Grundlagen des Freiburger Materialismus

Es ist heute nicht mehr, wie früher, grosse Mode, den Namen der „materialistischen Kritik“ für jeden Scheissdreck zu missbrauchen. Das ist noch nicht lang so; vor zehn Jahren stiefelten die damals noch jungen Herren noch stolzer einher und sagten „die Kritik dies“ und „die Kritik das“, wenn sie von sich selbst sprachen, nicht anders als dazumal der Selige Bruno Bauer.

Der Trick war natürlich der, dass niemand genau wusste, was diese „Kritik“ denn sein soll, und wo sie anzutreffen ist. Und als die Gecken, die sich dazumal noch „Antideutsche“ nannten, „die Kritik“ für ihre Zwecke, nämlich schöngeistige Übungen zum akademischen Vorankommen, genug benutzt hatten, liessen sie sie, als vorerst nutzlos, wieder fallen.

Wir haben ein anderes Interesse an der materialistischen Kritik, nämlich weniger an ihrem Namen, der heute so glänzend gar nicht mehr ist; sondern an der Wahrheit, die sie lehrt. Aber auch wir und die unseren können heute nicht ohne weiteres davon ausgehen, diese Kritik und jene Wahrheit einfach in der Tasche zu haben.

Unter „Materialismus“ verstehen wir natürlich nicht die Varianten des Hegel-Marxismus, die unter den sogenannten marxistischen Intellektuellen immer vorherrschend sein werden. Im Gegenteil ist ein „Materialismus“ wertlos, der sich mit der idealistischen Doktrin, mit der politischen Spaltung der Theorie von der Praxis, insgesamt mit der Vorherrschaft der Intellektuellen und andrer Menschenverwalter überhaupt auch nur verträgt.

Materialistische Kritik ist Krieg; geführt gerade gegen die herrschende Ideologie und ihre Schildknappen, gegen ihre bezahlten und unbezahlten Kopflanger, und gegen die lächerlichen Prätensionen ihrer Philosophie, aber mit den Waffen der Philosophie und auf ihrem eigenen Boden. Er wird niemals entschieden werden mit diesen Waffen und auf diesem Boden; er wird entschieden in der Welt, vom Schicksal der „wirklichen Bewegung“, und deshalb bedeuten seine Siege, selbst seine besten, für sich selbst nichts. Seine Niederlagen allerdings, man mag es glauben oder auch nicht, sind Niederlagen im wirklichen Krieg.

Wir kennen von diesem Materialismus keine fertig ausgearbeitete Form, nur Versuche, Bruchstücke; ja es ist gesagt worden, dass Materialismus als fertig ausgearbeitete, vollständige Welterklärung mit Mitteln der Theorie ein Ding der Unmöglichkeit ist. Wer eine solche Theorie in der Tasche hätte, hätte den Materialismus widerlegt, denn er hätte die Allmacht des Gedankens bewiesen. Es ist gesagt worden, dass Materialismus nie als Theorie der Wirklichkeit, nur als ihre Kritik möglich ist; und als Kritik nur soweit, als ihm die Krise dieser Wirklichkeit dabei zu Hilfe kommt.

Den Heutigen sind solche Sätze so unverständlich wie vergessene Zaubersprüche; die einzige noch halb lebendige Tradition eines revolutionären kritischen Materialismus ist selbst fast verschüttet und vergessen, nämlich der spöttisch so genannte freiburger Materialismus; nach der ISF Freiburg, wo er nämlich formuliert worden ist, aus den Traditionen der kritischen Theorie und des Rätekommunismus.

Der freiburger Materialismus, ausgerechnet, hat der „wirklichen Bewegungen“, an der uns alles liegt, mehr mitzuteilen, als alle Schuldoktrinen. Es ist nicht lang her, dass er, wie es auch recht und billig ist, den Hütern der patentierten Weisheit als Schreckgespenst diente, an welchem sie versuchten, dem Materialismus den Materialismus auszutreiben. Heute ist er, scheint es dagegen, tot und begraben.

Aber, wie wir in Bayern sagen: die Zeiten werden sich ändern, die Blöden sind dann gescheit. Wir werden in der nächsten Zeit den Versuch beginnen, die Grundlagen dieser ausserordentlichen Gedanken freizugraben; ihre Voraussetzungen, und auch ihre Begrenzungen. Wir hoffen, dadurch einen neuen Ansatz vorzubereiten für eine materialistische Kritik, von der wieder eine Gefahr für die Ordnung der Dinge ausgeht.

Die Beiträge, die dazu vorbereitet sind, werden hier in loser Folge erscheinen; die Termine für die Diskussionen, die darüber nötig sein werden, geben wir auf Anfrage über E-Mail bekannt. Wir haben vor, Protokolle der Diskussion zu veröffentlichen. Eingesandte Beiträge sehen wir uns an, wenn sie es verdienen. Eine Mailing-Liste wird vorbereitet. Alle Freundinnen und Freunde des freiburger Materialismus sind herzlich eingeladen, sich bei uns zu melden.

 

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