Lesung in Freiburg

An dieser Stelle sei uns die Eigenwerbung verziehen, danke.
Auf Einladung der Initiative Sozialistisches Forum (ISF) oder Drängen und Drohen unsererseits – man weiß es nicht – wurden wir von Genossinnen und Genossen nach Freiburg eingeladen und werden Euch an diesem Abend herzlich begrüßen. In diesem Sinne: Arrive early – leave late.

Mittwoch, 6. November 2013

Ein bunter Abend mit dem “Grossen Thier”

Lesung aus verschiedenen Texten

Die Zeitschrift “Das Grosse Thier“ gibt es seit ungefähr zwei Jahren, und immer noch gibt es keinen Grund zum Feiern. Interessierte kennen sie vielleicht aus den Gefälligkeitsrezensionen der einschlägigen Szene-Blätter; aber kaum jemand weiß, wozu diese Zeitschrift betrieben wird, noch was ihr Name bedeutet. Vielleicht erfahren wir es heute Abend? – “Das Grosse Thier geht in sein drittes Jahr. Niemand hätte gedacht, daß es so weit würde kommen müssen. Und, wie es aussieht, wird es einstweilen dabei bleiben. Eine Zeitschrift ist, wie alles, was man tun oder lassen kann, an ihre Zeit gebunden, und die Zeit, die etwas wie dieses Blatt nötig oder auch nur möglich gemacht hat, hat bisher nicht aufgehört. Also geht es weiter; in Ermangelung eines Besseren” (“Wir müssen zugeben, daß alles weitergeht”: Einleitung zum nächsten Heft). – Redakteure des Grossen Thieres lesen aus alten und neuen Texten, unter anderem über: das Leben unter Lohnarbeit und Hartz IV, Materialismus und Philosophie, non-citizens und Flüchtlingsproteste, Rassismus und Antirassismus, Krise und Krisenbewältigung, Aufstände und Bürgerkriege, und, wenn noch Zeit ist, das grauenvolle Versagen nahezu jeder denkbaren Opposition. Devotionalien sind am Merch-Stand erhältlich (http://dasgrossethier.wordpress .com/) Das Blatt erscheint derzeit in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Saarbrücken, Würzburg und Halle und ist ab Januar 2014 im Abonnement erhältlich. Abonnement unter dasgrossethier@gmx.de.

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage)

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Auf Wiedersehen, BiKri

Der Arbeitskreis Bildungskritik in Würzburg hat seine Geschäfte eingestellt. Würzburg ist, wie es aussieht, den letzten publizistischen Kritiker los.

Erstaunlich, aber das Ganze war trotzdem nicht so unnütz und verblödend wie die Uni-Seminare.

Man lese das ganze Ding.

Der BiKri-Blog war letzte, was aus einer ganz anderen Zeit in Würzburg noch übrig war.

das allwissende ZK im Exil

verneigt sich in Rührung und Respekt. Viele sind weggegangen. Einige sind geblieben. Es wird auch das nicht alles gewesen sein. Es wird nie alles gewesen sein, solange noch Leben in uns ist. Und das wird, mein Lieber, doch wohl noch eine Weile sein.

Immerhin enden manche Dinge aus Würzburg in unserer Zeit mit reflektierten Nachbetrachtungen. Es war einmal anders. Es gibt vieles andere zu tun, anderswo, und zu vieles. Und auch in Würzburg wird noch nicht alles vorbei sein. Zuletzt ist es vielleicht nicht so wichtig, wo man bleibt oder wohin man geht. Es ist überall Scheisse, und auch in Würzburg hätte es anders gehen können. Das Milieu, dem dieser Satz gesagt hätte werden sollen, löst sich langsam auf. Die Passivität, die es hinterlässt, hat viele Formen; wir kennen sie sehr genau. Vergebens aber war nichts, nur vielleicht zuwenig. Man muss etwas anderes anfangen.

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Drag Queens der antirassistischen Linken

Dieser Text war ursprünglich als Diskussionsbeitrag in der Wochenzeitung „Jungle World“ angedacht und konnte, nach Angaben eines Redaktionsmitglieds, nicht berücksichtigt werden.

Drag Queens der antirassistischen Linken – Die Postcolonial Studies und der Flüchtlingsprotest

Der einst revolutionäre Materialismus mittels dem linkskommunistische Dissidenten in der Geschichte beständig, wenn auch in der Anzahl nur gering, dem jeweiligen umstrittenen Gegenstand durch den in der Sache selbst aufzuzeigenden Widerspruchscharakter beizukommen pflegten, liegt in Zeiten postmoderner Diskurstheorie gänzlich brach.(1)

Wo die Lebensrealität von Flüchtlingen zwischen dem Kampf um Anerkennung grundlegender Staatsbürgerrechte einerseits, dem Verdursten in der libyschen Wüste, dem Ersticken in den Radkästen griechischer LKWs, dem Ertrinken im Mittelmeer oder dem langsamen Tod in den Flüchtlingshöllen Ost- und Südeuropas andererseits zur „profanen Frage des legalen Aufenthalts im Nationalstaat“ (2) reduziert wird, da kann man sicher sein: Hier hat man es mit veritablen Denk- und Menschenfeinden zu tun.

In diesem Fall sind es, stellvertretend für die deutschen Postcolonial Studies, Vassilis S. Tsianos und Bernd Kasparek, die in der Jungle World (30/2012) mit dem Aufhänger „Too much love“ zur Themenausgabe „Der neue Widerstand“, auf eine neue vermeintliche Problematik im antirassistischem Dorf aufmerksam machen.

Wenn die Autoren von Antirassismus sprechen, geht es ihnen – darüber geben sie schon früh im Text Auskunft – weder um den Kampf gegen tatsächliche rassistische Unterdrückung noch um Gesellschaftskritik, sondern um die hegemoniale Variante des Antirassismus, also dem diskurstheoretischen Management „problematischer Begriffe im deutschen antirassistischen Diskurs“.

Handgreiflich demonstriert wird die daraus resultierende Betriebsblindheit und dummdreiste Ignoranz gegenüber sämtlichen gesellschaftlichen Verhältnissen, objektiven Gegebenheiten oder eben allem, was sich fünf Meter ausserhalb des eigenen Stalls aufhält auf anschaulichste Weise in der Behauptung Tisanos und Kaspareks, der Begriff „Refugee“ sei „eine Selbstbezeichnung, die aus der selbstorganisierten Flüchtlingsbewegung rund um die ’Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen‘ und ’The Voice Refugee Forum‘ stammt“. Dass „Refugee“ selbstverständlich keine identitäre Selbstbezeichnung ist, selbst wenn es später als solche appropriiert wurde, sondern ein objektiver Ausdruck von Existenzbedingungen und Daseinsformen, in diesem Fall der Lebensrealität der Flüchtlinge, kommt den Autoren nicht mehr in den Kopf. So waren es nicht die „Karawane“ und „The Voice“, (von letztgenannter Organisation ist Tsianos rein zufällig Mitbegründer), auf die sich „Refugee“ bezog, sondern die Hugenotten im 16. Jahrhundert und Flamen im ersten Weltkrieg, die als erste Refugees im heutigen Sinne zu verstehen sind. (3)

Die Austreibung des Materialismus
Nicht nur behaupten Tsianos und Kasparek unsinnig, dass es sich bei den selbstorganisierten Flüchtlingen um die „Begründer dieses Diskurses“ handele, sondern auch, dass die Begrifflichkeit des „Non-Citizen“ gerade deswegen unzulänglich sei, weil sie erkenntniskritisch konstatiere, aus dem „Produktions-, Verteilungs- und Reproduktionssystem“ ausgeschlossen zu sein. Es ist also gerade der materialistische Versuch der Selbstverortung und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, dass der Müllwerdung des Menschen eben nicht diskursiv beizukommen ist, welche den Autoren anrüchig sind, nicht etwa dessen ideologische Facetten: Die reale Spaltung der Gattung Mensch in Bürger und Nichtbürger, in staatlich autorisiertes und für die Halde freigegebenes Leben, an der sich materialistische Kritik entzünden könnte, stellt für die beiden Diskursideologen ein nicht zu überwindendes Problem dar.

Weil die Diskursideologie des Antirassismus keinen Materialismus kennt (und kennen möchte), verfällt sie in als Kritik missverstandene Diskursidiotie: Sie muss die Bewusstwerdung der Flüchtlinge des eigenen Standpunkts im Produktionsprozess in ein auf Tauglichkeit zu prüfendes „identitätspolitisches“ Konzept umlügen. Diesem diagnostizieren Tsianos und Kasparek, „dass [das Konzept des Non-Citizen] anders als die Kategorien race, class und gender den Blick nicht auf gesellschaftliche Verhältnisse“ richte, sondern „letztendlich vorgefundene Kategorien des Ausländerrechts reproduziert und damit auch festschreibt.“, es also nicht geeignet sei. 4 Mittels ihrer diskurstheoretischen Konzeptanalyse entledigen sich die Adepten des Nominalismus so des Wahrheitskriteriums und können sich gleichzeitig als subversive Avantgarde einer Linken gerieren. Doch mit dem Begriff des „Non-Citizen“ sind die Flüchtlinge keineswegs auf eine identitätspolitische Fixierung aus, sondern auf die Abschaffung des menschenunwürdigen Verhältnisses welches ihn als notwendig erscheinen lässt: „Doch sollten unsere Bemühungen dahin gehen, eine Gesellschaft zu bauen, die diese Dichotomie [von Citizen und Non-Citizen] nicht braucht.“ (5), schliesst unmissverständlich die Analyse der Flüchtlinge.

