Gute Frage XIII

Wenn ich die Jungle World gar nicht abonniert hab, kann ich sie dann trotzdem abbestellen?

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Die versprochenen Beihilfen für Freiberufler u. Künstler

Ist nicht so, oder? Wenn man nicht in der KSK ist, bekommt man, hör ich, gar nichts. Aber die es nicht in die KSK schaffen, brauchens natürlich am dringensten.

In Sachsen darf man die berühmten Liquiditätshilfen gar nicht für Sachen wie eigene Krankenversicherung ausgeben. Fragt sich dann, wozu der Scheiss da ist.

Will man sich da evtl. schon jetzt mal verabreden, am Mittwoch nach der Epidemie (oder so) schön demonstrieren zu gehn gegen solchen Unfug? Da kommt schon noch andrer Unfug dazu, keine Sorge. Und vorbei ist das dann noch nicht.

Die Auseinandersetzungen müssten doch im Sommer stattfinden, rechtzeitig bevor das Virus im Herbst noch mal die Runde macht.

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Über die Fähigkeit, die Gesellschaft zu leiten.

An die Gebildeten unter ihren Verächtern.

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Jedes Regime und jede herrschende Schicht brauchen Legitimation, d.h. Zustimmung der Beherrschten; sie müssen die Fähigkeit haben (und das beweisen, oder vielleicht reicht es eine Zeitlang auch zu simulieren) die wirklichen Angelegenheiten der Gesellschaft zu leiten. Was die Angelegenheiten einer solchen Gesellschaft wirklich sind, weiss die Gesellschaft merkwürdigerweise sehr genau, auch wenn sie es selten ausspricht.

Vor ein paar Jahren hat irgendein Polizeigeneral, ich weiss nicht welcher, die sehen für mich alle gleich aus, einer von diesen beiden Freibiergesichtern vielleicht:

einer von diesen soll also 2015 gesagt haben: „Wir können die Sicherheit nicht mehr garantieren“ (so stehts in dem Spiegel-Artikel, wo das hübsche Foto her ist, das ich mir aufgehoben hab, weil es auf verrückte Weise genauso ausschaut wie das Hochzeitsfoto von Beatrix von Storch); die richtige Antwort darauf ist ihm damals aber nicht gegeben worden.

Die richtige Antwort darauf wäre gewesen: Das ist schön, dass ihrs selber einseht, ihr konntet das auch nie, ihr und euresgleichen waren es ja schliesslich, die den NSU übersehen haben. Dann solltet ihr vielleicht abtreten und den Laden abgeben an jemanden, der es kann.

Diese Antwort wurde damals nicht gegeben. Die verschiedenen linken Kräfte in diesem Land haben sich so eine Antwort gar nicht zugetraut. Nicht nur halten sie sich für zu schwach, so aufzutreten; aber eine politische Kraft, die nicht so aufzutreten wagt, wird schwach werden. Sondern sie würden erst gar nicht so denken. Sie haben eine eigenartige Verzerrung im Denken, die auch die klügsten nie ganz ablegen, die sie eigentlich handlungsunfähig macht; es ist nicht leicht, zu beschreiben, was für eine, wenn einem nicht zufällig ein schönes Beispiel vor die Flinte läuft. Dann wird aber auch schnell klar, wo das Problem liegt.

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In den letzten Wochen hat man, um das mal nur als Beispiel zu nehmen, folgendes teils gelesen, teils selbst erfahren. Sobald klar wurde, dass die neue Epidemie in China keineswegs schnell ausgetreten werden würde – und das war schnell klar, auch weil die Leute dem chinesischen Regime misstrauen, wie sie es sollten – , dachten die Leute darüber nach, was das bedeuten würde. Die bekannten verschiedenen Auffassungen (es ist nichts anderes als die Grippe auch, oder es ist genau wie 1918, oder es ist genau wie 1977, oder es ist genau wie 1933 etc.) wurden überall vertreten, aber zuletzt stellte sich unter der Bevölkerung eine Art Konsens ein, der diese verschiedenen Auffassungen interessanterweise keineswegs aufhebt, aber den Vorrang der praktischen Geltung unter ihnen hat. Dieser Konsens bildet sich nicht etwa dadurch, dass man irgendwelchen Experten zuhört, sondern dass unter den auftretenden Experten sehr genau ausgesucht wird, auf wen man hört. Ob der Konsens dann so auch richtig ist, ist eine ganz andere Sache, die mich persönlich viel weniger interessiert als die Tatsache, dass er zustandekommt.

Die Schliessung der Schulen z.B. wird dann gebilligt auch von den Leuten, die an sich der Ansicht sind, das sei eigentlich nur eine Grippe und die Reptiloidenregierung benutze sie zum Staatsstreich, sofern diese Leute nur Kinder, Eltern oder Grosseltern ihr Eigen nennen bzw. diese billigen. In den Wahlumfragen zeigt sich, dass man Merkel durchaus zugesteht, ihr Handwerk ordentlich zu machen und bereit ist, deswegen über ihre reptiloiden Staatsstreichpläne für diesmal hinwegzusehen. So paradox ist das, so gespalten denken die Menschen in dieser Gesellschaft anscheinend. Und nicht nur die „normalen Leute“ (so etwas gibt es nicht); wir werden gleich darauf kommen, zu was für eine staunenerregenden Spaltungs- und Verdrängungsleistungen unsere linken Intellektuellen erst in der Lage sind.

An dem Wochenende vor drei Wochen zeichnete sich klar ab, dass die Lage sich in diese Richtung entwickelte. Die frühen Fallzahlen wurden überall diskutiert. Und diese frühen Zahlen zeigten ein exponentielles Wachstum mit einer Basisreproduktionsrate von 3. Es war leicht auszurechnen, dass Mitte April die Epidemie 90% der Bevölkerung erreicht haben würde. So eine Rechnung ist nicht elementar, aber sie setzt auch kein Mathematikstudium voraus. Man kriegt das schon hin.

Es gibt von hier aus zwei grundlegend verschiedene Arten weiterzudenken. Die erste ist die derjenigen italienische Arbeiter, über deren Agitation wir Berichte aus dem Netz gezogen haben: es ist nicht einzusehen, warum die Betriebe nicht auch schliessen, und wenn die Chefs sie nicht schliessen, schliessen wir sie selbst. Solche Sachen sind nicht nur in Italien diskutiert worden und nicht nur in der Industrie. In der Industrie wird man ja auch nicht direkt dafür bezahlt, Leute anzustecken. (Wir haben Italien hier sozusagen nur als ein Beispiel angesehen, so wie das die gebildeten Stände seit Göthe hierzulande gewohnt sind.)

