Lacht ihr etwa über mich?

Ein Spiel für gesellige Anlässe
Nach Herrn Igel

Falls Sie einmal nicht wissen, was Sie mit ihren Freunden während das Alkoholtrinkens anfangen sollen, oder falls Sie sich keine andere Hilfe wissen, als den latenten Argwohn, der Sie von ihnen trennt, zu bewältigen, bietet sich dieses Spiel an.

So wird es gespielt: Mehrere Mitspieler sitzen am Tisch und amüsieren sich. Ein anderer Mitspieler tut nicht mit, sondern steht oder sitzt etwas getrennt, als ob er etwas anderes zu tun hätte.

Das Spiel beginnt damit, dass er den anderen den Rücken zuwendet. Ab diesem Moment lachen die anderen hörbar. Irgendwann, wenn es ihm zu bunt wird, dreht er sich zu ihnen, worauf sie sofort verstummen müssen.

Nachdem er sich umdreht, fragt er laut und mit möglichst vorwurfsvollem, entrüstetem oder traurigem Blick: „Lacht ihr etwa über mich?“

Die anderen müssen nun beteuern, nein, sie lachten nicht etwa über ihn, möglichst glaubhaft und vor allem, ohne lachen zu müssen. Wer als erster lachen muss, oder sich das Lachen nicht rechtzeitig verbeissen konnte, hat verloren und muss denjenigen, über den gelacht wird, ablösen.

Das Spiel ähnelt insofern dem Spiel „Armer schwarzer Kater“, als der, über den gelacht wird, es bis zu einem gewissen Grad in der Hand hat, durch möglichst unangebrachte Entrüstung, durch besonders jämmerliche Miene oder etwa hysterisches Überschnappen der Stimme die anderen zum Lachen zu bringen.

Es bedarf einer gewissen Disziplin, um zu funktionieren, erfüllt aber hervorragend den Zweck, das unabweisbare Gefühl, als machten sich die anderen insgeheim über einen selbst lustig, zu kanalisieren; welches Gefühl meistens mehr oder weniger gleichmässig und mehr oder weniger zu Recht alle befällt.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Lacht ihr etwa über mich?

Vermischtes (Heft II bzw I)

Im klassisch marxistischen Verhältnis von Überbau und Basis werden eigentlich zwei völlig verschiedene Verhältnisse vermischt: das der gesellschaftlichen Verhältnisse zu dem Bewusstsein, in dem sie sich ausdrücken; und das hierarchisch gedachte Verhältnis verschiedener gesellschaftlicher Verhältnisse, namentlich zwischen dem ökonomischen und dem politischen Verhältnis. Beide Verhältnisse sind falsch gefasst, aber das zweite ungleich fataler. Dass nämlich das ökonomische irgendwie materieller sein soll als die Politik, so als ob der Staat nicht auch materielle Realität wäre: dieser Irrtum brütet den Versuch, den Staat aus den ökonomischen Verhältnissen ableiten zu wollen, der willentlich oder nicht beides konserviert. – Bei den Perserkönigen oder Stauferkaisern ist das womöglich auch alles einmal so gewesen: Staat und Religion und alle gesellschaftlichen Verhältnisse bloss Überbau über der Tatsache der Auspressung bäuerlicher Arbeit. Unter dem Kapital kann davon nicht mehr die Rede sein. Das Kapital ist auch nicht die Ökonomie selbst. Sondern das Kapital stiftet einen Zusammenhang, in dem folgerichtig alles, selbst die ökonomischen Tatsachen, gleichzeitig Basis und Überbau wären; und zwischen ideologischen Formen und der wirklichen Produktion nicht mehr unterschieden werden kann. Der Tauschwert ist sowenig eine harte Tatsache, wie der Staat nur ein ideologischer Ausdruck; eine Schiffsladung Erdöl keine härtere als ein Credit Default Swap; alles das freilich nur auf Widerruf, solange die Krise nicht da ist, in welcher Krise allerdings die Verhältnisse der Vorgeschichte, der Naturaltausch, selbst der Metallismus wiederkehren, weil die Emanzipation von der Vorzeit nicht gelang. – Die Rede von Basis und Überbau verdeckt das, so wie sie den Zusammenhang zwischen den Verhältnissen und ihrem Bewusstsein verdeckt; denn jene Verhältnisse erschaffen sich doch, zumindest unter dem Kapital, immer nur vermittelt durch dieses Bewusstsein; Gesellschaft heute ist selbst ihre Ideologie.

Der Begriff der Geschichte steht in einem eigenartigen Gegensatz zu dem des Verhältnisses mit der Natur. Die Geschichte beginnt erst, wo nicht mehr der Naturzwang vorherrscht; sie ist sonst von der Naturgeschichte nicht zu unterscheiden. Die Absurdität dieser Geschichte zwänge uns nun, anzunehmen, menschliche Geschichte begänne damit, dass menschlicher Zwang an die Stelle des Naturzwanges tritt; damit wäre diese Absurdität aber irrevokabel in den Begriff der Geschichte eingelassen, und die erste Natur wiche schliesslich nur der so genannten zweiten. Marx hat bekanntlich für diese Zwischenzeit den Begriff der Vorgeschichte benutzt, von der er sagt, sie ende mit der kapitalistischen Produktionsweise. Unentschieden bleibt dabei, ob diese schon selbst der Geschichte zugehört; unentschieden nicht wegen der Schwierigkeit des Urteils, sondern weil diese Geschichte selbst nicht entschieden ist; das Kapital schafft jedenfalls alle bisherige Vorgeschichte ab und legt gewaltsam das, was Marx noch für die Voraussetzungen des Eintritts in die menschliche Geschichte halten konnte. – Alle anderen Gesellschaften der Vorgeschichte waren agrarische Gesellschaften, die direkt in ihrem Bestand von den Wechselfällen des Klimas abhängig waren; in der das tägliche Leben sich eigentlich seit dem Neolithikum sowenig geändert hatte wie die Werkzeuge oder die Bauart der Häuser; in der der Naturzwang immer noch vorherrschte, ohne dass natürlich den Menschen dafür das Erleiden menschlicher Willkür erspart geblieben wäre. Was aber den Bauern der Vorgeschichte geschah, war alles insgesamt nur eine Serie unbegreiflicher und zufälliger Heimsuchungen; Krieg, Feuer, Hunger ebensoviele sinnlose und einzelne Naturereignisse; unter dem Kapital tritt alles das zu einem übergreifenden Verhältnis zusammen, das als abschaffbar begriffen werden könnte, gerade weil es nicht unter blinder Not geschieht, sondern unter einem und demselben Bann; und sonst keine Entschuldigung mehr dafür denkbar ist.

Dass aber das, was geschieht, durchschaut, als menschliche Tätigkeit und nicht nur als blindes Naturgeschehen sichtbar gemacht werden kann, das alleine begründet die Hoffnung auf seine Veränderung, und macht das, was geschieht, erst zu der Geschichte der Menschen, das heisst ihrer Handlungen und nicht ihrer zufällig erlittenen Wechselfälle, ihrer Freiheit und nicht ihrer Not.

Notwendigkeit ist unter dem Kapital eine gespenstische Kategorie: notwendig ist allemal das, was nicht mehr nötig wäre, und das, was wirklich nötig wäre, ist auf gar keine Weise notwendig. – Sobald Not, Hunger, Elend nicht mehr sein müssten, nimmt die Unvernunft ihrer Fortdauer die Qualität objektiven Wahnsinns an.

Das Bedürfnis nach festen Kategorien, nach einem sicheren Boden, auf dem man steht, führt in die Irre; es wird von der Tücke des objektiven Prozesses ohne Mühe überwältigt werden, denn es reflektiert nicht auf die unheimliche Dialektik, die allen Begriffen innewohnt. Zuletzt liefert sich das Denken, wenn es diesem Bedürfnis zu weit nachgibt, ohnmächtig dem Gegenstand und dem Gang, den dieser nimmt, aus. Ein Beispiel aus der neueren ideologiekritischen Schule mag das beleuchten: so gilt dort allgemein zwar, und zu Recht, Carl Schmitt als Theoretiker des Faschismus, aber Souverän und Gewaltmonopol können ohne Widerspruch als Gegensatz dazu aufgestellt werden, als Garantien der Freiheit, als gäbe es jene Dialektik der Aufklärung nicht, deren Umschlagen man am Beispiel Schmitt doch zu studieren hätte; weil man gerne die abstrakte Republik gegen die Barbarei ausspielen möchte, statt einzusehen, dass z.B. Schmitt nicht zufällig beides, ein Staatsrechtslehrer der Republik und ein Ideologe des Nationalsozialismus gewesen ist. Begreifen, was nicht zu begreifen ist, oder vor dem Gegenstand kapitulieren: das kann man sich nicht einmal aussuchen.

Überhaupt ist es gar nicht einmal eine so einfache Frage, inwiefern Kritik verstehen oder begreifen überhaupt kann. Der Antisemitismus z.B. kann eigentlich nicht begriffen werden. Es ist ganz einfach völlig unmöglich, zu begreifen, warum die Nazis die Juden ermordeten, ja geradezu um dieses Mordvorhaben herum ihr ganzen Reich herum bauten. Will die Vernunft nicht davor kapitulieren, muss sie versuchen zu begreifen, ohne dass eine Erklärung, gar eine einleuchtende, jemals zu finden wäre. Wie sollte eine solche Erklärung auch zu finden sein, erklärte sie doch zumindestens das, was geschehen ist, für unausbleiblich? So etwas kann nicht erklärt werden, ohne ihm Vernunft unterzuschieben. Und nichts in aller bisherigen Geschichte kann davon unaffiziert bleiben: es kann von niemandem mehr so getan werden, als gäbe es für irgend etwas, was Menschen tun, Gründe, in denen das, was die Menschen tun, ganz aufgeht. Es bleibt ein irreduzibles Moment der Freiheit übrig, das eine zu tun und das andere zu lassen; kein Versuch, zu begreifen, kann davon absehen; so erschreckend der Gedanke auch ist, es muss gedacht werden, dass der objektive Prozess in seiner ehernen Zwangsläufigkeit sich gerade durch die für sich genommen freien Handlungen und Gedanken der Einzelnen hindurch herstellt, und die freie Tat und der freie Gedanke zunächst nichts anderes sind als die Elemente, aus denen das furchtbare, blinde Verhängnis gebaut ist. Dieses böse Paradoxon wird dadurch nicht erträglicher, dass es gerade in dem historischen Moment beginnt, sich zu entfalten, in dem die Einzelnen, wenn sie es denn wollten, wirklich die Wahl hätten, zu machen, dass alles anders sein soll. – Und doch begründet dies, weil es aus freier Tat herkommt, also nicht sein müsste, die Hoffnung eben darauf: dass es anders sein soll. Dieser Gedanke, der wohl allen bekannt ist, macht sich zuweilen mit gewisser Hartnäckigkeit geltend; ob er herbei zu zwingen ist, lässt sich bezweifeln; Notwendigkeit, was man so nennt, hat er wohl nicht; dass jedenfalls aus dem Versuch, ihn zu manipulieren, nichts gutes kommt, ist dagegen gewiss.

