Buchbesprechung: Sheila Jeffreys, „Unpacking Queer Politics. A Lesbian Feminist Perspective“, 2003

von Jörg Finkenberger

Das mittlerweile 15 Jahre alte Buch hält vollständig, was der Titel verspricht: Jeffreys sortiert die Entwicklung der Frauen-, Lesben- und Schwulenbewegung seit 1968 bis kurz vor heute auf. Diese Bewegungen sind keineswegs in sich homogen, sie stehen sich auch nicht äusserlich gegenüber, sondern sie sind notwendig aufeinander bezogen, können ohne diesen Bezug eigentlich nicht vorgestellt werden. Sie sind aber nicht notwendig auf das gleiche Ziel gerichtet, sondern können zu völlig widersprüchlichen Positionen gelangen. Die gesellschaftlichen Gruppen, die sie tragen, haben in der Tat eine völlig verschiedene Stellung und verschiedene Ansprüche, die sich unterschiedlich gut in die bestehende Ordnung integrieren lassen. Die Gefahr ist damit gegeben, dass sie sich zersplittern und gegeneinander ausspielen lassen.

Historisch ist genau das auch geschehen. Sheila Jeffreys zeichnet nach, wie der Feminismus der Zweiten Frauenbewegung in den 1980ern abgelöst wurde von der seither anscheinend vorherrschenden Doktrin, dem sogenannten Queerfeminismus. Entscheidend für den Feminismus der Zweiten Frauenbewegung war der Anspruch, die sozialen Geschlechterrollen abzuschaffen. Die Geschlechterrollen, das heisst die gesellschaftliche Herrschaft der Männer über die Frauen, sind vermutlich als die Grundtatsache aller Gesellschaft seit etwa 10.000 Jahren anzusehen; ihre Abschaffung wäre die erste Voraussetzung der Abschaffung von Eigentum und Staat.

Über diese Behauptung wird an geeigneter Stelle von der Position der materialistischen Ökonomiekritik Beweis geführt werden.

Innerhalb der Schwulenbewegung war die Anhänglichkeit an diese Vorstellung nur recht kurze Zeit herrschend; ihr liberaler Flügel suchte die Integration in die bürgerliche Gesellschaft. Diese ist ihr bis zu einem bestimmten Punkt möglich; die Voraussetzungen, eine durch die gesellschaftliche Männerherrschaft geprägte Sexualität, lässt sich in der Schwulenbewegung gegen den lesbisch geprägten Feminismus einsetzen. Auf einmal, ungefähr gleichzeitig mit der Rezeption Foucaults, schreitet die Idee fort, die Geschlechterrollen seien nicht etwas, das zerstört werden müsse, sondern seien als Elemente der Befreiung denkbar. Für die hedonistisch, sadomasochistisch oder fetischistisch interessierten Teile der Szene hat das in dem Mass eine Plausibilität, in dem die Szene sich entpolitisiert.

Das ideologische Sammelgefäss, indem alle diese Strömungen, die vom früheren feministischen Konsens abgefallen sind, zusammenlaufen, ist die Queer Theory. Ihre Vorstellung von sexueller Befreiung erinnert an die zurecht gescheiterten Anläufe der sexuellen Revolution der 1960er, die eigentlich nur auf eine Liberalisierung der sexuellen Tätigkeit hinausläuft; als ob damit die gesellschaftliche Herrschaft, die sie strukturiert, irgendwie schon aufgehoben wäre.

Es stellt sich die Frage, ob man den Queerfeminismus eigentlich noch als Feminismus bezeichnen kann, oder ob man es hier mit einem dreisten Etikettenschwindel zu tun hat. Es wäre keineswegs das erste Mal, dass etwas sich nach dem Gegenteil benennt, für das es steht. Die DKP heisst ja schliesslich auch „kommunistisch“.

Man spricht nicht mehr von Geschlechterrollen als gesellschaftlich geschaffenen Formen, die zu zerbrechen sind, sondern von Gender wie einer Substanz, der legitime Rechte und Identitäten zugesprochen wird. Damit spricht man nicht mehr von gesellschaftlicher Herrschaft. Man spricht allenfalls von Macht im Sinne Foucaults; was auch immer das heisst. Für materialistische Gesellschaftskritik ist diese Theorie ohne jedes Interesse. Auf eine bestimmte Weise gibt es heute keinen Feminismus. Was es stattdessen gibt, ist ein bequemer Ersatz, der niemandem etwas abverlangt, niemandem wehtut und für niemanden eine Bedrohung darstellt.

