Die afghanischen Ereignisse

1. Vor 20 Jahren, von einem Tag auf den anderen, waren die Zeitungen auf einmal voll von ganz frischen Afghanistan-Experten. Da las man dann erstaunt, wie viele unsrer Journalisten eigentlich genau Bescheid wussten über die britischen und die russischen Eroberungen in Asien im 19. Jahrhundert. Das sogenannte „Great Game“, man wird sich erinnern, habe vor allem Afghanistan zum Gegenstand gehabt. Worin es bestand, hat man meistens nicht dazugeschrieben.

Afghanistan war von Britisch-Indien aus gesehen das letzte indische Fürstentum, von Russisch-Turkestan aus das letzte zentralasiatische. Aber beide Mächte haben, nachdem sie sich ein Bild von der Lage gemacht hatten, versucht, Afghanistan nicht erobern zu müssen; und waren zufrieden, sobald man sich miteinander verständigt hatte, dass der andere es auch nicht erobert.

Afghanistan war früher so gut wie nur irgendein anderer Teil der alten Welt ein ziemlich begehrtes Land, in der Geschichte der Grossreiche genauso oft erobert, und genausooft Ausgangspunkt eines Grossreichs wie jeder andre Teil der alten Welt; es ging eine sehr profitable Überland-Handelsroute da durch, und es gab Agrikultur, von der man Abgaben eintreiben konnte. Man soll weniger drüber sinnieren, ob „schon Alexander der Grosse vergeblich versucht hat, Afghanistan zu erobern“; seine Nachfolger haben da jedenfalls noch lange geherrscht, wie der griechisch-buddhistische König Menander.

Die moderne Seefahrt hat aber später die Überlandroute überflüssig gemacht, und die moderne Industrie profitiert nicht nur auf Kosten der Bauern, sondern auch ihrer königlichen oder gutsherrlichen Schinder. Die moderne kapitalistische Wirtschaft hat die Reichtümer des Schah von Kabul ausser Kurs gesetzt. Afghanistan sieht so aus, wie es aussieht, weil es zum Erobern so teuer ist wie ein richtiges Land, aber es ist nichts da zu holen. Die wenigen, die es aus Versehen einmal versucht haben, haben es schnell wieder bleiben lassen. Das ist die Pointe an dem „Great Game“, die unsren Journalisten anscheinend entgangen ist.

Afghanistan ist nicht ein Land, das alle immer erobern wollten, aber nie erobert bekommen haben, etwa wegen der mannhaften Wehrhaftigkeit der paschtunischen Krieger, oder des engen Zusammenhalts einer traditionellen Stammesgesellschaft, oder wegen „dem Islam“; Afganistan ist nicht das „graveyard of Empires“. Das sind müde alte Cliches, totgeritten von hunderten Zeitungsschreibern. Afghanistan ist das, was alle modernen Mächte von Asien übriggelassen haben, weil sie es nicht brauchen konnten.

2. Afghanistan ist aber heute doch nicht mehr dasselbe Land wie das, das man vor 20 Jahren den Taliban abgenommen hat. Es ist nicht mehr mit den überlieferten Herrschafttechniken eines Agrarlands zu regieren. Ein Viertel der Bevölkerung lebt in den Städten; in 20 Jahren werden es mehr als die Hälfte sein. Die Hälfte der Bevölkerung ist nach 2001 geboren; Mobiltelefone, Internet, Fernsehen werden sich nicht ohne weiteres austreiben lassen. Man darf es den Taliban ruhig glauben, dass sie diese Veränderung begreifen. Sie werden vermeiden müssen, sich die neuen städtischen Klassen schon am Anfang zu Feinden zu machen.

Die Taliban haben in den letzten 10 Jahren in der Tat einige Veränderungen unternommen; sie sind keine rein auf den paschtunischen Süden begrenzte Organisation mehr, sondern haben uzbekische und tajikische Gesichter gefunden. Sie haben ausserdem begonnen, sich mit den alten äusseren Feinden gutzustellen, Russland einschliesslich seiner Satellitenstaaten, und China. Was ihre eignen alten Verbündeten, die uzbekischen, kaukasischen, uyghurischen Jihadisten davon halten, mag man sich denken.

Es ist aber auch eine Spaltung bereits eingetreten: Man hört von Konflikten zwischen dem pashtunischen, dem nördlichen und dem wazirischen Teil, gerade von den neuen tajikischen und usbekischen Anführern haben sich einige dem sog. Islamischen Staat angeschlossen. Das wird kein leicht zu lösendes Problem sein. Die Taliban haben jetzt selbst einen bewaffneten jihadistischen Aufstand am Hals, der vor allem versucht, ihnen die effektive Beherrschung des Lands und die Anerkennung durch die auswärtigen Mächte zu verweigern; das ist die Ursache der paradoxen Situation, dass die Taliban jetzt auf bestimmte Weise zum Vertragspartner des Auslands geworden sind.

Sie sind in gewisser Weise in der Klemme; deswegen verhandeln sie mit Leuten wie Karzai, oder mit Abdullah, der vielleicht in der Lage wäre, ein Mandat für die Bildung einer verfassungsmässigen Übergangsregierung aus dem Ärmel zu zaubern. Es müsste einen gar nicht wundern, wenn sie sich darauf einliessen. Der Zugriff auf das Guthaben der afghanischen Zentralbank hängt daran, und wer weiss vielleicht eines Tages Lieferungen für Ersatzteile für die amerikanischen Waffen, die ihnen in die Hände gefallen sind.

3. Es kann auch völlig anders ausgehen, und die Taliban können sich entschliessen, es wieder zu machen wie früher. Aber sie werden dann mit der afghanischen Gesellschaft noch grausamer umspringen müssen als damals. Man soll nicht glauben, die afghanische Gesellschaft wäre nicht in der Lage, einer Regierung entschiedne Opposition zu machen.

Es ist hierzulande vielleicht nicht so bekannt, aber es gab 2009 und seither immer wieder eine massenhafte Protestbewegung gegen die gefälschte Wiederwahl Karzais, und später gegen den ebenso gefälschten Sieg des jüngst davongerannten Ghani; es gab sogar eine Solidaritätsbewegung mit den ähnlichen iranischen Protesten von 2018. Die afghanische Öffentlicheit ist sensibel und mobilisierungsfähig.

Das ist vermutlich ihr Unglück, denn darum war sie unfähig, sich mit einem Regime wie dem jetzt untergegangnen auf Dauer zu arrangieren. Die afghanischen Regierungen der letzten 20 Jahre haben sich dadurch hervorgetan, jede noch so kleine Entscheidung in Kabul zu zentralisieren; sie sind zentralistischer als die britische Bürokratie, was eine Kunst ist; und die Zentrale wurde natürlich von Leuten regiert, die ein gutes Geschäft aus der Regierung zu machen verstanden. Schon deswegen durften Wahlen kaum ungefälscht bleiben.

Weil diese Sorte von Leuten also von den auswärtigen Mächten mehr abhängig war als von der Bevölkerung, genau deswegen geschah das, was geschah: sobald klar wurde, dass die Amerikaner abziehen, machte jeder Kommandeur heimlich seine Sachen mit den Taliban klar; weil jeder genau wusste, dass jeder andre es auch tat; und was an diesem Staat als einziges eine Substanz hatte, der militärische Apparat, zerbröselte innerhalb von zehn Tagen.

Und zwar ehe noch die Amerikaner abgezogen waren; und das überraschte angeblich die Beobachter dermassen. Aber genau das ist doch der Punkt: wenn so ein regionaler Kommandeur seinen Deal mit den Taliban macht, dann macht er ihn so früh wie möglich, wenn man noch etwas dafür bekommt. Die Dynamik ist dieselbe wie bei einer Börsenpanik.

