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Der krasse Tor

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Die suspendierte Gattung

Zur Kritik des europäischen Migrationsregimes
von Danyal
Blog Cosmoproletarian Solidarity

Folgender Text aus dem gerade erschienenen Heft 3 ist auch auf dem Blog des Autors erschienen.

Zwar fungiert heute die Peripherie Europas als Rammbock gegen die Migrationsströme des überflüssigen Lebens, aber nicht nur in der Anonymität der Kommentarfunktion im World Wide Web wird kein Zweifel daran gelassen, dass in Kerneuropa und im Staat der Deutschen sowieso der Mensch Material ist, dem, wenn es funktionslosigkeit und zudem un-autochthon ist, die Halde droht. Im Schatten der europäischen Zivilisation der Produktion vegetieren im französischen Calais hunderte von Menschen im „Dschungel“, einer im Gestrüpp aus Plastikmüll improvisierten Behausung – bis diese mit Planierraupen überrollt wird und die Geflüchteten gezwungen sind, noch tiefer in den Wald zu drängen. Im griechischen Pagani werden junge Flüchtlinge über Monate inhaftiert – bis das Gefängnis entleert wird und die Menschen in die Illegalität abgeschoben werden. Im italienischen Roma harren Geflüchtete in der Kanalisation aus – aus Furcht vor dem rassistischen Mob, Inhaftierung und Abschiebung in die libysche Wüste. Und von den Deutschen werden jene Menschen, die das Ressentiment als kollektiv unproduktiv, das heißt als schnorrend und streunend identifiziert, in die Pogromhölle Kosovo abgeschoben.

Nicht nur, dass an den Geflüchteten demonstriert wird, dass der Unterschied zwischen kapitalproduktiver Funktionalisierung und Müllwerdung der Menschen darin liegt, mit einem politischen Souverän identifiziert zu sein, der für die Menschen noch anderswo Gebrauch findet als in Kaserne und Moschee. Die selektive Asylpraxis verplombt die Todesstille in den Despotien, in denen die europäischen Apparate abzuschieben drohen. Gewährt man zwar den Gehetztesten unter den Dissidenten Asyl, diktiert man doch allen anderen zu schweigen: Wer vor der Flucht nicht gefoltert wurde, sei auch nach der Abschiebung hiervon nicht bedroht – solange man nur schweige. Wenn an dem deutschen Apparat die Asylgesuche von geflüchteten Homosexuellen aus dem Iran abprallen, da es ihnen doch aufzubürden wäre, ihre sexuelle Lust von der islamistischen Sitte unterdrücken zu lassen, macht er nach und nach die Lüge eines Mahmud Ahmadinejad wahr: Homosexualität existiere nicht in der Islamischen Republik Iran. Da erscheint es fast human, wenn der tschechische Apparat noch bis vor kurzem Homosexuellen mit heterosexueller Pornografie konfrontiert und dabei den Blutfluss zum Penis gemessen hat, um zu garantieren, dass die Geflüchteten nicht über ihre Sexualität täuschen.

Im Namen des Volkes – die deutsche Asylpraxis

Das OVG Bremen bekräftigt am 8. Oktober 2010, dass nur jene Oppositionellen von „asyl- oder abschiebungsschutzrelevanten Repressionen“ bedroht seien, die „aus der Masse oppositioneller Iraner herausgetreten sind“. Es hebt zudem hervor, dass auch die jüngsten Unruhen daran nichts geändert hätten. Das OVG sieht keine Bedrohung von Geflüchteten, die mit der Worker-communist Party of Iran assoziiert sind, so weit sie „sich nicht exponiert haben“. Das VG Hamburg bezieht sich am 26. Mai 2010 auf den BfV, um zu konkretisieren, womit man sich denn angemessen exponiert habe: eine Bedrohung sei nur dann anzunehmen, wenn man sich in der Führung einer Oppositionspartei befände oder man eine wesentliche Funktion in der Opposition einnähme. Das VG sah im konkreten Fall keine Bedrohung eines Oppositionellen, da er „erst seit zwei Jahren“ mit der Constitutionalist Party of Iran assoziiert und die lokale Sektion der Partei viel zu klein sei, als dass seinem Parteiamt eine Asylrelevanz zukäme.

Das VG Darmstadt befindet am 19. März 2010, dass die Tätowierung eines christlichen Kreuzes den Abzuschiebenden im Iran nicht bedrohe. Dieses werde zwar den Verdacht der Apostasie beim khomeinistischen Apparat wecken und de Betroffenen mindestens einem Verhör aussetzen, doch allein darin liege „noch keine unmittelbare und erhebliche Gefahr“ für das Leben des Abzuschiebenden. Das VG bezieht sich des Weiteren auf eine Expertise des Deutschen Orient-Instituts vom 26. Februar 1999, demnach die Konversion eines geborenen Muslimen ein „absoluter Tabubruch“ sei, an den auch nicht gedacht werden könne. Der khomeinistische Apparat gestehe den Verdächtigen eine Frist ein, in der nachgespürt werde, ob die Konversion nicht allein des Erschleichens des Asyls bezwecken sollte. Wenn dies so sein sollte, drohe ihm keine weitere Repression. Dem VG zufolge ist anzunehmen, dass der Betroffene – auch „mit Blick auf die zu erwartenden lebensbedrohenden Konsequenzen“ – im Iran nicht nach außen für die christliche Religion werbe und somit auch nicht von Repression bedroht werde.

Das VG Saarland sieht am 30. Oktober 2009 keine Bedrohung, dass im Iran die „innerliche Distanzierung“ vom Islam und das Bekenntnis zum Atheismus als Apostasie geahndet werden. Das VG spricht zwar offen davon, dass im Iran zurzeit lanciert wird, die Todesstrafe als angemessene Ahndung der Apostasie auch im kodifizierten Strafrecht aufzunehmen, schließ sich aber dem BAMF an, demnach auch ein Atheist ohne gröbere Bedrohung im Iran leben könne, so weit er nicht nach außen hin provoziere. Das VG Düsseldorf bekräftigt am 11. März 2009, dass Homosexuelle im Iran nur dann gefährdet seien, wenn sie ihre Sexualität nicht „im Verborgenen ausleben“. Es zitiert zwar aus dem iranischen StGB, wonach ausgelebte Homosexualität mit dem Tod (bei Eindringen des Penis) und Peitschenhieben (dem Beischlaf ähnelnder Intimität) geahndet wird, bezieht sich aber zugleich auf die Expertise des Deutschen Orient-Instituts, wonach der khomeinistische Apparat nicht aggressiv gegen Homosexuelle vorgehe. Es „sei eine Frage des Zufalls“, so das Institut, als Homosexueller Objekt von Drangsalierung zu werden. Zuvor hatte bereits das VG Berlin (03.12.2008) befunden, „irreversiblen“ Homosexuellen drohe keine „asylrelevante Repression“. Es sei anzunehmen, dass die „drakonischen Strafandrohungen“ vielmehr theoretisch seien.

