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Ein Gedicht von Ali Schirasi Weiterlesen

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Für Fakultätsschließungen – gegen eine umfassende akademische Grundversorgung im Saarland

Werte Genossinnen und Genossen! 

Es erreichte uns gerade eine Eilmeldung: Weiterlesen

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Kiew: eine spontane -ahäm!- Selbstentzündung

What happened yesterday in Grushevskogo street in Kiev, and is still going on, Weiterlesen

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Ihr meint also das war gruselig?

So war das auch gedacht: Weiterlesen

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Stirner und der Materialismus

Die unredigierte Fassung des Beitrags von Jörg Finkenberger aus der aktuellen Gai Dao gibt es hier.

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„Die Ordnung herrscht in Berlin“ (Rosa Luxemburg)

15. Januar 2014. 20.00 Uhr. Erfurt. Filler – offenes Jugendbüro. Schillerstr. 44. 99096 Erfurt.
Vortrag und Diskussion mit Jörg Finkenberger (Das grosse Thier).

Januar 1919: nach der Niederschlagung des Spartakusaufstands ermorden Angehörige der Freikorps Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die Taten der „losgelassenen Soldateska“, wie einer der Mörder, Waldemar Pabst, seine Truppe später nennen wird, sind in der deutschen Geschichte bis dahin ohne Beispiel. Die Freikorps führen den Kampf gegen den „Bolschwismus“ mit einer Brutalität, die in keinem Verhältnis zu den Handlungen der Revolutionäre steht.

Ausgerechnet Rosa Luxemburg, die erbitterte Kritikerin der Methoden Lenins und Trotzkis, heisst in der Propaganda der Mörder „die blutige Rosa“; der „rote Terror tobt“ in Berlin, dann in München, wo Freikorpsmänner den friedfertigen Gustav Landauer mit Nagelstiefeln zu Tode trampeln. Ebert und seine SPD decken, finanzieren, kommandieren all das unter dem Titel des Kampfes um „die Ordnung“; und noch heute hört man, die Rechte und Ebert hätten allen Grund gehabt, sich vor „russischen Verhältnissen“ zu fürchten.

Wovon die Staatsbürgerkunde weniger gern redet, sind die 4 blutigen Jahre, in die die Stützen der Ordnung die Menschheit vorher gestürzt hatten; die „Ideen von 1914“, das „Vaterland“ und all die Dinge, in deren Namen die „Blutpumpe von Verdun“ betrieben wurde, und in deren Namen jetzt die Freikorps in Berlin, München, Halle, an Rhein und Ruhr anwandten, was sie im Feld gelernt hatten. Wovon auch die Rede nicht ist, ist die bizarre Hasskampagne nicht nur gegen Spartakus, sondern gegen die Linke und die Revolution, lange ehe noch der erste Schuss abgefeuert wurde.

Denn wovor die deutschen „Antibolschewisten“ von Stadtler bis Hitler sich am meisten fürchteten, war nicht der „rote Terror“, sondern die Vorstellung, die Revolution und die menschliche Befreiung könnten gelingen. Dass das Vaterland und das Opfer und der Krieg, die Zucht und Ordnung, der Staat und die Familie aufhören könnten: das ist, was an der Revolution gehasst wird. Die Freikorps-Soldateska auf den Strassen Berlins oder Münchens bildet die Verbindung zwischen Verdun und Dachau. Das ist die Ordnung, die 1919 in Berlin sich durchsetzt: und „was ihr Staat nennt und Ordnung, das ist nichts anderes als ein einziges Schlachthaus, und ein grosses Gräberfeld“ (Michael Bakunin).

Diese Veranstaltung ist Teil der Aktionswoche zu Rosa&Karl.

Weitere Veranstaltungen der Themenreihe:
08.01 um 20.00 Uhr im Filler: Rosa Luxemburg und die Revolution
09.01 um 20.00 Uhr im Speicher: Lesung zur Novemberrevolution

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Das schreibt man anderswo

Was machen eigentlich die Leute vom Grossen Thier, während alle auf das neue Heft warten? Genau: sie schreiben anderswo, z.B. in der neuen [改道] Gǎidào auf S. 21.

