Weil der Sommer nicht mehr so wahnsinnig heiß ist, werde ich die hot takes vom letzten Mal nicht wiederkäuen, ohne die man m.E. die „Sache“ mit Ukraine nicht sinnvoll diskutieren kann.
Die in der Kriegsfrage gespaltenen Linken bekriegen sich weiterhin auf ihren schnöden Veranstaltungen. Die Fachzeitschrift für den gepflegten Dogmatismus hilft gerne nach, wo sie kann: Unser alter Bekannter hat noch im Februar dieses Jahres in der GWR eine Invektive veröffentlicht, die sich für mein Geschmack etwas zu hochtrabend „Kriegsanarchisten“ nennt. Der GWR werfe ich in dieser Angelegenheit nichts vor: Wäre ja seltsam, wenn sie anders lautende Positionen abdrucken würden. (Den Leuten, die aus einem Bericht über Flüchtlingskämpfe kritische Sätze zu NGOs streichen, kann man überhaupt nichts mehr vorwerfen, finde ich. Lohnt sich nicht). Unter den Nägeln hat es mir jedenfalls nicht gebrannt, deswegen nur ein Paar Worte dazu ein halbes Jahr später.
Der sich bemerkenswerterweise nach einem charmanten Hochstapler aus der russischen Literatur nennende Autor hat seine Pamphlete eine Weile lang auch bei uns abgegeben. Bis er vermutlich merkte, dass seine „radikale“, der luftigen Äquidistanz verpflichtete Expertise woanders eher willkommen sei. Wir haben es nie erfahren, genau wie die Gründe, warum er in erster Linie bei uns überhaupt aufgelaufen ist. Seine publizistische Karriere hat ihn an andere Orte geführt, wo die deutschsprachige Linke ihr „gemeinsames praktisches Vergehen“ (sic!) betreibt.
Ich will die leidige Frage des Antikolonialismus bzw. des ukrainischen Nationalismus hier ausklammern, schließlich haben wir uns hier damit zur Genüge beschäftigt. Aber Ametistows Artikel ist offensichtlich in der Nacht der Abstraktion verfasst worden, als die Kerze des Vernunft vor lauter Scheinradikalität ausgepustet worden war. Das einzig sichere Ergebnis zu dem man so kommen kann, ist es, dass alle Katzen im Raum plötzlich grau geworden sind.
Wer sich empört, dass Putin mit Gewalt gegen die Ukraine vorgeht, aber nicht bemerkt, dass Spardiktate ebenfalls Gewalt sind, der/die/das hat kapitalistische Herrschaft nicht verstanden. Wer meint, man müsse die imperiale Expansion Russlands stoppen, aber gleichzeitig die Unterwerfung der Welt unter die Interessen von demokratisch regierten kapitalistischen Staaten als Normalfall hinnehmen, ist auch nicht besser als jemand, der Russlands und Chinas Imperialismus etwas ‚Antiimperialistisches‘ andichtet. Die ‚Putinversteher‘ und die Waffenlieferungsunterstützer sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie müssen und werden bekämpft werden. Eine Trennungslinie in diesem Fall zu ziehen, ist kein Dogmatismus.
Tja, wer es nicht einsieht, dass mexikanische Narkobarons und RentnerInnen in der BRD, die Grünanlagen nach Pfandflaschen absuchen, gleichermaßen kapitalistisch zugerichtete Subjekte sind, der wird auch noch bereitwillig die manifeste Tatsache übersehen, dass alles in diesem Universum aus demselben Sternenstaub gemacht ist. Darunter ist keine Diskussion zu haben.
Nun bin ich leider kein Flötenspieler und Gott sei Dank kein „Koloraturkastrat“, aber selbst mir ist bewusst, dass Nuancen manchmal von immenser Bedeutung sein können. So meinte z.B. der entschiedene Kriegsgegner Gustav Landauer: „Nun denn, dass nichts feststeht, dass an allem gezweifelt werden darf, das ist leicht gesagt und kann in solcher Allgemeinheit zugegeben werden… Wer aber die Unterschiede nicht kennt und mit Schärfe zum Ausdruck bringt, hat im Haus der Allgemeinheiten zu schweigen oder höchstens zu zwitschern; nur reden darf er nicht“. („Puppen“, 1914)
Wie viele Semester muss man Politikwissenschaft studieren, um so wie Herr Ametistow zu werden? Man kann nur rätseln.
Aber warum ist jetzt ein Nationalstaat besser als ein Imperium? Woher wisst ihr, dass Russland die vollständige Vernichtung des ukrainischen Volkes‘ anstrebt?
In einer Welt ohne Gräuel, für die die Namen Butscha, Irpen, Mariupol und der Staudamm von Kachowka stehen, wäre die Frage vielleicht berechtigt. Fürwahr, woher sollte man das wissen? Hmm, aus den Äußerungen des russischen Staatspersonals etwa, aus den genozidalen Methoden der russischen Kriegsführung möglicherweise? Auf alle, also auf jede und jeden Einzelnen zielen sie freilich nicht, das ist eine Übertreibung, aber das Verschleppen und Umerziehen der Kinder z.B. wird in Lemkins Völkermord-Konvention erwähnt.
„Was hat das Kämpfen und Töten auf Befehl des ukrainischen Staates, der für den Weltmarkt passend reformiert werden soll, mit einer sozialen Revolution zu tun?“
Das ist vielleicht tatsächlich – der/die/das möge mit den Sarkasmus verzeihen – der kriegsentscheidende Punkt. An dieser Stelle kann man ja wieder ernster werden und sich ein 20 Jahre altes hot take von Manfred Dahlmann reinziehen:
Jeder Kommunist kann die Zerstörung gegensouveräner Potentiale nur begrüßen. Das Problem des Kommunisten ist die gesellschaftliche Organisation, nicht irgendwelche justiziablen, positivistisch ermittelbaren Handlungen und deren moralische Qualität. Ob er den vom Weltsouverän von Zeit zu Zeit schon aus innerer Notwendigkeit vom Zaun zu brechenden Krieg rechtfertigen kann, hängt vom konkreten Fall ab. Wer dagegen aus Prinzip für Frieden ist, gibt nur zu erkennen, dass er mit Kommunismus, mit herrschaftsloser und ausbeutungsfreier Gesellschaft nichts am Hut haben will. Kritik, die keine Kriegserklärung potentiell in sich enthält, ist keine, sondern ein unverbindlich vorgetragener Vorschlag zur Verbesserung kapitalistischer Verhältnisse. Wer von sich aus auf den Krieg als Mittel der Politik (und deren Überwindung) verzichtet, macht sich dem gegenüber wehrlos, der dies nicht tut – und der wird sich finden.
(„Souveränität und Gegensouverän. Amerikanische und deutsche Form der gesellschaftlichen Negativität“, in: Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus, (Hg.) Stephan Grigat, 2006)
Best regards,
– ndejra