Hoffnung?

Zum Schein des Vor-Scheins und den Problemen der Utopie
Von H.

Es gibt Zeiten, in denen die Not größer ist und Zeiten, in denen sie nicht groß erscheint. Ebenso gibt es Zeiten, die mehr Hoffnung in sich bergen, wie es auch Zeiten gibt, die grundlegend missmutig stimmen. Dass Not und Hoffnung im Bewusstsein der Menschen in einer konkreten Beziehung stehen, erscheint plausibel, die Frage nach dem Wesen dieser Beziehung ist es, die relevant ist und Fluchtlinien sowie Perspektiven einer Gesellschaftskritik aufzeigt. Ein Blick in Zeiten größter Not sollte zeigen, welche Auswirkungen eine solche Verhältnisbestimmung für die Gesellschaftstheorie hat.
Aus dem anfänglich relativ breiten Kreis um das Frankfurter Institut für Sozialforschung sollte sich im Laufe der 40er Jahre allmählich ein breites Feld an gesellschaftstheoretischem Denken herauskristallisieren, dessen Heterogenität nicht nur äußerlichen Umständen und persönlichen Querelen geschuldet war, sondern wesentlich auch dem subjektiven Umgang mit dem behandelten Material. Die Notlage mitsamt der Vertreibung, der viele Intellektuelle jenes Kreises durch die nationalsozialistische Barbarei ausgesetzt waren, bedeutete bekanntlich einen, bzw. den, Einschnitt in ihrem Denken und Leben – ganz deutlich im Fall Walter Benjamins, der sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, aber auch für Adorno und Horkheimer, denen die Emigration und der nationalsozialistische Terror nicht zuletzt einen neuen kategorischen Imperativ und damit verbunden die (Neu-)Ausrichtung ihrer Philosophie auf die Abwendung der Katastrophe brachte. Die Hoffnungslosigkeit der Situation zwang sie dazu, sich wenigstens um die Verhinderung des Schlimmsten zu bemühen.
Anders Ernst Bloch, der dem Institut anfangs auch sehr nahe stand und für Adornos Philosophie sehr prägend war.(1) Dieser befand sich – nicht zuletzt aufgrund seiner miserablen Englischkenntnisse und den damit verbundenen Schwierigkeiten, das Leben in der Emigration zu bewältigen – in einer nicht gerade hoffnungsstiftenden Situation, was ihn jedoch nicht daran hinderte, genau in jenen Jahren der Emigration weite Teile seines Hauptwerkes „Das Prinzip Hoffnung“ zu verfassen. Vielleicht war es gerade der messianische Geist seines früher sehr engen Freundes Walter Benjamin, der ihm den Optimismus gerade durch die Katastrophe hindurch bewahren ließ.
Blochs an Hegel und Marx orientierte Philosophie entbehrt großteils des düsteren, negativen Klangs, der etwa für Adorno so charakteristisch ist, stattdessen hangelt sie sich an Begriffen wie Utopie, Hoffnung, Vor-Schein etc. entlang und versteht sich selbst als eine Erweiterung der Marx‘schen Theorie: eine Art marxistische „Kritik der praktischen Vernunft“, sozusagen die moralphilosophische Ausarbeitung der Marx’schen Analyse.(2) Elementar sind dabei für Bloch zwei Komponenten: 1. Das Naturrecht, welches gelöst von metaphysicher Begründung auf die Erlangung menschlicher Würde zielt und 2. die Utopie, die auf den besseren Zustand jenseits des Leids hinweist. Einer der Anknüpfungspunkte an Marx ist also für den gerade genannten ersten Aspekt, „dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also (…) [der] kategorische(…) Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“(3) In den Forderungen des Naturrechts findet Bloch eben jenen Weg angelegt, der den Menschen den „aufrechten Gang“ lehrt gegen jene Umstände, die ihn in Abhängigkeiten und die Unmündigkeit werfen. Mit einer nicht ganz unproblematischen Rede von der ‚Natur des Menschen‘ versucht er die Idee eines allgemeinen Menschenrechts zu entwickeln, die emanzipatorischen Charakter haben und etwa über rechtspositive Menschenrechte hinausgehen soll, was er wie folgt betont: „Aber freilich, indem das Privateigentum zu den unveräußerlichen Menschenrechten gezählt wurde, konnten diese selber an den Kapitalismus veräußert werden, an eine viel radikalere Entäußerungsmacht als der Despotismus, gar als die ständische Vertretung.“(4)
Für den zweiten Aspekt, also die Utopie – im Speziellen die Sozialutopie – entwickelt Bloch eine neue Konzeption, die er zunächst von abstrakten Utopien, wie etwa der im luftleeren Raum konstruierten Welt des Schlaraffenlandes, abgrenzt. Derartige „Wolkenkuckucksheime“ brächten keinerlei emanzipatorischen Fortschritt, vielmehr bedürfte es einer strengen Ausarbeitung von Utopien, die nicht losgelöst von der Faktizität erreichbar sei. Die „konkrete Utopie“, wie Bloch sie ausarbeitet, folgt seiner Ontologie des Noch-Nicht, welche er wiederum in Anlehnung an das psychoanalytische Theorem des Noch-Nicht-Bewussten entwickelt. Es gebe im Hier und Jetzt Tendenzen und latente Hinweise auf eine bessere Einrichtung der Welt. In der Ausgabe 0 (Tiger) dieses Blattes schrieb Aquilah Chalid in der Analogie der Gesellschaft als eines Spiegelkabinetts: „Es weist Fehler auf; Fehler, die bei günstiger Sonneneinstrahlung zu gegebenem Zeitpunkt als Risse in den unzähligen Spiegeln erscheinen, Risse, die einen grob erahnen lassen, was sich hinter den Trugbildern verbergen könnte.“ Ähnlich verläuft die Argumentation Blochs, der in diesem Zusammenhang vom „Vor-Schein“ spricht. „Derart ist das bisher Wirkliche sowohl vom ständigen Plus-ultra essentieller Möglichkeit durchzogen wie an seinem vorderen Rand von ihr umleuchtet.“(5) Mit derart fast romantischen Bildern versucht Bloch anzudeuten, dass die Möglichkeiten nur erkannt und ergriffen werden müssen, um dem Vor-Schein entgegenzugehen. Wesentlich dazu wäre einerseits die Willenssetzung, dieses bessere Leben zu erreichen, andererseits die Fähigkeit zum „aufrechten Gang“ und somit die gezielte Praxis des mündigen Subjekts nach dem Motto: „es soll so sein, es muss so werden.“(6)
Entgegen der bisherigen Utopien ist es eben nicht einfach Blochs Ansinnen, eine möglichst phantasievolle Gegenwelt zu entwerfen, sondern aus den Umständen des „schlecht Vorhandenen“ reale Möglichkeiten herauszulesen, ebenso verwehrt er sich gegen einen Automatismus, der ohne das aktive Eingreifen des Subjekts auskommt. Schließlich – und hier gerät er in einen Konflikt etwa mit der Theorie Adornos – setzt Bloch dennoch ein „antizipierbare Gelungenheit“(7) voraus, die dem Drängen des Subjekts Kraft verleiht. Hier offenbaren sich Probleme, geht man mit Adorno davon aus, dass eine solche Antizipation unter das „Bildverbot“ fällt und zwar aus guten Gründen. Eines der Hauptprobleme, das das verdinglichte Bewusstsein in dieser Zeit mit sich bringt, ist, dass die Gesellschaft so, wie sie ist, als unwandelbar und von Natur aus so gegeben gilt – ein Umstand, den Georg Lukács in seinem berühmten Verdinglichungsaufsatz mit dem Terminus „zweite Natur“ bezeichnete.(8) Erstellten wir nun ein konkretes Bild von der gelungenen Gesellschaft, so sähen wir uns erneut mit eben derselben Starre konfrontiert, wo doch emanzipatorischer Kampf in einer (wie auch immer sie konkret dann aussehen mag) befreiten Gesellschaft münden sollte. Zwar heißt es auch bei Adorno: „Nur dem, der Gesellschaft als eine andere denken kann denn die existierende, wird sie (…) zum Problem“(9), dennoch bestehe bei einem konkreten Bild jener anderen Gesellschaft die Gefahr, die bestehende nur zu reproduzieren. Der Vor-Schein Blochs und ebenso die Sonnenstrahlen durch die dichroitischen Spiegel bleiben per defnitionem eben Schein und sind nicht zwingend die Erscheinung des Wesens einer befreiten Gesellschaft.
Umgekehrt: was wir erfassen können ist aber die Erscheinung des Wesens der falschen Gesellschaft. Anstatt im Vagen zu stochern und der Frage nachzugehen, was denn genau der Mensch sei, bietet sich in der negativen Annäherung wohl ein fruchtbareres Modell: „Wir mögen nicht wissen, was das absolut Gute, was die absolute Norm, ja auch nur, was der Mensch oder das Menschliche und die Humanität sei, aber was das Unmenschliche ist, das wissen wir sehr genau.“(10) Es ist demnach notwendig, nicht aus einem phantastischen Konstrukt heraus, sondern aus der bestimmten Negation des offensichtlich – sowie des verschleierten – Falschen einen kritischen Spiegel zu entwickeln. Das heißt aber im Bezug auf die eingangs formulierte Frage, dass der Not keine schlicht optimistische Hoffnung gegenübergestellt werden darf, sondern dass wir uns des Dilemmas gewahr werden müssen, in dem wir uns befinden und nur aus diesem heraus – ex negativo – hoffnungsvolle, utopische Elemente bestimmen können. Schließlich muss das Ziel dennoch sein, dass das Ganze anders sei. Modelle und Anregungen sowie Konsequenzen für die Utopie im Allgemeinen können hier abschließend nur thesenhaft formuliert werden:
Die Funktion der Utopie besteht in der Kritik des Bestehenden
Die Utopie darf nicht zu einem starren Bild verkommen, um nicht selbst eine Ideologie zu werden
Jede Teleologie eines automatische Fortschritts und jede Hoffnung auf einen solchen wurde nicht zuletzt durch Auschwitz widerlegt
Trotz allem darf die Hoffnung (oder wie Chalid formulierte: die Sehnsucht) auf ein besseres Ganzes nicht aufgegeben werden – sie darf gerade deswegen nicht an ein falsches Bild, einen neuen Schein verkauft werden.
Für Adorno steckt utopisches Potential in der Kunst, welche durch Mimesis an die Herrschaft eben diese bloßstellt(11) und somit die „Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwing[t], daß[sie] ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“(12) (Das Verhältnis Ästhetik-Utopie bei Adorno wäre weiter auszuführen)

Fußnoten:
(1) Vom Frühwerk Blochs schriebt Adorno etwa „nie etwas geschrieben zu haben, was seiner nicht, latent oder offen, gedächte.“ In: Adorno: Noten zur Literatur, S. 557.
(2) Vgl. Bloch in Über Ernst Bloch, S. 93.
(3) Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: MEW 1, S. 385.
(4) Bloch: Naturrecht und menschliche Würde, S. 78.
(5) Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 275.
(6) Ebd. S. 167.
(7) Ebd. S. 169.
(8) Vgl. Lukács: Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats; in: ders.: Geschichte und Klassenbewusstesein, S. 174.
(9) Adorno: Zur Logik der Sozialwissenschaft; in: ders.: Soziologische Schriften I, S. 564.
(10) Adorno: Probleme der Moralphilosophie, S. 261.
(11) Vgl. Adorno: Ästhetische Theorie, S. 428 ff.
(12) Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: MEW 1, S. 381.