Und das hätte mit dieser afghanischen Regierung nicht anders abgehen können. Wenn der politische Konflikt anders ausgegangen wäre, vielleicht; wenn die Gesellschaft ihre Präsenz auf der Strasse so fühlbar hätte machen können wie im Irak oder im Libanon, wer weiss? Aber von dieser Gesellschaft war die Regierung gerade völlig isoliert, gerade durch die grosszügige ausländische Unterstützung.

Der Westen, hört man, ist bei dem Versuch gescheitert, die Demokratie zu exportieren. Er hat in der Tat nicht die Demokratie nach Afghanistan exportiert, sondern bloss die parlamentarische Form der Klassenherrschaft. Nur in denjenigen Gesellschaften, in denen sich eine durchschnittliche Profitrate bildet, kann man sich einbilden, das sei dasselbe.

Die Demokratie dagegen bildet sich in den anderen Gesellschaften in der erbitterten Opposition zum Staat. Und sie bleibt in dieser Opposition. Sie macht sich gelegenlich fühlbar, sie greift gelegentlich nach der Macht, oder schickt sich an, den Staat zu zertrümmern; aber sie kann nie selbst der Staat werden. Im Irak hat man 2010-2020 eine ganze Reihe Lektionen darüber bekommen können. Die irakische Demokratie ist übrigens alles, was den mittleren Osten seither gerettet hat davor, in den neunten Kreis der Hölle gezogen zu werden. Ist nicht Afghanistan eigentlich in einer ähnlichen Lage wie der Irak 2014? Man wird es sehen.

4. Oder wäre die afghanische Armee nicht kollabiert, wenn man z.B. eine begrenzte Präsenz von ein paar tausend Leuten im Land gelassen hätte, z.B. Bagram Air Base weiter betrieben hätte? Vielleicht. Aber das war ja der Punkt: es ging bei dem Abzug nicht darum, 3.500 statt 180.000 Soldaten im Land zu lassen, sondern genau 0 statt 3.500.

Das ganze afghanische Engagement machte die USA anfällig für Druck. Jede beliebige Regionalmacht, Russland, China, Pakistan, Iran konnten je nach Laune in Afghanistan Schwierigkeiten machen, den Überflug, die Versorgung behindern etc., und mit jedem dieser Mächte hat man aber auf anderen Feldern allerhand anderes zu klären. Die amerikanische Präsenz in Afghanistan garantierte, dass in keiner anderen Frage irgendetwas rasches geschah, während die USA beschäftigt waren, dem Iran die Taliban, China die uyghurische Islamisten, Russland die kaukasischen vom Hals zu halten.

Noch verrückter: sie waren völlig abhängig von Pakistan, das nach Kräften alles tat, um ihre Feinde zu unterstützen; und das blockierte auch noch die Wiederannäherung an Indien, das nach Bündnis mit den USA gegen China streben musste. Dieses Bündnis. von Obama als „pivot to East Asia“ angekündigt, besteht jetzt. Es hat sich mit einem Schlag der Umriss einer neuen Konstellation der Bündnisse und der neuen Konflikte enthüllt, von der Trumps ungeschickter Handelskrieg nur das erste dumpfe Grollen gewesen ist.

Aber hört man nicht, dass Joe Biden durch die anscheinende Inkompetenz des Abzugs, oder durch die eiskalte Art, wie er die afghanischen Verbündeten fallen lässt, Vertrauen in der Welt verloren hat? Sind das nicht Bilder wie beim Fall von Saigon? Ich fürchte, solche Einwendungen kommen aus dem Zeitalter vor Trump. Ein Prinzip des Trumpismus, und das wird Trump lange überdauern, ist dieses: The cruelty is the point.

Er hatte versprochen, abzuziehen, egal was es kostet. Und er ist abgezogen, egal was es gekostet hat. Joe Biden führt der Welt eine amerikanische Regierung vor, die entschieden und völlig ohne Bedenken handelt, und die nicht zögert, zu rechnen, was ihr mehr kostet als es nützt; die sich nicht darum schert, was die Welt denkt; und die keine Schande kennt und das gerne zeigt. Das hat Trump gelehrt.

Man kann sich die falschen Tränen über den Untergang des Westens sparen. Der Westen ist stattdessen auf Angriffsposition gegangen. Die Umkehrung der Allianzen, die wir seit 10 Jahren sehen, ist jetzt vollständig, die internationale Ordnung ist neu konfiguriert: der Eskalation steht nichts mehr im Wege.

Man verwechselt, was den Westen betrifft, vielleicht manchmal seine Sache mit der derjenigen Revolution, die wir seit 2009 überall ihre Schritte tun sehen, ehe sie mit aller Gewalt zurückgeschlagen wird. Das, und den sentimentalen Appell an das Welt-Gewissen, kann man sich vielleicht in Zukunft auch sparen. Solange die Taliban nicht ein neues Kambodscha veranstalten, wird man sie überall als billigeren Ersatz zur letzten Regierung willkommen heissen.

Aber vorbei ist die Geschichte in Afghanistan und überall sonst noch lange nicht. Die Taliban haben Afghanistan noch nicht gewonnen. Sie haben nur den Kampf gegen die Regierung Ghanis gewonnen, die bewiesen hatte, dass sie Afghanistan nicht regieren konnte. Und sie haben jetzt schon bewiesen, dass auch sie es nicht können werden.

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#ohnechef

So hallo,

wir empfehlen folgenden kleinen Text:

Alle wissen doch, dass es ohne den Chef alles besser ginge. Alle wissen doch, dass die Arbeit im Betrieb gemacht wird von denen, die eben die Arbeit machen. Alle kennen doch die einzige Tätigkeit des Chefs, nämlich im Weg stehen; sinnlose und undurchführbare Anweisungen geben; alle wissen, dass sie immer um diese Anweisungen drumherumarbeiten. Und dass sie deswegen alle jederzeit belobigt oder gekündigt werden können.

Alle wissen das, aber womit kommen wir ihnen an? Wir kommen ihnen an mit „weisst du eigentlich, dass du auch Anspruch auf bezahlten Urlaub hast“ oder solchen ähnlichen dämlich schlauen Sachen. Klar wissen die das. Sie wissen auch, warum sie sie nicht bekommen. Aber niemand, niemand streckt seinen Kopf raus und markiert sich als den Unruhestifter für ein Stück Arbeitsrecht oder 3,40 Euro; aber für die Frage, wer das Sagen hat im Laden, setzen sie sich 500m von dem Laden entfernt in die Öffentlichkeit und lassen sich bei einer Arbeiterverschwörung zusehen.

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Buchbesprechung: Castoriadis

Cornelius Castoriadis:

Political and Social Writings, Tr. and ed. David Ames Curtis
– Volume 1, 1946-1955: From the Critique of Bureaucracy to the Positive Content of Socialism, University of Minnesota Press, Minneapolis 1988
– Volume 2, 1955-1960: From the Workers‘ Struggle Against Bureaucracy to Revo­ lution in the Age of Modern Capitalism, University of Minnesota Press, Minneapolis 1988
– Volume 3, 1961-1979: Recommencing the Revolution: From Socialism to the Autonomous Society, University of Minnesota Press, Minneapolis 1993

darin:
– On the Content of Socialism, I, in: Bd. I, S. 290 ff.
– On the Content of Socialism, II, in: Bd. II, S. 90 ff.
– On the Content of Socialism, III: The Workers‘ Struggle against the Organization of the Capitalist Enterprise, in: Bd. II, S. 155 ff.
– What Really Matters, Bd. II, S. 223 ff.
– Modern Capitalism and Revolution, Bd. II, S. 226 ff.

