„Die Ordnung herrscht in Berlin“ (Rosa Luxemburg)

15. Januar 2014. 20.00 Uhr. Erfurt. Filler – offenes Jugendbüro. Schillerstr. 44. 99096 Erfurt.
Vortrag und Diskussion mit Jörg Finkenberger (Das grosse Thier).

Januar 1919: nach der Niederschlagung des Spartakusaufstands ermorden Angehörige der Freikorps Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die Taten der „losgelassenen Soldateska“, wie einer der Mörder, Waldemar Pabst, seine Truppe später nennen wird, sind in der deutschen Geschichte bis dahin ohne Beispiel. Die Freikorps führen den Kampf gegen den „Bolschwismus“ mit einer Brutalität, die in keinem Verhältnis zu den Handlungen der Revolutionäre steht.

Ausgerechnet Rosa Luxemburg, die erbitterte Kritikerin der Methoden Lenins und Trotzkis, heisst in der Propaganda der Mörder „die blutige Rosa“; der „rote Terror tobt“ in Berlin, dann in München, wo Freikorpsmänner den friedfertigen Gustav Landauer mit Nagelstiefeln zu Tode trampeln. Ebert und seine SPD decken, finanzieren, kommandieren all das unter dem Titel des Kampfes um „die Ordnung“; und noch heute hört man, die Rechte und Ebert hätten allen Grund gehabt, sich vor „russischen Verhältnissen“ zu fürchten.

Wovon die Staatsbürgerkunde weniger gern redet, sind die 4 blutigen Jahre, in die die Stützen der Ordnung die Menschheit vorher gestürzt hatten; die „Ideen von 1914“, das „Vaterland“ und all die Dinge, in deren Namen die „Blutpumpe von Verdun“ betrieben wurde, und in deren Namen jetzt die Freikorps in Berlin, München, Halle, an Rhein und Ruhr anwandten, was sie im Feld gelernt hatten. Wovon auch die Rede nicht ist, ist die bizarre Hasskampagne nicht nur gegen Spartakus, sondern gegen die Linke und die Revolution, lange ehe noch der erste Schuss abgefeuert wurde.

Denn wovor die deutschen „Antibolschewisten“ von Stadtler bis Hitler sich am meisten fürchteten, war nicht der „rote Terror“, sondern die Vorstellung, die Revolution und die menschliche Befreiung könnten gelingen. Dass das Vaterland und das Opfer und der Krieg, die Zucht und Ordnung, der Staat und die Familie aufhören könnten: das ist, was an der Revolution gehasst wird. Die Freikorps-Soldateska auf den Strassen Berlins oder Münchens bildet die Verbindung zwischen Verdun und Dachau. Das ist die Ordnung, die 1919 in Berlin sich durchsetzt: und „was ihr Staat nennt und Ordnung, das ist nichts anderes als ein einziges Schlachthaus, und ein grosses Gräberfeld“ (Michael Bakunin).

Diese Veranstaltung ist Teil der Aktionswoche zu Rosa&Karl.

Weitere Veranstaltungen der Themenreihe:
08.01 um 20.00 Uhr im Filler: Rosa Luxemburg und die Revolution
09.01 um 20.00 Uhr im Speicher: Lesung zur Novemberrevolution

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Das schreibt man anderswo

Was machen eigentlich die Leute vom Grossen Thier, während alle auf das neue Heft warten? Genau: sie schreiben anderswo, z.B. in der neuen [改道] Gǎidào auf S. 21.

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Die nächste Ausgabe

Hallo liebe Fanatikerinnen und Fanatiker,

wir dürfen euch hiermit herzlich mitteilen, dass die hinlänglich bekannte Indie-Rockband Tocotronic auch für unser bescheidenes Heft einen Song geschrieben hat. Wir freuen uns sehr! Momentan stecken wir daher Hals über Kopf in Arbeit und sind derzeit mit den Videoaufnahmen beschäftigt. Vorab so viel: Unser allseits verhaßter Herausgeber wird auf einem Zebroide reitend durch die lybische Wüste zu sehen sein. Mehr Informationen gibt es in wenigen Tagen!

Wichtiger Nachtrag: Unser Kulturressort sucht noch dringend einen Tester, der synthetisch hergestellte Bettwäsche im Preissegment < 50 Euro für unser Heft vergleicht.

Hurra und fröhliches neues Jahr!

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Studentenfutter

Die Freundinnen und Freunde aus Berlin schreiben merkwürdigerweise über die eigene Stadt, ob uns das zu denken geben sollte? Jedenfalls dokumentieren wir den Beitrag über eine Konferenz die Anfang Dezember in Berlin stattfand und erschreckend viele (künftige) Theoretiker anzog:

Eine Erinnerung an die Zukunft hätte die lange geplante Konferenz Anfang Dezember sein sollen, doch am Ende stellte sich einmal mehr heraus: „Alles, was auf wackligen Füßen steht, wird ohnehin zusammenbrechen. und nicht sind es die eingebildeten Bündnisse, die Menschen in allen möglichen Formen glauben zu schließen, welche wacklig sind. Wacklig sind die Menschen, welche glauben, solche Bündnisse schließen zu können und damit auch behaupten, sie täten irgendetwas, was auch nur einen Moment bestand hat.“ (Einer der Laidakwirte bzw. -prediger) Über 600 sogenannte „Wissenshungrige“ kamen und gingen. Die einen gelangweilt und voller Spott wie immer, die anderen behaupteten, etwas Spannendes gefunden zu haben, hier und dort oder auch nur in einigen Aspekten einiger der gehaltenen Vorträge – auch wie immer.

Im Wesentlichen waren auf den diversen Foren diejenigen, die schon in den Neunzigern und Nullern nicht in der Lage waren, eine effiziente kritische Theorie auszubilden und das, obwohl sie bis heute viel diskutieren und lesen, sprich das sind, was man gemeinhin für klug hält. Es handelte sich um „das mittlere und schlechte Gesindel, das sich lange breitgesetzt und das große Wort gehabt“ hat, allerdings angereichert mit einigen Neueren und angeblich sogar einigen Karrieristen. Das Publikum kam teilweise mit Reisebussen, war aber sehr sediert. Eine Mischung die niemals brennt, es fehlt einfach das Benzin bzw. in moderner Terminologie: es fehlte die Subjektivität. Archiviert wird das dann im vielfach gepriesenem Audioarchiv.

Einige Individuen aus Halle schrieben daher eine leicht polemische, aber viel zu lange und dazu höchst ungenaue Flugschrift und bewiesen dadurch auch nur, wie sehr sie Teil derselben intellektuellen Malaise sind. Dabei hätten vielleicht einige vergiftete Xenien wirklich Not getan, die dann den selbsterklärten kritischen Theoretikern „tüchtig aufs Maul geschlagen“, bzw. die ihnen den „Leib mit kaltem Wasser übergossen“ hätten, zu deren Verdruß, aber zur „zur unendlichen Ergötzlichkeit des besseren Teils des Publikums“ (Alle Zitate: Hegel über die Intellektuellen seiner Zeit, nach Magazin N° 4) –

Sollte nicht sein und kann gegenwärtig auch niemand. Und so wird der ewige Zirkel aus nörgelnden Unkenrufen und Stimmen, die dem Unfug etwas Positives abgewinnen wollen/können, noch einige fruchtlose Kreise ziehen. In den seligen 80ern dagegen, so merkte ein Kerl an, der damals in der Blüte seines Lebens stand, hätte man noch überall in der Uni Slogans wie „Die Wahrheit der Bildung ist die Ware!“ an die Wand gesprüht und allerlei Sachschaden angerichtet. Diesmal aber gab es Aufpasser, dass niemand mit dem Edding malt.


Die Animation ist mit Musik hier abzurufen

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Tunis

Tunis. Tunesien. Wir schreiben das Jahr 2013. Eine desillusionierte, depressive Jugend: „Wir versuchen nicht allzu sehr aufzufallen und zu überleben. Mehr ist nicht drin.“
Seit wenigen Tagen veröffentlicht eine Person in deutscher Sprache über Erlebnisse keine zwei Flugstunden von hier entfernt. Wir empfehlen den Blog zu verfolgen. Ein krächzender Ruf gen Tunis: Wir können den Streik im Allgemeinen genauso wie die Trauer im Besonderen nur wärmstens empfehlen.

http://fitunis.blogspot.de/

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Morgen: Freiburg, 20.00, Joß-Fritz-Cafe

Ein bunter Abend mit dem “Grossen Thier”

Lesung aus verschiedenen Texten

Die Zeitschrift “Das Grosse Thier“ gibt es seit ungefähr zwei Jahren, und immer noch gibt es keinen Grund zum Feiern. Interessierte kennen sie vielleicht aus den Gefälligkeitsrezensionen der einschlägigen Szene-Blätter; aber kaum jemand weiß, wozu diese Zeitschrift betrieben wird, noch was ihr Name bedeutet. Vielleicht erfahren wir es heute Abend? – “Das Grosse Thier geht in sein drittes Jahr. Niemand hätte gedacht, daß es so weit würde kommen müssen. Und, wie es aussieht, wird es einstweilen dabei bleiben. Eine Zeitschrift ist, wie alles, was man tun oder lassen kann, an ihre Zeit gebunden, und die Zeit, die etwas wie dieses Blatt nötig oder auch nur möglich gemacht hat, hat bisher nicht aufgehört. Also geht es weiter; in Ermangelung eines Besseren” (“Wir müssen zugeben, daß alles weitergeht”: Einleitung zum nächsten Heft). – Redakteure des Grossen Thieres lesen aus alten und neuen Texten, unter anderem über: das Leben unter Lohnarbeit und Hartz IV, Materialismus und Philosophie, non-citizens und Flüchtlingsproteste, Rassismus und Antirassismus, Krise und Krisenbewältigung, Aufstände und Bürgerkriege, und, wenn noch Zeit ist, das grauenvolle Versagen nahezu jeder denkbaren Opposition. Devotionalien sind am Merch-Stand erhältlich (http://dasgrossethier.wordpress/ .com/) Das Blatt erscheint derzeit in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Saarbrücken, Würzburg und Halle und ist ab Januar 2014 im Abonnement erhältlich. Abonnement unter dasgrossethier@gmx.de.