Der Vorwurf der Autoren, „Kapitalisten und Bankbesitzer“ mittels dem Begriff des Non-Citizens zu exkludieren, ist nicht nur falsch, sondern auch noch kennzeichnend für den eigenen Grad der Idiotie, wenn behauptet wird, die „Geschichte des Antikolonialismus und des Antisemitismus in Deutschland“ ungeachtet links liegen zu lassen. Diese Schelte meint freilich nicht nur die Existenz eines sekundären Antisemitismus, dem man nachgehen muss, sondern klittert bereits im selben Satz die Historie gänzlich: So sind nicht mehr die konkreten Jüdinnen und Juden Opfer der deutschen Vernichtungspraxis geworden, sondern „die mörderische Verwandlung von Kapitalisten und Bankbesitzer in ’Non-Citizens‘“ war Ursache und Ziel der nationalsozialistischen Mörderbanden. Die Shoah war also keineswegs das Resultat der Geschichte einer sich barbarisierenden bürgerlichen Gesellschaft im allgemeinen, und die des massenhaften Antisemitismus der Deutschen im besonderen, sondern gewissermaßen ein fehlgegangener Diskurs über die Juden. Das erinnert an Christian Jacob der den Antisemitismus einst, in blutiger Abstraktion von der Geschichte und allen konkreten Ereignissen, als „nichts anderes als eine Verkettung von Ereignissen“ beschrieb. Es ist allerdings mitnichten die Verwandlung von als jüdisch Identifizierten in „Non-Citizen“, was zum einen hochgradig falsch ist, zum anderen selbst bereits eine pathische Projektion beinhaltet, sondern die Vernichtungspraxis der Deutschen oder in in anderen Worten: Die Verwandlung von Juden in Rauch.

A more optimistic view
Weil die Autoren in der Trennung der konkreten, empirischen Menschen in Subjekte kapitalistischer Verwertung und verüberflüssigtes Leben nur einen Diskurs um eine „Binarität“ und nicht die in der Dichotomie aufgehobene, suspendierte Gattung zu erkennen vermögen, müssen sie zwangsläufig als eifrige Werbetrommler und Staubsaugervertreter alternativer „Konzeptionen“ zur „Neuordnung antirassistischer Milieus“ auftreten: „Dieser Widerspruch stellt einen Wechsel auf die Zukunft aus. Diese andere Gesellschaft existiert bereits. Postnationale Bürgerschaft ist eine mögliche Antwort auf die Krise der Souveränität und der hochmilitarisierten Grenz- und Migrationsregime.“ Die sich subversiv gerierende Theorie entpuppt sich so letztendlich, wie sollte es auch anders sein, als Bewerbungsschreiben von Nachwuchspolitikanten, die gerne selbst das Ruder der Souveränität in die Hand nehmen würden, aber nicht dürfen. Die „postnationale Bürgerschaft“ Kaspareks ist, das beweist sich in seinem Rechts- und Staatsfetischismus, nichts anderes als fromme Utopie linker Bürger: „In diesem Neu-Denken wird die Grenze Austragungsort eines gemeinsamen Kampfes für Rechte, die sich nicht länger auf die territorialen Kategorien eines „methodologischen Nationalismus“ beziehen, sondern eine postnationale Verrechtlichung einfordern.“ (6) „Die EU hat schon viel verändert. So ist zum Beispiel der Begriff der Staatsbürgerschaft in Bewegung, er löst sich teilweise auf, dafür stehen die realen Vorteile der EU-Staatsbürgerschaft mit vielen Rechten im Raum. Es geht um neue flexiblere Modelle der Zugehörigkeit, die mit realen sozialen und politischen Rechten verbunden sind.“ (7)

Dass die „andere Gesellschaft“ der mitnichten kriselnden nationalen Souveränität den Rang ablaufen würde und sich so zum positiven Potential für das „postnationale“ Subjekt auflöst, ist Gedankenspinnerei der akademischen Avantgarde. Für die beiden Autoren gilt ohnehin nur: Identität statt Individualität und in diesem Fall ist es die europäische. Doch einen allgemeinen europäischen Souverän gibt es auch nicht und die Nation ist weiterhin eine objektive Form kapitalistischer Reproduktion. Die linke These von einer „Internationalisierung des Staates“, die hier mitschwingt, setzt sich über den Zustand hinweg, dass Nationalstaaten mit anderen in Konkurrenz stehen und man lügt sich zurecht, dass die Reisefreiheit durch das Schengener Abkommen „flexiblere Modelle der Zugehörigkeit“ verspreche. Für das geflüchtete Leben bedeutet gelebte Postnationalität pro tempore vor allem eine transnational koordinierte Flüchtlingsabwehr mit Erstauffanglagern in Griechenland und Italien mit Ausblick auf Abschiebung an despotische Regime oder in die Ruinen des Weltmarktes.

Was das Konzept der „postnationalen Bürgerschaft“ bis zu dessen erfolgreicher Implementierung für die politische Praxis der von Flüchtlingen bedeuten soll, das traut man sich dann doch nur akademisch verschachtelt auszusprechen: „Ein Asylantrag ist ein Antrag auf die Teilhabe an den sozialen Rechten Europas. Eine vielleicht unauflösliche Verschränkung von Unterwerfung und gleichzeitigem »Verlangen nach Existenz« (Butler 2007).“

Mit anderen Worten: Tsianos und Kasparek empfehlen, den Anspruch auf nationale Einbürgerung von Asylsuchenden aufzugeben, da dieser selbst die Kategorie des Bürgers reproduziere und daher neue Ausschlüsse notwendig mitproduziert. Stattdessen schlagen sie vor, die Identitäten von Flüchtlingen mit den bürgerlichen Identitäten „produktiv [zu] verbinde[n]“ um eine „Sichtbarkeitmachung“ dieser Lücke in der Repräsentation als konstitutives Merkmal der staatlichen Verfasstheit zu erreichen. Dieser ersten diskurstheorethischen Verrenkung sollen dann, so ist zu befürchten, weitere ebenfalls produktive Diskurse entspringen, die dann schlussendlich genug transformatives Potential entwickeln um eine Verrechtlichung der Postnationalen Identität zu erreichen. Feuchter kann der Traum des deutschen Antirassismus kaum sein, wenn Tsianos und Kasparek Flüchtlingsproteste zum Ausdruck eines Freiraumes, nicht der Verzweiflung, zurechtbiegen. Dass der akademische Schwachsinn schier endlos ist, zeigt ein Blick in entsprechende Publikationen, die glücklicherweise keiner liest ausser das Lektorat und diese Leute selbst:

„The theme of autonomous migration offers a quite different and in certain respects more optimistic view of unauthorized forms of migration – one that signals their transformative potential. (…) In the figure and the elusive movement of the unauthorized migrant, many theorists of autonomous migration have detected a deterritorializing force that is unravelling statist regimes of citizenship and, in some cases, prefiguring new spaces of affinityand community.“ (8)

Flüchtlinge fliehen also nicht etwa vor Hunger, Elend und Tod, sie „entfliehen“ „ihren normalisierten Repräsentationen“ und verändern dabei beiläufig die „Bedingungen ihrer materiellen Existenz“. Der Flüchtling ist also vergleichbar mit der Drag Queen, die auf der Queer-Party ein paar Stunden ihrer „normalisierten Repräsentation“ entflieht. Hinter diesem postmodernen Blödsinn schimmert eine Unmenschlichkeit hervor, die kein menschliches Elend mehr wahrhaben will und kann, sondern noch die gewaltvollsten Zustände in eine Problem von Anerkennung umdeutet. Wenig verwunderlich, dass derartig wahnwitzige Denkakrobatik bei den Flüchtlingsprotesten kaum auf nahrhaften Boden stieß – spätestens seit den Protesten in Berlin und der Flüchtlingskonferenz in München gehen die „Refugee Tent Action“ und die „Karawane“/“The Voice“ zurecht getrennte Wege – strotzt die Rede von „optimistischeren Sichtweisen der Formen unauthorisierter Migration“, aus der eine „potentiell kreative soziale Bewegung“ entstehen könne, doch von gradezu jeder konkreten Erfahrung entbehrendem Zynismus.

Die Qualität der Proteste
So ist es grade eine der Qualitäten der jüngsten Flüchtlingsproteste, dass sie sich an einer materialistischen Analyse ihrer eigenen Situation versuchten. Eine Analyse, die man den beiden Autoren und der gesamten antirassistischen Dorfkapelle Deutschland am liebsten ins Gesicht klatschen mag, ist sie doch, trotz einiger folgenreicher, ideologisch begründeter Fehlschlüsse meilenweit dem Antirassismus voraus, dessen Speerspitze Tsianos und Kasparek bilden, wenn sie auf seine potentiell staatstragende Rolle hinweisen:

„Trotz der offensichtlich diskriminierenden Beschaffenheit dieser Gesetze, dienen sie hauptsächlich dazu, Asylsuchende in Aufschub und Unsicherheit zu belassen, was seine eigenen ökonomischen und politischen Gründe und Funktionalitäten hat. Dennoch, richten sich die meisten Bemühungen aktivistischer Gruppen gegen Aspekte rassistischer Diskriminierung in den Gesetzen.“(9)

Die Suspendierung der Gattung Mensch durch den irren Selbstläufer Kapital bezeugt sich darin, dass einerseits das Gros der Menschen gezwungen ist, sich selbst zu Material zu machen, als variables Kapital in einer Funktion aufzugehen, andererseits aber nahezu jede Perfidie zur Geltung gebracht wird um jene, die vor Hunger, Tod und Elend fliehen, von der Konkurrenz auszugrenzen. Sie ist „die brutale Konsequenz jener Abstraktion, in der die Subjekte als Funktionäre kapitalistischer Verwertung sich von den konkreten, empirischen Menschen trennen. (…) Doch der Ausschluss folgt nicht allein einem blinden Mechanismus, es ist der politische Souverän, der eine von allen „geteilte Lüge“ „für den Zutritt zur nationalen Arbeitskraft“ ausbrütet. Im Staat, dem Komplementär des Kapitals, ist die terroristische Gewalt der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals konserviert, sie demonstriert sich als konstante Drohung, den Menschen Gewalt anzutun.“(10)

Denn schlimmer noch, als ausgebeutet zu werden, ist es, nicht ausgebeutet zu werden: Von der Konkurrenz kapitalistischer Vergesellschaftung ausgeschlossen zu sein, bedeutet die eigene Ware Arbeitskraft nicht veräußern zu dürfen, und somit auf die Zuteilung von staatlich abgesegnetem Fraß und Kernseife hoffen zu müssen. Die unerfüllten Forderungen nach grundlegenden staatsbürgerlichen Rechten wie uneingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt oder Aufhebung der Residenzpflicht ziehen sich durch die Geschichte der Flüchtlingsproteste; die Erkenntnis, als Flüchtling aus der kapitalistischen Vergesellschaftung ausgeschlossen zu sein, ist daher durchaus als Resultat dieser konkreten Erfahrungen zu verstehen.