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Ein Riss ist in der Welt

Die Romantische Schule und die Avantgarde Teil I
Von Jörg Finkenberger

Was man moderne Kunst nennen kann, beginnt mit der Romantik und ist undenkbar ohne die Geschichte der Revolution, deren Teil und Ergebnis sie ist; dass in Deutschland Romantik und Revolution auseinandergefallen sind, ist gleichzeitig Anzeichen des spezifischen deutschen Elends wie Vorzeichen des Scheiterns der Revolution im allgemeinen. Die moderne Kunst ist so tot, wie die Revolution, und bleibt lebendig nur in dem Sinne, dass sie uneingelöst geblieben ist; ansonsten ist sie Objekt der Betrachtung, von dessen Ausbeutung die Wissenschaft, das Kunsthandwerk und jede nur denkbare sonstige Ideologieproduktion leben können.

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Was einer wie Hölderlin einmal geschrieben hat, ist schutzlos den schönen und anderen unreinen Geistern preisgegeben, den schwäbischen Dichterschulen zweier Jahrhunderte, den Erweckungsbewegungen um 1914, der Literaturwissenschaft nicht zu vergessen; und zuletzt nimmt unwidersprochen einer wie Heidegger ihn zum Material, weil die Revolution zu machtlos ist, ihre Leute zu verteidigen.

Und noch während des Bürgerkriegs, in dem der französische Staat 1871 die pariser Bevölkerung unterwarf, umriss Arthur Rimbaud in einem Brief an Demeny eine Theorie einer modernen Kunst; er verglich die neue Kunst darin mit der der klassischen Antike und hielt als entscheidenden Unterschied fest: „En Grèce, ai-je dit, vers et lyres rhythment l’Action. (…) La Poésie ne rhythmera plus l’action, elle sera en avant.“(1)

Die ältere Kunst war nun in der Tat an den Ritus gebunden, noch die Komödien des Aristofanes hatten sakralen Charakter. Die Dichter waren hoch geehrte Handwerker wie die Töpfer, und wenn auch einzelne Künstler aufständisch wurden, so doch niemals ihre Verse. Die Dichtung diente im allgemeinen dem Kultus, und dieser war in der Welt vor dem Kapital das einzige halbwegs übergreifende Verhältnis, welches für die gesellschaftliche Praxis eine Art Synthesis abgab.(2) Die moderne Poesie kann nicht mehr, wie die frühere, als deren klassische Form die des antiken Griechenland benannt wird, sich dazu verstehen, sich in den Rhythmus, in die Ordnung der Dinge einzufügen und diese zu begleiten; die moderne Kunst kann nicht mehr so tun, als stünde sie in Einklang mit der gesellschaftlichen Praxis. Sie steht ihr gegenüber in Opposition. Sie ist ein greller Einspruch gegen diese Praxis.

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Eine recht genaue Beschreibung dieses Zustandes findet sich schon früher, bei Heinrich Heine, in den „Bädern von Lucca“ Kap. 4, wo ein gewisser österreichisch-italienischer Graf Heine vorwirft: „Sie sind ein zerrissener Mensch, ein zerrissenes Gemüt, sozusagen, ein Byron.“ Heine fährt fort: „Lieber Leser, gehörst du vielleicht zu jenen frommen Vögeln, die da einstimmen in das Lied von byronischer Zerrissenheit, das mir schon seit zehn Jahren, in allen Weisen, vorgepfiffen und vorgezwitschert worden, und sogar im Schädel des Marchese, wie du oben gehört hast, sein Echo gefunden? Ach, teurer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber, daß die Welt selbst mitten entzweigerissen ist.“ Und weiter: „Einst war die Welt ganz, im Altertum und im Mittelalter, trotz der äußeren Kämpfe gab’s doch noch immer eine Welteinheit, und es gab ganze Dichter. Wir wollen diese Dichter ehren und uns an ihnen erfreuen; aber jede Nachahmung ihrer Ganzheit ist eine Lüge.“(3)

Die vorherige Ganzheit der Welt freilich war auch eine Lüge, und zwar eine Grundlüge der Romantischen Schule. Diese Schule, über die Heine das massgebende Buch auch selbst geschrieben hat, hat aber immerhin als erste zu einem Bewusstsein dieses Risses gefunden; und Heine, ihr grösster Schüler, hat es als erster ausgesprochen. Der Riss, der durch die Welt geht, das ist noch der Riss, von dem Brecht schreibt in dem Lied von dem Regen, der nach unten fällt. Und schon dieses Lied war hilflos gegen diejenige Macht, gegen die es geschrieben wurde; dieselbe Macht, für die Heidegger arbeitet, der alles dafür tut, diesen Riss zum verschwinden zu bringen.

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Heidegger schreibt GA 13, 225 ff. über die genannten Zeilen von Rimbaud, und so widerlich es mir ist, muss ich doch ein bisschen daraus zitieren, weil man heute auch in unserer Partei nicht erwarten kann, dass die Methode dieses Denkers wirklich durchschaut worden ist. Heidegger schreibt: „Was heißt: Die Sprache der Dichtung bringt das Wirkliche in ihren Rhythmus im Sinne des Gleichmaßes? Die absolut modeme Dichtung soll dagegen nicht mehr unter diesem Auftrag stehen, »sie wird im Voraus sein«.

Ist das »en avant« nur zeitlich zu verstehen? Wird die Sprache der Dichtung voraussagend, mithin prophetisch, das Kommende voraus-sehen, aber als Dichtung gleichwohl auch im Rhythmus sprechen?

Dürfen wir, Rimbaud’s Wort bedenkend, vielleicht sagen: Die Nähe des Unzugangbaren bleibt die Gegend, dahin die selten gewordenen Dichter einkehren, dahin sie nur erst weisen? Dies jedoch in einem Sagen, das jene Gegend nennt. Muß dieses Nennen nicht ein Rufen sein, das in die Nähe des Unzugangbaren ruft und rufen kann, weil es »zum voraus« in diese Nähe schon gehört und aus diesem Gehören das Ganze der Welt in den Rhythmus der dichtenden Sprache bringt?“ – Man muss solchen gespreizten Unsinn tatsächlich im Zusammenhang zitieren, damit er wirklich unbegreiflich wird.

Heidegger schafft es in wenigen Sätzen mühelos, die Sätze Rimbauds ganz um ihren sehr spezifischen Sinn zu bringen, um ihnen dabei einen ganz anderen, erlogen allgemeinen Sinn unterzuschieben. Zuletzt scheint der Dichter fast zu einem Vorläufer Heideggers zu werden, zu einem Profeten, dem Heideggers kryptofaschistische Vision in den Mund gelegt werden; und das anhand einer Stelle aus einem Brief, der beginnt mit einer glühenden Erklärung der Verbundenheit mit der pariser Commune!

Die Methode funktioniert, weil sie gar nicht von der Kunstfertigkeit und intellektuellen Fähigkeit Heideggers abhängt, sondern weil der spezifische Sinn, von dem wir sprechen, schon wirklich untergegangen ist.(4) Dafür haben Konterrevolution und Nationalsozialismus gesorgt. Und heute kann jeder Ideologe Heine oder Hölderlin oder Rimbaud zitieren, ohne sich fürchten zu müssen, die Worte könnten sich gegen ihn wenden. Heideggers Filosofie ist hier nur ein ganz allgemeines Beispiel; seine Methode ist allgemein verbreitet, und man könnte staunen, wenn man wüsste, bis in welche Kreise.

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Es hat sich mit der modernen Kunst. Sie ist so tot oder so lebendig, so weit gerade die Erinnerung daran, dass es alles anders sein könnte, noch trägt. Ihr Rückfall in den Konformismus, der in der Warenform der Kunst schon angelegt ist, ist bisher nicht aufgehalten worden; wie könnte er auch? Die Welt ist noch immer die, die sie 1871 war, nur seitdem über alle Einwände schon längst hinweggegangen. Der Ehrgeiz, etwas neues und originelles zu tun, ist sinnlos; er läuft darauf hinaus, das Erbe der Revolte noch einmal auszubeuten, um im Betrieb etwas zu gelten. Dass Rimbaud heute ein moderner Klassiker genannt werden kann, ist eine bündige Widerlegung der naiven Hoffnung, als hätten Worte oder selbst Taten noch Folgen. Und wenn sie keine haben, werden die Geschichte und die Macht recht behalten haben, und mit ihnen ihre Ideologen, von welchen Heidegger nur der berühmteste ist.

Der Riss ist aber noch in der Welt, und solange das noch jemand weiss, ist Rettung noch möglich. Es ist Aufgabe der materialistischen Kritik, von diesem Punkt aus den Angriff auf die Ideologie vorzubereiten, aber es ist nicht zu sehen, wer sich dieser Aufgabe annehmen wollte, und kaum, wer sie auch nur begreifen wollte.(5)

1 „In (dem antiken) Griechenland, habe ich gesagt, rhythmieren Vers und Lyra die Handlung bzw. die Praxis. (…) Die Poesie wird nicht mehr die Handlung/Praxis rhythmieren, sie wird ihr voraus sein.“ – Dass es das Wort „rhythmieren“ nicht gibt, sei dem geneigten Leser geschenkt.

2 Dieser Satz ist keineswegs richtig, aber ich sehe nicht, wie im Rahmen dieses Artikels folgender Gedanke eingebaut werden könnte, der aber für den hier entwickelten Gedanken unverzichtbar ist: ein Prinzip vernünftiger gesellschaftlicher Synthesis gibt es nicht, nicht unter dem Kapital und noch weniger unter den anderen Kulten der Vorgeschichte. Alles, was als Synthesis gilt, besteht gerade, weil es keine gibt. Kunst ist immer falsch, soweit sie in solchen Verhältnissen dient. – In den Gesellschaften der Vorgeschichte gibt es ohnedies nicht einmal ein übergreifendes Verhältnis, wie man leicht zeigen kann, nicht einmal eine Gesellschaft, sondern nur einzelne Momente davon.