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Die Zeit der schmutzigen Intrige

Über die Krise und ihre Bewältigung im Arbeitskonflikt

von Vince O’Brian

Wir begrüssen den ehemaligen Autor des Letzten Hype (http://letzterhieb.blogsport.de/) Vince O’Brian und seinen schönen Subjektivismus, den ausführlich zu widerlegen er uns fürs nächste Heft fest versprochen hat. Wir wissen freilich, was wir von solchen Versprechen zu halten haben, oder auch von Begriffen wie „Subjektivismus“. Vince O’Brian wird hauptsächlich Industrie-Reportagen aus dem Dienstleistungssektor liefern, sowie Metaphysik frisch aus dem Börsenteil der Tageszeitungen. Auch das hat er uns fest versprochen.

Die Krise hat Deutschland erreicht, und zwar in den letzten Wochen. Zu dieser recht kühn klingenden und definitiven Aussage komme ich nicht etwa durch die Lektüre des Börsenteils der Zeitungen. Dort braucht man nicht nach Nachrichten über die Krise zu suchen. Wenn die Krise an den Börsen sichtbar wird, ist sie in Wirklichkeit schon lange da gewesen, und dann ist schon alles zu spät. Die Krise kommt aus den Arbeitsbeziehungen, und dort wird sie als erstes sichtbar. Und sobald sie sichtbar wird, wird man sehen, wie nach Mechanismen ihrer Bewältigung gesucht werden wird. Der krampfhafte Griff nach ihnen beginnt im selben Moment, in dem die Krise sichtbar wird.

1.
Bisher hatte man die eigenartige Situation vor sich, dass dieses Land, oder genauer gesagt, diese Ordnung in der allgemeinen Krise stabil zu bleiben schien. Diese Stabilität verdankt sich einerseits einem scheinbaren Konstruktionsfehler des europäischen Währungsraumes, andererseits der eigenartigen Verfasstheit der deutschen Gesellschaft.

Diese Eigenart besteht darin, dass eine politische Selbsttätigkeit der lohnarbeitenden Schichten weitgehend undenkbar ist, und zwar anders, als es im Buche steht. Engels z.B. konnte noch recht unbedenklich davon ausgehen, dass Arbeitskonflikte, selbst Streiks zum Funktionieren des kapitalistischen Gesamtprozesses dazugehören, weil, wie er irgendwo nachlässig schreibt, sich durch sie hindurch eben das Lohngesetz Geltung verschaffe. Anders ausgedrückt: die Weiterführung der ganzen Scheisse auf erweiterter Stufenleiter hängt eben davon ab, dass irgendwie die Löhne auch ansteigen, auf eine Weise, die zur Entwicklung der Produktivität nicht ganz ausser Verhältnis steht. Die einzelnen Kapitalisten aber wollen nicht mehr zahlen als die anderen, weswegen man sie alle gemeinsam gegen ihren Willen zu ihrem Glück zwingen muss. Die Stockung, die ohne die Lohnerhöhung einträte, würde zu Ungleichgewichten führen, die den Gesamtprozess irgendwann zum Kentern brächten. Die Arbeiterklasse nimmt im Lohnkampf paradoxerweise die Interessen des Ganzen wahr. Ihre Aktivität ist ein objektives Moment des Gesamtprozesses und ein Garant seiner Harmonie.

Alles das natürlich, solange man in einer Welt lebt, in der es weder Krise noch Staat noch Weltmarkt gibt, also z.B. auch nicht das Kapital. In Wirklichkeit lohnt es sich nicht nur für die einzelnen Kapitalisten, sondern kann sich im Vergleich auch für die Arbeiter lohnen, dass die Löhne stagnieren, während die Arbeit produktiver oder sogar intensiver wird. Diese erstaunliche Tatsache verdankt sich der internationalen Konkurrenz und einigen Eigenschaften der Grundrechenarten, und ihr Funktionieren verlangt notwendig eine gewisse Bedingung, auf die wir noch zu sprechen kommen werden. Aber erst zum Paradox der Zahlen.

Deutschland ist nach wie vor eine Hochlohnökonomie, und als solches übrigens ein Attraktor für Arbeitsmigration (1). Gleichzeitig gab es in Deutschland seit fast einem Vierteljahrhundert keine nennenswerte Erhöhung der Löhne, netto und real gerechnet. Betrachtet man die Entwicklung auch derjenigen weiteren Arbeitskosten, die in den Preis der produzierten Güter eingehen, und vergleicht sie mit der Entwicklung der Arbeitsproduktivität, erhält man die sogenannten Lohnstückkosten, und diese gehen über Jahrzehnte tendenziell nach unten. Damit erhöht sich die Konkurrenzfähigkeit deutscher Produkte auf dem Weltmarkt.(2) Das zieht, aufgrund der Aussenwirtschaftsbilanzen, einen Druck zur Aufwertung der Währung nach sich, welche diesen Vorteil wieder ausgleichen müsste. Dem hat, zu Zeiten der D-Mark, die Bundesbank durch eine rigide Geldpolitik entgegengewirkt. Diese Geldpolitik setzt, um zu funktionieren, eine ebenso rigide Lohn- und Finanzpolitik voraus, anders ausgedrückt: stagnierende Löhne und hohe Arbeitslosigkeit sind die Kosten dieser Geldpolitik. Die Bereitschaft, diese Kosten zu tragen, ist der materielle Grund der rechnerischen Anomalie.(3)

Die Anomalie besteht, deutlicher ausgedrückt, darin, dass sich Lohnzurückhaltung rechnet, dass die Tendenz zu stagnierenden Löhnen und Steigerung der Produktivität im Interesse der deutschen Arbeiter liegen kann, solange der unvermeidliche Widerspruch ins Ausland exportiert werden kann. Und der angebliche Konstruktionsfehler der europäischen Einheitswährung, die den gesamten Euroraum diesem deutschen Amoklauf wehrlos ausliefert, begründet gerade das Interesse der Deutschen an der Gemeinschaftswährung. In der gleichzeitig triumphalen und knirschend-knappen Wiederwahl Angela Merkels spiegelt sich die Paradoxie dieser Lage recht hübsch wieder.

Der materielle Grund aber, der das ermöglichte, ist der fortdauernde Verzicht der deutschen Arbeiter auf eine Prämie auf die Steigerung ihrer Arbeitsproduktivität im Austausch gegen die Prämie, die in der relativen Stabilität ihrer Löhne besteht; das heisst, die Komplizenschaft mit der Strategie des Kapitals; die Aufgabe ihrer regulativen (und ganz und gar bürgerlich-demokratischen) gewerkschaftlichen Selbsttätigkeit im Austausch gegen ihre Aufnahme in den Staatszweck. Das so etwas in Deutschland funktioniert, und in anderen Ländern nicht oder nicht in diesem Ausmass: das ist das reale Zeugnis der Fortdauer des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft, das Weiterleben der Volksgemeinschaft. Und die rechnerische Anomalie ein rasch verfliegendes Nachbild der negativen Aufhebung, oder ihr Vorzeichen.

2.
Dass die Krise aber kommen würde, musste klar sein. Natürlich hat Deutschland, während es sich seines erträglichen eigenen Befindens als „Konjunkturlokomotive Europas“ feiern konnte, eine ganze Weile seine Kosten damit bestreiten können, eine europäische Ökonomie nach der anderen der Krise in den Rachen zu werfen. Und selbstverständlich können Europa, Japan und Amerika sich eine Zeitlang salvieren, indem sie ihre Währungen abwerten und damit den Ruin nach China, Indien und Brasilien tragen. Aber alles das kauft nur Zeit, und die gekaufte Zeit, die ohnehin nie ein besonders solides Aussehen hatte, ist um.