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Die nächste Ausgabe

Hallo liebe Fanatikerinnen und Fanatiker,

wir dürfen euch hiermit herzlich mitteilen, dass die hinlänglich bekannte Indie-Rockband Tocotronic auch für unser bescheidenes Heft einen Song geschrieben hat. Wir freuen uns sehr! Momentan stecken wir daher Hals über Kopf in Arbeit und sind derzeit mit den Videoaufnahmen beschäftigt. Vorab so viel: Unser allseits verhaßter Herausgeber wird auf einem Zebroide reitend durch die lybische Wüste zu sehen sein. Mehr Informationen gibt es in wenigen Tagen!

Wichtiger Nachtrag: Unser Kulturressort sucht noch dringend einen Tester, der synthetisch hergestellte Bettwäsche im Preissegment < 50 Euro für unser Heft vergleicht.

Hurra und fröhliches neues Jahr!

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Studentenfutter

Die Freundinnen und Freunde aus Berlin schreiben merkwürdigerweise über die eigene Stadt, ob uns das zu denken geben sollte? Jedenfalls dokumentieren wir den Beitrag über eine Konferenz die Anfang Dezember in Berlin stattfand und erschreckend viele (künftige) Theoretiker anzog:

Eine Erinnerung an die Zukunft hätte die lange geplante Konferenz Anfang Dezember sein sollen, doch am Ende stellte sich einmal mehr heraus: „Alles, was auf wackligen Füßen steht, wird ohnehin zusammenbrechen. und nicht sind es die eingebildeten Bündnisse, die Menschen in allen möglichen Formen glauben zu schließen, welche wacklig sind. Wacklig sind die Menschen, welche glauben, solche Bündnisse schließen zu können und damit auch behaupten, sie täten irgendetwas, was auch nur einen Moment bestand hat.“ (Einer der Laidakwirte bzw. -prediger) Über 600 sogenannte „Wissenshungrige“ kamen und gingen. Die einen gelangweilt und voller Spott wie immer, die anderen behaupteten, etwas Spannendes gefunden zu haben, hier und dort oder auch nur in einigen Aspekten einiger der gehaltenen Vorträge – auch wie immer.

Im Wesentlichen waren auf den diversen Foren diejenigen, die schon in den Neunzigern und Nullern nicht in der Lage waren, eine effiziente kritische Theorie auszubilden und das, obwohl sie bis heute viel diskutieren und lesen, sprich das sind, was man gemeinhin für klug hält. Es handelte sich um „das mittlere und schlechte Gesindel, das sich lange breitgesetzt und das große Wort gehabt“ hat, allerdings angereichert mit einigen Neueren und angeblich sogar einigen Karrieristen. Das Publikum kam teilweise mit Reisebussen, war aber sehr sediert. Eine Mischung die niemals brennt, es fehlt einfach das Benzin bzw. in moderner Terminologie: es fehlte die Subjektivität. Archiviert wird das dann im vielfach gepriesenem Audioarchiv.

Einige Individuen aus Halle schrieben daher eine leicht polemische, aber viel zu lange und dazu höchst ungenaue Flugschrift und bewiesen dadurch auch nur, wie sehr sie Teil derselben intellektuellen Malaise sind. Dabei hätten vielleicht einige vergiftete Xenien wirklich Not getan, die dann den selbsterklärten kritischen Theoretikern „tüchtig aufs Maul geschlagen“, bzw. die ihnen den „Leib mit kaltem Wasser übergossen“ hätten, zu deren Verdruß, aber zur „zur unendlichen Ergötzlichkeit des besseren Teils des Publikums“ (Alle Zitate: Hegel über die Intellektuellen seiner Zeit, nach Magazin N° 4) –

Sollte nicht sein und kann gegenwärtig auch niemand. Und so wird der ewige Zirkel aus nörgelnden Unkenrufen und Stimmen, die dem Unfug etwas Positives abgewinnen wollen/können, noch einige fruchtlose Kreise ziehen. In den seligen 80ern dagegen, so merkte ein Kerl an, der damals in der Blüte seines Lebens stand, hätte man noch überall in der Uni Slogans wie „Die Wahrheit der Bildung ist die Ware!“ an die Wand gesprüht und allerlei Sachschaden angerichtet. Diesmal aber gab es Aufpasser, dass niemand mit dem Edding malt.