Sheila Jeffreys hat, soweit es mich betrifft, alles zu diesem Thema gesagt. Anders als auf Grundlage dieses Buches braucht man sich mit mir über sowas wahrscheinlich nicht mehr unterhalten. Wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich noch den ganzen Rest des Second Wave Feminism mitnehmen, rückwärts bis zum grossartigen Startschuss, Dialectics of Sex von Shulamith Firestone. Es wäre interessant, ob an diesem Faden in den heutigen Kämpfen wiederangeknüpft werden wird.

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Leila Shami über den türkischen Angriff

Über die derzeitigen Entwicklungen im syrischen Krieg wird noch viel zu sagen sein. Und was zu sagen sein wird, ist mit Forderungen wie „Hände weg von Rojava“ noch lange nicht gesagt. Aber wir werden, dem Standpunkt getreu, den wir von Anfang an eingenommen haben, weniger auf diejenigen hören, denen zu Syrien nur Kurdistan und die PKK einfallen will; wir haben von Anfang an auf den Verrat an den Arabern hingewiesen.

It is not the first time the US has abandoned allies in Syria, and it’s unlikely this betrayal will easily be forgotten by those who will suffer the consequences.

So schreibt Leila Shami, eine der wenigen hörbaren Stimmen, der wir in diesen Fragen trauen können; eine der wenigen, auf die man sich verlassen konnte, als alle Welt und auch die Linke Syrien untergehen liess; als in Ost und West alle so taten, als wäre die syrische Revolution das Werk einer imperialistischen oder einer islamistischen Verschwörung.

Was, wenn nicht Rassismus, ist es eigentlich, was der Welt diese ungeheure Lüge so glatt hat eingehen lassen? Jetzt, wo die selbe Logik auch die Kurden verschlingt, käme die Einsicht zu spät; die Führung der PKK hat sich in Gegensatz zu der arabischen Bevölkerung bringen lassen, um sich von Assad einen kurzfristigen Vorteil schenken zu lassen. Jetzt, wo die Revolution in den arabischen Landesteilen liquidiert ist, ist ihre Rolle ausgespielt, und die grossen Mächte werfen sie fort.

…the PYD has been left with little option but to negotiate a return of regime control, ending an experiment in Kurdish autonomy which has led to significant gains for the population in the realization of many of their rights long denied by the Arabist regime. This was likely only a matter of time. When the regime handed power to the PYD it probably calculated three factors: that this transfer of power would stop the Kurds fighting the regime, allowing the regime to concentrate military resources elsewhere; that it would fragment and thus weaken the Syrian opposition to Assad along sectarian divisions; and that if the PYD became too powerful, Turkey would intervene to prevent them from expanding, allowing the regime to retake control.

Die einäugigen Enthusiasten, die die PKK feiern, wie man früher die Sowjetunion gefeiert hat, haben sich nie die Frage gestellt, wie die PKK denn am Anfang in den Besitz der Macht im nördlichen Syrien gekommen war. Dieser ursprüngliche Betrug verstrickte das Schicksal der Revolution in Nord-Syrien von Anfang an in Komplizenschaft. Die kurdische Revolution, sogar die PKK hätte der syrischen Revolution viel mitzuteilen gehabt; die PKK hat sich von Anfang an dagegen entschieden. Sie hat Schuld auf sich geladen; sie hat, als Aleppo fiel, von den Bergen von Afrin zugesehen. Zu dieser Zeit hatten die geschlagenen arabischen Syrer keinen Freund mehr auf der Welt. Heute gibt man sich verwundert, dass es arabische Milizen gibt, die mit der Türkei gegen die PKK vorrücken.

Anti-regime activists, both Arabs and Kurds, are now at risk of being rounded up and detained for possible death by torture. SDF fighters are also not safe. Just days ago Syria’s Deputy Foreign Minister Faisal Maqdad declared that they had “betrayed their country and committed crimes against it.” Whilst many Kurds, abandoned by the US, may feel safer under Assad than Turkey, some Arab civilians living in SDF controlled areas such as Deir Al Zour and Raqqa fear a reconquest by the regime and Iranian militias above all else, and feel safer under Turkish protection. Syrians are rendered desperate, and dependent on foreign powers for survival.

Die Putinisten erzählen uns, Syrien sei zerrissen worden durch die Revolution. Die Wahrheit ist, dass Syrien zerrissen worden ist durch den Verrat an der Revolution.