Fünf Jahre der Krise sind vorbei, und in Deutschland ist anscheinend alles noch beim alten. Man kann die Probe machen und eine Zeitung desselben Datums von 2008 aufschlagen. Die gespenstische Fortdauer der Dinge, wie in einer Zeitblase, verdeckte aber kaum das Geräusch des Wurms, der im Gebälk schon frass. Unter der Oberfläche sind die Dinge hohl geworden. Der Glaube an ihre Haltbarkeit ist lange dahin. Der Aufschub hat nur das bewirkt, dass die Leute in diesem Land sich auf das unausweichliche desto gründlicher eingeübt haben; viele werden zu allem bereit sein.

Es war eine Zeit, in der jedes Schwindelunternehmen, kühn genug angefasst, gelingen hätte können; auch weil es sich in nichts von allen anderen Unternehmen unterschieden hätte, wie jeder gewusst hat. Solange es eben gut ging, und jetzt scheint es damit vorbei zu sein.

Die untrüglichen Vorzeichen der nahenden Klemme sind überall zu sehen. Eines ist paradoxerweise die rasant steigende Auslastung der Kapazitäten, jedenfalls in kleinen Betrieben wie dem, in dem ich arbeite. Die Arbeitskraft wird anscheinend knapp. Namentlich die kleinen Kapitalisten, die blanke Panik im Nacken, können gar nicht genug Hände bekommen; aber einen anständigen Lohn zu zahlen, fällt ihnen nicht ein. Die Belegschaften sind überarbeitet und frustriert. Alles hängt jetzt immer von einer neuen, diesmal letzten Anstrengung ab. Es ist allen klar, dass es eine Täuschung ist. In Wahrheit wird falliert werden. Die Angestellten wissen es sehr gut. Ihre elementare Form der Gegenwehr nimmt die Form offener Absprachen an. Aus der Absprache wird Intrige. Die Lage eskaliert bis an die Schwelle des offenen Konflikts, ohne diese indessen jemals zu überschreiten.

Kollegen, die sich nicht ausstehen können, sieht man heute ihr Einverständnis miteinander beteuern in Worten, die offen wie die dreiste Lüge aussehen, die sie auch wirklich sind. Plötzlich sind Leute auf Du, die sich hassen. Aber niemand glaubt dem anderen auch nur ein Wort, und während man verabredet, sinnt man schon auf Betrug. Es gehört in kleinen Betrieben zur vorhersehbaren Verlaufsform solcher Konflikte, dass sie schon ganz zu Anfang die Form der blossen kleinlichen Intrige gegen den Chef annehmen, so als ob alle wirklich schon wüssten, dass kurz darauf fast zwangsläufig der Chef in die Intrige aufgenommen, und deren Richtung gegen die Langsamen, die Renitenten und überhaupt die schlechter ausbeutbaren Arbeitskräfte gewendet werden wird, was dann auch unfehlbar eintritt.

Tastend suchen die Kollegen einen Konsens, denn ein solcher muss unter allen Umständen gefunden sein. Auf einmal wird auch das übliche rassistische Geschwätz auf seine Ähnlichkeit mit ihrer verlogenen Intrige hin durchsichtig: es dient der Versicherung eines Einverständnisses, das sich von vorneherein gegen einen völlig wahnhaften Feind richtet. Nicht einmal ihren Rassismus würde man ihnen glauben, wenn man nicht wüsste, dass das der Ort ist, wo das Pack seine Lügen ausnahmsweise einmal ernst meint, wie zum Ausgleich. Das alltägliche Geschwätz nähert sich der Einübung auf den Ernstfall in dem Masse an, wie die Stossrichtung der Intrige und ihre wahre Funktion deutlich wird: das Produktionsverhältnis des Faschismus.

3
Die kleinen Betriebe sind immer und zu allen Zeiten fürchterlich gewesen. Und ich will gar nicht sagen, dass es nicht etwas gäbe, was dagegen hülfe. Aber es gibt zuwenig davon. Ich sehe gut genug, dass in dem Prozess, wie ich ihn beschrieben habe, ein anderer Weg angelegt, d.h. möglich und denkbar ist: man könnte ja etwa auch den Konflikt wagen. Man könnte offen erklären: Ich riskiere nicht weiter meine Gesundheit für deinen Scheissladen, der sowieso bald pleitegeht. Man könnte sagen: Nichts ist das alles hier wert. Kurz, man könnte sich als genau das verhalten, wogegen die Intrige in Wahrheit gerichtet ist; wogegen das neue Einverständnis geschmiedet wird. Vielleicht ist es in der grossen Industrie einfacher, ich weiss es nicht; aber man muss wohl dazu auch erst den Mut haben.

Was uns retten könnte, wäre der Streik. Nicht, sich irgendwie zu akkomodieren; irgendwie eine Lösung finden, vielleicht um ein paar Cent mehr Lohn. Es geht nicht mehr um den Lohngroschen. Wer weiss ohnehin, was er noch wert ist. Es geht schon um alles. Um Zeit, und um Luft für die Rettung. Wir sehen nach Griechenland, wir sehen nach Ungarn. Wir sehen nach Syrien. Dort führt man uns vor, was uns erwartet in diesem Hund von einer Welt. Und wir sind völlig wehrlos. Und um unseretwillen wird dieses blutige Spiel doch gegeben: weil man uns ja doch zu fürchten scheint, dass man uns derart im Zaume halten muss. solcher Art ist unsere Ohnmacht.

Es weiss ja doch jeder, dass alles noch nicht einmal angefangen hat, und schon hat niemand mehr eine Ahnung, was nun zu tun ist. Die Klügsten schweigen ganz. Natürlich muss man sich organisieren, selbstverständlich, damit fängt es an. Aber je öfter man diese immergleiche Weisheit hersagt, desto schaler wird sie; und was, das ist nämlich die Frage, dann? Was ändert sich damit? Die Wahrheit ist, dass der kleine Betrieb, in dem ich arbeite, nicht verdient zu existieren, weil er etwas produziert, das keinen Nutzen hat. Die Wahrheit ist auch, dass niemand streiken, oder sich organisieren kann, ohne zumindest gewillt zu sein, die Existenz des Betriebes zu riskieren, oder aber ihn zu übernehmen. Und sonnenhelle Wahrheit ist, dass, wo so etwas ins Blickfeld käme, vielem Übel der Boden entzogen wäre. Aber wo soll die Bereitschaft dazu herkommen?

Das Problem ist, wie ich glaube, nicht, dass die Zusammenhänge der jetzigen Ordnung zu dicht wären. Sie sind im Gegenteil unglaublich zerbrechlich. Diejenigen Massen, die heute in den Streik zu treten gedächten, fänden sich morgen mit den Trümmern dieser Ordnung in den Händen wieder, und vor die ungeheure Aufgabe gestellt, alles neu aufzubauen. Und kein, wirklich kein Glied der Kette hat irgend ein sinnvolles Mittel dazu in der Hand. Welche Belegschaft kann von sich sagen, etwas zu produzieren, das wirklich jemand braucht? Sei dies in Hinsicht auf eine etwaige Tauschökonomie besetzter Betriebe oder auch auf eine grossen Commune. Wie organisiert man sogar das eigene Überleben? Das kleinste Rädchen hängt an dem grossen Rad, und das grosse Rad muss immer gedreht werden, wenn man das kleine bewegen will. Und wer von uns könnte das grosse Rad noch drehen?

Solange es aber so bleibt, geht die allgemeine Niedertracht noch weiter, und gerade in den Renitenten erkennen die, die mitmachen, ihren grössten Feind. Sie halten sich fest an dem wenigen, was sie haben, und werden zu allem bereit sein, um es zu behalten. Ich bin ein geduldiger Zuhörer in allen möglichen Debatten. Aber ich werde in Zukunft laut schreiend jede unterbrechen, in der dieser Gedanke nicht vorkommt, und die grosse Gefahr.(4)

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1 Schon da wird es undurchsichtig. Die gewerkschaftsnahe Linke zB hat die exakten Zahlen über die Lohnsumme, und der ganze Rest kümmert sich gar nicht darum. Aber genau der Haufen hat keinerlei Interesse für zB Flüchtlinge, weil sie das scheinbar für einen Nebenwiderspruch halten oder was. Aber es gibt tatsächlich Arbeitsmigration, und auch illegale, und es gibt einen guten Grund dafür, der aber genau in dem Zahlenparadox steckt. Vielleicht ist es ein Widerspruch, den Arbeitern zu erzähhlen: ihr verdient zu wenig, und gleichzeitig: Leute kommen hierher wegen der stabilen und hohen Löhne. Das liegt an demselben Paradoxon. Und sowas kommt von sowas, wenn man Leuten etwas nicht erklären will, was sie und jeder andere ohnehin wissen. Jede Erklärung ist zuletzt nur so gut wie der, der sie unterlässt, weil er sie nicht versteht.