Die Animation ist mit Musik hier abzurufen

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Tunis

Tunis. Tunesien. Wir schreiben das Jahr 2013. Eine desillusionierte, depressive Jugend: „Wir versuchen nicht allzu sehr aufzufallen und zu überleben. Mehr ist nicht drin.“
Seit wenigen Tagen veröffentlicht eine Person in deutscher Sprache über Erlebnisse keine zwei Flugstunden von hier entfernt. Wir empfehlen den Blog zu verfolgen. Ein krächzender Ruf gen Tunis: Wir können den Streik im Allgemeinen genauso wie die Trauer im Besonderen nur wärmstens empfehlen.

http://fitunis.blogspot.de/

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Morgen: Freiburg, 20.00, Joß-Fritz-Cafe

Ein bunter Abend mit dem “Grossen Thier”

Lesung aus verschiedenen Texten

Die Zeitschrift “Das Grosse Thier“ gibt es seit ungefähr zwei Jahren, und immer noch gibt es keinen Grund zum Feiern. Interessierte kennen sie vielleicht aus den Gefälligkeitsrezensionen der einschlägigen Szene-Blätter; aber kaum jemand weiß, wozu diese Zeitschrift betrieben wird, noch was ihr Name bedeutet. Vielleicht erfahren wir es heute Abend? – “Das Grosse Thier geht in sein drittes Jahr. Niemand hätte gedacht, daß es so weit würde kommen müssen. Und, wie es aussieht, wird es einstweilen dabei bleiben. Eine Zeitschrift ist, wie alles, was man tun oder lassen kann, an ihre Zeit gebunden, und die Zeit, die etwas wie dieses Blatt nötig oder auch nur möglich gemacht hat, hat bisher nicht aufgehört. Also geht es weiter; in Ermangelung eines Besseren” (“Wir müssen zugeben, daß alles weitergeht”: Einleitung zum nächsten Heft). – Redakteure des Grossen Thieres lesen aus alten und neuen Texten, unter anderem über: das Leben unter Lohnarbeit und Hartz IV, Materialismus und Philosophie, non-citizens und Flüchtlingsproteste, Rassismus und Antirassismus, Krise und Krisenbewältigung, Aufstände und Bürgerkriege, und, wenn noch Zeit ist, das grauenvolle Versagen nahezu jeder denkbaren Opposition. Devotionalien sind am Merch-Stand erhältlich (http://dasgrossethier.wordpress/ .com/) Das Blatt erscheint derzeit in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Saarbrücken, Würzburg und Halle und ist ab Januar 2014 im Abonnement erhältlich. Abonnement unter dasgrossethier@gmx.de.

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Die Zeit der schmutzigen Intrige

Über die Krise und ihre Bewältigung im Arbeitskonflikt

von Vince O’Brian

Wir begrüssen den ehemaligen Autor des Letzten Hype (http://letzterhieb.blogsport.de/) Vince O’Brian und seinen schönen Subjektivismus, den ausführlich zu widerlegen er uns fürs nächste Heft fest versprochen hat. Wir wissen freilich, was wir von solchen Versprechen zu halten haben, oder auch von Begriffen wie „Subjektivismus“. Vince O’Brian wird hauptsächlich Industrie-Reportagen aus dem Dienstleistungssektor liefern, sowie Metaphysik frisch aus dem Börsenteil der Tageszeitungen. Auch das hat er uns fest versprochen.

Die Krise hat Deutschland erreicht, und zwar in den letzten Wochen. Zu dieser recht kühn klingenden und definitiven Aussage komme ich nicht etwa durch die Lektüre des Börsenteils der Zeitungen. Dort braucht man nicht nach Nachrichten über die Krise zu suchen. Wenn die Krise an den Börsen sichtbar wird, ist sie in Wirklichkeit schon lange da gewesen, und dann ist schon alles zu spät. Die Krise kommt aus den Arbeitsbeziehungen, und dort wird sie als erstes sichtbar. Und sobald sie sichtbar wird, wird man sehen, wie nach Mechanismen ihrer Bewältigung gesucht werden wird. Der krampfhafte Griff nach ihnen beginnt im selben Moment, in dem die Krise sichtbar wird.

