Revidierte Liste der Dinge, für die ich alles nicht mehr zur Verfügung stehe

von Jörg Finkenerger
Abdruck in Auszügen

Szene
-> Partei
-> Organisation

Nichts ist verlogener als derjenige lose Zusammenhang von Menschen, den man eine Szene nennt. Obwohl man im Inneren so kalt nd gleichgültig aneinander vorbeilebt, wie man das in dieser Gesellschaft so tut, ist man dennoch aus irgendwelchen mehr oder minder nichtigen Gründen aufeinander angewiesen, und weiss das. Die Szene vereint mit der Kälte der bürgerlichen Gesellschaft alle Zwänge und alle Verblendung einer Organisation, einer Partei sogar. Dieses ungeheuerliche Monstrum, ein Drache mit zwei Köpfen, erhält sich wider die Natur am Leben nur durch die stumpfe Gewöhnung, die sich nicht vorstellen kann, ausserhalb der Szene könne es ein Leben geben, und die innere Schwäche der meisten ihrer Insassen, die die Enge, die Unfreiheit und die Eingeschlossenheit in der Szene „Wärme“ nennen und offenbar auch als Wärme empfinden. Die Szene verlangt Gehorsam, ohne dafür auch nur Schutz bieten zu können; und das alleine unterscheidet sie von einer Mafia. Die Szene ist der Triumf der diskreten Hierarchie unter dem Deckmantel der Freundschaft, die Szene ist das Produktionsverhältnis der Lethargie und der Langeweile. Wer etwas sinnvolles tun will, sollte Massregeln treffen, dass nie eine Szene sich um seine Gedanken schlingt. Nichts schlimmer, als wenn eine radikale, integre und kritische Tendenz zu einer Szene sich verschlechtert. Sie wird verkommen. Die Szene ist nicht zu retten. Sie muss aufhören.

Friend of a friend
-> Debatten mit Idioten
-> Diskussionen im Internet
-> Verbündete

Facebook-Freunde haben ist schon schlimm genug. Geht es ihnen gut, besser, oder wieder schlechter? Sind sie lustig, welche Musik hören sie gerade gerne? Sie lassen es uns wissen, ohne Erbarmen. Man muss es ertragen, man hat sie sich ausgesucht, manchmal kennt und mag man sie sogar. Das schlimmste ist aber, dass sie selbst ja auch noch Facebookfreunde haben. Und da hört der Spass auf.

Die Meinungen von Leuten, die ich nicht kenne und nicht kennen will, sind nicht immer solche, die mich interessieren. Vor allem, wenn es sich um idiotische Meinungen handelt. Oh, da ist einer, der glaubt an die geheime Macht der Bilderberger! Der hier meint, bei Bush um den Iraq wäre es natürlich ums Öl gegangen, das wisse schliesslich jeder, aber es sei streng geheim. Und der andere meint, dies und jenes geschehe so und so, weil bekanntlich Israel versuche, alles Land zwischen Nil und Eufrat zu erobern. Und erst die Banken!

Solche Leute mag man natürlich nicht. Da sind sich die meisten meiner Facebookfreunde einig. Und sie sind sich wieder auch mit den meisten ihrer Facebookfreunde einig, natürlich; wenn auch manchmal aus anderen Gründen: Oh, der hier meint, dass alles über 10% Staatsquote Sozialismus ist, und der Staat sollte nur aus Polizei, Armee und Gerichten bestehen! Der Kapitalismus könne gut ohne den Staat leben, wie das Beispiel einer Coca-Cola-Abfüllerei in ausgerechnet Somalia beweise. Oder Singapore oder Hong Kong. Und so weiter.

Ich hätte es wissen müssen. Ich lerne es anscheinend nie. Nie nie. Dass man mit einem Idioten nicht diskutiert, weil sonst irgendwann die Zuhörer nicht mehr werden unterscheiden können, wer von beiden es ist. Sinnlos, gegen ihn zu argumentieren. Sinnlos, darauf hinzuweisen, dass dieser Irre, den meine Facebookfreunde wohl selber nur deswegen dulden, weil sie ihn für einen Verbündeten gegen das halten, was sie Barbarei nennen, und für das, was sie Zivilisation nennen; dass dieser Irre genau ein Parteigänger der Barbarei ist. Ich bin selbst daran schuld, was diskutiere ich auch mit den irren Facebookfreunden meiner etwas schwerfälligeren Facebookfreunde.

Wenn man einsieht, dass man selbst schuld ist, muss man etwas ändern. Rabiater sich dergleichen Gelichter vom Hals halten. Kein Verständnis mehr haben mit Freunden, die sowas für ihre Freunde halten; die irgendwelchen Irren zugute halten, dass sie in zwei, drei Sachen zufällig das „richtige“ sagen, was natürlich ganz etwas anderes sind als andere Irre, die ebenso zufällig zu den selben Sachen das falsche sagen; Hauptsache, dass man sich überhaupt mit Irren umgibt. Keine Nachgiebigkeit mehr, nur weil man sich einredet, dass die Richtung ja stimmt. Sie stimmt nicht.

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Vier kurze Feststellungen zu den occupy-Protesten

von Schnittler

1. Weil das Kapitalverhältnis ein gesellschaftliches Verhältnis ist, in dem sich die grundlegenden Mechanismen die das Leben von uns allen beherrschen, hinter dem Rücken der Akteure vollziehen, braucht man sich nicht zu wundern das die Hirne eben dieser Hintergangenen zwangsläufig diverse religiöse Mucken und barbarische Lösungsvorschläge für reale und eingebildete Menschheitsprobleme ausbrüten.
Die aktuelle occupy-Bewegung ist ein gutes Beispiel dafür. Hier kommt das geballte Unverständnis über die wahre Beschaffenheit kapitalistischer Verhältnisse zum Ausdruck. Das das sog. Bankenrettungsprogramm eigentlich ein „Wirtschaftrettungsprogramm“ darstellt, weil die sog. Realwirtschaft und der Finanzsektor nicht auseinanderzudividieren sind, sondern das eine zwingend das andere bedingt, darauf mögen die Protestierenden nicht kommen. Man ist sich einig das die Ackermänner dieser Welt und die unmoralischen Zocker und Finanzjongleure die aktuelle FinanzKrise verschuldet haben und der trotzige Glaube es können eine vernünftige Wirtschaft mit moderaten – gar gesetzlich geregelten – Gewinnvorstellungen geben, treibt die Protestierenden voran. Ihre vor Moral triefende Empörung ist nicht nur verkehrt und lebt von Illusionen über Demokratie und soziale Marktwirtschaft und geht auf diesem Holzweg am eigentlichen Problem der voranschreitenden Verüberflüssigung von menschlicher Arbeitskraft, durch die stetige Rationalisierung und Technologisierung der Produktion vorbei, sondern ist auch gefährlich. In der überall in dieser Bewegung präsenten Darstellung der neunundneunzig Guten gegen einen Bösen, kulminiert sie zur antisemitischen Wahnvorstellung.
Es ist nicht verwunderlich das sich unter dem kapitalistischen Alltag verrückt Gewordene aller Coleur – Leute die behaupten das der CIA die Menschheit mit Flugzeugabgasen in willenlose Zombies verwandelt, Organisationen die an einen vom Geheimdienst gesteuerten Raketenangriff auf das World Trade Center glauben, Menschen die gegen die vermeintlich Allmacht der Rothschilds (ergo: Juden) wettern etc. – in einem solchen geistigen Millieu wohl fühlen und das das inhaltliche Programm z.B. auf dem Protestcamp vor der EZB in Frankfurt am Main, in den ersten zwei Wochen ausschließlich von den Aktivisten der verschwörungstheoretischen, antisemitischen und esoterischen Vereinigung „Zeitgeist-Movement“ organisiert wurde.

2. Mit ihrer Rhetorik von Verzicht, Sozialkürzungen und Sparzwang, bei gleichzeitig stattfindenden milliardenschweren Bankenrettungsprogrammen, haben sich die neoliberalen Apologeten der letzten Jahre, bei vielen Wählerinnen und Wählern gründlich blamiert und zum Deppen gemacht. Jetzt müssen sie unter dem Druck der Ereignisse kleinlaut zurückrudern. Selbst der Generalsekretär der FDP Christian Lindner hat das inzwischen verstanden und spricht zur besten Sendezeit davon, dass die „Banken keinen Profit mehr auf Kosten der Bürger“ machen dürfen. Die Kanzlerin versucht in der sich anbahnenden Volksgemeinschaft der empörten neunundneunzig Prozent mitzutun und erklärt öffentlich ihr Verständnis für die Protestierenden. In die entstandene ideologische Lücke rückte die Volksmusikvariante einer vermeintlichen Revolution, würdig vertreten durch den 20 jährigen Student Wolfram Siener – seines Zeichens Initiator der Proteste in Frankfurt und wie eine bezahlte Schreibkraft des Spiegel in unverhohlener Verzückung zu berichten weiß, „strahlender Hoffnungsträger der Generation-occupy“ . Er ist die repräsentative und legitime Symbolfigur einer Bewegung die in ihrem manifest 15m von sich selber sagt: „Wir sind normale Menschen: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten…“ und somit offen eingesteht, das von Protestiererseite her kein wirkliches Interesse daran besteht, an den kapitalistischen Verhältnissen, in denen die Menschheit unter dem gehässigen Takt der Kapitalakkumulation sukzessive zuschanden geritten wird, etwas zu ändern.
Insofern bei den vielen, sich teilweise widersprechenden wirren Aussagen und Forderungen überhaupt eine Rede davon sein kann: Das Programm der occupy-Bewegung ist ein alternatives Herrschaftsprogramm, in dem eine zusammengelaufene Ansammlung von überforderten Staatsbürgersubjekten, anstatt auf grundlegende Veränderungen im Wirtschaftssystem, auf das unmittelbare und durch keinen störenden Parlamentarismus vermittelte Mitspracherecht seiner Dummheit pocht. Von bloßem linken Reformismus kann kaum die Rede sein. Es ist nicht nur das Angebot der Beherrschten an seine Eliten, den kapitalistischen Karren noch einmal für ihn aus dem Dreck zu ziehen, sondern auch ein Programm des selbst organisierten weiteren Irrewerdens, in Anbetracht einer ausweglos erscheinenden Lage.

3. Auch wenn die hanebüchenen Vergleichsziehungen in den deutschen Feuilletons einen auflagebedingten Popanz darstellen, eines haben die Bankenblockierer in Frankfurt und die Demokratiebewegten in Tunesien, im Mutterland des arabischen Frühlings, trotz ihrer unterschiedlichen ökonomischen Lebensbedingungen und soziokulturellen Hintergründe gemeinsam: Beiden Bewegungen mangelt es offensichtlich an der Fähigkeit aus ihrer bedrückenden Ausgangssituation vernünftige Schlüsse zu ziehen. Während die Einen – jahrelang geknebelt ,drangsaliert, gefoltert und in Armut gehalten – immerhin einen veritablen Aufstand gegen einen Despoten und seinen brutalen Machtapparat zustande bekommen haben und nach der erfolgreich geführten Schlacht einige Monate der Resignation benötigten, um sich letztendlich selbsttätig durch die mehrheitliche Wahl der Islamistenpartei/Partei der Wiedergeburt (laut taz vom 26.11.2011: „Tunesiens einzige Volkspartei“) erneut zum unmündigen und verblendeten Untertanenpöbel zu degradieren, bringt es namentlich der deutsche Part der internationalen Bankenblockiererszene fertig, gleich ganz unten bei fetischistischen Wahnvorstellungen und der entsprechend konformistischen Pseudorevolte anzufangen. Die autonomen Nachbarschaftskomitees, die als provisorisches Organisationsorgan des Alltagslebens im Machtvakuum der Nachrevolutionszeit im nordafrikanischen Tunesien entstanden, gaben dem Weltproletariat einen kleinen Ausblick darauf was es zu erreichen imstande wäre, wenn es nur wollte. Die 200 Wutbürger, die in Frankfurt am Main im Schatten der europäischen Zentralbank campieren, die Bongo schlagen und um Feuertonnen herumstehen und meinen so ihren Protest auszudrücken, haben dem aufgeklärteren Teil der Menschheit gar keine Erfahrung mitzugeben, außer das nicht nur im islamischen Raum die (Neo-)Religiosität gewaltig auf dem Vormarsch ist.

4. Wenn die AntiWallstreet-Protestiererei in den westlichen Metropolen so weiter geht wie bisher und die Bewegung die in New York ihren Anfang fand, weiter an Fahrt aufnimmt, haben es die wenigen Versprengten die an einer Überwindung der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise im Sinne einer gemeinschaftlich beschlossenen, vernünftig organisierten, also einzig wahrhaft emanzipatorischen Produktionsweise aller Gebrauchswerte festhalten, mindestens in Deutschland mit der regressivsten Massenbewegung seit Jahrzehnten zu tun. Wenn sie sich nicht damit abfinden möchten, das weiterhin nur die IDF die letzte defence line darstellt, gegen die finale Exekution des fetischistischen Furors der sich selbsttätig zu allzeit braven Staatsbürgersubjekten degradierenden Individuen, können sie nichts anderes tun als weiterhin zu reden, zu schreiben, d.h. Aufklärung wider den verkommenen (End-)Zeitgeist zu betreiben.
Das Kapitalverhältnis ist ein kompliziertes und gehört transzendiert. Es ist deswegen durchaus nicht völlig sinnfrei, den weniger verbohrten unter den „Empörten“, mit einem Flugblatt oder sonstigen aufklärerischen Aktivitäten auf die Pelle zu rücken und auf den Nerven herumzutrampeln. Es wird nur schwer möglich sein relevante Teile dieser Bewegung über die wahre Beschaffenheit des Kapitalverhältnisses aufzuklären, oder in ihrem kindlichen Furor zu verunsichern. Es hat sich in den bisher geführten Diskussionen aber trotzdem gezeigt – z.B. anlässlich eines gewalttätigen Angriffes auf Träger einer US-amerikanischen Nationalfahne auf der ersten Kundgebung vor der EZB – das es noch möglich ist die selbstgerechte Selbststilisierung der Neunundneunzig zum besseren Teil der Menschheit zu stören und so den ersehnten volksgemeinschaftlichen Zusammenschluss zu behindern.

Wenn jemand einen tauglichen Textvorschlag hat, wäre ich bei einer eventuellen Verteilaktion beim nächsten Happening vor den Bankentürmen dabei. Den unverzagten Frankfurter Unversitätslinken, die in den letzten Tagen versucht haben auf dem Protestcamp einen Einführungskurs in die Kritik der politischen Ökonomie zu organisieren, wünsche ich einen langen Atem und viel Erfolg.