2 Die Rechnung ist sehr komplex. Der hier allerorten und unbedingt gewahrte Betriebsfrieden, d.h. die endemische Abneigung gegen Streiks u.ä., oder die Gelehrsamkeit unserer Auszubildenden, insgesamt der allgemeine Konformismus gehen in die Grösse Produktivität ein. Diese schafft wiederum auf dem Weltmarkt die Menge an harter Währung her, die solche Dinge anscheinend bezahlt; welche Währung natürlich die unsere ist, die dann so ausschaut, als ob sie die in Metall, Papier oder irgendwas gegossene Masse an Disziplin ist, die man für den Spass verausgabt, während sie in Wirklichkeit ihre Realität nirgendwo hat als an einem Vergleich unterschiedlicher Gesellschftsmodelle entlang ihres inhärenten Konformismus und ihrer historisch erworbenen Stellung, d.h. zweier gleich schlechter Gründe.

3 Die gewerkschaftsnahe Linke hat irgendwann einmal darin ein Problem gesehen. Das ist lange her. Die Literatur um den VSA-Verlag oder www.sozialismus.de war vielleicht nie besonders gescheit, aber mir scheint, sie hätten früher einmal weniger über Amerika und Israel, zwei völlig illusorische Gegner, gesprochen, und mehr über den sozusagen Klassenfeind, d.h. die Gestalt dieser Gesellschaft, ihre Stellung im internationalen System und deren Grundlagen auf dem hiesigen Boden. Das ist lange her, und ich will es nicht betrauern. Nur macht das niemand mehr, und v.a. die antideutsche Linke hat nicht das leiseste Interesse daran, und ich deswegen an ihr, während Griecheland z.B. in hellen Flammen brennt aus keinem anderen Grund.

4 Namentlich diejenigen, in denen sich Leute für oder gegen Polyamorie, Gender, Veganismus, Critical Whiteness oder anderen Banalitäten ereifern.

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Lesung in Freiburg

An dieser Stelle sei uns die Eigenwerbung verziehen, danke.
Auf Einladung der Initiative Sozialistisches Forum (ISF) oder Drängen und Drohen unsererseits – man weiß es nicht – wurden wir von Genossinnen und Genossen nach Freiburg eingeladen und werden Euch an diesem Abend herzlich begrüßen. In diesem Sinne: Arrive early – leave late.

Mittwoch, 6. November 2013

Ein bunter Abend mit dem “Grossen Thier”

Lesung aus verschiedenen Texten

Die Zeitschrift “Das Grosse Thier“ gibt es seit ungefähr zwei Jahren, und immer noch gibt es keinen Grund zum Feiern. Interessierte kennen sie vielleicht aus den Gefälligkeitsrezensionen der einschlägigen Szene-Blätter; aber kaum jemand weiß, wozu diese Zeitschrift betrieben wird, noch was ihr Name bedeutet. Vielleicht erfahren wir es heute Abend? – “Das Grosse Thier geht in sein drittes Jahr. Niemand hätte gedacht, daß es so weit würde kommen müssen. Und, wie es aussieht, wird es einstweilen dabei bleiben. Eine Zeitschrift ist, wie alles, was man tun oder lassen kann, an ihre Zeit gebunden, und die Zeit, die etwas wie dieses Blatt nötig oder auch nur möglich gemacht hat, hat bisher nicht aufgehört. Also geht es weiter; in Ermangelung eines Besseren” (“Wir müssen zugeben, daß alles weitergeht”: Einleitung zum nächsten Heft). – Redakteure des Grossen Thieres lesen aus alten und neuen Texten, unter anderem über: das Leben unter Lohnarbeit und Hartz IV, Materialismus und Philosophie, non-citizens und Flüchtlingsproteste, Rassismus und Antirassismus, Krise und Krisenbewältigung, Aufstände und Bürgerkriege, und, wenn noch Zeit ist, das grauenvolle Versagen nahezu jeder denkbaren Opposition. Devotionalien sind am Merch-Stand erhältlich (http://dasgrossethier.wordpress .com/) Das Blatt erscheint derzeit in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Saarbrücken, Würzburg und Halle und ist ab Januar 2014 im Abonnement erhältlich. Abonnement unter dasgrossethier@gmx.de.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Auf Wiedersehen, BiKri

Der Arbeitskreis Bildungskritik in Würzburg hat seine Geschäfte eingestellt. Würzburg ist, wie es aussieht, den letzten publizistischen Kritiker los.

Erstaunlich, aber das Ganze war trotzdem nicht so unnütz und verblödend wie die Uni-Seminare.

Man lese das ganze Ding.

Der BiKri-Blog war letzte, was aus einer ganz anderen Zeit in Würzburg noch übrig war.

das allwissende ZK im Exil

verneigt sich in Rührung und Respekt. Viele sind weggegangen. Einige sind geblieben. Es wird auch das nicht alles gewesen sein. Es wird nie alles gewesen sein, solange noch Leben in uns ist. Und das wird, mein Lieber, doch wohl noch eine Weile sein.

Immerhin enden manche Dinge aus Würzburg in unserer Zeit mit reflektierten Nachbetrachtungen. Es war einmal anders. Es gibt vieles andere zu tun, anderswo, und zu vieles. Und auch in Würzburg wird noch nicht alles vorbei sein. Zuletzt ist es vielleicht nicht so wichtig, wo man bleibt oder wohin man geht. Es ist überall Scheisse, und auch in Würzburg hätte es anders gehen können. Das Milieu, dem dieser Satz gesagt hätte werden sollen, löst sich langsam auf. Die Passivität, die es hinterlässt, hat viele Formen; wir kennen sie sehr genau. Vergebens aber war nichts, nur vielleicht zuwenig. Man muss etwas anderes anfangen.

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Drag Queens der antirassistischen Linken

Dieser Text war ursprünglich als Diskussionsbeitrag in der Wochenzeitung „Jungle World“ angedacht und konnte, nach Angaben eines Redaktionsmitglieds, nicht berücksichtigt werden.

Drag Queens der antirassistischen Linken – Die Postcolonial Studies und der Flüchtlingsprotest

Der einst revolutionäre Materialismus mittels dem linkskommunistische Dissidenten in der Geschichte beständig, wenn auch in der Anzahl nur gering, dem jeweiligen umstrittenen Gegenstand durch den in der Sache selbst aufzuzeigenden Widerspruchscharakter beizukommen pflegten, liegt in Zeiten postmoderner Diskurstheorie gänzlich brach.(1)

Wo die Lebensrealität von Flüchtlingen zwischen dem Kampf um Anerkennung grundlegender Staatsbürgerrechte einerseits, dem Verdursten in der libyschen Wüste, dem Ersticken in den Radkästen griechischer LKWs, dem Ertrinken im Mittelmeer oder dem langsamen Tod in den Flüchtlingshöllen Ost- und Südeuropas andererseits zur „profanen Frage des legalen Aufenthalts im Nationalstaat“ (2) reduziert wird, da kann man sicher sein: Hier hat man es mit veritablen Denk- und Menschenfeinden zu tun.

In diesem Fall sind es, stellvertretend für die deutschen Postcolonial Studies, Vassilis S. Tsianos und Bernd Kasparek, die in der Jungle World (30/2012) mit dem Aufhänger „Too much love“ zur Themenausgabe „Der neue Widerstand“, auf eine neue vermeintliche Problematik im antirassistischem Dorf aufmerksam machen.

Wenn die Autoren von Antirassismus sprechen, geht es ihnen – darüber geben sie schon früh im Text Auskunft – weder um den Kampf gegen tatsächliche rassistische Unterdrückung noch um Gesellschaftskritik, sondern um die hegemoniale Variante des Antirassismus, also dem diskurstheoretischen Management „problematischer Begriffe im deutschen antirassistischen Diskurs“.

Handgreiflich demonstriert wird die daraus resultierende Betriebsblindheit und dummdreiste Ignoranz gegenüber sämtlichen gesellschaftlichen Verhältnissen, objektiven Gegebenheiten oder eben allem, was sich fünf Meter ausserhalb des eigenen Stalls aufhält auf anschaulichste Weise in der Behauptung Tisanos und Kaspareks, der Begriff „Refugee“ sei „eine Selbstbezeichnung, die aus der selbstorganisierten Flüchtlingsbewegung rund um die ’Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen‘ und ’The Voice Refugee Forum‘ stammt“. Dass „Refugee“ selbstverständlich keine identitäre Selbstbezeichnung ist, selbst wenn es später als solche appropriiert wurde, sondern ein objektiver Ausdruck von Existenzbedingungen und Daseinsformen, in diesem Fall der Lebensrealität der Flüchtlinge, kommt den Autoren nicht mehr in den Kopf. So waren es nicht die „Karawane“ und „The Voice“, (von letztgenannter Organisation ist Tsianos rein zufällig Mitbegründer), auf die sich „Refugee“ bezog, sondern die Hugenotten im 16. Jahrhundert und Flamen im ersten Weltkrieg, die als erste Refugees im heutigen Sinne zu verstehen sind. (3)

Die Austreibung des Materialismus
Nicht nur behaupten Tsianos und Kasparek unsinnig, dass es sich bei den selbstorganisierten Flüchtlingen um die „Begründer dieses Diskurses“ handele, sondern auch, dass die Begrifflichkeit des „Non-Citizen“ gerade deswegen unzulänglich sei, weil sie erkenntniskritisch konstatiere, aus dem „Produktions-, Verteilungs- und Reproduktionssystem“ ausgeschlossen zu sein. Es ist also gerade der materialistische Versuch der Selbstverortung und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, dass der Müllwerdung des Menschen eben nicht diskursiv beizukommen ist, welche den Autoren anrüchig sind, nicht etwa dessen ideologische Facetten: Die reale Spaltung der Gattung Mensch in Bürger und Nichtbürger, in staatlich autorisiertes und für die Halde freigegebenes Leben, an der sich materialistische Kritik entzünden könnte, stellt für die beiden Diskursideologen ein nicht zu überwindendes Problem dar.