(3) Es sagt viel über den zwischen Klassizismus und Revolution eigenartig festklemmenden deutschen Romantizismus, wenn jemand wie Heine einen derart unwahren Gedanken fassen kann: dass das, was noch viel weniger „ganz“ war als die Welt unter dem Kapital, gerade „ganz“ gewesen sein soll. Der Riss ging damals gerade so sehr durch die Welt, nur waren es viel mehr Risse, und es war völlig undenkbar, dass es jemals anders sein könnte. Niemand in Mittelalter, Antike oder Bronzezeit hätte übrigens gedacht, sein Zeitalter wäre besonders „ganz“; auch dass man so etwas projizieren kann, wirft auf die deutsche Revolution schon im 19. Jhd. einen unheimlichen Schatten. – Bei Heine können freilich Kompromiss oder Ironie nie ausgeschlossen werden.

4 Das „en avant“, dem Heidegger eine mystische Bedeutung abpresst, ist das avant in Avantgarde, mit welchem Wort sich moderne Kunst gerne zu bezeichnen pflegt; und hört sehr schnell wieder auf, besonders mystisch zu sein, wenn man diese Avantgarde als eine erzwungene Isolation versteht, die ihrer Zeit nur in dem Sinne „voraus“ ist, als diese die vernünftige Veränderung hintertreibt. Weil die Zeit ihren Möglichkeiten hartnäckig und gewaltsam hinterher blieb, scheint es, als ob, wer auf die Einlösung dieser Möglichkeiten besteht, ihr voraus wäre. Sie hat fürs erste einen anderen Weg eingeschlagen; und zwar einen, bei dem man sich lieber nicht nachsagen lassen möchte, ihr auch noch voraus gewesen zu sein.

5 Heutzutage streitet man über die These Debords zur Aufhebung der Kunst, als hätte man die zu ihrer Verwirklichung vergessen; die einen positiv, die anderen negativ; und beide bleiben im Rahmen der Beschränkung, die er vorgegeben hat, rätselhafterweise auch die, die ihn mit Adornos Ästhetischer Theorie kritisieren wollen. Den einen ist Kunst nichts anderes als Spektakel, den anderen Refugium; die Kunst aber, von der in diesem Selbstgespräch die Rede ist, scheint unbekannten Aufenthalts zu sein; spätestens das macht jenes Selbstgespräch selbst als Ideologie kenntlich.

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Meditationen anlässlich Wolfgang Pohrt: Kapitalismus Forever

I.

Wolfgang Pohrt hat einen Essai geschrieben. Er kümmert sich darin nicht weiter um Widerspruchsfreiheit und handelt recht viel ab. Aber im großen und ganzen geht es um die Chancen des Kommunismus heute, und das Ergebnis ist, wie kaum anders zu erwarten, eher nüchtern oder – sofern man noch oder schon von der Idee des Kommunismus trunken ist – ernüchternd: „Tatsache ist, dass wir in diesem Augenblick nicht wissen, ob ein ‚Verein freier Produzenten‘ oder ‚Verein freier Menschen‘ – Marxens Umschreibung für das was Kommunismus wäre – möglich oder der Kapitalismus unvermeidlich ist.“ Soweit nicht besonders originell. Der Grund ist folgender: Der Kapitalismus brachte einerseits das Kunststück fertig, die Menschen des gesamten Erdballs in produktiven Kontakt zu bringen und so haben wir heute eine weltweite Arbeitsteilung innerhalb eines gewaltigen Organismus, der in der Erde gräbt, allerlei Bewegung freisetzt, mit ihr wiederholt den Naturstoff umformt – ihn sägt, schneidet, schmilzt, verschraubt, verlötet – bis die Natur plötzlich das Aussehen eines Computers oder auch nur eines Küchenmixers hat. Andererseits ist dem Kapitalismus das durch ein Prinzip gelungen, bei dem weder die Einzelnen noch das Kollektiv der Menschen ihren eigenen Produktionsapparat als Ganzes überblicken oder gar planen. Es war bekanntlich nicht die freie Übereinkunft, die zu dieser Arbeitsteilung führt, sondern die Konkurrenz, der Profit und nicht zuletzt allerlei staatliche Maßnahmen.
Jetzt haben wir den Salat: Einerseits einen gigantischen Maschinenpark, bei dem alle Teile mit allen auf falsche Weise verschränkt sind, von dem aber alle auf Gedeih und Verderb abhängen. Andererseits lauter gegeneinander und ihrem Produkt gegenüber gleichgültige Produzenten, die nach wenig anderem fragen als nach Lohn. Ausgerechnet diese Befehlsempfänger sollen sich nun daran machen, ihre Reproduktion frei umzugestalten, ohne dass dabei die allgemeine Versorgung zusammenbricht – in vielen Landstrichen muss sie sogar erst hergestellt werden. Die Schwierigkeiten springen ins Auge und ich kenne keine, die davon im Ernst auch nur spricht.

II.

Mr. Kapitalismus – dieser jenseitige Dämon – ist dabei nicht einmal besonders beliebt, er erscheint nur alternativlos. Sofern jemand nicht an den Kommunismus glaubt, mag er ein wenig gottlos sein, vielleicht fehlt es ihm an Nächstenliebe, aber Angesichts dessen, was die Idee des Kommunismus realiter bedeuten würde, ist jeder Zweifel angebracht. Daher Pohrt: „Wenn Zweifel an der Idee des Kommunismus unterdrückt und verscheucht werden müssen, verwandelt sich diese Idee in einen reinen Glaubensgrundsatz.“ Gut, der Kommunismus ist ein Heilsversprechen: Jede nach ihren Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen. Und wenn man daran glauben muss, so muss man auch daran zweifeln.
Der französische Klugscheißer René Descartes z.B. war Meister im Zweifeln; er zweifelte an allem. Das vorläufige Ergebnis war, dass er „wie nach einem unvorhergesehenen Sturz in einem tiefen Strudel so verwirrt“ wurde, dass er „weder auf dem Grunde festen Fuß fassen, noch zur Oberfläche emporschwimmen“ konnte. So hat Descartes ein wenig meditiert und am Ende wieder Land gesehen. Insbesondere hat er festgestellt, dass eine Idee – er nennt sie Gott, wir lieber Kommunismus – in seinem Kopf entstanden ist, die unmöglich seiner subjektiven Idiotie entsprungen sein konnte, da sie jenseits unserer individuellen Vorstellungskraft liegt. – Klaviere, Trüffel, Automobile, so viele man braucht und unabhängig von der individuell ausgeübten Arbeitsleistung: „Dies alles ist nun in der Tat so vorzüglich“, sagt Descartes, „daß mir dessen Abstammung aus mir allein um so weniger möglich erscheint, je sorgfältiger ich es betrachte. Man muß daher aus dem zuvor gesagten schließen, dass der Kommunismus notwendig existiert.“ Warum sonst sollten sich so viele Leute so viele Phantasien von einer möglichen Erlösung gemacht haben, auf dass wir endlich nicht mehr im Schweiße unseres Angesichts arbeiten und unter Schmerzen gebären müssen, vielmehr auch vom Baum des Lebens essen können, wo wir von der Erkenntnis bereits gekostet haben? (Vgl. Offenbarung des Johannes, 2, 7 und natürlich Genesis 3, insbesondere 3, 22) Warum sollte Jesus gesagt haben: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben viel mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unterm Himmel an: sie sähen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und eurer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Warum nicht deshalb, weil diese Idee existiert. – Zumindest als Möglichkeit.

III.

Aber genauer. Was genau soll so vorzüglich sein, dass aus der reinen Tatsache, dass wir es denken, schon folgt, dass es auch existiert? Welches Eisen ist so heiß, dass es auch von den erklärten Kapitalismuskritikern nicht angefasst werden will und von dem auch die Linksradikalen aller Schattierungen im wesentlichen lieber schweigen? Pohrt meint, man solle weniger Marx lesen, insbesondere nicht das „Kapital“. Das würde einen nur zu sehr zu Kopfe steigen, und am Ende hätte nichtmal Marx mehr gewusst, ob es die Menschheit schaffen würde, dafür aber ein verselbstständigtes Produktionsverhältnis mehr oder weniger genau ausgeleuchtet. Allerdings gibt er auch folgenden Hinweis: „Als Marx mit der Arbeit begann, da glaubte er, befeuert vom revolutionären Elan dieser Zeit zu wissen, was Kommunismus wäre.“ Was war also der Feuerglauben des jungen Marx? Man kann es z. B. in den Werken Band 3 rund um die Seite 67 nachlesen, einem zu Lebzeiten nie veröffentlichten Manuskript Marxens. Also um was geht es?
Ausgangslage: „Die Produktivkräfte erscheinen als ganz unabhängig und losgerissen von den Individuen, als eine eigene Welt neben den Individuen, was seinen Grund darin hat, daß die Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplittert und im Gegensatz gegeneinander existieren, während die Kräfte andererseits nur im Verkehr und Zusammenhang dieser Individuen wirkliche Kräfte sind.“ Das sollte so ähnlich oben schon stehen: Sie wissen es nicht, aber sie tun es. Was sie wissen, ist, dass ihnen jemand eine Mohrrübe vor die Nase hält und sie dieser durch Gehorsam und Arbeit hinterherjagen müssen, um wenigstens genug Bissen zum leben zu haben; und selbst wenn sie wirklich genug Bissen davon abbekommen, so bleiben sie ewig unbefriedigt, weil sie durch die Rübe motiviert werden. Der Rest ist ihnen egal, der stellt sich irgendwie her.
Daher muss es eine Revolution geben: „Die Individuen müssen sich die Totalität der Produktivkräfte aneignen.“ Was durch die unsichtbare Hand automatisch geregelt wird, soll nunmehr nach den Nöten und Wünschen der Gattung geschehen. Der Anreiz, den Marx gibt, ist nicht von der Hand zu weisen: Wir würden dadurch zu unserer „Selbstbestätigung“ kommen, indem wir die mannigfaltige Natur in freier Übereinkunft umformen und uns dadurch angenehm machen. Wir, das ist das Proletariat, dieses bekanntermaßen zersplitterte und schwer zu bestimmende Viech, dem man momentan sagt, was es zu tun hat, sofern es was zu tun hat.
Da wir nun bereits eine Welt voller Industrie haben – Marx sagt, die „zu einer Totalität entwickelten und nur innerhalb eines universellen Verkehrs existierenden Produktivkräfte“ –, so muss die Aneignung dieses Maschinenparks „einen den Produktivkräften und dem Verkehr entsprechenden universellen Charakter haben.“ Sprich ohne Weltrevolution geht es nicht. Geht Berlin auf die Barrikaden, zahlen sie vielleicht dort keine Strom- und Gasrechnung mehr, und so sehr man das dem Bewegungskonzern – Gasag, Bewag oder wie er gerade heißt – gönnen würde, stellten vielleicht die Russen die Lieferung ein und Berlin wäre im Winter kalt, sofern man sich nicht mit den Russen ins Einvernehmen setzt.
Um zu einer solchen neuen Kooperation überhaupt fähig zu werden, schließt Marx daher, müssen sich die Individuen radikal ändern: „Die Aneignung dieser Kräfte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung der den materiellen Produktivinstrumenten entsprechenden individuellen Fähigkeiten. Die Aneignung einer Totalität von Produktionsinstrumenten ist schon deshalb die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst.“ Eben noch asozial und mehr so durch das „automatische Subjekt“ „hinter ihrem Rücken“ vergesellschaftet, schon die allein verantwortlichen Herren der Produktion, und ganz Kairo will Essen und Nairobi auch. Das Ganze ohne Geld, Profit und Staat.
Die Revolution ist daher nach Marx nicht nur nötig, weil sich die Bourgeoisie hinter ihrer Polizei verschanzt und partout nicht freiwillig einer freien Ordnung weichen wird, sondern weil nur diese gesellschaftliche Explosion überhaupt die im Menschen schlummernde potentielle Energie freisetzen würde, die es braucht, um aus der Erde ein Paradies zu machen. Nur der Rausch der Revolution kann überhaupt „die zur Durchführung der Aneignung nötige Energie des Proletariats“ entwickeln. Marx hat die Sache nämlich wirklich wissenschaftlich betrachtet und hielt nichts von den Proleten, wie sie sind. Also ist eines der Resultate seiner Geschichtsauffassung, „daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.“ – Halleluja!