Das ist der innerste Denkmechanismus des deutschen Abschiebeapparates: wer schweigt und sich selbst unterdrückt, indem die Rache der khomeinistischen Despotie rational einkalkuliert wird, werde auch nicht „mit asyl- oder abschiebungsschutzrelevanten Repressionen“ bedroht. Jede Abschiebung reproduziert somit die repressiv erpresste Todesstille in einer Despotie wie dem Iran. Das kühle Kalkül des deutschen Apparats: nur dem, der provoziere, drohe Repression, ist eingebettet in die Kumpanei mit der khomeinistischen Despotie: die Kälte gegenüber dem säkularen Aufbegehren, die konkrete Solidarität bei der Unterdrückung den jüngsten Revolten, das penetrante Kleinreden des despotischen Charakters der Islamischen Republik und die kulturalistische Einfühlung in deren Sitte (der eliminatorische Antisemitismus, die Todesdrohungen gegen Schwule … nichts als Theorie). Doch die Geflüchteten sind nicht bloß Objekte von Rechtsbeugung, gegenüber denen der politische Souverän seine eigenen sakrosankten Prinzipen verrät. Laut Pro Asyl erhielten aus griechischer Inhaftierung entlassene Migranten nur zu oft vordatierte Ausreiseanordnungen. Die fünftägige Frist, um auf dem Rechtsweg das erzwungene Ende der Flucht hinauszuzögern, war bei Aushändigung der Anordnung um Tage überschritten. Noch daran verrät sich, dass der Geflüchtete kein Subjekt ist, das das Recht hat, Rechte zu haben, sondern Objekt souveräner Intrige.

„Mit Diskriminierung macht man keinen Staat“, so Pro Asyl, ohne Zweifel eine der honorabelsten Assoziationen in Solidarität mit dem flüchtigen Leben, die dann doch nur dem politischen Souverän verdächtigt, er suspendiere seinen eigenen innersten Kern: die abstrakte Gleichheit der Menschen. Und so reproduziert sich noch in den seltenen Momenten von Zärtlichkeit die Ideologie des Kapitalverhältnisses. Zwar ist es unter dem Diktat des Kapitals nur fair, der zähsten Flucht illegaler Migranten aus der Grauzone des Rechts in die Subjektform zu sekundieren, indem man sie als Konkurrenten annimmt, doch reproduziert sich im Appell an den politischen Souverän unweigerlich der täuschende Schein jenes totalitären Verhältnisses, das das flüchtige Leben als überflüssiges produziert.

Mit allen anderen – als Rechtssubjekte – gleich, also lebende Äquivalente zu den Nächsten zu sein, aber zugleich durch alle anderen – als Marktsubjekte – verüberflüssigt zu werden, ist das Verhängnis der Individuen als kapitalkonstituierte Subjekte. Das subjektivierte Individuum ist in der Konkurrenz null und nichtig, absolut fungibel, das heißt: nicht individuell, sondern nur der Gattung nach bestimmt; es kann also durch andere Exemplare gleicher Gattung und derselben Menge zu jedem Moment ersetzt werden. Die konstitutive Fungibilität der Subjekte bricht sich rasend Bahn, wo die kapitalisierte Sozietät die Produktivkräfte zwar unentwegt, durch Krise und Krieg hindurch, revolutioniert und so die menschliche Arbeitskraft mehr und mehr verüberflüssigt, aber eben jene Subjekte nicht einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden wagen, die Arbeit als unser Elend für alle Menschen kraft der technischen Revolution auf ein Minimum zu drücken, viel mehr ihnen der stumme Zwang als herrischer Vater eines jeden Gedankens eingehämmert ist: Arbeit ist nicht nur das Medium ihrer sozialen Qualität, sie ist Selbstzweck, ein Wert an sich. Dass himmelschreiend Irrationale an dem Kapitalverhältnis verrät sich daran, dass noch jene den revolutionären Gedanken, den Hunger, also die Bedürfnisse der Menschen zum einzigen Movens von Produktion zu machen, als teuflisch austreiben, die ihr Leben dem Benefiz gewidmet haben.

Umso mehr die subjektivierten Individuen in der Vergleichung mit ihrer konstitutiven Fungibilität konfrontiert werden, desto mehr dürsten sie nach dem politischen Souverän, der sie von den einen Konkurrenten trennt und mit den anderen zu einer Nation einstampft. Der Staat soll es sein, der ihre Austauschbarkeit, die ihnen wie ein Stigma eingebrannt ist, zu stunden hat, der ihren kapitalen Wert vortäuscht. Dass der Staat die Arbeitskraft nationalisiert und alsdann protegiert und die Arbeitskraftvehikel auf sich selbst als einzige Appellationsinstanz einschwört, ist somit die stille Prämisse sozialen Friedens. Zwar kann der zwangsdemokratisierte Staat der Deutschen die Arbeitskraftvehikel nicht von der Panik kurieren, fungibel, also an und für sich überflüssig zu sein, doch zumindest versiegelt er ihr Privileg als Deutsche, kapitalproduktiv sich zuerst betätigen zu dürfen. Noch im AsylbLG verrät sich dieser Artenschutz nationaler Arbeitskraft. Es erhält das flüchtige Leben nur soweit, dass es nicht vor unseren Augen dahinsiecht. Die Wartung des Körpers unterliegt allein der Administration: so muss der Geflüchtete zunächst einen konkreten Wartungsbedarf geltend machen, bevor er einen Arzt aufsuchen darf. Die Hoffnung auf ein Ende des konkreten Leidens ist der Gnädigkeit des Sachbearbeiters unterworfen, aber was anderes ist sein Körper als eine Sache, ohne dass von ihr Gebrauch gemacht wird. Nicht selten, dass die rigide Beschränkung des Wartungsbedarfs in letzter Konsequenz tötet: so starb Mohammad S., ein Geflüchteter aus Guinea, am 14. Januar 2004. Der Sachbearbeiter sah zuvor nicht ein, dass er einen Arzt aufsuche, da er doch so oder so abgeschoben werde.

Diskriminierung ist eben kein schleichender Suizid des politischen Souveräns, viel mehr ruht die Spaltung der Gattung in der kapitalisierten Sozietät selbst und ist als chronische Pathologie, so will man ein Ende der Flucht durch eine freie Assoziation solidarischer Menschen, zu kritisieren. Da dies ausbleibt, sind noch die Freunde des Asylrechts gezwungen, die Geflüchteten auf den Movens der Flucht hin zu beäugen und eine akkurate Trennung von Asylsuchenden vorzunehmen, die durch einen tyrannischen Souverän in die Flucht gezwungen werden, und allen anderen, die aus den Ruinen des Weltmarkts vor nichts als Hunger fliehen um anderswo eine kapitalproduktive Funktion einzunehmen. In dieser akkuraten Trennung von Asylberechtigten und fliehenden Arbeitskraftvehikeln (letztere allein durch Definition der UN Refugee Agency keine Flüchtlinge) spiegelt sich die ideologische Zweiteilung des falschen Ganzen in Staat und Kapital, in Politik und Ökonomie.

Dass die konkret so verschiedenen und unvergleichlichen Dinge des Lebens einen Wert haben, ist den Menschen ein Naturgesetz geworden, gegen das aufzubegehren, eine Sünde an der göttlichen Schöpfung der kapitalisierten Gattung wäre. Unter der Form des Subjekts können sich die Individuen nur so weit – das heißt ohne Mentaltraining und anderer Esoterik – als souveräne und authentische Autoren ihres Lebens denken, wie sie sich in den Staat hineinfühlen. Die ökonomischen Zwänge sind den Menschen zur zweiten Natur geworden, Hunger ist ihnen nur etwas Ähnliches wie eine Wetteranomalie. Politik ist ihnen dagegen das (wenn auch zunächst von Intransparenz und ähnlichem zu reinigende) Terrain des Streitens und Werbens für das ideale Katastrophenmanagement. Die Flucht in die Politik ist somit nur die andere Seite des Desinteresses an den Katastrophen der zweiten Natur, die andere Seite der pathologischen Indolenz gegenüber dem täglichen Tod durch nichts als Hunger.