Weil die Diskursideologie des Antirassismus keinen Materialismus kennt (und kennen möchte), verfällt sie in als Kritik missverstandene Diskursidiotie: Sie muss die Bewusstwerdung der Flüchtlinge des eigenen Standpunkts im Produktionsprozess in ein auf Tauglichkeit zu prüfendes „identitätspolitisches“ Konzept umlügen. Diesem diagnostizieren Tsianos und Kasparek, „dass [das Konzept des Non-Citizen] anders als die Kategorien race, class und gender den Blick nicht auf gesellschaftliche Verhältnisse“ richte, sondern „letztendlich vorgefundene Kategorien des Ausländerrechts reproduziert und damit auch festschreibt.“, es also nicht geeignet sei. 4 Mittels ihrer diskurstheoretischen Konzeptanalyse entledigen sich die Adepten des Nominalismus so des Wahrheitskriteriums und können sich gleichzeitig als subversive Avantgarde einer Linken gerieren. Doch mit dem Begriff des „Non-Citizen“ sind die Flüchtlinge keineswegs auf eine identitätspolitische Fixierung aus, sondern auf die Abschaffung des menschenunwürdigen Verhältnisses welches ihn als notwendig erscheinen lässt: „Doch sollten unsere Bemühungen dahin gehen, eine Gesellschaft zu bauen, die diese Dichotomie [von Citizen und Non-Citizen] nicht braucht.“ (5), schliesst unmissverständlich die Analyse der Flüchtlinge.

Der Vorwurf der Autoren, „Kapitalisten und Bankbesitzer“ mittels dem Begriff des Non-Citizens zu exkludieren, ist nicht nur falsch, sondern auch noch kennzeichnend für den eigenen Grad der Idiotie, wenn behauptet wird, die „Geschichte des Antikolonialismus und des Antisemitismus in Deutschland“ ungeachtet links liegen zu lassen. Diese Schelte meint freilich nicht nur die Existenz eines sekundären Antisemitismus, dem man nachgehen muss, sondern klittert bereits im selben Satz die Historie gänzlich: So sind nicht mehr die konkreten Jüdinnen und Juden Opfer der deutschen Vernichtungspraxis geworden, sondern „die mörderische Verwandlung von Kapitalisten und Bankbesitzer in ’Non-Citizens‘“ war Ursache und Ziel der nationalsozialistischen Mörderbanden. Die Shoah war also keineswegs das Resultat der Geschichte einer sich barbarisierenden bürgerlichen Gesellschaft im allgemeinen, und die des massenhaften Antisemitismus der Deutschen im besonderen, sondern gewissermaßen ein fehlgegangener Diskurs über die Juden. Das erinnert an Christian Jacob der den Antisemitismus einst, in blutiger Abstraktion von der Geschichte und allen konkreten Ereignissen, als „nichts anderes als eine Verkettung von Ereignissen“ beschrieb. Es ist allerdings mitnichten die Verwandlung von als jüdisch Identifizierten in „Non-Citizen“, was zum einen hochgradig falsch ist, zum anderen selbst bereits eine pathische Projektion beinhaltet, sondern die Vernichtungspraxis der Deutschen oder in in anderen Worten: Die Verwandlung von Juden in Rauch.

A more optimistic view
Weil die Autoren in der Trennung der konkreten, empirischen Menschen in Subjekte kapitalistischer Verwertung und verüberflüssigtes Leben nur einen Diskurs um eine „Binarität“ und nicht die in der Dichotomie aufgehobene, suspendierte Gattung zu erkennen vermögen, müssen sie zwangsläufig als eifrige Werbetrommler und Staubsaugervertreter alternativer „Konzeptionen“ zur „Neuordnung antirassistischer Milieus“ auftreten: „Dieser Widerspruch stellt einen Wechsel auf die Zukunft aus. Diese andere Gesellschaft existiert bereits. Postnationale Bürgerschaft ist eine mögliche Antwort auf die Krise der Souveränität und der hochmilitarisierten Grenz- und Migrationsregime.“ Die sich subversiv gerierende Theorie entpuppt sich so letztendlich, wie sollte es auch anders sein, als Bewerbungsschreiben von Nachwuchspolitikanten, die gerne selbst das Ruder der Souveränität in die Hand nehmen würden, aber nicht dürfen. Die „postnationale Bürgerschaft“ Kaspareks ist, das beweist sich in seinem Rechts- und Staatsfetischismus, nichts anderes als fromme Utopie linker Bürger: „In diesem Neu-Denken wird die Grenze Austragungsort eines gemeinsamen Kampfes für Rechte, die sich nicht länger auf die territorialen Kategorien eines „methodologischen Nationalismus“ beziehen, sondern eine postnationale Verrechtlichung einfordern.“ (6) „Die EU hat schon viel verändert. So ist zum Beispiel der Begriff der Staatsbürgerschaft in Bewegung, er löst sich teilweise auf, dafür stehen die realen Vorteile der EU-Staatsbürgerschaft mit vielen Rechten im Raum. Es geht um neue flexiblere Modelle der Zugehörigkeit, die mit realen sozialen und politischen Rechten verbunden sind.“ (7)

Dass die „andere Gesellschaft“ der mitnichten kriselnden nationalen Souveränität den Rang ablaufen würde und sich so zum positiven Potential für das „postnationale“ Subjekt auflöst, ist Gedankenspinnerei der akademischen Avantgarde. Für die beiden Autoren gilt ohnehin nur: Identität statt Individualität und in diesem Fall ist es die europäische. Doch einen allgemeinen europäischen Souverän gibt es auch nicht und die Nation ist weiterhin eine objektive Form kapitalistischer Reproduktion. Die linke These von einer „Internationalisierung des Staates“, die hier mitschwingt, setzt sich über den Zustand hinweg, dass Nationalstaaten mit anderen in Konkurrenz stehen und man lügt sich zurecht, dass die Reisefreiheit durch das Schengener Abkommen „flexiblere Modelle der Zugehörigkeit“ verspreche. Für das geflüchtete Leben bedeutet gelebte Postnationalität pro tempore vor allem eine transnational koordinierte Flüchtlingsabwehr mit Erstauffanglagern in Griechenland und Italien mit Ausblick auf Abschiebung an despotische Regime oder in die Ruinen des Weltmarktes.

Was das Konzept der „postnationalen Bürgerschaft“ bis zu dessen erfolgreicher Implementierung für die politische Praxis der von Flüchtlingen bedeuten soll, das traut man sich dann doch nur akademisch verschachtelt auszusprechen: „Ein Asylantrag ist ein Antrag auf die Teilhabe an den sozialen Rechten Europas. Eine vielleicht unauflösliche Verschränkung von Unterwerfung und gleichzeitigem »Verlangen nach Existenz« (Butler 2007).“

Mit anderen Worten: Tsianos und Kasparek empfehlen, den Anspruch auf nationale Einbürgerung von Asylsuchenden aufzugeben, da dieser selbst die Kategorie des Bürgers reproduziere und daher neue Ausschlüsse notwendig mitproduziert. Stattdessen schlagen sie vor, die Identitäten von Flüchtlingen mit den bürgerlichen Identitäten „produktiv [zu] verbinde[n]“ um eine „Sichtbarkeitmachung“ dieser Lücke in der Repräsentation als konstitutives Merkmal der staatlichen Verfasstheit zu erreichen. Dieser ersten diskurstheorethischen Verrenkung sollen dann, so ist zu befürchten, weitere ebenfalls produktive Diskurse entspringen, die dann schlussendlich genug transformatives Potential entwickeln um eine Verrechtlichung der Postnationalen Identität zu erreichen. Feuchter kann der Traum des deutschen Antirassismus kaum sein, wenn Tsianos und Kasparek Flüchtlingsproteste zum Ausdruck eines Freiraumes, nicht der Verzweiflung, zurechtbiegen. Dass der akademische Schwachsinn schier endlos ist, zeigt ein Blick in entsprechende Publikationen, die glücklicherweise keiner liest ausser das Lektorat und diese Leute selbst:

„The theme of autonomous migration offers a quite different and in certain respects more optimistic view of unauthorized forms of migration – one that signals their transformative potential. (…) In the figure and the elusive movement of the unauthorized migrant, many theorists of autonomous migration have detected a deterritorializing force that is unravelling statist regimes of citizenship and, in some cases, prefiguring new spaces of affinityand community.“ (8)

Flüchtlinge fliehen also nicht etwa vor Hunger, Elend und Tod, sie „entfliehen“ „ihren normalisierten Repräsentationen“ und verändern dabei beiläufig die „Bedingungen ihrer materiellen Existenz“. Der Flüchtling ist also vergleichbar mit der Drag Queen, die auf der Queer-Party ein paar Stunden ihrer „normalisierten Repräsentation“ entflieht. Hinter diesem postmodernen Blödsinn schimmert eine Unmenschlichkeit hervor, die kein menschliches Elend mehr wahrhaben will und kann, sondern noch die gewaltvollsten Zustände in eine Problem von Anerkennung umdeutet. Wenig verwunderlich, dass derartig wahnwitzige Denkakrobatik bei den Flüchtlingsprotesten kaum auf nahrhaften Boden stieß – spätestens seit den Protesten in Berlin und der Flüchtlingskonferenz in München gehen die „Refugee Tent Action“ und die „Karawane“/“The Voice“ zurecht getrennte Wege – strotzt die Rede von „optimistischeren Sichtweisen der Formen unauthorisierter Migration“, aus der eine „potentiell kreative soziale Bewegung“ entstehen könne, doch von gradezu jeder konkreten Erfahrung entbehrendem Zynismus.

