommt auch wachsendes Misstrauen der Partner in der Eurasischen Union, in deren Ländern viele ethnische Russen leben. Unter anderen weit führenden außenpolitischen Konsequenzen besonders schlimm ist die Verletzung des Budapester Abkommens von 1994, nach dem Russland die Integrität der Ukraine anerkannte und die Ukraine im Gegenzug auf die Atomwaffen verzichtete. Darauf, dass die Weltöffentlichkeit keine Garantien mehr geben kann, wird sich u.A. der Iran freuen. Die militärische Antwort auf die Osterweiterung der NATO wird ausgerechnet die kleineren Nachbarn Russland umso mehr ins feindliche Militärbündnis treiben. Die Kosten für wirtschaftliche Sanierung der Krim und womöglich der neuen Volksrepubliken sind für die stagnierende russische Wirtschaft kaum zu bewältigen. http://www.novayagazeta.ru/politics/63767.html

22) Das Imperium zerfällt und hält sich am Leben nur durch billige Tricks und den Export interner Probleme nach außen. Vermutlich das letzte, aber starke Mittel der Betäubung der Bevölkerung der RF wird der alte gute großrussische Chauvinismus sein, der von nun an aggressiv expandieren wird. Aber spätestens dann, wenn die Krim-Tataren als eine Art Trojanisches Pferd den Konflikt Moskau-Kazan‘ anfeuern, kommt das große Katern. Vgl. Wladimir Pastuchow: Russland auf dem Tripp: http://www.novayagazeta.ru/comments/63532.html Bis dahin kann man sicherlich UdSSR-sentimentale 1.Mai-Demos in Moskau abhalten und wieder mal auf die Krim statt in den Ägypten in den Urlaub zu fahren.

23) Es gab z.B. Ausschreitungen an der Grenze zur Krim, weil der Anführer der Krim-Tataren und Abgeordneter der ukrainischen Rada Mustafa Djemilew jetzt auf die Halbinsel nicht einreisen darf. http://www.novayagazeta.ru/news/1681651.html

24) Poroschenko fing seine Regierungszeit eh auf die dümmste Art und Weise: mit der intensiven militärischen Operation gegen die Separatisten im Osten, das wird ihm weder im Osten noch im Westen des Landes verziehen. Von den Resten der Maidan-Bewegung ist derzeit nicht viel zu erwarten, jedoch wollen sie die neue Regierung „im Auge behalten“ und den Platz nicht räumen: http://lenta.ru/news/2014/05/28/maidan/

25) https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1020

2152341272819&set=a.1894359921519.2093755.1317205661&type=1 / http://avtonomia.net/2014/04/19/rasskazy-tryoh-ochevidtsev-o-napadenii-prorossijskih-aktivistov-na-storonnikov-majdana-v-harkove-13-aprelya/

26) Exportiert wird nur 5-7% der ukrainischen Kohl, alles andere geht an die Industrie des Landes. Der Maschinenbau macht seinerseits etwa 20-25% der Exporte der Ukraine aus: http://vz.ru/economy/2014/5/27/688748.html

27) So berichtet die Unabhängige Gewerkschaft der Bergleute der Ukraine (NPGU): http://npgu.net/slajder/768-mir-v-ukraine.html

28) http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/mar/03/ukrainians-bosnian-eu-flag

29) http://www.federacja-anarchistyczna.pl/index.php/component/k2/item/894-drang-nach-osten-%C3%A0-la-pologne-czyli-o-nieuleczalno%C5%9Bci-kompleksow

30) http://www.lithuaniatribune.com/65381/revived-lithuanian-polish-and-ukrainian-brigade-to-be-based-in-lublin-201465381/

31) Es leben in der Ukraine etwa 160-200 000 Ungarn, für die Jobbik mal eine Autonomie fordert, mal aus dem „künstlichen“ Staat Ukraine retten will: http://www.pravda.com.ua/rus/news/2014/05/13/7025158/

32) http://www.novayagazeta.ru/politics/63548.html

33) Die Augenzeugen berichten Unsympathisches, was wieder die Analogie zu 90er-Jahren hervorruft: nur die organisierte Kriminalität übernimmt diesmal nicht die Staatsmacht, sondern schafft sich ihre eigene. http://avtonom.org/news/anarhist-iz-donecka-zayavlyat-o-sebe-v-antimaydanovskom-dvizhenii-kak-politicheskaya-sila-my-ne / http://avtonom.org/news/intervyu-s-anarhistom-posetivshim-lugansk

34) Und man hat Großes vor: es sollen noch weitere 6 ukrainische Gebiete folgen – auch auf dem Weg eines friedlichen Referendums, erst dann ist Noworossija komplett: http://novorossia.su/node/1798

35) Es soll zwar erst der rohe Entwurf sein, jedoch wohin die Reise geht, weiß man bereits jetzt: http://nihilist.li/2014/05/22/constitution-donetsk-people-s-republic-russian-nationalism-clericalism-capitalism-die-verfassung-der-volksrepublik-donezk-russischer-nationalismus-klerikalismus-und-kapitalismus/#deutsch Doch bevor jegliche Inhalte kommen, für jede neugeborene Souveränität steht Heraldik an erster Stelle.

