Du hast bislang 2 Inhalte auf jungle.world gelesen.* Was sind sie dir wert? Vielleicht 2 €?
lese ich grad unter einem Artikel bei euch.
Ich wollt euch nur sagen: Nein.
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– spf
Während es noch bei manchen als umstritten gilt, wie gefährlich dieses Virus ist, können wir feststellen, dass vom Virus wenigstens eine große Gefahr für Umwelt und Gesundheit ausgeht: es frisst anscheinend mehrere Löcher in menschliche Ärsche. Anders ist diese Klopapierbegeisterung nicht zu erklären. Sie hat nichts mit Panik oder Herdeverhalten der Konsumenten zu tun. Von wegen „Sicherheitsgefühl“! Die Menschen leiden, es steht ihnen in die Gesichter geschrieben. Gestern Abend z.B. (04.04.) trendete im deutschen twitter-Segment #grundgesetz neben #schwanz. Vollkommen verständlich: beim aktiv betriebenen Grundrechte- und Demokratieabbau bei seit Tagen ausbleibenden Chemitrails hält man sich gerne an etwas fest. Ich kenne das aus der nordkasachischen Steppe: da nimmt man, wenn man kurz vor die Tür muss, ein Kännchen mit Wasser und zwei lange Stöcke mit. Den einen Stock rammt man in die Erde und hält sich fest, falls vom Semsker Atomtestgelände eine Stoßwelle kommt, mit dem anderen schlägt man auf die umherschleichenden Wölfe ein. Und das Kännchen ihr wisst schon selbst wozu. Nun erzählt mir mehr über entgleitende Kontrolle über das eigene Leben oder eco anxiety.
Das nur nebenbei. Aber das sind unsere Mitungeheuer, wir werden mit einander viel zu tun haben, wenn diese de facto Ausgangssperren wieder aufgehoben worden sind. Solange aber sehen wir diesem staatsinduziertem Katastrophenspektakel zu, und versuchen uns zu beruhigen, indem wir unsere Klopapiervorräte begutachten und nervös an unseren Genitalien herumzupfen. Vielleicht trendet #schwanz eh jeden Abend in Deutschland, ich weiß es nicht, hab keinen twitter-Account. Eine ernsthafte psychoanalytische Auseinandersetzung mit diesem Thema vermisse ich aber immer noch. Waren etwa alle Freud-Lesekreise umsonst?
Die neue Folge unsrer beliebten Reihe.
Auch blöd: dass man überall diese vorgestanze Wendung findet : „in Zeiten von Corona“. In Zeiten ! Wer hätte solchen Schmarrn jemals verwendet als, nun ja.
Zu „Staat oder Revolution“ (Freiburg 2015), einer kleinen Arbeit über die Grundlagen der Begriffe von Staat und Recht, wird es bald auch einen zweiten Teil geben. In diesem soll, auf wiederholte Nachfrage, z.B. nachgetragen werden, was es mit der Entwicklung der westlich-liberalen Staatswesen einerseits, der staatssozialistischen Diktaturen andererseits auf sich hat; der erste Teil hatte sich an die europäisch-kontinentalen Verfassungsentwicklung gehalten, von der französischen Revolution zum Nationalsozialismus.
Die Untersuchung der britischen Staatsverfassung und ihres sagen wir widerspruchsvollen Verhältnisses zum modernen Staat führt zu einem allgemeineren neuen Begriff vom Staat und seinen Belangen, der für das Zeitalter der agrarisch produzierenden Gesellschaften insgesamt gilt; Rechtsprechung, Kultus, Militärwesen, Steuern und öffentliche Arbeiten sind mit dem Bodenrecht und der Eigentumsverfassung verflochten. Die Gesellschaft des Eigentums wieder ruht auf viel tieferen Fundamenten: auf dem Verhältnis der Geschlechter, und auf der Herrschaft der Männer. Die absonderlichsten Verrenkungen des gesellschaftlichen Bewusstseins, die Verrücktheiten und Verdrehungen jedes seiner Begriffe haben hier ihre Wurzel; wie natürlich die Religion.
Dieses alte Gemeinwesen, wie es Marx nennt, löst sich tendenziell auf durch den Geldgebrauch, wie er periodisch vordringt; nicht als ein linear die Geschichte durchziehender Fortschritt. Das Ergebnis pflegen wir den modernen Staat und die moderne bürgerliche Gesellschaft zu nennen. Aber so einfach ist es nicht. Aus den Elementen, in die sich die alte Gesellschaft auflöst, lässt sich auch keineswegs einfach die bürgerliche Gesellschaft zusammensetzen. Es fehlt etwas ganz entscheidendes. Diese bürgerliche Gesellschaft ist auf ganz andere Weise in die Welt gekommen, als ihre frühen Ideologen im Aufklärungszeitalter sich das dachten; und sie hat auch ganz andere Voraussetzungen, als die Ökonomen und Marxisten das in der Regel wissen.
Es zeigt sich, dass der dritte Band des „Kapital“ für die britische Staatsgeschichte wichtiger geworden ist als für die marxistische Theorie; und dass alles, was die marxistische Theorie über das 20. Jahrhundert zu sagen wusste, ganz ohne Benutzung der eigentlich marxschen Erkenntnisse zustandegekommen ist.

Karstadt-Kaufhof zahlt keine Miete mehr. Nicht rein aus Prinzip, sondern weil sie kein Geld haben. Karstadt-Kaufhof geht in Insolvenz, um seine Schulden los zu werden. Deichmann, adidas und H&M zahlen aber auch keine Miete mehr.
In Spanien tun das auch Leute, die keine Kapitalgesellschaften sind, sondern wirkliche Leute:
Kritisiert wird, dass die Regierung die Probleme einfacher Leute ignoriere. Gefordert wird, dass die von Notmaßnahmen betroffenen Menschen die Miete nicht mehr zahlen müssen. Der Streik sei die »einzige kollektive Antwort«, um allen zu zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Es soll erreicht werden, dass Mietern nicht massive Schulden aufgebürdet werden und sie nicht früher oder später mit einer Zwangsräumung konfrontiert werden. Es gibt auch eine gemeinsame Widerstandskasse, um sich juristisch verteidigen zu können. »Gegen Tausende können sie nichts ausrichten«, erklären die Aktivisten.