Die Qualität der Proteste
So ist es grade eine der Qualitäten der jüngsten Flüchtlingsproteste, dass sie sich an einer materialistischen Analyse ihrer eigenen Situation versuchten. Eine Analyse, die man den beiden Autoren und der gesamten antirassistischen Dorfkapelle Deutschland am liebsten ins Gesicht klatschen mag, ist sie doch, trotz einiger folgenreicher, ideologisch begründeter Fehlschlüsse meilenweit dem Antirassismus voraus, dessen Speerspitze Tsianos und Kasparek bilden, wenn sie auf seine potentiell staatstragende Rolle hinweisen:

„Trotz der offensichtlich diskriminierenden Beschaffenheit dieser Gesetze, dienen sie hauptsächlich dazu, Asylsuchende in Aufschub und Unsicherheit zu belassen, was seine eigenen ökonomischen und politischen Gründe und Funktionalitäten hat. Dennoch, richten sich die meisten Bemühungen aktivistischer Gruppen gegen Aspekte rassistischer Diskriminierung in den Gesetzen.“(9)

Die Suspendierung der Gattung Mensch durch den irren Selbstläufer Kapital bezeugt sich darin, dass einerseits das Gros der Menschen gezwungen ist, sich selbst zu Material zu machen, als variables Kapital in einer Funktion aufzugehen, andererseits aber nahezu jede Perfidie zur Geltung gebracht wird um jene, die vor Hunger, Tod und Elend fliehen, von der Konkurrenz auszugrenzen. Sie ist „die brutale Konsequenz jener Abstraktion, in der die Subjekte als Funktionäre kapitalistischer Verwertung sich von den konkreten, empirischen Menschen trennen. (…) Doch der Ausschluss folgt nicht allein einem blinden Mechanismus, es ist der politische Souverän, der eine von allen „geteilte Lüge“ „für den Zutritt zur nationalen Arbeitskraft“ ausbrütet. Im Staat, dem Komplementär des Kapitals, ist die terroristische Gewalt der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals konserviert, sie demonstriert sich als konstante Drohung, den Menschen Gewalt anzutun.“(10)

Denn schlimmer noch, als ausgebeutet zu werden, ist es, nicht ausgebeutet zu werden: Von der Konkurrenz kapitalistischer Vergesellschaftung ausgeschlossen zu sein, bedeutet die eigene Ware Arbeitskraft nicht veräußern zu dürfen, und somit auf die Zuteilung von staatlich abgesegnetem Fraß und Kernseife hoffen zu müssen. Die unerfüllten Forderungen nach grundlegenden staatsbürgerlichen Rechten wie uneingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt oder Aufhebung der Residenzpflicht ziehen sich durch die Geschichte der Flüchtlingsproteste; die Erkenntnis, als Flüchtling aus der kapitalistischen Vergesellschaftung ausgeschlossen zu sein, ist daher durchaus als Resultat dieser konkreten Erfahrungen zu verstehen.

Manuela Brand

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Anmerkungen:
1 Attestiert haben das Unvermögen mittels postmoderner Theorie olle Kamellen regelrecht zu restaurieren, bereits andere hinreichend. Siehe dazu im Verlagsprogramm des ça ira Verlags die Bände Gegenaufklärung (2011) und Das Konzept Materialismus
2 Alle nicht weiter kenntlich gemachten Zitate stammen aus dem Text „To much love“ in der Jungle World (30/2013)
3 http://www.etymonline.com/index.php?term=refugee
4 Jedoch ist das Ausländerrecht sehr wohl ein gesellschaftliches Verhältniss. Nebenbei: In ihrer als Kritik verkauften Idiotie merken die Autoren nicht einmal, dass sie, eben noch felsenfest behauptend das Ausländerrecht sei kein gesellschaftliches Verhältniss, einen Satz später widersprüchlich erklären, in den „Citizenship und Refugee studies“ bezeichne der Begriff „Citizenship“ dann doch eben Dieses.
5 http://refugeetentaction.net/index.php?option=com_content&view=article&id=213:zur-position-asylsuchender-und-ihre-kaempfe-in-modernen-gesellschaften&catid=2&Itemid=132&lang=de
6 http://www.migration-boell.de/web/migration/46_2195.asp
7 http://www.heise.de/tp/artikel/35/35406/1.html
8 Walters, W. (2008) Acts of Demonstration: Mapping the Territory of (Non-)Citizenship’ in E. Isin and G. Neilson (eds) Acts of Citizenship, London, 182-207
9 http://refugeetentaction.net/index.php?option=com_content&view=article&id=213:zur-position-asylsuchender-und-ihre-kaempfe-in-modernen-gesellschaften&catid=2&Itemid=132&lang=de
10 http://cosmoproletarian-solidarity.blogspot.de/2012/07/die-suspendierte-gattung-zur-kritik-des.html

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Weiterführende Texte und Stellungnahmen die den Hintergrund beleuchten:

Von Seiten der Postcolonial Studies gibt es dieses Interview:
http://www.criticatac.ro/lefteast/european-citizenship-and-the-place-of-migrants-struggles-in-a-new-radical-europe-a-talk-with-sandro-mezzadra/

Und von der Karawane:
http://thecaravan.org/node/3711/

Und eine Erklärung der „Jugendlichen ohne Grenzen“ (Kurzfassung:
„Wir sind der Ansicht, dass eine Konzentration auf Theorien, die zur Spaltung der gemeinsamen Sache führen, den Kämpfen gegen diskriminierende und rassistische Sondergesetze schadet“)
http://de.indymedia.org/2013/07/347292.shtml

Im Hinterland Magazin gibt es einen Beitrag:
http://www.hinterland-magazin.de/pdf/Hinterland22_klein.pdf

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Zum Beispiel Indien

Über die vorletzte und die letzte Reserve der jetzigen Ordnung

1
Man kann an Syrien sehr genau nachzeichnen, wie ein demokratischer Aufstand massakriert worden ist, und aus dem Massaker ein Krieg islamistischer Banden entstanden ist. Es wird entscheidend sein, ob auseinanderzuhalten ist, wie das geschehen konnte. Das selbe gilt für Ägypten, oder Griechenland. Bisher ist rätselhafterweise noch niemandem eingefallen, das Heraufkommen der griechischen Faschisten dem Aufstand von 2008 als dessen eigene innere Tendenz zuzuschreiben; der sexuelle Terrorismus aber, die organisierten Vergewaltigungen, die in Ägypten als Waffe gegen die Revolution, und ihren gefährlichsten Teil: die Frauen, eingesetzt wird, gilt unter Europäern ganz selbstverständlich als Begleiterscheinung der Revolution selbst. (1)

Wenn man die Handlungen der einzelnen Akteure nicht auseinanderhalten will, sondern stattdessen lieber so tut, als sei das alles irgendwie dasselbe, und es zeige sich gewissermassen nur das Wesen der islamischen Gesellschaften, dann wird man z.B. auch nicht wahrhaben wollen, dass die ägyptischen Frauen unter anderem deswegen die Hauptlast der Konterrevolution tragen, weil ihre Beteiligung an der Revolution die grösste Gefahr für eine Ordnung gewesen ist, die ihre Abschaffung mindestens aus eben diesem Grund verdient hat. Die Frauen in Unterordnung zu terrorisieren: damit steht und fällt die Konterrevolution heute. Und alle Mächte, die heute die syrischen Kriegsparteien aufrüsten, gehören dazu.

2
Vor einigen Monaten gab es in Indien eine grössere Protestbewegung, nachdem eine Gruppe Männer eine Studentin stundenlang vergewaltigt und dann erschlagen hatte. Die Tatsache dieser Bewegung ist an sich schon bemerkenswert. Man soll nicht glauben, dass solche Verbrechen noch nicht vorgekommen wären. Im Gegenteil. Die Proteste erklären sich gerade nicht aus der Unerhörtheit des Verbrechens, sondern aus einem Ende der Geduld der Frauen mit dem endemischen, systematischen Charakter solcher Verbrechen.