 

Veröffentlicht unter Geschireben | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Vorläufiges und Verspätetes zur Ukraine

„Sterbt, ihr hirnlosen Idioten“ – ein Interview von A ruthless Critique mit einem ukrainischen Anarchisten

Wir dokumentieren an dieser Stelle wieder mal etwas über die Zustände in der Ukraine. Diesmal ein Interview, das vom griechischen Kollektiv A ruthless Critique geführt wurde und das wir dankenswerterweise dem Nihilist-Kollektiv klauen. Es ist – wie immer – nicht die Wahrheit in letzter Instanz, macht aber hoffentlich die Sicht der marginalisierten radikalen Linken auf die ukrainischen Zustände klarer. – das GT

 

Dies ist ein Interview mit dem ukrainischen Anarchisten Dmitry Mratschnik, Mitglied der Autonomen Arbeiter*innen Union (АСТ), der uns die Situation in der Ukraine erklärte. Uns interessierte nicht nur das Verständnis der Geschehnisse (gegen die Positionen von griechischen/ukrainischen Linken, die Russland und Putin unterstützen), sondern auch Theoretisches. Unsere Sicht auf die „Epoche der Unruhen“ und darauf, wie sie funktioniert, stellte sich als richtig heraus. Es scheint, dass die aktuellen Aufstände viel gemeinsam haben. Es sind Aufstände der Mittelschichten (oder ehemaliger Mittelschichten), die sich mit Arbeiter*innen vereinigen, die nach „echter Demokratie“ verlangen. Die Rolle der extremen Rechten in den Geschehnissen auf dem Maidan ist sehr groß, aber es scheint, dass sie die Protestierenden nicht erheblich haben beeinflussen können. Die meisten Menschen verblieben auf ihren liberal-demokratischen Positionen. Das heißt, wir sollten uns überlegen, was für eine Rolle die extremen Rechten momentan spielen und weshalb die Arbeiterklasse kein eigentliches revolutionäres Subjekt ist. Warum werden solche Aufstände von liberalen Vorstellungen beherrscht? Warum beteiligten sich Proletarier an den Protesten wie gewöhnliche „Bürger*innen“ und nicht wie Arbeiter*innen, Student*innen usw.? Es ist klar, dass der faschistische Staat nicht derselbe sein wird, wie früher. Es ist ebenfalls klar, dass das nicht unser Krieg und nicht unser Aufstand ist. Bis jetzt. Dieses Interview beantwortet nicht alle Fragen direkt, die uns beschäftigen, aber hilft, die Ereignisse zu verstehen und sich eingehender mit der neuen „Epoche der Unruhen“ zu befassen.

 

ArC: Gab es nicht-faschistische Selbstverteidigungsbrigaden auf dem Maidan?

DM: Auf dem Kiewer Maidan gab es viele Selbstverteidigungsbrigaden, in den meisten waren nicht parteilich organisierte Bürger*innen ohne klar ausgeprägte politische Überzeugungen. Die extrem rechten Brigaden von der „Swoboda“-Partei und vom „Rechten Sektor“ gab es auch, aber sie waren in der Minderheit.

ArC: Wie stand die Mehrheit der Protestierenden zu den Faschisten ganz am Anfang des Maidans? Gab es Versuche, sie zu verjagen?

DM: Die extremen Rechten wurden schon toleriert. Man rechnete mit ihnen als mutige Kämpfer und zog vor, die Ideologie zu ignorieren. Später wurde klar, dass die extrem Rechten gar keine Stoßmacht haben, aber sie wurden weiterhin aus Gewohnheit zu den „eigenen Leuten“ gezählt.

ArC: Ist das Ergebnis des Maidans tatsächlich der „faschistische Putsch“? Unterstützen viele Menschen die neue Regierung?

DM: Das Ergebnis ist der neoliberale Umsturz, der breiten Schichten der Bourgeoisie die Hände entfesselt. Diejenigen extremen Rechten, die es in die Regierung geschafft haben, zögern damit, sich braune Uniform anzuziehen, und versuchen, sich so wie irgendwelche anderen Politiker*innen zu benehmen. Im Ganzen ist die neue Regierung rechts-liberal. Es ist noch schwer, die Sympathien für die Regierung einzuschätzen, es ist aber offensichtlich, dass niemand sonderlich entzückt von ihr ist. Man hört öfters Gespräche wie „dafür haben wir auf dem Maidan nicht gekämpft“, radikale Proteste gegen die Regierung sind jedoch noch nicht in Sicht.

ArC: Wenn das kein „faschistischer Putsch“ war, wie schafften es dann faschistische Organisationen und die extreme Rechte in die Regierung?

DM: Momentan sind in der Regierung Mitglieder der extrem rechten Partei „Swoboda“ vertreten, die ihre Plätze als Teil des oppositionellen Blocks bekommen haben. Jetzt sind sie respektable Politiker*innen und versuchen, sich vom aggressiven Faschismus abzugrenzen, indem sie sich als gemäßigte Nationalisten nach dem europäischen Vorbild präsentieren. Es ist allerdings bekannt, dass in der Partei und in ihrer Stürmer-Jugendorganisation „S14“ die faschistischen Einstellungen immer noch sehr stark sind.

Der andere rechtsextreme Block, der „Rechte Sektor“, bekam noch keine Plätze in der Regierung, die ihm versprochen wurden. Vermutlich, will man sie vorsichtig loswerden. Diese Konkurrenz für die „Swoboda“-Partei vermiesen mit ihren faschistischen Äußerungen und dem aggressiven Auftreten das Ansehen des Maidans in den Augen Europas. Zur Zeit versucht man sie an der kurzen Leine zu halten wie einen wildgewordenen Hund.

ArC: Die Zusammenarbeit von Faschist*innen und Anarchist*innen bei den Protesten ist eine Tatsache. Was meinst du, wer von ihnen durch ihre Ideen auf den Charakter des Maidans Einfluss nehmen konnte?