…
Die Mietergewerkschaft in Barcelona geht davon aus, dass nun etwa 1,5 Millionen Menschen in Spanien ihre Mieten nicht mehr bezahlen können. Stimmt die Zahl, reicht die Kreditlinie der Regierung bei Weitem nicht. Viele stünden dann nur zeitversetzt vor einer Zwangsräumung, wenn sie die Mietschulden später nicht mehr rückzahlen können. Der Sprecher der Mietergewerkschaft in Madrid prognostiziert eine neue »Überschuldung der Familien, die ohnehin am schlechtesten dran sind.« Javier Gil fügt hinzu: »Viele Menschen werden nicht nur ihre Stellen verlieren, sondern zudem verschuldet sein, damit die enorm gestiegenen Mieten weiter bezahlt werden.«
Hier ist die Lage ganz ähnlich. Vielleicht wird das hier ja sehr plötzlich aktuell.
Seit 3 Tagen wächst die Zahl der Zahl der erkannten Corona-19 Fälle in Deutschand nicht mehr exponentiell, sondern nur noch linear: 5.000 neue Fälle/Tag. Ab Erreichen von 70% Infektionsgrad geht die Gefahr stark zurück, dass durch schnelle Ausbreitung das Gesundheitssystem zusammenbricht. Das wird bei 5.000 Infektionen pro Tag in ca. 31,8 Jahren der Fall sein.
Und die Frage lautet: wie planen die Regierungen, aus der Nummer wieder herauszukommen?
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Über die Corona-Pandemie wird allerlei geschrieben, bei unseren „Freunden“ allerdings wie immer meistens aus derjenigen Perspektive, die die Texte der postmodernen Linken so schwer erträglich macht: nämlich so, als gäbe es die Sache selbst gewissermassen gar nicht, sondern nur die Reaktionen anderer Leute auf die Sache. Zu denen lässt es sich dann leicht kommentierend, ironisch oder sonst kritisch verhalten. Man kann ihr, ja muss ihnen dann auch selbstausgedachte Ursachen unterstellen. In schönster Weise geschieht dies in einem neurederings herumgereichten kleinen Text, der ernsthaft Myasnikovs Kritik der Sowjetbürokratie von 1921 unvermittelt auf die Gegenwart anwendet: eine „neue Bourgeoisie“ putsche gerade mithilfe übertriebener Notstandsmassnahmen gegen die „alte Bourgeoisie“, die offenbar bisher im Sattel sass. Wer diese Leute sind, woher sie so plötzlich kommen, was sie wollen und warum, und warum das alles überhaupt geht, mit diesen nebensächlichen Fragen, nämlich den Hauptfragen, hält man sich gar nicht auf. Man hat bei unseren „Freunden“ nicht zum erstenmal das Gefühl, dass die alle völlig übergeschnappt sind. Allmählich reichts aber einmal.
Das hat alles natürlich wenig zu sagen, so wenig wie im Grunde unsere „Freunde“ zu sagen haben. Versuchen wir es also ganz anders. Warum, wenn wir einmal ganz dumm fragen, gehen eine ganze Reihe grösserer Industrienationen denn eigentlich in einen derartigen Krisenmodus, oder lock down, wie wollen sie sie da wieder rauskommen, was für Folgen soll das alles haben, und wird das alles die Welt, wie wir sie kennen und schätzen, bleibend verändern, und wenn ja, wie?
Boris Johnson hatte ja in Grossbritannien, und die niederländische Regierung hat jetzt noch, einen ganz anderen „Pandemie-Plan“: Nämlich kurz gesagt zuzuwarten, bis alle Gesunden infiziert sind, und bis dahin die sogenannten Risikogruppen zu isolieren. Es zeigte sich aber nach kurzer Zeit, was es mit dem exponentiellen Wachstum auf sich hat:
Immediately after Boris Johnson completed his Monday evening news conference, which saw a sombre prime minister encourage his fellow citizens to avoid “all nonessential contact with others,” his aides hustled reporters into a second, off-camera briefing.
That session presented jaw-dropping numbers from some of Britain’s top modellers of infectious disease, who predicted the deadly course of coronavirus could quickly kill hundreds of thousands in both the United Kingdom and the United States, as surges of sick and dying patients overwhelmed hospitals and critical care units.
The new forecasts, by Neil Ferguson and his colleagues at the Imperial College Covid-19 Response Team, were quickly endorsed by Mr Johnson’s government to design new and more extreme measures to suppress the spread of the virus.
Das britische Gesundheitssystem wäre mit der Ausbreitung überfordert gewesen, so wie im Moment das italienische; man kann sich bei der Gelegenheit auch die Frage stellen, was das über das Gesundheitssystem sagt. Denn es scheint ja nicht so sein zu müssen:
Interessant wird es nun für Island. Das hatte bereits am 4. März den Infektionsgrad von Italien erreicht und überschritten. Seitdem ist der Verlauf nahezu synchron, Island liegt vorne und hat mit 1,6 Promille mittlerweile auch den von Hubei (China) übertroffen [10]. Von einer Überlastung des Gesundheitssystems ist wie zuvor im ähnlich stark betroffenen Luxemberg bislang in den Medien nichts zu lesen oder zu hören.
