Jason M. Kelly, Market Maoists, the Communist Origins of China’s Capitalist Ascent, Harvard University Press, 2021
Ralf Ruckus, The Communist Road to Capitalism, How Social Unrest and Containment Have Pushed China’s (R)Evolution Since 1949, PM Press 2021
Manfred Elfström, Workers and Change in China: Resistance, Repression, Responsiveness, Cambridge University Press, 2021
Wu Zhongmin und He Jun, Essentials of Governance, Twelve Lectures on Social Contradictions in China, Brill, 2021
Steven Rolf, China’s Uneven and Combined Development, Palgrave Macmillan, 2021
Desmond Shum, Red Roulette, An Insider’s Story of Wealth, Power, Corruption and Vengeance in Today’s China, Scribner 2021
Shaojie Zhou und Angang Hu, China: Surpassing the „Middle Income Trap“, Palgrave Macmillan, 2021
Roger Garside, China Coup, The Great Leap to Freedom, University of California Press, 2021
Es gibt über China seit geraumer Zeit mehr Bücher pro Jahr als Augen, sie zu lesen, und das wird sich auch nicht mehr ändern. Die meisten sind nicht der Rede wert. Auch die hier besprochenen, alle aus dem Jahr 2021, sind nicht an sich selbst bemerkenswert. Man greift sich zuweilen, alle paar Jahre, so ein paar neu erschienene Sachen heraus und schaut sie sich an, meistens ist es alles das selbe. Die Sachen, um die es hier geht, sind untereinander so verschieden wir nur möglich, aber sie haben auf bestürzende Weise etwas gemeinsam, was derartige Bücher vor fünf Jahren, auch vor 2 Jahren noch nicht gemeinsam hatten.
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Nehmen wir mal eine Handvoll Titel aus den letzten Jahren; Sachen, um die es hier, ich wiederhole das, ausdrücklich nicht geht. Daniel F. Vukovich, Illiberal China, Palgrave Macmillan, 2019 etwa, ein Buch, das nebenbei auch Dienst tut als Beispiel, warum man Politikwissenschaftlern nie ein Wort glauben sollte. Vukovich interessiert sich für „Diskurse“, und redet ansonsten viel über die „entpolitisierte“ Art und Weise, wie Politik überall, z.B. auch in China, stattfindet. Es fällt ihm nicht ein, dass es da einen Zusammenhang gibt und dass sein verdinglichtes Geschwätz in einem weniger „entpolitisierten“ Umfeld dem Gespött verfiele.Ihn fasziniert natürlich die ebenfalls von Politikwissenschaftlern erfundne sogenanne chinesische „Neue Linke“, die so etwas lehrt wie eine Mischung von Wagenknecht, Melenchon und Dugin. Das hält er für sehr „politisch“ und für fast etwas bessres als Klassenkampf, und schreibt diesem neuen „Diskurs“ einige Erklärungskraft für die soziale Unruhe im gegenwärtigen China zu. Es ist ja bekanntlich undenkbar, dass das ungelehrte Volk sich zusammenrottet, ohne dass vorher ein Philosoph herausgefunden hat, was sie dabei denken können. Die Zeit für derartige Professorenphilosophie ist aber vor 10 Jahren abgelaufen. Das hat sich noch nicht überall herumgesprochen, aber es ist so.
Wenn es um China geht, verkaufen sich solche Sachen einstweilen noch. China ist bekanntlich unveränderlich, hier gelten andere Gesetze als sonst in der Geschichte. Daran glauben allerhand Leute in Westen fest. Sehr viel schmaler ist deshalb die Literatur z.B. über die immense Streikwelle, die um 2010 angefangen hatte; Ren, Li, Friedman, China on Strike, Haymarket Books, 2016 gehört dazu. Solche Arbeiten sind immens wichtig, aber nie zureichend. Sie sind die einzigen, die nicht aus der Herrschaftsperspektive geschrieben sind, aber genau deswegen sind die Einblicke, die sie erlauben, immer fragmentarisch. Sie werden auch nicht gelesen, und wenn, werden sie nicht verstanden, weil die Klasse, die solche Bücher liest, von Streiks soviel versteht wie von der Arbeitswelt überhaupt.
Oder Huang, Cracking the Chinese Conundrum, Oxford University Press, 2017. Eine nützliche Erinnerung daran, dass damals die Literatur bis neulich hauptsächlich gespalten war zwischen sogenannten Optimisten und Pessimisten, solchen also, die das „chinesische Modell“ für durchhaltbar hielten und solchen, die nicht. Das „chinesische Modell“ heisst übrigens mit bürgerlichem Namen „kapitalistische Produktionsweise“, womit alles über seine Durchhaltbarkeit gesagt ist; und alles darüber, wie verdreht diese Debatte geführt wird.
Huangs Buch ist vom Standpunkt der Optimisten, d.h. es enthält Perlen wie diese: „Der Ansteig der Verschuldung muss deswegen kein so ernstes Problem sein wie viele glauben, vorausgesetzt, das Niveau der Grundstückspreise ist durchhaltbar.“ Ich nehme an, der verehrte Lesepöbel hat die Nachrichten über die Immobilienfirma Evergrande gelesen. Man wird keinen Widerspruch erwarten müssen, wenn man die Schule der sogenannten Optimisten für erledigt hält.
Bei den 2021 erschienenen Büchern ist der Ton auf einmal völlig anders. Es gibt nicht mehr Optimisten und Pessimisten. Das liegt nicht einfach daran, dass die Optimisten dieses Jahr keine Bücher herausgebracht hätten; sondern ihre Position hat sich gegenüber der Realität verschoben. Man gewinnt, wenn man ein paar davon liest, den Eindruck, dass eine Krise angefangen hat von Proportionen, die über 2008 hinausgehen; und bei der in China die Decke mit herunterkommen könnte. Die Frage ist nicht mehr, ob das chinesische System die nächste Krise übersteht; die Frage ist, ob es einfach zusammenbricht oder es vorher auf einen Krieg ankommen lässt.
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