Manuela Brand

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Anmerkungen:
1 Attestiert haben das Unvermögen mittels postmoderner Theorie olle Kamellen regelrecht zu restaurieren, bereits andere hinreichend. Siehe dazu im Verlagsprogramm des ça ira Verlags die Bände Gegenaufklärung (2011) und Das Konzept Materialismus
2 Alle nicht weiter kenntlich gemachten Zitate stammen aus dem Text „To much love“ in der Jungle World (30/2013)
3 http://www.etymonline.com/index.php?term=refugee
4 Jedoch ist das Ausländerrecht sehr wohl ein gesellschaftliches Verhältniss. Nebenbei: In ihrer als Kritik verkauften Idiotie merken die Autoren nicht einmal, dass sie, eben noch felsenfest behauptend das Ausländerrecht sei kein gesellschaftliches Verhältniss, einen Satz später widersprüchlich erklären, in den „Citizenship und Refugee studies“ bezeichne der Begriff „Citizenship“ dann doch eben Dieses.
5 http://refugeetentaction.net/index.php?option=com_content&view=article&id=213:zur-position-asylsuchender-und-ihre-kaempfe-in-modernen-gesellschaften&catid=2&Itemid=132&lang=de
6 http://www.migration-boell.de/web/migration/46_2195.asp
7 http://www.heise.de/tp/artikel/35/35406/1.html
8 Walters, W. (2008) Acts of Demonstration: Mapping the Territory of (Non-)Citizenship’ in E. Isin and G. Neilson (eds) Acts of Citizenship, London, 182-207
9 http://refugeetentaction.net/index.php?option=com_content&view=article&id=213:zur-position-asylsuchender-und-ihre-kaempfe-in-modernen-gesellschaften&catid=2&Itemid=132&lang=de
10 http://cosmoproletarian-solidarity.blogspot.de/2012/07/die-suspendierte-gattung-zur-kritik-des.html

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Weiterführende Texte und Stellungnahmen die den Hintergrund beleuchten:

Von Seiten der Postcolonial Studies gibt es dieses Interview:
http://www.criticatac.ro/lefteast/european-citizenship-and-the-place-of-migrants-struggles-in-a-new-radical-europe-a-talk-with-sandro-mezzadra/

Und von der Karawane:
http://thecaravan.org/node/3711/

Und eine Erklärung der „Jugendlichen ohne Grenzen“ (Kurzfassung:
„Wir sind der Ansicht, dass eine Konzentration auf Theorien, die zur Spaltung der gemeinsamen Sache führen, den Kämpfen gegen diskriminierende und rassistische Sondergesetze schadet“)
http://de.indymedia.org/2013/07/347292.shtml

Im Hinterland Magazin gibt es einen Beitrag:
http://www.hinterland-magazin.de/pdf/Hinterland22_klein.pdf

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Zum Beispiel Indien

Über die vorletzte und die letzte Reserve der jetzigen Ordnung

1
Man kann an Syrien sehr genau nachzeichnen, wie ein demokratischer Aufstand massakriert worden ist, und aus dem Massaker ein Krieg islamistischer Banden entstanden ist. Es wird entscheidend sein, ob auseinanderzuhalten ist, wie das geschehen konnte. Das selbe gilt für Ägypten, oder Griechenland. Bisher ist rätselhafterweise noch niemandem eingefallen, das Heraufkommen der griechischen Faschisten dem Aufstand von 2008 als dessen eigene innere Tendenz zuzuschreiben; der sexuelle Terrorismus aber, die organisierten Vergewaltigungen, die in Ägypten als Waffe gegen die Revolution, und ihren gefährlichsten Teil: die Frauen, eingesetzt wird, gilt unter Europäern ganz selbstverständlich als Begleiterscheinung der Revolution selbst. (1)

Wenn man die Handlungen der einzelnen Akteure nicht auseinanderhalten will, sondern stattdessen lieber so tut, als sei das alles irgendwie dasselbe, und es zeige sich gewissermassen nur das Wesen der islamischen Gesellschaften, dann wird man z.B. auch nicht wahrhaben wollen, dass die ägyptischen Frauen unter anderem deswegen die Hauptlast der Konterrevolution tragen, weil ihre Beteiligung an der Revolution die grösste Gefahr für eine Ordnung gewesen ist, die ihre Abschaffung mindestens aus eben diesem Grund verdient hat. Die Frauen in Unterordnung zu terrorisieren: damit steht und fällt die Konterrevolution heute. Und alle Mächte, die heute die syrischen Kriegsparteien aufrüsten, gehören dazu.

2
Vor einigen Monaten gab es in Indien eine grössere Protestbewegung, nachdem eine Gruppe Männer eine Studentin stundenlang vergewaltigt und dann erschlagen hatte. Die Tatsache dieser Bewegung ist an sich schon bemerkenswert. Man soll nicht glauben, dass solche Verbrechen noch nicht vorgekommen wären. Im Gegenteil. Die Proteste erklären sich gerade nicht aus der Unerhörtheit des Verbrechens, sondern aus einem Ende der Geduld der Frauen mit dem endemischen, systematischen Charakter solcher Verbrechen.

Die Feindschaft gegen Frauen zeigt sich in vielen Gestalten. Von der Geburt an, die der Familie als Schicksalsschlag gilt, bis zu ihrem Tode, oft genug durch die Axt ihrer Familie oder Schwiegerfamilie, wird den Frauen klargemacht, dass sie eine Last sind, und mehr als das: eine Bedrohung, die mit allen Mitteln im Zaum gehalten werden muss. Das Geheimnis dieses Hasses liegt nicht darin, dass Frauen für weniger wert gehalten würden als Männer: das gäbe noch kein Grund für die obsessive, fast demonstrative Gewalt, und oft genug Ermordung; sondern darin, dass sie schon mit jeder Lebensregung gerade das in Frage zu stellen drohen, worauf diese Gesellschaft beruht.

Das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft, und innerhalb der Gesellschaft, gehorcht nie und nirgends einer Rationalität ausser der, dass diese immer eine gerade noch ausreichende Zahl von Menschen ernähren können muss, um noch bestehen zu können. Der Druck der tendenziellen Überflüssigkeit, der zunächst auf allen Einzelnen gleich lastet, lädt aber die unter dem Kapital weiterbestehende Herrschaft zwischen den Geschlechtern auf; und frisst gleichzeitig ihre innere Bindekraft an. Von seiten des Gesellschaft wird den Männern zu verstehen gegeben, sich für ihr Elend an den Frauen schadlos zu halten; deren Unterordnung soll die Integrität der Familie, der „Keimzelle des Staates“, garantieren. Da für diese Unterordnung allerdings sonst nichts mehr spricht, muss sie mit blanker Gewalt erzwungen werden. Am Körper der Frau wird gewaltsam die Unterwerfung nachvollzogen; zweckmässig in der häuslichen Gewalt, die die Unterordnung wirklich erzwingt, und demonstrativ, fast rituell im spektakulären Verbrechen.

Die Frauen geraten in die Situation, von der Gewalt fast überall umzingelt zu sein; sie sind gleichsam die gemeinsame Beute des Männergeschlechtes; zuhause der Tyrannei der Familie, vom Übergriff auf der Strasse, der das Verlassen des Hauses ahndet, auf diese zurückgeworfen. Von der Polizei und den Gerichten ist keine Hilfe zu erwarten; hier regiert eine Ordnung, die die Frauen den Männern fast offiziell zur Plünderung freigegeben hatte, und zwar aus keinem anderen Grund, als ihr eigenes Bestehen als Ordnung zu retten.

Vor diesem Horizont erscheint sogar die Forderung der protestierenden indischen Frauen nach der Todesstrafe für die Mörder fast wie ein Griff nach der Macht im Staate.

3
Das alles ist keineswegs auf Indien beschränkt; ebensowenig ist es ein archaischer Rückstand aus der Vorgeschichte, es sei denn auf dieselbe Weise, wie die ganze heutige Gesellschaft ein solcher archaischer Rückstand ist. Indien liegt ja sowenig als irgendein Land in einer Welt vor der Moderne. Die Wurzeln der jetzigen Zustände soll man im Zustandekommen der jetzigen Gesellschaft suchen, und nicht in der grauen Vorzeit der vier Veden.

Wer aber die vier Veden bemüht, das sind die Ideologen der Hindutva-Bewegung, der spezifisch indischen Ausformung des allgemeinen Irrsinns. Diese Bewegung, die man zuweilen auch Hindu-Nationalismus oder Hindu-Faschismus nennt, ist ungefähr in demselben Masse nach oben gekommen, in dem seit den 1970ern die Verelendung, und die Zurückdrängung der Frauen vorangeschritten ist.(2) Sie propagiert etwas, was sie für eine Rückkehr zur indischen Religion ausgibt; und in der Tat mögen die Gangster-Methoden dieses Haufens etwa in Bombay (3) denen der Strauchdiebe, von denen die Veden berichten(4), durchaus ähneln.

Die Lehre der Hindutva über die Stellung der Frauen ist nicht gut trennbar von ihrer Stellung zum indischen Kastenwesen. Diese peculiar institution kann man beschreiben als eine Einrichtung, in der der Binnenrassismus der indischen Gesellschaft, ihre soziale Segmentierung und die geschlechtliche Ungleichheit zusammengeführt sind: eine Einrichtung, die vor einigen Jahrzehnten erledigt zu sein schien (der Staatsgründer war ein Kastenloser), und die sich eben seit den 1970ern wieder neu zusammensetzt. Die Kasten sind dabei soziale Segmente, Körperschaften, deren Vorstehern bestimmte Befugnisse zustehen, und deren Mitgliedern eine bestimmte Stellung im Produktionprozess zugedacht ist. So gibt es z.B. Kasten, deren Mitglieder seit jeher für die Fäkalien von Delhi zuständig waren. Die Arbeit in der Kanalisation von Neu-Delhi ist extrem gefährlich, aber man kann sich denken, dass es eine unabhängige Gewerkschaft nicht geben wird, die Verbesserungen durchsetzen könnte; die Kastenoberen werden sich das nicht aus der Hand nehmen lassen.(5)

Die Kasten sind eigentlich Nationen in der Nation. Ehen werden oft von den Familien arrangiert, nach den Vorschriften der einzelnen Kaste. Heiratet eine Frau namentlich einen Kastenniedereren, riskiert sie ihr Leben. – Der Aufstieg aus der Kaste ist schwer, aber Kasten können insgesamt aufsteigen. Die Hindutva-Bewegung ist gerade eine Bewegung von niederen Kasten, die versuchen, ihren sozialen Aufstieg dadurch zu orchestrieren, dass sie tun, als gehörten sie zu den oberen Kasten. Sie übernehmen fanatisch die Regeln des alten Hinduismus, die eigens dafür da waren, Frauen und Leute, wie sie es sind, unten zu halten,(6) und zwar parallel zu ihrem wirklichen Aufstieg in der kapitalistischen Ökonomie. Die Heraufkunft dieser Bewegung steht in engem Zusammenhang mit der kapitalistischen Dynamik Indiens, und diese mit dem wachsenden Terror gegen die Frauen. Man kann das alles drei nicht getrennt voneinander nachzeichnen.(7)

4
Es gibt selbstverständlich Opposition gegen alles das. Die Bewegung der Kastenlosen hätte das Zeug zur relativen Mehrheit, jedenfalls dazu, der Hindutva ernsthaft entgegenzutreten; ein Bündnis mit den Bewegungen der Frauen wird schon lange diskutiert; aber die Parteien der Kastenlosen sind anscheindend unreformierbar korrupt. Um so bemerkenswerter sind die Proteste der indischen Frauen. Vielleicht erkennt man jetzt, wogegen sie sich wirklich richten: nicht etwa nur gegen ein einzelnes Verbrechen, sondern gegen ein ganzes System davon. Wenn die indischen Frauen die Proteste ernsthaft fortsetzen würden, oder wenn sich die Bewegung unterirdisch weiterfrisst, was dann?