Die andere Art zu denken aber ist diese. Die Fussballspiele sind abgesagt; die Konzerte sind abgesagt; die Kneipen abends sind dann natürlich rammelvoll, weil die Männer sich dann natürlich, wenn sie schon nicht zum Fussball können, anderweitig von zu Hause losmachen mussten. Man verbringt doch nicht den Samstagabend zuhause! Da z.B. sah man dann diese andere Art zu denken: wenn wir nicht mehr zum Fussball können, gehen wir eben Bier trinken. Die Menschen bewegen sich dann wie geschobene Masse: wenn sie dort nicht hinkönnen, gehen sie woanders hin, aber immer reagierend, niemals selbsttätig. Die Menschen bewegen sich dann im Grunde wie Untertanen: sie folgen den Anordnungen passiv, sie handeln nicht nach eigener Überlegung, sie machen sich keinen Kopf, sie sind auch nicht zuständig. Sie überlegen nicht, ob es schlau ist, am Anfang eines exponentiellen Asts einer Ausbreitungsgleichung Schultern mit allerhand Leuten zu reiben; die gesellschaftliche Autorität, die allein zuständig ist, hat es nicht verboten, also los.

Man kann sich von 500 Seiten materialistische Staatskritik ein Drittel sparen, wenn man begreift: im Grunde wegen so etwas gibt es den Staat überhaupt. Sie nehmen, was die öffentlichen Angelegenheiten anbetrifft, unwillkürlich eine Konsumenten-Perspektive ein; sie wollen nicht die Urheber der öffentlichen Angelegenheiten sein, sondern den ihnen beschiedenen abgegrenzten Anteil daran. Deswegen benehmen sie sich auch so hirnlos. Der Unterschied nun zwischen diesen beiden Arten, die Lage aufzufassen, beschreibt sich, was die künftigen Aufgaben betrifft, eigentlich von allein. Und natürlich sind die einen und die anderen garnicht zwei verschiedene Arten Menschen! Es sind, nachprüfbar, dieselben Menschen zu verschiedenen Tageszeiten, d.h. in verschiedenen Verhaltensweisen; und die Konsumenten-Perspektive entspricht mehr oder weniger den im engeren Sinne bürgerlich vergesellschafteten Aspekten.

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Was mache ich also jetzt mit diesem Text, den ein Freund von uns auf seiner Seite veröffentlicht und der von ausgerechnet Thomas Maul wie folgt angepriesen wird:

 

Öha. Mit dem hat noch gemeinsame Freunde?

Der Mensch ist dem Menschen ein Virus – diese Wirklichkeit ist nun etabliert. Die Schnelligkeit und Widerstandslosigkeit, mit der diese Veränderung hingenommen wurde und wird, zeugt für sich allein schon davon, daß so etwas erwartet wurde. Was den Menschen schon lange quälendes und unterdrücktes Bedürfnis geworden war und dem in den letzten Jahrzehnten zwar immer mehr statt- und Futter gegeben wurde, aber nur nach und nach, in kleinen Dosen, erhält nun plötzlich, beinahe schockartig volle Erfüllung: Angst und Entsolidarisierung als soziales Grundbindemittel der Gesellschaft; der Kampf aller gegen alle um den individuellen Fortbestand in einer Welt meist nicht mehr zu durchschauender, zunehmend sinnfreier Tätigkeiten; die Wahrnehmung des anderen als Risiko, gesundheitlich und anderweitig…. das Abschalten intellektueller Tätigkeit zugunsten des sich Überlassens an ein Nervositäts- und Aufregungsregime, das immer neue Stimulationen liefert; der Überdruß an und die Unfähigkeit zu Hingabe, Genuss, Entspannung.

Und so gehts immer weiter. Feuilletónen und schwer kulturkritisch, ein bisschen wie der alte Debord, aber mit Obertönen einer Stellungnahme des Hotel- und Gaststättenverbands. Ich bin ja immer neidisch, wenn jemand so magnus-klaue-haft daherzuassoziieren versteht. Das klauehafteste, was ich zu dem ganzen Thema hinbekäme, wäre ja: wenn einer das nicht aushält, 14 Tage keinen Menschen zu sehen, der ist einfach nicht introvertiert genug. Aber, wie gesagt, zurück zum Thema, und da sind wir grad, nämlich wie-könnts-anders-sein, direkt

vor dem 1. Weltkrieg, als ganz ähnlich in einer Gleichförmigkeit der Meinungen und einem erheblichem Engagement beinahe aller eine Bevölkerung sich besten Willens in ihr Verderben begab. … Ohnehin ist diese auch als gesellschaftliches Experiment zu begreifende Realinszenierung erst angelaufen und es wird, soviel ist klar und wird auch schon da und dort von den Verantwortlichen angedeutet, noch eine reichliche Zeit dauern, bis die aktuell betriebene Phase beendet und zu einer anderen übergegangen werden wird.

Folgt generisches Adorno-Zitat über die Schlechtigkeit der Welt. Es wär eine schöne Parodie eines ins Impfgegnerhafte übertriebenen Bahamismus, einschliesslich der nichtsnutzigen Richtungsanzeigevokabel „Engagement“; aber ich weiss aus Erfahrung, dass man dort, wo das erschienen ist, für Parodien einen Sinn garnicht hat. Deswegen muss ich es vorläufig ernst- und es mich Wunders nehmen. Jetzt erinnere ich mich an die letzten paar Wochen natürlich anders, weil vermutlich ich entweder a) zu denen gehöre, die besten Willes in ihr Verderben sich begeben. Oder aber der Ausschnitt der Welt, den ich kenne, sieht b) einfach anders aus. Ich kann aber in meinem Ausschnitt erkennen, wo die Perspektive sitzt, aus der er schreibt. Es ist die oben so genannte Konsumenten-Perspektive.

Was für eine verdrehte Wahrnehmung, als ob die Leute jetzt aus purem Menschenhass 2 m Abstand voneinander halten, weil sie sich gegenseitig für eine Gefahr füreinander halten würden. Und mit welcher Geschwindigkeit das dann von dieser völligen Idiotie zu einer kompletten Weltdeutung geht! Man will sich gar nicht fragen, was gewesen wäre, wenn das Schicksal den Autor ein paar Jahre früher an Land geworfen hätte und er die „autofreien Sonntage“ von 1973 hätte erleben müssen. Denn „das ist auch ein Leiden“ (Hölderlin)! (1)

Der Herausgeber des Texts hat freilich früher die Schriften der Situationisten nachgedruckt, und jedesmal eine buntfarbige Broschüre herausgegeben, wenn irgendjemand auf der Welt eine Mülltonne angezündet hat. Wenn 2011 in Ägypten die Revolution schon Ende Januar unter Panzerketten begraben und damit ewig jung geblieben wäre, hätte er sich vielleicht sogar bereden lassen, auch dazu eine Broschüre zu machen. Mit Revolutionen, die alt genug werden, um zu irren, also praktisch zu werden, hatte man weniger Geduld. Vielleicht ist da ein Zusammenhang.