1.
Bisher hatte man die eigenartige Situation vor sich, dass dieses Land, oder genauer gesagt, diese Ordnung in der allgemeinen Krise stabil zu bleiben schien. Diese Stabilität verdankt sich einerseits einem scheinbaren Konstruktionsfehler des europäischen Währungsraumes, andererseits der eigenartigen Verfasstheit der deutschen Gesellschaft.

Diese Eigenart besteht darin, dass eine politische Selbsttätigkeit der lohnarbeitenden Schichten weitgehend undenkbar ist, und zwar anders, als es im Buche steht. Engels z.B. konnte noch recht unbedenklich davon ausgehen, dass Arbeitskonflikte, selbst Streiks zum Funktionieren des kapitalistischen Gesamtprozesses dazugehören, weil, wie er irgendwo nachlässig schreibt, sich durch sie hindurch eben das Lohngesetz Geltung verschaffe. Anders ausgedrückt: die Weiterführung der ganzen Scheisse auf erweiterter Stufenleiter hängt eben davon ab, dass irgendwie die Löhne auch ansteigen, auf eine Weise, die zur Entwicklung der Produktivität nicht ganz ausser Verhältnis steht. Die einzelnen Kapitalisten aber wollen nicht mehr zahlen als die anderen, weswegen man sie alle gemeinsam gegen ihren Willen zu ihrem Glück zwingen muss. Die Stockung, die ohne die Lohnerhöhung einträte, würde zu Ungleichgewichten führen, die den Gesamtprozess irgendwann zum Kentern brächten. Die Arbeiterklasse nimmt im Lohnkampf paradoxerweise die Interessen des Ganzen wahr. Ihre Aktivität ist ein objektives Moment des Gesamtprozesses und ein Garant seiner Harmonie.

Alles das natürlich, solange man in einer Welt lebt, in der es weder Krise noch Staat noch Weltmarkt gibt, also z.B. auch nicht das Kapital. In Wirklichkeit lohnt es sich nicht nur für die einzelnen Kapitalisten, sondern kann sich im Vergleich auch für die Arbeiter lohnen, dass die Löhne stagnieren, während die Arbeit produktiver oder sogar intensiver wird. Diese erstaunliche Tatsache verdankt sich der internationalen Konkurrenz und einigen Eigenschaften der Grundrechenarten, und ihr Funktionieren verlangt notwendig eine gewisse Bedingung, auf die wir noch zu sprechen kommen werden. Aber erst zum Paradox der Zahlen.

Deutschland ist nach wie vor eine Hochlohnökonomie, und als solches übrigens ein Attraktor für Arbeitsmigration (1). Gleichzeitig gab es in Deutschland seit fast einem Vierteljahrhundert keine nennenswerte Erhöhung der Löhne, netto und real gerechnet. Betrachtet man die Entwicklung auch derjenigen weiteren Arbeitskosten, die in den Preis der produzierten Güter eingehen, und vergleicht sie mit der Entwicklung der Arbeitsproduktivität, erhält man die sogenannten Lohnstückkosten, und diese gehen über Jahrzehnte tendenziell nach unten. Damit erhöht sich die Konkurrenzfähigkeit deutscher Produkte auf dem Weltmarkt.(2) Das zieht, aufgrund der Aussenwirtschaftsbilanzen, einen Druck zur Aufwertung der Währung nach sich, welche diesen Vorteil wieder ausgleichen müsste. Dem hat, zu Zeiten der D-Mark, die Bundesbank durch eine rigide Geldpolitik entgegengewirkt. Diese Geldpolitik setzt, um zu funktionieren, eine ebenso rigide Lohn- und Finanzpolitik voraus, anders ausgedrückt: stagnierende Löhne und hohe Arbeitslosigkeit sind die Kosten dieser Geldpolitik. Die Bereitschaft, diese Kosten zu tragen, ist der materielle Grund der rechnerischen Anomalie.(3)

Die Anomalie besteht, deutlicher ausgedrückt, darin, dass sich Lohnzurückhaltung rechnet, dass die Tendenz zu stagnierenden Löhnen und Steigerung der Produktivität im Interesse der deutschen Arbeiter liegen kann, solange der unvermeidliche Widerspruch ins Ausland exportiert werden kann. Und der angebliche Konstruktionsfehler der europäischen Einheitswährung, die den gesamten Euroraum diesem deutschen Amoklauf wehrlos ausliefert, begründet gerade das Interesse der Deutschen an der Gemeinschaftswährung. In der gleichzeitig triumphalen und knirschend-knappen Wiederwahl Angela Merkels spiegelt sich die Paradoxie dieser Lage recht hübsch wieder.