Wenn das Regime, das über den indischen Frauen aufgerichtet ist, fiele, dann fiele die ganze bestehende Ordnung, zu der dieses Regime ein Schlusstein ist. Der Widerstand der Frauen gegen den zunehmenden Terror, das wäre die Axt an der Wurzel der jetzigen Ordnung. Deren Einrichtung bringt es mit sich, dass durch den Widerstand der Frauen nicht nur die ganze inoffizielle Staatsdoktrin, und die Funktion der Familie als feinste Verästelung der Herrschaft in der Gesellschaft zur Disposition stünden, sondern auch das Kastenwesen und damit der Mechanismus, durch den Indien seine kapitalistische Modernisierung, seinen Aufstieg zur Grossmacht organisiert.

Aus der alltäglichen Gewalt gegen Frauen ist schon jetzt abzulesen, wie sehr man sie fürchtet. Das Potential von Terror, das in dieser Ordnung lauert für den Fall, dass die Frauen sich ernstlich wehrten, würde wahrscheinlich das, was wir in Ägypten und Syrien sehen, noch übertreffen. Es ist jetzt schon absehbar, womöglich jetzt schon in Bewegung gesetzt. Aber der zweite Schlussstein dieser Ordnung, das ist die indische Nuklearwaffe.

Man kann Indien ohne die feindliche Verklammerung mit Pakistan nicht verstehen. Beide Regime verwalten ganz ähnlich gebaute Gesellschaften, mit ganz ähnlichen Widersprüchen; zuletzt garantiert nur der Kriegszustand einen Schein von Stabilität, und die Nuklearwaffen beider Seiten den Kriegszustand. Beide Regime haben keinen anderen Lebenszweck, als die gegenseitigen Bevölkerungen für den Fall einer Störung der Ordnung mit Einäscherung zu bedrohen.

Wenn aber die Schwachstelle dieser Ordnungen, die Unterordnung der Frauen, in Bewegung gerät, wozu wären diese Regime fähig? Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass etwas, das so anfinge, in einem nuklearen Krieg enden könnte. Die gegenwärtige Ordnung steht auf einem derart dünnen Boden, und verfügt dabei über derartige Mittel der Zerstörung, dass jede Bewegung eine katastrofale Entwicklung auslösen kann.

5
Vielleicht klingt das nach übertrieben. Deswegen werfen wir doch noch einmal einen Blick auf Syrien! Was als eine keineswegs mörderische und weder islamische noch exklusiv sunnitische Protestbewegung angefangen hatte, wurde nach der gewaltsamen Niederschlagung zu einer sunnitisch-arabischen Nationalangelegenheit, zu einer Gelegenheit zu einem ganz anderen Krieg. Die arabischen Mächte, die selbst noch schwer mit ganz ähnlichen Bewegungen zu kämpfen hatten, nutzten die Gelegenheit, indem sie gezielt die sunnitisch-islamistischen Kräfte ausrüsteten. Das iranische Regime, das sich von der Protestbewegung 2009/10 noch kaum erholt hatte, warf sein ganzes Gewicht hinter Assad. Auf den Trümmern der Protestbewegung wurde auf einmal ein regionaler Krieg ausgefochten.

Der Umschlag in den Krieg, mit möglichen weiteren Eskalationen, begann mit der gewaltsamen Niederwerfung; danach mit der Organisierung von Milizen und Todesschwadronen, die die Gegenorganisierung von Milizen mit sich brachte; zwischen den verfeindeten Milizen entstand ein militarisierter Konflikt, der wie immer die Entmächtigung der Frauen bedeutet; zuletzt griffen die regionalen Mächte ein. Alle Seiten stehen auf dem Sprung, in einen offenen regionalen Krieg zu flüchten; das sind die Umstände, in denen das iranische Regime heute nukleare Bewaffnung anstrebt. Glaubt irgend jemand, es würde eine Sekunde zögern, die zu benutzen?

Auch Assad zögerte ja keine Sekunde, seine Ordnung in Syrien dadurch zu verteidigen, dass er Syrien in Schutt und Asche zu legen begann. Die arabischen Mächte und das iranische Regime zögerten keine Sekunde, mit aller Macht dabei zu helfen. Die Ordnung, wie sie jetzt ist, wird mit allen Mittel verteidigt werden. Und die Ordnung ist sehr fragil geworden, soviel ist gewiss. Worauf die Revolutionäre nicht vorbereitet waren, das war das ganze Potential von Mord und Zerstörung, das diese Ordnung zu entfesseln im Stande ist. Gleich hinter ihr, im Schatten noch halb verborgen, halten sich die Todesschwadrone in Bereitschaft. Und es ist kein Zufall, dass sie in Ägypten und Syrien Jagd auf Frauen machen. Die Unterwerfung steht und fällt insgesamt mit deren Unterwerfung. Und es ist kein Zufall, sondern Strategie, dass Assad und ebenso die anderen Mächte den Aufstand in einem Krieg untergehen liessen: der Krieg nimmt den Frauen die Mittel aus der Hand. Ebenso, wie es kein Zufall ist, dass die Milizen islamisch werden. Beide Seiten exorzieren das selbe Gespenst: aber um die Gewaltsamkeit zu begreifen, muss man verstehen, dass dieses Gespenst da ist.

1 Die ägytischen Frauen haben sich überproportional an der Revolution beteiligt. Sie haben die Ordnung unter Mubarak als Garanten der Ordnung der Familie begriffen, und ihr Handeln stellte die Herrschaft der Familienväter nicht nur symbolisch in Frage, sondern praktisch. Der Gegenschlag setzt da an, und rechnet darauf, sich auf die Rachsucht der Männer stützen zu können. Der Vorläufer dieser Revolution, der Aufstand von Mahalla al Kubra, enthält in den Szenen von Arbeiterfrauen, die Polizisten verprügeln, das alles schon in Keimform.

3 Welche Stadt sie auf den Fantasienamen Mumbai umbenannt haben, nach einer Gottheit, von der nie jemand gehört hat; die dortigen Hinutva-Leute heissen Shivsena, eine Partei, deren Gründer auf den ur-indischen Namen Thackeray hörte und dessen bevorzugte Methode das Rollkommando und der Meuchelmord gewesen sind, recht als hätte er sich Brechts „Arturo Ui“ zum Vorbild genommen.
4 Der Gott Indra z.B. holt die Rinder von den „Viehdieben“ „zurück“. Der Mythos gibt sich gar nicht erst die Mühe, zu verschweigen, dass die „Viehdiebe“ die ursprünglichen Eigentümer waren, deren Diebstahl eben darin bestand, Indra die Rinder nicht gutwillig zu überlassen.
5 Solchen starren Strukturen verdankt sich die Mär, in der „indischen Kultur“ gälten solche gefahrgeneigten Tätigkeiten eben als Teil des Karma. Welche Mär gut von den Kastenoberen selbst aufgebracht worden sein kann. – Das alles klingt natürlich völlig fremdartig für Europäer, jedenfalls für solche, die noch nie gehört haben, dass sowohl auf dem Land, als auch in den Industriezentren Arbeitsplätze genauso in der Familie vererbt werden, wie anderswo. Die Existenz solcher Strukturen, irgendwo zwischen Kastenwesen und Klientelismus, darf man getrost überall vermuten; von der Prosperität überdeckt, werden sie sich in der Krise immer zeigen.
6 Man kann in dem Buch „Why I am not a Hindu“ von Kancha Ilaia eine recht hart geschriebene Abrechnung mit diesem System und dieser Bewegung nachlesen. Man sollte nie vergessen, dass Ilaia gleichzeitig auch auf unangenehme Weise ein Narodnik ist; die Passagen im Buch, in denen die solidarische Ökonomie der bäuerlichen Gemeinden geschildert wird, sind abscheulich. Gleichzeitig ist es die erste und schärfte Probe einer Kritik des Hinduismus als Ideologie und Praxis, die es heute gibt.
7 Begreifen schon. Aber die konkrete Ausformung ist es, was der Sache ihr wirkliches Gesicht gibt, und sie gegebenenfalls lesbar werden lässt.

von Jörg Finkenberger

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Zum Beispiel 14.9. Rackwitz

bei Leipzig.

http://asjl.blogsport.de/2013/09/07/pogrome-verhindern-bevor-sie-passieren/

“Meine Nichte meinte, es gibt zwei Möglichkeiten: sie fackeln es jetzt ab oder wenn sie [die Asylsuchenden] drinne wohnen.” Eine Frau auf den Weg zur Sitzung am 29.8.2013 in Rackwitz

Die Versammlung in Rackwitz läuft genauso ab wie überall sonst. Die Stimmung ist geladen, jede Aussage, die dem Mob nicht passt, wird niedergebrüllt. Dabei teilt sich die Menge in jene, die ihre rassistischen Argumente offen artikulieren und jene, die keine Rassist_innen oder Nazis sein wollen und vermeintlich “sachliche Argumente” ins Feld führen: “So viele Menschen auf einen Raum, das geht nicht.”- “Die Bausubstanz des Gebäude entspricht nicht den Anforderungen.” oder “Die Grundstücke in der Umgebung würden an Wert verlieren.” Sie versuchen sich als besorgte und engagierte Bürger_innen, manche sogar als Humanist_innen, die sich scheinbar für die Asylsuchenden einsetzen.