Die Suspendierung der Gattung Mensch und der Ausschluss der Verüberflüssigten ist die brutale Konsequenz jener Abstraktion, in der die Subjekte als Funktionäre kapitalistischer Verwertung sich von den konkreten, empirischen Menschen trennen – und wie diese Brutalität der Verüberflüssigung sich an dem flüchtigen Leben geltend macht, ist von Pro Asyl und anderen detailliert dokumentiert. Doch der Ausschluss folgt nicht allein einem blinden Mechanismus, es ist der politische Souverän, der eine von allen „geteilte Lüge … für den Zutritt zur nationalen Arbeitskraft“ (Bruhn: Vom Mensch zum Ding, in: Flugschriften, ça ira Verlag 2001, S. 104) ausbrütet. Als die Deutschen noch gezwungen waren, die Asylantenflut noch eigenhändig einzudämmen und das überflüssige und national nicht-identische Leben auszuschwemmen, griffen Apparat und Volk wie Rädchen ineinander. Während am 21. September 1991 mit der Abschiebung der letzten Provokateure der nationalen Arbeitskraft (zuerst vietnamesische und mosambikanische, nun mehr überflüssig gewordene Arbeitskraftimporte, dann nicht mehr als 250 Asylsuchende aus dem Iran und anderswo) aus der Lausitzschen Provinz die Gewalt des pogromistisch sich ausagierenden Mob honoriert worden ist, hausierte eines der Organe der Deutschen mit einem Volksbegehren, demnach 98 Prozent ihrer Leser für die Amputierung des Asylrechts votierten.

Es ist nicht das Andersartige, das den Hass der zu Deutschen konvertierten Arbeitskraftvehikel an den Immigrierenden provoziert, es ist viel mehr die ihnen von den ökonomischen Naturgesetzen eingebrannte Affinität zu diesem als unwert denunzierten Leben: die Geflüchteten sind ihnen die bösen Propheten der eigenen Fungibilität vor dem Kapital. Und so eskaliert im Hass auf das flüchtige Leben die nicht zu kurierende Panik vor der drohenden Verwilderung des Arbeitskraftbehälters. Es blieb nur eine Notiz des Septemberpogroms im Lausitzschen Hoyerswerda, dass bei der Menschenjagd auf die als fremdartig stigmatisierten Arbeitskräfte viele ihrer deutschen Kumpels aus den Braunkohlegruben sich resolut ihrer Konkurrenz entledigt haben. Auch dieser äußerste Wille zur Kapitalproduktivität und Staatsloyalität wurde vom politischen Souverän quittiert: die zunächst Evakurierten, die unter den Pogromisten nicht wenige ihrer früheren Kumpels identifizieren konnten, wurden alsdann abgeschoben; ihre Arbeitsverträge wurden ohne Entschädigung beendet.

Dass im AsylbLG die Kosten der physischen Reproduktion eines Geflüchteten noch 39,85 % unter dem Niveau eines auf ALG II dauergeparkten Arbeitskraftvehikels gedrückt werden, fungiert nicht mehr, wie es doch nahe liegt, als Schleichwerbung zwischen Paragrafen: das flüchtige Leben als grob auszuschlachtende Arbeitskraft. Nein – noch diese Qualität ist ihnen so weit genommen, wie sie noch von einer ökonomischen Schattenexistenz ausgegrenzt sind. Wurden seit den 1950er nicht-deutsche Arbeitskräfte mit der exklusiven Charakteristik minderer Reproduktionskosten beworben – mit italienischen Arbeitskraftimporte, so etwa der Industriekurier (04.10.1955), bliebe eine kostspielige Ballung an Menschenmaterial aus, da dieses nicht mehr bräuchte als „die Gestellung von Baracken“ -, ist der Geflüchtete im AsylbLG zwar nur noch unwertes, aber widerspenstiges, weil auf ein besseres Leben stur beharrendes Material auf Halde. Anders als die angeworbenen Arbeitskraftbehälter haben die Geflüchteten im Moment der wilden Migration an der Gewalt des Souveräns sich versündigt, sie fallen in Ungnade eines ungnädigen Kollektivs, weil sie nicht allein seinem Kalkül sich unterworfen haben. Dass sie den zu Deutschen konvertierten Menschen an die Idee der solidarischen Gattung zu erinnern wagen, ist die größte Provokation, die von ihnen ausgeht. Sie brüskieren die Subjekte, die selbst nur ihr Existenzrecht beziehen, indem sie dem Kapitalzweck in Gänze unterworfen und dem Staat bis in den Tod ergeben sind. Der Geflüchtete ist allein dadurch anrüchig, weil er sich der Prozedur aus Reglementierung, Kalkulation und Selektion durch die Apparate zu entziehen wagt; er ist allein durch seine Flucht verdächtigt, seinem eigenen Zwangskollektiv abtrünnig zu sein, um das fremde zu schröpfen. Die Deutschen wollen das Asylrecht nicht liquidieren, auch wenn es nur ein Fetzen des moralischen Antlitzes ihrer Zivilisation ist, sie wollen nur den betrügerischen Gebrauch liquidieren, unter dem potenziell jeder Gebrauch fällt, der sich nicht allein dem Ermessen des Souveräns ausliefert. Und so wird das Desinteresse an der militanten Protestation von Geflüchteten aus dem Iran gegen den stillen Tod in einem Leben aus Kaserne und Kälte, wie nun im fränkischen Würzburg, des Öfteren von einem rülpsartig ausgestoßenen „Verschwindet, ihr Erpresser“ durchbrochen.

Der Krieg an der Migrationsfront

Jüngst beschloss der konzentrierte Apparat der EU zur Austreibung des überflüssigen Lebens, Frontex, mit der Türkei eine Intensivierung der Kooperation. Die Türkei wird nun, nachdem ihr ein Ende der „unwürdigen Visabeschränkungen“ (Ahmet Davutoğlu) für die Ihrigen versprochen wurde, Menschen, die über türkisches Territorium in die EU flüchteten, aufnehmen und bis zur weiteren Abschiebung zwischenlagern. Kerneuropa verplombt nun mit der direkten Funktionalisierung der Türkei als vorgelagertes Sieb des überflüssigen Lebens ihre Grenzen noch weiter. Die EU finanziert in Ankara und Erzurum zwei Inhaftierungszentren mit einem Beitrag von 15 Millionen Euro. In Van, nahe der türkisch-iranischen Grenze, überbringen Europäer der Türkei Kontrolltechnologien, ein Teilprogramm von Twinning, in dem die EU die Rationalisierung der Apparate in Staaten finanziert, um die sie sich zu erweitern denkt. Parallel werden zwei Migrationszentren in Van, dem Nadelöhr von Fluchtbewegungen aus dem Iran, installiert: in dem einen sollen Asylsuchende aufgenommen, also zwischengelagert und auf die Asylrelevanz ihrer Flucht gescannt werden, in dem anderen sollen die Ausgesiebten inhaftiert und zur Abschiebung vor allem in den Iran konzentriert werden.