What is happening today is a disaster not only for Kurds but for all Free Syrians. … Many of those protesting Turkey’s assault on north eastern Syria failed to mobilise to condemn the ongoing Russian and regime assault on Idlib where three million civilians are living in daily terror. In fact they’ve failed to notice that for years Syrians have been massacred by bombs, chemical weapons and industrial scale torture. Some of those calling for a No Fly Zone to protect Kurdish civilians from aerial bombardment previously slandered Syrians elsewhere calling for the same protection as warmongerers and agents of imperialism. Once again solidarity seems dependent not on outrage against war crimes, but on who is the perpetrator and who is the victim. Syrian lives are expendable in the battle for narratives and grand ideological frameworks.

„Syrian lives are expendable“, so ist es. Und so haben es alle gehalten. Nicht nur die grossen Mächte. Auch die Weltöffentlichkeit, von der diejenigen nur ein kleiner Teil sind, die sich für Linke halten. Es haben sich noch 1914 allerhand Leute für Linke gehalten, die bald herausgefunden haben, dass sie das nicht mehr sind; nicht das, was man glaubt, dass man ist, entscheidet das, sondern das, was man tut. Die Linke dieses jetzigen Zeitalters wird kleiner sein als gedacht; sie wird nicht aus den Reihen dieser Leute hervorgehen.

The Syrian tragedy is a stain on the conscience of humanity.

Und das ist nicht alles. Die syrische Tragödie hat alle Verhältnisse verändert. Sie zwingt allen nachkommenden Geschlechtern einige Einsichten auf. Aber auch das ist nicht alles. Auch für die Sieger ist die Geschichte noch nicht zuende. Selbst die geschlagene Revolution kann leicht in dem Sog noch ihre eigenen Henker mit in den Abgrund reissen. Erdogan, Putin, Assad, selbst Trump. Wir sehen uns das in den nächsten Fortsetzungen an.

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Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung: Linz/Wien

Patriotische ÖsterreicherInnen haben auch was zum Feiern Anfang Oktober.

In Ternitz bei Schoeller-Bleckmann hatte die SPÖ schon am 3. Oktober mit Aktivisten aus ihren Reihen einen „Bewachungsdienst eingerichtet, der über Nacht im Betrieb blieb und dort verköstigt wurde. Es waren etwa 200 Mann, ausgerüstet mit Schlagwaffen: Holz, Stahl, Eisen.

Die Belegschaft auch dieses Werkes hatte längst nicht mehr den großen Willen zum Streik wie noch vor einer Woche. Die Putschlüge hatte zu wirken begonnen und die Drohung, die über allen Arbeitern in der Luft lag.

Trotzdem aber erzwangen sich die Rax-Werke-Arbeiter Einlass in den Betrieb, als die auch vom Grünbacher Bergwerk mit fünf Lastautos ankamen. Es kam zu einer Prügelei, und die sozialistische „Schutzmannschaft“ wehrte such eifrig, um das Eigentum der Privatkapitalisten Schoeller-Bleckmann zu verteidigen, aber die Arbeiter waren in der Überzahl und erzwangen sich den Einlass in den Betrieb und beriefen sofort eine Versammlung ein.

Um 17 Uhr besetzten sie das Wiener Neustädter Telefonamt. Streikleitungen anderer größerer Betriebe im Neukirchner Bezirk hatten die Arbeiter nach Hause geschickt, um ähnliche, den Streik in Verruf bringende Zwischenfälle zu vermeiden.

Um vier Uhr früh marschierten mit Gewehr, aufgepflaztem Bajonett und Stahlhelm augemascherlte 250-Mann-Gendarmerie aus der Mödlinger Gendarmerieschule und eine Abteilung Bereitschaftspolizei aus Wien auf. Sie besetzten mit größter Brutalität das Telefonamt und prügelten die Arbeiter, die sie dort griffen, blutig.

Anscheinend sah man es in Helmer– und Olah-Kreisen gern, wenn es zu Verletzungen der Streikdisziplin kam, denn das setzte die SPÖ in die Lage, den Bürgerkrieg zugunsten des Kapitalismus zu üben. Und man konnte der Bevölkerung zeigen, mit welchen Menschen es man bei Kommunisten zu tun hatte. Und konnte nebenbei die sowjetische Besatzungsmacht zum Eingreifen provozieren.

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Zur Weltlage

Wenn wir aber trotz dem noch kurz ein paar Sachen über die Weltlage im Ganzen sagen sollen:

Es ist völlig ironisch, wie das Impeachment-Verfahren gegen Trump am Ende wirklich in Gang kommt: nämlich wegen der ukrainischen Frage, nachdem er versucht hatte, den Präsidenten der ukrainischen Revolution unter Druck zu setzen.