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I like it like it

Ein Kommentar zu Rihannas jüngster interessanter Single S&M

„I may be bad but I’m perfectly good at it“: bei Rihanna lebt ohne Zweifel etwas vom elegant-zynischen Sophismus Juliettes fort, in deren Tradition sie sich durch das Heranzitieren des „Boudoir“, in dessen samtweichen Polstern erschöpft vom Laster ruhend die Ungeheuer, die der Alptraum der aufgeklärten Vernunft gebiert, einst sich zum ersten Mal deutlich in deren Selbstbewusstsein manifestierten, selbst stellt. Genüsslich spielt sie mit der verräterischen Polysemie des Wortes: Was heißt schon „good“? Hängt nicht jedes „good“ von einem „it“ ab, ist in Wahrheit ein „good at“? Dann ist es schön, wenn ihr euch einbildet, „good at being good“ zu sein – ich bin eben „good at being bad“, sogar: „perfectly“ – ätsch. Genauso: „Feels so good being bad.“ Die ideologische Differenzierung zwischen moralisch GUTEM und emotional Gutem wird aufs Korn genommen: ihr GUTEN fühlt euch doch auch nur gut beim euren GUTEN Gedanken, Worten und Taten. Ich fühle mich eben bei schlechten gut – what’s the fucking difference? Warum das GUTE nicht getreu dem alten noch von Freud zitiertem Reim wie den Himmel (heaven) den Engeln und den Spatzen überlassen? Im Grunde seid ihr die wahren Sado-Masochisten – ich tue einfach nur, was mir gefällt, ihr könnt mir nix: „I like it like it. / I like it like it.“ Es ist eben so: Ich mag es wie es ist. „Love is sweet, love is fine“ – zugestanden, doch: „Pain is a pleasure that nothing can measure.“ In lustvoller Infantilität ein Zitat eines englischen Kinderreims: statt: „Sticks and stones / Will break my bones / But names will never hurt me“, einem gut gemeinten Aufruf zum Gewaltverzicht und Toleranz gegenüber verbalen Beschimpfungen: „Sticks and stones may break my bones / But chains and whips excite me“. (Womit zugleich der Unterschied zwischen der echten Härte des Lebens und dem im Grunde harmlosen Treiben der SMer markiert ist. Anders – und womöglich ehrlicher – freilich noch Depeche mode in Master and Servant, aus dem die Phrase „Come on“ sowie das Keybordthema bei „S S S and M M M“ stammt: „It’s a lot like life / And that’s what’s appealing.“ „Domination’s the name of the game / In bed or in life / They’re both just the same / Except in one you’re fulfilled / At the end of the day.“ Empfehlenswert hier die Coverversion von Nouvelle Vague. [Poppiger als das eher experimentelle Original, aber gerade dadurch angesichts des Texts frecher.]).

„She’s been a crazy dita disco diva and you wonder.“

In früheren Zeiten wäre ein derart lebensfrohe Bejahung der eigenen ‚Perversion‘ dem Scheiterhaufen, der Zensur oder der öffentlichen Empörung zum Opfer gefallen. Die Ärzte waren vielleicht noch skandalös mit Bitte, bitte und Co., Depeche mode und Velvet Underground mit ihrem vielleicht größtem Hit, dem düster-schönen Venus in furs, irgendwie Pop-Bohème. Oder nehmen wir in jüngster Zeit den Arschficksong und ähnliches, die zumindest noch ein besorgtes Kommentar im Feuilleton ob der Verrohung der Sitten der Jugend wert waren. Heute jucken Textzeilen wie die Zitierten keine Sau mehr. Mehr noch: der Song wird im Radio rauf und runter gespielt, die Single stürmt global die Charts. Immerhin wurde das Video in ein paar Hinterwäldlerstaaten verboten und es gab irgendwelche Probleme in GB und auf youtube. Die beste Version ist meines Erachtens übrigens der Samson Club Mix, gefunden ebenda. Da kommt der im Grunde sehr traurige, melancholische und zugleich trotzige Charakter der bassline in es-Moll ziemlich gut heraus, vorallem in der Periode ab etwa 3:11, die mit einer genial puristischen voice & bass-Partie beginnt, um die bassline dann verstärkt mit Streichern fortzuführen. Jedenfalls klare Sache – der Song ist einfach ein verdammt gut gemachter Popsong. Tanzbar, hörbar, selbst wenn man sich mit dem Text nicht identifizieren kann (wer achtet schon darauf?). Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sowas kommt. Nach dem jahrelangen Spiel mit Fetisch-Outfits und Musikvideos an der Grenze zum Porno, I wanna take you to a gay bar und I kissed a girl (um nur wenige Beispiele zu nennen) nun also auch eine explizite popkulturelle Mainstream-taugliche Glorifizierung des Sadomasochismus. Das ist gut. Es ist immer ein Fortschritt, selbst wenn er sofort wieder der üblichen Dialektik der Inklusion ins falsche Ganze zum Opfer fällt, wenn Randgruppen gesellschaftlich akzeptiert werden und sozusagen auch ‚ihren‘ Song kriegen. Wobei hier natürlich die übliche Spannung zwischen kultureller Repräsentation und Lebensrealität berücksichtigt werden muss: “Sadomasochist” zu sein bedeutet nach wie vor, einem nicht gerade angesehenen Teil der Gesellschaft anzugehören, ob man sich diese Identität nun bewusst gibt oder sich einfach nur kontigent in der Begierden-/Praktiken-Matrix des diskursiven Konstrukts “Sadomasochismus” bewegt (womöglich ohne davon Bewusstsein zu haben oder es zu wollen). Rihanna hat sich jedenfalls – ob Marketinggag oder nicht: ein durchaus mutiger Schritt – auch zu ihren privaten SM-Vorlieben bekannt.

Das ist sie also, unsere westliche Gesellschaft: wir feiern die Lust am Leiden und errichten Folterknäste im Irak, die alten christlichen Geschichtchen taugen nurmehr als popkultureller Zitatebaukasten (Umbrella / Judas) – was sollen nur die Fundamentalisten von uns denken? Rihanna war übrigens laut wiki früher mal Kadettin in der Armee von Barbados – und war da nicht die Affäre mit ihrem Freund, der sie geschlagen hat? Wer verräterische Details sucht, der findet. (Wobei der Song und das Outing nebenbei bemerkt gerade wegen der Affäre um sie und Chris Brown so mutig: „I don’t care, I like the smell of it.“ [Vgl. die nahezu identischen Formulierungen in Who’s That Chick?]) War die junge Britney Spears – heute mit Rihanna an einem Remix von S & M beteiligt (und man durfte sich natürlich schon bei I’m a slave for you seinen Teil denken, selbst wenn es noch nicht derart explizit war und man das versklavt sein noch im Sinne der üblichen Liebesmetaphorik seit Platon deuten konnte) – noch vergleichsweise prüde, die Unschuld vom Lande, wird jetzt offen verkündet: hinter unseren Pokerfaces wartet der reine Wahnsinn auf Erfüllung. Der Triumph der zwei Buchstaben: „S S S and M M M“. Ein Wahnsinn freilich, der nichts Heiliges mehr an sich hat, der irgendwie verdammt profan, verdammt vernünftig geworden ist. Sind wir nicht alle ein bisschen Gaga? Dieser Zynismus wird von Rihanna noch drastischer in dem Song Hard inszeniert. In dem dazu produzierten Musikvideo posiert sie u.a. als Soldatin der US-Army in einer leicht als dem Irak oder Afghanistan zu erkennenden Wüstenlandschaft – einmal sogar mit einem Helm in der Form von Micky Maus – Ohren. Rihanna, die sich in anderen Videos ja durchaus in der üblichen Logik weiblicher Selbstrepräsentation als “weich”, “liebevoll”, “verletzlich” etc. bewegt, bricht damit in diesem Song völlig auf und adaptiert sprachlich und stilistisch die Symbolik männlicher Rapper (Autos, Härte, Geld, Gewalt …; die Sexualität fehlt rein textlich und auch im Video, doch der Titel sagt ja schon um was es geht – Rihanna greift nach der Männlichkeit im umfassendsten Sinne). Was soll man dazu sagen, es ist schlichtweg die logische Konsequenz der Frauenemanzipation. Das postmoderne an Rihanna ist wohl, dass sie sich nicht, wie im Video zu S&M nicht auf die dominante oder devote, auch generell nicht auf irgendeine bestimmte Rolle festlegen lässt. Sie (bzw. das Bild, was sie von sich selbst medial produziert), bewegt sich ganz von einer Maskerade zur nächsten. Doch immer voll dabei, immer mit dem richtigen Outfit, in der richtigen Stimmung, mit dem richtigen Gesichtsausdruck, dem passenden Musikstil. Für soetwas wie Konstanz sorgen einzig die erwähnten Referenzen zu anderen Songs von ihr. Dies ist ja wohl auch die Bedingung dafür, dass Rihanna so eine Single wie S&M überhaupt unbeschadet produzieren konnte – weil sie jenseits irgendwelche festen Identitäten operiert, entzieht sich von vorneherein dem Verdacht, etwas zu sein. Gleichzeitig ist sie jedoch in den Augenblicken, in die ihr Leben zerfällt, den wechselnden Rollen, in die sie schlüpft, jeweils doch wiederum genau das, was sie ist und scheint mit der jeweiligen Situation bruchlos zu verschmelzen oder es doch zu wollen. Dass sie immerhin von diesen Situationen singt, anstatt sie einfach zu leben, bewahrt ein “I”, ein Bewusstsein, das doch von ihnen unterschieden ist. In dem Bild “Rihanna” scheint so doch auch etwas von einem Leben des Spiels, der Freiheit jenseits der Identitätslogik auf.

Dies bezieht sich freilich auf die immanente Logik der im Pop-Betrieb produzierten Bildlichkeit. In Wahrheit ist die Rede von ‘ihren Songs’ natürlich völlig anachronistisch, “Rihanna” kaum mehr als ein Markenname, hinter dem ein gigantisches Konglomerat aus Produzenten, Textern, Stylisten, Choreographen, Regisseuren und sonstigen Spezialisten steckt, die trendsetterhaft auf der Höhe der Zeit operierend das neueste Albums genau passend zum neuesten Hype raushauen. Womöglich singt Rihanna demnächst Kritisches über den Finanzsektor. Ihre Flexibilität korrespondiert nahezu lückenlos mit der von den Individuen heute auch im Alltag rein ökonomisch geforderten. ‘Progressiv’ ist das Ganze in gewisser Weise, weil Rihannas Inszenierung den Schein eines dahinter stehenden, irgendwie ‘authentischen’ Künstlersubjekts vollständig dekonstruiert. Sie ist tatsächlich soetwas wie eine zu neuen taktischen Manövern stets bereite Soldatin an der Marketingfront, gelenkt von kühlen Strategen im Hintergrund. Dass es überhaupt möglich ist, einigermaßen tiefsinnige Interpretationen ihrer Produkte zu erstellen, zeugt immerhin von deren relativer Qualität. Das ‘Versprechen von Glück’, wenn man soetwas überhaupt nennen kann, ist das Aufgehen in diesem nie endenden stream of consciousness, in dem das Bewusstsein sich selbst völlig auflöst. Differenz bewahrte einzig die Reflexion desjenigen, der sich dem Strom listig ausliefert, um ihm selbst ein Moment von Reflexivität abzutrotzen. Zu dem Song Who’s that chick? gibt es zwei Versionen mit auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Ästhetik. In der Tagesversion ist alles in frohen Kuntibunti-Regenbogenfarben, in der Nachtversion düster mit einigen SM-/Fetisch-Reminiszenzen. Die Handlung des Videos ist trotzdem in beiden Fällen völlig identisch, womit die schlechte Reproduktion des bereits Bekannten in allen neuen Inszenierung ausgedrückt wird. Der Produzent, David Guetta, ist auf einem Raumschiff, in dem er einsam durch’s Weltall reist. Mit Einsatz des beats erwacht er aus dem künstlichen Tiefkühlschlaf, in dem er vor Jahrhunderten versetzt wurde. Er betrachtet sozusagen gemeinsam mit dem realen Betrachter des Videos das Video im Video selbst und wird dadurch zu seiner kreativen Arbeit und zum Fitnesstraining animiert (man könnte auch, je nach Perspektive, ‘inspiriert’ oder auch ‘angetrieben’ sagen). Klar: Auch meiner Motivation war es während dem Abfassen dieses Artikels sehr zuträglich, immer wieder und wieder und wieder in meinem Studierstübchen sitzend die greatest hits meiner ‘Muse’ zu hören. Gegen Ende des Videos gibt es einen kurzen Moment des Einhalts. Die Musik verlangsamt sich, der Beat bricht ab, bis am Ende nur noch ein Herzklopfen bleibt (passend zum Text: “My heart is a dancer / Beating like a discodrum” – womit zugleich die angestrebte Identität von Innen- und Außen ausgesprochen wird). In der Tagesversion sieht man den Produzenten melancholisch-nachdenklich eine Pause einlegen. Wird das Video hier abbrechen? Kann die Stimmung, der groove nicht dauerhaft aufrechterhalten werden? Nein – natürlich kann er, es war nur die obligatorische, in diesem Fall wirklich kunstvoll arangierte, bridge, es muss weitergehen. Nach dieser kurzen Atempause setzte der Beat genau so wie vorher wieder ein, der Song wird zu einem konventionellen Ende geführt, am Ende beschleunigt das Raumschiff – völlig losgelöst von der Erde schwebt es völlig schwerelos auf zu neuen Galaxien. Das alles sagt im Grunde in selbst kulturindustrieller Form mehr über die gesellschaftliche Funktion der Kulturindustrie aus als es so mancher seitenlanger Text vermöchte. Der einsame Raumfahrer, die Melancholie, das ‘Trotz alledem’ – Rihanna: “Too cold for you to keep her / Too hot for you to leave her”, das fortwährende ‘tease & denial’-Spielchen der Kulturindustrie, dem man sich trotz alledem nicht entziehen kann bzw. soll. Erfüllung gibt es woanders – in einer anderen Galaxie? Im Grunde ist gerade, so harmlos und sexy er daherkommen mag, vielleicht der Zynistische in ‘Rihannas’ Schaffen, indem das in ihm vorgestellte Bild vom Leben von der Realität des Lebens kaum noch unterschieden ist. „It’s a lot like life / And that’s what’s appealing.“

Doch seien wir ehrlich: eigentlich ist Rihanna, Sex und überhaupt alles langweilig. Vielleicht ist es heute, gerade weil es so weltfremd ist, radikaler, in Phädra zu gehen und begeistert Die Leiden des jungen Werther zu lesen. Da wird die Versagung zumindest noch als Leiden dargestellt und nicht als Erfüllung oder doch einzig mögliche Welt feilgeboten. Oder liegt gerade darin das reaktionär romantizistische dieser Werke? Jedenfalls sollte gerade das Perverse in unserer Kultur, die Autonomie und Emanzipation des Begehrens, die Freiheit von der Identitätslosigkeit gegen die Freunde der Identität verteidigt werden, notfalls auf sexy pinken Panzern räkelnd mit Tarnfarben-Bikini im Wüstensand – die Peitsche der Domina ist süßer als die der Sharia. We may be bad but we’re perfectly good at it. At least we could be.

Notiz zu „Man down“:

Achtung, Rihanna ist ebenso a girl who shots men down. Doch auch hier wieder jenseits von Gut und Böse: der Song handelt weder von christlicher Rache noch von einem christlich schlechten Gewissen, sondern von Gerechtigkeit. Was getan werden muss, muss getan werden (es gibt keine wirkliche Reue). Nicht aus Lust, sondern aus Prinzip (nicht das nur mühselig sublimierte Pseudo-Lustprinzip der Rache, die sich über alle Lust erhaben dünkt). Manche Konflikte lassen sich nur durch Mord lösen: „Rum bum bum bum. Rum bum bum bum.“ Manche Mädchen müssen mal mit ihrer Mutter reden, weil sie die Schule geschwänzt haben – das ist nicht Rihannas Liga. Jene können immerhin von größeren Heldentaten träumen, wenn sie den Song hören. Rihanna’s the true Carmen rediviva – doch die neue ist schneller als Don José, dem nichts als die Flucht mit dem Zug bleibt. [Dass sie ihn aus Rache für eine Vergewaltigung erschoss ist zwar ein nette Idee, bleibt Text und Video jedoch äußerlich – der Witz ist gerade, dass es keinen klaren Grund gibt.]

P. G. M.

Gedicht für R.:

Sag, wer ist dieses Huhn?
Tanzen willst Du bloß und
ein’n Mann niederschießen, Du
mein einziges Mädchen in der Welt,
Du einzige, die mich versteht,
Du weißt: Schmerz ist unv’rgleichbare
Freude, auf, komm,
b’reit Peitschen, Ketten stehen,
sind wir schlecht,
wir sind gut darin,
komm, komm, komm,
Klang, die Medizin, tut gut,
alles, was wir brauch’n;
ach, meine verrückte Discod’va,
mein Herz ist eine Wüste,
schlägt wie ’ne Discotromm’l,
doch unt’r Deinem Regenschirm
bin ich geborg’n, so hart bist Du,
so stark, mit Schmerz in der Stimme
off’nbar dann beim Tanz ich:
ich liebe Dich, wie grausam.