The Imaginary Institution of Society, Tr. Kathleen Blarney, Polity Press, 1987, Reprint 2005

1
Die Schriften des Cornelius Castoridiadis, von denen wir hier einige besprechen, gehören zu einer merkwürdigen verleugneten Tradition, die auf untergründige Weise ungeheuer wirksam gewesen ist. Castoriadis (ab jetzt C.) und sein Kreis, längere Zeit um die Zeitschrift „Socialisme ou Barbarie“, haben in den 1950ern Dinge formuliert, die auf die eine Weise oder die andre seit 1968 überall anzutreffen sind; sei es auch in entstellter Weise, in unkenntlicher, von ihrer lebendigen Begründung losgetrennten Form.

Seine Schriften werden heute hauptsächlich in Kreisen gelesen, wo man sich der alten, untergegangenen Linie des Rätekommunismus verpflichtet fühlt, aber eher in einer unbestimmten Weise; sie werden anscheinend auch dort nicht voll verstanden, denn es stehen dort noch Gedanken darin, deren Folgen merkbar wären, wenn sie aufgenommen würden. Man hält dort auch nicht zu nah an dem Rätekommunismus; es gibt dort, gibt man uns zu verstehen, doch einiges, was veraltet sei. Und auch über die Arbeit von C. wird nur in Andeutungen gesprochen. Weitaus bekannter sind seine Schüler, Debord und die Situationisten; und auch diese und ihre Bewunderer verwenden die Einsichten C.’s in entstellter und nur andeutender Weise.

Oder aber C. wird, in eher akademischen Kreisen, geheimnisvoll als eine Art besserer Ersatz für Foucault, Deleuze und die ganze Schule der postmodernen Philosophie gehandelt; und mindestens seine „Imaginäre Einrichtung der Gesellschaft“ ist auch ganz in dem obskuren Stil der Lacan-Schule gehalten. Aber als ein Modephilosoph wie diese hat er sich ja nun nicht durchsetzen können trotz dieses Stils; warum das so sein könnte, auch darüber hört man nur Andeutungen.

Aber wie kann es denn sein, dass, wie C. selbst schreibt, ganze Schulen von Philosophen davon leben, „schamlos zu plündern, was wir wenigen 30 Jahre lang ausgearbeitet haben“, Bd. III, 276? „Sie stehlen hastig von dieser Arbeit ein paar Stücke, und verdrehen ihre Bedeutung“; und ich weiss ja, was er meint, aber wie in der Welt kann so etwas zugehen?

Es ist zunächst einmal nur eine Frage der philosophischen Polemik, wenn C. über Foucault spottet, der 1968 auf einmal die Unterdrückten und den Widerstand gegen die Macht entdeckt, aber zu verstehen gibt, dass die Unterdrückten, sobald ihr Widerstand gefestigte Strategie und Organisation annimmt, selbst zu einem Teil der Macht werden. Es mag für Philosophen amüsant sein, Foucault nachzuweisen, dass er die „Macht“ zu einem „geheimnisvollen Subjekt“ und in der Geschichte wirkenden Rationalität gemacht hat, ebd. S. 274 f., und dass er entgegen aller seiner Beteuerungen also eigentlich einen erneuerten Hegelianismus betreibt.

Aber die Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben ja wirklich statt der Befreiung die totale Herrschaft von Organisationen hervorgebracht, die man, d.h. die Kommunisten, d.h. Leute wie C., als er jung war, einmal für die Organisationen der Befreiungsbewegung gehalten haben; und es hilft recht wenig, Foucault nachzuweisen, dass seine Antwort auf dieses Problem trügerisch falsch ist, wenn sich nicht eine bessere findet. Aber hat C. eine bessere? Wenn man sich unter seinen heutigen Freunden umsieht, sollte man das nicht meinen. Von dort hört und sieht man nichts. Und wenn das alles wäre, was zu sagen ist, könnte man es dabei belassen, aber es ist nicht alles.

2
C. hatte 1944 als junger Mann in Griechenland zur kommunistischen Partei gehört, aber sich dann den Trotzkisten zugewandt. Die KP versuchte wie in den nördlichen Nachbarstaaten die Macht zu ergreifen, und ohne das Eingreifen der Briten in den griechischen Bürgerkrieg hätte sie das vermutlich geschafft. C. floh nach Frankreich und arbeitete in der dortigen Sektion der 4. Internationalen und gründete dort mit Lefort eine eigene kleine Tendenz, wie man das unter Trotzkisten so macht. Seine theoretischen Arbeiten beginnen mit einer guten Frage, die seine Tendenz stellte.

Wenn nämlich, wie Trotzki sagt, die Sowjetunion ein deformierter Arbeiterstaat ist; also das Staatseigentum an den Produktionsmittel keineswegs die Grundlage der Despotie, sondern das authentische Erbe einer Arbeiterrevolution ist, welche Arbeiterrevolution dann nur durch die regierende Schicht deformiert worden ist; wie kann dann dieselbe deformierte Partei in den osteuropäischen Staaten und in China selbst das Staatseigentum durchführen? Wie kann der Stalinismus revolutionär sein? Wie kann ein System, das der Sowjetunion ähnelt, eingerichtet werden ohne den Durchgang durch eine wirkliche Arbeiterrevolution, ohne eine Phase von wirklichem lebendigem Sozialismus, der dann erst durch äussere Zufälle deformiert wird? Der ganze Hauptpunkt des Trotzkismus muss falsch sein.

Wer so verständige Fragen stellt, kann natürlich nicht lange bei den Trotzkisten bleiben, und C. und Lefort machten sich denn selbständig und sammelten um sich eine Reihe anderer abgefallner Trotzkisten, oder Reste von Bordigas Strömung, und was sonst noch von der älteren Ultra-Linken des Marxismus übrig geblieben war; und begannen damit, die Fragen gründlicher zu stellen. Sehr bald stiessen sie auf die Arbeiten der rätekommunistischen Strömung, auf Pannekoek und auf die Hinterlassenschaft der niederländischen Gruppe Internationaler Kommunisten. Pannekoek war sehr alt, er hatte um 1900 noch Rosa Luxemburg gekannt, und der GIK ging es nicht anders als allen anderen Organisationen aus den 1930ern: wenn sie den Krieg überstanden hatten, verschwanden sie in der Nachkriegszeit.

C. und sein Kreis fanden eine schnell auseinanderfallende Tradition vor, die sie neu zusammenzusetzen versuchten. Und sie sind, soweit ich weiss, auch nahezu die einzigen gewesen, die dieses Erbe damals überhaupt angetreten haben. Sie stehen auf diese Weise einerseits am Endpunkt der älteren Ultra-Linken; und auf eine andere am Beginn der ganzen neueren Ultra-Linken, wie sie sich nach 1968 gebildet hat.

Aber die historische Linie, die durch „Socialisme ou Barbarie“ und die Schriften von C. verläuft, ist anscheinend nicht einfach eine Linie, die zwei Bündel von Sekten in zwei Jahrhunderthälften miteinander verbindet. Sondern da ist mehr, das nicht in zwei Sätzen beschrieben ist.

3
Der ganze erste Band seiner Schriften ist von bloss historischem Interesse; überall findet sich hier, dass in den alten trotzkistischen Begriffen und Symbolen die Frage verhandelt wird: wie kann es geschehen, dass aus der Arbeiterbewegung selbst eine Ordnung von Ausbeutung und Herrschaft hervorgeht? Diese Frage ist die klassisch trotzkistische und daher unkenntliche Form der Frage, wie denn die Emanzipation der Arbeiterklasse wirklich vor sich gehen müsste. Und in dieser unkenntlichen Form wird sie in „Socialisme ou Barbarie“ auch behandelt etwa bis zu dem definierenden Ereignis dieser Zeit, der ungarischen Revolution von 1956. Selbst der erste Teil des „Inhalts des Sozialismus“ ist noch beherrscht von den alten müden Debatten.