Und Trumps Sturz könnte den Sturz des Trumpismus in anderen Länder beschleunigen. Wir glauben nicht daran, dass die Geschichte einen Sinn für Gerechtigkeit hat, aber vielleicht hat sie einen für Humor.

Eigentlich ist in diesem Vorfall ziemlich viel eingeschlossen. Wird der Liberalismus sich noch einmal aufrappeln, zu einem wirksamen Gegenangriff? Man sollte ihn nie unterschätzen. In den nächsten Wochen werden wir es sehen.

Welche Partei wird die Regierungsmacht in der Hand halten, wenn die Krise von 2008 wiederkommt? Und wie entschieden wird sie diese Regierunsmacht benutzen? Die Geschichte des 21. Jahrhunderts entscheidet sich jetzt, und niemand weiss vorher, welcher Schritt welche Wirkung haben wird.

Also, halten wir uns einstweilen an das, was wir können: an die Grundlagen, insofern sie nämlich noch nicht gelegt sind.

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At the Turning of the Tides

Fall die geneigte Leser/innenschaft sich wundert, warum wir nicht wie gewohnt treffend, witzig und tiefgründig die Weltlage auseinandernehmen, haben wir eine sehr gute Entschuldigung parat.

Die Weltlage nimmt sich derzeit schneller selbst auseinander, als wir es könnten. Dem hinterherzurennen ist sinnlos. Wir halten es für sinnvoller, Richtung und Geschwindigkeit abzuschätzen und dann unsere eigenen Dispositionen zu treffen. Wir denken, dass unsere Einschätzungen aus den letzten Jahren im Moment keine Berichtigung, Präzisierung und Weiterentwicklung brauchen.

Die ganze aufgeregte alltägliche Debatte um Nichts kann man sich nämlich ein bisschen schenken. In genau derselben Zeit, die man damit verbringt, kommt man nicht dazu, sich vorzubereiten. Und Vorbereitung tut not. Welche Teile der sogenannten Linken werden in der Lage sein, irgendeine ihrer angeblichen Aufgaben zu erfüllen, sobald etwas darauf ankommt? Eben.

Es ist eigentlich ein guter Zeitpunkt für einen Neuaufbau. Immerhin findet die Umgruppierung, die wir als seine Voraussetzung seit fast 10 Jahren fordern, mittlerweile anscheinend statt. Unsere eigenen Beiträge dazu, in ihrer literarischen Form, wird man jedenfalls in den nächsten Monaten zu sehen bekommen.

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Streik

Der Wecker scheppert. Ich atme durch, die kühle Luft schmerzt in der Kehle. Der Geschmack im Mund ist widerlich.
Draußen der Lärm vom Schichtverkehr. Also nicht verschlafen. Ich quäle mich hoch, gehe zum Fenster. Auf der Straße die Busse. Fahrradfahrer in dichten Pulks. Die Luft riecht heute bitterscharf mit einem Hauch Desinfizierer. Daher das Mundgefühl. Wer weiß, was sie über Nacht abgeblasen haben. Auf dem Tisch steht noch eine Handbreit Wodka. Ich setze die Flasche an. Das leichte Brennen im Hals schmeckt fast wie Geborgenheit. Auf alle Fälle besser als das, was zuvor mein Mund aushauchte.
Neben der Flasche noch ein Kanten vom frischen Vollkornbrot und Knoblauch. Frühstück. Ich beiße von beidem ab und ziehe mich an. Wir wollens mal nicht übertreiben. Immer abwechselnd, Brot, Flasche, Knoblauch.
Das Zimmer ist noch im Dämmerlicht der Straßenlaternen. Zwei Stühle, ein Schrank, ein Tisch, ein Bett. Also sehr überschaubar und kein Grund, mehr Licht anzumachen. Draußen schiebt sich ein flacher Nebel aus der Aue Richtung Verbindungsstraße, auf der der Verkehr langsam abebbt. Also bei Dreiviertel 6. Halb Sieben ist mein Schichtbeginn. Werde ich wohl überpünktlich sein. Und es wird Sprüche geben, was ich so zeitig da sei…