DM: Die Anarchist*innen auf dem Kiewer Maidan waren in der absoluter Minderheit und waren sich unter einander nicht einig. In Wahrheit kann man viele von diesen Menschen nicht mehr als Anarchist*innen bezeichnen – unter ihnen waren Sexismus, Homophobie und sogar Nationalismus verbreitet. Meistens sind das Vertreter*innen von Subkulturen, die mit einem sozialen Anarchismus nichts zu tun haben. Diese „Anarchist*innen“ hatten keine eigene und halbwegs bedeutende Agenda auf dem Maidan und reihten sich in den Gesamtbetrieb ein. Von ihrer Seite konnte man eine Propaganda der Selbstorganisierung und direkten Demokratie wahrnehmen, diese Ideen bekamen aber keinen Zuspruch.

Auf dem Charkower Maidan dagegen waren Anarchist*innen (darunter auch Mitglieder der Autonomen Arbeiter*innen Union) ein Teil der Protestavantgarde und beeinflussten stark die gesamte Atmosphäre. Sie brachten die revolutionär-syndikalistische Agenda mit sozialen Forderungen ein, dank denen der Charkower Maidan in vielerlei Hinsicht links war.

Die extremen Rechten wiederum hatten viel mehr Einfluss auf die Proteststimmung auf dem Kiewer Maidan, weil die protestierenden Massen von Anfang an für Nationalismus empfänglich waren. Zunächst waren die extrem rechten Ideen hegemonial – überall waren die rot-schwarzen Fahnen der Nationalist*innen und die Rufe „Hoch lebe die Nation! Tod den Feinden!“ – aber jetzt ist davon nur noch eine Hülle übrig geblieben. Die Menschen sind bei ihren liberalen Positionen geblieben.

ArC: Die Mehrheit der Protestierenden war also liberal eingestellt – gegen Korruption, für Demokratie, stimmt das?

Dm: Im Ganzen schon.

ArC: Gibt es Proteste im Osten der Ukraine? Worin bestehen sie?

DM: Ein Teil der Bevölkerung ist dank der Propaganda von Janukowitsch (früher) und Putin (jetzt) erschrocken. Viele haben Angst, dass bewaffnete Faschos zu ihnen kommen, die russische Sprache verbieten usw. Die Aktivsten kollaborieren mit pro-putinschen Kräften. Der andere Teil ist gegen solche Stimmungen und unterstützt nationalistische oder liberale Werte des Kiewer Maidans.

ArC: Ein Genosse erzählte, dass der Maidan schließlich die Rechten und ihre Rhetorik unterdrückte, weil unter den Opfern sich Armenier*innen, russischsprachige Ukrainer*innen und wahrscheinlich auch Menschen anderer Nationalitäten fanden. Stimmt das?

DM: Nicht ganz. Die extremen Rechten verschieben ihre ideologischen Akzenten mit der sich ändernden Situation. Als zum Beispiel bekannt wurde, dass ein Armenier getötet wurde, verwandelte sich der Nationalismus aus dem ethnischen in einen bürgerlichen, weil es für die extreme Rechte politisch ungünstig war, weiterhin auf der ethnischen Einheit zu bestehen. Die meisten Bürger*innen der Ukraine, darunter auch solche, die den Maidan unterstützen, sind skeptisch gegenüber ethnischen Nationalismus, Chauvinismus und Rassismus.

Auf der informellen Ebene ist alles beim Alten geblieben. Zum Beispiel nach dem Tod des armenisch-stämmigen Aktivisten (den der ganze Maidan zusammen mit den extremen Rechten posthum als einen „ukrainischen Helden“ gefeiert hat), nannten die Stürmer der „Swoboda“ einen anderen Armenier (einen Anarchisten) „hatsch“ (eine beleidigende Bezeichnung für Menschen aus dem Kaukasus und Zentralasien – Anm.d.Ü.), der auf dem Maidan „nichts verloren“ hätte.

ArC: Wie ist die Situation auf dem Maidan gerade? Westliche Medien berichten nur über die Krim. Gibt es Menschen auf der Straße, die mit der neuen Regierung unzufrieden sind?

DM: Der Maidan wurde ruhiger und leiser, jetzt ist es dort für alle ungefährlich. Noch vor Kurzem konnte man Übergriffe von den Extremrechten erwarten, wenn du ein Gewerkschafter*in oder ein*e Linke*r bist, und niemand hätte sich eingemischt.

In der Stimmung der Maidan-Aktivist*innen erkennt man eine berechtigte Unzufriedenheit – sie gewannen den Kampf gegen die Regierung Janukowitsch und bekamen dafür ein hartes Austeritäts-Regime. Die neue Regierung ist so schwach und gleichzeitig so dreist, dass es verwunderlich ist, warum sie nicht wie die alte gestürzt wird.

Außerdem greifen dank der separatistische Stimmungen im Süd-Osten die pro-putinschen Kräfte die Abgesandten der neuen Regierung und Maidan-Anhänger*innen offen an. Das tun sie natürlich nicht, weil sie mit der Politik der neuen Regierung unzufrieden sind, sondern weil sie endlich die Chance dazu bekommen haben.

ArC: Was denkt der/die durchschnittliche Aktivist*in des Madans über Rassimus, Minderheitsrechte, freie Meinungsäußerung?

DM: Die/der durchschnittliche Aktivist*in denkt wahrscheinlich gar nicht darüber nach, außer über die freie Meinungsäußerung. Rassismus ist in der Ukraine als soziales Phänomen nicht verbreitet, denn die Mehrheit der Bevölkerung ist hellhäutig und es gab nie Probleme mit dunkelhäutigen Ausländer*innen (es gab Übergriffe und Morde aus ethnischen Gründen, aber nur von Seiten rechtsextremer Subkulturen). Der alltägliche Chauvinismus und Antisemitismus sind dagegen breit verbreitet.