Es zeigt sich aber auch, dass man so eine Ausbreitung auf verschiedene Weisen eindämmen kann: durch gezielte Massnahmen ganz am Anfang, je später man aber anfängt, desto unterschiedslos eingreifende Massnahmen braucht es. Man könnte z.B. wie Ministerpräsident Söder in Bayern auf den Gedanken kommen, Schritte wie die Schliessung der Gaststätten zu vermeiden. Dann könnte man aber, wie sich zeigen lässt, den ganzen Rest eigentlich auch bleiben lassen. Die Bevölkerung sieht, wie sich zeigt, auch überhaupt nicht ein, dass die Schulen schliessen, aber die Bars offen sind. Und Recht hat sie damit. Der erste Schritt zwingt durch Sachlogik schon zu den nächsten Schritten. Am Ende gehen die Autofabriken vom Band, bzw. in Spanien und Italien brechen die ersten Streiks aus, weil die Arbeiter auch den Widersinn nicht begreifen können, dass sie auf dem Weg zur Arbeit 2m Abstand halten sollen, aber beileibe nicht am Arbeitsplatz.
Und es ist auch nicht gut einzusehen, warum Verkaufsräume für Tapeten, Autos, Gartenzwerge etc. schliessen müssen, aber die Fabriken für Tapeten, Autos, Gartenzwerge keineswegs. Das heisst, es ist sehr gut einzusehen: wie schon bei der Krise von 2008 zeigt sich, dass das mit der „Dienstleistungsgesellschaft“ eine Propagandaphrase der 1990er gewesen ist. Es gibt keine nachindustrielle Gesellschaft. Und überhaupt scheint es zwei verschiedene Sorten von Arbeitsplätzen, und zwei verschiedene Sorten von Kapitalien zu geben: solche, die systemrelevant sind, und solche, die es nicht sind. Man kann offenbar einen ganzen Haufen Läden zumachen, ohne dass sie vermisst werden. Darüber sollte man sich gar nicht wundern, das wusste man vorher. Deswegen ging das alles auch so glatt.
Jedenfalls, man kann es nicht halb haben; entweder man lässt der Seuche ihren Lauf, oder man greift ein; wenn man aber eingreift, reicht es nicht, die Fussballspiele abzusagen, man muss auch die Konzerte absagen; reicht es nicht, die Schulen zu schliessen, sondern es müssen die Gaststätten geschlossen werden. Es ist wie eine Laufmasche. Und das ist noch gar nicht das Ende: da fängt das ganze erst an. Dann muss man den Verdienstausfall irgendwie entschädigen; nicht nur in den betroffenen Branchen, sondern bei allen Zulieferern, §§ 74, 75 Einl. ALR. Und das zieht sich quer durch die ganze Wirtschaftsordnung, vom Kurzarbeitsgeld bis zum Verfall der Milchpreise, und bis in die Sphäre der Zentralbanken.
Was als Seuchenprävention beginnt, nimmt schnell die Züge einer globalen Wirtschaftskrise an, in Ausmassen, die der Krise von 2008 vergleichbar ist. Aber, und das ist das eigenartige, es ist gleichzeitig die Krise und die Politik der Krisenbewältigung, im selben Zuge; denn die Krise ist keine systemische, sondern eine politisch selbst produzierte, streng genommen.
Da fragt sich um so mehr: warum treiben also die Regierungen der freien Welt freiwillig solch einen ungeheuren Aufwand? Haben die latter-day Jünger Myasnikovs Recht, dass hinter den Kulissen eine „neue Bourgeoisie“, wer auch immer das sein soll, nach der Macht greift? Aber womöglich ist diese geheimnisvolle Macht, die sich hier äussert, gar nichts anderes als der Staat selbst.
2.
Seit einigen Monaten mehren sich die Anzeichen einer ohnehin kommenden Rezession. Fast die ganze Ökonomenzunft, bürgerlich und marxistisch, hatte die nächste zyklische Rezession eigentlich fest für 2017 versprochen; wenn man, wie die Minderheit, für die Jahreswende 2015/16 eine ziemlich unauffällige zyklische Rezession annimmt, dann wäre die nächste 2022 regelmässig dran. Anyway, das Problem ist dieses: beim letzten (oder vorletzten) Mal ist nicht nur ziemlich viel Putz, sondern auch ganz schön was vom Gemäuer mit runtergekommen, und es hätte leicht sehr viel mehr sein können. Man hat nach 2008 schnell, aber nicht schnell genug mit ziemlich tiefgreifenden Eingriffen reagiert; Banken zum Teil verstaatlicht, Autokonzerne gehörten zeitweise auf einmal den Gewerkschaften usw., negative Zentralbankzinsen usf., alles unmöglichen Dinge, die in den Lehrbüchern der Ökonomen ausführlich als Dinge beschrieben sind, die man auf keinen Fall tut, und die überhaupt nur deswegen dastehen, damit der Ökonom weiss, was man im Notfall ebend doch auf einmal tut.
Das Problem, wenn man sich erinnert, war in den Augen der Ökonomen auch dieses: wenn man einmal mit so etwas anfängt, wo hört man auf? Anfangen ist nämlich leichter als aufhören. Jeder Eingriff hat selbst wieder Folgen; wenn man die Zinsen negativ hält, rettet man die Banken, aber ruiniert man die Versicherungen usw. Es ist jetzt evident, dass nach 2008 diese Rückkehr zum gewohnten Geschäft nie gelungen ist; die Krise von 2008 ist überhaupt nicht ausgestanden, sondern sie ist stillgestellt worden, zu einem noch dazu hohen Preis. Die Ökonomien haben sich umgestellt, aber sie sind weit davon entfernt, zu Prosperität zurückzukehren.
Die meisten in der Zunft haben fest erwartet, dass die nächste anstehende zyklische Krise ähnlich oder härter zuschlägt als die letzte, und schon die letzte hat man mit Recht mit 1929 verglichen. Die regulären Instrumente der Zentralbanken sind ausgeschöpft; der politische Konsens innerhalb der westlichen Gesellschaften, auf den sich die Politik stützen muss, ist zersplittert. Die Mechanismen, mit denen sie Dissens gewöhnlich auffangen, greifen nicht mehr; jede Veränderung bedroht die mühsam erreichte Balance des ganzen vom Einsturz bedrohten Gebäudes.