Die Türkei wird somit zu einem Laboratorium modernster Selektion des überflüssigen Lebens. Da die Türkei nach wie vor den Art. 1 B. 1. der Genfer Flüchtlingskonvention geltend macht (also das juristische Schlupfloch, den Movens legitimer Flucht geografisch einzugrenzen), gewährt sie nur jenen Menschen Flüchtlingsrechte, die aus Europa kommen. Auf Asyl ist nur durch den Maklerdienst der UN Refugee Agency (UNHCR) zu hoffen. Asylsuchende duldet die Türkei, so weit diese von dem türkischen Ministry of Interior einen „temporären Asylstatus“ zugesprochen bekommen – und zwar nur so lange wie ihr Ersuch von dem UNHCR auf Asylrelevanz abgeklopft wird. Soweit ein Geflüchteter von dem UNHCR als Asylsuchender registriert und die Asylrelevanz der Flucht gescannt worden ist, kategorisiert dieser sie nach der Aktualität eines Resettlement-Bedarfs. Es liegt nun an der Gnade der Staaten und an ihren Kriterien, wer das türkische Transit verlassen darf. Im Jahr 2010 erhielten 5.335 Flüchtlinge in der Türkei das Privileg eines Resettlement, davon allein 3.200 in den USA. In den 27 Staaten der EU wurden nur 121 Flüchtlinge aufgenommen. Im Jahr 2011 fanden nur noch 4.155 Flüchtlinge aus der Türkei die Aufnahme in einem Drittstaat, wovon 2.230 von ihnen der irakischen Hölle entflohen sind. Während die USA 1.523, Australien 494 und Kanada 211 irakische Flüchtlinge aufnahmen, war die Generosität der europäischen Staaten mit zwei Flüchtlingen ausgereizt.

Wer kaum auf ein solches Resettlement zu hoffen hat, wagt die weitere Flucht über die türkisch-griechische oder türkisch-bulgarische Grenze. Fungiert die Türkei als vorgelagertes Sieb, wird im griechischen Schatten Kerneuropas das flüchtige Leben aufgestaut – mit dem kühlen Kalkül, dass die Geflüchteten vor dem Hass, der dort auf sie trifft, kapitulieren. Wer nicht von der Strömung des 206 Kilometer langen Grenzflusses Meriç in den Tod gerissen oder von der Ägäis geschluckt wird, wer nicht von knochenzerschmetternden Felsen begrüßt oder an Unterkühlung stirbt, wird vom griechischen Apparat aufgerieben und – entkommen tut kaum einer – obligatorisch bis zu einer Dauer von sechs Monaten inhaftiert. Ohne dass es zu einem individuellen Screening der Asylrelevanz durch den griechischen Apparat kommt, denn der Geflüchtete ist hier kein Individuum mehr, sondern nur noch identisches Exemplar des lebenden Überschusses, wird den Aufgeriebenen administriert, sich wieder zu verflüchtigen – sobald sie aus der Haft entlassen werden. Die Zeit (04.02.2010) schrieb in einem seltenen Moment von Scham über die Flucht junger Geflüchteter: Über die Nussschalen, die an den kantigen Felsen zerschlagen und mit ihnen die Körper der jungen Geflüchteten. Über die Gräber von 40 bis 60 tödlich Aufgeriebenen, die neben den Gartenabfällen eines griechischen Friedhofes ausgehoben werden und nach drei Jahren wieder geebnet werden, um weitere tote Körper zu verscharren. Über den sechzehnjährigen Milad, der aussagt, dass die Griechen ihn und andere Flüchtlinge noch auf dem Meer aufgegriffen und in türkisches Gewässer bugsiert hätten – gefühlte zwei Kilometer vor der türkischen Grenze alleingelassen auf einem von den Griechen zerstochenem Schlauch. Über die auf unbevölkerte dry islands gebrachten Kinder. Und über Pagani auf Lesbos, einem der berüchtigtsten griechischen Inhaftierungszentren, in dem bis Ende Oktober 2009 vor allem auch junge Geflüchtete konzentriert wurden. Über die dortigen Matratzen, die mit Kloake aus den ständig verstopften Klosetten sich vollsaugen. Über die täglichen Kämpfe, wer im Kot schlafen muss und wer nicht. Über Ärzte, die nur mit Blickkontakt durch das Stahlgeflecht die Geflüchteten besehen dürfen. Über jugendliche Flüchtlinge, die sobald ihre Inhaftierung endet, gezwungen sind, in der Illegalität zu verharren und denen von Polizisten die Knie zertrümmert werden. Über provisorische Behausungen im Wald oder in ausrangierten Wagons. Und über rassistische Rackets, die das übrig tun, damit sich den Geflüchteten einhämmert, dass die Flucht nie enden wird. Doch auch in diesem seltenen Moment von publizistischer Scham über den Krieg gegen das flüchtige Leben erscheint dieser noch als Anthropologie. So liest man von neuen Völkerwanderungen, die Europa heimsuchen, nicht aber von den Revolten, die den griechischen Apparat zwangen, Pagani zu evakuieren, nachdem vor allem jugendliche Insassen ihre kloakenverseuchten Matratzen verbrannt und dabei immer wieder Parolen gerufen haben: „We want freedom, we don’t want food“.

In Patras, dem griechischen Brückenkopf nach Kerneuropa, konzentrieren sich jene, die es wagen, eingeklemmt unter einem Containerchassis oder anderweitig riskant davonzukommen. Auf eurotransport.de, die Domain eines Transportsfachverlages, echauffiert man sich inzwischen über die Repression gegen ihr Klientel, die in einen Konflikt hineingezogen werden, der nicht ihrer ist und der Schleusung verdächtigt werden, weil sie für einen flüchtigen Moment den Blick nach blinden Passagieren vergessen. Pro Asyl dokumentierte jüngst den „systematischen Charakter“ rohster Gewalt des griechischen Apparats gegen Flüchtlinge in Patras und doch ist er es im nächsten Moment, der einen neofaschistischen Pogrommob auf Distanz hält, der wie am 22. Mai 2012 eine Industrieruine, in der Flüchtlinge ausharren, zu überrollen droht. Und so macht sich der griechische Apparat auf, die noch eben aus der Inhaftierung in die Illegalität entlassenen Flüchtlinge wieder zu konzentrieren. Ende April wurde das erste von bis zu 50 Internierungszentren für illegale Migranten nordwestlich von Athen aufgemacht. In jedem dieser Zentren, bestehend aus mit Stahldraht eingezäunten Containern, sollen circa 1.000 Abzuschiebende arretiert werden. Der taz (30.04.2012) folgend würde die EU-Kommission allein im Jahr 2012 die Internierungszentren mit bis zu 30 Millionen Euro mitfinanzieren, für 2013 seien weitere 40 Millionen versprochen. Und so ist der Krieg gegen das flüchtige Leben nicht allein ein griechischer, viel mehr ein europäischer unter dem strategischen Kommando von Frontex.

Dem UNHCR folgend starben mehr als 1.500 flüchtige Menschen im Jahr 2011 in jenem Gewässer, dass die Spaltung der Gattung geografisch zumindest annähernd ausdrückt. Umso mehr die Kontrolle über die Migrationsrouten zunimmt, desto mehr Menschen sterben allein gelassen in gröbster Bedrängnis. Was wie ein Paradoxon erscheint, liegt doch in der Logik der Spaltung der kapitalisierten Gattung unter dem Verhängnis der absoluten Fungibilität ihrer Exemplare.

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Heft 3 ist draussen

In der Folge werden wir hier ein paar Artikel einstellen, wie wir es für richtig halten.

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Neues Heft: Nummer 3 oder 4

Hallo Freunde! Diese Tage erscheint das nächste Heft. Darin gibt es Sachen zu lesen über alle Dinge, die uns so brennend interessieren: Heidegger, Hölderlin, Bloch, Arbeitsamt und Waschbären, sowie nützliche Geschäftsideen für szenige Existenzgründer, alles überschattet von etwas Werbung für die neue Platte der Antilopen. Bestellwünsche an die üblichen toten Briefkästen. Mit etwas Glück kriegt man das Heft auch in irgendeinem Punkerladen oder Waschsalon.