Es ist erstaunlich, wie die Geschichtsschreibung unsrer Ultra-Linken bis heute auf das Ende der 1960er fixiert ist; für C. und Leute wie ihn, auch für die Situationisten, sind die prägenderen Jahre eher die Ende der 1950er gewesen. Gemessen an dem, was sich anzubahnen schien, muss der Mai 1968, der so viele bis heute beeindruckt, weit hinter seinen Erwartungen zurückgeblieben sein. Er zieht sich eine Weile danach aus der politischen Arbeit zurück und geht in die Philosophie und in die Psychoanalyse; offenbar erwartet er nicht mehr, dass dicht danach etwas grösseres passiert. Der bedeutendste Schluss, den er aus dem Mai 1968 zieht, ist, dass die Arbeiterklasse weitgehend passiv geblieben sei; und was diese Passivität zu bedeuten habe, Bd. III S. 140. Weiterlesen

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Buchbesprechung: Andrej Platonov, „Frühe Schriften zur Proletarisierung. 1919-1927“, Wien–Berlin, 2019

[aus dem Heft #15]

– von ndejra

Ich gebe zu, von dieser Seite, als Publizisten bzw. Journalisten, kannte ich ihn bisher nicht. Seit Langem schätze ich seine Romane, seine eigentümliche, unverwechselbare Sprache, seit vielen Jahren ist er mir ein „verborgener Mensch“ (so hieß sein Roman aus dem Jahre 1927), zu dem ich immer wieder zurückkehrte. Kaum jemand hatte die kolossale Anstrengung der gesellschaftlichen Kräfte während der russischen Revolution, des Bürgerkrieges und der anschließenden Modernisierung des Landes, den Lebenskampf seiner Leute so eindringlich und ehrlich geschildert. Genauso ehrlich beschrieb er wie diese Leute auf dem Weg in den Sozialismus von den ungeheuren Mächten zermalmt werden, die sie selbst geweckt hatten. Eben dafür ist Platonov seinerzeit als einer Hoffnungsträger der jungen proletarischen Literatur in Ungnade gefallen und wurde von Väterchen Stalin persönlich als „Abschaum“ tituliert. Die Wahrheit war er als einer der wenigen Proletarier in der Schriftstellerzunft der Revolution schuldig, das war sein Kunstverständnis. Die vorliegende Aufsatzsammlung liefert einen weiteren Beweis dafür, dass selbst seine finstersten Werke wie „Tschewengur“ oder „Die Baugrube“ nicht als antikommunistischen Dystopien konzipiert wurden. Ganz im Gegenteil: er war ein Kommunist, ein Utopist, ein Facharbeiter, jemand, der an der vorderster (Arbeits-)Front den Bauern während der Dürre die modernste Bewässerungstechnik erklärte und von der Erschließung der Naturkräfte und der Ausweitung des Sozialismus über das ganze Universum träumte. Stattdessen erlebte er den Einsatz der chemischen Waffen gegen ausgeraubte Bauern durch die rote Armee beim Tambower Aufstand mit. „Eine proletarische Zeitung muss alles drucken, was von Proletariern verfasst wird, denn jeder Proletarier ist ein potenzieller Kommunist. Seine Gedanken im Geist des Marxismus zu frisieren, den kaum jemand richtig versteht, das bedeutet, das Proletariat zu beleidigen und ihm unerhörte Dinge vorzuwerfen, nämlich Sympathien gegenüber dem Kapitalismus… Wir fordern die Freiheit des Ausdrucks für das Proletariat…Die beste Redaktion einer Zeitung ist die Werkhalle. Das Proletariat ist grundsätzlich ein Kommunist, und in kleinen Hinterzimmern seine Gedanken zu filtern, ist eine Widerlichkeit. Wir drohen!“ – schrieb er 1920. Wohl im selben Geist legt er sich mit provinziellen Parteifunktionären an und wird 1921 aus der Partei ausgeschlossen. Und so schrieb er offensichtlich seine Zeitungsartikel, über alles, was ihn gerade als Revolutionär beschäftigte. Aus diesem Buch erfahren wir nicht, welchen Einfluss die spätere Nähe zur „Lukács-Lifschitz-Strömung“ in Moskau auf ihn hatte, aber es stellt die wildesten Widersprüche nebeneinander, die Platonovs Denken in weniger als zehn Jahren durchgemacht hat. Nicht der Revolutionssentimentalität wegen ist dieses Buch interessant – die Revolution wird sich in dieser Form nicht mehr wiederholen –, sondern seines utopisch-praktischen Denkens im Kapitel „Die Umwelt des Proletariats“. Kaum etwas davon ist zwar heute noch brauchbar, einige Ideen ließen sich jedoch sehr schön an die Nase der heutigen menschenfeindlichen Klimaschutzbewegung binden. Es reicht nicht, etwas zu ändern, damit das Schlamassel noch eine Weile so weitergehen kann, es muss alles ganz anders werden: die Versöhnung mit der Natur setzt eine grundlegende Änderung des menschlichen Stoffwechsels mit ihr voraus, sprich der Art und Weise, in der gearbeitet wird. „Der tragische Konflikt des Menschen, der mit Maschine und Herz und mit der Dialektik der Natur gewappnet ist, muss in unserem Land auf dem Weg des Sozialismus gelöst werden. Aber man muss verstehen, dass dies eine sehr ernste Aufgabe darstellt. Das alte Leben auf der ‚Oberfläche‘ der Natur konnte sich mit allem Nötigen aus den Ablagerungen der Naturgewalten versorgen. Wir aber dringen ins Innerste der Welt vor und sie drängt uns mit gleicher Kraft zurück“. Das schließt allerdings ein, dass die Natur dem Menschen feindlich gegenübersteht, die menschenwürdigen Bedingungen müssen ihr durch Arbeit und aktives Eingreifen in die Umwelt abgerungen werden. Die Vernünftigkeit der Klimaverbesserung mittels Reliefsveränderung durch „Sprengung plus Einsatz mechanischer Verfahren“, die Platonov Ende der der 20er Jahre vorschwebte, schlug etwa 40 Jahre später z.B. in den Irrsinn des Projekts „Tajga“ um, mit dem die Sowjetunion sibirische Flüsse mit atomaren Sprengsätzen nach Zentralasien zwecks Bewässerung umleiten wollte. Von dieser Unvernunft hätte der sowjetische Meliorator nicht einmal träumen können. Wir dagegen träumen nur Albträume. Vielleicht bringt uns ausgerechnet Andrej Platonov auf andere Gedanken. „Die Arbeit ähnelt dem Schlaf. Bislang schlief die Menschheit den Schlaf und konnte so überleben. Die Bourgeoisie ist der erste Seufzer der erwachenden, sich befreienden Menschheit. Der Kommunismus wird ihr endgültiges und vollständiges Erwachen sein. Die Elektrifizierung der Welt ist ein Schritt zu unserem Erwachen aus dem Schlaf der Arbeit. Sie ist der Anfang der Befreiung von der Arbeit, der Übergabe der Produktion an die Maschine, der Anfang einer neuen, völlig unvorhersehenen Lebensform.“ So was zum Beispiel. (Der ganze modische Poststrukturalismus im Nachwort – ja, ist vom Turia+Kant Verlag – braucht niemand zu interessieren).

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Aus Heft 17: Buchbesprechung Communization

Wir stellen die aber hier nicht noch mal hoch, steht schon hier.

Buchbesprechung: Communization

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Über Selbsttätigkeit

Aus Heft 17

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Wenn man über die heutige Gesellschaft etwas sagen kann, dann das, dass sie zum Entsetzen disfunktional ist. Das ist vielleicht nicht ganz neu, aber die Lage, in der wir uns sehen, ist in der Tat halbwegs neu; und es zeigt sich, dass die Gesellschaft von sich aus nach wie vor völlig ausserstande ist, ihre eigenen gemeinschaftlichen Angelegenheiten vernünftig zu regeln. Sogar noch mehr: sie ist noch nicht einmal in der Lage, einen klaren Gedanken über ihren eigenen Zustand zu fassen.