Natürlich ist das Blödsinn, die absolute Mehrheit hat sich noch nie für das Geschehen in der Gemeinde interessiert. Und wie Asylsuchende in Deutschland leben müssen ist ihnen erst recht egal, sie sollen irgendwo hin, nur nicht in die eigene Nachbarschaft. Warum Menschen nach Deutschland kommen, ist für sie unwichtig. Sie möchten nicht rassistisch genannt werden. Aber so genannte “Ausländer” – die möchte man noch weniger. Der eigene latente Rassismus wird hinter vermeintlich sachlichen Argumenten versucht zu verstecken.

Der andere Teil, der aus seinen rassistischen Einstellungen keinen Hehl macht, weiß dass alle Ausländer “kriminell” sind und “hier” nicht her gehören, schon wegen der “Kultur”. Und gefragt hat sie sowieso keiner von “denen da Oben”. Daher drohen sie mal mehr oder weniger offen mit Gewalt. Wenn nicht sie es verhindern, dann die Nazis, auf die sie gerne verweisen.
Und diese Nazis sind bei solchen Veranstaltungen immer anzutreffen, begeistert von so viel Hass und Ablehnung und in Gedanken in der Zeit der rassistischen Pogrome der 1990er Jahre.

Vor dem Hintergrund dieser bedrohlichen Mischung verwundert es nicht, dass sich die NPD für den 14.9. in Rackwitz mit einer “Infostand-Kundgebung” angekündigt hat. Die NPD kommt, weil sie eine rassistische Partei ist und in Deutschland immer damit rechnen kann, auf Gleichgesinnte zu treffen.

Wir werden am 14.9. in die sächsische Provinz fahren und ein klares unmissverständliches Zeichen setzen. Mit Rassist_innen diskutieren wir nicht, egal wie sehr sie sich auch verstellen!

Zusammen gegen Rassismus kämpfen!

Weitere Informationen hier:
http://rackwitz.blogsport.eu/

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Editorial

Ich finde die Anrede „liebe Mitungeheuer“ toll.

Liebe Mitungeheuer,
in neuer Form. Das neue Heft ist online. Es ist der erste Beitrag in einer Loseblattsammlung. Alle User finden davon die zweite Seite als pdf-Datei in der rechten Spalte, unmittelbar über unserer Facebookwerbung.

Grund zu feiern gibts also immer noch keinen, auch wenn das Grosse Thier ziemlich zufrieden ausschaut. Und wir hoffen in Zukunft der Versandabteilung einige olivgrüne Ordner übergeben zu dürfen.

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Wohnungsannonce:

Hallo!
Wir haben ein kleines aber helles Zimmer (ca. 28 qm) in unserer schönen 5er WG in der Westvorstadt (drei Geisteswissenschaftsstudenten) für 200€. Nähe Albertina und Uni (ca. 10-15 Minuten Fußweg),Linien 10 und 11 fahren direkt vor der Haustür, Feinkost, viele Futterangebote und Cafés, Rossmann, Aldi, Konsum, Clara-Park in wenigen Minuten erreichbar. Waschmaschine, Spülmaschine, Badewanne und Dusche in zwei separaten Badezimmern, sind vorhanden. Die Wohnung liegt im erhöhten Erdgeschoss, es gibt einen Hinterhof mit schönem Garten der genutzt werden kann. Wir kochen und essen auch gern mal vegetarisch/vegan zusammen und mit Freunden und gehen auch mal gemeinsam weg.Wer Interesse hat, einfach melden und auf einen Kaffee oder Tee oder Bier oder Wein vorbeikommen. Und Nazis sind selbstverständlich unerwünscht.

Email an: miete@dasgrossethier.de

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Offener Brief an die DADA-Jugend:

[…] Ihr habt Menschen einer potentialen Gefahr ausgesetzt, da ihr Sachen vom Balkon geschmissen habt, nicht das diese Sachen die jetzt kaputt sind uns nicht wertvoll gewesen wären und schon deshalb die ganze Aktion kein Sinn macht. Das Auto, das ihr mit dem Sessel verschönert habt, gehört vielleicht zu einer Familie und hat jetzt Kratzer. […] Ich kann euch sagen, dass eure Aktion in meiner sozialistischen Innenwelt nicht zu eurer vermutlich ebenso sozialistischen politischen gesellschaftskritischen Ideologie passt. Deshalb würde ich euch an dieser Stelle fragen, was eure Aussage war? Außerdem, dass ich aus menschlichen Gründen eine Konfrontation auf sprachlichem Niveau bevorzuge (anstatt Vandalismus), finde ich, dass wir als Zielgruppe recht unbedeutsam sind im Vergleich zu G8- Konferenzmitgliedern oder den Neunazis. Wir sind einfach eine WG die eine nette Party für ihre Freunde organisieren wollte. Liebe und Frieden, Yo!

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Wohnungsannonce:

liebe leute,
ich würde gerne in einer veganen straight edge wg wohnen (naja kaffee trinke ich noch ;-). bin ziemlich ordentlich und meditiere sehr gerne. ich liebe es zu kochen, ich koche jeden tag. ich wohne zur zeit alleine, wünsche mir aber leute, die wie ich spass und freude am gesunden leben haben und dies auch teilen möchten. gerne in kreuzberg am mehringdamm – die ecke ist einfach super. können ja auch ne neue wg gründen…freue mich sehr auf eure nachrichten, auch wenns einfach mal nur zum connecten erstmal ist… ich wünsche euch eine wundervolle zeit- jetzt und immer! Thorsten

Email an: miete@dasgrossethier.de

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Neue Erde versteht sich als Verlag für die Herausgabe anspruchsvoller Sachbücher und Ratgeber, die durch eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Bereiche Natur, Gesundheit und Spiritualität eine erdverbundene und lebensbejahende Lebensweise ausdrücken und fördern sollen. Als spirituelle Ökologie und Naturphilosophie bezeichnet Andreas Lentz diesen Teil seines Programms. Dazu zählen Titel zur Geomantie, zu keltischer und indianischer Spiritualität, zu Naturgeistern oder zur Tiefenökologie. Der zweite Schwerpunkt von Neue Erde sind ganzheitliche Heilweisen und hier insbesondere die Steinheilkunde. Mit mehr als zwanzig Titeln allein auf diesem Gebiet und der Koryphäe Michael Gienger als wichtigstem Autor, ist Neue Erde vielleicht der bedeutendste Verlag für alle, die sich mit diesem Thema befassen. Neue Erde GmbH, Cecilienstr. 29, Firmensitz: 66111 Saarbrücken, Tel.: 0681 595 398-0, Fax.: 0681 390 4102

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Weitere Richtlinien für „Das grosse Thier“

Bedienungsanleitung

1. Das Heft ist nach DIN A5 (Hochkant) herauszugeben. Die Schreibrichtung ist der jeweiligen Konvention anzupassen (Die Besonderheiten des mongolischen, arabischen, balinesischen, chinesischen, japanischen, hebräischen und koreanischen, usw. Schriftbildes sind zu berücksichtigen.)
2. Der Platzrand des Heftes, wie vom Lektorat vorgesehen, bietet nicht nur bessere Über- und Einsicht, sondern dient dazu Anmerkungen, Gedanken und Gespött zu notieren. Die Notizen sind in blauer Tinte oder mit einem Bleistift vorzunehmen. Von buntfarbigen Markierungen rät die Redaktion mit Beschluss vom 11.11.2012 ab.
3. Das Cover der Titelseite – entgegen mancher Behauptung, stand bislang und steht fortan für sich selbst und behandelt eine eigenständige Thematik und kontrastiert nicht (vergangene) Texte des Heftes.
4. Allein dem Herausgeber ist das Recht vorbehalten ein Editorial zu schreiben, jedoch kann dieser seine Befugnis an Dritte für maximal zwei Ausgaben übertragen, jedoch nicht auf erstmalige Autorinnen und Autoren des Heftes. Finale Abstimmungen trifft die Chefredaktion. Die Herausgabe des Heftes erlöscht spätestens mit dem Tod des Herausgebers.*/**
5. Das sogenannte Editorial, die Einleitung in das aktuelle Heft steht nicht im Zusammenhang mit der restlichen Ausgabe. Ein Schlußwort gibt es nicht, weil es ein Schlußwort solange nicht geben kann bis der Gegenstand der Kritik abgeschafft wurde.
6. Die Artikel des Heftes sind getrennt voneinander zu betrachten und daher mit Autorennamen versehen. Hingegen sind die Artikel des Heftes als Ganzes zu betrachten und unterliegen ausdrücklich nicht dem Gestaltungsdrang, -willkür und den persönlichen Vorlieben der Chefredaktion. Die Form des Heftes ist Sache des Layoutes.
7. Zuschriften sind willkommen und werden unter bestimmten Voraussetzungen zum Abdruck freigegeben, allerdings werden diese dem hohen Gelächter der Redaktion ausgesetzt. Die Redaktion antwortet dem Absender nach eigenem Ermessen. Einreichungen werden lediglich via Email entgegengenommen. (Auch bearbeitete) Zweitabdrucke und Wiederveröffentlichungen werden nicht zur Kenntnis genommen.
8. Die Redaktion bietet freien Autoren die weitgehend kostenfreie Korrektur von Manuskripten an. Bei Beanspruchung des Dienstes werden einmalige Kosten in Höhe von 156,43 USD fällig, die mit dem Verwendungszweck „Garantie für einen Bestseller“ auf das Zeitschriftenkonto am Ersten des Folgemonats (Vorauskasse) überwiesen werden müssen.
9. Die graphische Seitengestaltung ist Anliegen des Layouts, welches mit dem Lektorat in Eins fällt. Autoren haben kein Anspruch auf die Seitengestaltung eigener und fremder Artikel. Autoren können jedoch zum Ersten des Monats Anspruch auf Teilnahme am monatlichen Redaktionstreffen äußern und vorstellig werden. Etwaige Betreffe müssen direkt und ungeschönt in maximal zweisilbigen Wortlauten dem Herausgeber (oder der am Anfang der Redaktionssitzung ernannten Vertretung) entgegengebracht werden. Ansprüche auf Urheberrechtsverletzungen sind an den Herausgeber zu formulieren und müssen persönlich auf dem Redaktionstreffen vorgetragen werden. Abmahnungen und alle Folgeansprüche sind gegenüber dem „Abmahnungsreferat“ des Großen Thiers zu formulieren.
10. Die Redaktionstreffen im Jahr 2013 finden im monatlich wechselnden Turnus in verschiedenen Städten, die ein „F“ im Namen tragen, statt. Das nächste Redaktionstreffen ist über Email zu erfragen. 2014 finden die Zusammenkünfte in Städten, die ein „G“ im Namen tragen, statt. 2015 in Städten die zwei Großbuchstaben im Namen tragen. Die zukünftigen Sitzungen werden per Losverfahren am Ende der Redaktionssitzungen ermittelt.
11. Studenten, die Hausarbeiten für einen wie auch immer gearteten kritischen Diskurs verwerten wollen, werden höflich aber bestimmt, an andere Zeitschriften verwiesen.
12. Autoren des Letzen Hype sind Autoren des Letzen Hype. Wir hingegen sind gegen „Das große Thier“. Alle anderen Autoren des Großen Thier.
13. Das Heft ist bislang, auch in gedruckter Form, kostenlos zu beziehen. Spenden ab 100 Euro ~ 130 USD (Mindestbetrag) werden entgegengenommen. Die Kontodaten sind via Email zu erfragen.
14. Artikelwünsche können an die jeweiligen Autoren gerichtet werden und sollten möglichst kurz und klar formuliert werden.
15. Stenographische Protokolle werden, sofern sie den gegenwärtigen Normen entsprechen, aufmerksam betrachtet und anschließend für mindestens einen Monat verlegt.
16. Das Einreichen von Zeichnungen (Stift- und Pinselarbeiten), Fotografien, und andere graphische Kunstarbeiten sind ausdrücklich erwünscht. Die Redaktion hat am 12.12.2011 den Beschluss gefasst keine weiteren Installationen und Skulpturen entgegenzunehmen. Engagierte Kunst, d.h. explizit „politische Künste“ werden von uns unbeachtet an die Documenta weitergeleitet.
17. Es werden keine Gedichte und Rätsel zum Abdruck freigegeben, solange der Herausgeber die kryptische Arbeit am ursprünglich zugänglichen, eigenen Text unterlässt.