Die paar Hundert Meter bis zum Werkstor schlendere ich fast. Genieße es, Zeit zu haben, nicht hetzen zu müssen. Das kommt wahrlich nicht oft vor. So bleibt sogar Zeit für einen Blick auf die Vorüberradelnden. Sehe aber kein bekanntes Gesicht, was mich nicht verwundert. Die meisten aus meiner Brigade kommen durch andere Betriebstore.
An der nächsten Straßenecke kommt mir ein anderer Geruch entgegen. Irgendwas mit Sauerkraut. Senfgeruch? Könnte Dienstag sein. Also erwartet mich ein interessanter Feierabend. Da probt der Blues im HdJ. Fein. Muss ich morgen wohl wieder abbummeln.
Überstunden habe ich eh genug. Ziehe mir alles rein, was ich kriegen kann. So muss ich auf keine Party oder Band verzichten. Die Brigade mag mich drum. Ansonsten bin ich da wohl eher eine Merkwürdigkeit. Nicht, daß ich was gegen die Arbeit hätte. Die macht Spaß, die Brigade ist o.k. Aber wir arbeiten im Schnitt nur Dreidreiviertel Stunden am Tag. Der Rest wird irgend rumgebracht. Dazu ist mir meine Lebenszeit eigentlich zu schade. Abtauchen und Lesen ist auch nicht immer möglich.
Es könnte ja auch mal unverhofft Arbeit reinkommen. Und dann müssten die anderen meinen Teil mitmachen. Unschön.

An der Stechuhr ist keine Schlange. Der superpünktliche Herr Jungfacharbeiter stanzt sich seine erste 6:22 auf die Karte.
Stechuhren verband ich immer mit Kapitalismus. Seit ich hier arbeite, sind sie ein Sinnbild für Großbetriebe. Große Pulks grauer Wesen, die es zum Tagwerk zieht. Ewiges, unpersönliches Hamsterrad. Spuren von Mordor.
Die Umkleide ist eine hohe düstere Halle mit Reihen von Spinden. Daß ich meinen trotzdem immer leicht finde, liegt nicht an der spärlichen Beleuchtung und auch an keiner großen Besonderheit. Ist aber so. Die meisten leisten sich den Luxus eines zweiten Spindes. Denn abgesehen, daß alles irgendwie nach Kakerlakentod riecht, nimmt das Innere des Spindes schnell den Geruch nach glühendem Metall und Öl an und nach der Asche, die im ganzen Kraftwerk tanzt. Mal mehr mal weniger große Teilchen aber immer präsent. Alles bedeckt sie in Rieselhöhe. Die kleinste Erschütterung wirbelt alles auf. Also vorsichtig Treppen steigen. Nirgendwo anstoßen. Sonst hebt sich eine Wolke, die sich je nach auf- oder absteigender Luft hoch oder runter bewegt.
Da die Etagen nur durch Lichtgitterroste getrennt sind, war dies auch ein beliebter Streich gegenüber unliebsamen Personen.
Die Lichtgitterroste hatten auch den Effekt, daß sie aus den Augenwinkeln im rechten Winkel nicht wahrgenommen wurden. Dadurch entstand manchmal der schwindelerregende Effekt, ins Leere zu treten. Dem ließ sich durch den alkoholbedingten Tunnelblick entgegenwirken. Weiterlesen

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Buchbesprechung: „Feministisch Streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen“ von Koschka Linkerhand (Hrsg.), 2018

von Liberace Swaggylegg

(erschienen in der Ausgabe #14)

Koschka Linkerhand hat als Herausgeberin eine Textsammlung zusammengebracht, die ein weites Spektrum abdeckt. In dem Band tauchen einige Reizthemen des feministischen Feuilletons auf, die zumindest dort heiß diskutiert werden. Dabei schafft der Band es, keine neuen Szenegräben aufzutun oder die bestehenden zu erweitern, sondern bietet dialektische Zwischentöne ohne dabei den kleinstmöglichen Kompromiss herbeizusehnen. Vernunftbegabte Menschen sollten es lesen und Leute, die damit anfangen wollen, auch. Allerdings dürfte für einige der ein oder andere Text schon bekannt sein.

Doch kann in diesem Band ein Potential stecken, Strömungen zusammenzubringen. Die Einleitung, von Linkerhand verfasst, ist recht ausführlich und mit jeder Menge Erklärungen und zum großen Teil auch prophylaktischer Deeskalation in Richtung der wutschnaubenden Queers*_Innen*. Weiterlesen

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Von Hongkong nach Moskau mit Liebe