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Aber die politischen Optionen sind da, und sie sind auch bekannt; im Krisenfall sind, wie alle wissen, Dinge möglich, die ansonsten undenkbar sind. Administrative Preisfestlegung, direkt oder indirket durch öffentlich-rechtliches Kartellwesen; Zwangsbewirtschaftung von Produktionsanlagen; Zwangsanleihen, Zwangseinlagen; Staatsfinanzierung durch die Zentralbank; Einkommensteuer von 80% für die höheren Steuerklassen; von der kriegswirtschaftlichen Beschlagnahme bis zur Enteignung.
Betrachten wir einmal, als Beispiel, wie so etwas in Friedenszeiten geschehen kann, die USA unter Roosevelt, den sogenannten New Deal. Die New Dealer haben in der Agrarpolitk z.B. etwas unerhörtes eingeführt: Stützungskäufe von Agrarprodukten durch Garantiepreise, gekoppelt an ein food stamp-Programm für die städtischen Armen; und gleichzeitig Direktzahlungen an die Landwirtschaft im Ausgleich für Flächenstillegungen, um die Erzeugerpreise zu stabilisieren. Das nahm dann die bekannten paradoxen Formen an, dass mitten in der Rezession Leute dafür bezahlt wurden, Agrarprodukte zu vernichten. Verfassungsrechtlich und ökonomisch ist das ein ungeheurer staatlicher Eingriff ins Privateigentum. Es ist bis heute tragende Säule der amerikanischen Agrarpolitik; das farm bill wird alle paar Jahre erneuert; und nicht nur das, die Gemeinsame Agrarpolitk der EU beruht seit 1957 im wesentlichen auf denselben, von den New Dealern ausgedachten Ideen. Ursprünglich aus der Krisenpolitik gekommen, heute eine der Grundlagen, ohne die eine marktwirtschaftliche Ordnung unvorstellbar ist.
Man müsste überhaupt nicht lange nachdenken, damit einem Zustände einfallen, wo man gleichzeitig weiss, dass das nicht mehr angehen kann, aber auch, dass niemand jemals etwas daran ändern kann. Der derzeitige Miet-Level in den grösseren Städten; also in denen, die nicht direkt in Verfall begriffen sind, z.B. Glaube keiner, dass sei nur ein Problem von alternativen Studenten! Es reden nur die alternativen Studenten mehr darüber, etwas dagegen zu tun, weil niemand sonst an Petitionen, Volksbegehren etc. glaubt. Der Immobilienmarkt ist ein messbares Hindernis für die Kapitalakkumulation geworden; und nach der anderen Seite hin ist er nur ein Symptom der Krankheit der Kapitalmärkte.
Das Rumoren selbst in der so gespenstisch stabilen deutschen Ökonomie hat überhaupt in den letzten Jahren ungeheuer zugenommen, während die regierenden politischen Kräfte zunehmend moribund aussehen. Die angesammelten und von 2008 her mitgeschleiften systemischen Probleme sind nicht nur ungelöst, sie sehen auch immer unlösbarer aus. Die staatstragenden Kräfte haben allen Grund, sich vor dem Weg der Krisenpolitik, den sie beschritten haben, weniger zu fürchten als vor dem, was ansonsten gekommen wäre.
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Ist das also doch so etwas wie ein Staatstreich der Eliten, und das Volk macht wieder einmal widerspruchslos mit? Nein. Wir hatten im Vorübergehen von den italienischen Streiks gesprochen; das ganze hat noch eine viel tiefere Dimension.
Gab es denn nicht, hört man öfter, schon früher auch gewaltige Epidemien? Hat man etwa bei der Hong Kong-Grippe von 1968 einen solchen Aufriss gemacht? Nein, hat man nicht, tatsächlich. Und man konnte damals überhaupt nicht sagen, ob die Epidemie nicht viel grössere Ausmasse annehmen würde. Woher auch? Aber etwas grundlegendes vergisst man vielleicht.
Bis 1972 waren z.B. die Bauern (damals noch 8,4% der Erwerbstätigen), bis länger danach die Selbständigen insgesamt nicht gesetzlich krankenversichert. Und die Leistungen der KV für die, die versichert waren, waren von heute aus betrachtet ohnehin notdürftig. Das öffentliche Gesundheitswesen ist eine recht junge Sache. Und es verändert etwas grundlegendes.
Früher, bei den grossen Grippewellen, hat man sich in der Tat nicht so angestellt, sondern ist einfach gestorben. Einerseits blieb wenig anderes übrig, andererseits war das eben der Lauf der Dinge. Die Gesellschaft ging davon nicht unter. Das wäre vermutlich heute nicht mehr so. Mich wundert ein bisschen, wenn so fortschrittliche Zeitgenossen heute ungeheucheltes Staunen darüber zeigen; im Grunde staunen sie darüber, dass die Bevölkerung keine Lust mehr hat, zu sterben wie Fliegen.
Die Politik hat jahrzehntelang die Ausdehnung der Kosten im Gesundheitswesen bekämpft; sie hat jahrzehntelang Krankenhäuser privatisiert, die Lohnfortzahlung verschlechtert usw. Jetzt zeigt sich, dass je geringer die Klinikkapazitäten, desto überproportional drastischer müssen die Präventionsmassnahmen ausfallen; oder die Politik riskiert, dass der Ruin des öffentlichen Gesundheitssystems offenkundig wird.
Selbst in Stockholm muss rasch nachgerüstet werden. Regulär gibt es dort lediglich 90 Intensivbetten, das Militär errichtet in den Messehallen gerade ein Notlazarett. In ihrem „realistischen Worst-Case-Szenario“ rechnet die Agentur für Volksgesundheit mit 250 Corona-Kranken, die in der Hauptstadt auf die Intensivstation angewiesen sein könnten. Im ganzen Land würden auf dem Höhepunkt der Epidemie bis zu 1400 Intensivbetten benötigt, bisher stehen bloß 500 zur Verfügung. …Vanhala sagt: „Das sind wirklich wenige im Vergleich zu vielen europäischen Ländern.“ In den Neunzigerjahren habe Schweden noch über 4300 Intensivbetten verfügt, aber dann sei im Gesundheitswesen zu viel gespart worden. Um für einen möglichen Ansturm von Covid-19-Infizierten gerüstet zu sein, haben sie in Halland vor einer der Kliniken ein Behandlungszelt errichtet. Möglicherweise bleibe den Ärzten irgendwann nur die „Triage“, die Aufteilung der Patienten nach dem Schweregrad ihrer Erkrankung.