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Unsägliches Sommerloch

…lässt sich auch hiermit nicht überbrücken, aber zumindest schlafen wir nicht alle! Wir verweisen mal auf den Blog von Schnittler! Die aktuelle Ausgabe (Heft #3) befindet sich seit einem Tag im Druck und wird bald geliefert. Wer sich ein kostenloses Abo reservieren möchte, sollte die letzte Möglichkeit nutzen und zugreifen.
Derweil entschlossen sich (u.a.) die bayerischen Flüchtlinge ihren Protest nach Berlin zu verlegen und starten Ihren Protestmarsch am 9. September in Würzburg. Ein Hinweis am Rande: Am 11. September findet die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler statt, anlässlich dieses Ereignisses rufen u.a. die Prozionistische Linke Frankfurt zu einer Gegenveranstaltung auf. Lesenswerte Texte haben die Gruppe Morgenthau und die Gruppe Association Antiallemande Berlin verfasst.

Bestellungen an: dasgrossethier@gmx.de

Das
krasse
Thor.

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Flüchtlingsproteste II

Nach neuen Auflagen müssen mehrere Flüchtlinge, die aus anderen GU’s zum Streik in Würzburg hinzugestossen waren, wieder in ihre Residenzbezirke zurückkehren. Die Auflagen sind Teil der seit mehreren Wochen verstärkten Bemühungen, den Würzburger Protest auszutrocknen. Und was machen die betroffenen Flüchtlinge?

Sie kehren in ihre Residenzbezirke zurück, und starten dort neue Protestzelte! Mit durchschlagendem Erfolg. Das ist schon ziemlich grandios, wie hier die deutschen Behörden vorgeführt werden. Und so machen die das schon seit 3 Monaten!

Gratulation und Respekt dafür!

In Düsseldorf demonstriert u.a. Arash Dosthossein. Nach mehreren Schikanen der lokalen Behörden, wurde das Zelt zwar aufgebaut, aber die Protestierenden dürfen nicht im Zelt nächtigen. Kontakt: Arash Dosthossein, 01578 / 65 46 336.
Artikel: derwesten.de

Derweil wurde in Regensburg die erste Pressemitteilung veröffentlicht.
Am Montag, dem 16.7 findet um 10.00 Uhr vor den Pavillons die erste Pressekonferenz statt. Kontaktnummer lautet wie folgt: Houmer Hedayatzadeh: 0151 10990788, 0157 34641655
Mehr zu erfahren ist hier: http://strikeregensburg.wordpress.com/

In Osnabrück sind ebenso Flüchtlinge unter dem Motto: „Lieber im Zelt als im Lager“ in den Protest getreten und campierten kurzweilig auf dem Gelände der Universität und sind seit Mittwoch wieder im Schlossgarten anzutreffen. Kontaktadresse: Rat der Flüchtlinge im Abschiebelager Bramsche-Hesepe fluechtlingebramsche@yahoo.de
Mehrere Informationen u.a. hier: http://lagerhesepe.blogsport.eu/
Artikel: noz.de

In dem unterfränkischen Dorf Aub demonstrieren weiterhin iranische Flüchtlinge. Ein lesenswerter Artikel wurde vor zwei Tagen veröffentlicht und ist hier in Englisch, Farsi und Deutsch einzusehen. Kontakt ist über folgende Adresse herzustellen: 017679837911 und 015204742933
Infos gibt es hier: asylaub.wordpress.com

In der Jungle World ist ein Abriss über den Protest in Würzburg zu lesen. Derweil ist die 35. Pressemitteilung veröffentlicht. Kontakt: Baset Soleimani 0175/77247619; 0176/71080087 Infos: http://gustreik.blogsport.eu/

In Bamberg ist das Protestcamp auf dem Markusplatz bis zum 31.7 angemeldet. Für den 16.7 ist eine Demonstration um 17.00 Uhr vor dem Markusplatz angmeledet. Weitere Informationen und Kontakt: http://www.fluechtlinge-bayerns.com/index.html Phone: +49 (0)157 3408 6152, Email: Protesters.b@gmail.com

Ebenso möchten wir auf folgendes Anliegen aufmerksam machen:

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=24483
Zum Inhalt der Petition: Die Abschaffung von Gemeinschaftsunterkünften, Residenzpflicht und Essenspaketen. Einen Anspruch für jeden Asylbewerber auf einen Anwalt, einen zertifizierten Dolmetscher sowie Deutschkurse ab dem ersten Tag. Die drastische Verkürzung der Dauer der Antragsbearbeitung durch das BAMF. Die Möglichkeit, den eigenen Lebensunterhalt durch Arbeit zu sichern. Die Vereinfachung des Verfahrens um eine Studienerlaubnis zu erhalten und der Familienzusammenführung.

Außerdem gibt es hier ein hörenswertes Interview mit Cosmoproletarian Solidarity.

Randnotiz:
Nochmals wird das Versagen deutlich! In der Düsseldorfer Lokalpostille ist zu lesen, dass lediglich ein paar Occupy-Aktivisten und Leute der sogenannten Roten Antifa Essen im Unterstützerkreis tätig sind. Das es ein grundsätzliches Unbehagen in „unseren Kreisen“ gibt, ist schon lange klar und wurde leider nur zu selten angesprochen, doch mag man diesen Leuten wirklich das Feld überlassen? Das Elend zeigt sich dort, wo der längst hinfällige Begriff einer rassistischen Politik abermals die Runde macht, zugleich niemand anderes, der mit diesem Unvermögen einer solch falschen Kritik aufräumen könnte, die gleiche Arbeit der Antirassisten übernimmt.

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Würzburger Flüchtlingsprotest

Wir möchten auf einen Artikel von Good Paulman aus der anarchistischen Zeitschrift Gai Dào aufmerksam machen:
Provinz auf Weltniveau – Zum Kampf der iranischen Flüchtlinge in Würzburg (S. 13/14)

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Flüchtlingsproteste

Wegen der sich überschlagenden Ereignisse, eine kurze Übersicht der Proteste:

Würzburg

Hungerstreikende in Würzburg
Aub

Streikende in Aub
Bamberg

Streikende in Bamberg
Düsseldorf

Streikende in Düsseldorf
Osnabrück

Streikende im Schlosspark in Osnabrück
Regensburg

Kundgebung in Regensburg

Aus mehreren weiteren Städten haben Flüchtlinge bereits ebenfalls Proteste angekündigt.
In Leipzig, München und Berlin sind für die nächsten Tage Streiks angekündigt!


Wir rufen unsere Leserschaft auf, sich bei den Streikenden in der Nähe zu melden und diese möglichst breit zu unterstützen!


Demonstration in Leipzig

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Lacht ihr etwa über mich?

Ein Spiel für gesellige Anlässe
Nach Herrn Igel

Falls Sie einmal nicht wissen, was Sie mit ihren Freunden während das Alkoholtrinkens anfangen sollen, oder falls Sie sich keine andere Hilfe wissen, als den latenten Argwohn, der Sie von ihnen trennt, zu bewältigen, bietet sich dieses Spiel an.

So wird es gespielt: Mehrere Mitspieler sitzen am Tisch und amüsieren sich. Ein anderer Mitspieler tut nicht mit, sondern steht oder sitzt etwas getrennt, als ob er etwas anderes zu tun hätte.