-spf

Es ist immer erfreulich, wenn das langjährige Bestehen der Herrschaft mit schönen Geschenken bedacht wird. Die Arroganz und strategische Blindheit des russischen Regimes bescherte ausgerechnet zum 20-jährigen Putins Herrschaft Großartiges: Überflutungen und schwere Waldbrände (ca. 5 Mln. Ha laut Greenpeace) infolge jahrelanger Einsparungen im Irrigationssystem und anderer Infrastruktur; anhaltende Proteste gegen sich ausbreitende Müllhalden und kirchliche Großbauprojekte in der Provinz; abstürzende nukleargetriebe Raketen als adäquate Antwort auf beleidigende HBO-Serie über Tschernobyl; wachsende Verschuldung der Bevölkerung, die bei tendenziell fallenden Löhnen und Renten immer neue Kredite aufnehmen muss, um alte zu bezahlen (erste Hälfte 2018 betrugen die Kreditschulden 7 Trln. Rubel, sprich 7% des BIP). Vergessen wir nicht die Justiz und den aufgeblähten Repressionsapparat, die lange schon aufgehört haben, auch nur so zu tun, als würden Korruption und systematische Folter nur von einigen wenigen „schwarzen Schafen“ betrieben.

Nun hat das Moskauer Wahlamt ein popeliges Wohlstandsproblem zu einem nationalen gemacht: es geht um die Wahlen in den seit Jahren bereits dekorativen Moskauer Stadtrat. Vor etwa einem Monat, am 27. Juli hat es angefangen auf den Straßen zu brodeln und brodelte etwa drei Wochen lang. Es hätte die Provinz womöglich nicht gejuckt, es geht aber längst nicht mehr um diese Wahlen, das ist allen Beteiligten klar. Deswegen gingen am 9. August etwa 50 bis 60 Tausend Menschen auf die Straßen; Solidaritätsaktionen gab es in St. Petersburg, Ufa, Rostow auf dem Don, Syktywkar, Omsk, Tomsk, Brjansk, Jekaterinburg, Krasnodar, Samara, Chabarowsk, Orenburg, Nizhnij Nowgorod usw. Es geht nicht mehr um die Zulassung von OppositionskandidatInnen zu der Stadtratswahl, nicht mehr um die Freilassung der Gefangengenommenen bei den Protesten. Es gibt nichts mehr zum Schönreden und Reformieren. Rufe nach dem „regime change“ haben wir auch neulich in Jekaterinburg bei den Protesten gegen einen in der Bevölkerung vorbei geplanten Kirchenbau in einem beliebten Erholungspark vernommen.

2012 reflektierten wir das, was in Moskau passierte, folgendermaßen:

Die Proteste können nur zwei Optionen vor einem peinlichen (und sehr gefährlichen) Flop retten. Das plötzliche Auftreten einer charismatischen Figur, die alle politisch wie sozial unterschiedlichen Gruppen der Protestierende hinter sich einigen könnte. Was äußerst unwahrscheinlich ist. Oder: die Proteste werden der sozialen Dimension der politischen „Stabilität“ bewusst: dass etwa 60% der Bevölkerung in Armut leben, ein großer Teil von ihnen hat sehr wohl Arbeit, bekommt nur wie in den „wilden“ 90ern entweder einen mickrigen Lohn und/oder mit Verspätungen (http://nr2.ru/moskow/367036.html); dass demnächst die vor den Wahlen eingefrorenen Preise auf Benzin, Lebensmittel und kommunale Dienstleistungen weiter steigen; dass eine geplante Hebung des Rentenalters auf 70 Jahre angesichts der durchschnittlichen Lebenserwartung von 68,7 Jahren (nach OECD-Statistiken) nur noch zynisch ist; dass die übrig gebliebene Industrie und der Rohstoffabbau rücksichtslos die Umwelt zerstören; dass schließlich die ganze gigantische zentralisierte Infrastruktur veraltet ist, aber offensichtlich nicht rentabel genug für groß angelegte Investitionen scheint, was schlimmstenfalls bald zu schrecklichen technogenen Katastrophen führen könnte. Dass es andererseits einen Zuwachs an Arbeitskonflikten in der Industrie, Lebensmittelbranche und im Transportwesen gibt, Medizin und Bildung ziehen nach. Dass gestreikt inzwischen nicht nur aus Not wird, nicht nur wegen verspäteten Lohnzahlungen, sondern immer mehr für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Dass der Arbeiterschaft anscheinend der noch in 90er Jahren so verbreitete Glaube an „den guten Chef“ ausgetrieben wird, dass deswegen etwa 40% aller Arbeitskonflikte spontan und ohne Unterstützung von offiziellen paternalistischen Gewerkschaften stattfinden. Hinzu kommen natürlich auch viele Umwelt-Initiativen, die bekannter sein dürften.