Die Feindschaft gegen Frauen zeigt sich in vielen Gestalten. Von der Geburt an, die der Familie als Schicksalsschlag gilt, bis zu ihrem Tode, oft genug durch die Axt ihrer Familie oder Schwiegerfamilie, wird den Frauen klargemacht, dass sie eine Last sind, und mehr als das: eine Bedrohung, die mit allen Mitteln im Zaum gehalten werden muss. Das Geheimnis dieses Hasses liegt nicht darin, dass Frauen für weniger wert gehalten würden als Männer: das gäbe noch kein Grund für die obsessive, fast demonstrative Gewalt, und oft genug Ermordung; sondern darin, dass sie schon mit jeder Lebensregung gerade das in Frage zu stellen drohen, worauf diese Gesellschaft beruht.

Das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft, und innerhalb der Gesellschaft, gehorcht nie und nirgends einer Rationalität ausser der, dass diese immer eine gerade noch ausreichende Zahl von Menschen ernähren können muss, um noch bestehen zu können. Der Druck der tendenziellen Überflüssigkeit, der zunächst auf allen Einzelnen gleich lastet, lädt aber die unter dem Kapital weiterbestehende Herrschaft zwischen den Geschlechtern auf; und frisst gleichzeitig ihre innere Bindekraft an. Von seiten des Gesellschaft wird den Männern zu verstehen gegeben, sich für ihr Elend an den Frauen schadlos zu halten; deren Unterordnung soll die Integrität der Familie, der „Keimzelle des Staates“, garantieren. Da für diese Unterordnung allerdings sonst nichts mehr spricht, muss sie mit blanker Gewalt erzwungen werden. Am Körper der Frau wird gewaltsam die Unterwerfung nachvollzogen; zweckmässig in der häuslichen Gewalt, die die Unterordnung wirklich erzwingt, und demonstrativ, fast rituell im spektakulären Verbrechen.

Die Frauen geraten in die Situation, von der Gewalt fast überall umzingelt zu sein; sie sind gleichsam die gemeinsame Beute des Männergeschlechtes; zuhause der Tyrannei der Familie, vom Übergriff auf der Strasse, der das Verlassen des Hauses ahndet, auf diese zurückgeworfen. Von der Polizei und den Gerichten ist keine Hilfe zu erwarten; hier regiert eine Ordnung, die die Frauen den Männern fast offiziell zur Plünderung freigegeben hatte, und zwar aus keinem anderen Grund, als ihr eigenes Bestehen als Ordnung zu retten.

Vor diesem Horizont erscheint sogar die Forderung der protestierenden indischen Frauen nach der Todesstrafe für die Mörder fast wie ein Griff nach der Macht im Staate.

3
Das alles ist keineswegs auf Indien beschränkt; ebensowenig ist es ein archaischer Rückstand aus der Vorgeschichte, es sei denn auf dieselbe Weise, wie die ganze heutige Gesellschaft ein solcher archaischer Rückstand ist. Indien liegt ja sowenig als irgendein Land in einer Welt vor der Moderne. Die Wurzeln der jetzigen Zustände soll man im Zustandekommen der jetzigen Gesellschaft suchen, und nicht in der grauen Vorzeit der vier Veden.

Wer aber die vier Veden bemüht, das sind die Ideologen der Hindutva-Bewegung, der spezifisch indischen Ausformung des allgemeinen Irrsinns. Diese Bewegung, die man zuweilen auch Hindu-Nationalismus oder Hindu-Faschismus nennt, ist ungefähr in demselben Masse nach oben gekommen, in dem seit den 1970ern die Verelendung, und die Zurückdrängung der Frauen vorangeschritten ist.(2) Sie propagiert etwas, was sie für eine Rückkehr zur indischen Religion ausgibt; und in der Tat mögen die Gangster-Methoden dieses Haufens etwa in Bombay (3) denen der Strauchdiebe, von denen die Veden berichten(4), durchaus ähneln.

Die Lehre der Hindutva über die Stellung der Frauen ist nicht gut trennbar von ihrer Stellung zum indischen Kastenwesen. Diese peculiar institution kann man beschreiben als eine Einrichtung, in der der Binnenrassismus der indischen Gesellschaft, ihre soziale Segmentierung und die geschlechtliche Ungleichheit zusammengeführt sind: eine Einrichtung, die vor einigen Jahrzehnten erledigt zu sein schien (der Staatsgründer war ein Kastenloser), und die sich eben seit den 1970ern wieder neu zusammensetzt. Die Kasten sind dabei soziale Segmente, Körperschaften, deren Vorstehern bestimmte Befugnisse zustehen, und deren Mitgliedern eine bestimmte Stellung im Produktionprozess zugedacht ist. So gibt es z.B. Kasten, deren Mitglieder seit jeher für die Fäkalien von Delhi zuständig waren. Die Arbeit in der Kanalisation von Neu-Delhi ist extrem gefährlich, aber man kann sich denken, dass es eine unabhängige Gewerkschaft nicht geben wird, die Verbesserungen durchsetzen könnte; die Kastenoberen werden sich das nicht aus der Hand nehmen lassen.(5)

Die Kasten sind eigentlich Nationen in der Nation. Ehen werden oft von den Familien arrangiert, nach den Vorschriften der einzelnen Kaste. Heiratet eine Frau namentlich einen Kastenniedereren, riskiert sie ihr Leben. – Der Aufstieg aus der Kaste ist schwer, aber Kasten können insgesamt aufsteigen. Die Hindutva-Bewegung ist gerade eine Bewegung von niederen Kasten, die versuchen, ihren sozialen Aufstieg dadurch zu orchestrieren, dass sie tun, als gehörten sie zu den oberen Kasten. Sie übernehmen fanatisch die Regeln des alten Hinduismus, die eigens dafür da waren, Frauen und Leute, wie sie es sind, unten zu halten,(6) und zwar parallel zu ihrem wirklichen Aufstieg in der kapitalistischen Ökonomie. Die Heraufkunft dieser Bewegung steht in engem Zusammenhang mit der kapitalistischen Dynamik Indiens, und diese mit dem wachsenden Terror gegen die Frauen. Man kann das alles drei nicht getrennt voneinander nachzeichnen.(7)

4
Es gibt selbstverständlich Opposition gegen alles das. Die Bewegung der Kastenlosen hätte das Zeug zur relativen Mehrheit, jedenfalls dazu, der Hindutva ernsthaft entgegenzutreten; ein Bündnis mit den Bewegungen der Frauen wird schon lange diskutiert; aber die Parteien der Kastenlosen sind anscheindend unreformierbar korrupt. Um so bemerkenswerter sind die Proteste der indischen Frauen. Vielleicht erkennt man jetzt, wogegen sie sich wirklich richten: nicht etwa nur gegen ein einzelnes Verbrechen, sondern gegen ein ganzes System davon. Wenn die indischen Frauen die Proteste ernsthaft fortsetzen würden, oder wenn sich die Bewegung unterirdisch weiterfrisst, was dann?

Wenn das Regime, das über den indischen Frauen aufgerichtet ist, fiele, dann fiele die ganze bestehende Ordnung, zu der dieses Regime ein Schlusstein ist. Der Widerstand der Frauen gegen den zunehmenden Terror, das wäre die Axt an der Wurzel der jetzigen Ordnung. Deren Einrichtung bringt es mit sich, dass durch den Widerstand der Frauen nicht nur die ganze inoffizielle Staatsdoktrin, und die Funktion der Familie als feinste Verästelung der Herrschaft in der Gesellschaft zur Disposition stünden, sondern auch das Kastenwesen und damit der Mechanismus, durch den Indien seine kapitalistische Modernisierung, seinen Aufstieg zur Grossmacht organisiert.

Aus der alltäglichen Gewalt gegen Frauen ist schon jetzt abzulesen, wie sehr man sie fürchtet. Das Potential von Terror, das in dieser Ordnung lauert für den Fall, dass die Frauen sich ernstlich wehrten, würde wahrscheinlich das, was wir in Ägypten und Syrien sehen, noch übertreffen. Es ist jetzt schon absehbar, womöglich jetzt schon in Bewegung gesetzt. Aber der zweite Schlussstein dieser Ordnung, das ist die indische Nuklearwaffe.

Man kann Indien ohne die feindliche Verklammerung mit Pakistan nicht verstehen. Beide Regime verwalten ganz ähnlich gebaute Gesellschaften, mit ganz ähnlichen Widersprüchen; zuletzt garantiert nur der Kriegszustand einen Schein von Stabilität, und die Nuklearwaffen beider Seiten den Kriegszustand. Beide Regime haben keinen anderen Lebenszweck, als die gegenseitigen Bevölkerungen für den Fall einer Störung der Ordnung mit Einäscherung zu bedrohen.

Wenn aber die Schwachstelle dieser Ordnungen, die Unterordnung der Frauen, in Bewegung gerät, wozu wären diese Regime fähig? Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass etwas, das so anfinge, in einem nuklearen Krieg enden könnte. Die gegenwärtige Ordnung steht auf einem derart dünnen Boden, und verfügt dabei über derartige Mittel der Zerstörung, dass jede Bewegung eine katastrofale Entwicklung auslösen kann.