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So oder so wirkt die Epidemie wie eine gewaltige Beschleunigung aller der Tendenzen, die wir in den letzten Jahren beobachten. Die Massnahmen des social distancing, die Ausgangsbeschränkungen etc., die jetzt im Moment im Vordergrund der Diskussion stehen, werden die Folgen des Ganzen weit weniger prägen als praktisch der gesamte Rest, über den weniger gesprochen wird.
Die gesamte wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft wird sich zwangsläufig umkombinieren. Ganze Branchen werden tendenziell atrophieren, andere werden ungeheuere Ausdehnung nehmen. Und der ganze Prozess spielt sich von Anfang an unter Leitung der Staaten ab. Im Grunde ist, was hier abläuft, eine Strukturkrise in Eigenregie; so ähnlich wie das Insolvenzrecht ja für Unternehmen das Reorganisationsverfahren in Eigenregie kennt, ch. 11 U.S. Bankruptcy Code.
Vor 5 Jahren hat ein Freund, der jetzt fürs Distanz-Magazin schreibt, mir aus dem alten Krisis-Evangelium wie folgt gepredigt: so etwas wie die Weltkriege könne nicht mehr vorkommen, die grossen Mächte seien auf Kooperation angewiesen, selbst die kriegsnotwendige Produktion sei in den Liefer- und Fertigungsketten so international verflochten etc. Ich habe ihm nur zu antworten gewusst, das sei vor 1914 auch so gewesen, und solche Verflechtung liesse sich durch Beschlagnahme etc. sehr schnell auflösen.
Was ich selbst nicht gedacht hätte, ist, dass eine Epidemie aus China die Hauptbasis der meisten heutigen industriellen Fertigungskreisläufe durchbrechen könnte, und dann noch dazu den grossen Mächten Eingriffe in die Kapitalverwertung dieser Grössenordnung aufzwingen bzw. in die Hand drücken würde.
Die jetzige Situation ermöglicht auf mittlere Sicht eine vollständige Reorganisation aller ökonomischen Kreisläufe, machtvolle öffentliche Investitionslenkung, eine ganz andere Finanz- und Industriepolitik als bisher, kurz sie ermöglicht den Staaten, den gordischen Knoten der Krise zu durchschlagen. Das kann, nach allem bisher gesagten, jede nur denkbare Form annehmen. Es ist, in einem ganz grundlegenden Sinne, im nächsten Zeitalter alles möglich.
Umgekehrt, und darüber wird noch nicht viel gesprochen, öffnet sie jetzige Lage jeder Sorte gesellschaftlicher Verteilungskämpfe die Tür; wenn Unternehmen verstaatlicht werden, warum nicht Wohnraum? Wenn Mietschulden gestundet werden können, warum nicht gestrichen? Wenn der Staat Betriebe schliessen, retten oder übernehmen kann, warum nicht die Belegschaft? Ob wir oder ob unsre linken „Freunde“ solche Fragen stellen, oder für angebracht halten, oder nicht, ist ganz nebensächlich. Ganz andere werden sie aber stellen, gar nicht vom Rand der Gesellschaft aus, sondern mitten heraus. Die Gesetze der sozialen Unruhe sind in fast jeder Hinsicht verschieden von derjenigen der aktiven Industriepolitik, ausser in der einen Hinsicht: sie ist leichter angefangen als aufgehört.

Tja, wenn man es sich leisten kann, zu Hause zu bleiben… Und wenn nicht?
Analysen sind zur Zeit kaum möglich, die Entwicklung der Corona-Krise ist dramatisch. Wie sie ausgeht, ist ungewiss. Es gibt Leute, die behaupten, die Zukunft der Welt wird gerade neu verhandelt. Das mag schon so sein, mir schwant allerdings nichts Gutes. Es liegt nur an uns, den Lohnabhängigen, den Ausgang dieser „Verhandlungen“ zum Guten zu wenden, von Staats wegen wird das nicht passieren, die Faschisierung der Gesellschaft in der Krise wird fortgesetzt. Zur Zeit wird noch ohne uns verhandelt, obwohl die Krise wie immer auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Hier und da flackert es schon auf, lasst uns das im Auge behalten. „We have to avoid making the state stronger than it is. The state measures are contradictory. The political class is squeezed between, on the one side, ‘having to control the population’ (curfews, closing borders) in order to be seen as doing something, and on the other side, the necessity of ‘keeping business running’ (forcing people to go to work, keeping offices open, bailing out companies)“, wie angry workers schreiben.