Der materielle Grund aber, der das ermöglichte, ist der fortdauernde Verzicht der deutschen Arbeiter auf eine Prämie auf die Steigerung ihrer Arbeitsproduktivität im Austausch gegen die Prämie, die in der relativen Stabilität ihrer Löhne besteht; das heisst, die Komplizenschaft mit der Strategie des Kapitals; die Aufgabe ihrer regulativen (und ganz und gar bürgerlich-demokratischen) gewerkschaftlichen Selbsttätigkeit im Austausch gegen ihre Aufnahme in den Staatszweck. Das so etwas in Deutschland funktioniert, und in anderen Ländern nicht oder nicht in diesem Ausmass: das ist das reale Zeugnis der Fortdauer des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft, das Weiterleben der Volksgemeinschaft. Und die rechnerische Anomalie ein rasch verfliegendes Nachbild der negativen Aufhebung, oder ihr Vorzeichen.

2.
Dass die Krise aber kommen würde, musste klar sein. Natürlich hat Deutschland, während es sich seines erträglichen eigenen Befindens als „Konjunkturlokomotive Europas“ feiern konnte, eine ganze Weile seine Kosten damit bestreiten können, eine europäische Ökonomie nach der anderen der Krise in den Rachen zu werfen. Und selbstverständlich können Europa, Japan und Amerika sich eine Zeitlang salvieren, indem sie ihre Währungen abwerten und damit den Ruin nach China, Indien und Brasilien tragen. Aber alles das kauft nur Zeit, und die gekaufte Zeit, die ohnehin nie ein besonders solides Aussehen hatte, ist um.

Fünf Jahre der Krise sind vorbei, und in Deutschland ist anscheinend alles noch beim alten. Man kann die Probe machen und eine Zeitung desselben Datums von 2008 aufschlagen. Die gespenstische Fortdauer der Dinge, wie in einer Zeitblase, verdeckte aber kaum das Geräusch des Wurms, der im Gebälk schon frass. Unter der Oberfläche sind die Dinge hohl geworden. Der Glaube an ihre Haltbarkeit ist lange dahin. Der Aufschub hat nur das bewirkt, dass die Leute in diesem Land sich auf das unausweichliche desto gründlicher eingeübt haben; viele werden zu allem bereit sein.

Es war eine Zeit, in der jedes Schwindelunternehmen, kühn genug angefasst, gelingen hätte können; auch weil es sich in nichts von allen anderen Unternehmen unterschieden hätte, wie jeder gewusst hat. Solange es eben gut ging, und jetzt scheint es damit vorbei zu sein.

Die untrüglichen Vorzeichen der nahenden Klemme sind überall zu sehen. Eines ist paradoxerweise die rasant steigende Auslastung der Kapazitäten, jedenfalls in kleinen Betrieben wie dem, in dem ich arbeite. Die Arbeitskraft wird anscheinend knapp. Namentlich die kleinen Kapitalisten, die blanke Panik im Nacken, können gar nicht genug Hände bekommen; aber einen anständigen Lohn zu zahlen, fällt ihnen nicht ein. Die Belegschaften sind überarbeitet und frustriert. Alles hängt jetzt immer von einer neuen, diesmal letzten Anstrengung ab. Es ist allen klar, dass es eine Täuschung ist. In Wahrheit wird falliert werden. Die Angestellten wissen es sehr gut. Ihre elementare Form der Gegenwehr nimmt die Form offener Absprachen an. Aus der Absprache wird Intrige. Die Lage eskaliert bis an die Schwelle des offenen Konflikts, ohne diese indessen jemals zu überschreiten.