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Wer ist denn revolutionärer, der situationistische Herausgeber oder eine so zahme Arbeiterschaft wie die deutsche? Das ist eine Fangfrage. Vielleicht ist das hier eine Gelegenheit so gut wie jede andre, zuzugeben, dass wir schon länger keine feuchten Hände mehr bekommen, wenn jemand die alten situationistischen Geschichten erzählt. Das wirkliche Geschäft der Veränderung ist langwierig, zäh, und setzt mehr voraus als eine rauschende Feier auf Barrikaden es tut. Es hört auch nach dem Umsturz nicht auf, und fängt lange vor ihm an.

Eine solche Veränderung wird auch nicht der Ersatz der einen regierenden Clique durch eine andere sein können. Ist das aber die Möglichkeit? Ist denn überhaupt denkbar, dass die Gesellschaft die Leitung ihrer Angelegenheiten selbst in die Hand nimmt? 500 Seiten materialistischer Staatskritik kommen, zusammengefasst, zu dem Ergebnis: im Prinzip ja, aber nicht, solange sie die Gesellschaft der patriarchalen Familie und des Privateigentums an Produktionsmitteln ist. Erst die Gesellschaft ohne Staat, Privateigentum und Familie ist wirklich Gesellschaft, alles vorher nur die konvulsivischen Anläufe zu ihrer Gründung.

Vielleicht noch einmal zum Thema zurück. Rein hypothetisch, man stelle sich eine Gesellschaft von Gemeinden freier Menschen vor. Wie würde die auf eine grössere Epidemie reagieren? Man darf sich gerne ein utopisches Traumland, syrisch-Kurdistan oder anarchistisch-Katalanien, dazu ausmalen: aber ohne jede Ausgangsbeschränkung, denn dafür haben die Individualanarchisten die Revolution nicht gemacht. Sondern gar nicht bekanntlich.

So ist es denn auch nicht. Auch eine anarchistische Gemeinde, wofern sie nur eine Gemeinde ist, wird Seuchenprävention betreiben. Auch ein von Herrschaft freies Gemeinwesen wird ja gemeinsame Aufgaben haben. Oder bedeuten Gesellschaft und Herrschaft genau das gleiche? Nein.(2) Sie lassen sich, wenn auch nicht auf den ersten Blick, durchaus unterscheiden. Und der Unterschied hat eine greifbare historische Tiefe, die bis zu den Anfängen der menschlichen Gesellschaft zurückreicht.

Herrschaft einerseits, die öffentlichen Aufgaben andererseits, stammen von zwei Seiten eines Widerspruchs in der Gesellschaftskonstitution; sie sind einander an sich selbst völlig äusserlich, und nur über die ganze Geselschaft selbst miteinander vermittelt. Nicht die Herrschaft selbst begründet sich auf der Ausübung öffentlicher Aufgaben; die Ausübung öffentlicher Ausgaben legitimiert unter den konkurrierenden Cliquen die gerade herrschende. Und wo es nicht um verschiedene Cliquen geht, sondern darum, dass diese allesamt verschwinden, stellt sich die Frage: warum kann die Gesellschaft das denn nicht selbst? Und hier würde die materialistische Staatskritik positive Revolutionswissenschaft werden müssen, was sie nicht gut kann.

Aber woher sollen die linken Intellektuellen das denn wissen können? Sie müssten so etwas dazu ja überhaupt erst sehen können, und darauf sollte man gar nicht so sehr vertrauen. Im Grunde genommen kann man sagen: Linke Intellektuelle können von sich aus immer nur höchstens zu einem leninistischen Bewusstsein kommen; denn die Tätigkeit des linken Intellektuellen, die Theorie, ist kategorisch getrennt von der gesellschaftlichen Praxis. Und zwar auch wenn er an dieser ansonsten Teil nimmt. Die Theorie wird ja doch sozusagen nach Feierabend getrieben.

Das praktische Leben des linken Intellektuellen findet von Natur aus in der Sphäre des Konsumenten statt; er wird also abwechselnd werkeltags ein insurrektionaler Anarchist sein, aber sonntags Hacks lesen und die bolschewistische Partei zurückwünschen; oder andersherum, es ist völlig gleich. Diese Verblendung ist zwar da schon angelegt, dass es ja wirklich erkenntnistheoretisch unmöglich ist, in der wirklichen Gesellschaft die wahre Gesellschaft wiederzuerkennen.(2) Sie ist aber nicht unvermeidbar. Man muss sich auf ihre Voraussetzungen nicht einlassen. Man verliert dann zwar genau den Punkt, der die Geschlossenheit und Einheit der Theorie für den linken Intellektuellen verbürgt; aber dieser Punkt ist gerade sein Wahn.

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Ich habs auch kleiner. Gesellschaftliche Veränderung hat mit dem, was linke Intellektuelle so vor sich hin denken, zunächst einmal nicht viel mehr zu tun als mit dem, was irgendwelche anderen Leute so vor sich hin denken. Sie setzt statt dessen das sehr ungenaue Arbeiten mit der Vorstellung voraus, die bestehende schreiend unvollkommene Gesellschaft sei auf irgendeine Weise schon die Gesellschaft, ihre Organe seien zwar auf der einen Seite Usurpatoren, auf der anderen aber eben Organe der Gesellschaft. Der Sturz der Herrschaft setzt voraus, dass diese Organe ihre Legimität verlieren; aber auch, dass die Gesellschaft im selben Zug, wie sie die Autorität davonjagt, auch die Fähigkeit erobert, die Leitung ihrer Geschäfte selbst zu übernehmen.(3) Sonst folgt daraus nur die nächste Fassung von Hacks’s geliebter Parteidiktatur. So weit, so kompliziert. Aber wie weit sind unsere Intellektuellen davon entfernt, auch nur die Aufgabe zu verstehen!

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Nachweise.

1 Hölderlin, In lieblicher Bläue
2 Hölderlin ebd.: „Giebt auf Erden ein Maß ? Es giebt keines“
3 So im Erg. auch Hölderlin ebd.: „Solange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert, misset nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott ? Ist er offenbar wie der Himmel ? Dieses glaub ich eher.“

 

Errata

Wir bitten um Verzeihung für folgende Verwechslung: gemeint war natürlich Hölderlins Gedicht „Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre berufliche Zukunft“.


Wir hatten ausserdem irrtümlich an einer Stelle so getan, als wäre der Herausgeber eines kurz verwendeten anonymen Texts auch dessen Autor. Der Herausgeber, Betreiber der magazin-Seite, hat uns daraufhin geschrieben, er hätte diesen Text, den er übrigens für sehr gut hielte, keinesfalls geschrieben. Wir haben die Stelle ausgebessert. Es macht keinen Unterschied. Auch und insbesondere ihm wünschen wir mit Hölderlin Alles Gute.