Die Gründe dafür sind nicht so oberflächlicher Art, wie man es oft hört. „Das Internet“ ist für die Mehrheit der Bevölkerung zwar tatsächlich neu, aber es schafft nicht die Konfusion, es beschleunigt sie nur; „Verschwörungstheorien“ sind nicht die Ursache der verbreiteten Desorientierung, sondern ihre Folgen. Auf der anderen Seite kann die letzte Ursache des Übels mühelos in der Verfassung der Gesellschaft selbst gefunden werden; in der Isolation und der unvermeidlichen Hilflosigkeit ihrer einzelnen Glieder; aber damit ist man von einer Handhabe immer noch weit entfernt.

Die Krise der jetzigen Gesellschaft spitzt diese Isolation und Hilflosigkeit weiter zu; es steht niemandem frei, sie einfach abzulegen. Aber jeder Ausweg ist unmöglich, wenn es nicht gelingt, sie wenigstens teilweise zurückzudrängen und Raum zu erobern, in denen Austausch und Koordination möglich ist. Solcher Raum kann als Ansatzpunkt für eine breitere Gegenoffensive dienen.

Nehmen wir als Beispiel einmal die neueste und unbegreiflichste Form dieser Krise, die neuere Corona-Epidemie. Ich glaube, nicht zu übertreiben, wenn ich die Reaktion der Gesellschaft wie folgt zusammenfasse. Als sich im März 2020 das Ausmass der Epidemie abzuzeichnen begann, hatte ein Teil der Gesellschaft schon spontan den sozialen Kontakt eingeschränkt, eine vernünftige Reaktion, und begann öffentliche Massnahmen zu fordern. Das scheinen mir meistens die Frauen gewesen zu sein. Erst langsam kam der Staat dem nach, und immer noch zögernd, und die Gastronomie wurde erst eine Woche nach den Schulen geschlossen.

Niemand hatte natürlich Vorsorge getroffen für eine solche Lage, die sozialen Dienste haben fast völlig versagt, und die Unzufriedenheit damit ist berechtigt. Öffentlich am lautesten geäussert wurde allerdings eine ganz andere Unzufriedenheit, nämlich die an gesellschaftlicher Seuchenbekämpfung überhaupt. Urplötzlich tauchten die allerirrsten Geschichten auf, es ist überhaupt nicht nötig, sie zu wiederholen, ein wimmelnder sich widersprechender Wust von obskuren Theorien, mit denen man sich jede Veränderung, sei sie noch so gering, vom Hals zu halten versuchte. Das verband sich schnell mit den grösseren Verschwörungstheorien, die den ideologischen Boden der neueren revolutionären Rechten bilden.

Die Reichweite aller dieser Geschichten sollte man nicht unterschätzen. Und es ist ja nicht so, dass ihr Vordringen von einer in sich zusammenhängenden Gegenansicht begrenzt wäre. Sondern was diese Gegenansicht im Inneren zusammenhält, ist der Rest von Vertrauen in die bestehenden Institutionen; ein Vertrauen, dass diese Institutionen aber nicht verdienen, und das sie nicht auf lange Dauer werden halten können. Wer wird dann einspringen?

Nehmen wir doch auch dafür die neuere Epidemie als Beispiel! Kann man über den Staat sagen, dass seine Massnahmen konsequent, sinnvoll, hilfreich gewesen sind? In Bayern muss man zum Einkaufen FFP2-Masken tragen, aber keineswegs auf der Arbeit. Weil? Oder: Nachdem die Staatsgazette „Bild“ ihre wüste Schlacht gegen Drosten gewonnen hatte, war der öffentliche Konsens der, dass Kinder in der Schule das Virus praktisch nicht ausbreiten. Also musste man, wie in Britannien, die Schulen offenhalten. In Britannien bildete sich dann eine Variante des Virus aus, die diesen Verbreitungsweg nutzen konnte: völlig absehbar breitet sie sich also schneller aus. Wie reagiert man? Man stellte die Flüge aus Britannien ein, aber man hielt zäh die Schulen offen.

Wer soll da das Gefühl haben, ihm würde die Wahrheit gesagt? Aber noch schlimmer: die Regierung hat die eigene Krisen-Kommunikation sabotiert. Sie hat aus Unfähigkeit die Verbreitung begünstigt und die Epidemie verschlimmert. Wird das öffentlich diskutiert? Opposition in dieser Gesellschaft besteht aus Leuten, die den sächsischen Ministerpräsidenten über dessen Gartenzaun anschreien, dass niemand, in Worten niemand an dieser Krankheit gestorben sei; und innerhalb der linken Szene aus Leuten, die dergleichen Opposition nicht den Rechten überlassen wollen. Haben sie Vorschläge, die sie nicht als komplette Trottel dastehen lassen? Ich habe keinen gehört.

Ich ziehe den Schluss: die heute bestehenden Kanäle der gesellschaftlichen Kommunikation sind katastrophal unfähig, sie bevorzugen Wahnsinn und Dummheit, und sie bringen die Belange des grösseren Bevölkerungsteils zum Schweigen. Es müssen ganz andere Arten von Dinge gesagt werden; das heisst, es muss über ganz andere Kanäle der Kommunikation nachgedacht werden.

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Bedrückend muss das Gefühl gewesen zu sein, sowohl der Epidemie als auch der Verwaltung völlig ausgeliefert zu sein. Aber war man das notwendig? Die Gesellschaft hat eine grössere Fähigkeit zu gegenseitiger Selbsthilfe, als man ihr das gemeinhin zutraut. Sollte man sich wundern? Viele derjenigen Dinge, die die Verwaltung unterlässt, bleiben ohnehin auf den Schultern der Gesellschaft liegen, aber natürlich zunächst auf denjenigen ihrer Strukturen, die nicht ohne weiteres damit umgehen können, der Familien z.B.

In den frühen Tagen des Lockdown war z.B. an vielen Orten die Rede davon, gegenseitige Selbsthilfe in den einzelnen Wohnvierteln zu organisieren, Besorgungen für Leute in Quarantäne, Kinderbetreuung usw. Sehr oft wurde daraus nichts, weil einerseits niemand die Dinge kannte, die man in medizinischer Hinsicht zu beachten hätte, und andererseits niemand die Leute kannte, neben denen man wohnte. Es ist natürlich schwer, in einer solchen Situation die Grundlagen für Nachbarschaftsorganisation erst zu legen. Im Rückblick wäre es vielleicht die beste Chance gewesen, aber das war erst zu begreifen, als sie vorbei war.

Kirchengemeinden, sogar Fussballvereine begannen, solche Dienste anzubieten; schliesslich tat auch die Verwaltung so, als gedenke sie, sich zu kümmern. Diesen Anschein hielten alle aufrecht bis zu dem Moment, wo es darauf angekommen wäre, Ende 2020. Dann verdampfte das unter der Überlastung aller Strukturen; und was man den Sommer über bequem hätte aufbauen können, war jetzt völlig unmöglich ins Werk zu setzen.

Was die Gesellschaft aber so handlungsunfähig und so abhängig von der Obrigkeit macht, ist als erstes gerade das Fehlen von Kanälen der Kommunikation. Damit ist noch nicht einmal die technische Ebene gemeint. Es wäre einfacher, mit Wildfremden sich zu vereinbaren, wenn wenigstens eine Übung darin bestünde; eine Ebene bekannt wäre, auf der man überhaupt redet. Die Einzelnen sind radikal unkommunikativ, weil sie es niemals anders gelernt haben. Ohne Kommunkation aber keine Organisation.

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Aber umgekehrt auch ohne Organisation keine Kommunikation. Man kann nicht einfach eines Mittwoch nachmittags bei den Nachbarn aufkreuzen und vorschlagen, sich doch aus keinem Grund zusammenzutun, ohne berechtigten Verdacht zu erwecken. Ohne ein wirkliches unabweisbares Bedürfnis treten Menschen nicht in Aktion, auch nicht in Verbindung.