_______ ____ __, ____ ____ ______ ___. _____ ____ ___________-________, ____. ___ ______ ____; _________ ________ __, _____ __ _ ___ _________ ______ _. – ________ __ ____ ____, ____ __ ___________, ___ ______________ ___ ________ ___ ____. ____ _____ __ __, ____? _____ _____ __ _______ __ _____; _____________, ______________-____________, _____- _______ _____ __ ____ ___.

Es kann,was begriffen werden kann, vielleicht überhaupt nur begriffen werden, indem es als abschaffbar begriffen werden kann; vielleicht ist der Moment, in dem die Abschaffung denkbar wäre, der einzige, in dem etwas begriffen werden konnte. Was aber, wenn dieser Moment schon vergangen ist? Es kann aber doch noch etwas begriffen werden; ist also jener Moment gar noch nicht vergangen?

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Vermischtes (Heft II bzw I)

Wieder mal Würzburg

Danke an unsere Freundinnen und Freunde vom BiKri in Würzburg für „diese schöne Darstellung“ der neuesten würzburgischen Scheisse.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Wieder mal Würzburg

Marg bar hishkas

Darüber, wer berechtigt ist, das Opfer des Lebens zu verlangen

1. Ortega y Gasset erwähnt irgendwo das denkwürdige Streitgespräch, das sich kurz nach dem Beginn des spanischen Bürgerkrieges bei einer Feierstunde zwischen dem zweideutigen Filosofen Unamuno (mal Sozialist, mal Monarchist, mal liberaler Demokrat) und Astray, dem General der Spanischen Legion entwickelt: um dessen Ausruf A bajo la intelligencia! Viva la muerte!

Das war die Parole der Spanischen Legion, einer sogenannten Elite-Einheit; die, wie es sich gehört, hauptsächlich gegen den inneren Feind eingesetzt wurde; viva la muerte, es lebe der Tod, der Ruf des Einverständnisses mit demjenigen, der das Opfer des Lebens verlangt, des eigenen gegebenenfalls, aber auch des Feindes: und das ist der Souverän, der die Revolution niederwirft, und gleichzeitig ein Aufstand gegen alles, was man einmal Vernunft genannt hat.

Dieses Pronunciamento gegen die Vernunft ist eigentlich die Erläuterung zu dem Pronunciamento gegen die Republik, das den Staatstreich wenige Wochen vorher begleitet hatte; es gibt seinen Inhalt wieder und das, was man von ihm zu erwarten hatte. Die Parole, „abscheulich und nekrofil“ (Unamuno), ist die Wahrheit des Staates, dieser „grossen Schlächterei“, diesem „einzigen Friedhof“ (Bakunin).

2. Ein paar Jahre vorher hatte Heidegger „Sein und Zeit“ veröffentlicht, mit dem Anspruch, die Filosofie auf einen neuen Grund zu stellen, sicherer als der prekäre des Decartes; und, wie sich zeigte, bestand der Haupttrick gerade darin, dasjenige, was das Individum ausmacht, auszustreichen und durch den Tod zu ersetzen; wie wenn der Tod das wäre, was den Einzelnen zu einem Einzelnen macht. Dieser Gedanke taucht bei Heidegger mehr oder weniger unbemerkt aus dem Kulissen auf und wird geschickt eingeführt, so dass er logisch aussieht; er ist es aber nicht, sondern ein ungeheuerlicher Verrat an den Einzelnen.

Der Trick funktioniert dadurch, dass der Tod als Negation des einzelnen Lebens erst scharf herausgearbeitet, und danach das Leben als ohne diesen Tod unvollständig konstatiert wird. Auf einmal ist dann das Leben erst ein ganzes mit dem Tod, anstatt dass der Tod als Grund dafür gefasst wird, dass das Leben nie ganz, immer ein Bruchstück sein wird. Die Sterblichkeit des Menschen ist nun in der Tat ein Einwand gegen alle diejenigen hybriden Fantasien, in denen dem menschlichen Leib eine ewige Seele gegenübergestellt wird, gegen die er nur eine schmutzige und unbedeutende Angelegenheit wird; alle Religionen haben auf dieser Hybris ihren Reinheitswahn aufgebaut. Allein dies ist bei Heidegger keineswegs gemeint. Das Leben ist nicht etwa wegen des Todes immer unvollständig, sondern es soll vollständig werden können, indem der Tod als „Möglichkeit des Ganz-Sein-Könnens“ begriffen wird.

Heideggers Lehre streicht die Erfüllung des Lebens aus, als ob Erfüllung im Tod zu finden wäre; so dass umgekehrt Erfüllung des Lebens vom Tod aus verstanden wird, also vom Nichts, und Individualität von der Einsamkeit dessen aus, der weiss, dass er sterben wird. Heideggers Lehre liquidiert den Gedanken eines erfüllten Lebens für die Einzelnen, und es ist nur scheinbar unklar, für welcher Sache Konto. Und das ist die Filosofie, die seit dem 20. Jahrhundert als respektabel gilt.

3. Sartre hat bekanntlich dagegen Einspruch erhoben; er will den Tod nicht als etwas fassen, was das Leben ganz macht, sondern was es zu einem absurden Bruchstück reduziert; und das ist ganz zweifellos grundsätzlich richtig, aber was folgt daraus? Ist das Leben der Menschen, solange der Tod in der Welt ist, deswegen immer und notwendig ein absurdes Bruchstück? Ist also die Idee des ewigen Lebens, das die Religionen versprochen haben, notwendig, um die Vernunft in der Welt nicht sofort zuschanden gehen zu lassen? Oder liesse sich denken, dass die Welt so eingerichtet werden könnte, dass die Absurdität des Todes nicht mehr notwendig alle menschlichen Dinge in Frage stellte; dass also ein erfülltes Leben denkbar wäre, in dem der Tod vielleicht etwas von seinem Schrecken verlöre, nicht etwa weil es danach, sondern, wie Biermann meinte, zur Abwechslung diesmal davor ein Leben gegeben haben könnte?

Die Frage berührt das, was Adorno einmal das ontologische Bedürfnis genannt hat. Diesem Bedürfnis lässt sich die Berechtigung nicht rundweg bestreiten. Gerade der unfassbare Zynismus, mit dem Heidegger die Möglichkeit von Erfüllung des Lebens mit dem Tod in eins setzt, nötigt zu einer Antwort; denn er hat sich ja nun nicht die Frage einfach bloss ausgedacht. Die Versagung jener Erfüllung hat Feuerbach als den, wenn man es so sagen will, Triebgrund der Religion bestimmt; der Atheismus hat aber nur Gott durchzustreichen vermocht, ohne die Erfüllung ins Diesseits holen zu können; der Preis dafür ist das Fortbestehen des metafysischen Bedürfnisses als ontologisches.

Die Religion kann man nicht ungestraft verneinen, wenn man ihre Versprechen nicht auch in irgendeiner Weise einlöst; viel zu tief ist sie in die menschlichen Dinge eingelassen, im Guten wie im Bösen.

4. Weder zur faschistischen Parole, noch zu Heideggers Zynismus scheint die Stelle nach Hosea 13,14 in der katholischen Karsamstagsliturgie recht passen zu wollen, in der es heisst: Tua mors ero, o mors; O Death, Thy Death I Will Be. Die katholische Kirche steht aber, wie sich zeigt, auf eigenartige Weise an der Wiege des Besten und des Schlimmsten: auch wenn dieser Satz ausspricht, dass der Tod ein Übel, ein Skandal ist, verklärt er ihn doch zum Eingang ins ewige Leben; dem Elend der Einzelnen verspricht er nicht, dass es besser wird, sondern dass alles nur eine, und sogar notwendige, Illusion ist, der Tod bereits überwunden, und das wahre Leben dann anfängt, wenn das wirkliche vorbei ist. Nicht nur ist das Elend damit gerechtfertigt, sondern noch der Tod.

Und dennoch enthält Religion, auch die katholische, noch eine Antithese gegen den Tod; eine Erinnerung daran, dass es mit diesem Stand der Dinge nicht getan sein könnte; die Feinderklärung an den Tod enthält auch eine Parteinahme, einen wenn auch hilflosen Trost, dass das alles nicht alles gewesen sein wird, dass es mit dem kurzen elenden Leben, das keine Spuren hinterlassen wird, sein Bewenden nicht haben wird. Darin findet die Erinnerung Zuflucht, dass es besser werden kann. Sowenig es zufällig ist, dass die Herrschaft sich mit dem Tod verbündet, sowenig zufällig ist das ewige Leben die Zuflucht der Bedrückten. (2)

5. Wie der Staatsstreich der Spanischen Legion, so reagiert auch Heideggers Filosofie auf die Revolution, deren eigenes Pronunciamento allerdings etwas älter ist, und in seiner deutschen Fassung etwa von Heinrich Heine formuliert worden ist: wir wollen hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten. Es ist seither öfter erneuert und aktualisiert worden, aber mit weniger Erfolg und weniger Recht; Sartre haben wir schon genannt; Camus hat die Solidarität aller Menschen gegen den Tod gefordert, wovon ein fernes Echo im iranischen Aufstand von 2009 zu hören war; und Benjamin sprach davon, dass die Toten noch gerettet werden könnten.

Carl Schmitt auf der anderen Seite schrieb nicht nur, dass der Souverän gegebenenfalls das Opfer des Lebens verlangen könne; sondern auch, an einer äusserst merkwürdigen Stelle in der „Politischen Theologie“, von der ihn offenbar zutiefst erschreckenden Idee eines „Verschwindens der politischen Idee“ zugunsten eines „paradiesischen Diesseits“ von „ problemloser „Leib“haftigkeit“, welches er als Bakunins, den er zum Satanisten erklärt, Ziel aufzeigt: das ist seine Feindbestimmung, die Todangst vor Vernunft und Freiheit, zu deren beider Zerstörung jedes Mittel recht ist.

Das heutige Europa, das so zivilisiert ist, dass es die Massengräber des spanischen Bürgerkriegs, mit dem alles anfing, nicht ausgraben will, will sich nicht einmal dann daran erinnern, auf welchem Grund es gebaut ist, wenn, wie 2005, die Erklärung der al Qa’ida zum Bombenanschlag in Madrid wie ein Echo der Worte jenes spanischen Generals klingen: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“; man streitet sich statt dessen lieber, ob der Jihadismus der al Qa’ida nicht vielleicht doch nur das Ergebnis von eineinhalb Jahrtausenden islamischer Geschichte ist anstatt ein Ausläufer der europäischen Katastrofe eines einzigen Jahrhunderts.