Hier ein paar Links und Linkssammlungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und minutiöse Aktualität, ihr wisst schon:
Hier mal eine hübsche Erklärung des exponentiellen Verlauf der Pandemie, soll fortgesetzt werden: https://www.facebook.com/notes/anders-reimen/der-corona-report-folge-1/2848562338562448/
Laboutnet hat auch Einiges zusammengestellt:
https://www.labournet.de/internationales/das-monster-vor-der-tuer-der-corona-kapitalismus/
und hier extra zu Italien: https://www.labournet.de/internationales/italien/gewerkschaften-italien/wachsende-streikbewegung-in-italien-zwingt-sie-die-regierung-zu-einer-veraenderung-der-politik-trotz-des-virus-muesse-auf-jeden-fall-produziert-werden/
Wilderstreik in Linz: https://www.klassegegenklasse.org/oesterreich-erster-wilder-streik-gegen-untaetigkeit-des-unternehmens-in-linz/
„Staatskapitalismus“ ist ein dummes Wort, man redet aber wieder über die Verstaatlichung relevanter Unternehmen:
https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-germany-pharmaceut-idUSKBN2101BH
„But at the end of the second world war the public asked themselves a simple question: if a more interventionist approach was right in wartime, why not try it in peacetime? When the Covid-19 crisis is over, as it eventually will be, they might well ask the same question“: https://www.theguardian.com/world/commentisfree/2020/mar/19/peacetime-constraints-ditched-in-the-war-for-economic-survival
Die Pandemie ist natürlich ein willkommener Anlass, die Rechte der Belegschaft einzuschränken: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134460.corona-die-stunde-der-deregulierer.html und rumzuschnüffeln: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/social-distancing-quarantaenemassnahmen-per-handyortung-tracken
Zur lieben Autoindustrie: https://www.focus.de/finanzen/boerse/konjunktur/vw-audi-daimler-bmw-porsche-eine-werkschliessung-nach-der-andere-so-trifft-corona-krise-die-gebeutelte-autobranche_id_11781832.html
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vw-coronavirus-produktion-1.4848323
https://www.automobilwoche.de/article/20200316/NACHRICHTEN/200319942/produktion-laeuft-weiter-erster-coronavirus-fall-bei-bmw-in-leipzig
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/autoindustrie-fiat-chrysler-und-vw-fahren-die-produktion-in-europa-runter/25647698.html?ticket=ST-2062746-bWL44IHa23pwXzzhexyd-ap5
Crimethinc: Das Virus überleben und Gegen das Coronavirus und den Opportunismus des Staates, der letztere über die (Gefängnis)-Streiks und Repression in Italien.
Zu Hausbesetzungen und Mietstreik in den USA: https://itsgoingdown.org/a-dozen-vacant-homes-reclaimed-by-unhoused-tenants-in-la-as-calls-for-rent-strike-grow-across-us/ Außerdem gibt‘s hier recht interessante podcasts über autonome Selbstorganisation und gegenseitige Hilfe in den Krisenzeiten, eingeübt beim Scheitern der staatlichen Schutzprogramme während Waldbränden, Überflütungen und Huricanes in vergangenen Jahren; die Ausgangsbedingungen sind natürlich anders als in Deutschland, aber da kann man sicherlich was mitnehmen:
How fast it all falls down und A doctor about Coronavirus, the State’s Response & Building Mutual Aid
Es lohnt sich auch auf diesen neu aufgemachten Blog zu schauen, zu den pandemiebezogenen Streiks, Entwicklungen und Arbeitsrecht: https://solidarischgegencorona.wordpress.com/
FAU Jena hat zu arbeitsrelevanten Fragen eine Art FAQ erstellt.
„And the problem is that the existing economy was not “sound”: growth since 2008 has been fuelled by borrowing – by companies, households and states – and by the creation of $20trn of free money by central banks“. https://www.newstatesman.com/politics/economy/2020/03/coronavirus-crisis-economic-collapse-capitalism
Last but not least, es trifft Frauen und Kinder in toxischen Beziehungen/Haushalten, Kranke, Vereinsamte, Obdachlose und Inhaftierte. Als solche kann man natürlich in Lagern und „Hotspots“ zusammengepferchte Asylsuchende betrachten. Das sind staatliche Maßnahmen auch. https://www.theguardian.com/global-development/2020/mar/18/ngos-raise-alarm-as-coronavirus-strips-support-from-eu-refugees
Und das passiert nicht nur irgendwo, weit-weit weg, in Griechenland oder in Bosnien-Herzegowina, das passiert in Deutschland, in sogenannten Anker-Zentren: https://www.tagesspiegel.de/politik/asylsuchende-an-sieben-standorten-infiziert-die-coronakrise-erreicht-die-fluechtlingsheime/25665480.html
http://thevoiceforum.org/node/4717
Stay tuned und passt auf euch auf.
von C., gehalten am 18. Juli 2019 an der HTWK Leipzig beim Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (AKS Leipzig)
Mich freut es deshalb besonders hier zu sprechen, weil diese Veranstaltung von Leuten organisiert wurde, die mehr oder weniger in die soziale Arbeit involviert sind – mindestens sich mit ihr auseinandersetzen oder dann ganz praktisch (im Sinne des Berufs): Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterinnen sind. In diesem Fall dann eben noch solche, die sich kritisch mit der sozialen Arbeit auseinandersetzen. Das umfasst, wenn ich es richtig verstehe, die mögliche Verstrickung sozialer Arbeit in die sozialen Probleme selbst – sei es in Form von problematischer Kooperation mit staatlichen Institutionen oder in Form von reiner Symptombehandlung. Soziale Arbeit somit als Arbeit am Sozialen, am Gesellschaftskörper, als Hilfestellung für Leute, die in verschiedenster Form Hilfe suchen (Beratungsstellen, Streetwork) oder in der Melde- respektive Obhutspflicht sind (Jugendamt, Bewährungshilfe) .
Soziale Arbeit ist ebenso Hilfe bei der Re-Integration derer, die Herausfallen bzw. sonst auf Dauer herausfielen. Soziale Arbeit hängt davon ab, wie Gesellschaft jeweils eingerichtet ist: ob und wie sie sich soziale Arbeit leistet oder ob sie gar unnötig ist. Sie ist also selbst ein Produkt von gesellschaftlichen Widersprüchen, ein Resultat der Bewegung der Gesellschaft, indem sie mit ihr auf Probleme antwortet. Gesteuert wird diese Antwort allermeist durch den Staat: indem er sie finanziert, reguliert, organisiert. Ob und wie auf soziale Verwerfungen reagiert wird, ist nicht seit eh und je gesetzt, sondern ändert sich von Zeit zu Zeit: Situationen, die noch vor 50 Jahren Szenen repressiver Polizeiarbeit nach sich zogen, werden heute besser und ganz ohne Schläge und Tritte gelöst; allgemeiner gefasst: wo früher Menschen an den Rändern der Gesellschaft gestoßen und dort gehalten, bzw. sich selbst überlassen wurden, da wird heute integrierend – reintegrierend vorgegangen. Auch die Reintegration kann sich in der Art und Weise unterscheiden: von brachial repressiv bis alternativ liberal.