Die Genossenschaften der alten Arbeiterbewegung hat viel beigetragen, die Klasse politisch zusammenzuhalten, solange es währte; es waren aber nicht die Reichtagsreden der sozialistischen Abgeordneten, oder das kommunistische Manifest, was sie stiftete, sondern das handfeste Bedürfnis. Welches sind heute solche Bedürfnisse, wo der Verbrauch der arbeitenden Klasse zum Gegenstand der Preiskämpfe der Discounter geworden ist?

Auch die anderen gesellschaftlichen Bedürfnisse selbst der abgehängtesten Schichten liegen ja nicht so offensichtlich zu Tage. Überall beansprucht irgend ein Teil der kommunalen Bürokratie, für sie zuständig zu sein. Für alles gibt es irgendwo eine Stelle, irgendwo Gruppen von Ehrenamtlichen. Aber der ganze Apparat funktioniert so, dass die Bedürftigen in Passivität bleiben.

Alle Beteiligten wissen, welche immensen Aufgaben liegen bleiben, aber das sind gerade diejenigen, für die immense Mittel aufgebracht werden müssten. Nehmen wir den neuesten unfreiwilligen Qualitätssprung in unserem Bildungswesen, Remote Learning. Es gibt Kinder, die anscheinend komplett vom Radar verschwinden, weil ihre Eltern die Rechner oder den Internetanschluss nicht haben, den man dazu braucht. Was würde eine Genossenschaftsbewegung tun? Man könnte Zentren in den Stadtteilen einrichten, in denen solche Rechner stehen; böse Zungen würden sagen, etwas funktionsgleiches habe es früher gegeben und man habe es Schulen genannt. Man könnte hausweise freie Bandbreite poolen; man könnte sich in Support Bubbles, wie es in England heisst, zusammenschliessen und Rechnerkapazität teilen. Alle diese Lösungen haben ihre verschiednen Schwierigkeiten und verschiednen Vorzüge, ich führe sie hier beispielhalber an.

Die verschiednen lohnarbeitenden Schichten wohnen oft deutlich voneinander getrennt, das erschwert gegenseitige Hilfe innerhalb der Klasse; bestimmte Lösungen kommen unter Epidemiebedingungen nicht in Frage aus den gleichen Gründen, warum auch der Präsenzunterricht eingestellt ist. Bestimmte Lösungen sind pandemiefest, aber haben andere Nachteile. Ein einheitliches dauerhaftes Selbsthilfenetzwerk müsste sich einstellen, sehr flexibel zu arbeiten. Es müsste vor allem aber schon vorher am Platz sein, jedenfalls in Ansätzen, und die Ansätze müssten von vorneherein erweiterbar geplant sein.

Welche der unabweisbaren wirklichen Bedürfnisse sind heute die geeignetsten, um solch einem Netzwerk stabile Verbreitung und Etablierung zu erlauben? Das lässt sich vermutlich nicht allgemein angeben. Es müsste ermittelt werden, aber das Elend ist, dazu bedarf es wiederum der Kommunikation.

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Auch die Ermittlung der Bedürfnisse funktioniert nicht so, dass man mit einem Klemmbrett in der Hand eines Mittwoch nachmittags bei den Nachbarn aufkreuzt. Sie werden sie einem nicht sagen, und zwar nicht nur, weil sie einem nicht trauen oder nie gesehen haben, sondern weil sie diese Bedürfnisse gar nicht kennen. Und zwar dieses aus dem einfachen Grund, weil niemand jemals danach gefragt hat. Die knapp zahlreichste Gruppe der Bevölkerung besteht aus Leuten, deren Arbeit für alle Gesellschaft völlig zentral ist und deren Bedürfnisse seit Jahrtausenden als irrelevant gelten, sogar als öffentliches Gespött dienen, nämlich den Frauen. Diese unterdrückten Bedürfnisse müssen erst aus ihrer mühsamen Verdrängung entwickelt werden.

Ohne das ist an keine Veränderung dieser Gesellschaft auch nur zu denken. Die Krankheit dieser Gesellschaft, ihre Unfähigkeit, über ihre wichtigsten Angelegenheiten einen klaren Begriff zu bekommen: das entspricht vollkommen der Art, wie mit diesen Bedürfnissen umgegangen wird. Hier liegt das erste Hindernis der Veränderung, aber auch ein mächtiger Hebel.

Wie aber lassen sich solche Bedürfnisse entwickeln? Man geht nicht einfach hin und bildet sich ein, man weiss, was gut für die Leute ist und was sie wollen müssen. Sondern sie müssen sich in freier Selbsttätigkeit entfalten und eine Sprache selbst finden. Es handelt sich auch nicht einfach darum, dass Einschränkungen bestehen, die einfach aufgehoben werden könnten; sondern es kann niemandem unmittelbar klar sein, was er oder sie wirklich will, weil niemals die Möglichkeit bestand, darüber in Ruhe nachzudenken. Und in Ruhe, das heisst auch gar nicht alleine, sondern in Gesellschaft und Austausch. Genau dieser fehlt.

Was da tun? Wir besitzen ja doch einen konkreten Begriff von freier, selbsttätiger und schöpferischer Rede. Man nennt es die Kunst. Und die gesellschaftliche Literatur, der „angewandte Roman“ (Friedrich Schlegel) ist das Theater. Die moderne Kunst, namentlich die sogenannte avantgardistische, erhebt schon lange den Anspruch, gesellschaftsverändernd zu wirken; unterdrückte Bedürfnisse zu entwickeln; die Mittel des Ausdrucks zu befreien; einen Angriff gegen die bestehende Ordnung zu führen.

Glauben wir das? Ich habe neulich Zweifel daran geäussert: gerade der durch nichts gedeckte Anspruch, eine Avantgarde zu sein, eine abgetrennte und selbstherrliche Gruppe, die niemandem Rechenschaft schuldet, ist es, der das Vorhaben unmöglich macht. Die Hinterlassenschaft von 200 Jahren Avantgarde-Kunst müsste, um zu etwas noch nütze zu sein, radikal von dieser Perspektive aus neu untersucht werden: welche Gestalt nimmt sie an, wenn sie nicht mehr die Ansprüche einer kleinen Gruppe von Intellektuellen, sondern die Ansprüche der unterdrückten Mehrheit entwickeln sollte? Wie sähe eine massenhaft demokratische und radikale Kunst aus?

Das interessante ist, wir haben bereits Erfahrungen. Theater z.B. funktioniert ganz hervorragend und besser ohne das Hohepriestertum des Autors oder des Regisseurs, ohne den Geniekultus des spezialisierten Schauspielers. Dieser ganze Kram kann ohne weiteres auf den Müll. Die moderne Kunst hat schon jetzt besseres, einschneidenderes, machtvolleres gefunden; sie kann es sich nur nicht eingestehen, ohne ihr spezialisiertes Dasein aufzugeben. Diejenigen, die ein Stück entwickeln, unterscheiden sich von denen, die es ansehen, nur auf eine Weise unvermeidlich: dass sie länger sich damit beschäftigen. Jeder Gegenstand von einigem Interesse, aus dem man ein Drama machen kann, bietet unendlich Gelegenheit zu Überlegung, Erörterung und Urteil; und zwar befreit von einem unmittelbar drängenden Zweck, aber trotzdem angeleitet von dem Gegenstand. Je relevanter aber der Gegenstand, desto mehr schlägt solche kollektive Kunst in gesellschaftliche Debatte selbst um. Gerade wegen ihrer Realitätsferne kann die Form Kunst gegen eine Gesellschaftsordnung gekehrt werden, die selbst realitätsfern ist.