Der Tod, von dem sie reden, ist nicht der sogenannte natürliche, sondern der Mord; aber das stellt uns nur vor das Rätsel, dass der Mord, in solchen Dimensionen, in die Welt kommen musste, um zu verhindern, dass das Leben der Einzelnen heute, wo es vielleicht möglich wäre, ein besseres wird; eines, das diesen Namen vielleicht verdiente. Brecht lässt die Communarden beschliessen, „ein schlechtes Leben / mehr zu fürchten als den Tod“; das erscheint fast heiter heute, wo man weiss, dass es schlimmeres gibt; es ist getötet worden und wird getötet, damit der Tod seinen Schrecken nicht verliert.

Aus aller neueren Geschichte folgt, dass die Sätze Viva la vida und viva la muerte nicht zusammengehen; dass nicht gleichzeitig Erfüllung und Tod das sein können, was dem Leben den Charakter eines absurden Bruchstückes nimmt; dass ein Leben, das diesen Namen verdient, nicht koexistieren kann mit dem Souverän. Die Antwort, die hier gegeben werden müsste, hiesse: niemand hat das Recht, das Opfer des Lebens zu verlangen; oder, wie man dasselbe seit 2009 in zeitgenössischem Persisch kennt: marg bar hishkas, Nieder mit niemandem. Das wäre ein passendes Pronunciamento zu einer Revolution, die das, was hier bestritten wird, auch praktisch widerlegt.

1 Aischylos lässt in Prometheus, v. 250, diesen bei der Erschaffung des Menschen ihnen „blinde Hoffnungen“ einpflanzen, „so dass sie des Todes vergässen“; wieviel humaner ist sogar das, als die finstere Filosofie Heideggers, dem die offizielle Filosofie seinen Trick durchgehen lässt, und über den das zuständige zu sagen auch die inoffizielle meistens unterlässt.

2 Welches davon besser katholisch ist, kann man sich aussuchen.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Marg bar hishkas

Ein etwas zu ungeschickter Versuch, uns auf den Hundinger warten zu lassen

Folgenden Artikel reichte eine uns völlig unbekannte Julia Reiter bei uns ein. Auf Rückfragen der Redaktion wegen der mangelhaften Recherche und anderer offensichtlicher Ungereimtheiten reagierte die Autorin nicht. Wir haben, durch die jüngsten Ereignisse (den sog. grossen hallischen Presseschwindel) gewarnt, deshalb beschlossen, den Vorgang, den wir für den Versuch halten müssen, uns gezielt einen unzutreffenden Text unterzuschieben, öffentlich zu machen, indem wir ihn nachfolgend dokumentieren.

Halle a.d. Saale, UNESCO-Welthauptstadt des geschmacklosen Wortspiels seit 1996
Reiseführer des Grossen Thieres, Teil 2

Halle ist eine Stadt im Osten, die sich Leute ausgedacht haben, die irgendwo mal gehört hatten, was eine Stadt ist, aber nicht begriffen haben, wie so etwas funktioniert. Die Stadt liegt aufgespannt zwischen den Armen des Flusses Saale: der Wilden Saale, der Trostlosen Saale und der Stinkenden Saale. Berühmt geworden ist sie durch die hallische Marktplatzverwerfung, einen jahrhundertelangen bürgerkriegsähnlichen Streit zwischen den Anwohnern des oberen und des unteren Marktes, in dem es hauptsächlich um den Standort einer geplanten Kirche ging. Er endete mit einem Kompromiss: der Turm steht in der oberen Hälfte in der Nähe des Denkmales des Wilden Mannes, die Kirche ganz woanders auf der unteren.

Sehenswürdigkeiten
Im Tourist-Info-Büro der Stadt wird eine Rundfahrt angeboten, auf der man sämtliche echten und die schönsten unechten Kreisverkehre Halles zu sehen bekommt. Letzteres ist eine Besonderheit Halles: so unübersichtlich wie ein Kreisverkehr, allerdings mit einer ganz anderen und völlig konterintuitiven Vorfahrtsregelung, die aus den Strassenmarkierungen erkannt werden könnte, wenn diese noch zu erkennen wären.

Die Grosse Strasse, auch Magistrale, lockt Touristen aus aller Welt an. Sie wurde versehentlich 1887 für die grosse Weltausstellung gebaut, die aber dann doch nicht in Halle stattfand.

Die Skulpturen auf dem Brunnen am Hallmarkt zeigen allegorische Szenen wie die berühmte Darstellung des Bischofs Konrad, der ein verkleinertes Modell der Kirche als Fusschemel benutzt, während der Teufel seiner Mutter beiwohnt. Die Skulptur wurde mit dem Staatspreis der DDR ausgezeichnet.

Den Marktplatz ziert ausserdem das Denkmal des Wilden Mannes, der Sage nach der erste Bürgermeister der Stadt. Er trägt Schlangen als Haare, Bockshufe und einen riesenhaften Phallus. Der Sage nach geht er in nebligen Nächten umher, verkleidet als reisender Prediger.

Halle nennt den grössten Boulevard Mitteleuropas sein eigen, eine vom inneren Stadtring durchquerte Fussgängerzone vom Marktplatz zum Bahnhof ;Aber Achtung! Abstand von den Gebäuden ist ratsam, weil sich zuweilen Stücke von ihnen lösen. Den Zugereisten unterscheidet man vom Einheimischen auf den ersten Blick dadurch, dass er bei dieser Gelegenheit heftig erschrickt.

Berühmt ist ausserdem der 24-Stunden-Edeka in der Ludwig-Wucherer-Strasse. Alkohol gibt es allerdings nach 23.00 Uhr nur noch in den zahlreichen Internetläden, in denen sich auch das gesellschaftliche Leben abspielt. Das Weinsortiment ist erschreckend.

Menschen und Moden
Was definitiv nicht geht, ist am Bahnhof abhängen. Das macht kein Mensch. Es ist zugig, und es gibt kein Bier. Die Punks hängen vor den Edeka-Läden (anders als in Leipzig, wo REWE dieses Marktsegment anführt). In Halle kann es einem passieren, dass man von Punks Hilfe beim Tragen oder Kleingeld angeboten bekommt.

Die Menschen sind allgemein das, was man höflich mit „herzlich“ umschreiben muss, wie sich durch zahlreiche Anekdoten belegen liesse; man soll aber nie versuchen, sich für einen Einheimischen ausgeben zu wollen, indem man ihre Art und Weise sich zu eigen macht; die genaue Art von Grobheit, die hier als normaler Umgangston gilt, ist schwer zu dosieren.

Unter den Studenten sind originellerweise Elektroparties und schicke Läden angesagt.

Eine ganze Reihe von Trends sind an Halle vorbeigegangen, wie etwa Essen ohne Fleisch oder gute Musik, dafür sind andere geblieben, wie grüne oder blaue Strähnen im Haar. Überhaupt werden Haare hier gefärbt, als wäre es 1989 und es würde morgen verboten, was es streng genommen schon ist.

Läden
Läden im weitesten Sinne müssen hier von Rechts wegen alberne Wortspiele als Firmennamen führen. Zum Ausgehen gibt es auch allerhand.

Finger weg von allem von allem im Paulusviertel, es sei denn, man hat Lust auf alles, was anderswo schon scheisse ist: chillige Studenten, alternative Eltern, Sektierer oder die einzigen Ansichtsexemplare des Veganismus, die man sich hierher hat kommen lassen.

Auch Finger weg von: Silberhöhe, Südstadt, Neustadt, Trotha. Manche sagen, dass die coolen Leute in Glaucha wohnen, wieder andere sagen, in Berlin.

Was nicht heisst, dass man hier keine vibrierende Szene finden könnte! Man muss sie sich halt selbst mitbringen.

Auf die Dauer erträglich sind eigentlich nur VL in der Ludwigstrasse und Reilstrasse 78. Dort gibt es Bier und laute Musik und schlechtgelaunte Bedienungen.

Gerüchteweise gibt es einen Laden namens Kiosk am Reileck, von dem aber noch nie jemand etwas gehört hat.

Kulinarische Spezialitäten
Weltberühmt sind die sog. Hallorenschnecken, mit dunkler Schokolade glasiertes Salzteiggebäck, bestreut mit Steinsalz; sowie die Kalten Egel, ein zartes Blätterteiggebäck mit Aprikosenschaum- und Mandelfüllung, mit Kümmel und Steinsalz bestreut. Lokaler Geheimtipp sind Brötchen mit gebackener Leber, die man an jedem Bratwurststand bekommt. Finger weg von den Dönern hier, sie sind verblüffend scheisse für ihren Preis. Den billigsten Kaffe bekommt man in den Metzgereien, aus irgendeinem Grund. Am besten, man wohnt ganz hier, dann kann man zuhause kochen.

Events
Alljährlich zieht am ersten Augustwochenende und Mitte Februar die Rotlicht-Rally hunderte Besucher an, ein Autorennen quer durch die Stadt. Ziel der Rally ist es, möglichst viel Zeit an den für ihre langen Rotfasen berüchtigten Ampeln zu verbringen. Die Behörden versuchen seit Jahren vergebens, die Veranstaltung zu unterbinden.

Weitere Festivitäten sind die Händel-Tage am ersten Augustwochenende, sowie das grosse Hallorenschneckenessen Mitte Februar. Bei der Eröffnungsfeier schreitet traditionell der Oberbürgermeister, im historischen Kostüm des Wilden Mannes, eine Ehrenformation ab.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Ein etwas zu ungeschickter Versuch, uns auf den Hundinger warten zu lassen

Intro Heft 1 (bzw. 2)

Unser Heft 0 scheint „angenommen“ worden zu sein. Auch wenn anfängliche Schwierigkeiten bestanden Heft 0 a) von Heft 0 b) im Inhalt zu unterscheiden. Künftig erlaubt man sich solche Späße sicher nicht mehr, nicht. Manche meinen, wir wären sympathisch, andere, wir wären nicht voll zurechnungsfähig. Wir haben schon schlimmeres um die Ohren geschlagen bekommen und nehmen das einstweilen als Kompliment.

Wie von verschiedensten Seiten festgestellt wurde, ist das Layout grausam. Das hat uns dazu bewogen, Ihnen diesmal etwas neues zu bieten. Denn wenn wir schon die Rechtschreibung und Grammatik fürchterlich verachten (respektive uns das nachgesagt wird), wollen wir Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass in Teilen der Auflage eine Werbebeilage für Elektro-Zigaretten der Firma Ooligamut beiliegt, um deren freundliche Beachtung wir bitten.

Derzeit werden Mitglieder der Redaktion damit genervt, sich gefälligst einen Lektor zu leisten. Jedes mal wenn wir unter Leute geraten, die diese Zeitschrift mehr oder minder kennen, bietet man sich dann auch gleich als Lektor an. Selbstverständlich nehmen wir diese Angebote dankend an: in Zukunft wird das Lektorat zur Einsparung von Kosten ganz auf die Leser/innen/schaft ausgelagert. Hiermit sind alle zu Lektoren ernannt. Von den beliegenden Rotstiften bitten wir grosszügigen Gebrauch zu machen.