Vor allem handelt es sich um eine politische Frage, nämlich die, wie die Gesellschaft und ihr Staat sich zu ihren Rändern – zu denen verhält, die vermeintlich oder real im Abseits stehen. Genau an diesem Punkt soll Hartz 4 nun kritisiert werden: als wesentlich politisches Projekt, das zweifellos ökonomische Bedingungen und Gründe hat, doch im Besonderen auf die Bindung der Bevölkerung an ihren Staat zielt. Eine Kritik der Agenda 2010 fußend auf der Kritik der politischen Ökonomie. Weiterlesen
Ahoi, es ist wieder unerwartet so weit.
Zwecks Bestellungen, Wünsche, Meckerei und Liebeserklärungen gilt nach wie vor: https://dasgrossethier.wordpress.com/hefte/

Und hier noch was für #elsagate.
(und zu guter Letzt die Besprechung aus dem letzten Heft – dGT)
Stephan Krüger, „Kritik der politischen Ökonomie und Kapitalismusanalyse“, 6 Bde., Hamburg 2010-2019, VSA Verlag
Die globale Krise von 2008 f. hat eine Reihe von Fragen wieder zu Ansehen gebracht, die früher ein eher verstecktes Dasein geführt haben. Überall in der linken und gewerkschaftlichen Literatur werden auf einmal wieder Debatten geführt, die irgendwann einmal in den 1980ern mehr oder minder sanft eingeschlafen waren; was ist eigentlich Geld, worauf beruht eigentlich die kapitalistische Produktion, wie und warum entstehen eigentlich Krisen?
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Sicherlich übertreiben wir masslos, wenn wir behaupten, diese Debatten wären vor 2008 nicht geführt worden! Sind nicht trotzdem jedes Jahr etliche neue Titel auf dem Buchmarkt aufgetaucht, von den verschiedensten Autoren, aus den verschiedensten Blickwinkeln und mit den verschiedensten Hintergründen? Ja, aber alle diese Theorien haben auf unheimliche Weise friedlich koexistiert, als wäre die Zeit schon angebrochen, wo der Wolf neben dem Schaf Gras rupft, Jes. 65, 25.
Ausser Robert Kurz und der Krisis auf der einen, der ISF Freiburg auf der anderen Seite, die man beide zusammen die „Wertkritik“ nannte, gab es unseres Wissens keinen Gegensatz in der Debatte, der noch irgendwie als feindlich bezeichnet werden konnte, jedenfalls nicht mehr seit 1989. Alle Standpunkte auf der Linken waren zu etwas ununterschiedenem zusammengeflossen, es war in Wahrheit ganz egal, ob man aus der leninistischen Stamokap-Schule kam oder vom Keynesianismus; die gegenseitigen Standpunkte taten sich, wie Schelling sagen würde, nicht mehr weh. Das ist nie ein gutes Zeichen.
Es ist nicht recht klar, ob es daran lag, dass nichts mehr von der Antwort auf diese Fragen abzuhängen schien, oder ob es aussichtslos war, darüber auch nur im Ernst nachzudenken; oder ob sich die Ansicht verbreitet hatte, dass der Gegenstand zu diesen Fragen irgendwann, vermutlich vor langer Zeit, abhanden gekommen war. Seit dann 1999 Huffschmidts „Politische Ökonomie der Finanzmärkte“ bei VSA erschien, musste allen klar sein, dass es niemandem mehr gross um die Einzelheiten scheren würde.
Allerdings stellt sich nach 2008 die Sache anscheinend plötzlich völlig anders dar. Nicht nur hierzulande, sondern überall scheinen die oben genannten Fragen plötzlich wieder mit Unnachgiebigkeit diskutiert zu werden. Man muss sich vorstellen, dass sogar ein gemütlicher und völlig unbekannter Verein wie die International Working Group on Value Theory über die bisher exotische Frage des Profitratenausgleichs plötzlich einfach auseinandergefallen zu sein scheint; dass also plötzlich Fragen akut, ja dringend wurden, die früher lange Zeit, und zwar vermutlich seit den 1960ern schon, für immer unwichtiger gehalten oder verschämt verschwiegen wurden.
Die Idee, alle die verschiedensten Tendenzen, Leninismus, antirevisionistischen Marxismus, Neue Marx-Lektüre und Keynesianismus und alles das irgendwie zusammenfügen zu können, hatte vor 2008 nicht funktioniert, sie bildete keineswegs die theoretische Unterlage für eine neue globale Linke; nach 2008 blamiert sie sich endgültig, weil ihre konstituierenden Bestandteile, wie sich zeigt, in Wahrheit in verschiedene Richtungen ziehen. Mit Verblüffen sieht man, dass nicht nur die europäische Linkspartei zwei Gesichter hat, die allerdings auf dem identischen Kopf sitzen, sondern auch alle ökonomische Theorie, die sich nichtsdestoweniger auf den identischen Marx zu berufen gezwungen ist.
Auf einmal erstehen die vergessenste marxologischen Gespenster wieder auf aus ihren stillen Grüften, selbst die des Dritten Bandes; was rede ich, sogar schon die des Zweiten, und den hat immerhin so gut wie niemand gelesen. Über die Antworten auf diese Fragen besteht natürlich keine Einigkeit, aber immerhin wird allen klar, dass keine Einigkeit besteht. Das ist immerhin etwas; in so einem Klima ist es wahrscheinlicher, dass es irgendwann welchen aufgeht, dass es die ganze Theorie, die bis vor kurzem noch alle in der Tasche zu haben meinten, gar nicht gibt.