Es gibt natürlich einige theoretische Schulen für derartiges Theater, ausgedacht von Fachpersonal; einige interessanter, andere weniger. Aber man muss sich mit diesen nicht länger aufhalten, als man will; jedesmal, wo spezialisiertes Wissen zur Voraussetzung für solche Tätigkeit wird, hört diese Tätigkeit auf, frei und allgemein zugänglich zu sein. Kritische Intellektuelle haben nicht die Aufgabe der dauernden Anleitung; Prozesse, die mehr als einen nachhaltigen Anstoss benötigen und ohne dauernde Anleitung nicht ablaufen, sind künstlich und taugen nicht zur Selbstbefreiung.

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Jeder Versuch, dauerhaft die Isolation zwischen den Gesellschaftsgliedern aufzuheben, wird sich auf mehr als einer Ebene bewegen müssen und sich mehrerer Mittel bedienen müssen. Umgekehrt kann keines dieser Mittel ohne Einbusse seiner Wirkung alleine betrieben werden. Sie unterstützen sich in ihrer Wirkung, aber sie behindern sich gegenseitig, wenn sie nicht gleichmässig entfaltet werden. Die Entfaltung der verdrängten Bedürfnisse hat den Status eines Versprechens, mehr nicht; sie bedarf zu ihrer Wirksamkeit der Einlösung, der praktischen Unterstützung für die bereits bewussten Bedürfnisse. Die praktische Selbsthilfe aber bedarf dieses Versprechens, bedarf des Auswegs aus der Passivität; der Bereitschaft, nach dem bisher unmöglichen zu streben.

Solche sich gegenseitig bedingenden Tätigkeiten gehören also eigentlich schon räumlich zusammen. Die Frage nach dem Raum und seiner organisatorischen Struktur zieht die Frage nach sich, wie man die nötigen Ausgaben bestreitet; eine der letzten Rückzugsorte für Spezialistentätigkeit wird auf absehbare Zeit die Wissenschaft von den Fördermitteln bleiben. Es ist keine Schande, Förderungsmittel zu beziehen; besser wäre es, wenn es dessen nicht bedürfte. Fördermittel tendieren dazu, Abhängigkeit zu schaffen; aber man muss bedenken, dass auch jeder konkurrierende Akteur, die Vereine und die Kirchen, Förderungen beziehen. Die frühe französische Arbeiterbewegung hatte bei aller Staatsfeindschaft keine Scham, für ihre Bourses de Travail, Arbeiterbörsen, sich von den Gemeinden Häuser geben zu lassen. Sie hatte allerdings auch die Grösse, die Gemeinden dazu zu bringen.

Je unabweisbarer das gesellschaftliche Bedürfnis, in dessen Namen man auftritt, desto legitimer tritt man auch auf; desto eher ist man in der Lage, Räume und Möglichkeiten zu bekommen. Es ist vielleicht keine schlechte Idee, sich Gegenden mit gemischter Sozialstruktur zu suchen. Die bestehenden Sozial- und Kulturangebote in gemeindlicher, kirchlicher oder freier Trägerschaft sollte man gut kennen; sie konstituieren im Guten wie Bösen die unmittelbaren Bedingungen der Tätigkeit.

Man sollte sich an keine der einzelnen unterdrückten Gruppen exklusiv binden, wenn das die Gefahr mit sich bringt, dass man sich den Zugang zu anderen Gruppen dadurch versperrt. Genau die Dynamik der Zwietracht sollte man im Gegenteil unterlaufen. Und man sollte niemals der Versuchung unterliegen, sich einzubilden, man hätte fertige, belastbare und überlegene Ideen, die man anderen nur nahe genug legen muss. Auch die eigenen Beschränkungen, bei unserer Leserschaft die des studentischen Milieus, müssen abgelegt werden. Auch wir wissen in Wahrheit erschreckend wenig.

Heisst das, die längst bekannte Stadtteilarbeit neu zu erfinden? Wahrscheinlich gar nicht unbedingt. Aber es liegt auch dort viel an Fähigkeiten brach, und es bleibt zu vieles ungetan; und das Bewusstsein fehlt heute in weiten Kreisen, was praktische Kritik (denn um solche handelt es sich) bedeutet, und wieviel davon abhängt. Es geht nicht um ein Haus mit einer roten Fahne, wo man seine Parties feiert. Es geht nicht um einen Raum, wo man seine Vorträge hält. Keine Sekte, keine Szene hat hier etwas zu suchen, keine Organisation, die nach Bestätigung ihrer eigenen Grundanschauungen suchen muss. Sondern es geht hier darum, die alte Gesellschaft aufzulösen, indem man eine andere beginnt. Die Eroberung der Mittel des Ausdrucks, die Revolution des alltäglichen Lebens; alle diese schönen Wörter, mit denen unsere Sekte gewohnt war zu hantieren, haben eigentlich keine Bedeutung, wenn nicht so.

Kollektivarbeit

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Gute Frage XV

Bärbock, ah, aus South Park, oder?

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Sackgasse der Subversion

Vorbemerkungen zu einer Selbstkritik des „Surrealismus im Dienste der Revolution“

Es ist gelegentlich die Rede von den Situationisten und ihrem Beitrag dazu, das revolutionäre Erbe der Avantgardekunst zu retten. Aber es wird fast nie darüber nachgedacht, worin dieses Erbe denn bestehen soll, noch nicht mal, ob die Avantgardekunst denn ausreichend tot ist, um sie beerben zu wollen. Am Ende könnte es sein, dass die Ideen über die Avantgardekunst genauso unüberlegt sind wie die über die Revolution. Man soll sie ja einander aber nicht einfach äusserlich gegenüber stellen. In was für einem Verhältnis stehen sie zueinander?
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GIK-Lesekreis

Folgende Mitteilung rücken wir hier ein:

Hallo,

wir finden das Buch der Gruppe Internationaler Kommunisten (GIK),
"Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung"
(http://www.mxks.de/files/kommunism/gik.html), vielversprechend 
genug, um es gemeinsam zu lesen und zu diskutieren. Wir lesen 
es schon seit einigen Wochen immer Montag Abend und sind bereits 
bei Kapitel 12, Interessierte können sich aber gerne noch 
anschließen. Das Thema ist umfangreich genug, um uns noch 
ein Weilchen zu beschäftigten. Der Lesekreis findet online 
bzw. in Berlin statt. Schreibt uns bei Interesse 
an betriebe2020@gmx.de.
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Okkulter Klassenkrieg in Frankreich

— spf

Ich schenke euch hier mal wahlweise einen coolen Titel für einen roman noir, für eine „Revision“ eines Brecht-Stücks oder eine Black-Metal-Platte der Marke Mayhem oder so. Oder vielleicht alles gleichzeitig. Denn die geplante und von der Polizei vereitelte Ermordung eines CGT-Gewerkschafter und Sympathisanten der „Gelben Westen“ Hassan T. durch die Betriebsführung mit Hilfe der Freimaurer ist genau das: eine lausige, erbärmliche Version von „Johnny mnemonic“. Man muss fast schon dafür dankbar sein, dass es so lausig war. Andererseits: warum wundert mich dieser Blödsinn nicht ein mal richtig? Ich meine, vor vielen Jahren so was Ähnliches bei Julius Evola gelesen zu haben, was ich auch gerne wieder vergessen habe.

rtl.fr schreibt:

In drei Sätzen bestätigt der Geschäftsführer dann nach 48 Stunden Dementi die Vorwürfe von Frédéric V., dem mutmaßlichen Drahtzieher der im Januar in einer Freimaurerloge abgebauten Kriminalzelle, der unter anderem das desaströse Projekt der Justiz aufgedeckt hatte. „Ich war schwach und leicht beeinflussbar“, fügt Muriel M. schnell hinzu, bevor sie schlussfolgert: „Ich habe gemerkt, dass ich viel Blödsinn gemacht habe.“

Diese Geständnisse lassen uns nachvollziehen, warum die 54-jährige Mutter am 7. Mai wegen krimineller Verschwörung zum Mord angeklagt und in Untersuchungshaft genommen wurde, wie RTL mitteilte. Sie bestätigen auch die Gefährlichkeit der inzwischen neutralisierten Zelle, in der sich Freimaurer, ehemalige Polizisten und Geheimdienstler aller Art vermischten. (…)

Im Dezember 2019 wurde Hassan T. schließlich in den CSE gewählt. Muriel M. erzählt dann von ihrer „Angst“, dass er andere Mitarbeiter um sich vereinen werde und „Gewerkschaften sich gründen (…) nachdem wir den Familiengeist verloren haben“, so ihre Aussage gegenüber der Polizei. Es war ihre „Phobie“, bestätigt ihr Bruder, Co-Manager des Unternehmens. Keine Gewerkschaftssektion soll jemals das Licht der Welt erblicken, dennoch bietet die Personalabteilung dem Mitarbeiter eine Vertragspause an, die er ablehnt. (…)

Der Vertrag über den Kopf des Gewerkschafters wird Teil eines „Pakets“ Schulung + Audit + Elimination sein. Alles für rund 80.000 Euro, abgerechnet in „vier Rechnungen“, adressiert an die verschiedenen Firmen von Frédéric V.