Das Spiel beginnt damit, dass er den anderen den Rücken zuwendet. Ab diesem Moment lachen die anderen hörbar. Irgendwann, wenn es ihm zu bunt wird, dreht er sich zu ihnen, worauf sie sofort verstummen müssen.

Nachdem er sich umdreht, fragt er laut und mit möglichst vorwurfsvollem, entrüstetem oder traurigem Blick: „Lacht ihr etwa über mich?“

Die anderen müssen nun beteuern, nein, sie lachten nicht etwa über ihn, möglichst glaubhaft und vor allem, ohne lachen zu müssen. Wer als erster lachen muss, oder sich das Lachen nicht rechtzeitig verbeissen konnte, hat verloren und muss denjenigen, über den gelacht wird, ablösen.

Das Spiel ähnelt insofern dem Spiel „Armer schwarzer Kater“, als der, über den gelacht wird, es bis zu einem gewissen Grad in der Hand hat, durch möglichst unangebrachte Entrüstung, durch besonders jämmerliche Miene oder etwa hysterisches Überschnappen der Stimme die anderen zum Lachen zu bringen.

Es bedarf einer gewissen Disziplin, um zu funktionieren, erfüllt aber hervorragend den Zweck, das unabweisbare Gefühl, als machten sich die anderen insgeheim über einen selbst lustig, zu kanalisieren; welches Gefühl meistens mehr oder weniger gleichmässig und mehr oder weniger zu Recht alle befällt.

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Vermischtes (Heft II bzw I)

Im klassisch marxistischen Verhältnis von Überbau und Basis werden eigentlich zwei völlig verschiedene Verhältnisse vermischt: das der gesellschaftlichen Verhältnisse zu dem Bewusstsein, in dem sie sich ausdrücken; und das hierarchisch gedachte Verhältnis verschiedener gesellschaftlicher Verhältnisse, namentlich zwischen dem ökonomischen und dem politischen Verhältnis. Beide Verhältnisse sind falsch gefasst, aber das zweite ungleich fataler. Dass nämlich das ökonomische irgendwie materieller sein soll als die Politik, so als ob der Staat nicht auch materielle Realität wäre: dieser Irrtum brütet den Versuch, den Staat aus den ökonomischen Verhältnissen ableiten zu wollen, der willentlich oder nicht beides konserviert. – Bei den Perserkönigen oder Stauferkaisern ist das womöglich auch alles einmal so gewesen: Staat und Religion und alle gesellschaftlichen Verhältnisse bloss Überbau über der Tatsache der Auspressung bäuerlicher Arbeit. Unter dem Kapital kann davon nicht mehr die Rede sein. Das Kapital ist auch nicht die Ökonomie selbst. Sondern das Kapital stiftet einen Zusammenhang, in dem folgerichtig alles, selbst die ökonomischen Tatsachen, gleichzeitig Basis und Überbau wären; und zwischen ideologischen Formen und der wirklichen Produktion nicht mehr unterschieden werden kann. Der Tauschwert ist sowenig eine harte Tatsache, wie der Staat nur ein ideologischer Ausdruck; eine Schiffsladung Erdöl keine härtere als ein Credit Default Swap; alles das freilich nur auf Widerruf, solange die Krise nicht da ist, in welcher Krise allerdings die Verhältnisse der Vorgeschichte, der Naturaltausch, selbst der Metallismus wiederkehren, weil die Emanzipation von der Vorzeit nicht gelang. – Die Rede von Basis und Überbau verdeckt das, so wie sie den Zusammenhang zwischen den Verhältnissen und ihrem Bewusstsein verdeckt; denn jene Verhältnisse erschaffen sich doch, zumindest unter dem Kapital, immer nur vermittelt durch dieses Bewusstsein; Gesellschaft heute ist selbst ihre Ideologie.

Der Begriff der Geschichte steht in einem eigenartigen Gegensatz zu dem des Verhältnisses mit der Natur. Die Geschichte beginnt erst, wo nicht mehr der Naturzwang vorherrscht; sie ist sonst von der Naturgeschichte nicht zu unterscheiden. Die Absurdität dieser Geschichte zwänge uns nun, anzunehmen, menschliche Geschichte begänne damit, dass menschlicher Zwang an die Stelle des Naturzwanges tritt; damit wäre diese Absurdität aber irrevokabel in den Begriff der Geschichte eingelassen, und die erste Natur wiche schliesslich nur der so genannten zweiten. Marx hat bekanntlich für diese Zwischenzeit den Begriff der Vorgeschichte benutzt, von der er sagt, sie ende mit der kapitalistischen Produktionsweise. Unentschieden bleibt dabei, ob diese schon selbst der Geschichte zugehört; unentschieden nicht wegen der Schwierigkeit des Urteils, sondern weil diese Geschichte selbst nicht entschieden ist; das Kapital schafft jedenfalls alle bisherige Vorgeschichte ab und legt gewaltsam das, was Marx noch für die Voraussetzungen des Eintritts in die menschliche Geschichte halten konnte. – Alle anderen Gesellschaften der Vorgeschichte waren agrarische Gesellschaften, die direkt in ihrem Bestand von den Wechselfällen des Klimas abhängig waren; in der das tägliche Leben sich eigentlich seit dem Neolithikum sowenig geändert hatte wie die Werkzeuge oder die Bauart der Häuser; in der der Naturzwang immer noch vorherrschte, ohne dass natürlich den Menschen dafür das Erleiden menschlicher Willkür erspart geblieben wäre. Was aber den Bauern der Vorgeschichte geschah, war alles insgesamt nur eine Serie unbegreiflicher und zufälliger Heimsuchungen; Krieg, Feuer, Hunger ebensoviele sinnlose und einzelne Naturereignisse; unter dem Kapital tritt alles das zu einem übergreifenden Verhältnis zusammen, das als abschaffbar begriffen werden könnte, gerade weil es nicht unter blinder Not geschieht, sondern unter einem und demselben Bann; und sonst keine Entschuldigung mehr dafür denkbar ist.

Dass aber das, was geschieht, durchschaut, als menschliche Tätigkeit und nicht nur als blindes Naturgeschehen sichtbar gemacht werden kann, das alleine begründet die Hoffnung auf seine Veränderung, und macht das, was geschieht, erst zu der Geschichte der Menschen, das heisst ihrer Handlungen und nicht ihrer zufällig erlittenen Wechselfälle, ihrer Freiheit und nicht ihrer Not.

Notwendigkeit ist unter dem Kapital eine gespenstische Kategorie: notwendig ist allemal das, was nicht mehr nötig wäre, und das, was wirklich nötig wäre, ist auf gar keine Weise notwendig. – Sobald Not, Hunger, Elend nicht mehr sein müssten, nimmt die Unvernunft ihrer Fortdauer die Qualität objektiven Wahnsinns an.

Das Bedürfnis nach festen Kategorien, nach einem sicheren Boden, auf dem man steht, führt in die Irre; es wird von der Tücke des objektiven Prozesses ohne Mühe überwältigt werden, denn es reflektiert nicht auf die unheimliche Dialektik, die allen Begriffen innewohnt. Zuletzt liefert sich das Denken, wenn es diesem Bedürfnis zu weit nachgibt, ohnmächtig dem Gegenstand und dem Gang, den dieser nimmt, aus. Ein Beispiel aus der neueren ideologiekritischen Schule mag das beleuchten: so gilt dort allgemein zwar, und zu Recht, Carl Schmitt als Theoretiker des Faschismus, aber Souverän und Gewaltmonopol können ohne Widerspruch als Gegensatz dazu aufgestellt werden, als Garantien der Freiheit, als gäbe es jene Dialektik der Aufklärung nicht, deren Umschlagen man am Beispiel Schmitt doch zu studieren hätte; weil man gerne die abstrakte Republik gegen die Barbarei ausspielen möchte, statt einzusehen, dass z.B. Schmitt nicht zufällig beides, ein Staatsrechtslehrer der Republik und ein Ideologe des Nationalsozialismus gewesen ist. Begreifen, was nicht zu begreifen ist, oder vor dem Gegenstand kapitulieren: das kann man sich nicht einmal aussuchen.