Mein einziges Mädchen in der Welt,
Du einzige, die mich versteht,
Du einzige, die ich je geliebt,
Soldat’n, kein Schmerz ist für immer

.

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Prolog Ungarn [# 1]

Im zweiten Wahlgang, am 25.04.2010 erlangte die national-konservative Fidesz Partei (im Wahlbündnis mit der KDNP) eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, folglich wurde Victor Orbán (Parteivorsitzender seit 2003) zum Ministerpräsidenten gewählt. Mit einer 2/3 Mehrheit wurde der Gang zu Verfassungsänderungen geebnet. So – wie von wenigen befürchtet – kommt es am 1.1.2012 zu einer neuen Verfassung, die unter anderem die „Republik Ungarn“ in „Ungarn“ umbenennt, womit an nominell wichtiger Stelle der antiwestliche und volksstaatliche Charakter der gegenwärtigen Regierungspolitik bekräftigt wird. Doch der Schrecken nahm schon mit den Entlassungen im Lukács-Archiv-Budapest seinen Lauf, als erste unliebsame (linke und liberale) Philosophen um ihre materielle Lebensgrundlage gebracht wurden. (1) Aktuell zeichnet sich jedoch noch ganz anderes ab: zum einen die nationale Krisenlösung, die Beschwörung auf die völkische Identität (bspw. die Sakralisierung der Szent Korona und den Anspruch auf Transsilvanien (2)), massive Einschränkungen im Streikrecht, Frontalangriff auf das Arbeitnehmerrecht, Errichtung von Arbeitslagern und schließlich wird durch die neue Verfassung die formale Trennung zwischen Kirche und Staat aufgehoben. Im ersten Halbjahr 2011 hatte Ungarn den Posten der EU-Ratspräsidentschaft inne. In Orbáns Resümee (Juli 2011) sprach er von dem schwersten Halbjahr der Europäischen Union seit dem Sturz des Kommunismus. (3) In einer Rede im August 2011 schwadronierte er von dem Zusammenbruch der alten Welt und zögerte nicht von der nationalen Sinnfindung zu reden, die als nationale Krisenlösung zu dechiffrieren ist. Mit der erlangten Zweidrittelmehrheit sieht sich die Fidesz Regierung geradezu messianisch dazu ermächtigt, diese Sinnfindung anzuführen und deren praktische Konsequenzen auch gegen Vorbehalte aus dem Ausland durchzusetzen.

1.
„Die Rückführung der aus dem Arbeitsmarkt herausgefallenen Menschen in die Arbeitswelt, also direkt in den Arbeitsmarkt, wird nicht ohne den Ausbau von Zwischenstationen – nennen wir sie gemeinnützige Arbeit – gehen, die nur der Staat schaffen kann.“ Dass die versprochenen 200 – 300.000 Jobs jedoch kommunale Beschäftigungsprogramme (zwangsverpflichtend), abgelegen von den Städten, in der Peripherie sein werden, sprach er nicht an. Zum Einsatz sollen diese Arbeitskolonnen bei staatlichen Großprojekten, Infrastrukturvorhaben, der Landwirtschaft und dem Forstwesen kommen. Jedoch werden diese – im Gegensatz von SPD und Grüne eingeführte Zwangsarbeitssystem – auch an private Unternehmen „ausgeliehen“ und zwar für den Sozialhilfesatz von 28.500 Forint/110 Euro (der Mindestlohn in Ungarn liegt bei 78.000 Forint/295 Euro). Damit wird de facto auch der Mindestlohn außer Kraft gesetzt. Die größte Minderheit in Ungarn, die etwa 600.000 Roma, die mit einer Arbeitslosenquote von (mind.) über 50% ohnehin schon der gegenwärtigen Ausgrenzung ausgesetzt sind, wird davon hauptsächlich betroffen sein, was angesichts der Virulenz der antiziganistischen Ideologie von der politischen Klasse ein wohl ausgewähltes Opfer ist. Dem Großteil der prekarisierten Roma kündigte man mit dem Ende des real exestierenden Staats“sozialismus“ ihre Arbeitsbeschäftigung. Roma, die hauptsächlich in den Industriekasernen Anstellung fanden, fristen seither ihr Leben in abseits gelegenen „Kolonien“. Diese haben – im Unterschied zu den anderen Proletarisierten – nicht einmal die übliche gewerkschaftlichen Arbeiterrepräsentanten als Beistand, sondern lediglich Vertreter, die für die lokale Organisation von Banalitäten (Versorgungseinrichtungen) zuständig sind. Überwacht und organisiert werden diese Arbeitskolonnen durch das Innenministerium und nicht wie in Deutschland durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Orbán holt dazu – ebenfalls per Gesetz – frühberentete Polizeibeamte aus dem Ruhestand, Innenminister Pintér wörtlich: „[…] diese Leute haben für die komplizierte Aufgabe, 300.000 Menschen in Arbeit zu bringen, genau die richtigen Fähigkeiten […]“. Wie erste Beispiele zeigen, erweist sich die Umsetzung im Ort Gyöngyöspata – genau der Einschätzung nach – wie befürchtet. Der antziganistische Mob, der noch im Frühjahr in dem Dorf gegen Roma wütete, hat nun die „Aufsicht“ über die „Waldfegemaßnahmen“. (4) Wer sich im übrigen dem Beschäftigungsangebot verwehrt, droht der Verlust der finanziellen Unterstützung in Form des Sozialhilfesatzes. Mit diesem Gesetzerlass hofft die ungarische Regierung bis zu 43 Mrd. Forint (ca. 160 Mio. Euro) einzusparen. Ideologisch soll damit eine völkische Arbeitsgemeinschaft generiert werden, die auch die unter das Phantasma vom nichtarbeitenden, volksgemeinschaftszersetzenden, volksfremden Schmarotzer subsumierten Menschen in das Zwangsgehäuse der Ausbeutung eintaktet.

2.
Die faktische Abschaffung des Streikrechts trat bereits im Januar 2011 ein. Es darf nur die Arbeit niedergelegt werden, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften sich zuvor über die „zu gewährleistende ausreichende Versorgung“ während der Streikdauer verständigt haben. Gelingt ihnen das nicht, haben die Arbeitsgerichte das letzte Wort. Das heißt nichts anderes, als dass der Klassenkampf der Arbeiter präventiv zu einer Kompromissbereitschaft gezwungen und damit das eigentliche Streikrecht ausgehebelt wird. Es ist nunmehr – sofern es überhaupt dazu kommt – ein symbolischer Streik. Mit diesem Gesetzeserlass können die Unternehmer vor Gericht ziehen, sofern sie diese Versorgung für unzureichend halten und den Streik somit juristisch illegalisieren. Im Sommer diesen Jahres zeigte das Gesetz erste Bilanz: von neun Streikanträgen wurde keiner für gültig befunden. (5) Die Entrechtung und Entmachtung der Organe und Repräsentationen der Arbeiterklasse ist nach Sohn-Rethel ein Wesensmerkmal des Faschismus, um eine Maximierung der Ausbeutung widerstandslos durchzusetzen. In Ungarn verweist dies auf den Prozess einer gesellschaftlichen Faschisierung.

3.
Die Fidesz-Partei mit Victor Orbán ist sozusagen die legitime Mutterpartei der rechtsextremen Jobbik-Partei (16,67 % bei den Wahlen 2010 und damit Einzug ins Parlament), die unverblümt antisemitisch agieren. Auf eines der Plakate, mit denen die Jobbik-Partei die heimischen Fassaden verziert, ist das Antlitz des israelischen Staatspräsidenten Peres zu sehen, das einen geschwärzten Davidstern halb verdeckt. Kontrastiert wird dies mit dem Symbol der Pfeilkreuzler, der ungarischen Schwesterpartei der NSDAP, und dem Slogan: „Besetze doch deine Mutter, aber nicht unser Land“. Ihren paramilitärischen Flügel die „Ungarische Garde“, die bis 2007 in Roma-Dörfern patrouillierte, wurde zwar verboten, firmiert jedoch unter dem Label „Neue Ungarische Garde“ weiter und dient unter anderem als Saalschutz. Welches Potential diese Garde darstellt, erklärte der Vorsitzende selbst. Als 900 Gardisten vereidigt wurden, jauchzte Gábor Vona, der Vorsitzende von Jobbik, dass die „Ungarische Garde“ nur neun Monate nach ihrer Gründung mehr Landesverteidiger habe als die reguläre Armee in Ungarn stationierte Soldaten.
Die Vertreter der Fidesz-Partei stehen dem Antisemitismus in nichts nach, wie der Fidesz-Parlamentsabgeordnete und Bürgermeister von Edelény, Oszkár Molnár bewies, als er davon schwadronierte, dass das „jüdisches Kapital“ Ungarn verschlinge und schwangere Roma ihre Bäuche mit Schlägen traktieren, um mit ihren behinderten Kindern die Wohlfahrtsschröpfung zu maximieren. Ebenso ist strittig wie die Jobbik-Partei sich finanziert. Jedenfalls unterhält sie gute Kontakte zu ihren Gesinnungskameraden nach Tehran. Zu den Parlamentswahlen 2010 forderte Gábor Vona von Ahmadinedschad, die Pasdaran als Wahlbeobachter einzusetzen. Mag man den Gerüchten Gehör schenken, wird die Jobbik-Partei vom Mullah-Regime finanziert. (6) Ideologisch steht diese Partnerschaft jedenfalls schon. So verlangte die Jobbik-EU-Abgeordnete Krisztina Morvai 2009 in Brüssel, dass der Iran die Menschenrechte in Ungarn kompromisslos verteidigen sollte: „Auf welcher Rechtsgrundlage mischt sich die EU ein bei Menschenrechtsverletzungen von Ländern außerhalb der EU, wenn sie nicht bereit ist, gegen Menschenrechtsverletzungen in EU-Ländern vorzugehen? Hiermit fordere ich unsere iranischen Freunde auf, von der Opposition – aber auch von Regierungsseite -, bei der Verteidigung der Menschenrechte der Ungarn zu helfen.“

4.
„Der raffende räuberische Geist von anders gearteten Menschen, die nie die Luft des Schaffens gekannt haben, die ruhelos von Ort zu Ort zogen, die nirgends Wurzel fassen konnten, die nicht erdverwachsen in langsamer Entwicklung zu immer höherer Kultur emporstiegen, sondern mit ihrem ruhelos beweglichen Geist und mit ihrem Geld von Land zu Land wechselten“ charakterisiert Gottfried Feder, die jüdische ‚Anti-Nation’ und verrät, was man als vollwertiges Glied der deutschen Nation zu sein hat: Staat, Scholle und Fabrik treuergebend und in seliger Eintracht mit der Erdwurzel betriebsam. So liegt es nicht fern, dass Victor Orbán, wenn er gegen die Spekulantenwirtschaft wettert, seine Bündnispartner für das Modell des autoritären Staates erkennt und das Bündnis mit China sucht. Monatelang hofierten ungarische Regierungsdelegationen die Volksrepublik China und bestrebten die intensive wirtschaftliche Zusammenarbeit an. Zu dem Angebot erklärte Orbán sich China als „Hub nach Europa“ anzubieten und so eine Alternative gegenüber Brüssel, „dem neuen Moskau“ (O-Ton) zu finden. (7) Besonders zählebig wirkt in Ungarn der antisemitische Mythos vom „Judenbolschewismus“, der mit dem „heimatlosen Finanzkapital“ eine verschworene, konspirative Macht bilde. Der antisemitische Charakter enthüllt sich in dem Hass auf Budapest, dass unter Eingeweihten als „verjudet“ tituliert wird. In Konformität wird der urbane und kosmopolitische Lebensstil – auch in regierungsfähigen Kreisen – als jüdisch affrontiert. Die „Tel-Aviv-New York-Brüssel-Achse“ und der eingeschlagene Anti-EU-Kurs ist kein Arkanum. Die Supermarktkette CBA wirbt seit kurzen mit magyarischen Waren für magyarische Kunden. Die vom Fidesz-Ministerpräsidenten Victor Orbán empfohlene Wochenzeitung „Magyar Demokrata“ rät überdies, die „Ungarische Gendarmerie“ des antisemitischen Kollaborationsregimes um den Reichsverweser Miklós Horthy zu reaktivieren. (8) Die westlichen Medien interessieren sich für die Fidesz-Partei nur marginal und legen den Fokus viel mehr auf die „spektakulären“ Menschenjagden der faschistischen Jobbik und MIÉP. Dabei wäre es mit mindestens gleichsamer Bedeutung nötig, die regierungs- und bündnisfähigen politischen Kräfte, die sich nicht schon im Vorfeld selbst diffamieren, auf ihren bedrohlichen Gehalt zu prüfen. Wenn die Jobbik-Partei sich weiter im Aufwind befindet und damit Fidesz Konkurrenz macht, ist es sehr wahrscheinlich, dass letztere in steigendem Maße auf die Anwendung faschistoider und faschistischer Methoden setzen wird.

5.
Für die Möglichkeit auf einen vernünftigen Kampf gegen die Faschisierung ist es gegenwärtig schlecht bestellt, denn es gibt bisher keine schlagkräftige Opposition. Die wenigen liberalen Kräfte, die unter anderem 2006 auch von Gerhard Schröder unterstützt wurden, sind zu marginal. Im aktuellen Protest um die Neubesetzung des Intendanten des Budapester Theaters zeigt sich die Machtlosigkeit der Oppositionellen. (9) Die Proletarisierten werden, wenn sie weiterhin ihre Interessenvertretung in Gewerkschaften sehen, auch künftige Pleiten wie beim „D-Day“ in Kauf nehmen müssen. (10) Sie müssen – mehr und nicht weniger – ihre eigene Lage erkennen. Also die Inbesitznahme der theoretische Mittel zur Kritik ihrer Lebenssituation vorantreiben und Maßnahmen in Anspruch nehmen, um der alltäglichen Zwangsgewalt des Staates bestmöglich zu entrinnen. Damit sie der herrschenden politischen Macht nicht weiterhin ausgeliefert sind, ja damit sie gegen diese und die faschistischen Rackets in die Offensive gehen können, müssen sich die antifaschistischen Kräfte assoziieren und bewaffnen. Ein antifaschistischer Kampf gegen die weltweit wirkenden reaktionären Bewegungen lässt sich nicht auf nationale Grenzen festschreiben und so „können Bündnisse mit den bürgerlich-fortschrittlichen Kräften sich als nützlich erweisen, die sich aus verschiedenen Gründen gegen die weltweite Reaktion stellen und bestimmte zivilisatorische Formen vor deren Beseitigung bewahren.“ (11)