Wie gesagt, es wird der liberalen Opposition schwer fallen, mit diesen „Plebejern“ zu paktieren. Ohne sie werden die Proteste nicht bestehen – mit ihnen werden die Proteste sich grundlegend verändern, indem sie sich vom politischen Spektakel abwenden. Denn mit oder ohne Putin – ist für das Funktionieren des Systems nicht wirklich relevant. Dieses hat sich aber so weit in die Katastrophe hinein manövriert, dass es praktisch keinen Spielraum mehr hat. Was dann passiert, hängt von viel zu vielen unberechenbaren Faktoren ab.

Was wir damals nicht berücksichtigt haben, ist, wie sehr die ImperiumsbewohnerInnen kleine erfolgreiche Kriege mögen. Das verschaffte dem System Putin 2014 einen nötigen Aufschub. Weiterlesen

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Vier Jahre in der Donezker Volksrepublik. Ein ukrainischer Bergarbeiter berichtet

Das Interview haben wir vom anarchistischen Portal situazion.info aus Russland übernommen, um wieder ein Stimmungsbild aus den ostukrainischen Gebieten – nach fünf Jahren Krieg –  einzufangen. Und das tut das Interview unseres Erachtens durchaus gut. Was der Kollege denn ansonsten nicht aus der Arbeitersicht, sondern aus der Sicht eines Anarchisten von sich gibt, lassen wir unkommentiert. Sucht euch selbst was aus, weswegen ihr die Hände über euren Köpfen zusammenschlagt. – das GT

Dmitry ist 26. Von 2015 bis 2019 arbeitete er im «Bergbaubetrieb A.F. Sasjadko» in Donezk. 2019 zog er nach Kiew. Er war Zeuge vieler Ereignisse, die in Donezk in jener Zeit stattfanden: Er erlebte die Entstehung der Donezker Volksrepublik (DVR), sah den Krieg, sah, wie seine Kollegen im Betrieb darauf reagierten. Aus verständlichen Gründen möchte er unerkannt bleiben. – situazion

Wie groß ist die Belegschaft eures Bergbaubetriebs?

Sie ist groß, über dreitausend Arbeiter.

Wem gehört die Kohlengrube?

Der Besitzer war und bleibt Jefim Leonidowitsch Swjagilski. Er saß in allen Legislaturperioden im ukrainischen Staatsparlament. Er ist der älteste aktive Politiker. Dass er der Besitzer „war und bleibt“, habe ich nicht ohne Grund hervorgehoben. Am 1. März 2017 hat die Donezker Volksrepublik alle ukrainischen Unternehmen nationalisiert und ihnen den Status von Staatsbetrieben der DVR zugesprochen. Das alles aber hindert Jefim Leonidowitsch nicht, mit seinem persönlichen, mit Maschinenpistolen bewaffneten Sicherheitsdienst in das von der DVR kontrollierte Territorium zu reisen und interne, technologische Probleme im Betrieb zu lösen.

War der Lohn in Ordnung? Konnte man mit diesem Lohn eine Familie unterhalten?

Unser Lohn ist gut, aber gering“ ist der Lieblingsspruch der Bergleute. Die Lebensmittelpreise in Donezk sind genauso hoch wie in Moskau. Die Löhne betragen aber nur etwa 15.000 bis 25.000 Rubel (etwa 200 bis 350 Euro – A.d.Ü.), das hängt vom Beruf und der Arbeitsnorm ab. Manchmal hatten manche Brigaden bis zu 30.000, das sind aber Sonderfälle. Macht euch also selbst ein Bild davon. Früher waren die Löhne in „Sasjadko“ etwa 1000 bis 1500 US-Dollar.

Wie waren die Arbeitsbedingungen, also Sicherheitsvorkehrungen, Amortisierung der Arbeitsmittel usw.?
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Trust me, I’m a punk myself

Eine liebe Heftbesprechung aus dem Trust Fanzine, August/September 2019:

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Danke und Gruß nach Bremen!

(Bestellen könnt ihr das Heft auch auf etwas modernere Weise, aber wohl nicht mehr die Ausgabe #13).