Überhaupt ist es gar nicht einmal eine so einfache Frage, inwiefern Kritik verstehen oder begreifen überhaupt kann. Der Antisemitismus z.B. kann eigentlich nicht begriffen werden. Es ist ganz einfach völlig unmöglich, zu begreifen, warum die Nazis die Juden ermordeten, ja geradezu um dieses Mordvorhaben herum ihr ganzen Reich herum bauten. Will die Vernunft nicht davor kapitulieren, muss sie versuchen zu begreifen, ohne dass eine Erklärung, gar eine einleuchtende, jemals zu finden wäre. Wie sollte eine solche Erklärung auch zu finden sein, erklärte sie doch zumindestens das, was geschehen ist, für unausbleiblich? So etwas kann nicht erklärt werden, ohne ihm Vernunft unterzuschieben. Und nichts in aller bisherigen Geschichte kann davon unaffiziert bleiben: es kann von niemandem mehr so getan werden, als gäbe es für irgend etwas, was Menschen tun, Gründe, in denen das, was die Menschen tun, ganz aufgeht. Es bleibt ein irreduzibles Moment der Freiheit übrig, das eine zu tun und das andere zu lassen; kein Versuch, zu begreifen, kann davon absehen; so erschreckend der Gedanke auch ist, es muss gedacht werden, dass der objektive Prozess in seiner ehernen Zwangsläufigkeit sich gerade durch die für sich genommen freien Handlungen und Gedanken der Einzelnen hindurch herstellt, und die freie Tat und der freie Gedanke zunächst nichts anderes sind als die Elemente, aus denen das furchtbare, blinde Verhängnis gebaut ist. Dieses böse Paradoxon wird dadurch nicht erträglicher, dass es gerade in dem historischen Moment beginnt, sich zu entfalten, in dem die Einzelnen, wenn sie es denn wollten, wirklich die Wahl hätten, zu machen, dass alles anders sein soll. – Und doch begründet dies, weil es aus freier Tat herkommt, also nicht sein müsste, die Hoffnung eben darauf: dass es anders sein soll. Dieser Gedanke, der wohl allen bekannt ist, macht sich zuweilen mit gewisser Hartnäckigkeit geltend; ob er herbei zu zwingen ist, lässt sich bezweifeln; Notwendigkeit, was man so nennt, hat er wohl nicht; dass jedenfalls aus dem Versuch, ihn zu manipulieren, nichts gutes kommt, ist dagegen gewiss.

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Es kann,was begriffen werden kann, vielleicht überhaupt nur begriffen werden, indem es als abschaffbar begriffen werden kann; vielleicht ist der Moment, in dem die Abschaffung denkbar wäre, der einzige, in dem etwas begriffen werden konnte. Was aber, wenn dieser Moment schon vergangen ist? Es kann aber doch noch etwas begriffen werden; ist also jener Moment gar noch nicht vergangen?

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Wieder mal Würzburg

Danke an unsere Freundinnen und Freunde vom BiKri in Würzburg für „diese schöne Darstellung“ der neuesten würzburgischen Scheisse.

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Marg bar hishkas

Darüber, wer berechtigt ist, das Opfer des Lebens zu verlangen

1. Ortega y Gasset erwähnt irgendwo das denkwürdige Streitgespräch, das sich kurz nach dem Beginn des spanischen Bürgerkrieges bei einer Feierstunde zwischen dem zweideutigen Filosofen Unamuno (mal Sozialist, mal Monarchist, mal liberaler Demokrat) und Astray, dem General der Spanischen Legion entwickelt: um dessen Ausruf A bajo la intelligencia! Viva la muerte!

Das war die Parole der Spanischen Legion, einer sogenannten Elite-Einheit; die, wie es sich gehört, hauptsächlich gegen den inneren Feind eingesetzt wurde; viva la muerte, es lebe der Tod, der Ruf des Einverständnisses mit demjenigen, der das Opfer des Lebens verlangt, des eigenen gegebenenfalls, aber auch des Feindes: und das ist der Souverän, der die Revolution niederwirft, und gleichzeitig ein Aufstand gegen alles, was man einmal Vernunft genannt hat.

Dieses Pronunciamento gegen die Vernunft ist eigentlich die Erläuterung zu dem Pronunciamento gegen die Republik, das den Staatstreich wenige Wochen vorher begleitet hatte; es gibt seinen Inhalt wieder und das, was man von ihm zu erwarten hatte. Die Parole, „abscheulich und nekrofil“ (Unamuno), ist die Wahrheit des Staates, dieser „grossen Schlächterei“, diesem „einzigen Friedhof“ (Bakunin).

2. Ein paar Jahre vorher hatte Heidegger „Sein und Zeit“ veröffentlicht, mit dem Anspruch, die Filosofie auf einen neuen Grund zu stellen, sicherer als der prekäre des Decartes; und, wie sich zeigte, bestand der Haupttrick gerade darin, dasjenige, was das Individum ausmacht, auszustreichen und durch den Tod zu ersetzen; wie wenn der Tod das wäre, was den Einzelnen zu einem Einzelnen macht. Dieser Gedanke taucht bei Heidegger mehr oder weniger unbemerkt aus dem Kulissen auf und wird geschickt eingeführt, so dass er logisch aussieht; er ist es aber nicht, sondern ein ungeheuerlicher Verrat an den Einzelnen.

Der Trick funktioniert dadurch, dass der Tod als Negation des einzelnen Lebens erst scharf herausgearbeitet, und danach das Leben als ohne diesen Tod unvollständig konstatiert wird. Auf einmal ist dann das Leben erst ein ganzes mit dem Tod, anstatt dass der Tod als Grund dafür gefasst wird, dass das Leben nie ganz, immer ein Bruchstück sein wird. Die Sterblichkeit des Menschen ist nun in der Tat ein Einwand gegen alle diejenigen hybriden Fantasien, in denen dem menschlichen Leib eine ewige Seele gegenübergestellt wird, gegen die er nur eine schmutzige und unbedeutende Angelegenheit wird; alle Religionen haben auf dieser Hybris ihren Reinheitswahn aufgebaut. Allein dies ist bei Heidegger keineswegs gemeint. Das Leben ist nicht etwa wegen des Todes immer unvollständig, sondern es soll vollständig werden können, indem der Tod als „Möglichkeit des Ganz-Sein-Könnens“ begriffen wird.

Heideggers Lehre streicht die Erfüllung des Lebens aus, als ob Erfüllung im Tod zu finden wäre; so dass umgekehrt Erfüllung des Lebens vom Tod aus verstanden wird, also vom Nichts, und Individualität von der Einsamkeit dessen aus, der weiss, dass er sterben wird. Heideggers Lehre liquidiert den Gedanken eines erfüllten Lebens für die Einzelnen, und es ist nur scheinbar unklar, für welcher Sache Konto. Und das ist die Filosofie, die seit dem 20. Jahrhundert als respektabel gilt.