Noch etwas: die eingegangen Emails wurden größtenteils beantwortet, nur auf die Frage, „wenn es kalorienfreies Cola gibt, warum nicht kalorienfreie Chips?“ konnte die Redaktion zu keiner adäquaten Antwort kommen. Wir bitten daher erstmals um die Meinung der Leser. Zuschriften sind erwünscht!

Im Vergleich zu Heft 0 und Heft 0 haben wir die Auflage wesentlich erhöht. Das Heft geben wir einstweilen nach wie vor kostenlos ab.

Vielleicht sollte man wiederholen, dass es ausdrücklich erlaubt ist, das Heft selbst nach der im Netz vorfindlichen Druckvorlage nachzudrucken, und gegen höchstens kostendeckenden Preis weiterzugeben.

Ab der nächsten Ausgabe könnte es sein, dass man das Heft bezahlen muss. Es wird in grösseren Stückzahlen Rabatte für Wiederverkäufer geben. Interessenten melden sich bitte ab sofort über Email.

Wir können bereits jetzt zusagen, dass die geplante Preisgestaltung der Jahresabonnements die kalendarische Besonderheit berücksichtigt, dass aufgrund des vom Maya-Kalender vorhergesagten Weltuntergangs zum 21.12.2012 das Jahr ca. 2,7% kürzer geworden ist.

Autoren des Grossen Thieres können für Zirkusveranstaltungen über die Redaktionsanschrift gebucht werden. Aber das kostet. Manche machen das ernsthaft. Besichtigen kann man uns vielleicht am 3.3. im IvI in Frankfurt, wo wir bislang beabsichtigen aus eigenen Texten zu lesen. Oder auch aus euren.

Freut euch
auf
das Grosse Thier.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Intro Heft 1 (bzw. 2)

Na, woher?

Was man in nächtlichen Suchattacken nicht alles findet…

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Na, woher?

Verschickung Teil II

Wer das Heft 2 noch haben will, bitte schnell auf der bekannten E-Mail-Adresse melden! Wir verschicken diese Woche den zweiten Schub.

Oi zusammen:

Das Grosse Thier

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Verschickung Teil II

Über Occupy…

Occupy oder Die Kontrolle über den gesellschaftlichen Lebensprozess übernehmen

„Ich bin hier, weil ich nicht mehr verstehe, was passiert, und das, obwohl ich Wirtschaftswissenschaftlerin bin, und dann denke ich, dass 80 Prozent unserer Parlamentarier das auch nicht mehr verstehen, und dann ist das ein Problem.“ – Eine Teilnehmerin an den Occupy-Protesten

1.
Ein Börsenazubi, der die Banalitäten seiner Analysten genannten Vorbilder noch einmal vulgarisiert, wird als Mister Dax verehrt. Ein Prinz Mario-Max zu Schaumburg-Lippe verkauft im Teleshopping ein Parfüm mit „Reichtumsessenz“, das durch Aufsprühen auf Geldscheine, Schmuck oder Aktien den Reichtum des Anwenders um das 1000-fache vermehren soll. Die Vorhersagen von Leuten, die sich Wirtschaftsweise nennen lassen, ändern stündlich die Richtung und erweisen sich so als das, was die offiziellen Wirtschaftswissenschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind: Respektable Dummheiten. Eben noch schien alles in bester Ordnung zu sein – heute scheinen sie die Welt nicht mehr zu verstehen. Sie haben sie noch nie verstanden.
Der Staat war stets die letzte Bastion des Kapitals und so wundert es nicht, dass in diesen Zeiten Sahra Wagenknecht zum Liebling der bürgerlichen Presse aufsteigt, sie erobert die Talkshows mit Rezepten für keynesianischen Staatsbrei – und niemand kotzt. Was die Anhänger ihrer Rezepte, von Attac über die evangelische Kirche und diverse linke Grüppchen bis zur Occupy-Bewegung eint, ist die Sehnsucht nach dem starken und gerechten Vater Staat. Sie ist ebenso undemokratisch wie kindisch und gefährlich. Zu ihr gesellen sich die stets antisemitisch ausschlagenden Lehren von der Herrschaft der Finanzmärkte, des Zinses und des Geldes. Sie sind allesamt unwahr, ihre Verbreitung verdanken sie ihrer Komplizenschaft mit genau jenen Fetischisierungen, welche die kapitalistische Produktion auszeichnen und mit denen auch die offiziellen Wissenschaften hausieren gehen: Die Verdeckung der in der Produktion stattfindenden Ausbeutung durch den Lohnfetisch, der Anschein der Trennung von produktiven Kapital und Geldkapital, die scheinbar selbständige Vermehrung des Geldkapitals. Dem Manager einer Bank, dem sie persönlich nie einen Cent gezahlt haben, wollen sie an den Kragen, den millionenschweren Stars der Kultur- und Konsumwarenindustrie, vom Fußballspieler und Schnellautofahrer über den Leinwandstar bis zu den Erfindern imagegeladener elektronischer Geräte und den Eigentümern von Automobilfabriken, von denen sie auch nichts umsonst bekommen, liegen sie zu Füßen.
Es sind dies unvermeidliche Folgen des einen Umstandes: In der Wirtschaft des Marktes bemeistert nicht der Mensch die Produktion, sondern die Produktion den Menschen. Die gesellschaftliche Arbeit kehrt sich ungefragt gegen die Produzenten und stürzt sich auf sie als zerstörerische Macht. Der Zusammenhang bleibt undurchschaut. Die Einheitlichkeit dieser Macht wird durch ihre gegensätzlichen Trennungen verdeckt. Trennungen in Produzenten und Konsumenten, in unmittelbare Produzenten und Eigentümer der gesellschaftlichen Produktionsmittel, in fungierende Kapitalisten und kapitalistische Eigentümer, in Produktion und Handel, in Gläubiger und Schuldner, in Produzenten und Händler. In die Drinnen und die Draußen. Was immer sie sich in ihrem Dasein als scheinbar Freie, Unabhängige und gegeneinander Gleichgültige einbilden mögen, die Krise zeigt: Sie sind wesentlich Momente eines Ganzen, Teile eines Ensembles und sie können nur dann existieren, wenn sich diese Momente in einem bestimmten qualitativen und quantitativen Verhältnis zu einander befinden. Der Bankrott des griechischen Staates muss im Interesse italienischer, spanischer, französischer und deutscher Banken und deren Gläubiger verhindert werden. Bei näherem Hinsehen erweist sich jede größere Bank auf dem Kontinent als „systemisch“, d.h. als unverzichtbarer Bestandteil des weltumspannenden Produktions- und Verwertungsprozesses. Nichts ist weiter entfernt von der Wirklichkeit als die Vorstellung, es handele sich bei den nationalen Krisen um bloß nationale Krisen. Der EURO und die diversen „Rettungs-Pakete“ der EZB und der EU machen nur öffentlich, was ohnehin schon längst der Fall ist: Das ökonomische Schicksal der europäischen Länder ist auf´s Engste miteinander verknüpft. Niemand kann sich entziehen.
Parallel zu den Zerstörungen, zur nationalistischen und antisemitischen Aufhetzung gegen die vermeintlichen Urheber der Krise, eine Lage, in der selbst ein greiser Wichtigtuer wie der Ex-Kanzler Schmidt (Prototyp des postnazistischen deutschen Politikers, der von seinen Landsleuten in Funk, Fernsehen und Presse wie der Führer angebetet wird: „Erklären sie uns 2011, Herr Schmidt!“) mit seinem Bekenntnis zu Europa als Hoffnungsträger erscheinen kann, setzt die Krise daher auch die Erhöhung des gesellschaftlichen Niveaus der Produktion auf die Tagesordnung – entgegen aller Widerstände. Die europäischen Führungsmächte, allen voran Deutschland, kassieren die Haushaltssouveränität der Nationalstaaten, mag die provinzielle Parteibasis noch so jammern. Dabei geht es keineswegs harmonisch zu, sondern mit gegenseitiger Erpressung. In der formalen Gleichheit der EURO-Staaten setzt sich die ökonomische Herrschaft ebenso durch wie in der formalen Gleichheit von Lohnarbeiter und Kapitalist. Deutschland nutzt neben seinem Produktivitätsvorsprung seine auf verstärkter Ausbeutung der Arbeiter – seit mehr als 10 Jahren sinkende Reallöhne und Sozialleistungen – beruhende ökonomische Macht dazu, die deutsche Ideologie auf Europa auszudehnen. Das Projekt, welches Europa vor dem deutschen Machtstreben bewahren sollte, ist zugleich das Projekt deutschen Machtstrebens. Und wieder einmal ist Großbritannien, geschwächt wie nie, die letzte europäische Bastion gegen Großdeutschland.
Diese unvermeidlichen Lösungen der Krise schaffen die Grundlagen dafür, die nächste Krise auf noch größerer Stufenleiter aufzuführen. Wenn die Wirtschaft in China auch noch fidel ist, so beweist das einmal mehr nur die Ungleichzeitigkeit des Gesamtprozesses. Sobald die Krise des europäischen und des nordamerikanischen Kapitals eine Verminderung des Warenimports oder den Zahlungsausfall erzwingt, ist die Krise auch eine Krise Chinas. Denn die USA und Europa sind die Hauptabnehmer der chinesischen Exportware und der Export die Bedingung des chinesischen Wachstums. Die Krise wird auch China erreichen, chinesische Mauer hin oder her. Die Proletarier aller Länder werden dann vielleicht vorgeführt bekommen, was Klassenkampf im 21. Jahrhundert heißen kann. Näheres ist nicht bekannt. Gleichzeitig zeichnen sich in China hausinterne Krisen ab: Die Immobilienspekulation ist bereits erschüttert.