Was die Minderheiten angeht: in der heutigen Ukraine beklagte sich niemand über systematische Diskriminierung kleinerer Ethnien oder Vertreter*innen anderer Nationen, aus diesem Grund stellt sich so ein Problem einer/einem durchschnittlichen Aktivist*in auch nicht.

Um die LGBT-Problematik steht es um einiges schlechter. Diskriminierung, Hass und Gewalt gehen hauptsächlich von extrem rechten und religiösen Gruppierungen aus, aber die Mehrheit der Bürger*innen sympathisiert damit stillschweigend. Gewöhnlich wird niemand auf der Straße einen Menschen angreifen, von dem man weiß, dass er zu LGBT gehört, ihm wird aber mit Voreingenommenheit begegnet. Wenn es zu LGBT-Aktionen kommt, erwartet man Provokationen von Seiten der extremen Rechten. Massenmedien berichten über die Aktionen und Angriffe darauf neutral, obwohl man schon merkt, dass die Gewalt gegen „Perverse“ niemand besonders kümmert.

Es ist anzunehmen, dass die/der durchschnittliche Maidan-Aktivist*in LGBT-Aktionen nicht mag und sich gegen „Homosexualitätspropaganda“ ausspricht, mit Vorsicht den LGBT-Leute begegnet, aber dabei niemanden offen diskriminiert und eher so tut, als ob es keine LGBT gäbe.

ArC: Was hat ihr/ihm vor dem Umsturz eher missfallen: die Regierung oder die russische Sprache?

DM: Die/der durchschnittliche Maidan-Aktivist*in hat definitiv die Regierung nicht gemocht. Die meisten ukrainischen Städte sprechen russisch und in Kiew merkt man das besonders. Gegen die russische Sprache auf dem Maidan zu protestieren hieße deswegen gegen die Mehrheit der Aktivist*innen zu protestieren. Viele Nationalist*innen sind mit der Popularität des Russischen unzufrieden. Interessant ist, dass es ukrainische Nationalist*innen auch unter den Russischsprachigen gibt. Sie schämen sich dafür, dass sie im Alltag kein ukrainisch sprechen, zu mehr kommt es meistens nicht.

ArC: Man sagt, dass jetzt die Faschos die Ukraine kontrollieren, Menschen auf der Straße überfallen, Juden bedrohen usw. Ist das putinsche Propaganda oder eine Tatsache?

DM: Das ist putinsche Propaganda. In der ukrainischen Regierung sitzen Vertreter der rechtsextremen „Swoboda“, aber sie versuchen, sich ihrem neuen Status angemessen zu benehmen und keine anstößigen Äußerungen zu machen, obwohl sie das nicht immer hinbekommen. Die letzte Peinlichkeit ist ein Übergriff einer Gruppe von „Swoboda“-Abgeordneten gegen den Direktor des nationalen Fernsehens. Dabei zeigten die Partei-Anführer ihr wahres Gesicht, was Proteste hervorgerufen hatte.

Der liberale Teil des Maidans sprach sich gegen so ein Benehmen der „Volksvertreter“ aus. Es kann gut sein, dass man die „Swoboda“ von der politischen Bühne entfernt, wie es bereits mit dem „Rechten Sektor“ passierte, dessen Vertreter keine versprochenen Plätze in der neuen Regierung bekamen.

Rechten Straßenterror gab es auch vor dem Maidan, ob er danach erstarkt – das ist eine große Frage. Einerseits haben die Faschos eine carte blanche zum Handeln, die sie durch die Teilnahmen an der „Revolution“ verdienten, andererseits können sie keine Aufmerksamkeit seitens liberal-demokratischer Kräfte und Beobachter*innen der EU gebrauchen.

ArC: Stellen die ukrainischen Faschos zur Zeit eine große Gefahr dar?

DM: Es ist unwahrscheinlich, dass die extremen Rechten eine größere Gefahr werden, als sie früher waren. Was sie aber erwartet – das Aufgehen im Mainstream oder die Entsorgung aus der großen Politik – kann man momentan nicht sagen.

ArC: Was würdest du den Anarchist*innen und Linken in Griechenland sagen, die der putinschen Propaganda vom faschistischen Regime in der Ukraine glauben und Russland und seine militärische Aggression unterstützen?

DM: Ich würde sagen: „Sterbt, ihr hirnlosen Idioten“. Russland hat seit Jahren schon so ein Regime, dessen es nun die Ukraine beschuldigt. Um die Faschos zu unterstützen, die ein Nachbarland vor den Faschos retten, müsste man entweder schwachsinnig sein oder gar kein Gewissen haben. Gut sind die „Anarchist*innen“, die den Staat und seinen Krieg unterstützen! Ich würde dem noch hinzufügen, dass die inneren Probleme des Landes sich mittels einer militärischen Intervention nicht lösen lassen. Sie werden nur noch schlimmer und allmählich brauner. Der Krieg macht aus den ukrainischen extremen Rechten vollständige Faschisten und hilft ihnen, eine breite Unterstützung zu finden.

ArC: Was ist vom Maidan übrig geblieben? Werden seine Aktivist*innen an künftigen Bewegungen teilnehmen?

DM: Die „zweite Staffel“ der Proteste gegen die neue Regierung ist sehr wahrscheinlich. Die Bürger*innen sammelten bereits Erfahrungen im politischen oder einfach militanten Widerstand, die Barrikaden und Zelte in den Innenstädten sind immer noch nicht aufgeräumt. Ich persönlich hoffe, dass der Post-Maidan vernünftiger wird, eine radikale sozial-ökonomische Agenda bekommt und Rechtsextreme und politische Parteien zurückweist.