3. Sartre hat bekanntlich dagegen Einspruch erhoben; er will den Tod nicht als etwas fassen, was das Leben ganz macht, sondern was es zu einem absurden Bruchstück reduziert; und das ist ganz zweifellos grundsätzlich richtig, aber was folgt daraus? Ist das Leben der Menschen, solange der Tod in der Welt ist, deswegen immer und notwendig ein absurdes Bruchstück? Ist also die Idee des ewigen Lebens, das die Religionen versprochen haben, notwendig, um die Vernunft in der Welt nicht sofort zuschanden gehen zu lassen? Oder liesse sich denken, dass die Welt so eingerichtet werden könnte, dass die Absurdität des Todes nicht mehr notwendig alle menschlichen Dinge in Frage stellte; dass also ein erfülltes Leben denkbar wäre, in dem der Tod vielleicht etwas von seinem Schrecken verlöre, nicht etwa weil es danach, sondern, wie Biermann meinte, zur Abwechslung diesmal davor ein Leben gegeben haben könnte?

Die Frage berührt das, was Adorno einmal das ontologische Bedürfnis genannt hat. Diesem Bedürfnis lässt sich die Berechtigung nicht rundweg bestreiten. Gerade der unfassbare Zynismus, mit dem Heidegger die Möglichkeit von Erfüllung des Lebens mit dem Tod in eins setzt, nötigt zu einer Antwort; denn er hat sich ja nun nicht die Frage einfach bloss ausgedacht. Die Versagung jener Erfüllung hat Feuerbach als den, wenn man es so sagen will, Triebgrund der Religion bestimmt; der Atheismus hat aber nur Gott durchzustreichen vermocht, ohne die Erfüllung ins Diesseits holen zu können; der Preis dafür ist das Fortbestehen des metafysischen Bedürfnisses als ontologisches.

Die Religion kann man nicht ungestraft verneinen, wenn man ihre Versprechen nicht auch in irgendeiner Weise einlöst; viel zu tief ist sie in die menschlichen Dinge eingelassen, im Guten wie im Bösen.

4. Weder zur faschistischen Parole, noch zu Heideggers Zynismus scheint die Stelle nach Hosea 13,14 in der katholischen Karsamstagsliturgie recht passen zu wollen, in der es heisst: Tua mors ero, o mors; O Death, Thy Death I Will Be. Die katholische Kirche steht aber, wie sich zeigt, auf eigenartige Weise an der Wiege des Besten und des Schlimmsten: auch wenn dieser Satz ausspricht, dass der Tod ein Übel, ein Skandal ist, verklärt er ihn doch zum Eingang ins ewige Leben; dem Elend der Einzelnen verspricht er nicht, dass es besser wird, sondern dass alles nur eine, und sogar notwendige, Illusion ist, der Tod bereits überwunden, und das wahre Leben dann anfängt, wenn das wirkliche vorbei ist. Nicht nur ist das Elend damit gerechtfertigt, sondern noch der Tod.

Und dennoch enthält Religion, auch die katholische, noch eine Antithese gegen den Tod; eine Erinnerung daran, dass es mit diesem Stand der Dinge nicht getan sein könnte; die Feinderklärung an den Tod enthält auch eine Parteinahme, einen wenn auch hilflosen Trost, dass das alles nicht alles gewesen sein wird, dass es mit dem kurzen elenden Leben, das keine Spuren hinterlassen wird, sein Bewenden nicht haben wird. Darin findet die Erinnerung Zuflucht, dass es besser werden kann. Sowenig es zufällig ist, dass die Herrschaft sich mit dem Tod verbündet, sowenig zufällig ist das ewige Leben die Zuflucht der Bedrückten. (2)

5. Wie der Staatsstreich der Spanischen Legion, so reagiert auch Heideggers Filosofie auf die Revolution, deren eigenes Pronunciamento allerdings etwas älter ist, und in seiner deutschen Fassung etwa von Heinrich Heine formuliert worden ist: wir wollen hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten. Es ist seither öfter erneuert und aktualisiert worden, aber mit weniger Erfolg und weniger Recht; Sartre haben wir schon genannt; Camus hat die Solidarität aller Menschen gegen den Tod gefordert, wovon ein fernes Echo im iranischen Aufstand von 2009 zu hören war; und Benjamin sprach davon, dass die Toten noch gerettet werden könnten.

Carl Schmitt auf der anderen Seite schrieb nicht nur, dass der Souverän gegebenenfalls das Opfer des Lebens verlangen könne; sondern auch, an einer äusserst merkwürdigen Stelle in der „Politischen Theologie“, von der ihn offenbar zutiefst erschreckenden Idee eines „Verschwindens der politischen Idee“ zugunsten eines „paradiesischen Diesseits“ von „ problemloser „Leib“haftigkeit“, welches er als Bakunins, den er zum Satanisten erklärt, Ziel aufzeigt: das ist seine Feindbestimmung, die Todangst vor Vernunft und Freiheit, zu deren beider Zerstörung jedes Mittel recht ist.

Das heutige Europa, das so zivilisiert ist, dass es die Massengräber des spanischen Bürgerkriegs, mit dem alles anfing, nicht ausgraben will, will sich nicht einmal dann daran erinnern, auf welchem Grund es gebaut ist, wenn, wie 2005, die Erklärung der al Qa’ida zum Bombenanschlag in Madrid wie ein Echo der Worte jenes spanischen Generals klingen: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“; man streitet sich statt dessen lieber, ob der Jihadismus der al Qa’ida nicht vielleicht doch nur das Ergebnis von eineinhalb Jahrtausenden islamischer Geschichte ist anstatt ein Ausläufer der europäischen Katastrofe eines einzigen Jahrhunderts.

Der Tod, von dem sie reden, ist nicht der sogenannte natürliche, sondern der Mord; aber das stellt uns nur vor das Rätsel, dass der Mord, in solchen Dimensionen, in die Welt kommen musste, um zu verhindern, dass das Leben der Einzelnen heute, wo es vielleicht möglich wäre, ein besseres wird; eines, das diesen Namen vielleicht verdiente. Brecht lässt die Communarden beschliessen, „ein schlechtes Leben / mehr zu fürchten als den Tod“; das erscheint fast heiter heute, wo man weiss, dass es schlimmeres gibt; es ist getötet worden und wird getötet, damit der Tod seinen Schrecken nicht verliert.

Aus aller neueren Geschichte folgt, dass die Sätze Viva la vida und viva la muerte nicht zusammengehen; dass nicht gleichzeitig Erfüllung und Tod das sein können, was dem Leben den Charakter eines absurden Bruchstückes nimmt; dass ein Leben, das diesen Namen verdient, nicht koexistieren kann mit dem Souverän. Die Antwort, die hier gegeben werden müsste, hiesse: niemand hat das Recht, das Opfer des Lebens zu verlangen; oder, wie man dasselbe seit 2009 in zeitgenössischem Persisch kennt: marg bar hishkas, Nieder mit niemandem. Das wäre ein passendes Pronunciamento zu einer Revolution, die das, was hier bestritten wird, auch praktisch widerlegt.

1 Aischylos lässt in Prometheus, v. 250, diesen bei der Erschaffung des Menschen ihnen „blinde Hoffnungen“ einpflanzen, „so dass sie des Todes vergässen“; wieviel humaner ist sogar das, als die finstere Filosofie Heideggers, dem die offizielle Filosofie seinen Trick durchgehen lässt, und über den das zuständige zu sagen auch die inoffizielle meistens unterlässt.

2 Welches davon besser katholisch ist, kann man sich aussuchen.

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