IV.

Man kann die Möglichkeit einer solchen Revolution mit Descartes für erwiesen halten. Aber, so sagte ein deutscher Denker vor über 200 Jahren: 100 eingebildete Taler sind nicht mit 100 Talern zu verwechseln, die man wirklich in der Tasche hat. Die vorzüglichen Grillen etwa von Jesus transzendieren alle Vorgeschichte, aber wie sieht es mit ihrer Umsetzung aus? Man hat diesen Jesus ans Kreuz genagelt, seine Jünger haben ihm im Stich gelassen und ihm blieb nur zu fluchen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden kämpfen“.
Auch Descartes hatte den Kommunismus nur spekulativ bewiesen, indem er – wie oben angedeutet – sagte, dass solch eine erhabene Spinnerei einfach existieren muss. Was ihre Realisierung angeht, blieb er zurückhaltend, kann sie sich aber immerhin vorstellen: „Doch vielleicht bin ich etwas mehr, als ich selbst weiß, und sind alle die Vollkommenheiten, die ich dem Kommunismus zuschreibe, als Möglichkeiten in mir irgendwie angelegt, wenngleich sie sich noch nicht entfalten und noch nicht zur Wirklichkeit gelangt sind. Mache ich doch die Erfahrung, daß meine Erkenntnis schon jetzt langsam wächst. Auch sehe ich nicht, was im Weg stünde, daß sie so mehr und mehr wüchse bis ins Unendliche und warum ich nicht mit so gewachsener Erkenntnis alle übrigen Vollkommenheiten des Kommunismus sollte erreichen können.“ Aber er verwirft das sofort wieder, vernachlässigt aber die kollektive Kraft, die durch die sich frei vereinigenden Individuen entstehen könnte.
Auf diese hofft Marx, und seine Variante des jüngsten Gerichts ist die schönste. Aber wie gesehen war er bezüglich seines wundersamen Proletariats eher skeptisch und behalf sich daher mit der segensreichen Wirkung einer anhaltenden Revolte und Umwälzung auf die Subjekte selbst. Sprich: die Produzenten sollen sich mutig ins Feuer werfen und der Rest folgt dann irgendwie. – Heute reden nur die Anarchisten so.

V.

Akzeptiert man für einen Augenblick die Idee des Kommunismus und auch den alchimistischen Prozess einer fortwährenden Revolutionierung der Revolutionäre durch die Anforderungen und Freiheiten seiner Realisierung, so bleibt immer noch die Frage, wie dieser kollektive Prozess in Gang kommen soll? Ein Freund von mir führt LSD als neue Zutat der revolutionären Alchimie ein, und eine Bekannte nahm die alte Losung wieder auf: „Generalstreik und dann alle Macht den Räten!“ Das ist gut, aber LSD ohne Generalstreik führt ins ://about blank (1). Generalstreik ohne LSD erleben wir in Griechenland und Spanien. Gab es auch schon in Frankreich. Blieb phantasielos. Nachher hatten die den 3. Band der MEW nicht gelesen. LSD und Generalstreik würde vielleicht der Polizei in die Hände spielen und es käme nicht zur Rätemacht, sondern zu blendschockgranateninduzierten Horrortrips. LSD und MEW würden funktionieren, und mit der daraus gewonnenen neuen Erfahrung dann vielleicht auch ein Generalstreik mit anschließender kostenloser Inbetriebnahme der lebenserhaltenden Infrastruktur und Maschinerie und dann die sorgfältige Umstrukturierung unserer gesamten Reproduktion. Aber die Wahrheit bleibt doch, dass der Blick in die Gesichter der U-Bahn-Passagiere kein Vertrauen für eine solche Operation einflößt und der Bekanntenkreis sich zunehmend zwischen Kneipe und Familie aufzuspalten droht. Vom Blick in den Spiegel sollte man daher lieber ganz abraten. Ohne ein Wunder wird es nichts. Denn ob man es misanthropisch der Natur selbst anrechnet, dass die Menschheit zur freien Assoziation unfähig ist, oder aber den gesellschaftlichen Verhältnissen, die die Einzelnen immerzu aufs Neue als bedürftige, isolierte und zur Freiheit unfähige Individuen hervorbringt: man muss sich dem Jetztzustand stellen. Und darin setzt sich die Gattung tatsächlich aus konkurrierenden, krisenanfälligen Egoisten zusammen, die bei allem auch noch in mehr oder weniger latenter Panik verbleiben, weil ihnen ja tatsächlich ständig der „Kampf ums Dasein“ blüht, und die sich daher ängstlich und kastriert fühlen. Das ist alles andere als nur oberflächlich, vielmehr in jede Faser der menschlichen Natur eingeschrieben. Das letzte Wort hat nämlich seit dem Sündenfall leider immer noch Gott: „Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn die Ferse stechen.“ –

Franz Hahn

(1) Einer dieser Berliner Tanzschuppen.

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Zur Kritk der Lesekreisbewegung

In der Druckausgabe war zu diesem Text noch ein Gewinnspiel angekündigt; wir bitten um Verzeihung; wir haben das Gewinnspiel in das Intro verlegt.

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Was ist, und zu welchem Ende betreibt man Lesekreise? Offensichtlich gibt es seit Jahren einen Hunger nach Theorie. Schon lange, bevor sich der Studentenverband der Linkspartei der Sache annahm und zu Abwechslung diesmal dieselben unvermeidlichen Figuren als Anleiter installierte, die schon seit Jahrzehnten dafür garantieren, dass, was gelesen wird, auch tatsächlich Theorie bleibt. Und diese beherrschen nicht einmal das Feld; sie teilen es sich mit den konkurrierenden Tendenzen der MG, der Bahamiten und einer Tendenz, die wir ironisch die Undogmatischen nennen wollen.

Man liest nicht nur das „Kapital“, man liest Lukacz, Adorno, auch die neueren: Scheit, Grigat. Man liest Michael Heinrich, in Gruppen, als ob das alleine zu schwierig wäre; man liest die beliebten und furchtbar schlechten theorie.org-Bände, so als ob sie „brauchbare Einführungen“ wären; kurz, man liest, als ob man Hunger hätte, aber keinen Geschmack.

2
Seit um 2000 die Gewissheiten der 1990er Linken in ganzen Stücken heruntergefallen sind, findet man unter jungen und unruhigen Leuten das Bedürfnis, zu lesen und zu begreifen; ein natürliches und berechtigtes Bedürfnis; aber es erscheint unauflösbar verschränkt mit dem Wunsch, den Riss in der Welt, den man zu schmerzlich empfindet, wieder zu kitten, zwei oder drei Gewissheiten zu finden, auf denen zu bauen wäre. Welche Gewissheiten es aber nicht gibt; und weswegen sich das ganze Elend immer nur auf anderer Stufe wieder herstellt.

Die Wildheit, mit der dieses Bedürfnis um sich greift, ist erstaunlich; und es müssen zwangsläufig Chimären entstehen aus dieser Paarung von Wildheit und Intellekt. Der Vorgriff auf die erstrebte Gewissheit, zu der vorerst die Voraussetzungen fehlen, erzeugt etwas ganz eigenartig schiefes an den wenigen Vorurteilen, die man sich hastig angelesen hat und auf denen man erleichtert und vorschnell beharrt; der Horizont wird nicht weiter, nur die Isolation vermehrt sich.(1) Das Bedürfnis, das die Lesekreise antreibt, mag vom aufklärerischen herkommen, aber verschwistert sich mit dem ontologischen: dem Wunsch, nun endlich die Theorie zu bekommen, eine Antwort, einen festen Boden, um darauf zu stehen, und es droht, in diesem unterzugehen.

Man liest auch nicht etwa alleine, sondern kollektiv; wie um einzelne Erkenntnisse, die einem etwa kommen mögen, schon vorab zu nivellieren, und zu verhindern, dass sie den Konsens durchbrechen. Jede Denkschule hat ihre Anleiter, weil es natürlich heute niemandem zugetraut werden kann, sich seines Verstandes ohne solche Anleitung zu bedienen; als ob es unmöglich geworden wäre, selbst zu lesen.

Und keineswegs hat man sich gesagt sein lassen, was mit der Lesekreisbewegung passiert ist, die der historische SDS 1969 angeleitet hatte, und die zum Motor der ML-Bewegung geworden war; wie traurig, dass man sich anschickt, das selbe noch einmal zu probieren. Niemandem ist Spott über die K-Gruppen gestattet, der sich heute an diesem Unternehmen beteiligt.