2.
Der Lächerlichkeit und Begriffsstutzigkeit der blamierten Experten stehen die neuen und alten Oppositionen von links und rechts in nichts nach, egal wie radikal sie sich selbst dünken mögen. Die einen sehen in den Griechenland auferlegten „Sparprogrammen“ bloße Strafaktion, eine durch ökonomische Argumente verdeckte Gemeinheit. Die anderen rufen „Wir zahlen nicht für eure Krise!“, ganz so, als sei ihre Existenz als Lohnarbeiter nicht an die gelingende Verwertung des Kapitals gebunden. Es sind dieselben, die bald wieder den Staat zur Rettung von Arbeitsplätzen herbeirufen. Und diejenigen, die den „Pleitegriechen“ heute nichts geben wollen, werden sich morgen wundern, warum ihre kapitalgedeckte Rentenversicherung zu wenig abwirft um satt zu werden. Nicht einmal dem unbeschäftigten Teil der Arbeiterklasse können die Verwertungsprobleme des Kapitals gleichgültig sein, denn alle sog. Sozialleistungen hängen von den Steuer- und Abgabenzahlungen anderer ab, in letzter Instanz von der gelingenden Akkumulation des Kapitals. Alle Einkommen in der kapitalistischen Gesellschaft haben die Mehrwertproduktion zur Voraussetzung. Hören die Sklaven der Galeeren einfach auf zu rudern, so gehen sie gemeinsam mit den Trommlern, Peitschenschwingern und ihren Herren unter.
An den allgemeinen Krisen könnte die Menschheit dagegen lernen, wie wenig angemessen die bestehende Ordnung der Produktion dem erreichten Stand der produktiven Kräfte in Industrie, Handel und Verkehrswesen ist. Die gesellschaftlichen Formen vermögen sie nicht länger zu fassen und so verwandeln sie sich von Produktivkräften in Destruktivkräfte der Gesellschaft, von Mitteln zur Entwicklung des menschlichen Reichtums in Mittel der Hemmnis und Zerstörung, ganz so, wie ein zu kleiner Schuh den Fuß am Wachstum hindert, ihn schließlich verkrüppelt und zum Gehen untauglich macht. Worum es in allen modernen Krisen seit dem 19 Jahrhundert geht, ist nicht ein absoluter Mangel an Reichtum, ein Mangel an produktiven Möglichkeiten oder ein Überschuss an Bedürfnissen, sondern die wachsende Unfähigkeit der auf Profitproduktion gründenden Ökonomie, die Gesamtheit dieser produktiven Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung einzusetzen.
Die occupy-Bewegung und ihre Anhänger wollen von diesen Perspektiven nichts wissen. In Deutschland als bloße Importware geführt und noch einmal gründlich deutsch verhunzt, zeichnet sie sich nicht nur durch eine ideologische, sondern auch praktische Feigheit aus. Nirgends sind die Aktivisten so handzahm wie hier, nirgends die Aktionen so manipulativ, berechnet und verlogen. Nichts von dem Folgenden hat je ihren Horizont erhellt.

3.
Der Reproduktionsprozess der Menschen schließt zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsformen die Spekulation ein. Sicher ist einzig, dass nichts sicher ist vor Veränderung, Zufällen und sich durchkreuzenden Absichten. Und alles dies muss von den Menschen tagtäglich in Rechnung gestellt und praktisch bewältigt werden. Man denke nur an solche noch ganz einfachen Probleme wie das Wetter und die mit ihm verbundenen praktischen Hindernisse und Folgen. Wie könnte da die Ökonomie, ein Komplex, der die Tätigkeit und Entwicklung der gesamten Menschheit und ihres Verhältnisses zur Natur umfasst, frei von Spekulation sein? Um dieser elementaren Unsicherheit zu begegnen, um die Produktion des eigenen Lebens wenigstens teilweise unter ihre Kontrolle zu bringen, existiert eine Vielzahl von Methoden, welche überall Anwendung finden. Kooperation, Absprachen, Bildung von Notfallreserven, Statistik, wissenschaftliche Erforschung der Wechselwirkungen und Abhängigkeiten in Natur und Gesellschaft. Sie sollen das spekulative Moment und seine Folgen begrenzen. Und dennoch herrschen in der Ökonomie des Marktes überall Durcheinander, Verschwendung, Verantwortungslosigkeit und Fehlentwicklungen, denn die Konkurrenz der Warenproduzenten gebietet zugleich Nicht-Information, Desinformation, Intransparenz und Betrug. Es sind dies nicht nur unverzichtbare Mittel der Konkurrenz, es sind sogar Rechte und Pflichten des Warenproduzenten. Absprachen sind strafbar, Kartelle verboten, Patente und Informationen gut geschützt. Jeder einzelne Produzent muss versuchen, auf Kosten anderer seinen Reichtum zu vermehren, sein Wissen zu seinen Gunsten und zum Schaden der Gesellschaft zu verwenden, den Staat und die Gesellschaft zu prellen. Die Hand des Marktes ist unsichtbar und erbarmungslos, von seinen Konkurrenten hat man keine Rücksicht zu erwarten. Die Ordnung der Warenproduktion verbindet die individuellen Absichten zu einem gesellschaftlichen Chaos, realisiert sich als gesellschaftliche Verschwendung inmitten der individuellen Sparsamkeit, als Spaltung der Menschheit in Konkurrenten auf Leben und Tod inmitten der Vergesellschaftung aller ihrer Lebensmomente.
Die Spekulation überhaupt zu beseitigen wäre eine sinnlose, eine unlösbare Aufgabe, allein sie wäre auf ihr unvermeidliches Minimum zu reduzieren, indem die Produktion als gemeinsame Produktion, der Konsum als Verteilung des gemeinsamen Produkts unter Einsatz aller vorhandenen technischen und organisatorischen Mittel endlich demokratisch geplant würde. Die erste Bedingung für die Kontrolle über ihren eigenen Lebensprozess ist die gemeinsame praktische Verfügung der unmittelbaren Produzenten über die gesellschaftlichen Produktionsmittel, jene Produktionsmittel, die sie selbst geschaffen haben, täglich schaffen und die niemand besser kennt und zu nutzen wüsste als sie selbst. Die erste Tat ist die Aneignung der Produktionsmittel als ihre Produktionsmittel. Die Sklaven müssen ihre Ketten brechen, die Aufseher und Herren überwältigen und die Galeere zu ihrem Schiff machen.

4.
Die der Warenproduktion immanente Tendenz zur Spekulation wird verstärkt durch die kapitalistische Form der Warenproduktion. Eine allgemeine Tendenz dieser Form ist die Konzentration der Produktionsmittel in den Händen weniger Kapitale und überall vollzieht sich diese Konzentration als Auflösung des persönlichen Eigentums zugunsten des gesellschaftlichen Eigentums, überall hat sich die Aktiengesellschaft als die höhere Gestalt des privaten Eigentums an den gesellschaftlichen Produktionsmitteln durchgesetzt. Sie sind das gewaltigste Mittel der Entwicklung der Produktivkräfte. Die unmittelbare Kontrolle des Verwertungs- und Produktionsprozesses geht damit über auf eine Kaste aus Managern, Verwaltern, Beaufsichtigern. Was sie verwalten, ist nicht ihr Eigentum, sondern fremdes Eigentum. Es ist das Privateigentum ohne die Kontrolle des Privateigentümers. Dies fördert nicht nur die Spekulation, den Betrug und den Leichtsinn (denn nichts lässt sich leichter auf´s Spiel setzen als fremdes Eigentum), es muss auch Männer und Frauen zu Regisseuren der Produktion machen, welche von der Natur des Produktionsprozesses kaum eine Ahnung haben. Was sie praktisch interessiert ist die Verwertung allein. Schließlich haben die Kapitale eine Größe und einen Grad der Gesellschaftlichkeit erreicht, dass ihre Privatheit nur mehr der Form nach besteht. Sie sind unverzichtbare gesellschaftliche Einrichtungen und in jeder Krise zeigt sich, dass die Gesellschaft in Form des Staates zu ihrer Rettung auftreten muss. Dies veranlasst manche zu der Ansicht, man müsse zu den alten Formen, zum alten KapitalistenUnternehmer zurückkehren, zu überschaubaren, kleinen, muffigen Verhältnissen. Dies ist unmöglich ohne eine gewaltsame Zerstörung der in den höheren gesellschaftlichen Formen erwachsenen Produktivkräfte. Nicht nur verklären sie das Elend, die Beschränktheit und Gemeinheit der Verhältnisse, denen die Menschen entflohen sind, sie verschweigen auch die realistische Alternative zur Barbarei: Die Kontrolle und gesellschaftlich vernünftige Anwendung der Produktivkräfte durch die unmittelbaren Produzenten selbst. Für die Planung ist kein besonderer Apparat, kein Supercomputer oder Expertenteam notwendig, nichts, was erst erfunden werden müsste. Vielmehr wäre sie die konsequente Anwendung und Ausweitung aller schon vorhandenen aber bislang verheimlichten, versteckten, abgeschlossenen und verdrängen „Informationen“ über die gesellschaftliche Produktion, die Ausnutzung der Kommunikationsmittel nicht für Werbung und Desinformation, sondern zur Verbesserung der Produktion und Verteilung. Der Einsatz aller Mittel zur Humanisierung der Arbeit statt ihrer gesteigerten Ausbeutung. Der Plan ist nicht mehr und nicht weniger als das Mittel zur Beseitigung der bornierten Privatheit, Geheimniskrämerei und Konkurrenz der Warenproduzenten, die Beseitigung der gesellschaftlichen Verschwendung von Lebens- und Produktionsmitteln, der Verschwendung der Lebenszeit der Individuen, der existentiellen Konkurrenz, des permanenten Überlebenskampfes, der unnötigen Härten, Erniedrigungen, Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse. Die Möglichkeit der gesellschaftlich-rationalen Selbstzuteilung der Arbeitskräfte an die wichtigsten Bereiche: die Erziehung und Ausbildung, die medizinische Forschung und Praxis, die Produktion und Raffinierung der Lebensmittel (im weitesten Sinne) und der Kunst. Alles dies ist in der kapitalistischen Privatproduktion unmöglich. Der Markt verteilt die gesellschaftlichen und natürlichen Ressourcen der Produktion nach dem blindwütigen Gesetz der privaten Ausbeutbarkeit, ein Gesetz, welches jede gesellschaftliche Vernunft unter seinem stampfenden Fuß begräbt. Planung erst wäre die Bedingung der Möglichkeit einer bewussten Entwicklung der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Individuen nach frei bestimmten Zielen. Und diese wandeln ihren Charakter mit den veränderten Produktionsbedingungen. Radikal qualitative Infragestellung des bisherigen Produzierens und des Produzierten, der Produktionsbedingungen und Produkte scheint als Wunsch und Aufgabe überall dort auf, wo die Produzenten aus den beklemmenden Verhältnissen der Profitproduktion heraustreten. Das glänzende Beispiel, das die Arbeiter der englischen Lucas-Werke mit dem von ihnen entworfenen Lucas-Plan gegeben haben, zeigt, was möglich wäre. (http://www.magazinredaktion.tk/lucas.php)

5.
Die ökonomische Gier hat einen Gegenstand, es ist das Geld. Und kein Gesetz und kein Moralwächter vermag dieser Gier Einhalt zu gebieten. Wo sich die Verwaltung des Geldes konzentriert, wird die Spekulation, die Gier und die Dummheit am größten sein, finden wird man sie aber überall, denn die kapitalistische Warenproduktion, deren übergreifender und unmittelbarer Zweck die Produktion von mehr Geld ist, ist ihr gemeinsamer Nenner. Die Gier kann daher nur verblassen, wenn man ihr den Gegenstand nimmt. Das Geld aber ist die notwendige Ergänzung zur Warenproduktion und des Austauschs auf dem Markt – von diesen untrennbar, wer daher die Herrschaft des Geldes beenden will, der wird eine andere Form der gesellschaftlichen Vermittlung von Produktion und Konsumtion, Produktionsmöglichkeiten und produktiven wie konsumtiven Bedürfnissen an die Stelle des Marktes zu setzen versuchen und sich nicht hinter der „sozialen Marktwirtschaft“, nicht hinter „Transaktionssteuern“ und „gedeckelten Managergehältern“ verkriechen. Der wird die direkte Kommunikation und Koordination der Produzenten an die Stelle der stummen Preisbewegungen und blinden Marktkräfte setzen. Diese muss gewährleisten, dass die Arbeit des Einzelnen eine gesellschaftlich nützliche, benötige Arbeit ist, sie muss den Prozess der Anpassung der Arbeiten an die gesellschaftlichen Bedürfnisse und Zielsetzungen vollbringen – nicht mehr und nicht weniger. Diese alternative Vermittlung kann heute, auf dem Niveau der weltweiten Arbeitsteilung, allein die geplante Produktion der Assoziation freier Individuen sein, erst dann vermöchte auch an die Stelle der unendlichen Aufhäufung abstrakten Reichtums, der Aufhäufung abstrakter Macht, die Entfaltung persönlicher Fähigkeiten, der reichen Persönlichkeit zu treten.
Der abstrakten Geldmacht ist die gesellschaftliche Ohnmacht, den Hunger zu beseitigen, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zu stoppen, beigesellt, sie ist zugleich ihre Voraussetzung, ihr Resultat. Die Entfaltung der reichen Persönlichkeit kann umgekehrt nicht stattfinden ohne eine Befreiung von dieser gesellschaftlichen Ohnmacht, die freie Entwicklung des Einzelnen nicht ohne die freie Entwicklung aller sein.