Für die Redaktion, genauer: Chefredaktion.

Petra Dörner

* Die Redaktion nimmt Abstand von offenen Mordaufrufen.
** Die Anschrift des Herausgebers ist dem Impressum zu entnehmen.

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Das Zeitalter des Poststrukuralismus

von Jörg Finkenberger

Dieser Text erscheint nicht im gedruckten Blatt, weil er zu langweilig ist.

1
Man kann viel, aber immer noch zu wenig, über ein Zeitalter wissen, wenn man die Filosofien kennt, die in ihm vorherrschen. Umgekehrt besteht zumindest die Möglichkeit, dass aus einer Kritik der vorherrschenden Filosofien eine Kritik entwickelt werden kann, die das Zeitalter insgesamt trifft, und Veränderung möglich macht.

In unserem Zeitalter herrscht neben dem Positivismus immer noch eine Lehre vor, die man verlegen Poststrukturalismus nennt; abgeleitet von der älteren Lehre des Strukturalismus, von der sie sich Ende der 1960er offenbar teils abwandte, und die sie teils weiterführt. Die Vorsilbe Post scheint immer verwandt zu werden, wenn man eine Fortdauer beschreiben will, die durch einen Bruch vermittelt ist, wenn nicht genau zu sagen ist, wo der Bruch liegt und worin die Fortdauer.

Die bisherige ideologiekritische Schule hat, wie mir scheint, eine Kritk, die den Gegenstand trifft, nur fragmentarisch geliefert; vielleicht aus Geringschätzung gegen die Filosofie, ohne Gründe für diese Geringschätzung zu haben. Derweil entfaltet der Poststrukturalismus seine Wirkung als ausgesprochene Schulfilosofie, was ihm ausgesprochen gut gelingt; als wäre er eigens für die Art gebräuchlicher akademischer Einführungen entworfen, die es darauf absehen, ihn Studierenden als eine Methode beizubringen, die es zu handhaben gilt, und nicht als ein Rätsel, das aufzulösen wäre.

Vielleicht ist sogar der Name irreführend; manche benutzen den Namen des Postmodernismus, der aber auch nicht vielsagender ist. Poststrukturalismus bezeichnet eine Richtung, die, vom Strukuralismus herkommend, sich irgendwann genötigt gesehen hat, die Grenzen dieser Richtung durch Rezeption einer Reihe von anderen Lehrtraditionen zu erweitern; und die dadurch ihre Fähigkeit bewiesen hat, andere Traditionen gewissermassen zu verdauen. Diese Fähigkeit macht ihn gewissermassen chimärisch; zu seinem Programm gehört, sich auf keines festzulegen; zu seiner Methode etwas, das wie systematische Willkür aussehen kann; ein System behauptet er nicht zu haben. Kritik müsste ihn an seinem Ursprung heimsuchen: in einer Art methodischer Wendung, die am Anfang des 20. Jahrhunderts von verschiedenen Filosofien unternommen worden ist, und zu der eine Art Nötigung ja bestanden haben muss.

Die Wendung war, wenn ich es verkürzt ausdrücken darf, eine hin zu denjenigen Erscheinungen, die von den Einzelnen unabhängig, ihnen gegenüber autonom zu sein scheinen; das, was Materialisten oft Verkehsformen nennen; diejenigen gesellschaftlichen Formen, die vom gesellschaftlichen Prozess gebildet werden (man kann sie auch Strukturen nennen), und die sich, wie bei Marx das Kapital, durch diesen gesellschaftlichen Prozess selbst zu reproduzieren scheinen. Weil man, im Anschluss an die strukturalistische Auffassung der Sprache als einer solchen Form, davon ausgeht, dass auch die Sprache eine solche Form ist, nennt man diese gesellschaftlichen Formen auch Diskurse; unter diesem oder unter anderen Namen wird nun das Zustandekommen der gesellschaftlichen Formen untersucht.

Dem naheliegenden Einspruch, dass die Dinge der wirklichen Welt, einschliesslich der Formen Staat, Recht, Eigentum, Familie etc. doch kaum Diskurse seien, sondern reale Not, kann recht einfach mit dem Hinweis abgetan werden, es gehe darum, das zu untersuchen, was man wissen kann; ob etwas hinter der Barriere liege, und was, könne eben nicht gesagt werden, oder genauer: sei selbst auch Diskurs. Es ist nun sicherlich aber einmal versucht worden, mehr und anderes über diese wirklichen Dinge zu sagen; das war die spekulative Filosofie etwa Hegels; weiter müsste man gar nicht reden, die filosofischen Systeme sind gescheitert, wie allgemein bekannt ist, oder, wie es auch heisst: die Zeit der grossen Erzählungen ist vorbei. Die materialistische Kritik täte an diesem Punkt gut daran, statt die einzelnen Tendenzen und Autoren der poststrukturalistischen Schule einzeln zu kritisieren, sich zuerst diesen Einwand gesagt sein zu lassen und das Scheitern der Systeme zu untersuchen, insbesondere, weil sie selbst damit einiges zu tun hat.

2
Der Materialismus(1) bezeichnet nämlich gerade die Stelle, an der die Filosofie auf Grund gelaufen ist. Danach kann die Filosofie nicht mehr, es sei denn in verwandelter Form fortbestehen: als Umgestaltung der Wirklichkeit, deren Denken eben der Materialismus wäre. Dieses eigenartige Verhältnis lässt sich in mit zwei Sätzen beschreiben, die man einmal probeweise nebeneinanderstellen sollte: der von Marx in der 11. Feuerbachthese: die Filosofen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme darauf an, sie zu verändern; und der von Adorno aus der Einleitung zur Negativen Dialektik, dass Filosofie, die einmal überholt schien, sich am Leben erhielte, weil der Zeitpunkt ihrer Verwirklichung verpasst ward.

Der Satz von Marx ist nicht verständlich ohne die ausführliche Begründung, die er vorher und anderswo gibt, er hat überhaupt nichts gemein mit der schreihälsigen Interpretation, die ihm Spätere gegeben haben: nun sein einmal genug diskutiert, jetzt gehe es an die Arbeit. Und umgekehrt wird der von Adorno falsch verstanden, wenn man ihn so versteht, als meine er mit Filosofie vordringlich seine eigene: als könne und solle man vorerst weiter Filosofie treiben, weil es mit der Revolution nichts geworden ist.

Stattdessen wird ja allgemein weiter Filosofie getrieben, als wäre nichts gewesen; und zwar um den Preis, dass solche Filosofie sich über den Punkt, der zum Übergang zur Veränderung genötigt hätte,(2) hinwegsetzt, ihn aus dem Denken herausschneidet; so tut, als gäbe es ihn gar nicht. Die Pointe besteht darin, dass so der Materialismus, dem der Weg zur Veränderung abgeschnitten ist, wider Willen sich selbst als eine Filosofie unter anderen zu verlängern genötigt ist; in welchem Zustand seine historische Niederlagen ihm aber wenn auch nicht die Evidenz, so doch die Plausibilität zu nehmen droht.

3
Das Problem, an dem die Filosofie scheitert, scheint mir vom Begriff der menschlichen Tätigkeit bezeichnet zu werden. Die Filosofie hatte sich über Kants Kritiken ja im Prinzip nur mit einem recht luftigen Regress gerettet, den Hegel sich dahinter zurück erlaubte, indem er Gott, unter verschiedenen Vorwänden, durch die Hintertür wieder einliess. Dieser Regress erwies sich, indem die Junghegelianer ihn wieder abschnitten, als sehr produktiv. Indem sich aufweisen liess, das Gott eine Vorstellung ist, die die Menschheit produziert, und zwar als unbewusstes Wissen über sich selbst, war das Dilemma der filosofischen Systeme übersteigbar geworden: das Allgemeine herrscht tatsächlich, aber als gesellschaftliche Form, vermittelt durch menschliche Tätigkeit; was das selbe ist wie: wird durch die menschliche Tätigkeit produziert. Es handelte sich nun in der Tat nicht mehr darum, die absurden Abgründe der Filosofie gedanklich zu ergründen und damit zu verdoppeln, sondern darin die absurde Praxis wiederzuerkennen, die prinzipiell der Veränderung zugänglich war, und zu deren Veränderung gerade damals und erstmals die Möglichkeiten hergestellt zu werden schienen.