David

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(1) http://www.freitag.de/community/blogs/rdannemann/unruhe-im-lukcs-archiv–im-umfeld-der-aktuellen-ungarn-debatten-
(2) Hier wird die transsilvanische Hymne nach Ende der Redezeiten im ungarischen Parlament angestimmt und lediglich ein paar Sozialisten halten es für nötig den Saal zu verlassen. (14.05.2010) http://www.youtube.com/watch?v=_n95Fur-wOI
(3) Damit war die Überwindung der Schuldenkrise gemeint. Vergleiche:
http://www.eu2011.hu/de/europa-ist-staerker-geworden-%E2%80%93-artikel-von-ministerpraesident-viktor-orban-fur-eu2011hu
(4) http://jungle-world.com/artikel/2011/31/43730.html
(5) Hier sind weitere Beschneidungen im Arbeitnehmerrecht aufgeführt:
http://www.pesterlloyd.net/2011_34/34untertanenstaat/34untertanenstaat.html Mit dem Drang zum autoritären Staat steht Ungarn nicht allein da, auch in Tschechien werden unter der Flagge der Krisenlösung das Arbeitsrecht beschnitten.
(6) http://pusztaranger.wordpress.com/2009/11/22/wird-jobbik-vom-iran-finanziert/
(7) „Moskau“ ist die strukturell antisemitische Chiffre für den volskraftzersetzenden Kommunismus.“
(8) Die Gendarmerie hat bis zum 9. Juli 1944 hunderttausende ungarische Juden binnen weniger Wochen in jene Waggons geprügelt, die nach Auschwitz fuhren.
(9) http://www.welt.de/politik/ausland/article13656953/Rechtsextremisten-uebernehmen-Budapester-Theater.html
(10) http://pusztaranger.wordpress.com/2011/10/01/d-day-massendemonstrationen-gegen-die-regierung/
(11) Vgl.: Felix Artikel: „Umrisse einer Kritik des Faschismus“

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Umrisse einer Kritik des Faschismus

I.
Nach dem vorprogrammierten Scheitern des Konzepts vom „revolutionären Antifaschismus“ der 90er Jahre, das in der Zuspitzung des demokratischen Kampfes gegen Nazis zum Kampf gegen das Kapital bestand, kam es zu einer Desillusionierung bei vielen Antifas. Der bundesdeutsche „Antifa-Sommer“ 2000 offenbarte vor aller Augen, dass der Staat, das Subjekt der bürgerlichen Herrschaft, nicht nur als Helfer von Faschisten fungieren muss, sondern auch in der Lage sein kann, gegen dieselben seine Gewalt einzusetzen. Statt die Erkenntnis der Unwirksamkeit jener theoretischen und praktischen Konzeption des Antifaschismus zum Anlass zu nehmen, die Kritik der politischen Ökonomie und der kapitalistischen Staatlichkeit weiterzutreiben und mit anderen (anti-)politischen Formen zu experimentieren, geht die alter Leier mehr oder weniger unverändert bis zum heutigen Tag weiter. Mit dem historisch glücklichen Verlust der Täuschung über den vermeintlich revolutionären Gehalt des Antifaschismus wurde dieser Gehalt jedoch nicht etwa aktualisiert, sondern auf unbestimmte Zeit zugunsten organisatorischer und ideologischer Kontinuität suspendiert. So setzte man sich nicht der Gefahr aus, die vermeintliche Sicherheit des Aktivismus zu verlieren und verdrängte die Notwendigkeit des Bruchs mit der politischen Vergangenheit, die vor der Gegenwart längst blamiert war. Die Berechtigung des autonomen Antifaschismus der 90er Jahre (als ein partikulares Politikfeld), zu dessen Zeiten die Gegenwehr gegen die aufkommenden neuen Nazis erst noch aufzubauen war, hat im Nachhinein seinen Grund darin, dass der Staat noch nicht ein Engagement gegen die Nazis entfaltete. Aus diesem Umstand kann wiederum die Illusion entstehen, dass der Antifaschismus generell obsolet sei und ein genuin affirmatives Verhältnis zur bürgerlichen Herrschaft unterhalte. Nicht zur Kenntnis genommen wird dabei schon allein die einfache Tatsache, dass die Staatsantifa nur dann zur Tat schreitet, wenn dies wiederum gemäß instrumenteller Vernunft einem staatlichen Interesse entspricht. Bekanntermaßen war es im Jahr 2000 vor allem das internationale Echo infolge eines Anschlages auf die Synagoge in Düsseldorf und der damit verbundene Misskredit, der Schröder zum Ausrufen des „Aufstandes der Anständigen“ veranlasste. Wenn jetzt dem zviligesellschaftlichen Engagement gegen rechte Gewalt die Subventionen gekürzt oder gestrichen werden, setzt sich nur die gegenläufige Tendenz im Rahmen eines staatlichen Kalküls durch. Folglich ist der bürgerliche, demokratische, staatlich konditionierte Antifaschismus immer ein hilfloser Antifaschismus, der nicht nur unzuverlässig bis tendenziell versöhnlerisch ist, sondern immer auch gleichzeitig mit den affirmativ aufgefassten Kategorien der bürgerlichen Herrschaft die basalen Grundlagen der Faschisierung reproduziert. Gerade deshalb muss die Niederkämpfung des Faschismus von seinen konsequentesten Feinden vorangetrieben werden, die um dessen Voraussetzungen im Bestehenden und damit auch um die Möglichkeit seiner historischen Zerstörung wissen.

II.
Der zentrale Mangel sowohl der desillusionierten Antifas, als auch der illusorischen Kritiker des Antifaschismus ist eine Auffassung vom Faschismus, die diesen verdinglicht mit der Abfolge historischer Regimes und einem bloßen Wechsel des Herrschaftspersonals identifiziert, der den gesellschaftlichen Inhalt der Herrschaft (der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ und Garant des Privateigentums) unverändert fortwirken lasse. Der antisemitische Kern des Faschismus, dessen vergesellschaftende Wirkmächtigkeit und die daraus folgenden Konsequenzen für das kommunistische Projekt gehen diesem vulgär-ableitungslogischen Denken ab, das stets die Elemente, Verhältnisse und Prozesse der Wirklichkeit unter scholastische Axiome subsumiert. Als eine polit-ökonomische Konstellation analysiert, die der kapitalistischen Gesellschaft entsprungen ist, würde sich die faschisierte, vollends antisemitische Gesellschaft als barbarische Zertrümmerung zvilisatorischer Universalität, Auflösung der Bildungselemente kommunistischer Emanzipation und damit als Bruch mit der bisherigen Geschichte erweisen . Der objektive geschichtliche Fortschritt als zunehmende Beherrschung der Natur und wachsende Vermehrung der Produktivkräfte schlägt, aufgrund seiner Basis in der Herrschaft des Menschen über den Menschen (in kapitalistischer Form als sachlich-vermittelte und tendenziell rein gesellschaftliche) in Herrschaft der qua Natur ermächtigten Rasse durch Gewalt und Vernichtung um. Der ideologisch zugrunde liegende antisemitische Antikapitalismus projiziert die Zumutungen der Moderne auf der Grundlage verdinglicht erscheinender gesellschaftlicher Verhältnisse auf das Bild vom „Juden“ als Weltbeherrscher und Weltfeind, der zugunsten einer wiederherzustellenden Harmonie (einer romantischen Rückprojektion in die Vergangenheit), zu vernichten sei. Das volksgemeinschaftliche Kollektiv, das seine Identität über diese Gegenidentifikation zum „jüdischen Prinzip“ gewinnt, ist dabei nicht einfach Negation des Einzelnen, sondern die Fixierung von dessen partikularer Gestalt, dem erniedrigten und geknechteten Wesen als Resultat der Entfremdung, von dem Marx gesprochen hat. In der Volksgemeinschaft erhält der Vereinzelte als Arier vermeintliche Sicherheit und setzt sich scheinbar im klassenübergreifenden Mord an den Juden über seine untergeordnete und vom Scheitern bedrohte Existenz hinweg. Ohne die Produktionsbedingungen der Herrschaft und Ausbeutung aufzuheben, wird hier doch ein Widerspruch in eine Form gebracht, die diesen bis auf weiteres bannt.

III.
Gerade wegen der totalen Entfremdung wohnt dem Einzelnen die Möglichkeit inne sich auch total zu emanzipieren. Es ist herausgelöst aus den naturwüchsigen Blutsbanden vorbürgerlicher Gemeinschaftszusammenhänge und Mitglied der global vergesellschafteten Totalität des Weltmarktes, auf dessen Grundlage er sich befreien muss. Enteignet von allen Lebens- und Produktionsmitteln ist die Aufhebung der Entfremdung nur durch die vollständige Aneignung der Gattungskräfte und die Abschaffung der Klassenherrschaft möglich. Diese Bemächtigung der menschlichen Gattungsmäßigkeit (die in der kapitalistischen Moderne einen Stand erreicht hat, auf dem das Reich der Freiheit in seiner dialektischen Beziehung zum Reich der Notwendigkeit das übergreifende Moment werden kann) bedeutet die Herausbildung von Individualität und Freiheit. In der faschistischen Gesellschaft dagegen wird der Einzelne als partikularer dem staatlichen Kommando unterworfen, ihm wird absolute Opferbereitschaft abverlangt und er gilt als bloßes Partikel einer völkischen Gemeinschaft, die sich aus der Gattung heraussprengt und nach archaischen, über Natureigenschaften sich herstellenden menschlichen Beziehungen sehnt, die durch die moderne Vergesellschaftung aufgelöst wurden. Gleichwohl ist der Faschismus nicht einfach ein Rückfall hinter die bürgerliche Zivilisation, sondern deren genuines Resultat, wenn auch eines eigener Art. Die Gewalt, die als getrennte die Grundlage der Herrschaft des Menschen über den Menschen bildet, ist in der wertförmigen gesellschaftlichen Vermittlung aufgehoben, nicht abgeschafft und schlägt bei ihrer Freisetzung umso barbarischer aus. „Hier ist das Modernste auch das Archaischste.“ (Guy Debord) Dieser Doppelcharakter des Faschismus als modernisierte Barbarei entgeht jener angesprochenen verdinglichten Weltanschauung ebenso wie die hybride Konstellation zwischen bürgerlichen und faschisierten Verhältnissen, innerhalb derer der die deutsche NS-Gesellschaft glücklicherweise niedergekämpft wurde.

IV.
Der Antifaschismus erweist sich angesichts der tendenziellen Liquidation der Möglichkeitsbedignungen des Kommunismus als dessen conditio sine qua non. Es handelt sich um keine Addition eines neuen Politikfeldes, sondern tastet den Gehalt des Kommunismus als Theorie und Praxis einer wirklichen Bewegung selbst an. Wenn Marx sagte, dass das Proletariat revolutionär oder nichts sei, dann lässt sich daran nicht mehr festhalten oder zumindest dieses „nichts“ muss konkretisiert werden. Zweifellos bleibt der enteignete, ausgebeutete und unter das Kapital subsumierte Mensch weiterhin machtmäßig ein zur Ohnmacht verdammtes „nichts“. Als solches ist es aber ein bestimmtes Nichts, z.B. ein Deutscher und das verdrängte Bedürfnis nach Freiheit von historisch überflüssigen Zwängen und die Empörung über die eigene Nichtigkeit gegenüber dem Kapital erweisen sich selbst als Konfliktformen, die bestimmte Resultate zeitigen. Marx wurde oft wegen seiner angeblichen Teleologie gescholten, nach der er die Revolution mit der „Notwendigkeit eines Naturprozesses“ prophezeite. Die Grundlage dafür war die Theorie der Tendenz einer Vermehrung der „Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung“, aber auch gleichzeitig der daraus folgenden „Empörung“ der Arbeiterklasse, die sich in Klassenbewusstsein umsetzen sollte. Unselige Streits wurden über Wirklichkeit einer absoluten oder relativen Verelendung geführt. Die von Marx konstatierte Tendenz hat sich jedenfalls durchgesetzt, denn die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen, zwischen den Ausgebeuteten und Ausbeutern haben sich weiter zugespitzt – das ist das moderne Elends des Kapitalismus, in dem wir alle leben. Wie dieser objektive Druck der Widersprüche ausgetragen wird, ist keine scholastische Frage, sondern eine der Geschichte, einer offener Prozess. Das Proletariat kann Bewusstsein über seine gesellschaftliche Situation erlangen und sich selbst aufheben oder das Nichts bleiben, was es jetzt ist. Aber wenn sich die Empörung nicht in rationalen Feindschaft, zur Waffe der Kritik sublimiert, dann kann sie zur ranzigen Ranküne werden, die sich um so stärker an das Bestehende klammert, auch wenn die Welt in Scherben fällt. Die „ihrem primären Ziel entfremdete Klassenkampfenergie“ (Adorno) fungiert so als Triebkraft der Regression, der Identifikation mit einer Untergangsbewegung und im Resultat des Endes der Geschichte im emphatischen Sinne. Damit wird auch die Auffassung der Geschichte als einer Geschichte von Klassenkämpfen hinfällig, nicht nur als Bild eines natürwüchsigen, irreversibel-kontinuierlichen Fortschritts, sondern auch des Klassenkampfes als Produzenten der Geschichte. Denn es war die Volksgemeinschaft als klassenübergreifendes und -aufhebendes Kollektiv, das Geschichte schrieb, und es war im wesentlichen die bürgerliche Zivilisation, die dieses Projekt stoppte. Und doch kann gleichzeitig die Geschichte nur eine Geschichte von Klassenkämpfen sein und werden, denn die bestehenden Gesellschaft kann nur auf Grundlage ihres fortwährend widersprüchlichen Charakters gesprengt werden, der in Form von Klassenkämpfen zu Tage tritt. Mit dem Bruch in der Kohärenz der Geschichte und der daraus folgenden paradoxen Fassung des historischen Materialismus hat man zu leben und umzugehen. Alles andere ist nur Verblendung.

V.
Der Antifaschismus als Praxis der Kritik und Vernichtung seines Gegenstandes lässt sich nicht aus dem Stegreif als eine Art Generalschlüssel formulieren. Die vorangegangene Analyse des Faschismus als eines gesellschaftlichen Modells soll eine Voraussetzung für diese Praxis sein. Zu sondieren wären im Weiteren die sich verändernden Formen und Konstellationen in denen Wirklichkeit und Möglichkeit der Faschisierung erscheint. Der gegenwärtig stärkste und gefährlichste Träger des eliminatorischen Antisemitismus ist bekanntlich die Bewegung des politischen Islam, die in Besitz einer Staatsmacht ist und ansonsten in Form mörderischer Rackets agiert. In deren Visier steht der zionistische Staat, als der antibarbarische Verbündete des Kommunismus, dessen Feinde sich aus allen Gegenden der Welt und allen politischen Lagern rekrutieren. Die Geschäftsführung des Kampfes gegen den Faschismus liegt offensichtlich gerade nicht in den Händen des Kommunismus. Deshalb sollte man davon absehen von einer Einheitsfront unter kommunistischer Führung zu träumen, wie es wohl viele linkradikale Antifaschisten heute machen. Realistisch und am wenigsten wirkungslos können Bündnisse mit den bürgerlich-fortschrittlichen Kräften sein, die sich aus verschiedenen Gründen gegen die weltweite Reaktion stellen und bestimmte zivilisatorische Formen vor deren Beseitigung bewahren wollen. Diese Formen (die formale Freiheit der Politik und Ökonomie) sind die besseren, günstigeren und deshalb verteigungswerten Bedingungen für eine revolutionäre (Anti-)Politik, müssen aber auch genutzt werden. Es steht keine chinesische Mauer zwischen den Möglichkeitsbedingungen der menschlichen Emanzipation und der Arbeit der Verwirklichung dieser Möglichkeit. Ansonsten bleibt nur leerer Maximalismus, der selig über den Konflikten der Welt schwebt und von einer anderen träumt, oder opportunistischen Realpolitik, die im Schlamm bürgerlicher Formen versinkt. Der Antifaschismus, der heute sehr notwendig ist, muss über sich selbst hinausgetrieben werden. Wenn ein solcher Prozess in Gang kommen soll, dann nur unter der Voraussetzung, zu wissen, dass man keine Sicherheiten hat und sich zunächst einmal auf niemanden verlassen kann, als auf sich selbst.