6.
Wir sind die 99%. Aber von Klassen wollen sie nichts wissen. Wie können die 99% von 1% beherrscht werden? Durch das Privateigentum an den Produktionsmitteln. Daran aber wollen sie nicht rühren. Nähmen sie auch nur eine ihrer Behauptungen ernst, stießen sie überall zur Frage einer alternativen Produktionsweise, zur wirklichen Kontrolle über die Produktion durch die Produzentinnen vor und würden sie überall das Recht proklamieren, sich zu nehmen, was sie wollen. Wo es um die praktische Aneignung der gesellschaftlichen Produktions- und Gewaltmittel durch die ProduzentInnen, der Fabriken, Druckereien und Fernsehanstalten, der Waffen, der praktischen Büros, der Äcker, der Universitäten und Schulen, der Wohnhäuser, Rathäuser und Ministerien zu tun wäre, belagern sie ausgerechnet die Börse, den einzigen Ort, wo es wirklich nichts zu holen gibt. Statt den zu kämpfenden Kampf auch nur an einem einzigen Punkt – und sei es auch nur ideologisch – aufzunehmen, betonen sie vorneweg stets ihre eigene Arg- und Harmlosigkeit. Entsprechend werden sie von den Bullen gestreichelt und von Priestern umschwirrt. Es wird gejammert, gesungen und gehofft, man biedert sich den Herrschenden und ihren Apparaten an, auf dass die 1% ein paar Almosen herausrücken und, wenn man nur laut genug jammert und zetert, auf ein paar der nächsten Gemeinheiten verzichten mögen. Was sie bekommen werden: Eine europaweite Agenda 2020.

FKWC

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Über Occupy…

Neues Heft erschienen

Das zweite Heft ist erschienen und über die einschlägigen Kreise oder hier in digitaler Form zu beziehen.

Wir sagen danke danke danke, liebes Grosses Thier!

Editorial

Unser Heft 0 scheint „angenommen“ worden zu sein. Auch wenn anfängliche Schwierigkeiten bestanden Heft 0a von Heft 0b im Inhalt zu unterscheiden. Künftig erlaubt man sich solche Späße sicher nicht mehr, nicht. Manche meinen, wir wären sympathisch, andere, wir wären nicht voll zurechnungsfähig. Wir haben schon schlimmeres um die Ohren geschlagen bekommen und nehmen das einstweilen als Kompliment.
Wie von verschiedensten Seiten festgestellt wurde, ist das Layout grausam. Das hat uns dazu bewogen, Ihnen diesmal etwas Neues zu bieten. Denn wenn wir schon die Rechtschreibung und Gram- matik fürchterlich verachten (respektive uns das nachgesagt wird), wollen wir Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten, dass in Tei- len der Auflage eine Werbebeilage für Elektro-Zigaretten der Firma Ooligamut beiliegt, um deren freundliche Beachtung wir bitten. Derzeit werden Mitglieder der Redaktion damit genervt, sich ge- fälligst einen Lektor zu leisten. Jedes mal wenn wir unter Leute geraten, die diese Zeitschrift mehr oder minder kennen, bietet man sich dann auch gleich als Lektor an. Selbstverständlich neh- men wir diese Angebote danken an: in Zukunft wird das Lektorat zur Einsparung von Kosten ganz auf die Leser/innen/schaft aus- gelagert. Hiermit sind alle zu Lektoren ernannt. Von den beilie- genden Rotstiften bitten wir grosszügigen Gebrauch zu machen. Noch etwas: die eingegangen Emails wurden größtenteils be- antwortet, nur auf die Frage, „wenn es kalorienfreies Cola gibt, warum nicht kalorienfreie Chips?“ konnte die Redaktion zu keiner adäquaten Antwort kommen. Wir bitten daher erst- mals um die Meinung der Leser. Zuschriften sind erwünscht! Im Vergleich zu Heft 0 und Heft 0 haben wir die Auflage wesentlich erhöht. Das Heft geben wir einstweilen nach wie vor kostenlos ab. Vielleicht sollte man wiederholen, dass es ausdrücklich erlaubt ist, das Heft selbst nach der im Netz vorfindlichen Druckvorlage nachzudru- cken, und gegen höchstens kostendeckenden Preis weiterzugeben. Ab der nächsten Ausgabe könnte es sein, dass man das Heft bezah- len muss. Es wird in grösseren Stückzahlen Rabatte für Wiederver- käufer geben. Interessenten melden sich bitte ab sofort über Email. Wir können bereits jetzt zusagen, dass die geplante Preisgestaltung der Jahresabonnements die kalendarische Besonderheit berücksich- tigt, dass aufgrund des vom Maya-Kalender vorhergesagten Weltun- tergangs zum 21.12.2012 das Jahr ca. 2,7% kürzer geworden ist. Autoren des Grossen Thieres können für Zirkusveranstaltun- gen über die Redaktionsanschrift gebucht werden. Aber das kos- tet. Manche machen das ernsthaft. Besichtigen kann man uns vielleicht am 03.03. im IvI in Frankfurt, wo wir bislang beab- sichtigen aus eigenen Texten zu lesen. Oder auch aus euren.

Freut euch
auf
das Grosse Thier.

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Neues Heft erschienen

Sehr geehrte „Robbenbabys“…

null
Wie so viele in den Jahren zuvor, habt ihr euch als Abspaltung der Jugendantifa von der professionellen Anleitung der Antifa-F (Achtung Containerwort) „emanzipiert“ und eine eigene Gruppe gegründet: Schön. Ihr plant eine „neue Praxis“ jenseits der Bewegungskarawane, vielleicht häppchenweise sogar mit ein bisschen Theoriearbeit: Noch schöner. Ihr veranstaltet im Zuge eurer Adoleszenz flotte Partys mit Sportzigaretten und allem drum und dran und verwüstet von Zeit zu Zeit das IvI: Ebenfalls schön… zumindest für euch und für die alteingesessenen Gesinnungspunker, die Radau im „Freiraum“ – veranstaltet aus welchen Beweggründen auch immer – aus Gedankenverlotterung und Planlosigkeit für eine prinzipiell begrüßenswerte Angelegenheit halten (Stichwort: „Emanzipation“ gegen die alteingesessenen Hausmeisterinnen und Hausmeister).
Nicht schön und mit keiner faulen Ausrede (z.B. mit dem Verweis auf das Konsensprinzip) zu entschuldigen ist Folgendes: Ihr bringt es fertig und verlinkt unser gerade erst mit Mühe und Not aus der Taufe gehobenes Heft auf eurem Gruppenblog. Das in einem Atemzug mit der Phase 2, Jungle World, der Sinistra und der Antifa-F. Was soll das? Ist das bewusste Sabotage, der Versuch einer taktischen Zielsetzung, oder einfach nur Ahnungslosigkeit und eine anhaltende psychomentale Distanzlosigkeit zur linken Szene, von der ihr euch doch eigentlich – nach eigener Aussage – „emanzipieren“ wolltet? Möchtet ihr verbandeln, networken, rumschleimen, überall mitschwimmen und das Liebkind mimen, damit ihr bei UmsGanze® nicht endgültig die Street Credibility verliert und gleichzeitig weiterhin mit denen von euch als cool und „antideutsch“ identifizierten Personen an der Theke herumstehen könnt ohne permanent blöde angemault zu werden?
Wie auch immer eure Beweggründe für die Erstellung dieser peinlich entlarvenden Linkliste aussehen mögen: Nehmt uns da raus. Sofort! Die Phase 2 ist linker postmoderner Diskursdreck, Gesinnungsorgan zur argumentativen Unterfütterung besinnungsloser Praxis. Dieser einfach zu begreifende Umstand wurde zuletzt von der ehemaligen Bonjour Tristesse mit einem vernichtenden False-flag-Maneuver zu Genüge dargelegt. Die Jungle World ist eine professionelle Wochenzeitung mit Anzeigenkunden und Kulturindustriebeilage, die aus ökonomischen Erwägungen und faktischer Überschneidung des Leser- und Kundinnenkreises wahrscheinlich demnächst mit der TAZ fusioniert. Nicht mehr und nicht weniger. Lesenswert überhaupt nur wegen den Bescheidwisserartikeln zum „Nahost-Konflikt“. Die Antifa-F… bitte?… Was ist zu diesem handgreiflich-staatstragenden Frankfurter KarrieristInnenennetzwerk mit Politabteilung noch zu sagen?(???) Nichts, außer dass es für jeden ernst zu nehmenden antideutschen Communisten und jede Kommunistin die diese Bezeichnung verdient, eine kaum zu ertragende Schande darstellt, mit denen auf einer Linkliste präsentiert zu werden!
Löscht den Link zu unserem Heft von eurem Blog, ansonsten hagelt es auf dem nächsten öffentlichen Gruppentreffen (jeden Dienstag um 18 Uhr im IvI!) langwierige und nicht zu ertragende Kritik. Selbstverständlich vorgetragen mit lauter, alles durchdringender Stimme. Nehmt diese Drohung ernst!

Schnittler
Redaktionsbüro Frankfurt Mitte
11.04.2012

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Sehr geehrte „Robbenbabys“…

Einige Anmerkung zu Eva Peteler

Wir dokumentieren den Text von unserem guten Freund Jonas an dieser Stelle. In der 3. Ausgabe unserer Zeitschrift „Das Große Thier“ wird er einen ausführlichen Bericht über die Geschehnisse rund um den Hungerstreik in Würzburg nachreichen.