3
Die Lesekreisbewegung ist wahrscheinlich konstitutionell unfähig, das Bedürfnis nach Aufklärung zu erfüllen. Was sie produzieren wird, wird wohl mehr dem Haufen wildgewordener Filosofiestudenten aufs Haar gleichen, der allerorten die Magazine vollschreibt mit den einfältigen Eingebungen ihres domestizierten Genies.

Nun ist nicht gesagt, dass es nicht hilfreich sein kann, in Gruppen zu lesen; und sinnvoller als viele anderen Sachen, die in Gruppen getan werden, ist es allemal; ich frage mich trotzdem, wozu das nötig sein soll. Vielleicht ist es gut, einen Kreis zu haben, der einen gemeinsamen Stand hat, in dem man diskutieren kann; aber auch das diskutieren scheint mir getrieben zu werden, wie man vielleicht Jogging treibt.

4
Die Literatur sich in Lesekreisen anzueignen, wird zu nichts besserem führen, als stillgelegte Fabriken sich anzueignen und selbstverwaltet weiterzuführen; ich meine die Parallele wörtlich; es kann ja die einzige Möglichkeit sein, aber sie führt nicht viel weiter; sie ist bestimmt von Not und nicht von Freiheit; und sie überschreitet gleich wenig hier den Bereich der Literatur, dort den der Fabrik, sondern betreibt beides weiter, nur unter den Bedingungen des Mangels; wo doch die Literatur heute selbst eine stillgelegte Fabrik ist, wie man vor allem an unserer sieht.(2)

Solange ich nichts von einem C.M. Wieland-Lesekreis höre, in welchem sich solche zusammentun, die Deutsch als tote Sprache wirklich in Wort und Schrift lernen wollen, will ich nichts mehr davon hören. Und solange es nötig ist, all den Aufwand zu betreiben nur dafür, die Beschränkungen des kleinen abgetrennten Segments der Literatur zu reproduzieren, und solange gar nicht daran gedacht werden kann, darüber hinauszugreifen, solange ist das alles völlig nutzlos.

Man hat nämlich die ganze Filosofie neu zu erfinden, und den Kommunismus und die ganze unendliche Welt. Man muss alles wissen. Man muss alles können, denn man muss „die Führung übernehmen“.

5
Literatur ist aufgespeichertes Gedächtnis; ohne zu lesen, wird man nicht dazu kommen, das Versteinerte wieder flüssig zu machen; und das Elend eines Zeitalters kann man unfehlbar ablesen an dem Elend ihrer Literatur. Das Elend ist aber nicht unausweichlich; es kann durchaus zurückgeschlagen werden; man muss es dazu vielleicht genau begreifen; und zuletzt braucht man wesentlich mehr dazu als Lesekreise und andere fruchttragende Gesellschaften.

Es handelt sich bei diesen und den meisten Organisationen dieser Szene und der Welt, von der sie kommt, nicht darum, zu lesen, um zu begreifen, sowenig Hunger ein Grund für die Herstellung von Brot ist. Es handelt sich nicht um das begreifen, sondern um Theorie. Theorie ist die Warenform des Begriffes. Es geht gar nicht um eine Wahl zwischen Theorie und falscher, illusorischer, wahnhafter Praxis; das Denken, Diskutieren, Lesen ist selbst eine Praxis; vielleicht eine der wenigen, die noch bleiben, gewiss.

Aber auch diese verkümmerte Praxis hat etwas wahnhaftes. Und dieses wahnhafte hat sehr viel damit zu tun, dass ein grösseres und nach Aufklärung hungriges Publikum nichts dagegen hat, Literatur bloss passiv zu konsumieren. Ich sehe nicht, dass man dadurch lernte, zu lesen und zu sagen: jener Gedanke war richtig, dieser ist aber falsch; und diesen Unsinn macht der Autor durch folgendes Mittel plausibel. Kritik finge aber genau so an: das richtige und das falsche zu unterscheiden. Und ich bezweifle sehr, dass die neuere Lesekreisbewegung es in der Regel darauf anlegt, und nicht darauf, dasjenige fetischierte Verhältnis zu den heiligen Texten herzustellen, ohne welches die ganze Szene gar nicht denkbar wäre; ein Verhältnis, dass es den selbstbewussteren erlaubt, jeden Unsinn aus der Schrift zu rechtfertigen.

Kritik wäre etwas anderes, aber eh man diesem Begriff nicht ganz neues Leben einhaucht, wird sich unter diesem Namen alles spreizen können, was sonst noch nicht einmal Theorie wäre; auch ein Beitrag zur Aufrechterhaltung der Kargheit des heutigen intellektuellen Lebens.

1 Isolation ist nicht, wie man sich einreden mag, notwendiges Nebenprodukt gerade des Begreifens; die berüchtigte „Einsamkeit des Kritikers“; es ist ja nicht so, dass nur die Denkenden zum verzweifeln marginalisiert wären, alle einzelnen sind es.

2 Mehr als 80% der antideutschen Literatur sind Müll. Das ist ein wesentlich niederer Schnitt als der über die sonstige Literatur, wo man von bedeutend über 95% ausgehen muss; die Zahlen beziehen sich auf Zeitschriften und neuerschienene Bücher, gemessen nach Raummetern verarbeitetes Holz.

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Adressänderungen

Liebe Leser/innen,

gebt uns Adressänderungen doch bitte durch! Ich habe hier jetzt schon 2 Retouren. Der Grosses-Thier-Umzugsservice schickt euch die Hefte gerne an eure neuen Adressen! So wirds gemacht: Email an dasgrossethier@gmx.de und neue Adresse mitteilen, fertig.

Oi:

Der krasse Tor

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Die suspendierte Gattung

Zur Kritik des europäischen Migrationsregimes
von Danyal
Blog Cosmoproletarian Solidarity

Folgender Text aus dem gerade erschienenen Heft 3 ist auch auf dem Blog des Autors erschienen.

Zwar fungiert heute die Peripherie Europas als Rammbock gegen die Migrationsströme des überflüssigen Lebens, aber nicht nur in der Anonymität der Kommentarfunktion im World Wide Web wird kein Zweifel daran gelassen, dass in Kerneuropa und im Staat der Deutschen sowieso der Mensch Material ist, dem, wenn es funktionslosigkeit und zudem un-autochthon ist, die Halde droht. Im Schatten der europäischen Zivilisation der Produktion vegetieren im französischen Calais hunderte von Menschen im „Dschungel“, einer im Gestrüpp aus Plastikmüll improvisierten Behausung – bis diese mit Planierraupen überrollt wird und die Geflüchteten gezwungen sind, noch tiefer in den Wald zu drängen. Im griechischen Pagani werden junge Flüchtlinge über Monate inhaftiert – bis das Gefängnis entleert wird und die Menschen in die Illegalität abgeschoben werden. Im italienischen Roma harren Geflüchtete in der Kanalisation aus – aus Furcht vor dem rassistischen Mob, Inhaftierung und Abschiebung in die libysche Wüste. Und von den Deutschen werden jene Menschen, die das Ressentiment als kollektiv unproduktiv, das heißt als schnorrend und streunend identifiziert, in die Pogromhölle Kosovo abgeschoben.

Nicht nur, dass an den Geflüchteten demonstriert wird, dass der Unterschied zwischen kapitalproduktiver Funktionalisierung und Müllwerdung der Menschen darin liegt, mit einem politischen Souverän identifiziert zu sein, der für die Menschen noch anderswo Gebrauch findet als in Kaserne und Moschee. Die selektive Asylpraxis verplombt die Todesstille in den Despotien, in denen die europäischen Apparate abzuschieben drohen. Gewährt man zwar den Gehetztesten unter den Dissidenten Asyl, diktiert man doch allen anderen zu schweigen: Wer vor der Flucht nicht gefoltert wurde, sei auch nach der Abschiebung hiervon nicht bedroht – solange man nur schweige. Wenn an dem deutschen Apparat die Asylgesuche von geflüchteten Homosexuellen aus dem Iran abprallen, da es ihnen doch aufzubürden wäre, ihre sexuelle Lust von der islamistischen Sitte unterdrücken zu lassen, macht er nach und nach die Lüge eines Mahmud Ahmadinejad wahr: Homosexualität existiere nicht in der Islamischen Republik Iran. Da erscheint es fast human, wenn der tschechische Apparat noch bis vor kurzem Homosexuellen mit heterosexueller Pornografie konfrontiert und dabei den Blutfluss zum Penis gemessen hat, um zu garantieren, dass die Geflüchteten nicht über ihre Sexualität täuschen.

Im Namen des Volkes – die deutsche Asylpraxis

Das OVG Bremen bekräftigt am 8. Oktober 2010, dass nur jene Oppositionellen von „asyl- oder abschiebungsschutzrelevanten Repressionen“ bedroht seien, die „aus der Masse oppositioneller Iraner herausgetreten sind“. Es hebt zudem hervor, dass auch die jüngsten Unruhen daran nichts geändert hätten. Das OVG sieht keine Bedrohung von Geflüchteten, die mit der Worker-communist Party of Iran assoziiert sind, so weit sie „sich nicht exponiert haben“. Das VG Hamburg bezieht sich am 26. Mai 2010 auf den BfV, um zu konkretisieren, womit man sich denn angemessen exponiert habe: eine Bedrohung sei nur dann anzunehmen, wenn man sich in der Führung einer Oppositionspartei befände oder man eine wesentliche Funktion in der Opposition einnähme. Das VG sah im konkreten Fall keine Bedrohung eines Oppositionellen, da er „erst seit zwei Jahren“ mit der Constitutionalist Party of Iran assoziiert und die lokale Sektion der Partei viel zu klein sei, als dass seinem Parteiamt eine Asylrelevanz zukäme.

Das VG Darmstadt befindet am 19. März 2010, dass die Tätowierung eines christlichen Kreuzes den Abzuschiebenden im Iran nicht bedrohe. Dieses werde zwar den Verdacht der Apostasie beim khomeinistischen Apparat wecken und de Betroffenen mindestens einem Verhör aussetzen, doch allein darin liege „noch keine unmittelbare und erhebliche Gefahr“ für das Leben des Abzuschiebenden. Das VG bezieht sich des Weiteren auf eine Expertise des Deutschen Orient-Instituts vom 26. Februar 1999, demnach die Konversion eines geborenen Muslimen ein „absoluter Tabubruch“ sei, an den auch nicht gedacht werden könne. Der khomeinistische Apparat gestehe den Verdächtigen eine Frist ein, in der nachgespürt werde, ob die Konversion nicht allein des Erschleichens des Asyls bezwecken sollte. Wenn dies so sein sollte, drohe ihm keine weitere Repression. Dem VG zufolge ist anzunehmen, dass der Betroffene – auch „mit Blick auf die zu erwartenden lebensbedrohenden Konsequenzen“ – im Iran nicht nach außen für die christliche Religion werbe und somit auch nicht von Repression bedroht werde.