Felix

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Die dichroitischen Spiegel

Eine Annäherung

Der nüchterne Blick nach vorne ist durch ein Sammelsurium mannigfaltiger Trugbilder verwehrt. Unzählige Spiegel, von Menschenhand geschaffen, stellen sich dem Sehnsüchtigen entgegen, um ihm das Abbild seines eigenen Seins als ewig wahres und einzig vorstellbares entgegen zu werfen. Kein Blick geht an ihnen vorbei, und so ist einem jeden die klare Erfahrung des Selbst und Seinesgleichen verwehrt und mittels Kasuistik geschickter Lichtbrechung nur noch in Silhouetten ersichtlich. Jede Begegnung untereinander, jede menschliche Beziehung aktiviert sich lediglich mittels gemeinsam erschaffener Bilder, welche sich von Anbeginn ihrer, dem hohen Akkumulationsgrad geschuldeten Existenz vom Menschen erhoben, ihn sogleich umgarnten und letztlich durchdrangen. Die Physiognomie allen Seins ist verkehrte, welche sich als konkrete gebiert um ihr abstraktes Moment zu kaschieren. Doch ist es gerade die Suprematie des mit dem Konkreten „schlecht“ vermittelten, „unversöhnten“ Abstrakten, welche die Totalität allen Seins aufbereitet und dessen einzelne Momente miteinander in Beziehung und die einzig noch geltende qualitätslose Intention des Seienden, das Kalkül, ein Äquivalent zu erheischen, generiert. Das der Spiegelung geschuldete Zerrbild vermittelt den Schein von aus Willen und Trieb primär hervorgehendem Denken und Handeln und unterschlägt sogleich im selben Atemzuge deren Determiniertheit von gesellschaftshistorischen Umständen, die es zur Herausbildung einer befreiten Menschheit zu dechiffrieren gilt. Die Totalität des Tauschverhältnisses erfasst die Fähigkeiten und Emotionen eines jeden und bricht als universaler Abschleifungsprozess1 jegliche Begierden und Spontaneitäten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter, sodass sie mit steigender Quantifizierung und proportional sinkender Qualität zu derlei kommensurablen Gütern verkommen, welche sich in die Tabellen und Statistiken der Kybernetiker einreihen, messen und verwalten lassen.
Wüsste das gesellschaftliche Individuum um seine verzerrte Gestalt, hätte es mehr als verkehrtes Bewusstsein vom Sein, so würde sich dieses bewusste Sein dem falschen Ganzen unversöhnlich entgegenstellen, sich aufbäumen und das real gewordene Bild der eigenen Existenz und Daseinsform, als atomisierte Warenmonade, gleich einer hässlichen Fratze empfinden, deren Anblick es nicht länger standzuhalten willens wäre.

Ein gewisses Unbehagen lässt sich unter den Anhängseln der Maschinerie dieses Kabinetts bereits konstatieren, denn es müht sie, sich mit den sie umgebenden und durchdringenden Bildern abzufinden; doch die Empfindungen richten sich nicht gegen diese, sondern gegen sich selbst und ihresgleichen. So verdinglicht sich durch die Verbildlichung allen Seins auch die gemeinschaftliche Produktion zur asozialen Seite der Konkurrenz, an welcher man bei zeitweise eintretendem Erfolg gar Lust zu verspüren scheint und zugleich Antipathie gegen jene Mitstreiter, die sich als entfremdete Silhouetten zur Gefahr des eigenen ökonomischen Standes spiegeln und besonders zu Zeiten eintretenden Misserfolgs die Abstiegsangst in dem sich verfolgt Fühlenden evozieren. Die allgegenwärtigen Bilder trennen das Wahre und verbinden das Falsche, sodass sich der Mensch als Vereinzelter vorfindet und dennoch als Bestandteil eines Kollektivs Vereinzelter, welches mit anderen konkurriert und in dem man beständig konkurriert. Die Verbildlichung dient der Verschleierung und zementiert das quid pro quo, um die Gattung Mensch ihrer Kräfte zu berauben. So dümpeln und wetteifern die gesellschaftlichen Individuen in und mit ihren Grüppchen und halten somit das schauderhafte „Spiel“ aufrecht, welches sie mit Leib und Leben zu zahlen haben.

Es ist ihnen nicht ersichtlich, wie sehr sie sich selbst mit dem flüchtigen Blick auf das sie Umgebende täuschen. So formiert sich neben der rituellen Mimesis, als masochistischer, immer wieder aufs Neue durchexerzierter rastloser Arbeit an sich selbst2, das Unbehagen, qua falscher Projektion, zum blinden und wütenden Hass, der sich in einer Hetzjagd im Irrgarten zu artikulieren droht und all die als schädlich stigmatisierten Insassen zu vernichten trachtet, nicht damit die Bilder in den Spiegeln verschwinden, sondern damit die Bildwelt total und somit alles Lebendige vernichtet wird; denn was das Abstrakte an seiner totalen Entfaltung hindert, ist sein konkreter stofflicher Körper als Träger, dessen er sich überdrüssig fühlt. Wie gleichgültig sich das Abstrakte zu seinem „Wirt“ verhält, zeigt sich, wenn es das Lebendige als letzte Schranke des Spektakels zu durchbrechen trachtet. Die Geschichte des Kapitals ist der Versuch, sich selbst als Nullzeit zu setzen.3 Es ist dies das schrecklichste Schicksal, welches einen durch die Hand des blind wütenden Mobs ereilt, der nicht mehr in der Lage ist, abstrakt zu denken und derweil konkret zu fühlen. Denn dieser Fähigkeit wurde er noch vor seiner Konstituierung beraubt, sie wurde absorbiert von den Spiegeln, die keine Individualität zu kennen erlauben und alles dem Takt ihrer Maschinerie einebnen; es ist der Takt, der diese Maschine aufrecht erhält, und dieser Takt ist derjenige des Gleichschritts.
Was sich von Anbeginn seiner Entstehung bis heute als Sprengkraft zur Entfaltung der menschlichen Produktivkräfte darbietet, erweist sich vom ersten Moment an als in sich selbst verschränkt: Die Forderungen der bürgerlichen Aufklärung, mit welchen sich die Menschheit aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit hinauszumanövrieren suchte, verschränkten sich innerhalb des geschichtlichen Entwicklungsprozesses mit der verwalteten, strikt reglementierten Einrichtung des menschlichen Zusammenlebens und mutierten zu einem traurigen Abbild ihrer selbst. Als bloße Worthülsen verkommen sie nicht mehr nur innerhalb der gängigen Produktionsstätten von Ideologie zu hohlen Spielmarken, jeglichen Inhalts beraubt und dermaßen verkrustet, dass sie sich im Zustand ihrer Verhärtung als unfähig erweisen, dem Lauf der Geschichte noch standzuhalten.

Um sich der Resignation zu verwahren, ersehnt man sich das Opiat, welches den Lauf im Käfig, der jederzeit zum Amoklauf sich steigern kann, erträglich macht. Doch es ist nicht damit getan, den Geist zu vernebeln und den Körper zu lähmen; denn das begehrte Surrogat ist nicht in der Lage, die allseits umtreibende Malaise niederzuringen. Gerade diese gilt es bewusst zu artikulieren, um sich vor ihrem unbewussten Wüten zu schützen, sodass ihre reflektierte Artikulation endlich über das Bestehende hinausweist, anstatt weiterhin den sehnsüchtigen Blick ins Tal der Barbarei zu werfen.
Zugleich verschafft auch der genügsame Blick in die Spiegel keine Abhilfe, denn was sie versprechen und mit was sie locken, all den angepriesenen Wohlstand und das Glück, vermögen sie letztlich nicht zu erfüllen, denn sie sind Spiegel, und was sie darbieten ist Schein, und dieser Schein birgt einen tiefen Abgrund. „Der Animismus vorfindbarer Fratzen gleicht einer Beschwörung, in der man auf die Offenbarung der Spiegel hofft, doch diese schicken nur Bilder, in denen man sich endlos spiegeln kann.“4 Die affirmative Haltung zu den Trugbildern setzt die Unkenntnis ihres verkehrenden Moments voraus, und so wird das Konkrete begehrt, dessen abstrakte Seite aber sogleich verdammt und mittels pathischer Projektion in Form von Personalisierung pseudokonkretisiert und letztlich naturalisiert. Doch Tausch- und Gebrauchswert sind zwei Seiten ein und derselben Medaille, wodurch das einseitige, unreflektierte und fetischisierte Aufbegehren gegen den kapitalistischen Warenfetisch selbst keine adäquate Waffe im Kampf gegen das unvernünftig eingerichtete Jetzt darstellt, sondern sich gerade als Gipfel dieser Unvernunft erweist und sich selbst in seiner ausgefeiltesten Form nur gegen momentane Erscheinungsformen aufzurichten vermag. Der Gewalt ausgesetzt, wird diese verherrlicht, um an ihrer Macht zu partizipieren. In der erfolgreichen Anpassung an determinierte Abläufe scheint Freiheit sich zu bestätigen.5 Die dorfatheistische Antipathie bezüglich des Verlangens nach einer Verklärung und rosaroten Einfärbung des tristen Daseins nimmt einem die Mittel, aber nicht den Grund für die Sehnsucht nach dem betäubenden Äther. Kritik hat die „imaginären Blumen an der Kette“ zu zerpflücken, „nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche.“6
Einmal von Menschenhand geschaffen, scheint es schier unmöglich, dem Labyrinth der Selbstverblendung zu entrinnen; egal wie sehr man sich abmüht, der hastige Schritt durch die unendlichen und verwinkelten Gänge und Schächte dieses schauderhaften diabolischen Irrgartens vermag es nicht, die in den unzähligen Spiegeln vorbeirauschende Fratze abzuschütteln, die sich letztlich als die eigene erweist. Doch was ist es, das uns dazu verleitet, rastlos in diesem Kabinett umherzuirren? Es weist Fehler auf; Fehler, die bei günstiger Sonneneinstrahlung zu gegebenem Zeitpunkt als Risse in den unzähligen Spiegeln erscheinen, Risse, die einen grob erahnen lassen, was sich hinter den Trugbildern verbergen könnte. Doch um zu erfahren, was sich hinter den Spiegeln verbirgt, ist es notwendig, einen Augenblick zu verweilen und dem Zerrbild des Selbst entgegenzutreten. So scheußlich und grauenhaft dieser Anblick bei genauerer Betrachtung auch sein mag, ist es gerade der mutige und furchtlose Schritt auf den Spiegel, der diesen letztlich zum Bersten bringt.
Die Suprematie des im mutigen Blick erfahrenen Leids birgt die Gefahr der Resignation vor dem falschen Ganzen, welches nichts anderes neben sich erfahren lässt und bisweilen nicht nur seine hegemoniale, sondern seine totale, da singulare Stellung, zu behaupten weiß. Es liegt in dessen Wesen, jegliche Zeit, jedes Gedächtnis und jede wahre Erfahrung in sich aufzuheben.
Was die Ware nicht mehr einzulösen vermag, scheint das Jenseits zu versprechen, doch sind es gerade die Risse im Spiegel, welche einen vor der voreiligen Lösung unliebsamer Körperspannung zu bewahren vermögen. Sowohl dem aufs Jenseits verweisenden Thanatos als auch dem unreflektierten Frönen des Eros nach zugerichtetem und wahrem Glück spottendem Muster ist eine messianische Hoffnung entgegenzuhalten, welche zum Blick auf das verwaltete Falsche ermutigt und das Individuum der die Lebensfeindschaft implizierenden Todesverfallenheit entzieht. Diese Sehnsucht nach Erlösung ist das Vertrauen auf die Fähigkeit der Menschheit, sich als Gattung freier und selbstbestimmt produzierender Individuen zu organisieren. Sie vermag es, die menschliche Vorgeschichte unter dem Aspekt ihrer Abschaffbarkeit betrachten zu lassen, denn wo die Strahlen aus der Zukunft, dem Ort der Utopie, aufblitzen, scheinen sie zugleich auf das Reale, das Gewesene. Die Sehnsucht speist sich aus den Rissen, die das Mögliche zwar nicht greifbar machen, es aber doch erahnen lassen. Das dort offenbarte Licht verweist auf die reale Möglichkeit eines Lebens hinter den Spiegeln, ein bewusstes und selbstreflektiertes Leben jenseits reflektierenden Scheins. Die ungeheure Schönheit der durch die Risse dringenden Strahlen vermag den Blick auf das Elend zu stärken. Sie schenkt Hoffnung ohne den klebrigen Nebengeschmack von Äther, welcher den übrigen Lebenserhaltungsmaßnahmen für gewöhnlich anhängt und dessen Konsumenten Konsumenten sein lässt, indem er diese benebelt und zum Schweigen bringt. Es ist dies eine belebende Schönheit, die von den Strahlen ausgeht und ungeahnte Kräfte zu entfesseln im Stande ist. Diese abstrakten „messianischen Splitter“7, welche die Sehnsucht befeuern, dienen als Motivatoren für den Kampf, doch ihre abstrakte nicht-rationalisierte Gestalt muss konkretisiert, theoretisiert werden: Die Theorie muss die bloße Sehnsucht bewusst artikulieren, sie aufheben, um sie letztlich als real einklagbar aufzuweisen.
Je länger hierbei das Auge verweilt, desto unerträglicher die Fortexistenz im Kabinett des Wahnsinns; je schärfer die Beobachtung, desto klarer offenbaren sich die tiefen Furchen und Narben auf den Wangen des Ungetüms, welche von dem Leidensweg erzählen, den wir im Verlauf unserer Geschichte davongetragen. Zu deuten gilt es diese als Zeugnis des einstigen Aufbegehrens gegen das von uns selbst entworfene Kabinett, welches wir von innen heraus als unser eigenes Gefängnis erschufen und immer wieder aufs Neue reproduzieren. Ein Aufbegehren, welches wir mit dem Innehalten vor den Spiegeln aufs Neue initiieren und das, wie die offenbarten Wunden auf der Haut beweisen, unter Strafe steht. Der Rekurs auf die einstigen Erhebungen ermöglicht eine adäquate Analyse ihres Scheiterns, und dieser Sprung zurück verweist sogleich nach vorne. Denn den damaligen Begierden ist auch heute nicht Genüge getan, und so lässt sich ihr Klang auch gegenwärtig noch vernehmen, wenn man ihm nur zu lauschen beginnt. Den Opfern von einst muss Gerechtigkeit widerfahren, denn ihr Anspruch ist der unsrige und hat auch heute nicht an Gültigkeit verloren. „Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört“ 8
Prima conditio einer Assoziation freier und selbstbestimmter Individuen wäre die bewusste Absage an jegliche ideologische Weltverklärung, wie sie dem jetzigen Sein zu Grunde liegt. Der Fortschrittsglaube, sich mittels der Spiegel über diese selbst hinwegzusetzen, ist nicht haltbar, denn als Bestandteil des automatischen Subjekts haben sie zu keiner Zeit primär einer Verbesserung der Lebenssituation eines jeden gedient, was stets nur als ein Nebenprodukt ihres eigentlichen Zwecks zu begreifen ist, und frönen ein Dasein, in dem sie sich ihrer grundlegenden Funktion, mit der die im Hier und Jetzt unumstößliche Entfremdung der Gattung Mensch einhergeht, auch im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung nicht entziehen lassen. Der Glaube an einen immanenten Prozess innerhalb des Systems der Unvernunft hin zu einer vernünftig eingerichteten Welt verlängert das Elend und begräbt alle Momente einstigen Aufbegehrens unter dem Trümmerhaufen der Geschichte, welcher sich hinter dem Rücken des nach vorne Gaffenden gen Himmel reckt. So gerät der einstige Schlag gegen die Spiegel nicht nur in Vergessenheit, nein, als rekuperierter wird er zu dessen Kitt verklärt, indem man ihm seiner kontinuum-sprengenden Tendenzen beraubt.
Es liegt daran, das Bewusstsein zu schärfen um über dieses Sein hinauszukommen und den Augenblick der Verwirklichung erstarrter Philosophie zu erreichen.9 Die Kritik darf nicht zum Zeitvertreib derer verkommen, welche es sich im falschen Ganzen einzurichten gedenken, denn „Kritik…ist das theoretische Leben der Revolution.“10 Und so drängt sie von Anbeginn ihrer Formulierung hin zu ihrer praktischen Verwirklichung. Es liegt an einem jeden Einzelnen, an jeder gequälten Seele, sich des falschen Ganzen bewusst zu werden. Doch die Versöhnung als Einheit des Vielen ohne Zwang, abseits der Reduktion und Abstraktion vom Besonderen aufs Allgemeine, kann nicht Aufgabe eines Messias sein, den es unter den Reihen der entfremdeten Wesen ausfindig zu machen gilt. Dies notwendige Bewusstsein muss schließlich ein gemeinsames sein, welches sich jeglicher avantgardistischer Formen verwehrt, die das Residuum der übrigen Sklaven nicht aus seinem Objektstatus zu befreien ersuchen, sondern diese zu einem weiteren Objekt, als das ihrer revolutionären Doktrin Hörigen, degradieren.
Damit die Anhängsel der Maschinerie und Objekte der durch sie produzierten Spiegel sich diesen entwinden, müssen sie sich ihres Menschseins erinnern und sich gemeinsam gegen die Entfremdung ihrer selbst, ihrer Natur, sowie der von ihnen gefertigten Gebrauchsgegenstände erheben. Die Aufhebung der Trennungen ermöglicht die Aufhebung des Seins als erniedrigtes, geknechtetes, verlassenes und verächtliches Wesen.
Auch der Kritiker kann sich seines Status als Warenmonade bis zur Situation einer revolutionären Aufhebung nicht ohne weiteres entziehen. Um eine solche Situation, die jede Umkehr unmöglich macht, zu initiieren, gilt es eine gegenwärtig nicht existente Kommunikation aufzurichten, eine Selbstkonstituierung, welche die Konstituierung aller entschiedenen Gegner der Unvernunft in die Wege zu leiten vermag. Um den nicht realisierbaren Glücksanspruch, den die Spiegel der Menschheit propagieren, sowie die destruktiven der Unvernunft geschuldeten Tendenzen dieser Gesellschaft aufzuzeigen, gilt es diese objektiven Begierden wie auch die herrschenden Lebensverhältnisse in Begriffe zu fassen, um eine Sprache der Kritik zu finden, die sich ihrer revolutionären Tendenzen nicht berauben lässt und einem jeden, der sie vernimmt, wie ein zäher Splitter sich ins Auge bohrt, denn „der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.“11
Es gilt eine solch kohärente Kritik als Waffe gegen die Trugbilder der heutigen Gesellschaftsformation aufzubringen, um die Versprechen von Glück, Freiheit, Wohlstand, Versöhnung, von Identität, welche die Spiegel darbieten aber niemals einzulösen vermögen, sich endlich anzueignen. Diese Formation muss alles daran setzen, über dies Kabinett hinaus und nicht hinter es hinweg zu fallen, so also darauf bedacht sein, die Zerrbilder zu zerschmettern ohne sich selbst und seinesgleichen obendrein. Nur in der Aufhebung dieser Gesellschaft ist die Rettung der Menschheit vor ihrem Untergang zu finden:
„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“12