Anmerkungen zur ehrenamtlichen Betreuerin der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft, Eva Peteler
Von Beginn der Ereignisse, also nach dem Suizid Mohammad Rahsepars, schoss die „ehrenamtliche Betreuerin“ (BR) und Herausgeberin des Heimfocus Eva Peteler gegen jede Selbstartikulation von Flüchtlingen, sichtbar bemüht, diese teils auch von Konflikten begleitete Diskussion innerhalb der Unterkunft wieder einzuhegen in das Elend der karitativen Verwaltung.

Hinter dem Namen Peteler versteckt sich ein ganzes Milieu, das einzig und allein sich selbst Zweck ist. Ein Milieu welches sich nach außen als helfend-engagiert gibt, nach innen jedoch eine brutale Zurichtung der Individuen betreibt. Zahlreiche Artikel der von Peteler herausgegeben Zeitschrift „Heimfocus“ strotzen dementsprechend von Selbstdarstellungen, Samaritergeschichten, Domestizierungsphantasien, rassistischem Kulturalismus und einer ekelhaften Freude an der Arbeit mit dem „Fremden“ (1). Unliebsame oder kritische Artikel werden teils nicht veröffentlicht (2), gekürzt und auf die hinteren Seiten des Magazins verbannt (3). Die Veranstaltungen der Theatergruppe erinnern eher an die Völkerschauen des frühen 20. Jahrhunderts (4), und die Sachgegenstand-Verlosungen des erklärtermaßen unpolitischen Heimcafés sind eine einzige Demütigung für Menschen, die früher mal Studenten, Dozenten, Intellektuelle waren (5).  

Integrationsarbeit als Zurichtung zum Objekt der karitativen Elendsverwaltung 
Zweifelsfrei übt Peteler in der GU eine Machtposition aus, um deren Festigung sie stets bemüht ist: Geschickt geschlossene Seilschaften, unwichtige aber öffentlichkeitswirksame Preisverleihungen und Events und schamlos ausgenutzte Abhängigkeiten bilden die Basis des Betriebs.

Die meisten Asylbewerber haben im Gegensatz zu ihren deutschen „Freunden“ gar keine Wahl, ob sie bei diesem Spiel mitspielen wollen oder nicht, sie werden von Anfang an in dieses System, in welches sie geworfen wurden, (zwangs-) integriert. Es gehört zu den Voraussetzungen dieses Spiels, den Eindruck zu erwecken, das Monopol an den für viele Flüchtlinge lebenswichtigen Informationen und Seilschaften zu haben. Ob sie es wirklich hat, weiß ich nicht, und ist zunächst auch nicht relevant.

Was die Auswirkungen für die Flüchtlingen sind, kann man jedoch sehr bestimmt sagen:

Sie werden über ihre Rechte und Möglichkeiten im Unklaren gelassen. Wegen der für viele der aus allen Ländern der Welt geflohenen Menschen sowieso schon undurchsichtigen deutschen Asylbürokratie ist diese Methode höchst erfolgreich, und so sind sie gezwungen, nach allem zu greifen was ihnen angeboten wird, um irgendwie der Unerträglichkeit des jahrelangen Ausharren in der Kaserne zu entkommen: Glücksspiele mit Gewinnchance auf Bustickets, alte Kleider und Fahrrädern inklusive anschließender Ablichtung mit der Gönnerin Peteler für die nächste Ausgabe des „Heimfocus“ (6), Stadtführungen, und entmündigende „Patenschaften“, bei denen die Flüchtlinge in die Rolle von Kindern zurückgedrängt werden. Kurz: Hier leben deutsche Staatsbürger ihren Sadismus und Paternalismus auf Kosten von Asylbewerbern aus. Wer sich artig zeigt und die Regeln dieses Spiels befolgt, der wird belohnt und erfährt Anerkennung. Er ziert das Cover des „Heimfocus“ (7), oder erhält Zugang zu dem sonst verschlossenen Reich von Informationen und Seilschaften. Man mag es ihnen nicht einmal verübeln.

Flüchtlingen, die sich nicht auf ihre Rolle als unmündige und betreuungsbedürftige Objekte festklopfen lassen wollen, sondern sich als wehrhafte, selbstmächtige, politische Subjekte äußern wollen, wird subtil nahegelegt dass sie dafür mit Abstrafung zu rechnen haben. Diese Flüchtlinge haben – weil im Ungewissen über Petelers Einflussbereich – alles zu befürchten: Benachteiligung, Entsagung der Hilfestellung, Verwehrung des Zugangs zu Informationen und Seilschaften, Einflussnahme auf Entscheidungsträger des laufenden Asylverfahrens, in letzter Konsequenz also mit dem Tod am Strang im Iran und anderswo: Unter denjenigen, die sich nicht zum Objekt der karitativen Verwaltung zurichten lassen wollen, herrscht eine Angst, sich zu äußern. Angesichts ihrer ungewissen Lage ist es durchaus verständlich, dass nur wenige – und nahezu keiner ohne vorgehaltene Hand – Einspruch gegen die sich vollziehende Ungerechtigkeit erheben.
 
Öffentlichkeitsarbeit als Sabotage an jedem Versuch, auszubrechen 
Schon vor der Flüchtlingsdemonstration am 13. Februar war offensichtlich, dass es diesem Milieu nur um eines geht: Jeden Versuch einer eigenen politischen Betätigung, also Selbstermächtigung von Flüchtlingen zu hintertreiben. Geschickt wurden Gerüchte gestreut, tendenziöse Kommentare platziert und diffamierende Emails verschickt, die von der Main-Post und den Montagsspaziergänger nur zu gerne aufgenommen wurden. Hier zwei Beispiele:

„Sie wollen in Ruhe ihre Trauer verarbeiten und nicht, dass dieses Einzelschicksal instrumentalisiert wird. „Den meisten Flüchtlingen sind weder die Initiatoren dieser Demonstration bekannt, noch ihre Forderungen und Ziele“, sagte die ehrenamtliche Betreuerin Eva Peteler. „Deshalb distanzieren sich viele heute und sagen: Was ich nicht kenne, kann ich nicht unterstützen!“ (8)

und:

[..] eine Organisation, die sich auch auf mehrmaliges nachfragen vieler im Lager nicht offen zu erkennen gibt und auf deren Aufruf und Mobilisierung man nur im Internet stößt, die einen Flüchtling (!!!) billigend gefährdet, indem er die Demo anmelden soll und damit verantwortlich zeichnet für alle Konsequenzen, die sich nicht schert um die Meinungen und den widerstand der meisten Menschen in der GU, um die es eigentlich gehen sollte, die hier fremde, nicht bestellte, den meisten Flüchtlingen unbekannte Hauptredner von außen sprechen lassen will und klar auf einem weltanschaulich nicht neutralem Boden steht, verfolgt ganz klar ihre eigenen ziele an den Bewohnern der GU vorbei, kann das anliegen und der positive öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber den Flüchtlingen aufs Spiel setzen […]“ (9)

 
Wie infam und offensichtlich unsinnig diese Anschuldigen sind, hat bereits Jörg Finkenberger in seinem sehr zu empfehlenden Text „Über den Sumpf und sein ‚anliegen’“ zu genüge dargelegt (10).

In der Tat kamen zur Demonstration am 13ten Februar nur wenige der in Würzburg einkasernierten Flüchtlinge, dafür um so mehr aus umliegenden bayerischen Unterkünften, die die Demonstration im Übrigen zu großen Teilen organisiert haben (11). Denn natürlich wurde vorgesorgt: In den Tagen vor der Demo wurde nicht nur nach außen, sondern auch nach innen massivst gegen die Demonstration mit schmutzigsten Mitteln mobil gemacht, wie auch Arash Zehforoush bestätigt (12). Nicht verwunderlich also, dass in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft eine deutliche – vor allem bei religiösen Afghanen – Verunsicherung über die Demonstration herrschte, die auch zur Absage der Rede von Mina Ahadi führte. Das dies auch der erfolgreichen Arbeit Petelers und ihrer Gehilfen geschuldet war, davon erfuhr man kein Wort. Hier sei auch die tatkräftige Mithilfe der Montagsspazierer erwähnt, die Ahadi als Rassistin und Muslimhasserin zu diffamieren versuchten (13).
Menschen wie Peteler waren es auch, die angesichts eines öffentlichen Hungerstreiks mit öffentlich einsehbaren Flugblättern in denen die Iraner ihre Ziele und Gründe darlegten, Sätze wie den Nachfolgenden von sich gaben, anstatt das Naheliegendste zu tun und sich mit den sich wehrenden Flüchtlingen zu solidarisieren:

„Die in der Würzburger Asylarbeit als Mitherausgeberin des Flüchtlingsmagazins »Heimfocus« engagierte Eva Peteler kann den Hungerstreik nicht so recht einordnen. »Das alles findet sehr im Verborgenen statt. Man weiß nicht, wer dort mit welchen Zielen operiert«“ (14)

 
Stattdessen trieb man sich auf nutzlosen Stadtgesprächen herum, und diskutierte mit Pfaffen und Regierung über die „richtige“, „humane“ Kasernierung der Asylsuchenden. Es sei erwähnt dass diejenigen, die vorgaben, das Sprachrohr und die legitime Vertretung der Flüchtlinge zu sein, es nicht einmal geschafft haben die Forderungen der Flüchtlinge richtig wiederzugeben: Dass die Flüchtlinge nämlich grade keine Schönheitsoperationen an der Unterkunft forderten, sondern explizit deren Abschaffung verlangten.