— spf

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Ausgabe #14 erschienen

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Und plötzlich, wenn man‘s auch selbst nicht mehr so richtig geglaubt hat, ist es wieder soweit. Jedem Moses sein ganz eigenes brennendes Dornbusch, jedem Ritter Schapphahnski seine Carlotte, jedem Iwan Denissowitsch seine Schüssel wässriger Suppe, jedem Makhno sein schlecht bewachter Grenzübergang nach Rumänien, jedem Gavrilo Princip sein letzter Schuss. Jedem Otto Gross allerdings auch.
Dies alles hat rein gar nichts mit der neuen Ausgabe des Grossen Thiers zu tun. Und zwar dermassen, dass die Redaktion sich sogar nicht wirklich sicher ist, ob es noch die 14. oder bereits die 15. sein soll. In diesem Sinne verzichtete man diesmal auf die Nummerierung und sogar die Seitenzahlen, und stellte nüchtern fest, dass Wera Figner nach der 20-jährigen Einzelhaft bei Weitem vernünftiger war, als die Meisten unserer ZeitgenossInnen, die ein Gefängnis nicht einmal von außen gerochen haben.
Arbeit bzw. Nicht-Arbeit, Feminismus, Stadtguerilla, ein bisschen Weltmarkt und Kultur-Schmultur, mehr haben wir – ganz ehrlich – euch nicht zu bieten. Habt ihr eure Gesichter überhaupt schon im Spiegel gesehen? Da kommt die scheußlichste Thier-Ausgabe seit Langem gerade richtig. Es gilt nach wie vor das, was hier so geschireben steht:

https://dasgrossethier.wordpress.com/hefte/

Hier ist übrigens das neue Promo-Video. Es ist keine Kunst, da brauchen sich die AbstellgleisakademikerInnen von den entsprechenden Fachzeitschriften nicht drum kümmern. Das ist nur #elsagate, was für Kinder, nicht für euch. Adieu –

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Zu Jörg Kronauers Buch „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“

Zwar muss man es neidlos anerkennen: Georg Fülberth konnte bereits 2007 „Germania“ besser auf Latein deklinieren als Rolf Peter Sieferle. Sieferle hat sich allerdings jegliche Chance, was dazu zu lernen, unwiederbringlich verbaut. Nun gut, ich für meinen Teil hätt‘ trotzdem nicht gedacht, dass ich jemals wohlwollend den DKP-Marxologen Fülberth zitieren würde. Aber Recht hat der alte intergalaktische Kommunist Dietmar Dath – ein bisschen Heiliger Geist wohnt auch in dieser Gemeinde.

Man spricht von einem neuen Kalten Krieg und übersieht, worum es sich bei dessen Vorgänger handelte: um einen Systemkonflikt zwischen den Kapitalismus und einem – wie auch immer zu beurteilenden – Sozialismus. Jetzt aber geht es um die Machtverteilung innerhalb einer einer Ordnung, deren Insasse zu sein kein Vergnügen ist. Insofern ist die Gegenwart von 2019 dichter an 1914 als an der Truman-Doktrin.

Muss man da Partei ergreifen? Schlagen wir – weil so manches, was vergangen schien, wiederkehrt – zum zweiten Mal nach bei Karl Liebknecht: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ Dass der Feind seines Feindes sein Freund ist, hat er nicht gesagt.

So schreibt er etwa in konkret 6/19, „ Preisfrage. An der Haltung zu Russland scheiden sich mal wieder auch die linken Geister“, (S. 25).

Nun, Schluss mit dem Namedropping und anderen Geschmackslosigkeiten. Die Buchbesprechung von Jörg Kronauers Buch „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“ wurde dankenswerterweise in CEE IEH Nr. 257 (Mai/Juni) veröffentlicht.

„Eines der wenigen Dinge, an die ich mich, ehrlich gesagt, überhaupt noch aus meinem Studium der Politikwissenschaft erinnere, ist, dass es immer die Dümmsten waren, die nach morgendlicher Spiegel Online-Lektüre in den Seminaren zu den Internationalen Beziehungen am lautesten über die sog. Außenpolitik schwadronierten. Der Maßstab des Themas korrespondiert nicht unbedingt mit der Größe der Erkenntnis. Und wenn doch, dann meistens umgekehrt proportional. Es lässt sich bekanntlich am bequemsten – vorzugsweise von expertenhaften Gesichtsausdrücken und Gesten begleitet – fachmännisch, äquidistant, wissenschaftlich eben über das ›Weltwetter‹ schwadronieren, wenn man/frau eh nichts fürs ›Wetter‹ kann. Da sah man/frau beides bereits in ein und derselben Gestalt: Die politisch interessierten BürgerInnen am Frühstückstisch und die PolitikexpertInnen vom Frühstücksfernsehen, die sich beim Käffchen in die Rolle mal der einen, mal der anderen Regionalmacht unverbindlich einfühlen“.

https://www.conne-island.de/nf/257/9.html

-spf

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