Aquilah Chalid

1 Frank Böckelmann: Über Marx und Adorno. Schwierigkeiten der spätmarxistischen Theorie, Frankfurt am Main, 1971 , S. 29
2 Vgl.: Lars Quadfasel: Gottes Spektakel, S. 8
3 Joachim Bruhn
4 Lars Quadfasel: Gottes Spektakel, S. 9
5 Vgl. Böckelmann: Über Marx und Adorno. Schwierigkeiten der spätmarxistischen Theorie, S. 33
6 MEW: Bd. 1, S. 378
7 Walter Benjamin
8 Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, These VI
9 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt am Main 1970, S. 15
10Hans-Jürgen Krahl: Konstitution und Klassenkampf, Frankfurt am Main 1971, S. 213
11Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben., Suhrkamp, Berlin und Frankfurt am Main 1951, S. 80
12Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte

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Verschiedenes

Die seltsamen Zeiten, in denen wir leben, bringen es mit sich, dass wir jetzt, wo sich tatsächlich Bruchlinien sich dort auftun, wo wir seit Jahren sagten, dass sie sich auftun, erschreckt und scheinbar hilflos vor diesen Abgründen stehen. Wir haben jahrelang die Spannung gefühlt, wie sie sich aufbaute, um uns herum und selbst noch in uns und durch uns hindurch, und wir haben vermutet, gehofft und gefürchtet, wann und wo sie aufbrechen würde. Der Druck, den wir auf uns selbst lasten gefühlt haben, hatte uns einen Begriff davon gegeben, dass wir Teil dieser Geschichte sind, wir mögen wollen oder nicht, und dass unsere Ohnmacht uns von den Pflichten nicht würde dispensieren, die damit kommen. Dass unsere Unruhe ein Vorzeichen kommender Unruhen ist: dieses Versprechen und seine flackernde, trügerische Schönheit gehören in andere Zeiten. Nun, da der Abgrund sich aufgetan hat, den wir irgendwo unter unseren Füssen wussten, sehen wir mit Entsetzen, was auf dem Spiel steht.

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Nach dem Angriff auf die israelische Botschaft in Ägypten schrieb Mahmoud Salem: jetzt beginne die zweite Fase. So lakonisch, wie es gesagt ist, will es verstanden sein: die Konterrevolution in Ägypten hat ihren Kopf gehoben, den abzuschlagen man im ersten Anlauf nicht im Stande war, und sie versucht mit aller Macht, die Veränderung zu hintertreiben. Sie wird jeden Schritt der Revolution mit einer – einstweilen – kalkulierten Eskalation zu beantworten wissen; und die Unterordnung unter die Parole der nationalen Einheit gegen den zionistischen Feind, auf die sie abzielt, das wäre der Sieg der alten Ordnung. – Salems Lakonismus ist weit entfernt, zynisch zu sein. Das ist der Feind, und man hat es gewusst; diesem Feind gilt es entgegenzutreten, mit den Mitteln, die bei der Hand sind; und es gilt ihn zu schlagen. Ohne Zweifel wird es solche geben, auch unter unseren Freunden, die es bevorzugen werden, bekanntzugeben, dass sich hier nun einmal die eigene innere Tendenz der arabischen Revolutionen zeige, dass es dabei nämlich immer gegen Israel gegangen sei. Solcherart Gerede, so sehr es sich mit dem angemassten Attribut der „Kritik“ schmücken wird, läuft darauf hinaus, den tatsächlichen und kämpfenden Gegenkräften gegen das Unheil in den Rücken zu fallen. Der Lakonismus des Mahmoud Salem, für den die Existenz dieses Moments höchster Gefahr ausser Frage steht und der aber ohne grosse Dramatik beschlossen hat, nun eben dagegen anzugehen, ist unendlich humaner als das Bescheidwissen derer, die schon immer vermutet hatten, dass es so ist, wie es nun einmal ist, und die es werden haben kommen sehen. – Die Praxis, so will es eine verbreitete Legende, bringt nichts als Verblendung hervor, vor welcher aber bewahrt bliebe, wer dem Ruf nach Praxis, die uns ja doch versperrt ist, sich entzöge und den „Standpunkt des Kritikers“ einnähme. Ganz etwas anderes ist der Fall: die Unmöglichkeit revolutionärer Praxis ist es gerade, was die Verblendung produziert, und diese schlägt auch die Kritik, wo diese sich nicht vorsieht. Auch die Kritik ist zuletzt eine Praxis, und teilt deren Schicksal.

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Unter dem Namen der „Kritik“, als entgegengesetzt sowohl politischer Praxis wie Theorie, kann heute in Deutschland ohnehin fast alles passieren; die schmerzliche Erkenntnis, die den bewussten Rückzug auf die Position der blossen Kritik einmal nötig gemacht hatte, muss diejenigen nicht kümmern, die sich entschlossen haben, den Titel der „Kritik“ für eine unbegrenzte Selbstermächtigung zu usurpieren, vermöge welcher sie es sich erlauben können, selbst noch hinter die mühsam antrainierten – und, wie scheint, tief gehassten – Ansprüche theoretischer Arbeit zurückzufallen. Müssig, jene Spezialisten einzeln namhaft machen zu wollen, denen sich nachsagen liesse, die kritische Theorie zu einem sekundären Analfabetismus radikalisiert zu haben; an ihnen zeigt sich nur, was allgemein der Fall ist. Viel zu oft ist dabei der Satz von Marx zitiert worden, für die Kritik im Handgemenge handele es sich darum, den Gegner zu treffen; als ob denjenigen, die ins Handgemenge ohnehin nur metaforisch sich zu begeben anschicken, dadurch nicht nur jede Niedertracht, sondern sogar noch die Ungenauigkeit plötzlich erlaubt wäre. Es handelte sich immerhin darum, den Gegner auch zu treffen, und nicht etwa zu verfehlen; wer es sich leichtmachen will, und hinter dem zu kritiserenden Gegenstand jedesmal ohne Umschweife gleich den vertrauten Gegner hervorzieht, täuscht nicht nur niemanden mit diesem Taschenspielertrick als sich selbst; sondern gleicht jenem Heerführer, der zu Gordion den berühmten Knoten mit dem Schwert zerhauen hat, bei dem es sich doch darum gehandelt hätte, ihn kunstvoll aufzulösen. – Diesem Gestus entspricht völlig die eingerissene Übung, den Gegner nicht etwa nur grob und durchsichtig missverstanden, sondern direkt gefälscht zu zitieren, um ihn desto gewisser zu überführen, ohne Rücksicht auf die eigene Lächerlichkeit; das souveräne Hinwegsetzen über störende Einzelheiten; das stets schon vorgefasste Urteil, zu dem man zuletzt kommen wird, unter dem Vorgeben, den Gegenstand eben aus „seinem Begriff“ zu entwickeln, welcher Begriff anscheinend von jeher da war und jeder Überprüfung entzogen ist; also insgesamt eine Kritik, die elend daran zu Grunde geht, ihre eigenen Bedingungen der Kritik selbst nicht zu unterziehen.

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Erkenntnis ist nicht zu haben, ohne sich auf den Gegenstand einzulassen auch auf die Gefahr, sich an ihn zu verlieren. Das ist ein Preis, um den der Gegenstand nicht betrogen werden kann. Er rächt bereits den versuchten Betrug, indem er den Betrüger mit Verblendung schlägt. Alles, was in noch so guter, kritischer, aufklärerischer Absicht gedacht und geschrieben wird und sich an diesem Gesetz vergeht, produziert nicht Erkenntnis, sondern blanke Ideologie. Der Gedanke geht namentlich den Polemikern nicht ein, dass dem Gegenstand Gerechtigkeit getan werden muss, nicht aus Konnivenz gegen den Feind, sondern um der Wahrheit der Kritik willen; der eilfertige Politikant wittert hier bereits Nachgeben, Einverständnis mit dem Gegner, jedenfalls Schwäche. Kritik müsste damit anfangen, die Kumpanei mit solcher schlecht politischen Logik aufzukündigen, um der Tyrannei des Allgemeinen zu entkommen, die die Strafe für den Verrat an den Einzeldingen ist. Der fürchterliche Zustand, in dem eine Szene ist, die sich doch der Ideologiekritik verschrieben hatte, müsste diese Überlegung plausibel machen. – Die Erfahrung alleine macht nicht wissend; aber den, der sich ihr verweigert, macht sie dumm.

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Das Versagen der bestehenden „ideologiekritischen“ Strömung zeigt sich auf merkwürdig auffällige Weise dort, wo sie auf ein Denken trifft, das zu Recht oder zu Unrecht im Verdacht steht, Ausdruck des gegenwärtigen Aufruhrs zu sein. Ob dieses Versagen die historischen Proportionen hat, die wir befürchten, muss sich erst zeigen; zu einem Versagen wie 1914 sind wir unstreitig gar nicht mehr in der Lage. Insbesondere die Versuche einer Kritik der Broschüre „Der kommende Aufstand“ zeigten eine derartige Unfähigkeit, mit dem Gegenstand fertig zu werden, das sie zur unfreiwilligen Enthüllung über den Stand der Dinge in der antideutschen Szene gerieten. Es scheint einigermassen aussichtslos, diese völlig missratenen Kritiken, wie sie es wohl verdienten, zu einem Ausgangspunkt einer selbstkritischen Besinnung zu machen, denn die Szene will und kann nicht über ihren Zustand belehrt werden; das ist das Geheimnis jeder „Szene“. Sich von ihr abzuwenden, wie es wohl am einfachsten scheint, kann noch weniger angehen. Auf bessere Einsicht zu hoffen war immer trostlos. – Umso schlimmer, als das Buch einfach und lehrreich zu kritisieren gewesen wäre, wenn man nicht vorab darauf bestanden hätte, die Autoren für das heimische Publikum gleich zu Faschisten herzurichten. Dass dieser stupide Trick versucht wurde, ist dabei noch minder beschämend, als dass er offensichtlich gelang. Dass damit aber der Anspruch der Kritik einer lärmenden Agitation des eigenen Publikums preisgegeben wurde, lässt Schlimmes ahnen. Die unbeirrte Selbstgewissheit, die Kritik schon längst in der Tasche zu haben, schlägt darin um, dass als wahr schliesslich akzeptiert wird, was als Konsens unter den Kritikern gilt; der Verlust der Kritik selbst aber geht inzwischen unbemerkt vonstatten.

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Das Buch vom „kommenden Aufstand ist auf mehr als eine Weise zu kritisieren, und keine davon ist in Deutschland versucht worden. Man müsste etwa ihre These beim Wort nehmen, dass die Gesellschaft nicht mehr existiert; dem entgegensetzen, dass das Geld, das sie zusammenhält, aber so wohl existiert als der Souverain; und dann die Eigenart dieser bürgerlichen Gesellschaft erörtern: dass sie die erste ist, die Gesellschaft heissen kann, und doch nicht anders existiert als durch die Abwesenheit von Gesellschaft; dann historisch nachzeichnen, wie die revolutionäre Linke seit den Jakobinern schwankte dazwischen, diese Gesellschaft zu stürzen, und sie erst noch recht zu gründen, und wie zuletzt durch die Hereinnahme des Proletariats in den Volksstaat die Gesellschaft tatsächlich faktisch errichtet und gleichzeitig zerstört wurde; wovon die weiteren Entwicklung zum Nationalsozialismus zeugt. Von hier aus würde sichtbar, wie wenig das Buch über die Gesellschaft zu sagen weiss, und wie sehr es den Wünschen derer entspricht, die es so genau gar nicht wissen wollen. Dass sie bewusstlos in den alten Widersprüchen der Linken sich verstricken, und nicht einmal die Kraft besitzen, vom schmalen Grat eines Begriffs, wenn sie denn einmal einen fassen, nach der einen oder nach der anderern Seite hinunterzustürzen; und dass ihre zerfahrene Analyse nicht besser wird dadurch, dass sie in der fortschreitenden Zerstörung krampfhaft nach Chancen suchen; das alles hätte man ja zeigen können. Man hat es bleiben lassen, und statt die direkte Konfrontation mit ihnen zu suchen, hat man sie ihrem jämmerlichem Ruhm überlassen, den man niemandem wünschen möchte; welche Konfrontation sie durchaus verdient hätten als welche, die allen Ernstes versuchen, die Postmoderne aufzuheben mit den Mitteln der Postmoderne. Und niemals wird irgendjemand verstehen, dass man nicht ihnen geschadet hat durch die Weigerung, ihnen Gerechtigkei widerfahren zu lasen, sondern sich selbst. – Die Chance ist vertan. Die Antideutschen fühlen mehr, als dass sie wissen, dass sie zu ihrer Aufgabe: die Peitsche des Begriffs über der internationalen Ultralinken zu schwingen, nicht gewachsen sind. Das wird sich bitter rächen, aber an anderen.