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Woanders

ists freilich anders, und da „trendet“, wie man so schön sagt, nicht #schwanz auf diesem twitter, wie man so schön sagt, sondern, wir zitieren hierzu aus dem Guardian (!):

While some of our more fatuous celebrities seem to have piped down a
bit, since contributions including Madonna’s from her bath and David
Geffen’s from his yacht helped propel the hashtag #guillotine2020, the
stream of virus-inspired lifestyle advice on things it has never been a
better time to do has gone ever more Marie Antoinette. “It suddenly
makes sense,” city dwellers without the space for a flock of sheep are
told, “to own hens.”

Schön empfunden auch die Metapher in der New York Times:

Celebrity Culture Is Burning

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Liebe Jungle World,

Du hast bislang 2 Inhalte auf jungle.world gelesen.* Was sind sie dir wert? Vielleicht 2 €?

lese ich grad unter einem Artikel bei euch.

Ich wollt euch nur sagen: Nein.

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„Verzicht und Opfer, wirtschaftlich wie menschlich“

– spf

Während es noch bei manchen als umstritten gilt, wie gefährlich dieses Virus ist, können wir feststellen, dass vom Virus wenigstens eine große Gefahr für Umwelt und Gesundheit ausgeht: es frisst anscheinend mehrere Löcher in menschliche Ärsche. Anders ist diese Klopapierbegeisterung nicht zu erklären. Sie hat nichts mit Panik oder Herdeverhalten der Konsumenten zu tun. Von wegen „Sicherheitsgefühl“! Die Menschen leiden, es steht ihnen in die Gesichter geschrieben. Gestern Abend z.B. (04.04.) trendete im deutschen twitter-Segment #grundgesetz neben #schwanz. Vollkommen verständlich: beim aktiv betriebenen Grundrechte- und Demokratieabbau bei seit Tagen ausbleibenden Chemitrails hält man sich gerne an etwas fest. Ich kenne das aus der nordkasachischen Steppe: da nimmt man, wenn man kurz vor die Tür muss, ein Kännchen mit Wasser und zwei lange Stöcke mit. Den einen Stock rammt man in die Erde und hält sich fest, falls vom Semsker Atomtestgelände eine Stoßwelle kommt, mit dem anderen schlägt man auf die umherschleichenden Wölfe ein. Und das Kännchen ihr wisst schon selbst wozu. Nun erzählt mir mehr über entgleitende Kontrolle über das eigene Leben oder eco anxiety.

Das nur nebenbei. Aber das sind unsere Mitungeheuer, wir werden mit einander viel zu tun haben, wenn diese de facto Ausgangssperren wieder aufgehoben worden sind. Solange aber sehen wir diesem staatsinduziertem Katastrophenspektakel zu, und versuchen uns zu beruhigen, indem wir unsere Klopapiervorräte begutachten und nervös an unseren Genitalien herumzupfen. Vielleicht trendet #schwanz eh jeden Abend in Deutschland, ich weiß es nicht, hab keinen twitter-Account. Eine ernsthafte psychoanalytische Auseinandersetzung mit diesem Thema vermisse ich aber immer noch. Waren etwa alle Freud-Lesekreise umsonst?

Bildschirmfoto vom 2020-04-04 22-32-21 Weiterlesen

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Auch blöd IIX

Die neue Folge unsrer beliebten Reihe.

Auch blöd: dass man überall diese vorgestanze Wendung findet : „in Zeiten von Corona“. In Zeiten ! Wer hätte solchen Schmarrn jemals verwendet als, nun ja.

 

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„Staat oder Revolution“ Bd. II fertig

Zu „Staat oder Revolution“ (Freiburg 2015), einer kleinen Arbeit über die Grundlagen der Begriffe von Staat und Recht, wird es bald auch einen zweiten Teil geben. In diesem soll, auf wiederholte Nachfrage, z.B. nachgetragen werden, was es mit der Entwicklung der westlich-liberalen Staatswesen einerseits, der staatssozialistischen Diktaturen andererseits auf sich hat; der erste Teil hatte sich an die europäisch-kontinentalen Verfassungsentwicklung gehalten, von der französischen Revolution zum Nationalsozialismus.

Die Untersuchung der britischen Staatsverfassung und ihres sagen wir widerspruchsvollen Verhältnisses zum modernen Staat führt zu einem allgemeineren neuen Begriff vom Staat und seinen Belangen, der für das Zeitalter der agrarisch produzierenden Gesellschaften insgesamt gilt; Rechtsprechung, Kultus, Militärwesen, Steuern und öffentliche Arbeiten sind mit dem Bodenrecht und der Eigentumsverfassung verflochten. Die Gesellschaft des Eigentums wieder ruht auf viel tieferen Fundamenten: auf dem Verhältnis der Geschlechter, und auf der Herrschaft der Männer. Die absonderlichsten Verrenkungen des gesellschaftlichen Bewusstseins, die Verrücktheiten und Verdrehungen jedes seiner Begriffe haben hier ihre Wurzel; wie natürlich die Religion.

Dieses alte Gemeinwesen, wie es Marx nennt, löst sich tendenziell auf durch den Geldgebrauch, wie er periodisch vordringt; nicht als ein linear die Geschichte durchziehender Fortschritt. Das Ergebnis pflegen wir den modernen Staat und die moderne bürgerliche Gesellschaft zu nennen. Aber so einfach ist es nicht. Aus den Elementen, in die sich die alte Gesellschaft auflöst, lässt sich auch keineswegs einfach die bürgerliche Gesellschaft zusammensetzen. Es fehlt etwas ganz entscheidendes. Diese bürgerliche Gesellschaft ist auf ganz andere Weise in die Welt gekommen, als ihre frühen Ideologen im Aufklärungszeitalter sich das dachten; und sie hat auch ganz andere Voraussetzungen, als die Ökonomen und Marxisten das in der Regel wissen.

Es zeigt sich, dass der dritte Band des „Kapital“ für die britische Staatsgeschichte wichtiger geworden ist als für die marxistische Theorie; und dass alles, was die marxistische Theorie über das 20. Jahrhundert zu sagen wusste, ganz ohne Benutzung der eigentlich marxschen Erkenntnisse zustandegekommen ist.

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z.B. Miete

Karstadt-Kaufhof zahlt keine Miete mehr. Nicht rein aus Prinzip, sondern weil sie kein Geld haben. Karstadt-Kaufhof geht in Insolvenz, um seine Schulden los zu werden. Deichmann, adidas und H&M zahlen aber auch keine Miete mehr.

In Spanien tun das auch Leute, die keine Kapitalgesellschaften sind, sondern wirkliche Leute:

Kritisiert wird, dass die Regierung die Probleme einfacher Leute ignoriere. Gefordert wird, dass die von Notmaßnahmen betroffenen Menschen die Miete nicht mehr zahlen müssen. Der Streik sei die »einzige kollektive Antwort«, um allen zu zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Es soll erreicht werden, dass Mietern nicht massive Schulden aufgebürdet werden und sie nicht früher oder später mit einer Zwangsräumung konfrontiert werden. Es gibt auch eine gemeinsame Widerstandskasse, um sich juristisch verteidigen zu können. »Gegen Tausende können sie nichts ausrichten«, erklären die Aktivisten.