2
Stephan Krüger hat bei VSA jetzt eine „Kritik der Politischen Ökonomie“ in 6 Bänden veröffentlicht. Das ist ohne Zweifel ein Mammutwerk, das den besten Teil eines Jahrzehnts verschlungen haben dürfte, uns man kann das nicht ohne Respekt sagen. Ich weiss nicht, wieviele Leute sich die Mühe gemacht haben, sie zu lesen; ich weiss aber aus sicherer Quelle, das solche Bücher, wie AGBs, nicht dazu da sind, sie zu lesen, sondern um sich darauf berufen. Ein Buch dieser Länge und dieses Sachumfangs dient dazu, eine komplexe These aufzustellen, und sie über das ganze Gebiet einer Wissenschaft durchzuführen, um einen Beweis zu führen. Einen Beweis für eine bestimmte Art, das Wissenschaftsgebiet zu betrachten; dass sie nämlich eine vollständige Beschreibung ermöglicht; und einen Beweis für eine bestimmte Art des Umgangs mit diesen Ergebnissen, nämlich einen Möglichkeitsbeweis für eine bestimmte Art von Politik.
Die Art der Anschauung ist die keynesianische, und die Art der Politik ist, was Stephan Krüger sozialistische Marktwirtschaft nennt, und worüber hier also 6 Bände lang Beweis erhoben wird, ist die reale Durchführbarkeit einer sozialdemokratischen Politik neuen Typs. Es gibt durchaus einen gewissen Teil der neueren Literatur, mit dem Krüger hier konkurriert, und wenn wir uns den Namen Piketty (sng) in Erinnerung rufen, wird er diese Konkurrenz zumindest in der Publikumsgunst verlieren. Aber damit ist nicht gesagt, dass er ihn in Hinsicht auf seine Wirkung verlieren wird. Weiterlesen
(aus dem Heft #14)
von Seepferd
Angeblich war sie das alles gleichzeitig: Anarchistin, Marxistin, scharfe Kritikerin von Marxismus und Anarchismus, politische Philosophin, Mittelschichtstochter, ungelernte Arbeiterin, Jüdin, Skeptikerin, katholische Mystikerin, Feministin, Pazifistin und militante Antifaschistin. Vermutlich konnte sie das alles sein – und zwar gleichzeitig –, weil sie nichts davon sein wollte. Nichts ausschließlich. Das muss man sich trauen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum so wenige mit ihr was anfangen können. Die KatholikInnen zerren sie auf ihre Seite, die AnarchistInnen beanspruchen sie für sich. Die einen meinen, irgendwo in ihrem recht kurzen Lebenslauf „Brüche“ ausmachen zu können, wo und aus welchen Gründen sie sich vom sozial-revolutionären Engagement in die religiöse Kontemplation zurückgezogen hätte; die anderen betonen vielmehr die „Kontinuitäten“: die Rückbesinnung auf christliche Ethik würde dem Engagement für alle Unterdrückten dieser Erde nicht widersprechen. Das Bildungsbürgertum gedenkt ihrer in periodischen Abständen: Es ist ja längst kein Tabu mehr, ein wenig (selbst)ironisch über tote Revolutionäre und andere Verrückte zu sprechen. (1) Man (ge)braucht sie, ähnlich wie Albert Camus, zur Selbstvergewisserung, ohne angeben zu können, wessen man sich eigentlich vergewissert und wie ernst es gemeint ist. (2) Eine Kuriosität also, „rote Jungfrau“, weiblicher Nietzsche, durchgeknallt und letztlich für nichts nütze. Ich persönlich trage das Interesse an der Person Weil schon lange mit mir herum, es hätte womöglich ein Vortrag in den Räumen am Josef-Stangl-Platz in Würzburg werden können, doch dazu kam es nicht. Und das ist vielleicht besser so. Nun scheint es mir abseits von runden Daten und irgendwelchen Jubiläen angebracht, bei einer dermaßen unpraktisch veranlagten Person nach gesellschaftlicher Praxis nachzufragen.
Jedes noch so dünnes Büchlein über sie bzw. von ihr ist, wie z.B. „Anmerkungen zur generellen Abschaffung der politischen Parteien“, mit einer kleinen biographischen Notiz versehen. Es ist also bei ausreichendem Interesse nicht schwer, Simone Weil historisch und ideengeschichtlich einzuordnen. In aller Kürze also, obwohl ich es nicht schaffe, das unterhaltsamer als Antje Schrupp 2009 (3) oder Heinz Abosch 1990.
Simone Weil wurde 1909 in einem guten bürgerlichen Haus in Paris geboren, hatte jüdische Wurzeln, genoss gute Ausbildung und wurde schließlich Lehrerin für Philosophie. Interessierte sich für Politik und soziale Kämpfe, zeigte sich solidarisch mit Arbeitern und Arbeitslosen, was ihr den Ruf der „roten Jungfrau“ einbrachte. Sie trat anarchistischen Zirkeln und revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaften bei und las kommunistische Zeitungen, stritt sich mit Trotzki und de Beauvoir. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine revolutionäre Partei sich wohl, nach einer Formel von Marx, des bürokratischen und militärischen Apparats bemächtigen kann, aber sie kann diesen nicht brechen. Damit die Macht wirklich an die Arbeiter übergeht, müssen diese sich vereinigen, nicht nur entlang illusionärer Verbindungen, die von einer Ansammlung gleicher Meinungen ausgehen, sondern entlang wirklicher Verbindungen einer Gemeinschaft, die auf derselben Funktion im Produktionsprozess basiert“, schreibt sie Anfang 1930er gegen die Bestrebungen des Komintern, Gewerkschaften anzuführen. (zit. nach Jacquier 2006, S. 86) Gleichzeitig aber zutiefst individualistisch: „Denken wir daran, dass wir dem Individuum, nicht dem Kollektiv den höchsten Wert beimessen. (…) Nur im Menschen als Individuum finden wir Voraussicht und Willenskraft, die einzigen Quellen einer effizienten Aktion. Aber die Individuen können ihre Anstrengungen vereinigen, ohne dabei ihre Unabhängigkeit zu verlieren“. (zit. nach Jacquier 2006, S. 104)
Etwa um 1933 wendet sie sich von der schwächelnden syndikalistischen Bewegung ab und wird – nicht zuletzt Hitlers Machtübernahme unter der Mitwirkung der SPD und der Komintern vor Augen – zunehmend skeptisch, was Politik überhaupt angeht. Weiterlesen