ArC: Was hat der Maidan geschaffen?

DM: Eine Vielzahl an autonomen Bürgerinitiativen, eine kritische und penible Einstellung gegenüber jeder Regierung, aber auch Barrikaden und eine Mode „europäischer Proteste“ mit brennenden Autoreifen und Molotovcocktails.

ArC: Hat die Situation in der Krim etwas verändert?

DM: Die Besetzung der Krim durch russische Streitkräfte zeigte die fast pazifistische Position der ukrainischen Regierung, die keinen Krieg will, selbst wenn sie ein Teil des Territoriums verliert. Diese Situation gestattet den extremen Rechten, eine aggressive Propaganda gegen diese Zurückhaltung zu führen, aber sie können die Mehrheit der Bevölkerung nicht begeistern. Niemand will den Krieg außer einer Handvoll patriotischer Fanatiker*innen.

ArC: Was könnt ihr jetzt tun? An den Antikriegsprotesten teilnehmen?

DM: Auf der ukrainischen Seite ist der Krieg eh nicht in Sicht, also können wir nur aggressiven nationalistischen Impulsen entgegentreten, indem wir den Kriegsbegeisterten erklären, dass unsere Feinde die Regierenden und Militärs, und nicht russische Bürger*innen sind, selbst wenn ihre Hirne mit der putinschen Propaganda gewaschen sind.

ArC: Was denkst über das Ganze?

DM: Ich glaube, dass – trotz des militärischen Konflikts, sozialer Unruhen und des im Allgemeinen zerrütteten Zustands der Ukraine – sich das Leben wieder normalisiert. Es wird nicht mehr wie früher: Es entstand Raum für Basisinitiativen und -aktivitäten, die an keine „große Politik“ gebunden sind. Die Menschen sehen, dass durch den Austausch der Ärsche in den Regierungssesseln das Leben nicht besser wird, und dass man einen Pflasterstein oder Molotov in die Hand nehmen sollte, um eigene Interessen zu verteidigen, und keine Wahlzettel. Natürlich werden die Rechtsextremen und politischen Parteien immer noch beschäftigt, die Menschen werden vor der Glotze sitzen und den Reden aus dem Parlament lauschen, der Staat und das Kapital werden immer noch ihre Finger in die fremden Taschen stecken. Nur der Widerstand dagegen wird massenhafter und lustiger.

 

Veröffentlicht unter Geschireben | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für „Sterbt, ihr hirnlosen Idioten“ – ein Interview von A ruthless Critique mit einem ukrainischen Anarchisten

Ahmed, Tunesier

Aus: Heft 7

„Dein Mann ist blind, für wen machst du dich hübsch?“
Tunesisches Sprichwort

DSC_0095
Bild: http://fitunis.blogspot.de/2014/03/aus-dem-grossen-thier-ahmed-tunesier.html

Mein Name ist Ahmed. Ich bin Tunesier. Ich habe 4.000 Freunde auf Facebook, von überall auf der Welt. Manchmal poste ich Bilder von mir, damit sie nicht vergessen, dass es mich gibt. Wenn ich viele Likes bekomme, fühle ich mich lebendig. Das letzte Bild hatte 300 Likes, das ist nicht schlecht. Das ist so viel, wie bekannte Persönlichkeiten in Europa bekommen. Nur, dass sich für mich im „real life“ niemand wirklich interessiert. Ich bin aber auch wirklich gut getroffen auf dem Bild.

Aber sehen wir uns das Bild von mir näher an: Ich bin ein junger Mann, zwischen 20 und 30. Ich lebe in Tunis. Kannst du hinter mir die Avenue Habib Bourguiba sehen? Das ist die größte Straße in Tunis. Hier haben wir vor drei Jahren gefeiert, dass die Diktatur endlich vorbei war. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Damals war mein Leben noch so anders…

Ich lebte mit meiner Familie in Kasserine, einer kleinen Stadt nahe der Grenze Algeriens. Auch dort war alles anders, es gab noch keine Terroristen, die im nahegelegenen Berg Chaambi Stress machten. Erst 2013 haben sie dort acht Polizisten gemeuchelt. Das war, als wir schon wussten, dass wir nicht in Freiheit leben werden können. Nein, aber als ich noch in Kasserine lebte, war alles noch in Ordnung. Ich wuchs mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester auf. Wir waren nur zwei, aber die meisten Familien in Kasserine hatten vier oder fünf Kinder. Es war alles mehr oder weniger ruhig. Meine Mutter wusch meine Wäsche, mein Vater lehrte mich das Beten und den Glauben an Gott. Aber eigentlich war er für mich Gott, das weiß ich jetzt. Er war für mich der Inbegriff von Moral und auch heute wage ich es nicht, ihm zu widersprechen. Ich könnte es gar nicht. Er ist mein Gewissen, würde ich mich ihm widersetzen, bedeutete das für mich seelische Qualen.

Mit 14 hatte ich meine erste Freundin. Sie war die Tochter einer befreundeten Familie. Siehst du die Kette, die ich auf dem Bild trage? Sie hat sie mir geschenkt. Eine Berberkette, nach Familientradition. Unsere Herkunft bedeutete uns alles. Manche Leute hasste ich aus vollstem Herzen, weil sie den falschen Nachnamen trugen oder aus dem falschen Viertel kamen. Ich dagegen bin ein echter Ferchichi, einer der besten und ältesten Namen in ganz Tunesien. Der Name hat mich schon vor viel Stress bewahrt, sogar als ich dann nach Tunis gegangen bin.