Die Mietergewerkschaft in Barcelona geht davon aus, dass nun etwa 1,5 Millionen Menschen in Spanien ihre Mieten nicht mehr bezahlen können. Stimmt die Zahl, reicht die Kreditlinie der Regierung bei Weitem nicht. Viele stünden dann nur zeitversetzt vor einer Zwangsräumung, wenn sie die Mietschulden später nicht mehr rückzahlen können. Der Sprecher der Mietergewerkschaft in Madrid prognostiziert eine neue »Überschuldung der Familien, die ohnehin am schlechtesten dran sind.« Javier Gil fügt hinzu: »Viele Menschen werden nicht nur ihre Stellen verlieren, sondern zudem verschuldet sein, damit die enorm gestiegenen Mieten weiter bezahlt werden.«

Hier ist die Lage ganz ähnlich. Vielleicht wird das hier ja sehr plötzlich aktuell.

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Gute Frage XII

Seit 3 Tagen wächst die Zahl der Zahl der erkannten Corona-19 Fälle in Deutschand nicht mehr exponentiell, sondern nur noch linear: 5.000 neue Fälle/Tag. Ab Erreichen von 70% Infektionsgrad geht die Gefahr stark zurück, dass durch schnelle Ausbreitung das Gesundheitssystem zusammenbricht. Das wird bei 5.000 Infektionen pro Tag in ca. 31,8 Jahren der Fall sein.

Und die Frage lautet: wie planen die Regierungen, aus der Nummer wieder herauszukommen?

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Krisenwirtschaft

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Über die Corona-Pandemie wird allerlei geschrieben, bei unseren „Freunden“ allerdings wie immer meistens aus derjenigen Perspektive, die die Texte der postmodernen Linken so schwer erträglich macht: nämlich so, als gäbe es die Sache selbst gewissermassen gar nicht, sondern nur die Reaktionen anderer Leute auf die Sache. Zu denen lässt es sich dann leicht kommentierend, ironisch oder sonst kritisch verhalten. Man kann ihr, ja muss ihnen dann auch selbstausgedachte Ursachen unterstellen. In schönster Weise geschieht dies in einem neurederings herumgereichten kleinen Text, der ernsthaft Myasnikovs Kritik der Sowjetbürokratie von 1921 unvermittelt auf die Gegenwart anwendet: eine „neue Bourgeoisie“ putsche gerade mithilfe übertriebener Notstandsmassnahmen gegen die „alte Bourgeoisie“, die offenbar bisher im Sattel sass. Wer diese Leute sind, woher sie so plötzlich kommen, was sie wollen und warum, und warum das alles überhaupt geht, mit diesen nebensächlichen Fragen, nämlich den Hauptfragen, hält man sich gar nicht auf. Man hat bei unseren „Freunden“ nicht zum erstenmal das Gefühl, dass die alle völlig übergeschnappt sind. Allmählich reichts aber einmal.

Das hat alles natürlich wenig zu sagen, so wenig wie im Grunde unsere „Freunde“ zu sagen haben. Versuchen wir es also ganz anders. Warum, wenn wir einmal ganz dumm fragen, gehen eine ganze Reihe grösserer Industrienationen denn eigentlich in einen derartigen Krisenmodus, oder lock down, wie wollen sie sie da wieder rauskommen, was für Folgen soll das alles haben, und wird das alles die Welt, wie wir sie kennen und schätzen, bleibend verändern, und wenn ja, wie?

Boris Johnson hatte ja in Grossbritannien, und die niederländische Regierung hat jetzt noch, einen ganz anderen „Pandemie-Plan“: Nämlich kurz gesagt zuzuwarten, bis alle Gesunden infiziert sind, und bis dahin die sogenannten Risikogruppen zu isolieren. Es zeigte sich aber nach kurzer Zeit, was es mit dem exponentiellen Wachstum auf sich hat:

Immediately after Boris Johnson completed his Monday evening news conference, which saw a sombre prime minister encourage his fellow citizens to avoid “all nonessential contact with others,” his aides hustled reporters into a second, off-camera briefing.
That session presented jaw-dropping numbers from some of Britain’s top modellers of infectious disease, who predicted the deadly course of coronavirus could quickly kill hundreds of thousands in both the United Kingdom and the United States, as surges of sick and dying patients overwhelmed hospitals and critical care units.
The new forecasts, by Neil Ferguson and his colleagues at the Imperial College Covid-19 Response Team, were quickly endorsed by Mr Johnson’s government to design new and more extreme measures to suppress the spread of the virus.

Das britische Gesundheitssystem wäre mit der Ausbreitung überfordert gewesen, so wie im Moment das italienische; man kann sich bei der Gelegenheit auch die Frage stellen, was das über das Gesundheitssystem sagt. Denn es scheint ja nicht so sein zu müssen:

Interessant wird es nun für Island. Das hatte bereits am 4. März den Infektionsgrad von Italien erreicht und überschritten. Seitdem ist der Verlauf nahezu synchron, Island liegt vorne und hat mit 1,6 Promille mittlerweile auch den von Hubei (China) übertroffen [10]. Von einer Überlastung des Gesundheitssystems ist wie zuvor im ähnlich stark betroffenen Luxemberg bislang in den Medien nichts zu lesen oder zu hören.

Es zeigt sich aber auch, dass man so eine Ausbreitung auf verschiedene Weisen eindämmen kann: durch gezielte Massnahmen ganz am Anfang, je später man aber anfängt, desto unterschiedslos eingreifende Massnahmen braucht es. Man könnte z.B. wie Ministerpräsident Söder in Bayern auf den Gedanken kommen, Schritte wie die Schliessung der Gaststätten zu vermeiden. Dann könnte man aber, wie sich zeigen lässt, den ganzen Rest eigentlich auch bleiben lassen. Die Bevölkerung sieht, wie sich zeigt, auch überhaupt nicht ein, dass die Schulen schliessen, aber die Bars offen sind. Und Recht hat sie damit. Der erste Schritt zwingt durch Sachlogik schon zu den nächsten Schritten. Am Ende gehen die Autofabriken vom Band, bzw. in Spanien und Italien brechen die ersten Streiks aus, weil die Arbeiter auch den Widersinn nicht begreifen können, dass sie auf dem Weg zur Arbeit 2m Abstand halten sollen, aber beileibe nicht am Arbeitsplatz.