Das VG Saarland sieht am 30. Oktober 2009 keine Bedrohung, dass im Iran die „innerliche Distanzierung“ vom Islam und das Bekenntnis zum Atheismus als Apostasie geahndet werden. Das VG spricht zwar offen davon, dass im Iran zurzeit lanciert wird, die Todesstrafe als angemessene Ahndung der Apostasie auch im kodifizierten Strafrecht aufzunehmen, schließ sich aber dem BAMF an, demnach auch ein Atheist ohne gröbere Bedrohung im Iran leben könne, so weit er nicht nach außen hin provoziere. Das VG Düsseldorf bekräftigt am 11. März 2009, dass Homosexuelle im Iran nur dann gefährdet seien, wenn sie ihre Sexualität nicht „im Verborgenen ausleben“. Es zitiert zwar aus dem iranischen StGB, wonach ausgelebte Homosexualität mit dem Tod (bei Eindringen des Penis) und Peitschenhieben (dem Beischlaf ähnelnder Intimität) geahndet wird, bezieht sich aber zugleich auf die Expertise des Deutschen Orient-Instituts, wonach der khomeinistische Apparat nicht aggressiv gegen Homosexuelle vorgehe. Es „sei eine Frage des Zufalls“, so das Institut, als Homosexueller Objekt von Drangsalierung zu werden. Zuvor hatte bereits das VG Berlin (03.12.2008) befunden, „irreversiblen“ Homosexuellen drohe keine „asylrelevante Repression“. Es sei anzunehmen, dass die „drakonischen Strafandrohungen“ vielmehr theoretisch seien.

Das ist der innerste Denkmechanismus des deutschen Abschiebeapparates: wer schweigt und sich selbst unterdrückt, indem die Rache der khomeinistischen Despotie rational einkalkuliert wird, werde auch nicht „mit asyl- oder abschiebungsschutzrelevanten Repressionen“ bedroht. Jede Abschiebung reproduziert somit die repressiv erpresste Todesstille in einer Despotie wie dem Iran. Das kühle Kalkül des deutschen Apparats: nur dem, der provoziere, drohe Repression, ist eingebettet in die Kumpanei mit der khomeinistischen Despotie: die Kälte gegenüber dem säkularen Aufbegehren, die konkrete Solidarität bei der Unterdrückung den jüngsten Revolten, das penetrante Kleinreden des despotischen Charakters der Islamischen Republik und die kulturalistische Einfühlung in deren Sitte (der eliminatorische Antisemitismus, die Todesdrohungen gegen Schwule … nichts als Theorie). Doch die Geflüchteten sind nicht bloß Objekte von Rechtsbeugung, gegenüber denen der politische Souverän seine eigenen sakrosankten Prinzipen verrät. Laut Pro Asyl erhielten aus griechischer Inhaftierung entlassene Migranten nur zu oft vordatierte Ausreiseanordnungen. Die fünftägige Frist, um auf dem Rechtsweg das erzwungene Ende der Flucht hinauszuzögern, war bei Aushändigung der Anordnung um Tage überschritten. Noch daran verrät sich, dass der Geflüchtete kein Subjekt ist, das das Recht hat, Rechte zu haben, sondern Objekt souveräner Intrige.

„Mit Diskriminierung macht man keinen Staat“, so Pro Asyl, ohne Zweifel eine der honorabelsten Assoziationen in Solidarität mit dem flüchtigen Leben, die dann doch nur dem politischen Souverän verdächtigt, er suspendiere seinen eigenen innersten Kern: die abstrakte Gleichheit der Menschen. Und so reproduziert sich noch in den seltenen Momenten von Zärtlichkeit die Ideologie des Kapitalverhältnisses. Zwar ist es unter dem Diktat des Kapitals nur fair, der zähsten Flucht illegaler Migranten aus der Grauzone des Rechts in die Subjektform zu sekundieren, indem man sie als Konkurrenten annimmt, doch reproduziert sich im Appell an den politischen Souverän unweigerlich der täuschende Schein jenes totalitären Verhältnisses, das das flüchtige Leben als überflüssiges produziert.

Mit allen anderen – als Rechtssubjekte – gleich, also lebende Äquivalente zu den Nächsten zu sein, aber zugleich durch alle anderen – als Marktsubjekte – verüberflüssigt zu werden, ist das Verhängnis der Individuen als kapitalkonstituierte Subjekte. Das subjektivierte Individuum ist in der Konkurrenz null und nichtig, absolut fungibel, das heißt: nicht individuell, sondern nur der Gattung nach bestimmt; es kann also durch andere Exemplare gleicher Gattung und derselben Menge zu jedem Moment ersetzt werden. Die konstitutive Fungibilität der Subjekte bricht sich rasend Bahn, wo die kapitalisierte Sozietät die Produktivkräfte zwar unentwegt, durch Krise und Krieg hindurch, revolutioniert und so die menschliche Arbeitskraft mehr und mehr verüberflüssigt, aber eben jene Subjekte nicht einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden wagen, die Arbeit als unser Elend für alle Menschen kraft der technischen Revolution auf ein Minimum zu drücken, viel mehr ihnen der stumme Zwang als herrischer Vater eines jeden Gedankens eingehämmert ist: Arbeit ist nicht nur das Medium ihrer sozialen Qualität, sie ist Selbstzweck, ein Wert an sich. Dass himmelschreiend Irrationale an dem Kapitalverhältnis verrät sich daran, dass noch jene den revolutionären Gedanken, den Hunger, also die Bedürfnisse der Menschen zum einzigen Movens von Produktion zu machen, als teuflisch austreiben, die ihr Leben dem Benefiz gewidmet haben.

Umso mehr die subjektivierten Individuen in der Vergleichung mit ihrer konstitutiven Fungibilität konfrontiert werden, desto mehr dürsten sie nach dem politischen Souverän, der sie von den einen Konkurrenten trennt und mit den anderen zu einer Nation einstampft. Der Staat soll es sein, der ihre Austauschbarkeit, die ihnen wie ein Stigma eingebrannt ist, zu stunden hat, der ihren kapitalen Wert vortäuscht. Dass der Staat die Arbeitskraft nationalisiert und alsdann protegiert und die Arbeitskraftvehikel auf sich selbst als einzige Appellationsinstanz einschwört, ist somit die stille Prämisse sozialen Friedens. Zwar kann der zwangsdemokratisierte Staat der Deutschen die Arbeitskraftvehikel nicht von der Panik kurieren, fungibel, also an und für sich überflüssig zu sein, doch zumindest versiegelt er ihr Privileg als Deutsche, kapitalproduktiv sich zuerst betätigen zu dürfen. Noch im AsylbLG verrät sich dieser Artenschutz nationaler Arbeitskraft. Es erhält das flüchtige Leben nur soweit, dass es nicht vor unseren Augen dahinsiecht. Die Wartung des Körpers unterliegt allein der Administration: so muss der Geflüchtete zunächst einen konkreten Wartungsbedarf geltend machen, bevor er einen Arzt aufsuchen darf. Die Hoffnung auf ein Ende des konkreten Leidens ist der Gnädigkeit des Sachbearbeiters unterworfen, aber was anderes ist sein Körper als eine Sache, ohne dass von ihr Gebrauch gemacht wird. Nicht selten, dass die rigide Beschränkung des Wartungsbedarfs in letzter Konsequenz tötet: so starb Mohammad S., ein Geflüchteter aus Guinea, am 14. Januar 2004. Der Sachbearbeiter sah zuvor nicht ein, dass er einen Arzt aufsuche, da er doch so oder so abgeschoben werde.

Diskriminierung ist eben kein schleichender Suizid des politischen Souveräns, viel mehr ruht die Spaltung der Gattung in der kapitalisierten Sozietät selbst und ist als chronische Pathologie, so will man ein Ende der Flucht durch eine freie Assoziation solidarischer Menschen, zu kritisieren. Da dies ausbleibt, sind noch die Freunde des Asylrechts gezwungen, die Geflüchteten auf den Movens der Flucht hin zu beäugen und eine akkurate Trennung von Asylsuchenden vorzunehmen, die durch einen tyrannischen Souverän in die Flucht gezwungen werden, und allen anderen, die aus den Ruinen des Weltmarkts vor nichts als Hunger fliehen um anderswo eine kapitalproduktive Funktion einzunehmen. In dieser akkuraten Trennung von Asylberechtigten und fliehenden Arbeitskraftvehikeln (letztere allein durch Definition der UN Refugee Agency keine Flüchtlinge) spiegelt sich die ideologische Zweiteilung des falschen Ganzen in Staat und Kapital, in Politik und Ökonomie.

Dass die konkret so verschiedenen und unvergleichlichen Dinge des Lebens einen Wert haben, ist den Menschen ein Naturgesetz geworden, gegen das aufzubegehren, eine Sünde an der göttlichen Schöpfung der kapitalisierten Gattung wäre. Unter der Form des Subjekts können sich die Individuen nur so weit – das heißt ohne Mentaltraining und anderer Esoterik – als souveräne und authentische Autoren ihres Lebens denken, wie sie sich in den Staat hineinfühlen. Die ökonomischen Zwänge sind den Menschen zur zweiten Natur geworden, Hunger ist ihnen nur etwas Ähnliches wie eine Wetteranomalie. Politik ist ihnen dagegen das (wenn auch zunächst von Intransparenz und ähnlichem zu reinigende) Terrain des Streitens und Werbens für das ideale Katastrophenmanagement. Die Flucht in die Politik ist somit nur die andere Seite des Desinteresses an den Katastrophen der zweiten Natur, die andere Seite der pathologischen Indolenz gegenüber dem täglichen Tod durch nichts als Hunger.