Die menschliche Tätigkeit, das ist nun aber nicht mehr nur die gedankliche Tätigkeit des Menschengehirnes, das die Filosofie darunter verstand; sondern selbst diese Gedanken werden von materiellen, wirklichen, einzelnen Menschen produziert, und zwar ebenso, wie diese Menschen materiell sind, aus materiellen Gründen; und sie werden ebenso produziert, wie alle anderen Dinge produziert werden, und unter der Herrschaft von Gedankendingen. Das Recht z.B., ein Allgemeines, herrscht ja wirklich; aber angewandt werden muss es von einzelnen Menschen auf einzelne Sachverhalte, durch konkrete gedankliche Anstrengung eines Juristengehirnes, denn von alleine wendet es sich nicht an; und selbst ohne den Spruch eines Richters ist seine Geltung durch das Rechtsbewusstsein, durch die Reflexion aufs Recht der Teilnehmer am Warenverkehr vermittelt. Denn auch die Waren tauschen sich ja nicht wirklich selbst gegeneinander aus, sondern bedürfen ihrer Besitzer, die sie zum Markt tragen und für sie denken. Ohne wirkliche, lebendige Menschen wäre der Vorgang nicht denkbar; Maschinen können ihnen das nicht abnehmen (nicht einmal die Rechtsprechung, so behauptet jedenfalls die Rechtslehre); die menschliche Tätigkeit ist also irreduzibel. Selbst in der rohesten Form ihrer Exploitation, als blosse Naturkraft, zeigt gerade das Mass, wodurch menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wird, an, wieweit sie eben nicht ersetzt werden kann.

Die Filosofie hat den Menschen aber gerade nicht unter der Bestimmung betrachtet, dass er als einzelner, bedürftiger, leibhaftig wirklicher da sein muss, sondern genau umgekehrt als eine reine Geistmonade; als rein denkendes Ding, res cogitans; der Einspruch des älteren Materialismus dagegen war unwirksam geblieben, weil dieser sich den Weg selbst versperrt hatte. „Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit.“(3)

Hieran kann man ungefähr ablesen, was das Resultat der Filosofie – Engels sagt: ihr Ausgang – gewesen ist; und hierhinter fällt alles, was danach Filosofie heisst, systematisch zurück; genauer gesagt: hintertreibt ihn; es sei denn, sie bezieht dieses Resultat, und die Reaktion der Filosofie darauf ausdrücklich ein: das heisst, verteidigt gegen die heutige Filosofie dasjenige an der Filosofie, worüber die heutige Filosofie lieber schweigt.

4
Unter diesen Filosofien war nun der Strukturalismus eine. Betrachten wir ihn etwas genauer. Sein Grundgedanke ist die Existenz gesellschaftlicher Formen, die den Einzelnen gegenüber autonom sind; ein Gedanke, der auch dem Materialismus nicht fremd ist. Diese gesellschaftlichen Formen sind gegenüber dem Einzelnen und dem, was er denken, und was er als Wille formulieren kann, vorgängig; so, wie die Sprache dem Gedanken vorgängig ist. Nur in den Bahnen, die die Verkehrsform zulässt, können Gedanken und kann Wille erst formuliert, oder konstituiert werden.

Selbstverständlich würde der Strukturalismus, und auch der Poststrukturalismus, nicht abstreiten wollen, dass diese Verkehrsformen produziert werden durch die ständige Praxis der einzelnen Menschen. Der Unterschied besteht aber darin, dass er sich die Frage gar nicht stellt, warum die menschliche Tätigkeit solche Formen überhaupt produziert. Vielmehr erscheint es so, als konstituierten die Formen die einzelnen, die unter ihnen tätig werden, dadurch erst; anstatt, wie es der Materialismus nahelegt, umgekehrt. Der Unterschied ist entscheidend: als Subjekt erscheint im Strukturalismus die Verkehrsform, die Einzelnen nur als dessen Widerspiegelungen; ausserhalb dessen, also ausserhalb der Subjektrolle, kommen sie nicht in Betracht. Sie erleiden den gesellschaftlichen Prozess, wie ein Stück Naturstoff ihn erleidet; sie produzieren ihn nicht viel anders, als Petroleum die Energie produziert, die zu seiner Förderung notwendig ist, nur dass das Petroleum nicht auch noch denkt, das selber zu tun und zu wollen.

Der Materialismus hatte demgegenüber darauf zu beharren, dass es die Menschen sind, die die Strukturen schaffen; und in ihnen doch dabei nicht aufgehen, eben deswegen, weil sie nicht Gedankenwesen sind, sondern gerade auch Naturstoff; noch die Arbeitskraft ist, wenn auch Ware, so doch auch etwas anderes als Ware. Der Strukturalismus scheint dem Materialismus voraus zu sein genau in dem Masse, indem der Fortschritt des Kapitals die Einzelnen in sich absorbiert hat; der störungslose Ablauf des ganzen unheimlichen Vorgangs ist, was dem Strukturalismus seine Plausibilität gibt. Der Vorgang, den beide Lehren betrachten, ist erkennbar derselbe; mit dem Strukturalismus wäre recht gut beschreibbar, wie und wieso er funktioniert; der Materialismus muss aber behaupten, dass die wirklichen Einzelnen im Prozess niemals aufgehen können. Das ist im Übrigen die metafysische Erbschaft, die er mit sich trägt und mit der er steht und fällt. Der Materialismus befindet sich nun in der Not, dass er die unökonomischere Erklärung ist: er enthält zwingend die Annahme, es sei ohne weiteres möglich, dass die einzelnen Menschen, gerade als blosser Naturstoff, sich nicht nur daran stören, sondern sich erfolgreich dagegen wehren, wenn die Gesetzmässigkeit des objektiven Prozesses sie etwa zum Verhungern zwänge. Ohne solche Gegenwehr, die auch nur als solidarische Aktion der Gattung Mensch zu haben wäre, ist der Strukturalismus ebensowenig zu widerlegen wie das Kapital.

5
Das war der Stand der Dinge, als Louis Althusser den Strukturalismus in die Parteidoktrin des Parti Communiste Français einführte. Diese Lehre und jener Verein passten ganz hervorragend zusammen; es ist fast ein Wunder, dass die Partei die Lehre nicht gleich selbst erfunden hat. Ihr ganzes Verhalten im entscheidenden Mai 1968 zeigt gleichermassen ihre Abneigung gegen die Revolution, wie ihre Unfähigkeit, ausserhalb der Formen von Staat und Kapital zu denken: Musterbeispiel für praktischen Strukturalismus. Althusser soll über das Verhalten seines Vereins übrigens enttäuscht gewesen sein, und hat sich später von ihm abgewandt.

Einer seiner Schüler war nun Michel Foucault. Und nun passiert auf den ersten Blick folgendes: Foucault, zunächst noch Strukturalist, hält sich 1968 in Tunesien auf, wo er die tunesische Variante von 1968 erlebt. Hiervon, und von den Ereignissen in Frankreich, ist er tief beeindruckt. Und in der Tat ist im Buch nicht vorgesehen, dass scheinbar aus nichts ein völlig spontaner Generalstreik entsteht, dass die Arbeiter die Fabriken besetzen und die Studenten die Universitäten; dass Präsident de Gaulle Frankreich nach Deutschland flieht und Vorkehrungen trifft, Panzer auf Paris zu schicken; und das alles ohne jedes Zutun der sog. kommunistischen Partei, und ihres mächtigen Gewerkschaftsverbandes, sogar gegen deren erbitterten Widerstand.

Man kann sagen, was man will, aber Strukturalist sein kann man danach nicht mehr.. Was auch immer der Mai 1968 gewesen ist, aber er ist kaum aus den Verkehrsformen hervorgegangen; ich wüsste keinen genaueren Begriff vom Zusammenhang menschlicher Tätigkeit und Vernunft zu nennen als den spontanen Generalstreik. Und Foucault hat sich danach auch vom Strukturalismus entfernt, und die Lehre begründet, die man Poststrukturalismus nennt; so dass man sagen müsste, der Unterschied zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus ist genau dieser Mai 1968. Aber hier, wo unsere Argumentation so klar zusammenzulaufen scheint, wird es in Wirklichkeit erst richtig kompliziert.

6
Denn was Foucault 1968 gesehen haben will, ist folgendes: „Was auf der Welt ist es, das in einem Einzelnen den Wunsch, die Fähigkeit und die Möglichkeit zu einem absoluten Opfer auslöst, ohne dass man die leisteste Ambition nach Macht oder Profit erkennen oder auch nur vermuten könnte? Das ist, was ich in Tunesien gesehen habe.“ Was er gesehen hat, waren Studenten, die von der Polizei halb oder ganz tot geschlagen worden sind, und die in ihrem Kampf ihr Leben riskiert, und oft genug verloren, haben. Ich will nicht, das man glaubt, ich hätte ihn missgünstig zitiert; man wird das in allen seinen Äusserungen finden: ihn interessiert nicht die Befreiung der einzelnen, sondern fragt sich, für welche höhere Sache diese Leute ihr Leben zum Opfer gebracht hätten; so, als hätten sie das freiwillig gemacht. Er fragt also nach einer Struktur; einer neuen Verkehrsform; einen neuen Souverain. Und er scheint zu glauben, dass es das war, worum es 1968 gegangen ist.

Ein Bruch mit dem Strukturalismus ist, wenn man das und nichts anderes „in Tunesien gesehen“ hat, gar nicht nötig; sehr wohl aber eine Erweiterung; man muss ihn dann in der Tat um alles mögliche ergänzen, was diese Opferbereitschaft, die man in abstracto auch bei den Freikorps „gesehen“ haben könnte, motivieren könnte; aber, und das ist die Wendung, eben nicht mit Grauen; sondern Foucault sympathisiert mit dem, was er da gesehen zu haben meint. Was aus alle dem nahe läge, wäre, kurz gesagt, eine Durchmischung des Strukturalismus mit Heidegger.