Und es ist auch nicht gut einzusehen, warum Verkaufsräume für Tapeten, Autos, Gartenzwerge etc. schliessen müssen, aber die Fabriken für Tapeten, Autos, Gartenzwerge keineswegs. Das heisst, es ist sehr gut einzusehen: wie schon bei der Krise von 2008 zeigt sich, dass das mit der „Dienstleistungsgesellschaft“ eine Propagandaphrase der 1990er gewesen ist. Es gibt keine nachindustrielle Gesellschaft. Und überhaupt scheint es zwei verschiedene Sorten von Arbeitsplätzen, und zwei verschiedene Sorten von Kapitalien zu geben: solche, die systemrelevant sind, und solche, die es nicht sind. Man kann offenbar einen ganzen Haufen Läden zumachen, ohne dass sie vermisst werden. Darüber sollte man sich gar nicht wundern, das wusste man vorher. Deswegen ging das alles auch so glatt.

Jedenfalls, man kann es nicht halb haben; entweder man lässt der Seuche ihren Lauf, oder man greift ein; wenn man aber eingreift, reicht es nicht, die Fussballspiele abzusagen, man muss auch die Konzerte absagen; reicht es nicht, die Schulen zu schliessen, sondern es müssen die Gaststätten geschlossen werden. Es ist wie eine Laufmasche. Und das ist noch gar nicht das Ende: da fängt das ganze erst an. Dann muss man den Verdienstausfall irgendwie entschädigen; nicht nur in den betroffenen Branchen, sondern bei allen Zulieferern, §§ 74, 75 Einl. ALR. Und das zieht sich quer durch die ganze Wirtschaftsordnung, vom Kurzarbeitsgeld bis zum Verfall der Milchpreise, und bis in die Sphäre der Zentralbanken.

Was als Seuchenprävention beginnt, nimmt schnell die Züge einer globalen Wirtschaftskrise an, in Ausmassen, die der Krise von 2008 vergleichbar ist. Aber, und das ist das eigenartige, es ist gleichzeitig die Krise und die Politik der Krisenbewältigung, im selben Zuge; denn die Krise ist keine systemische, sondern eine politisch selbst produzierte, streng genommen.

Da fragt sich um so mehr: warum treiben also die Regierungen der freien Welt freiwillig solch einen ungeheuren Aufwand? Haben die latter-day Jünger Myasnikovs Recht, dass hinter den Kulissen eine „neue Bourgeoisie“, wer auch immer das sein soll, nach der Macht greift? Aber womöglich ist diese geheimnisvolle Macht, die sich hier äussert, gar nichts anderes als der Staat selbst.

2.
Seit einigen Monaten mehren sich die Anzeichen einer ohnehin kommenden Rezession. Fast die ganze Ökonomenzunft, bürgerlich und marxistisch, hatte die nächste zyklische Rezession eigentlich fest für 2017 versprochen; wenn man, wie die Minderheit, für die Jahreswende 2015/16 eine ziemlich unauffällige zyklische Rezession annimmt, dann wäre die nächste 2022 regelmässig dran. Anyway, das Problem ist dieses: beim letzten (oder vorletzten) Mal ist nicht nur ziemlich viel Putz, sondern auch ganz schön was vom Gemäuer mit runtergekommen, und es hätte leicht sehr viel mehr sein können. Man hat nach 2008 schnell, aber nicht schnell genug mit ziemlich tiefgreifenden Eingriffen reagiert; Banken zum Teil verstaatlicht, Autokonzerne gehörten zeitweise auf einmal den Gewerkschaften usw., negative Zentralbankzinsen usf., alles unmöglichen Dinge, die in den Lehrbüchern der Ökonomen ausführlich als Dinge beschrieben sind, die man auf keinen Fall tut, und die überhaupt nur deswegen dastehen, damit der Ökonom weiss, was man im Notfall ebend doch auf einmal tut.

Das Problem, wenn man sich erinnert, war in den Augen der Ökonomen auch dieses: wenn man einmal mit so etwas anfängt, wo hört man auf? Anfangen ist nämlich leichter als aufhören. Jeder Eingriff hat selbst wieder Folgen; wenn man die Zinsen negativ hält, rettet man die Banken, aber ruiniert man die Versicherungen usw. Es ist jetzt evident, dass nach 2008 diese Rückkehr zum gewohnten Geschäft nie gelungen ist; die Krise von 2008 ist überhaupt nicht ausgestanden, sondern sie ist stillgestellt worden, zu einem noch dazu hohen Preis. Die Ökonomien haben sich umgestellt, aber sie sind weit davon entfernt, zu Prosperität zurückzukehren.

Die meisten in der Zunft haben fest erwartet, dass die nächste anstehende zyklische Krise ähnlich oder härter zuschlägt als die letzte, und schon die letzte hat man mit Recht mit 1929 verglichen. Die regulären Instrumente der Zentralbanken sind ausgeschöpft; der politische Konsens innerhalb der westlichen Gesellschaften, auf den sich die Politik stützen muss, ist zersplittert. Die Mechanismen, mit denen sie Dissens gewöhnlich auffangen, greifen nicht mehr; jede Veränderung bedroht die mühsam erreichte Balance des ganzen vom Einsturz bedrohten Gebäudes.

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Aber die politischen Optionen sind da, und sie sind auch bekannt; im Krisenfall sind, wie alle wissen, Dinge möglich, die ansonsten undenkbar sind. Administrative Preisfestlegung, direkt oder indirket durch öffentlich-rechtliches Kartellwesen; Zwangsbewirtschaftung von Produktionsanlagen; Zwangsanleihen, Zwangseinlagen; Staatsfinanzierung durch die Zentralbank; Einkommensteuer von 80% für die höheren Steuerklassen; von der kriegswirtschaftlichen Beschlagnahme bis zur Enteignung.

Betrachten wir einmal, als Beispiel, wie so etwas in Friedenszeiten geschehen kann, die USA unter Roosevelt, den sogenannten New Deal. Die New Dealer haben in der Agrarpolitk z.B. etwas unerhörtes eingeführt: Stützungskäufe von Agrarprodukten durch Garantiepreise, gekoppelt an ein food stamp-Programm für die städtischen Armen; und gleichzeitig Direktzahlungen an die Landwirtschaft im Ausgleich für Flächenstillegungen, um die Erzeugerpreise zu stabilisieren. Das nahm dann die bekannten paradoxen Formen an, dass mitten in der Rezession Leute dafür bezahlt wurden, Agrarprodukte zu vernichten. Verfassungsrechtlich und ökonomisch ist das ein ungeheurer staatlicher Eingriff ins Privateigentum. Es ist bis heute tragende Säule der amerikanischen Agrarpolitik; das farm bill wird alle paar Jahre erneuert; und nicht nur das, die Gemeinsame Agrarpolitk der EU beruht seit 1957 im wesentlichen auf denselben, von den New Dealern ausgedachten Ideen. Ursprünglich aus der Krisenpolitik gekommen, heute eine der Grundlagen, ohne die eine marktwirtschaftliche Ordnung unvorstellbar ist.