Die Suspendierung der Gattung Mensch und der Ausschluss der Verüberflüssigten ist die brutale Konsequenz jener Abstraktion, in der die Subjekte als Funktionäre kapitalistischer Verwertung sich von den konkreten, empirischen Menschen trennen – und wie diese Brutalität der Verüberflüssigung sich an dem flüchtigen Leben geltend macht, ist von Pro Asyl und anderen detailliert dokumentiert. Doch der Ausschluss folgt nicht allein einem blinden Mechanismus, es ist der politische Souverän, der eine von allen „geteilte Lüge … für den Zutritt zur nationalen Arbeitskraft“ (Bruhn: Vom Mensch zum Ding, in: Flugschriften, ça ira Verlag 2001, S. 104) ausbrütet. Als die Deutschen noch gezwungen waren, die Asylantenflut noch eigenhändig einzudämmen und das überflüssige und national nicht-identische Leben auszuschwemmen, griffen Apparat und Volk wie Rädchen ineinander. Während am 21. September 1991 mit der Abschiebung der letzten Provokateure der nationalen Arbeitskraft (zuerst vietnamesische und mosambikanische, nun mehr überflüssig gewordene Arbeitskraftimporte, dann nicht mehr als 250 Asylsuchende aus dem Iran und anderswo) aus der Lausitzschen Provinz die Gewalt des pogromistisch sich ausagierenden Mob honoriert worden ist, hausierte eines der Organe der Deutschen mit einem Volksbegehren, demnach 98 Prozent ihrer Leser für die Amputierung des Asylrechts votierten.

Es ist nicht das Andersartige, das den Hass der zu Deutschen konvertierten Arbeitskraftvehikel an den Immigrierenden provoziert, es ist viel mehr die ihnen von den ökonomischen Naturgesetzen eingebrannte Affinität zu diesem als unwert denunzierten Leben: die Geflüchteten sind ihnen die bösen Propheten der eigenen Fungibilität vor dem Kapital. Und so eskaliert im Hass auf das flüchtige Leben die nicht zu kurierende Panik vor der drohenden Verwilderung des Arbeitskraftbehälters. Es blieb nur eine Notiz des Septemberpogroms im Lausitzschen Hoyerswerda, dass bei der Menschenjagd auf die als fremdartig stigmatisierten Arbeitskräfte viele ihrer deutschen Kumpels aus den Braunkohlegruben sich resolut ihrer Konkurrenz entledigt haben. Auch dieser äußerste Wille zur Kapitalproduktivität und Staatsloyalität wurde vom politischen Souverän quittiert: die zunächst Evakurierten, die unter den Pogromisten nicht wenige ihrer früheren Kumpels identifizieren konnten, wurden alsdann abgeschoben; ihre Arbeitsverträge wurden ohne Entschädigung beendet.

Dass im AsylbLG die Kosten der physischen Reproduktion eines Geflüchteten noch 39,85 % unter dem Niveau eines auf ALG II dauergeparkten Arbeitskraftvehikels gedrückt werden, fungiert nicht mehr, wie es doch nahe liegt, als Schleichwerbung zwischen Paragrafen: das flüchtige Leben als grob auszuschlachtende Arbeitskraft. Nein – noch diese Qualität ist ihnen so weit genommen, wie sie noch von einer ökonomischen Schattenexistenz ausgegrenzt sind. Wurden seit den 1950er nicht-deutsche Arbeitskräfte mit der exklusiven Charakteristik minderer Reproduktionskosten beworben – mit italienischen Arbeitskraftimporte, so etwa der Industriekurier (04.10.1955), bliebe eine kostspielige Ballung an Menschenmaterial aus, da dieses nicht mehr bräuchte als „die Gestellung von Baracken“ -, ist der Geflüchtete im AsylbLG zwar nur noch unwertes, aber widerspenstiges, weil auf ein besseres Leben stur beharrendes Material auf Halde. Anders als die angeworbenen Arbeitskraftbehälter haben die Geflüchteten im Moment der wilden Migration an der Gewalt des Souveräns sich versündigt, sie fallen in Ungnade eines ungnädigen Kollektivs, weil sie nicht allein seinem Kalkül sich unterworfen haben. Dass sie den zu Deutschen konvertierten Menschen an die Idee der solidarischen Gattung zu erinnern wagen, ist die größte Provokation, die von ihnen ausgeht. Sie brüskieren die Subjekte, die selbst nur ihr Existenzrecht beziehen, indem sie dem Kapitalzweck in Gänze unterworfen und dem Staat bis in den Tod ergeben sind. Der Geflüchtete ist allein dadurch anrüchig, weil er sich der Prozedur aus Reglementierung, Kalkulation und Selektion durch die Apparate zu entziehen wagt; er ist allein durch seine Flucht verdächtigt, seinem eigenen Zwangskollektiv abtrünnig zu sein, um das fremde zu schröpfen. Die Deutschen wollen das Asylrecht nicht liquidieren, auch wenn es nur ein Fetzen des moralischen Antlitzes ihrer Zivilisation ist, sie wollen nur den betrügerischen Gebrauch liquidieren, unter dem potenziell jeder Gebrauch fällt, der sich nicht allein dem Ermessen des Souveräns ausliefert. Und so wird das Desinteresse an der militanten Protestation von Geflüchteten aus dem Iran gegen den stillen Tod in einem Leben aus Kaserne und Kälte, wie nun im fränkischen Würzburg, des Öfteren von einem rülpsartig ausgestoßenen „Verschwindet, ihr Erpresser“ durchbrochen.

Der Krieg an der Migrationsfront

Jüngst beschloss der konzentrierte Apparat der EU zur Austreibung des überflüssigen Lebens, Frontex, mit der Türkei eine Intensivierung der Kooperation. Die Türkei wird nun, nachdem ihr ein Ende der „unwürdigen Visabeschränkungen“ (Ahmet Davutoğlu) für die Ihrigen versprochen wurde, Menschen, die über türkisches Territorium in die EU flüchteten, aufnehmen und bis zur weiteren Abschiebung zwischenlagern. Kerneuropa verplombt nun mit der direkten Funktionalisierung der Türkei als vorgelagertes Sieb des überflüssigen Lebens ihre Grenzen noch weiter. Die EU finanziert in Ankara und Erzurum zwei Inhaftierungszentren mit einem Beitrag von 15 Millionen Euro. In Van, nahe der türkisch-iranischen Grenze, überbringen Europäer der Türkei Kontrolltechnologien, ein Teilprogramm von Twinning, in dem die EU die Rationalisierung der Apparate in Staaten finanziert, um die sie sich zu erweitern denkt. Parallel werden zwei Migrationszentren in Van, dem Nadelöhr von Fluchtbewegungen aus dem Iran, installiert: in dem einen sollen Asylsuchende aufgenommen, also zwischengelagert und auf die Asylrelevanz ihrer Flucht gescannt werden, in dem anderen sollen die Ausgesiebten inhaftiert und zur Abschiebung vor allem in den Iran konzentriert werden.

Die Türkei wird somit zu einem Laboratorium modernster Selektion des überflüssigen Lebens. Da die Türkei nach wie vor den Art. 1 B. 1. der Genfer Flüchtlingskonvention geltend macht (also das juristische Schlupfloch, den Movens legitimer Flucht geografisch einzugrenzen), gewährt sie nur jenen Menschen Flüchtlingsrechte, die aus Europa kommen. Auf Asyl ist nur durch den Maklerdienst der UN Refugee Agency (UNHCR) zu hoffen. Asylsuchende duldet die Türkei, so weit diese von dem türkischen Ministry of Interior einen „temporären Asylstatus“ zugesprochen bekommen – und zwar nur so lange wie ihr Ersuch von dem UNHCR auf Asylrelevanz abgeklopft wird. Soweit ein Geflüchteter von dem UNHCR als Asylsuchender registriert und die Asylrelevanz der Flucht gescannt worden ist, kategorisiert dieser sie nach der Aktualität eines Resettlement-Bedarfs. Es liegt nun an der Gnade der Staaten und an ihren Kriterien, wer das türkische Transit verlassen darf. Im Jahr 2010 erhielten 5.335 Flüchtlinge in der Türkei das Privileg eines Resettlement, davon allein 3.200 in den USA. In den 27 Staaten der EU wurden nur 121 Flüchtlinge aufgenommen. Im Jahr 2011 fanden nur noch 4.155 Flüchtlinge aus der Türkei die Aufnahme in einem Drittstaat, wovon 2.230 von ihnen der irakischen Hölle entflohen sind. Während die USA 1.523, Australien 494 und Kanada 211 irakische Flüchtlinge aufnahmen, war die Generosität der europäischen Staaten mit zwei Flüchtlingen ausgereizt.

Wer kaum auf ein solches Resettlement zu hoffen hat, wagt die weitere Flucht über die türkisch-griechische oder türkisch-bulgarische Grenze. Fungiert die Türkei als vorgelagertes Sieb, wird im griechischen Schatten Kerneuropas das flüchtige Leben aufgestaut – mit dem kühlen Kalkül, dass die Geflüchteten vor dem Hass, der dort auf sie trifft, kapitulieren. Wer nicht von der Strömung des 206 Kilometer langen Grenzflusses Meriç in den Tod gerissen oder von der Ägäis geschluckt wird, wer nicht von knochenzerschmetternden Felsen begrüßt oder an Unterkühlung stirbt, wird vom griechischen Apparat aufgerieben und – entkommen tut kaum einer – obligatorisch bis zu einer Dauer von sechs Monaten inhaftiert. Ohne dass es zu einem individuellen Screening der Asylrelevanz durch den griechischen Apparat kommt, denn der Geflüchtete ist hier kein Individuum mehr, sondern nur noch identisches Exemplar des lebenden Überschusses, wird den Aufgeriebenen administriert, sich wieder zu verflüchtigen – sobald sie aus der Haft entlassen werden. Die Zeit (04.02.2010) schrieb in einem seltenen Moment von Scham über die Flucht junger Geflüchteter: Über die Nussschalen, die an den kantigen Felsen zerschlagen und mit ihnen die Körper der jungen Geflüchteten. Über die Gräber von 40 bis 60 tödlich Aufgeriebenen, die neben den Gartenabfällen eines griechischen Friedhofes ausgehoben werden und nach drei Jahren wieder geebnet werden, um weitere tote Körper zu verscharren. Über den sechzehnjährigen Milad, der aussagt, dass die Griechen ihn und andere Flüchtlinge noch auf dem Meer aufgegriffen und in türkisches Gewässer bugsiert hätten – gefühlte zwei Kilometer vor der türkischen Grenze alleingelassen auf einem von den Griechen zerstochenem Schlauch. Über die auf unbevölkerte dry islands gebrachten Kinder. Und über Pagani auf Lesbos, einem der berüchtigtsten griechischen Inhaftierungszentren, in dem bis Ende Oktober 2009 vor allem auch junge Geflüchtete konzentriert wurden. Über die dortigen Matratzen, die mit Kloake aus den ständig verstopften Klosetten sich vollsaugen. Über die täglichen Kämpfe, wer im Kot schlafen muss und wer nicht. Über Ärzte, die nur mit Blickkontakt durch das Stahlgeflecht die Geflüchteten besehen dürfen. Über jugendliche Flüchtlinge, die sobald ihre Inhaftierung endet, gezwungen sind, in der Illegalität zu verharren und denen von Polizisten die Knie zertrümmert werden. Über provisorische Behausungen im Wald oder in ausrangierten Wagons. Und über rassistische Rackets, die das übrig tun, damit sich den Geflüchteten einhämmert, dass die Flucht nie enden wird. Doch auch in diesem seltenen Moment von publizistischer Scham über den Krieg gegen das flüchtige Leben erscheint dieser noch als Anthropologie. So liest man von neuen Völkerwanderungen, die Europa heimsuchen, nicht aber von den Revolten, die den griechischen Apparat zwangen, Pagani zu evakuieren, nachdem vor allem jugendliche Insassen ihre kloakenverseuchten Matratzen verbrannt und dabei immer wieder Parolen gerufen haben: „We want freedom, we don’t want food“.