Ich und meine Freundin durften uns nur selten treffen und wir waren nie alleine. Sie hatte drei große Brüder und jedes Treffen bedeutete langwierige Verhandlungen und Koordiniereung mit allen von ihnen, ihrem Vater und meinen Eltern. Wenn wir uns im Café trafen, hieß das, dass wir schon vier Tage vorher allen Bescheid gegeben hatten und meistens wussten es sogar die Nachbarn. Nicht, dass noch über uns geredet werden würde. Sie wurde dann von ihren drei Brüdern zum Café eskortiert, wo ich schon wartete. Sie setzten sich an den Nebentisch und schauten mich kritisch an, währen sie, meine Liebste, sich zu mir setzte. Dann konnten wir reden und wir versuchten immer, unsere Hände zu berühren, so dass es aussah wie Zufall, denn ihre drei Brüder hätten es nicht zugelassen, wenn wir Händchen gehalten hätten. Nach sechs Monaten wurde alles ein wenig entspannter. Wir durften alleine ins Café gehen und auf dem Heimweg, wenn sie abgeholt wurde und ich sie begleitete, hielten wir Händchen, das war unglaublich. Ich war mittlerweile 15 geworden und hatte ein gigantisches Verlangen nach ihrer Haut. Einmal, als wir auf einem Familienfest bei ihren Eltern waren, gingen wir im Garten spazieren. Da kam es zu unserem ersten Kuss, als niemand hinsah. Wir waren schon acht Monate zusammen. Für mich war es schon auch irgendwie komisch, aber ich freute mich über jede Berührung, auch wenn es eben mit der Zunge geschah. Aber für sie war es schrecklich. Sie fing sofort an zu weinen und brach unter dem Druck zusammen, den dieser Kuss aufgebaut hatte. Danach waren wir noch drei Jahre zusammen und alle dachten, dass wir heiraten würden.

Sex hatte wir in der Zeit nie. Sexuell aufgeklärt wurde ich durchs Fernsehen. Mit den Eltern über Sex reden, das käme einer Revolution gleich. Einer echten Revolution, nicht so wie die, die Ben Ali gestürzt hatte. Wir hatten Satellit-Fernsehen, so wie alle. Nachts, wenn die Eltern schliefen, ging ich zum Fernsehen und stellte den Reciever auf „International“ um. Das war gar nicht so leicht, denn das war laut. Dann konnte man ein paar Sender kriegen. Einer hieß VOX aus Deutschland, den schaute ich mir jeden Donnerstag an, dann kam „Wa(h)re Liebe“. Die Moderation machte eine Transsexuelle, das war vielleicht ein Kulturschock! Ich, so wie alle meine Freunde, schauten uns die Sendung an, auf lautlos gestellt. Wir hätten ja sowieso nichts verstanden. Es gab auch ein paar Erotikchannels. Und dann kam das Internet. Leider war alles gesperrt, von der Regierung. Youtube entdeckten wir erst 2009. Wir kannten uns zwar alle mit Proxies aus, aber die wurden auch immer ziemlich schnell gefunden und gesperrt. Zugang zu internationaler Popmusik hatte wir nicht. Doch mit dem Sturz der Regierung fielen auch die Internetsperren. Erst da wurde uns allen klar, was wir alles verpasst hatten.

Abgesehen von den Treffen mit meiner Freundin passierte damals in Kasserine  nicht viel. Ich und meine Kumpels hingen rum, hielten uns aber von den Kneipen fern, weil wir Angst hatten, dass die Nachbarn reden würden. Alkohol wird von meinen Eltern verachtet. Für sie ist es eine Droge wie Haschisch, Heroin, Koks oder was auch immer, sie scheren alles über einen Kamm. Irgendwann entdeckten wir Haschisch und ab dann war uns die Langeweile egal. Das kam von drüben, von Algerien, aber noch nicht in dem Ausmaß wie heute. Heute ist die Grenze quasi offen. Der Drogenschmuggel boomt. Genauso wie der Waffenschmuggel. Aber auch billig produzierte Klamotten und alle möglichen Sachen. In Algerien kostet Arbeit noch weniger als hier. Das war früher auch so, aber da wurde das Kapital in Tunesien noch besser bewacht und die Bullen waren nicht so korrupt. Sie haben uns aber damals schon, wenn sie uns auf der Straße kontrolliert haben, schikaniert. Die Anrede war immer: „Papiere, du Hurensohn“. Und wenn man nicht schnell genug war, hat´s gesetzt. Aber die Bullen sind nicht die Einzigen, die ständig aggressiv sind. Manchmal habe ich nur drauf gewartet, bis jemand meiner Schwester auf der Straße hinterherschaute, damit ich mich prügeln konnte. Meine Schwester hatte da gar nichts mitzureden. Wenn sie etwas zu den Jungs erwidert hätte, hätte sie die Familienehre verletzt.

Sie lebt heute immer noch in Kasserine, aber jetzt ist sie verheiratet. Sie hat nie erfahren, was es heißt, ihr eigenes Ding zu machen. Sie ging von zu Hause direkt in die Ehe und wurde gleich schwanger. Jetzt muss sie sich um zwei Kinder kümmern. Ihr Mann ist okay. Aber er ist ganz besessen von der Vorstellung, dass sein Sohn schwul werden könnte. „Wenn er schwul wird, bring ich mich um“, sagte er mal ganz ernsthaft zu mir. „Er will bestimmt nicht in den Knast gehen, er wird nicht schwul werden“, erwiderte ich tröstend. Hier wird Homosexualität mit drei Jahren Haft bestraft. Ob er das mit dem Selbstmord wirklich gemacht hätte, weiß ich nicht.