Kann es denn so schwer sein? Kann man diese Worte noch mit Dummheit allein erklären? Wohl nicht. Nochmals: Iranische Flüchtlinge starten in aller Öffentlichkeit einen Hungerstreik, mit für jedermann vor Ort und online in Flugblättern nachlesbaren Forderungen und Motivationen. Anstatt sich mit der Sache der Flüchtlinge zu solidarisieren, werden die Iraner aufs Schlimmste diskreditiert, verleumdet und sabotiert, in einer Sprache, die eher an das Gemurmel paranoider Verschwörungstheoretiker erinnert.
Auf der Facebook-Profilseite der Veranstalterin des Montagsspaziergangs, Jenifer Gabel, findet man auch dankenswerterweise folgendes Zitat:

„dazu hat eva peteler bereits bei der demo am 13.2. die motivation dieser leute angezweifelt, die nach mohammads tod plötzlich in der GU auftauchten und die stimmung aufheizten. in ihren augen sind sie höchst zweifelhaft, da sie sich nicht klar zu erkennen geben und die flüchtlinge zu diesem krassen weg angestiftet haben.“ (15)

Es scheint also eine jede Person „zweifelhaft“ zu sein, die ohne vorige Anmeldung in Petelers Revier auftaucht. Was aber noch viel schwerwiegender ist: Man spricht den Flüchtlingen jegliche Fähigkeit zur freien, selbstbestimmten Entscheidung ab. Stattdessen wird ernsthaft behauptet, ohne Beleg, dass irgendjemand die Stimmung aufgeheizt, gar die Flüchtlinge zu einem Hungerstreik angestiftet(!) habe. Was für eine ungeheuerliche, niederträchtige Behauptung gegenüber den Hungerstreikenden vor dem Vierröhrenbrunnen. Das Flüchtlinge selbst entscheiden können, ohne dunkle Einflüsse von außen, ohne Vormund oder ehrenamtliche Betreuer, ist in der Logik Petelers undenkbar. Ihr schlimmster Alptraum ist daher auch ein Ausweiten dieser Ausbruchsversuche, Rebellion gegen ihre Vormundschaft:

„Wenn die eine Sonderbehandlung bekommen, sind morgen alle im Zelt.“ (16)

Dass die Iraner und ihre handvoll Unterstützer anfangs komplett auf sich alleine gestellt waren, dass sich keine einzige Organisation oder Gruppe in Würzburg fand, die bereit war, auch nur Decken oder ein kleines Zelt zu stellen, geschweige denn eine Heizung, Feldbetten oder einen Arzt, dass der Hungerstreik aus den Geldspenden einiger weniger solidarischer Einzelpersonen und mit Hilfe einer noch kleineren Zahl von Freunden unter teils völliger physischer und psychischer Verausgabung notdürftig aus dem Boden gestampft werden musste, ist unter anderem Resultat der erfolgreichen Verleumdungskampagne von Peteler und Konsorten.

Durch das Stattfinden der Demonstration am 13. Februar und durch den Eintritt in den Hungerstreik am 19. März hatte man Fakten geschaffen, auf welche natürlich sofort alles, was in Würzburg angeblich in Bewegung ist, anspringen musste: Auf einmal sammelten sich diejenigen vor dem Vierröhrenbrunnen, die noch vor einigen Wochen Petelers Spielchen bereitwillig mitspielten. Antira, AK Asyl, Montagsspazierer, und wie ihre Grüppchen alle heißen. Natürlich ohne sich selbst der offensichtlichen Widersprüchlichkeit ihrer Handlungen bewusst zu sein, geschweige denn der Rolle, welche spielten und weiterhin zu spielen bereit waren. Solidaritätsbekundung mit den Hungerstreikenden bei gleichzeitigem Austausch über Häkelkurse in der Gemeinschaftsunterkunft stellte nur eine der vielen Absurditäten dar, auf die man bei diesen Grüppchen stieß.

Kritik, sowie Hinweisen darauf begegnete man mit schlichtem Unverständnis, teils aggressiven Unmutsbekundungen und lustigen Abgrenzungsbemühungen (17): Denn schließlich schade das doch der gemeinsamen Sache. Doch wenn es eine gemeinsame Sache gibt zwischen den Genannten und den Hungerstreikenden, dann diese: Ersteren geht geht es, ob sie das begreifen wollen oder nicht, um die Erhaltung ihrer Selbst in der Rolle als Gönner, Vormund und Sprachrohr der Flüchtlinge und damit letztlich um die Erhaltung des Status Quo, weil er es einzig vermag ihnen diese Rolle zu garantieren. Nichts Anderes beweisen sie unaufhörlich durch ihre Worte und Taten. Den Flüchtlingen hingegen geht es ebenfalls um ihren Selbsterhalt. Aus diesem Grund haben sie sich entschieden gegen den Status Quo vorzugehen, der für sie nur den langsamen Tod in der GU, oder die Schlinge im Iran bereitzuhalten scheint.

Der nicht ohne Grund gebetsmühlenartig wiederholte Ruf, man solle sich doch auf das gemeinsame Anliegen besinnen, ist also nichts anderes als eine Kampfansage an die Sache der Hungerstreikenden, und ein Appell an die eigenen Reihen: Ein Appell zu verdrängen und auszublenden um ja nicht nachdenken zu müssen. Denn dies würde nichts anderes bedeuten, als Stellung zu beziehen gegen diesen Status Quo, gegen die Elendsverwalter von Heimcafé und -focus.
Und so wird man dieser Frau weiterhin alles abnehmen, anstatt zu begreifen, dass ihre Handlungen nichts anderes als Sabotageakte gegen die sich wehrenden Flüchtlinge sind, ein erneuter Einhegungsversuch unter die Vormundschaft der Karitativen.
 
Dass Peteler es am 2. April wagte, vor dem Zelt der Hungerstreikenden eine Rede zu halten, war daher auch allein Folge der veränderten Öffentlichkeit. In dieser Rede, die nichts anderes als eine langatmige Selbstinszenierung war, schaffte sie es tatsächlich, auch nicht nur ein einziges Wort über die vor ihr sitzenden Hungerstreikenden zu verlieren. Die Iraner, die sehr genau wussten mit wem sie es hier zu tun hatten, verweigerten ihr konsequenterweise jedweden Applaus, und verließen einer nach dem anderen den Ort des Geschehens.
 
Angesichts dieses Heeres von händewackelnden und Beifall klatschenden Zombies, diesem dummen deutschen Brei aus Mut-tut-gut-Bürgern, Sozial-Engagierten und Lokalprominenzen kann ich den mutigen Iranern vom Vierröhrenbrunnen nur mein schmerzlichstes Mitleid aussprechen, in dieser Stadt, in diesem Land gestrandet zu sein.

Was bleibt ist die Hoffnung, dass die iranischen Freunde stark genug sind sich weder von diesen Leuten dumm machen zu lassen, noch in ihrem Streik, angesichts der Hoffnungslosigkeit ihrer Lage, bis zum Äußersten gehen.
 
 
Jonas
Würzburg, 4. April 2012
 
  
zur Lektüre:
Arash Zehforoush: Hinter den Kulissen des Heimcafé
Jörg Finkenberger: Über den Sumpf und sein „anliegen“
 
 
_____________________________________
 
1) Nur ein Beispiel: „Plötzlich bewegt sich eine weiße Hand auf die dunkelhäutige zu. Sie wirkt gröber und dicker. Während die weiße Hand, die dunkelhäutige kräftig schüttelt, ist der Händedruck der dunkelhäutigen herzlich und weich. (…) Addis wischt sich mit Daumen und Zeigefinger über seine Augen. Anschließend schaut er zu Eva Peteler rechts neben sich. Sie legt den Arm um seine Schulter. Tief atmet der Äthiopier durch, beißt die Lippen aufeinander und sieht nach vorne.“ („Das Gesicht ist wichtiger als das Brot“, Heimfocus N°7 – 10/2011)
http://www.heimfocus.net/projekte/heimfocus/n7-102011/das-gesicht-ist-wichtiger-als-das-brot/
 
2) z.B. den von der Redaktion in Person Peteler abgelehnten Text Hatef Soltanis: „Das Theater als Medium, der Asylsuchende als Problem“ (24. 06.2011) https://www.facebook.com/note.php?note_id=243808122312052
 
3) So zum Beispiel Arash Zehforoushs Text „Ein paar Worte in Erinnerung an die iranische Revolution vom Februar 1979“, der auf penetrantes Drängen von Peteler mehrmals umgeschrieben werden musste, und letztendlich gekürzt in lediglich englischer Fassung auf den hinteren Seiten des Heimfocus (04/2012) erschien.
 
4) Vgl „Das Theater als Medium, der Asylsuchende als Problem“ von Hatef Soltani (24. 06.2011)
 
5) Einige interessante Beobachtungen über Heimfocus und Heimcafé bietet der mutige Text „Hinter den Kulissen des Heimcafé“ von Arash Zehforoush (02.04.2012)

 
6) Hier sei erneut auf den Text von Arash Zehforoush verwiesen.
 
7) Wie z.b. in der aktuellen Heimfocus-Ausgabe (04/2012), auf der das nicht das Foto des verstorbenen Rahsepar, sondern das Foto einer Stadtführung durch Würzburg prangt. Im Vordergrund Personen aus dem Reaktionsumfeld, Untertitel: „Flüchtlinge und engagierte Freunde beim Weltgästeführertag in Würzburg“
 
8) Bayerischer Rundfunk, 13.02.2012
http://www.br.de/franken/inhalt/aktuelles-aus-franken/demonstration-asylbewerber-wuerzburg100.html
 
9) Peteler in einer Mail an die Montagsspazierer, 06.02.2012
http://www.wuerzburger-montagsspaziergang.de/home/letter/Eintrage/2012/2/6_%2861%29.html
 
10) Jörg Finkenberger: Über den Sumpf und sein „anliegen“, 13.02.2012

Über den Sumpf und sein „anliegen“


 
11) Einladung zur Teilnahme am Flüchtlingsprotest auf dem Blog bayerischer Flüchtlinge http://asylbayern.wordpress.com/2012/02/09/einladung-zur-teilnahme-am-fluchtlingsprotest/
 
12) „Diese Demonstration war im übrigen diejenige, welche seitens einiger der „sozial Engagierten“ nicht nur boykottiert, sondern auch massivst sabotiert wurde. So drängte es beispielsweise Herrn Wahid Feizy, schweißgebadet von Raum zu Raum in der GU zu poltern um einen Propagandazug gegen die Demonstration durchzuführen, indem er jedem erzählte, dass sich die morgige Demonstration nur um die politischen Flüchtlinge drehe, sie außerdem von Kommunisten organisiert und instrumentalisiert wird und eine Teilnahme daran eine große Sünde sei. Gegen diese Demonstration wurde, mit dem Zweck, die Verantwortlichen zu isolieren und zu diskreditieren, so mancher Plan geschmiedet und dabei schreckte man auch nicht vor unmoralischen Mitteln zurück.“ (Arash Zehforoush: Hinter den Kulissen des Heimcafés, 02.04.2012)
 
13) „bei ihrem feldzug gegen den islam (anders ist es nicht zu beschreiben) scheut sie sich nicht davor, auch portale und kanäle des rechten lagers zu benutzen. so veröffentlicht sie z.b. texte auf der offen rassistischen und fremdenfeindlichen seite „politically incorrect“ (Letter 61 der Montagsspaziergänger, 06.02.2012) http://www.wuerzburger-montagsspaziergang.de/home/letter/Eintrage/2012/2/6_%2861%29.html
 
14) Main-Netz.de, 20.03.2012
http://www.main-netz.de/nachrichten/region/frankenrhein-main/franken/art4005,2040047
Südwest Presse Online, 21.03.2012
http://www.swp.de/bad_mergentheim/lokales/wuerzburg/Iraner-im-Hungerstreik;art1167873,1387428
 
15) https://www.facebook.com/groups/montagsspaziergang
 
16) Eva Peteler im Gespräch mit der Taz, 04.04.2012
http://www.taz.de/Iranische-Fluechtlinge-protestieren/!90966/
 
17) http://antirawuerzburg.blogsport.de/2012/04/02/klarstellung/

Veröffentlicht unter Geschireben | Kommentare deaktiviert für Einige Anmerkung zu Eva Peteler