Das nennt man auch Coaching, hab ich gehört. Oder Rationalisierungsmaßnahmen. Oder Unionbusting. Sorgt für Schutz.

 

 

 

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Extremely concerned about your class attitude

– spf

Der belarussische Staat hat neulich ein Passagierflügzeug auf dem Weg von einem EU-Land in ein anderes EU-Land unter Androhung von Waffengewalt zur Landung gezwungen. Von Bomben, eskalierenden Konflikten am Bord und anderen Bullshit-Vorwänden abgesehen, galt die Aktion dem Blogger Roman Protassewitsch (engl. Protasevich) und seiner Freundin. Es ist gut möglich, dass dem Mitbegründer des unabhängigen Nachrichtenportals NEXTA außer Folter und Gefängnis auch noch Hinrichtung droht – für das Provozieren von Massenunruhen. Das ist ein ganz großer Tennis, wie wir Profsportler sagen, selbst für Belarus. Für die Leute, die wie üblich etwas desorientiert sind, gibt es mittlerweile ein Twitter-Account Namens „Is EU concerned?“, auf dem die EU-BürgerInnen ihre Gefühle bequem mit offiziellen Richtlinien abgleichen können.

Und schon läuft eine Kampagne an, um die Solidarität mit Protassewitsch zu torpedieren. „International support for Belarussian Protasevich is currently undermined by pushing two major narritives. The first one is whataboutism about Evo Morales grounding incident in 2013, and the second one is ‚Protasevich is a Neo-Nazi‘“, wie neulich eine ukrainische Kollegin schrieb. „Minsk carried out a brilliant operation to detain Roman Protasevich, a man who manipulated human souls and urged juveniles to take to the streets so that they would be killed in the riots“, so steht das auf der englischsprachigen Seite von „Pravda“ (rus. für „Wahrheit“, sic!). Zahlreiche bots und agents retranslieren das auf ihre jeweilige Manier und in ihren jeweiligen Sprachen in ganz Europa.

Sogar Andrij „der weiße Führer“ Bilezkyj, seines Zeichens der Kommandeur des berüchtigten ukrainischen Frewilligenregiments „Azow“ hat Protassewitschs Tätigkeit als Journalist bestätigt. Der „linke Intellektuelle“ im Dresdner Exil Wolodymir Ischtschenko, nebenberuflich der ukrainische Kofferträger Putins, meint allerdings, dass Bilezkyj damit auch noch etwas anderes bestätigt hätte:

Ich sage dazu nur noch, was ich immer zu Leuten wie Ischtschenko sage: Achtet auf RednerInnen-und ReferentInnenlisten der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wenn die Veranstaltungen wieder live und in Farbe anfangen und sich wieder Gelegenheit bietet, eine „linke“ Konferenz zu deutsch-russischen Beziehungen über ukrainische Köpfe hinweg abzuhalten. Ansonsten überlasse ich den anderen, sich an dieser Kackschlacht zu beteiligen, falls jemand die Frage, ob selbsternannte Präsidenten JournalistInnen hinrichten dürften, auch wenn sie sich vor Jahren in Svastone-Klamotten ablichten ließen, für eine Diskussion mit offenem Ergebnis hält.

Es erinnert mich, ehrlich gesagt, an den Prozess gegen Senzow und Koltschenko, die 2014 wegen Terrorismus verhaftet und nach Russland verschleppt wurden. Für den Filmemacher Oleh (oder Oleg) Senzow engagierten sich diverse angesehene Leute und beispielsweise Europäische Filmakademie. Für seinen Mitgefangenen, den Krimer Anarchisten Olexandr Koltschenko, der ganz anständig an einer versuchten Brandstiftung an russländischen militärischen Einrichtungen auf der Krim sich beteiligte, interessierten sich nicht einmal deutsche bzw. europäische AnarchistInnen, die sich ansonsten routinemäßig mit jeder brennenden Mülltonne irgendwo auf der Welt solidarisieren. Ja, man glaubt es nicht, in welche Milieus die russländische Propaganda hineinreicht. Von etwa 70 verschleppten Krimtataren im Hizb-ut-Tahrir-Prozess ganz zu schweigen, die angesehenen Leute werden sich damit nicht profilieren können.

Nun lasst uns zu einem anderen Thema kommen, das wir vor einem halben Jahr angekündigt bzw. angeschnitten haben. Es dürfte vielen interessierten BeobachterInnen in den jüngsten Wahlprotesten in Belarus etwas aufgefallen sein, was bis jetzt in den sogenannten „farbigen Revolutionen“ bis jetzt so gut wie nie da war, vor allem so massiv: die Präsenz der Arbeiterklasse mit den eigenen Forderungen und Aktionen. Gehen wir diesem Umstand auf die Spur, es ist genügend Zeit vergangen, um wenigstens rückblickend darüber zu urteilen.

Bereits in den ersten zwei Wochen der Proteste im August 2020 beteiligten sich etwa 80 Betriebe in einer oder anderen Form an den Protesten: Warnstreiks, Petitionen, Demonstrationen, Organisation von eigenen Strukturen und Koordination mit anderen Betrieben abseits von offiziellen Gewerkschaften.

Das Verhältnis betrachten wir ein bisschen näher. Es gibt kaum unabhängige Gewerkschaften in Belarus, heißt es immer, und das scheint zu stimmen. Große Gewerkschaftsverbände seien eh die elektorale Basis des Regimes, vor allem die Belegschaften der Staatsbetriebe gelten der Opposition als unnötiger Ballast aus der Sowjetzeit, groß, staatstreu, fast vormodern – als würde der Staat nur mäßig profitable Großbetriebe nur für den einen Zweck aushalten, damit wenigstens jemand bei den bekanntlich gefälschten Wahlen ganz ehrlich seine oder ihre Stimme für Väterchen Luka abgibt. Das ist natürlich nicht so. Die Arbeiterschaft stand der neuen Opposition, die denselben neoliberalen Wirtschaftskurs wie Lukaschenko nur etwas schneller fahren will, logischerweise skeptisch gegenüber. Und nun macht zumindest ein Teil, ein sichtbarer Teil von ihr bei der Opposition mit. Da waren sich fast alle sicher: Wenn die stillen „Stützen des Systems“ in Bewegung geraten sind, sind seine Tage gezählt. Der Fall ist nun nicht eingetreten und wir müssen wohl alle einsehen, Lukaschenkos Regime wird nicht mehr so schnell fallen. Die Folgen der Einmischung der Arbeiterschaft sind aber klar zu spüren. Weiterlesen

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Heft 17 in Druck

Zumindest glauben wir, dass es Heft 17 ist. Hat jemand mitgezählt?

Zu beziehen über die üblichen toten Briefkästen.

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