5
Vielleicht klingt das nach übertrieben. Deswegen werfen wir doch noch einmal einen Blick auf Syrien! Was als eine keineswegs mörderische und weder islamische noch exklusiv sunnitische Protestbewegung angefangen hatte, wurde nach der gewaltsamen Niederschlagung zu einer sunnitisch-arabischen Nationalangelegenheit, zu einer Gelegenheit zu einem ganz anderen Krieg. Die arabischen Mächte, die selbst noch schwer mit ganz ähnlichen Bewegungen zu kämpfen hatten, nutzten die Gelegenheit, indem sie gezielt die sunnitisch-islamistischen Kräfte ausrüsteten. Das iranische Regime, das sich von der Protestbewegung 2009/10 noch kaum erholt hatte, warf sein ganzes Gewicht hinter Assad. Auf den Trümmern der Protestbewegung wurde auf einmal ein regionaler Krieg ausgefochten.

Der Umschlag in den Krieg, mit möglichen weiteren Eskalationen, begann mit der gewaltsamen Niederwerfung; danach mit der Organisierung von Milizen und Todesschwadronen, die die Gegenorganisierung von Milizen mit sich brachte; zwischen den verfeindeten Milizen entstand ein militarisierter Konflikt, der wie immer die Entmächtigung der Frauen bedeutet; zuletzt griffen die regionalen Mächte ein. Alle Seiten stehen auf dem Sprung, in einen offenen regionalen Krieg zu flüchten; das sind die Umstände, in denen das iranische Regime heute nukleare Bewaffnung anstrebt. Glaubt irgend jemand, es würde eine Sekunde zögern, die zu benutzen?

Auch Assad zögerte ja keine Sekunde, seine Ordnung in Syrien dadurch zu verteidigen, dass er Syrien in Schutt und Asche zu legen begann. Die arabischen Mächte und das iranische Regime zögerten keine Sekunde, mit aller Macht dabei zu helfen. Die Ordnung, wie sie jetzt ist, wird mit allen Mittel verteidigt werden. Und die Ordnung ist sehr fragil geworden, soviel ist gewiss. Worauf die Revolutionäre nicht vorbereitet waren, das war das ganze Potential von Mord und Zerstörung, das diese Ordnung zu entfesseln im Stande ist. Gleich hinter ihr, im Schatten noch halb verborgen, halten sich die Todesschwadrone in Bereitschaft. Und es ist kein Zufall, dass sie in Ägypten und Syrien Jagd auf Frauen machen. Die Unterwerfung steht und fällt insgesamt mit deren Unterwerfung. Und es ist kein Zufall, sondern Strategie, dass Assad und ebenso die anderen Mächte den Aufstand in einem Krieg untergehen liessen: der Krieg nimmt den Frauen die Mittel aus der Hand. Ebenso, wie es kein Zufall ist, dass die Milizen islamisch werden. Beide Seiten exorzieren das selbe Gespenst: aber um die Gewaltsamkeit zu begreifen, muss man verstehen, dass dieses Gespenst da ist.

1 Die ägytischen Frauen haben sich überproportional an der Revolution beteiligt. Sie haben die Ordnung unter Mubarak als Garanten der Ordnung der Familie begriffen, und ihr Handeln stellte die Herrschaft der Familienväter nicht nur symbolisch in Frage, sondern praktisch. Der Gegenschlag setzt da an, und rechnet darauf, sich auf die Rachsucht der Männer stützen zu können. Der Vorläufer dieser Revolution, der Aufstand von Mahalla al Kubra, enthält in den Szenen von Arbeiterfrauen, die Polizisten verprügeln, das alles schon in Keimform.

3 Welche Stadt sie auf den Fantasienamen Mumbai umbenannt haben, nach einer Gottheit, von der nie jemand gehört hat; die dortigen Hinutva-Leute heissen Shivsena, eine Partei, deren Gründer auf den ur-indischen Namen Thackeray hörte und dessen bevorzugte Methode das Rollkommando und der Meuchelmord gewesen sind, recht als hätte er sich Brechts „Arturo Ui“ zum Vorbild genommen.
4 Der Gott Indra z.B. holt die Rinder von den „Viehdieben“ „zurück“. Der Mythos gibt sich gar nicht erst die Mühe, zu verschweigen, dass die „Viehdiebe“ die ursprünglichen Eigentümer waren, deren Diebstahl eben darin bestand, Indra die Rinder nicht gutwillig zu überlassen.
5 Solchen starren Strukturen verdankt sich die Mär, in der „indischen Kultur“ gälten solche gefahrgeneigten Tätigkeiten eben als Teil des Karma. Welche Mär gut von den Kastenoberen selbst aufgebracht worden sein kann. – Das alles klingt natürlich völlig fremdartig für Europäer, jedenfalls für solche, die noch nie gehört haben, dass sowohl auf dem Land, als auch in den Industriezentren Arbeitsplätze genauso in der Familie vererbt werden, wie anderswo. Die Existenz solcher Strukturen, irgendwo zwischen Kastenwesen und Klientelismus, darf man getrost überall vermuten; von der Prosperität überdeckt, werden sie sich in der Krise immer zeigen.
6 Man kann in dem Buch „Why I am not a Hindu“ von Kancha Ilaia eine recht hart geschriebene Abrechnung mit diesem System und dieser Bewegung nachlesen. Man sollte nie vergessen, dass Ilaia gleichzeitig auch auf unangenehme Weise ein Narodnik ist; die Passagen im Buch, in denen die solidarische Ökonomie der bäuerlichen Gemeinden geschildert wird, sind abscheulich. Gleichzeitig ist es die erste und schärfte Probe einer Kritik des Hinduismus als Ideologie und Praxis, die es heute gibt.
7 Begreifen schon. Aber die konkrete Ausformung ist es, was der Sache ihr wirkliches Gesicht gibt, und sie gegebenenfalls lesbar werden lässt.

von Jörg Finkenberger

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Zum Beispiel 14.9. Rackwitz

bei Leipzig.

http://asjl.blogsport.de/2013/09/07/pogrome-verhindern-bevor-sie-passieren/

“Meine Nichte meinte, es gibt zwei Möglichkeiten: sie fackeln es jetzt ab oder wenn sie [die Asylsuchenden] drinne wohnen.” Eine Frau auf den Weg zur Sitzung am 29.8.2013 in Rackwitz

Die Versammlung in Rackwitz läuft genauso ab wie überall sonst. Die Stimmung ist geladen, jede Aussage, die dem Mob nicht passt, wird niedergebrüllt. Dabei teilt sich die Menge in jene, die ihre rassistischen Argumente offen artikulieren und jene, die keine Rassist_innen oder Nazis sein wollen und vermeintlich “sachliche Argumente” ins Feld führen: “So viele Menschen auf einen Raum, das geht nicht.”- “Die Bausubstanz des Gebäude entspricht nicht den Anforderungen.” oder “Die Grundstücke in der Umgebung würden an Wert verlieren.” Sie versuchen sich als besorgte und engagierte Bürger_innen, manche sogar als Humanist_innen, die sich scheinbar für die Asylsuchenden einsetzen.

Natürlich ist das Blödsinn, die absolute Mehrheit hat sich noch nie für das Geschehen in der Gemeinde interessiert. Und wie Asylsuchende in Deutschland leben müssen ist ihnen erst recht egal, sie sollen irgendwo hin, nur nicht in die eigene Nachbarschaft. Warum Menschen nach Deutschland kommen, ist für sie unwichtig. Sie möchten nicht rassistisch genannt werden. Aber so genannte “Ausländer” – die möchte man noch weniger. Der eigene latente Rassismus wird hinter vermeintlich sachlichen Argumenten versucht zu verstecken.

Der andere Teil, der aus seinen rassistischen Einstellungen keinen Hehl macht, weiß dass alle Ausländer “kriminell” sind und “hier” nicht her gehören, schon wegen der “Kultur”. Und gefragt hat sie sowieso keiner von “denen da Oben”. Daher drohen sie mal mehr oder weniger offen mit Gewalt. Wenn nicht sie es verhindern, dann die Nazis, auf die sie gerne verweisen.
Und diese Nazis sind bei solchen Veranstaltungen immer anzutreffen, begeistert von so viel Hass und Ablehnung und in Gedanken in der Zeit der rassistischen Pogrome der 1990er Jahre.

Vor dem Hintergrund dieser bedrohlichen Mischung verwundert es nicht, dass sich die NPD für den 14.9. in Rackwitz mit einer “Infostand-Kundgebung” angekündigt hat. Die NPD kommt, weil sie eine rassistische Partei ist und in Deutschland immer damit rechnen kann, auf Gleichgesinnte zu treffen.

Wir werden am 14.9. in die sächsische Provinz fahren und ein klares unmissverständliches Zeichen setzen. Mit Rassist_innen diskutieren wir nicht, egal wie sehr sie sich auch verstellen!

Zusammen gegen Rassismus kämpfen!

Weitere Informationen hier:
http://rackwitz.blogsport.eu/

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