Man müsste überhaupt nicht lange nachdenken, damit einem Zustände einfallen, wo man gleichzeitig weiss, dass das nicht mehr angehen kann, aber auch, dass niemand jemals etwas daran ändern kann. Der derzeitige Miet-Level in den grösseren Städten; also in denen, die nicht direkt in Verfall begriffen sind, z.B. Glaube keiner, dass sei nur ein Problem von alternativen Studenten! Es reden nur die alternativen Studenten mehr darüber, etwas dagegen zu tun, weil niemand sonst an Petitionen, Volksbegehren etc. glaubt. Der Immobilienmarkt ist ein messbares Hindernis für die Kapitalakkumulation geworden; und nach der anderen Seite hin ist er nur ein Symptom der Krankheit der Kapitalmärkte.

Das Rumoren selbst in der so gespenstisch stabilen deutschen Ökonomie hat überhaupt in den letzten Jahren ungeheuer zugenommen, während die regierenden politischen Kräfte zunehmend moribund aussehen. Die angesammelten und von 2008 her mitgeschleiften systemischen Probleme sind nicht nur ungelöst, sie sehen auch immer unlösbarer aus. Die staatstragenden Kräfte haben allen Grund, sich vor dem Weg der Krisenpolitik, den sie beschritten haben, weniger zu fürchten als vor dem, was ansonsten gekommen wäre.

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Ist das also doch so etwas wie ein Staatstreich der Eliten, und das Volk macht wieder einmal widerspruchslos mit? Nein. Wir hatten im Vorübergehen von den italienischen Streiks gesprochen; das ganze hat noch eine viel tiefere Dimension.

Gab es denn nicht, hört man öfter, schon früher auch gewaltige Epidemien? Hat man etwa bei der Hong Kong-Grippe von 1968 einen solchen Aufriss gemacht? Nein, hat man nicht, tatsächlich. Und man konnte damals überhaupt nicht sagen, ob die Epidemie nicht viel grössere Ausmasse annehmen würde. Woher auch? Aber etwas grundlegendes vergisst man vielleicht.

Bis 1972 waren z.B. die Bauern (damals noch 8,4% der Erwerbstätigen), bis länger danach die Selbständigen insgesamt nicht gesetzlich krankenversichert. Und die Leistungen der KV für die, die versichert waren, waren von heute aus betrachtet ohnehin notdürftig. Das öffentliche Gesundheitswesen ist eine recht junge Sache. Und es verändert etwas grundlegendes.

Früher, bei den grossen Grippewellen, hat man sich in der Tat nicht so angestellt, sondern ist einfach gestorben. Einerseits blieb wenig anderes übrig, andererseits war das eben der Lauf der Dinge. Die Gesellschaft ging davon nicht unter. Das wäre vermutlich heute nicht mehr so. Mich wundert ein bisschen, wenn so fortschrittliche Zeitgenossen heute ungeheucheltes Staunen darüber zeigen; im Grunde staunen sie darüber, dass die Bevölkerung keine Lust mehr hat, zu sterben wie Fliegen.

Die Politik hat jahrzehntelang die Ausdehnung der Kosten im Gesundheitswesen bekämpft; sie hat jahrzehntelang Krankenhäuser privatisiert, die Lohnfortzahlung verschlechtert usw. Jetzt zeigt sich, dass je geringer die Klinikkapazitäten, desto überproportional drastischer müssen die Präventionsmassnahmen ausfallen; oder die Politik riskiert, dass der Ruin des öffentlichen Gesundheitssystems offenkundig wird.

Selbst in Stockholm muss rasch nachgerüstet werden. Regulär gibt es dort lediglich 90 Intensivbetten, das Militär errichtet in den Messehallen gerade ein Notlazarett. In ihrem „realistischen Worst-Case-Szenario“ rechnet die Agentur für Volksgesundheit mit 250 Corona-Kranken, die in der Hauptstadt auf die Intensivstation angewiesen sein könnten. Im ganzen Land würden auf dem Höhepunkt der Epidemie bis zu 1400 Intensivbetten benötigt, bisher stehen bloß 500 zur Verfügung. …Vanhala sagt: „Das sind wirklich wenige im Vergleich zu vielen europäischen Ländern.“ In den Neunzigerjahren habe Schweden noch über 4300 Intensivbetten verfügt, aber dann sei im Gesundheitswesen zu viel gespart worden. Um für einen möglichen Ansturm von Covid-19-Infizierten gerüstet zu sein, haben sie in Halland vor einer der Kliniken ein Behandlungszelt errichtet. Möglicherweise bleibe den Ärzten irgendwann nur die „Triage“, die Aufteilung der Patienten nach dem Schweregrad ihrer Erkrankung.

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So oder so wirkt die Epidemie wie eine gewaltige Beschleunigung aller der Tendenzen, die wir in den letzten Jahren beobachten. Die Massnahmen des social distancing, die Ausgangsbeschränkungen etc., die jetzt im Moment im Vordergrund der Diskussion stehen, werden die Folgen des Ganzen weit weniger prägen als praktisch der gesamte Rest, über den weniger gesprochen wird.

Die gesamte wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft wird sich zwangsläufig umkombinieren. Ganze Branchen werden tendenziell atrophieren, andere werden ungeheuere Ausdehnung nehmen. Und der ganze Prozess spielt sich von Anfang an unter Leitung der Staaten ab. Im Grunde ist, was hier abläuft, eine Strukturkrise in Eigenregie; so ähnlich wie das Insolvenzrecht ja für Unternehmen das Reorganisationsverfahren in Eigenregie kennt, ch. 11 U.S. Bankruptcy Code.

Vor 5 Jahren hat ein Freund, der jetzt fürs Distanz-Magazin schreibt, mir aus dem alten Krisis-Evangelium wie folgt gepredigt: so etwas wie die Weltkriege könne nicht mehr vorkommen, die grossen Mächte seien auf Kooperation angewiesen, selbst die kriegsnotwendige Produktion sei in den Liefer- und Fertigungsketten so international verflochten etc. Ich habe ihm nur zu antworten gewusst, das sei vor 1914 auch so gewesen, und solche Verflechtung liesse sich durch Beschlagnahme etc. sehr schnell auflösen.

Was ich selbst nicht gedacht hätte, ist, dass eine Epidemie aus China die Hauptbasis der meisten heutigen industriellen Fertigungskreisläufe durchbrechen könnte, und dann noch dazu den grossen Mächten Eingriffe in die Kapitalverwertung dieser Grössenordnung aufzwingen bzw. in die Hand drücken würde.

Die jetzige Situation ermöglicht auf mittlere Sicht eine vollständige Reorganisation aller ökonomischen Kreisläufe, machtvolle öffentliche Investitionslenkung, eine ganz andere Finanz- und Industriepolitik als bisher, kurz sie ermöglicht den Staaten, den gordischen Knoten der Krise zu durchschlagen. Das kann, nach allem bisher gesagten, jede nur denkbare Form annehmen. Es ist, in einem ganz grundlegenden Sinne, im nächsten Zeitalter alles möglich.