Im Januar 2011 fingen die großen Demos an. Es war, als würde das Land aufwachen. Endlich redeten wir darüber, wie wütend wir waren, dass wir immer die Fresse halten mussten und nie wussten, wer von unseren „Freunden“ oder Nachbarn doch ein Agent war. Dass wir es satt hatten, nicht satt zu werden, während der Präsident sich an der Küste den Bauch voll schlug. Dass es nichts zu tun gab. Endlich würde wir unser Leben selbst bestimmen dürfen.

Ich erinnere mich, dass ich in Kasserine in einem Café saß. Ein Freund hatte seinen Computer mitgebracht, auf dem er auf Facebook nach den nächsten Versammlungen checkte. Die meisten dort kannten das Internet gar nicht, geschweige denn Facebook. Wir zeigten ihnen, wie das Internet die Proteste koordinieren konnte. Dann fingen sie an, über die Diktatur zu sprechen und nahmen dabei kein Blatt vor den Mund. Zu der Zeit gab es die Sperrstunde, doch nach acht blieben wir einfach dort und riefen uns den Frust von der Brust, als die Polizei kam. Die meisten hatten sich noch nie der Staatsgewalt widersetzt. Ich dachte immer, die Menschen in Kasserine seien zum Großteil innerlich tot. Doch in dieser Nacht waren sie gar nicht tot. Sie waren nur jahrelang sediert gewesen von Armut und Unterdrückung.

Am nächsten Tag bekam ich eine Einladung nach Tunis und ging hin, um auf der Habib Bourguiba den Präsidenten zu stürzen. Ich blieb dann einfach da. Mit meiner Freundin war es damit aus. Wir trennten uns im Streit. Ich sagte meinen Eltern, ich würde studieren gehen und dem Namen der Familie Ehre bringen. Sie waren einverstanden.

Der Sturz Ben Alis und Tunis hatten mir eine neue Welt eröffnet. Wir liefen auf Wolken. Ich lernte Atheisten kennen und erfuhr, dass ich nicht mal Gott etwas schuldig bin. Wir waren eine globale Bewegung. Überall in der arabischen Welt gingen die Menschen auf die Straße. Ich machte meine ersten sexuellen Erfahrungen und das ohne, dass ich gleich eine lebenslange Ehe eingehen musste. Ich ging viel aus mit meinen Freunden und wir diskutierten, ohne Angst zu haben. Ich trat in die Arbeiterpartei ein. Es war wie ein Rausch.

Doch schnell setzte der Kater ein. Wir fingen an, uns nur noch zu streiten. Nichts funktionierte. Und die Islamisten wurden stärker. Auch meine Familie war islamistisch. Sie sahen den Sturz als Möglichkeit, endlich ihre geistigen Führer ins Land zurück zu holen. Ghannouchi kam aus dem französischen Exil zurück und wurde als Nationalheld gefeiert. Er und seine Partei Ennahda schlugen ein wie eine Bombe. Auch sie liefen auf Wolken – und hatten mächtige Verbündete im Rücken. Al Jazeera machte ihren Wahlkampf und im Gegensatz zu uns waren sie unglaublich gut organisiert. Sie arbeiteten wie die Bienen. Sie gaben sich als die soziale Kraft, die das Leben der Armen verbessern würde, diese Lügner. Wir hatten Seite an Seite protestiert, als wir vor dem Innenministerium standen. Da hatte ich nicht geahnt, dass wir zwar die selben Parolen riefen, aber nicht die selben Ziele hatten. Wir wollten die Freiheit, aber sie wollten nur Macht.

Für die Landbevölkerung hat sich seitdem nichts verbessert. Dort gibt es immer noch nicht genug Geld oder genug zu tun. Und das kam anderen, radikaleren Islamisten zu Gute. Die Salafisten gründeten große Organisationen, deren Mitglieder davon schwärmten, endlich etwas Sinnvolles aus der Revolution machen zu können. Sie waren, wie wir alle, in einer Sinnkrise, nur hatte sie nicht den Willen, darüber nachzudenken. Sie wurden in Rekordzeit radikalisiert, manche innerhalb von wenigen Wochen. Ich hab von einem damaligen Schulfreund gehört, der zu den Salafisten gegangen ist. Wenn er heute wüsste, dass ich Atheist bin, würde er mich umbringen wollen. Und dann kam der Bürgerkrieg in Syrien. Besser hätte es für die Salafis nicht kommen können, denn nun konnten sie im Inneren einen auf Wohltätig machen und die Armen rekrutieren, indem sie ihnen hier und da einen Gefallen taten und denjenigen, die besonders am Islam interessiert schienen, regelmäßige Zuwendungen zukommen ließen. Sie konnten den Mitgliedern aber noch etwas anderes anbieten: den Dschihad in Syrien und vielleicht der Märtyrertod, der schnelle Weg ins Paradies und damit etwas Anderes als eine elende Zukunft in Afrika. Heute läuft das immer noch so: Erst geht’s nach Libyen, da werden die Dschihadis trainiert und bekommen Geld, um dann über die Türkei nach Syrien einzureisen.

Es gab auch harmlosere Fluchtversuche aus der tunesischen Realität. Die, die nichts zu essen hatten, setzten sich in Monastir oder weiter südlich an der Küste in ein Boot und versuchten, nach Lampedusa zu kommen. Europa war und ist unser Traum. Doch viele starben im Wasser, also blieb ich hier. Jetzt bekommt Tunesien viel Geld von Europa für den Grenzschutz. Sie haben Angst vor uns.
Andere Verzweifelte zündeten sich an. Ganze Scharen, an die zweihundert Männer und Frauen, wählten bis heute diesen Tod. Tunesien ist arm und depressiv, eines der depressivsten Länder der Welt. Ich kenne fast alle Psychopharmaka beim Namen, so viele hab ich schon ausprobiert oder bei Freunden gesehen.