Kollegen, die sich nicht ausstehen können, sieht man heute ihr Einverständnis miteinander beteuern in Worten, die offen wie die dreiste Lüge aussehen, die sie auch wirklich sind. Plötzlich sind Leute auf Du, die sich hassen. Aber niemand glaubt dem anderen auch nur ein Wort, und während man verabredet, sinnt man schon auf Betrug. Es gehört in kleinen Betrieben zur vorhersehbaren Verlaufsform solcher Konflikte, dass sie schon ganz zu Anfang die Form der blossen kleinlichen Intrige gegen den Chef annehmen, so als ob alle wirklich schon wüssten, dass kurz darauf fast zwangsläufig der Chef in die Intrige aufgenommen, und deren Richtung gegen die Langsamen, die Renitenten und überhaupt die schlechter ausbeutbaren Arbeitskräfte gewendet werden wird, was dann auch unfehlbar eintritt.

Tastend suchen die Kollegen einen Konsens, denn ein solcher muss unter allen Umständen gefunden sein. Auf einmal wird auch das übliche rassistische Geschwätz auf seine Ähnlichkeit mit ihrer verlogenen Intrige hin durchsichtig: es dient der Versicherung eines Einverständnisses, das sich von vorneherein gegen einen völlig wahnhaften Feind richtet. Nicht einmal ihren Rassismus würde man ihnen glauben, wenn man nicht wüsste, dass das der Ort ist, wo das Pack seine Lügen ausnahmsweise einmal ernst meint, wie zum Ausgleich. Das alltägliche Geschwätz nähert sich der Einübung auf den Ernstfall in dem Masse an, wie die Stossrichtung der Intrige und ihre wahre Funktion deutlich wird: das Produktionsverhältnis des Faschismus.

3
Die kleinen Betriebe sind immer und zu allen Zeiten fürchterlich gewesen. Und ich will gar nicht sagen, dass es nicht etwas gäbe, was dagegen hülfe. Aber es gibt zuwenig davon. Ich sehe gut genug, dass in dem Prozess, wie ich ihn beschrieben habe, ein anderer Weg angelegt, d.h. möglich und denkbar ist: man könnte ja etwa auch den Konflikt wagen. Man könnte offen erklären: Ich riskiere nicht weiter meine Gesundheit für deinen Scheissladen, der sowieso bald pleitegeht. Man könnte sagen: Nichts ist das alles hier wert. Kurz, man könnte sich als genau das verhalten, wogegen die Intrige in Wahrheit gerichtet ist; wogegen das neue Einverständnis geschmiedet wird. Vielleicht ist es in der grossen Industrie einfacher, ich weiss es nicht; aber man muss wohl dazu auch erst den Mut haben.

Was uns retten könnte, wäre der Streik. Nicht, sich irgendwie zu akkomodieren; irgendwie eine Lösung finden, vielleicht um ein paar Cent mehr Lohn. Es geht nicht mehr um den Lohngroschen. Wer weiss ohnehin, was er noch wert ist. Es geht schon um alles. Um Zeit, und um Luft für die Rettung. Wir sehen nach Griechenland, wir sehen nach Ungarn. Wir sehen nach Syrien. Dort führt man uns vor, was uns erwartet in diesem Hund von einer Welt. Und wir sind völlig wehrlos. Und um unseretwillen wird dieses blutige Spiel doch gegeben: weil man uns ja doch zu fürchten scheint, dass man uns derart im Zaume halten muss. solcher Art ist unsere Ohnmacht.

Es weiss ja doch jeder, dass alles noch nicht einmal angefangen hat, und schon hat niemand mehr eine Ahnung, was nun zu tun ist. Die Klügsten schweigen ganz. Natürlich muss man sich organisieren, selbstverständlich, damit fängt es an. Aber je öfter man diese immergleiche Weisheit hersagt, desto schaler wird sie; und was, das ist nämlich die Frage, dann? Was ändert sich damit? Die Wahrheit ist, dass der kleine Betrieb, in dem ich arbeite, nicht verdient zu existieren, weil er etwas produziert, das keinen Nutzen hat. Die Wahrheit ist auch, dass niemand streiken, oder sich organisieren kann, ohne zumindest gewillt zu sein, die Existenz des Betriebes zu riskieren, oder aber ihn zu übernehmen. Und sonnenhelle Wahrheit ist, dass, wo so etwas ins Blickfeld käme, vielem Übel der Boden entzogen wäre. Aber wo soll die Bereitschaft dazu herkommen?