Umgekehrt, und darüber wird noch nicht viel gesprochen, öffnet sie jetzige Lage jeder Sorte gesellschaftlicher Verteilungskämpfe die Tür; wenn Unternehmen verstaatlicht werden, warum nicht Wohnraum? Wenn Mietschulden gestundet werden können, warum nicht gestrichen? Wenn der Staat Betriebe schliessen, retten oder übernehmen kann, warum nicht die Belegschaft? Ob wir oder ob unsre linken „Freunde“ solche Fragen stellen, oder für angebracht halten, oder nicht, ist ganz nebensächlich. Ganz andere werden sie aber stellen, gar nicht vom Rand der Gesellschaft aus, sondern mitten heraus. Die Gesetze der sozialen Unruhe sind in fast jeder Hinsicht verschieden von derjenigen der aktiven Industriepolitik, ausser in der einen Hinsicht: sie ist leichter angefangen als aufgehört.

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Ein paar Links zur Corona-Krise

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Tja, wenn man es sich leisten kann, zu Hause zu bleiben… Und wenn nicht?

Analysen sind zur Zeit kaum möglich, die Entwicklung der Corona-Krise ist dramatisch. Wie sie ausgeht, ist ungewiss. Es gibt Leute, die behaupten, die Zukunft der Welt wird gerade neu verhandelt. Das mag schon so sein, mir schwant allerdings nichts Gutes. Es liegt nur an uns, den Lohnabhängigen, den Ausgang dieser „Verhandlungen“ zum Guten zu wenden, von Staats wegen wird das nicht passieren, die Faschisierung der Gesellschaft in der Krise wird fortgesetzt. Zur Zeit wird noch ohne uns verhandelt, obwohl die Krise wie immer auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Hier und da flackert es schon auf, lasst uns das im Auge behalten. „We have to avoid making the state stronger than it is. The state measures are contradictory. The political class is squeezed between, on the one side, ‘having to control the population’ (curfews, closing borders) in order to be seen as doing something, and on the other side, the necessity of ‘keeping business running’ (forcing people to go to work, keeping offices open, bailing out companies)“, wie angry workers schreiben.

Hier ein paar Links und Linkssammlungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und minutiöse Aktualität, ihr wisst schon:

Hier mal eine hübsche Erklärung des exponentiellen Verlauf der Pandemie, soll fortgesetzt werden: https://www.facebook.com/notes/anders-reimen/der-corona-report-folge-1/2848562338562448/

Laboutnet hat auch Einiges zusammengestellt:
https://www.labournet.de/internationales/das-monster-vor-der-tuer-der-corona-kapitalismus/

(Folge 2) Das Monster vor der Tür: Der Corona-Kapitalismus.


und hier extra zu Italien: https://www.labournet.de/internationales/italien/gewerkschaften-italien/wachsende-streikbewegung-in-italien-zwingt-sie-die-regierung-zu-einer-veraenderung-der-politik-trotz-des-virus-muesse-auf-jeden-fall-produziert-werden/

Wilderstreik in Linz: https://www.klassegegenklasse.org/oesterreich-erster-wilder-streik-gegen-untaetigkeit-des-unternehmens-in-linz/

„Staatskapitalismus“ ist ein dummes Wort, man redet aber wieder über die Verstaatlichung relevanter Unternehmen:
https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-germany-pharmaceut-idUSKBN2101BH
„But at the end of the second world war the public asked themselves a simple question: if a more interventionist approach was right in wartime, why not try it in peacetime? When the Covid-19 crisis is over, as it eventually will be, they might well ask the same question“: https://www.theguardian.com/world/commentisfree/2020/mar/19/peacetime-constraints-ditched-in-the-war-for-economic-survival

Die Pandemie ist natürlich ein willkommener Anlass, die Rechte der Belegschaft einzuschränken: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134460.corona-die-stunde-der-deregulierer.html und rumzuschnüffeln: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/social-distancing-quarantaenemassnahmen-per-handyortung-tracken

Zur lieben Autoindustrie: https://www.focus.de/finanzen/boerse/konjunktur/vw-audi-daimler-bmw-porsche-eine-werkschliessung-nach-der-andere-so-trifft-corona-krise-die-gebeutelte-autobranche_id_11781832.html
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vw-coronavirus-produktion-1.4848323
https://www.automobilwoche.de/article/20200316/NACHRICHTEN/200319942/produktion-laeuft-weiter-erster-coronavirus-fall-bei-bmw-in-leipzig
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/autoindustrie-fiat-chrysler-und-vw-fahren-die-produktion-in-europa-runter/25647698.html?ticket=ST-2062746-bWL44IHa23pwXzzhexyd-ap5

Crimethinc: Das Virus überleben und Gegen das Coronavirus und den Opportunismus des Staates, der letztere über die (Gefängnis)-Streiks und Repression in Italien.

Zu Hausbesetzungen und Mietstreik in den USA: https://itsgoingdown.org/a-dozen-vacant-homes-reclaimed-by-unhoused-tenants-in-la-as-calls-for-rent-strike-grow-across-us/ Außerdem gibt‘s hier recht interessante podcasts über autonome Selbstorganisation und gegenseitige Hilfe in den Krisenzeiten, eingeübt beim Scheitern der staatlichen Schutzprogramme während Waldbränden, Überflütungen und Huricanes in vergangenen Jahren; die Ausgangsbedingungen sind natürlich anders als in Deutschland, aber da kann man sicherlich was mitnehmen:
How fast it all falls down und A doctor about Coronavirus, the State’s Response & Building Mutual Aid

Es lohnt sich auch auf diesen neu aufgemachten Blog zu schauen, zu den pandemiebezogenen Streiks, Entwicklungen und Arbeitsrecht: https://solidarischgegencorona.wordpress.com/

FAU Jena hat zu arbeitsrelevanten Fragen eine Art FAQ erstellt.

„And the problem is that the existing economy was not “sound”: growth since 2008 has been fuelled by borrowing – by companies, households and states – and by the creation of $20trn of free money by central banks“. https://www.newstatesman.com/politics/economy/2020/03/coronavirus-crisis-economic-collapse-capitalism

Last but not least, es trifft Frauen und Kinder in toxischen Beziehungen/Haushalten, Kranke, Vereinsamte, Obdachlose und Inhaftierte. Als solche kann man natürlich in Lagern und „Hotspots“ zusammengepferchte Asylsuchende betrachten. Das sind staatliche Maßnahmen auch. https://www.theguardian.com/global-development/2020/mar/18/ngos-raise-alarm-as-coronavirus-strips-support-from-eu-refugees
Und das passiert nicht nur irgendwo, weit-weit weg, in Griechenland oder in Bosnien-Herzegowina, das passiert in Deutschland, in sogenannten Anker-Zentren: https://www.tagesspiegel.de/politik/asylsuchende-an-sieben-standorten-infiziert-die-coronakrise-erreicht-die-fluechtlingsheime/25665480.html
http://thevoiceforum.org/node/4717

Stay tuned und passt auf euch auf.

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