Ich lernte, dass wir zwar die Diktatur los waren, aber nicht die alten Männer. Wir Jugendlichen wurden mal wieder außen vor gelassen. Als hätte wir nicht auch unsere Köpfe hingehalten, als wir „Dégage!“ geschrien haben. In meiner Familie hatte sich ebenfalls wenig verändert. Nur, dass meine Schwester jetzt voll verschleiert war. Sie wollte das selbst so, als Zeichen ihrer Hingabe zu Gott. Ihr Mann hatte nichts dagegen, ihm war eh alles ziemlich egal. Kasserine schläft wieder den selben stumpfen Schlaf wie vor dem Umsturz. Sie haben immer noch nichts zu essen und ich stellte fest, dass die Unterdrückung nicht nur vom Staat kam, sondern tief in uns selbst steckte. Die wahre Revolution müsste in der Familie, zwischen den Geschlechtern und in unseren Köpfen stattfinden, damit wir es uns selbst erlauben würden, frei zu sein. Und in den Moscheen. Doch die Ennahda hatte nicht vor, etwas am Einfluss der alten Männer zu ändern. Sie erhöhten die Gelder für das Religionsministerium und entzogen es den Sozialfonds. Dabei war das ganze Land in Aufruhr, es tobte ein Arbeiterkampf um höhere Löhne. Doch die Ennahda hetzte weiter gegen Ungläubige. Bis schließlich einer von den „Ungläubigen“ von Islamisten ermordet wurde. Ein Oppositionspolitiker und Marxist: Chokri Belaid. Ermordet von Salafisten – und die Politik sah zu. Später kam heraus, dass amerikanische Geheimdienste davor gewarnt hatten.

Es waren schwarze Tage. Ich und meine Freunde hatten uns versammelt und trauerten um unsere Hoffnungen, dass sich doch noch alles zum Positiven wenden würde. Ich brauchte Tage, um aus diesem Loch herauszukommen. Ich zog mich aus der Politik zurück. Ich hatte das Gefühl, dass ich sowieso keine Chance mehr hatte, dass meine Feinde zu viele waren. Dann wurde der Zweite erschossen. Mohamed Brahmi war das Gesicht einer Bewegung. Er hatte vielen neuen Mut gemacht. Wieder trafen wir uns, um zu trauern. Wieder gingen wir auf die Straße und riefen, dass die Regierung abdanken solle. Doch diesmal schafften wir es nicht. Die Ennahda blieb.

▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   
▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   ▓   

Wenn du jetzt mein Bild nochmal anschaust, dann siehst du vielleicht, dass ich irgendwie abwesend bin. Wir sind alle gar nicht richtig da. So wie Khaled, der am liebsten zu Hause ist und kifft, der das Meer so mag, weil es so friedlich ist. Oder Henne, die immer nervös ist. Oder Alaa, der sich für jedes Auslandsstipendium bewirbt, das in Tunesien verfügbar ist. Oder Foudhil, der immer Witze macht, aber eigentlich immer traurig ist. Oder Mat, der immer müde ist. Oder Charlotte, der immer schläft. Wir sind gar nicht richtig hier, aber eins wollen wir alle: Von hier weg.

Hannah M.

Die Autorin lebt in Tunis und betreibt den Blog Fitunis.blogspot.com

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Ahmed, Tunesier

Neues Heft erschienen

Liebe Mitungeheuer,

das Heft 7 (glaube ich) ist vorletzte Woche verschickt worden. Wenn ihr keines bekommen habt, liegt das an einem der folgenden 2 Dinge:

a) Ihr habt kein Abo abgeschlossen, in welchem Falle euch möglicherweise die nächsten Tage ein kleines Abschiedsschreiben mit Dank für die gemeinsam verbrachten 2 Jahre und nebst Zahlungserinnerung zugehen wird, oder

b) Eure Adresse stimmt nicht mehr. In dem Falle ist euer Geld auf unserem Konto, aber das Heft ist retour gegangen. Was sehr schade ist, denn es ist sehr schön. Wir wissen jetzt auch nicht so recht, was man da jetzt am besten macht. jxxax sxxlxxxhxxe aus l., melde dich!

so, bis bald.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Neues Heft erschienen

Die Ukraine: Die konservative Linke und der Krieg

von Dmitrij Mratschnik für nihilist.li Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschireben | Verschlagwortet mit , , | Kommentare deaktiviert für Die Ukraine: Die konservative Linke und der Krieg

„Ukraine ohne Juden“

Der folgende Beitrag „Ukraine ohne Juden“ ist dem Buch „Besatzung, Kollaboration, Holocaust. Neue Studien zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Mit einer Reportage von Wassili Grossman“ entnommen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für „Ukraine ohne Juden“

Bürgerliche Revolution und die Diktatur der Bourgeoisie in der Ukraine

Wir dokumentieren einen Artikel über die Lage in der Ukraine aus dem Russischen von Rosa Wechselberg. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Bürgerliche Revolution und die Diktatur der Bourgeoisie in der Ukraine

„Wir sind einfach eine Person mit tausenden Körpern“

Wir dokumentieren ein Interview mit der Anarchistin „Lo“ über die sozialen Proteste in Bosnien-Herzegowina. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für „Wir sind einfach eine Person mit tausenden Körpern“