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Man will heute sich nicht mehr entsetzen; man will nicht mehr das erschrecken lernen. Es ist niemandem zu verdenken. Wer in unserer Welt lebt, darf entweder die Augen nicht zu weit aufmachen, oder aber das, was zu sehen ist, nicht zu nahe an sich heranlassen. Wer aber dem Entsetzen darüber, was ist, sich verweigert, wird kaum sich über den zynischen Konformismus der Zeitgenossen beklagen dürfen. Es gehört daher die Fähigkeit, sich schaudernd der Lage bewusst zu werden, zu dem, was unbedingt zu verteidigen ist; zu den unverzichtbaren Voraussetzungen des Fortbestehens der Menschheit, so sehr wie die Hoffnung und die Reflexion. Ihr Geschwister ist die Bereitschaft, sich auf den Gegenstand einzulassen. Auf alle diese Dinge kann, wie der neueste Schiffbruch lehrt, nie und nimmer eine Schule, eine Partei, eine Szene gegründet werden; die Sicherheit gegen Irrtum und Gefahr, die die Menge verspricht, trügt. Die Menge irrt seltener, dafür fataler. – Jeder Ratschlag ist nutzlos.

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Es will so scheinen, als habe sich die Welle gebrochen; als wäre die Spannung, die man Jahre lang sich aufbauen fühlte, verflogen; der erste Anlauf geschlagen, und so wie man vorher begriffslos weniger auf eine historische Veränderung wartete als darauf, dass nur die Spannung sich wieder löst, so verliert man heute allgemein die Hoffnung wie die Geduld. Die Ahnung verbreitet sich, dass da nie etwas war, auf das man hoffen konnte, und mit ihr kommt eine grosse Enttäuschung; wo doch stattdessen begriffen werden könnte, wie gross die Gefahr und wie dringend dagegen die Aufgabe, und das wir auf nichts zu hoffen haben als auf uns selbst. Die grosse und begriffslose Enttäuschung, das ist schon die Konterrevolution vor der Konterrevolution, und sie überliefert die Menschen der sich erneuernden Herrschaft; weil nicht begriffen worden ist, was geschieht.

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Eine gewisse Wendung ins Private, die wir selbst unter den Unruhigsten beobachten müssen, liegt ganz auf der Linie dieser Logik. Die Euforie, die noch der iranische Aufstand auszulösen vermochte, ist verflogen. Die Geschichte hat keinen Trost mehr. Mit einem Mal scheint alles so zu sein, wie es immer war. Die grosse Veränderung, die einmal tief ins eigene Leben greifen zu können schien, ist doch nicht gewesen. Solche Zeiten brüten den Versuch, die Veränderung selbst, im eigenen Leben herbeizuführen; welche Versuche zu idiotischen Basteleien verkommen müssen; leere Entscheidung ohne Inhalt. Die Autonomie des Privaten ist eine Funktion der Deprivation von der Geschichte, die selbst nur eine Geschichte der Deprivation ist. Ein Entkommen ist nicht, und die Wendung ins Private gesteht das ein, indem sie selbst die Male der Verbitterung und der Kälte trägt. Man kann eine Familie gründen, man kann sich treiben lassen und sich dem Augenblick hingeben; das Leben wäre viel mehr gewesen, und alle wissen es. Ob man, bei den Versuchen, nach diesem kurzen Frühling zu überwintern, sich dessen bewusst bleibt, daran wird sich entscheiden, ob das Versteinerte wieder flüssig werden kann. Besser wäre es, zu begreifen, was mit einem geschieht, und von der Hoffnung und der Perspektive, die nie anders als in uns selbst bestanden haben, nicht zu lassen; und nie zu vergessen, dass alle unsere Taten, jeder einzelne Schritt tatsächlich unfassbar wichtig sind, und, wie es jener Sänger glücklich ausgedrückt hat, dass obwohl unsere Versprechen für nichts gelten, wir sie trotzdem halten müssen.

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Die Krise ist unsere Krise; was in grosser Höhe und Entfernung an den Weltmärkten abläuft, ist der Krise in unserem Leben, das restlos denselben Gesetzen unterworfen ist, keineswegs äusserlich. Das Private hat selbst Konjunkturen, an deren kleinen Krisen man den Fortgang der grossen Krise unfehlbar ablesen kann. Darin gesteht es seine Bestimmtheit vom Lauf der Dinge ein. Autonomie hätte das Private erst, wenn die Einzelnen zu einer Resistenzkraft gegen das zermalmende Rad der Geschichte fänden; dann aber wäre es nicht länger Privates, sondern ernsthafter Einspruch gegen das falsche Allgemeine; und damit selbst schon ein wahres Allgemeines. Das so etwas in Umrissen etwa heute schon zu sehen wäre, ist ein Credo der Auguren und Agitatoren jeder, aber auch wirklich jeder Konfession, welche der alltäglichen Praxis ihrer prospektiven Gefolgschaft zu schmeicheln wissen; und neben allem eine Verleugnung der Einsamkeit, der Mühe und der Verzweiflung, die zu den Gestehungsbedingungen des privaten Lebens gehören, und ein Verrat an den einsamen, mühseligen und verzweifelten.

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Selbst die bessere Einsicht, dass gegen die Tyrannei des falschen Allgemeinen auf dem Glück der Einzelnen bestanden werden muss, wird unwahr, wenn sie dieses Glück als bereits gegeben hinstellt, das gegen den zerreisenden Weltlauf in Schutz genommen werden müsste. Das Glück, das doch erst zu erobern wäre, wird umstandslos mit dem privaten Stumpfsinn in eins gesetzt und damit erst recht dem Totalen, dessen Kiefern es doch entrissen werden sollte, ohnmächtig preisgegeben. Darüber täuscht die mittlerweile geläufige Formel von einer „Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“; sie unterstellt Kumpanei mit dem objektiven Prozess, ja Einverständnis mit der Katastrofe, und dient, gegen die bessere Einsicht ihrer Urheber, dazu, den Gedanken zu liquidieren, dass das Glück immer noch die „neue Idee“ ist, die Saint-Just es nannte, und damit in gewisser Weise selbst ein Ausnahmezustand.

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In allem Politischen wohnt etwas wahnhaftes. Dass die Politik das Schicksal ist, ist eine terribile realtá. Die Kritik, wo sie zum politischen verkommt, muss selber kritisiert werden: ohne Selbstkritik verliert sie ihren Stachel. Wo Anstiftung zur Selbstkritik als Illoyalität geahndet wird, wird es finster; und wo es finster geworden ist, muss man die vernagelten Fenster aufreissen. Dies ist ein offener Brief an die Szene. Eine Einladung zum Tanz.

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Keine Bewegung

Die Occupy-Bewegung in Deutschland ist ein Feind

von Jörg Finkenberger

Die globale Bewegung, die sich von der amerikanischen Kampagne „Occupy Wall Street“ inspirieren lässt, zeigt sehr eindrucksvoll, warum die Welt so beschissen ist, wie sie ist: die Opposition ist nämlich im besten Fall zu schwach, im schlimmsten Fall noch viel beschissener.

Insbesondere bei den Herren Deutschen. Wer hätte es gedacht? Hier nimmt eine Bewegung gegen die Banken sofort noch einmal ganz andere Formen an als in den USA, wo die Banken immerhin massenhafte Zwangsevictionen von Hypothekenschuldnern betreiben (und damit den Grundstücksmarkt erst recht zerstören). Hier bewegt sich gleich von Anfang an nur der irre Rand, angefangen von Attac-Aktivisten unter Einschluss aller derer, die noch schlimmer sind.

Hier ist Linksruck schon längst als aktivste Bewegung von Irren abgelöst worden durch das Zeitgeist-Movement. Hier hat sich aus einer Szene von Verschwörungstheoretikern bereits ein drittes Lager von Antisemiten etabliert, neben den Nationalsozialisten und den antiimperialistischen Linken.

Und dieses Lager ist rabiat geworden. Sie haben keine Scheu vor fysischer Gewalt mehr. Sie sind längt über die Fase der Nörgelei in Nebenzimmern hinaus, und stehen vor dem unmittelbaren Ansetzen dazu, zur Praxis überzugehen.

Es genügt für den Charakter dieser Bewegung vollkommen, sich genau zwei Plakate, die dbaie mitgeführt wurden, anzusehen. Und man werfe mir nicht ein, zwei Plakate seien für hunderte Demonstranten nicht repräsentativ. Dass diese Plakate überhaupt geduldet wurde, beweist schon alles.

Auf einem Plakat ist der Satz zu lesen: „Eine Welt ohne 1% ist nötig!“ Auf dem anderen steht zu lesen: „Zeit für einen Laternenumzug!“, und auf dem Bild dahinter sind die Leichen von Menschen zu sehen, die an den Händen gefesselt an Strassenlaternen erhängt worden waren.

Es kann hier überhaupt kein Widerspruch geduldet werden. Wer ein solches Foto so verwendet, heisst das Geschehen, das es abbildet, gut. Wessen Leichen es sind, die zu sehen sind, wer ihre Mörder sind und aus welchem Grund sie getötet wurden, erkennt der Betrachter nicht, und der Urheber des Plakats weiss es womöglich auch nicht. Die Gleichgültigkeit gegen das, was tatsächlich abgebildet wird, lässt tief blicken: es geht darum, zu töten. Schon der Grund dafür ist nebensächlich. Die Bewältigung der Krise schreit nach Mord. Und das zuerst zitierte Plakat sekundiert: 1% muss weg, eine völlig willkürliche Zahl, so willkürlich wie die Identität der Gestorbenen, deren hängende Leichen deutschen Demonstranten zur Bebilderung ihres Anliegens dienen müssen.

Es hat viel Scheisse gegeben in den Sozialbewegungen der letzten 10 Jahre in diesem Land. Hier hat es eine neue Qualität erreicht. Nach Mord um des Mordes willen ist öffentlich bisher nicht gerufen worden. Damit ist eine rote Linie überschritten worden. Eine Bewegung, die so etwas auch nur zulässt, ist eine Bewegung gegen die Humanität. Dagegen mit jedem tunlichen Mittel einzuschreiten wird zur unmittelbaren Pflicht. Wir sehen, zum ersten Mal, mit unseren Augen, was wir bisher nur geahnt haben: die Umrisse der nächsten Katastrofe. Vielleicht muss man Antifa neu definieren.

Bilder zu sehen unter:
http://reflexion.blogsport.de/2011/10/17/die-maersche-der-demokraten/

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Society is Tearing itself Apart

Die Riots in England, die Krise und wir

von Jörg Finkenberger

Von den Riots in England im August 2011 wird gar nicht mehr viel geredet, kaum dass die rauchende Asche ein bisschen kalt geworden ist. Das ist kein gutes Zeichen, denn es gibt eine ganze Reihe Gründe, sich die sehr genau anzuschauen, wenn man denn wirklich an der Errichtung einer Gesellschaft der ganzen Menschheit ohne Klassen und Staaten interessiert wäre.

1. Viel kluges ist bisher noch nicht dazu geschrieben worden, und man soll nicht darauf warten, dass da noch viel nachkäme; soviele sind gar nicht mehr da, auf die zu warten sich lohnte. Es wird zwei Sorten geben: die einen, die niemals müden, werden sich bemühen, in den Ereignissen Spuren der endlich herannahenden wirklichen Bewegung zu erkennen, die den gegenwärtigen Zustand aufhebt; die anderen werden wütend nach der Republik rufen, die dem marodierenden Bandenwesen Einhalt und den Errungenschaften der Zivilisation einen Beistand tun sollte. An beiden wird uns nur ihre stur durchgehaltene Unfähigkeit überraschen, Dinge zu verstehen, die sich vor ihren Augen abspielen.

Unter den wenigen vernünftigen Stimmen, die sich unmittelbar während der Ereignisse schon hören liessen, schaffte es eine bisher nicht besonders aufgefallene britische Webloggerin wahrscheinlich ohne es auch nur zu ahnen, die Sache auf den Begriff zu bringen: Tonight, in London […] society is tearing itself apart.(1) Die Gesellschaft reisst sich selbst in Stücke – genau das ist der Sinn dessen, was man beobachten konnte, und es hätte, nachdem das offensichtliche ausgesprochen werden konnte, wenig bedurft, um eine ganze Reihe von Zusammenhängen herzustellen, die einen tiefen Blick in die Tendenzen der Zeit, in der wir leben, erlaubt hätten.

Denn tatsächlich, es ist die Gesellschaft selbst, und mittendrin das, was allenfalls noch Proletariat genannt werden könnte; von der Existenz einer herrschenden Klasse sehen wir, immer noch, aus Prinzip ab, und so ist uns vorderhand der Begriff des Proletariats mehr oder minder umstandslos das gleiche wie der der Menschheit im Stande ihrer Unfreiheit. Das Proletariat ist nicht eine Ansammlung von Menschen, die die geschichtliche Aufgabe hätte, im Kampf mit einer anderen Ansammlung von Menschen zu obsiegen, und ihr eigenes soziales Prinzip der Gesellschaft zu oktroyieren. Von einer solchen Revolution kommt nur die Verallgemeinerung des Mangels. Das Proletariat, das ist vielmehr die Klasse, und damit die Herrschaft, der die einzelnen Menschen untertan sind; die Selbstaufhebung des Proletariats, nicht dessen Triumf, und das heisst: die Auflösung der Massen in emanzipierte Einzelne machen erst den Weg frei für die Aneignung dieser Welt durch frei assozierte Menschen, ohne Zwang, Furcht und Gewalt.

2. Von solchen Möglichkeiten trennt unsere heutige Menschheit ein finsterer und unüberbrückbarer Abgrund. Diese Menschheit ist eine, in der die einen den anderen ihre Häuser anzünden, während die anderen mit Eisenstangen Jagd auf die ersten machen. Ein notwendiger Teil der Klasse, soweit man das Wort noch benutzen kann, tut einen illusorischen Griff nach dem gesellschaftlichen Reichtum, während der andere Teil derselben Klasse nach der Ordnung ruft, den Staat und seine eiserne Hand, die die Einheit der beiden Seiten der Ware garantieren soll.

Die wenigsten und klügeren Beobachter(2) haben versucht, diese Ereignisse unter dem Blickwinkel der Warenform des gesellschaftlichen Reichtums zu betrachten. Das ist lobenswert und vernünftig, aber die wenigsten haben von der völligen Negativität im inneren der Warenform, im inneren dieser Gesellschaft einen genügend klaren Begriff.(3) Auch folgender Gedanke erregt vielleicht Entsetzen: wenn es wirklich die Warenform selbst ist, die hier einfach auseinanderfällt, dann passiert hier vielleicht etwas, was gar nicht so unähnlich dem ist, was man die ökonomische Krise nennt. Etwas, das man auch gar verstehen könnte als eine blosse Verlängerung dieser Krise. Man störe sich nicht daran, dass die Krise ja scheinbar naturgesetzlich abläuft, während wir es hier mit Menschenwerk zu tun haben: alle gesellschaftlichen Naturgesetze entfalten sich nur durch die Handlungen der einzelnen Menschen hindurch, und auch die Krise ist Menschenwerk, unkenntlich gewordene menschliche Praxis, die ihnen als objektive Macht gegenübertritt.