Das Problem ist, wie ich glaube, nicht, dass die Zusammenhänge der jetzigen Ordnung zu dicht wären. Sie sind im Gegenteil unglaublich zerbrechlich. Diejenigen Massen, die heute in den Streik zu treten gedächten, fänden sich morgen mit den Trümmern dieser Ordnung in den Händen wieder, und vor die ungeheure Aufgabe gestellt, alles neu aufzubauen. Und kein, wirklich kein Glied der Kette hat irgend ein sinnvolles Mittel dazu in der Hand. Welche Belegschaft kann von sich sagen, etwas zu produzieren, das wirklich jemand braucht? Sei dies in Hinsicht auf eine etwaige Tauschökonomie besetzter Betriebe oder auch auf eine grossen Commune. Wie organisiert man sogar das eigene Überleben? Das kleinste Rädchen hängt an dem grossen Rad, und das grosse Rad muss immer gedreht werden, wenn man das kleine bewegen will. Und wer von uns könnte das grosse Rad noch drehen?

Solange es aber so bleibt, geht die allgemeine Niedertracht noch weiter, und gerade in den Renitenten erkennen die, die mitmachen, ihren grössten Feind. Sie halten sich fest an dem wenigen, was sie haben, und werden zu allem bereit sein, um es zu behalten. Ich bin ein geduldiger Zuhörer in allen möglichen Debatten. Aber ich werde in Zukunft laut schreiend jede unterbrechen, in der dieser Gedanke nicht vorkommt, und die grosse Gefahr.(4)

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1 Schon da wird es undurchsichtig. Die gewerkschaftsnahe Linke zB hat die exakten Zahlen über die Lohnsumme, und der ganze Rest kümmert sich gar nicht darum. Aber genau der Haufen hat keinerlei Interesse für zB Flüchtlinge, weil sie das scheinbar für einen Nebenwiderspruch halten oder was. Aber es gibt tatsächlich Arbeitsmigration, und auch illegale, und es gibt einen guten Grund dafür, der aber genau in dem Zahlenparadox steckt. Vielleicht ist es ein Widerspruch, den Arbeitern zu erzähhlen: ihr verdient zu wenig, und gleichzeitig: Leute kommen hierher wegen der stabilen und hohen Löhne. Das liegt an demselben Paradoxon. Und sowas kommt von sowas, wenn man Leuten etwas nicht erklären will, was sie und jeder andere ohnehin wissen. Jede Erklärung ist zuletzt nur so gut wie der, der sie unterlässt, weil er sie nicht versteht.

2 Die Rechnung ist sehr komplex. Der hier allerorten und unbedingt gewahrte Betriebsfrieden, d.h. die endemische Abneigung gegen Streiks u.ä., oder die Gelehrsamkeit unserer Auszubildenden, insgesamt der allgemeine Konformismus gehen in die Grösse Produktivität ein. Diese schafft wiederum auf dem Weltmarkt die Menge an harter Währung her, die solche Dinge anscheinend bezahlt; welche Währung natürlich die unsere ist, die dann so ausschaut, als ob sie die in Metall, Papier oder irgendwas gegossene Masse an Disziplin ist, die man für den Spass verausgabt, während sie in Wirklichkeit ihre Realität nirgendwo hat als an einem Vergleich unterschiedlicher Gesellschftsmodelle entlang ihres inhärenten Konformismus und ihrer historisch erworbenen Stellung, d.h. zweier gleich schlechter Gründe.

3 Die gewerkschaftsnahe Linke hat irgendwann einmal darin ein Problem gesehen. Das ist lange her. Die Literatur um den VSA-Verlag oder www.sozialismus.de war vielleicht nie besonders gescheit, aber mir scheint, sie hätten früher einmal weniger über Amerika und Israel, zwei völlig illusorische Gegner, gesprochen, und mehr über den sozusagen Klassenfeind, d.h. die Gestalt dieser Gesellschaft, ihre Stellung im internationalen System und deren Grundlagen auf dem hiesigen Boden. Das ist lange her, und ich will es nicht betrauern. Nur macht das niemand mehr, und v.a. die antideutsche Linke hat nicht das leiseste Interesse daran, und ich deswegen an ihr, während Griecheland z.B. in hellen Flammen brennt aus keinem anderen Grund.

4 Namentlich diejenigen, in denen sich Leute für oder gegen Polyamorie, Gender, Veganismus, Critical Whiteness oder anderen Banalitäten ereifern.

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