In Patras, dem griechischen Brückenkopf nach Kerneuropa, konzentrieren sich jene, die es wagen, eingeklemmt unter einem Containerchassis oder anderweitig riskant davonzukommen. Auf eurotransport.de, die Domain eines Transportsfachverlages, echauffiert man sich inzwischen über die Repression gegen ihr Klientel, die in einen Konflikt hineingezogen werden, der nicht ihrer ist und der Schleusung verdächtigt werden, weil sie für einen flüchtigen Moment den Blick nach blinden Passagieren vergessen. Pro Asyl dokumentierte jüngst den „systematischen Charakter“ rohster Gewalt des griechischen Apparats gegen Flüchtlinge in Patras und doch ist er es im nächsten Moment, der einen neofaschistischen Pogrommob auf Distanz hält, der wie am 22. Mai 2012 eine Industrieruine, in der Flüchtlinge ausharren, zu überrollen droht. Und so macht sich der griechische Apparat auf, die noch eben aus der Inhaftierung in die Illegalität entlassenen Flüchtlinge wieder zu konzentrieren. Ende April wurde das erste von bis zu 50 Internierungszentren für illegale Migranten nordwestlich von Athen aufgemacht. In jedem dieser Zentren, bestehend aus mit Stahldraht eingezäunten Containern, sollen circa 1.000 Abzuschiebende arretiert werden. Der taz (30.04.2012) folgend würde die EU-Kommission allein im Jahr 2012 die Internierungszentren mit bis zu 30 Millionen Euro mitfinanzieren, für 2013 seien weitere 40 Millionen versprochen. Und so ist der Krieg gegen das flüchtige Leben nicht allein ein griechischer, viel mehr ein europäischer unter dem strategischen Kommando von Frontex.

Dem UNHCR folgend starben mehr als 1.500 flüchtige Menschen im Jahr 2011 in jenem Gewässer, dass die Spaltung der Gattung geografisch zumindest annähernd ausdrückt. Umso mehr die Kontrolle über die Migrationsrouten zunimmt, desto mehr Menschen sterben allein gelassen in gröbster Bedrängnis. Was wie ein Paradoxon erscheint, liegt doch in der Logik der Spaltung der kapitalisierten Gattung unter dem Verhängnis der absoluten Fungibilität ihrer Exemplare.

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Heft 3 ist draussen

In der Folge werden wir hier ein paar Artikel einstellen, wie wir es für richtig halten.

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Neues Heft: Nummer 3 oder 4

Hallo Freunde! Diese Tage erscheint das nächste Heft. Darin gibt es Sachen zu lesen über alle Dinge, die uns so brennend interessieren: Heidegger, Hölderlin, Bloch, Arbeitsamt und Waschbären, sowie nützliche Geschäftsideen für szenige Existenzgründer, alles überschattet von etwas Werbung für die neue Platte der Antilopen. Bestellwünsche an die üblichen toten Briefkästen. Mit etwas Glück kriegt man das Heft auch in irgendeinem Punkerladen oder Waschsalon.

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Unsägliches Sommerloch

…lässt sich auch hiermit nicht überbrücken, aber zumindest schlafen wir nicht alle! Wir verweisen mal auf den Blog von Schnittler! Die aktuelle Ausgabe (Heft #3) befindet sich seit einem Tag im Druck und wird bald geliefert. Wer sich ein kostenloses Abo reservieren möchte, sollte die letzte Möglichkeit nutzen und zugreifen.
Derweil entschlossen sich (u.a.) die bayerischen Flüchtlinge ihren Protest nach Berlin zu verlegen und starten Ihren Protestmarsch am 9. September in Würzburg. Ein Hinweis am Rande: Am 11. September findet die Adorno-Preisverleihung an Judith Butler statt, anlässlich dieses Ereignisses rufen u.a. die Prozionistische Linke Frankfurt zu einer Gegenveranstaltung auf. Lesenswerte Texte haben die Gruppe Morgenthau und die Gruppe Association Antiallemande Berlin verfasst.

Bestellungen an: dasgrossethier@gmx.de

Das
krasse
Thor.

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Flüchtlingsproteste II

Nach neuen Auflagen müssen mehrere Flüchtlinge, die aus anderen GU’s zum Streik in Würzburg hinzugestossen waren, wieder in ihre Residenzbezirke zurückkehren. Die Auflagen sind Teil der seit mehreren Wochen verstärkten Bemühungen, den Würzburger Protest auszutrocknen. Und was machen die betroffenen Flüchtlinge?

Sie kehren in ihre Residenzbezirke zurück, und starten dort neue Protestzelte! Mit durchschlagendem Erfolg. Das ist schon ziemlich grandios, wie hier die deutschen Behörden vorgeführt werden. Und so machen die das schon seit 3 Monaten!

Gratulation und Respekt dafür!

In Düsseldorf demonstriert u.a. Arash Dosthossein. Nach mehreren Schikanen der lokalen Behörden, wurde das Zelt zwar aufgebaut, aber die Protestierenden dürfen nicht im Zelt nächtigen. Kontakt: Arash Dosthossein, 01578 / 65 46 336.
Artikel: derwesten.de

Derweil wurde in Regensburg die erste Pressemitteilung veröffentlicht.
Am Montag, dem 16.7 findet um 10.00 Uhr vor den Pavillons die erste Pressekonferenz statt. Kontaktnummer lautet wie folgt: Houmer Hedayatzadeh: 0151 10990788, 0157 34641655
Mehr zu erfahren ist hier: http://strikeregensburg.wordpress.com/

In Osnabrück sind ebenso Flüchtlinge unter dem Motto: „Lieber im Zelt als im Lager“ in den Protest getreten und campierten kurzweilig auf dem Gelände der Universität und sind seit Mittwoch wieder im Schlossgarten anzutreffen. Kontaktadresse: Rat der Flüchtlinge im Abschiebelager Bramsche-Hesepe fluechtlingebramsche@yahoo.de
Mehrere Informationen u.a. hier: http://lagerhesepe.blogsport.eu/
Artikel: noz.de

In dem unterfränkischen Dorf Aub demonstrieren weiterhin iranische Flüchtlinge. Ein lesenswerter Artikel wurde vor zwei Tagen veröffentlicht und ist hier in Englisch, Farsi und Deutsch einzusehen. Kontakt ist über folgende Adresse herzustellen: 017679837911 und 015204742933
Infos gibt es hier: asylaub.wordpress.com

In der Jungle World ist ein Abriss über den Protest in Würzburg zu lesen. Derweil ist die 35. Pressemitteilung veröffentlicht. Kontakt: Baset Soleimani 0175/77247619; 0176/71080087 Infos: http://gustreik.blogsport.eu/

In Bamberg ist das Protestcamp auf dem Markusplatz bis zum 31.7 angemeldet. Für den 16.7 ist eine Demonstration um 17.00 Uhr vor dem Markusplatz angmeledet. Weitere Informationen und Kontakt: http://www.fluechtlinge-bayerns.com/index.html Phone: +49 (0)157 3408 6152, Email: Protesters.b@gmail.com

Ebenso möchten wir auf folgendes Anliegen aufmerksam machen:

https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=24483
Zum Inhalt der Petition: Die Abschaffung von Gemeinschaftsunterkünften, Residenzpflicht und Essenspaketen. Einen Anspruch für jeden Asylbewerber auf einen Anwalt, einen zertifizierten Dolmetscher sowie Deutschkurse ab dem ersten Tag. Die drastische Verkürzung der Dauer der Antragsbearbeitung durch das BAMF. Die Möglichkeit, den eigenen Lebensunterhalt durch Arbeit zu sichern. Die Vereinfachung des Verfahrens um eine Studienerlaubnis zu erhalten und der Familienzusammenführung.

Außerdem gibt es hier ein hörenswertes Interview mit Cosmoproletarian Solidarity.

Randnotiz:
Nochmals wird das Versagen deutlich! In der Düsseldorfer Lokalpostille ist zu lesen, dass lediglich ein paar Occupy-Aktivisten und Leute der sogenannten Roten Antifa Essen im Unterstützerkreis tätig sind. Das es ein grundsätzliches Unbehagen in „unseren Kreisen“ gibt, ist schon lange klar und wurde leider nur zu selten angesprochen, doch mag man diesen Leuten wirklich das Feld überlassen? Das Elend zeigt sich dort, wo der längst hinfällige Begriff einer rassistischen Politik abermals die Runde macht, zugleich niemand anderes, der mit diesem Unvermögen einer solch falschen Kritik aufräumen könnte, die gleiche Arbeit der Antirassisten übernimmt.

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Würzburger Flüchtlingsprotest

Wir möchten auf einen Artikel von Good Paulman aus der anarchistischen Zeitschrift Gai Dào aufmerksam machen:
Provinz auf Weltniveau – Zum Kampf der iranischen Flüchtlinge in Würzburg (S. 13/14)

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Flüchtlingsproteste

Wegen der sich überschlagenden Ereignisse, eine kurze Übersicht der Proteste:

Würzburg

Hungerstreikende in Würzburg
Aub

Streikende in Aub
Bamberg

Streikende in Bamberg
Düsseldorf

Streikende in Düsseldorf
Osnabrück

Streikende im Schlosspark in Osnabrück
Regensburg

Kundgebung in Regensburg

Aus mehreren weiteren Städten haben Flüchtlinge bereits ebenfalls Proteste angekündigt.
In Leipzig, München und Berlin sind für die nächsten Tage Streiks angekündigt!


Wir rufen unsere Leserschaft auf, sich bei den Streikenden in der Nähe zu melden und diese möglichst breit zu unterstützen!


Demonstration in Leipzig

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