Die Logik der Krise aber bringt uns nicht zur Befreiung, und das Auseinanderfallen der Warenform noch nicht zur freien Assoziation; sowenig die Rufe nach der Ordnung und dem Staat, der die Warenform zusammenzuzwingen hat, irgendetwas mit dem im Sinn haben, was einige unserer Freunde „das, was an der bürgerlichen Gesellschaft allenfalls verteidigenswert ist“ nennen werden.(4) Man sollte sich einmal anschauen, wie die daherreden, vor Hass schäumend, die nach der Ordnung gerufen haben: das häufigste Wort , das man von gesetzestreuen englischen Bürgern im Netz über die Plünderer zu lesen bekam, war „animals“.(5)

3. Auf diese Weise also enthüllt sich die innerste Tendenz dieses verhängnisvollen Jahres 2011; aber was für eine traurige Ironie, dass sie nichts anderes ist als das Auseinanderfallen der ojektiven Krise des Kapitals und derjenigen gesellschaftlichen Tat, die zu seinem Sturz wirklich notwendig wäre. Denn diese Tat geht aus jener Krise keineswegs hervor; sie bedarf derjenigen irreduziblen Tätigkeit der menschlichen Freiheit, die man Reflexion genannt hat, oder die man mit einem Zurücktreten und Innehalten verglichen hat, das den Einzelnen ermöglichte, das Elend und die Niedertracht, in deren ständige Produktion sie alle verstrickt sind, zu überschauen und zu beschliessen, dass es doch besser anders sein sollte. Man wird es nennen und vergleichen, wie man will, und wird es doch verfehlen: es ist wirklich irreduzibel, aus keiner Kategorie abzuleiten, in keiner Kategorie ganz aufgehoben, mit nichts identisch und trotzdem allgegenwärtig wie die Hoffnung, die aufzugeben uns um der Hoffnugslosen willen verboten ist.

Der liberale libanesische Weblogger Mustafa von beirutspring.com(6) hat als erster, soweit wir wissen, gewagt, das, was so lange beunruhigend in Luft lag, auszusprechen, indem er die Frage stellte: Was, wenn das Jahr 2011 das neue 1968 wäre? Diese Parallele zu ziehen ist undankbar, in dem Sinne, dass sie so lange allen auf den Sinn drückte, und niemand wagte, sie auszusprechen, auch nur als Frage; so dass dem, der den Schleier lüftet und fragt, niemand dankbar sein wird, ausser heimlich.

Die Lage ist fundamental und verhängnisvoll anders als 1968. Damals hing nicht die Möglichkeit über uns, dass die Weltmärkte zusammenbrechen könnten; die Krise, die sich damals langsam durch die Eingeweide des Kapitals biss, war eine leise, unterirdische, eine seismische Verschiebung der Kapitalzusammensetzung, ein leichtes Beben des Bodens, das aber diejenigen, die nahe am Epizentrum standen, in ungleich grössere Wallung brachte als die, die ferner davon standen; die von unten gewissermassen die Ordnung der Gesellschaft, aber nicht das Üüberleben in Frage stellte; so dass eine Reibung entstand, durch die bald die Grundlagen dieser Gesellschaft selbst zur Debatte stand; erleichtert durch einen schon vorhandenen, bereitstehenden Vorrat von Ideen, die aber noch nicht verdorben und verkommen waren; eine ganze Sfäre der Skepsis und des widerständigen Denkens, das noch nicht vom objektiven Prozess aufgesogen und assimiliert worden war. Nichts von alledem haben wir heute.

Da lehrten hier Adorno, anderswo Marcuse an den Universitäten. Da schienen Gedanken noch Folgen haben zu können, ja zu müssen. Es gab Bücher, deren Erscheinen den Boden beben liessen, nicht, weil die Werbemaschine so gut funktionierte (und jede verschissene kleine Theoriegruppe der Linken ist heute ein Teil davon), sondern weil sie wahr waren und negativ. Man versuche doch einmal, auch nur die kleinsten Skandale der Situationisten nachzustellen! Oder auch nur eine von Adornos Vorlesungen zur Negativen Dialektik! Überhaupt zeigt sich an der ganzen 1968er Maskerade der letzten Jahre, von einer neuen ApO bis hin zu einem neuen SDS, eindringlich die völlige Unwiederbringlichkeit der damaligen Situation. Und selbst aus dieser im Vergleich zu unserer heutigen Lage so viel günstigeren, was ist 1968 gutes daraus gekommen?

Sind die Bewegungen, deren Herannahen wir seit 4 Jahren, im „Letzten Hype“ und anderswo, beschrieben haben, von einem anderen Schlag als der objektive Prozess selbst? Kann man etwa hoffen, dass aus ihnen ohne weiteres etwas befreiendes kommen kann? Oder ist nicht das Entsetzen darüber, wie sich in ihnen gerade die vorherrschende und sich zuspitzende Auswegslosigkeit ausdrückt, das beste, was sie uns geben können? Müsste nicht diesem Entsetzen eine Stimme verliehen werden? Wäre nicht erst das Erschrecken darüber der Punkt, an dem etwas wie Reflexion, oder wie man es immer nennt, sich kristallisieren könnte?

Es liegt, wiederum, eine traurige Ironie darin, dass es ein libanesischer Liberaler war, der 2011 als neues 1968 zu bezeichnen wagte; im Libanon weiss man wohl noch, dass die Bewegung von 1968, nebst den Versuchen der alten Welt, sie einzudämmen, dasjenige in Gang setzte, was dann auf den libanesischen Bürgerkrieg zutrieb. Seine Worte sollten eine Warnung sein. Grund zur Freude gibt es nicht. Um so fürchterlicher, dass eine ganze Strömung, eine, die uns immer ein Grund zur Hoffnung zu sein schien, diejenigen, die am wenigsten verblendet zu sein schienen, sich, wie es aussieht, unfähig gemacht haben, die volle Höhe der Herausforderung, vor der sie wie wir alle stehen, zu verstehen, um sie stattdessen mit billigen Frasen bannen zu wollen; was wiederum eine traurige Ironie ist, weil das, was jetzt geschieht, nichts anderes als genau diese fürchterliche Aktualisierung ist, auf die sie sich all die Jahre vorbereitet haben.

Wir werden wohl, wie Kommunisten das zu tun pflegen, an dieser Herausforderung versagen. Nichts können wir besser. Wenn man sich, aus welchem Grund auch immer, dafür entscheidet, sich auch von der Dummheit der Selbstgewissen nicht ohnmächtig zu lassen, dann wird man, was man tut, ohne jede Rückversicherung tun müssen, im eigenen Namen, auf nicht kartierten Pfaden; auf die Gefahr hin, zu irren; näher am Rand, als es gut sein wird; verzweifelt, und allein; aber wenigstens wird man getan haben, was man konnte. Wie wenig das auch gewesen sein wird.

1 http://pennyred.blogspot.com/2011/08/panic-on-streets-of-london.html
2 http://socialismandorbarbarism.blogspot.com/2011/08/open-letter-to-those-who-condemn.html und http://socialismandorbarbarism.blogspot.com/2011/08/open-letter-to-those-who-condemn_10.html
3 Hierzu hört man sich besser diesen Vortrag von Bruhn an: http://www.freie-radios.net/2254 und http://www.freie-radios.net/2255
Es ist eine Schande, das so was nicht in eine lebende Sprache übersetzt wird.
4 Hier kämpft nicht „die Republik“ gegen „die Banden“, wie wir es zweifellos wieder zu hören bekommen werden von denjenigen Leuten, die auch meinen, Sätze wie „Die Bande ist muslimisch verfasst“ hätten einen Inhalt.
5 Anmerkung 1, in der Kommentarspalte. „Animals“, soweit würden selbst unseren nicht gehen; „savages“ gab es schon. Die Präjudizien sind gesetzt. Das Grauen kann seinen Lauf nehmen. – Wer will hier auf welcher Seite stehen, Hand hoch? Tretet vor und seid gerichtet!
6 Seinen Nachnamen weiss ich nicht.

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Der Stand der Dinge

von Jörg Finkenberger

Wir finden uns, heute, in unkartierten Gewässern. Da ist nichts, auf das wir uns verlassen können. Niemand kann uns, oder in der Tat irgendjemandem, helfen. Niemand wird uns hier auch nur schreien hören. Wir leben, muss man fürchten, in historischen Zeiten. In einer Zeit der Entscheidung; man tut gut, wachsam zu bleiben; die Gefahren sind gross, die Möglichkeiten wenige.

1. Zeiten der Entscheidung nennt man mit im alten Griechischen auch mit dem Wort Krisen, und in dieser Form erscheint uns der allzu zudringliche Gedanke, als gäbe es überhaupt noch etwas zu entscheiden, fast vertraut: die Krise, das ist eine Zeit der Entscheidung, nur scheint es, als hätten wir nicht viel mitzureden dabei, die Krise macht sich als ein rein äusseres Schicksal geltend, und wird allgemein auch genauso verstanden.

Die Krise kommt ohnehin, so meint der bürgerliche Verstand, von aussen, von den sogenannten Finanzmärkten, den Banken, den unfähigen und gierigen Managern, und befällt die Produktion, und die ganze Gesellschaft, wie ein infektiöses Virus. Das ist natürlich vollkommener Unsinn, aber die Insassen dieser Gesellschaft können das nicht anders denken, weil sie niemals begreifen dürfen, dass die Krise gerade aus der Gesellschaft kommt, aus der alltäglichen Praxis, aus der Lohnarbeit, der Familie und dem Staat, aus dem Verhältnis, in das sie zueinander gesetzt sind; dass, mit einem Wort, die Krise nichts anderes ist als die Wahrheit über den Stand der Dinge, und dass sie ausgebrochen ist, weil sie ausbrechen musste. Der bürgerliche Verstand endet hier.

Es ist nicht die Krise der Finanzmärkte, oder der Banken, oder des Weltwährungssystemes, sondern die Krise dessen, von dem die Finanzmärkte und die Wechselkurse nur der äusserste, abstrakteste Ausdruck sind, die Krise der Gesellschaft der Lohnarbeit und der Ware, und alle wissen das. Die Frage ist nur, was alle für Schlüsse daraus ziehen werden, wenn sie gezwungen sein werden, Schlüsse daraus zu ziehen. Und wir wissen, was für Schlüsse sie schon einmal daraus gezogen haben.

2. Wer sich darauf einliesse, die Krise als ein rein von aussen kommendes Ereignis aufzufassen, müsste ihr Ausmass und ihre Tragweite verkennen. Man wird daran festhalten müssen, dass die Menschen ihre Geschichte selbst machen, wenn auch, wie Marx meinte, nicht immer aus freien Stücken.

Die Praxis dieser Gesellschaft wäre genau daraufhin zu durchleuchten, dass die Menschen sie selbst machen, und zwar jeden Tag, und genau das alltäglichste, selbstverständlichste, vermeintlich natürlichste ist nichts anderes als das Produktionsverhältnis dieser Gesellschaft. In der Krise zeigt sich die so produzierte Gesellschaft als unmögliche, nicht einmal denkbare Gesellschaft, ja als das Gegenteil von Gesellschaft, ihr Reichtum als gleicher Ausschluss aller vom Reichtum, ihre Freiheit als blindes Verhängnis. Man soll nicht glauben, die Einzelnen wüssten das nicht insgeheim sehr genau. Sie können es aber nicht wissen wollen, sie müssen sich stattdessen einen anderen Reim darauf machen, wer schuld sein soll an der Krise; denn wer einmal A gesagt hat, muss auch B sagen, wenn B aus A folgt, oder aber er muss erkennen, das A falsch war.

Dass die Menschheit macht ihre Geschichte selbst macht, daran wird sie nur ungern erinnert, und fantasiert sich diese Geschichte gerne anders zusammen: als eine Geschichte der Intrigen und Manipulationen einer geringen Zahl von Mächtigen. Es fragt sich aber, wenn man sich unsere Proletarier so anschaut, wozu diese Leute noch Herrschende benötigen sollten…

3. Auch diese Krise kommt nicht von aussen in die Gesellschaft. Sie besteht ganz einfach darin, dass diese Gesellschaft und der Prozess, in dem sie sich produziert, an den Fugen auseinandergeht. Indem die Gesellschaft sich daran gewöhnt, sie als eine äusserliche Bedrohung anzusehen, übt sie bereits ihre so genannte Bewältigung ein; und das heisst nichts anderes als das gewaltsame Zusammenzwingen dessen, was auseinanderstrebt, durch den ausserhalb und überhalb der Gesellschaft stehenden Souverain, und getragen vom Willen des ganzen Volkes.

Nun wissen wir aus der Geschichte der Krisen, wie so etwas zu passieren pflegt. Und nachdem die Menschheit es versäumt hat, die Welt so einzurichten, das eine Wiederholung als ausgeschlossen gelten kann, zeigt sich das, was am Horizont zu sehen ist, als die Gefahr einer fürchterlichen Aktualisierung.

Dies gibt uns für das, was wir tun oder lassen, das Mass vor, nach dem es gemessen werden wird: ob es dem „Moment höchster Gefahr“, als den wir unsere Zeit betrachten müssen, angemessen ist. Nichts, was das Niveau dieser fürchterlichen Aktualisierung unterschreitet, hat Anspruch darauf, für eine Kritik des Bestehenden zu gelten; nichts, was das Entsetzen vor dem, was ist und was kommen kann, hintertreibt; nichts, was der Anstrengung und der Zumutung, das, dem wir ausgesetzt sind, wenigstens zu begreifen.

4. Wir sind, und wissen es, zum fürchten einsam. Das aber ist normal, und niemandem geht es heute anders. Die Aufgabe besteht darin, sich von der erdrückenden, unwiderleglichen Gewissheit, dass man ein einsames, verlassenes, verächtliches Wesen ist, nicht dumm machen, nicht in den Wahnsinn treiben, nicht hilflos oder schlimmeres machen zu lassen. Nicht mitzutun, ohne sich damit, nicht mit zu tun, selbstzufrieden zu bescheiden. Zu begreifen, wie gründlich der Ausweg der praktischen Veränderung der Umstände uns verstellt ist, ohne deswegen aufzuhören, ständig auf dieser Veränderung zu bestehen; der ganzen Tiefe jener Unmöglichkeit immer auf neue sich auszusetzen; und im Gegenteil diese Veränderung als eine drängende Tagesaufgabe zu fassen, von der allerdings niemand in der Lage ist, sie auch nur zu begreifen oder zu wollen.

Und so sehr diese Aufgabe darauf hinausläuft, jeder Regung, jeder Bewegung in dieser Gesellschaft zu misstrauen, die zur Emanzipation der Menschheit vom jetzigen Zustand sich zweideutig verhält, so sehr ist es uns verboten, die Hoffnung auf diese Emanzipation aufzugeben. Wenn diese Hoffnung erlischt, ist die Befreiung endgültig gescheitert. So wenig sich die Hoffnung begründen lässt, so zäh ist an ihr festzuhalten. Niemand, der sie kennt, hat das Recht, sie abzutun.

Die Hoffnung mag blind sein, und zuweilen blind machen. Das gehört zu den Risiken, die man auf sich zu nehmen hat. So wie das Risiko, zu irren, etwas ist, dem man nicht straflos entkommt. Niemand unter uns, die wir in diesem Blatt schreiben, der nicht geirrt hat und nicht hofft, klüger geworden zu sein. Niemand, der es geworden ist, ohne zu irren.

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Beiträge fürs nächste Heft

Her damit. Auch Leserbriefe. An die bekannte Adresse. Und zwar so bald wie möglich: 15.1. haben wir als Deadline festgelegt! Also, Autoren des Grossen Thieres: Schreiben sollt ihr, schreiben! Solange noch Zeit ist, for you know that time is short.

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So, macht mal langsam mit den Bestellungen

In den nächsten 7 Tagen nehmen wir erstmal keine Bestellungen mehr entgegen. Wir haben in 2 Tagen so ziemlich 80% der Auflage verpackt. Dafür, dass wir davon keine Einnahmen haben, ist das ein bisschen krass.

Es ist ja schmeichelhaft, aber den Rest der Ausgabe verwenden wir erstmal nach eigenem Ermessen.

Eingehende Bestellungen kommen auf eine Liste, die wir mit dem abarbeiten, was wir in 7 Tagen noch haben. Gut. Hoffe, das stösst auf allgemeine Billigung.

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