Es wird übrigens noch komplizierter: diese Dinge hat er über 1968 erst 10 Jahre später gesagt, in einer Zeit, als er bereits im Iran auch einige Dinge „gesehen“ und beschrieben hat, die man ihm bis heute aufs Wort glaubt: eine ganz und gar von politischer Spiritualität durchwebte islamische Revolution etwa; alle, die er fragte, wollten die Islamische Republik; und niemand scheint sich gefragt zu haben, warum er offenbar nur Leute von den Mojaheddin e Khalq, oder der Hezbollah gefragt hat. Oder warum auf den Fotos hunderttausende unverschleierte Frauen demonstrieren, die doch wohl nicht für den verpflichtenden Hijab demonstriert haben; oder warum die Islamische Republik bis 1983 einen Bürgerkrieg gegen die Linke führen musste, wenn die Revolution doch so tief und ganz und gar islamisch gewesen sein soll, statt, wie es wirklich war, die Konterrevolution.

7
Was Foucault beschrieben hat, hat es wohl gegeben. Was er nicht gesehen hat, oder was in seinem Denken nicht vorkommt, das wäre aber erst die Wahrheit gewesen. Was ihn an 1968 und 1978 interessiert, sind genau die Stränge, die (nach 1968) etwa in den libanesischen Bürgerkrieg münden, oder (nach 1978) zum Khomeinismus. „Die Reaktion tritt im selben Moment ins Leben, in welchem die Revolution zur Welt kommt: Beide werden im selben Augenblick geboren, allerdings von grundverschiedenen Eltern“ (Max Stirner), und Foucault betrachtet den Vorgang und sieht nur die eine.(4)

Trotzdem glaubt man ihm offenbar auf Wort, und auch unter Leuten, die weder ihn und seine Lehre, noch Khomeini mögen, werden seine Beschreibungen zitiert, wie wenn sie richtig Auskunft gäben über etwas anderes als über ihn selbst. Seine Wahrnehmung des Iran 1979 prägt immer noch diejenigen, die sich zwar Ideologiekritiker nennen, und Materialisten, aber in der ägyptischen Revolution von 2001 nur das immergleiche Wesen des Islamismus zu sich kommen sehen wollen, ohne begreifen zu wollen, dass dieselbe Revolution sich im Kampf mit genau diesem Islamismus befindet. Das nun aber solche, die sich selbst Materialisten nennen, dieselbe Wahrnehmungsstörung wie Foucault aufzuweisen, nur zu einer anderen Bewertung neigen (was streng genommen rein zufällig ist), das ist wirklich erklärungsbedürftig.

Der Strukturalismus war die Filosofie einer fortdauernden Konterrevolution, eines Stellungskrieges; der Poststrukturalismus der einer Konterrevolution, die den Angriff überstanden hat und zum Gegenangriff überzugehen gezwungen ist, immer wieder. Filosofie der Gegenrevolution heisst: Sowohl gegenrevolutionäre Filosofie, als auch Filosofie, die in solchen Zeiten plausibel erscheint, als falsches Bewusstsein, d.h. richtiges Bewusstsein von falschen Verhältnissen. Unter diesen Verhältnissen wird sozusagen jeder Mensch als Poststrukturalist geboren.

Die Nötigung, Filosofie zu betreiben, besteht genau im Fortleben solcher Filosofie, die mit jenen Verhältnissen im Bunde steht: zu ihrer Auflösung ist die Reflexion darauf nötig, woher sie kommt; wie und warum Filosofie derart verkam. Die materialistische Reflexion hat selber die Form von Filosofie; die aber in genau dem Masse antifilosofisch sein wird, in dem die Filosofie antimetafysisch geworden ist. Ein Ausgang aus dem Zeitalter des Poststrukturalismus steht nicht in ihrer Macht; dazu bedürfte es anderer, mächtigerer Tendenzen als sie es ist. Ob solche Tendenzen irgendwo zu sehen sind, das zu unterscheiden wäre heute ihre praktische Aufgabe.

1 Der Materialismus aber ist nirgendwo ganz entwickelt; die Kritik Hegels hat die Höhe Hegels wirklich nicht erreicht, wie Jochen Bruhn zu Recht sagt; das hiesse aber, dass materialistische Kritik nur in Fragmenten vorliegt. Ich würde nicht empfehlen wollen, einen Materialismus etwa rekonstruieren zu wollen, den es nie gegeben hat; stattdessen sollte man die einzelnen Elemente sammeln und in Erinnerung bringen. Vielleicht kann es Materialismus vor seiner Verwirklichung nicht als ein Ganzes geben.
2 Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den Übergang verhiess, heisst es bekanntlich weiter bei Adorno.
3 Marx, Thesen über Feuerbach, 1
4 Daran ändert auch nichts, dass er versichert: „Meine theoretische Moral … ist ‚anti-strategisch; mit Respekt reagieren, wenn eine Einzelheit sich erhebt; mit Unnachgiebigkeit, wenn die Macht das Allgemeine verletzt“, oder: „Letztlich stellt der Konflikt zwischen Materialismus und Spiritualismus … zwei feindliche Brüder einander gegenüber… :als Subjekte der Gedanken wählt man Individuen oder Gruppen, aber man wählt eben stets Subjekte.“ Dass für ihn Materialismus und Spiritualismus (der Name der Parteien ist übrigens präziser und richtiger als Materialismus und Idealismus) für ihn darin übereinkommen, es mit Subjekten zu tun zu haben, bedeutet nämlich nicht, dass er es gegen die Subjektrolle etwa mit den Indivuen hielte;das letzte Zitat geht so weiter: „Die Aufgabe dieses Dualismus, und die Konstitution einer nicht-cartesianischen Epistemologie erfordern, wie man sieht, mehr: nämlich die Eliminierung des Subjekts unter Beibehaltung der Gedanken und den Versuch der Konstruktion einer Geschichte ohne menschliche Wesen.“ Er hat vielleicht nichts vom Materialismus begriffen, aber sehr wohl von der Nötigung zur Konstruktion der extremsten Gegenposition, die sich denken lässt: was er umreisst, hiesse eine Rekonstruktion von Hegels Filosofie ohne die offene Flanke, die er der materialistischen Kritik geboten hat. Das ist die Vollendung des strukturalistischen Programms, und gleichzeitig die Durchführung dessen, was Heidegger dunkel vorschwebte, und er dunkel formulierte. So etwas gilt heute an Universitäten als progressiv; derart ist die Finsternis dieses Zeitalters.

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Munich/München

++++DRINGEND++++

Wir möchten hiermit freundlich darauf hinweisen, dass sich momentan 100 non-citizens in München (Rindermarkt) im Hungerstreik befinden! Es wird um Unterstützung gebeten. U.a. werden dringend finanzielle Spenden benötigt.

After the Protest in Munich today, asylum seekers went on hungerstrike! We are now staying at Rindermarkt! Please show solidarity and come here!

[googlemaps https://maps.google.com/maps?q=Rindermarkt+m%C3%BCnchen&oe=utf-8&aq=t&client=firefox-a&ie=UTF8&hl=en&hq=Rindermarkt&hnear=Munich,+Upper+Bavaria,+Bavaria,+Germany&t=m&ll=48.136365,11.574351&spn=0.006295,0.006295&output=embed&w=425&h=350]

Spendenkonto

Name: Streitberger Refugee-Congress
Institut: Sparkasse Regensburg
BLZ: 750 500 00
Konto-Nr.: 26479584
IBAN: DE 417505 00 00 00 2647 9584
BIC: BYLADEM 1 RBG

CONTACT INFORMATION FOR MEDIA // KONTAKT FÜR PRESSEANFRAGEN:

Email: media .refugeeprotest@gmail.com
Phone: Omid Moradian (deutsch): 0152 33706273
Houmer Hedayatzadeh (englisch): 0152 14045382
Internet: www.refugeetentaction.net
Facebook: https://www.facebook.com/Refugeemarch?ref=hl

Der Bayerische Rundfunk berichtet.

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A Letter to Our Friends from Iran and the Arab World

Dear friends and comrades,
revolutionaries,

I’ve been invited from among your ranks to a peace rally the other day, over Israels war in Ghaza. I just don’t know why. Maybe we have been too shy to declare how we think about these things. Let me set some things straight.

We will not rally for a phony peace, and we will never rally against Israel. To take out Islamism as a player on the political level, that would have been one of the foremost jobs of the revolutions of 2009 and 2011, of which some of you are veterans. We commend you on that; we deeply sympathize with your struggles. We did what little we could to support them, and always will.

But these revolutions have, up to now, failed to do so. Now Israel is fighting, once again, a war against these same forces. That should be, first and foremost, a moment of shame for every revolutionary; a shame that was inflicted on them all both by the power and sheer brutality of counterrevolution, and by mistakes on the part of the revolutionaries.

But, and that is the point: no revolutionary has the right to accuse Israel for defending itself against a threat that should have been taken out by now, by the revolution. Noone has the right to accuse others of his own failures. Just as the revolution has noone to rely on but itself, it has noone to accuse but itself. Revolution is the only solution. Its failure is the only problem.

First and foremost duty of any revolutionary in times of failure is self criticism, and not pointing the finger at others, especially not at those who have a history of having fingers pointed wrongly at them. Maybe we in Germany have not much to teach to anybody, but take that hint from us: our forerunners, the German communists, helped create a desaster for themselves, as well as death and destruction and annihilation for millions of others, when they chose to ignore and belittle the threat of antisemitism in the 1920s and 30s. It is still unclear if that defeat did not end the chances of revolution once and for all. You should not repeat these same mistakes.

Stop pointing fingers at Israel; start to realize that this war is your fault, and our fault. The task is to take out anti-semitism. Then, and only then will Israel turn into a state as every other state is. Until that day Israel is the refuge of the Jews. And we at last will do what little we can do to support it, just as we do to support you when you are fighting for the right cause.

It is not us that have to choose. You have to. Take your time. But in the end, if you want to end the epoch of wars, and suppression, you will not go anywhere with pretending that this world of war is what it is just because Israel is fighting back. We all would, if put in that same place. And so would you, I hope, and so will revolution, I most sincerely hope.

Zionism is the Jews taking a stand against their fascist enemies. It would suit any internationalist revolutionary well to take a page from their book. And stop pointing fingers, and start to understand, I implore you, because it is you that the fate of this world is depending on now. And as long as anti-semitism is in the world, it is deeply tied to the fate of the Jews.

With communist greetings:

Joerg Finkenberger

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Aus gegebenem Anlass

Weil der Autor demnächst (6.6., 20.00 Uhr) im VL in Halle spricht, hier aus nochmal der Artikel von Franz Hahn über „kapitalismus Forever?“ aus Thier IV.

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