Neues von der Pseudolinken (XI)

Die Linke und das Staatsvorfeld

Die Linke ist heute eingeklemmt zwischen den Illusionen einer Jugendbewegung, und dem ideologischen Staatsapparat. Beide dieser Faktoren wirken aufeinander ein; sie legen zusammen einen Sektor, von dem Veränderung ausgehen könnte, sehr effektiv an die Kette. Heute sehen wir uns näher den Einfluss dieses Staats-Vorfelds auf die Linke, wie sie heute erscheint, an.

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Die Linke ist nie einfach, wie ein vereinfachter Marxismus es gern hätte, eine Veranstaltung der unteren Klassen gegen die oberen gewesen. Sondern die Linke ist seit ihrem Anfang durchzogen von den Ideen des bürgerlichen Radikalismus. Bürgerliche Intellektuelle haben viele ihrer Ideen geformt. Mächtig sind diese Ideen immer dann geworden, wenn sie mit den Bedürfnissen der unteren, zahlreichsten Klassen zusammentrafen. Aber es lief meistens darauf hinaus, dass die Arbeiterschaft die Kastanien aus dem Feuer holte, während eine neue intellektuelle Klasse sich in den Besitz des Staats setzte.

Die Linke hatte deswegen eine ungeheure Anziehungskraft für die Intellektuellen; deren Standesaberglaube, sie wären die geistigen Träger einer besseren Welt, nahm die Form an, dass sie sich einbilden konnten, für die Unterdrückten zu sprechen als ihre Stellvertreter.

Aus den Ereignissen von 1989 haben sie den Schluss gezogen, dass es damit nichts ist, und sie haben in den 1990ern die Arbeiterklasse schneller fallen lassen als eine heisse Kartoffel. Einige riefen das Ende der Geschichte aus; der Kapitalismus hatte sich durchgesetzt, und damit auch die Gunst der Intellektuellen errungen. Genausoschnell wurde 2008 ein neues Zeitalter ausgerufen; jetzt hiess es, dass der Klassenkampf zurückkäme, das „Marx“ (was immer man sich unter dem Namen dachte) Recht gehabt habe usw.

Ganz offensichtlich ist aber das „historische Bündnis“ (wie wirs mal nennen wollen) zwischen der Arbeiterklasse und den Intellektuellen (der Staatsklasse) nicht wieder neu hergestellt worden. Denn was seither von Seiten der Intellektuellen und ihres Klassennachwuchses getrieben wird, spottet jeder Beschreibung. Es scheint so, als hätten die Intellektuellen beschlossen, dass die wirklichen Unterdrückten zu unsichere Bundesgenossen ist; zu eigensinnig und widerspenstig, oder dass ihre Interessen mit denen der Intellektuellen heute nicht mehr so einfach zusammengehen.

Deswegen muss sorgsam definiert und ausgesucht werden, welche Unterdrückten man vertritt; am besten ist es, sich die Unterdrückten gleich ganz selbst auszudenken. Dabei kann es nicht ausbleiben, dass diese Unterdrückten immer mehr so aussehen, wie die Intellektuellen selbst. Das findet heute in aller Dreistigkeit statt; es war nie wirklich anders; die Dreistigkeit tritt nur unter den heutigen Bedingungen erst grell hervor.

2
Das ist ein Versuch, die innere Logik dieser Vereinnahmung zu beschreiben; welches aber sind die äusseren Mechanismen, durch die sie sich durchsetzt? Wir haben früher schon hingewiesen auf die Rolle, die in Deutschland seit den Schröder-Jahren die sogenannte „Demokratieförderung“ spielt. Der Deal war am Anfang sehr einfach: die ausserparlamentarische Linke wurde eingeladen, ihren „Kampf gegen Rechts“ staatlich fördern zu lassen. Daraus entstand ein Geflecht von „zivilgesellschaftlichen Gruppen“, die von der Regierung ausgehalten werden, und über die die Regierung Einfluss auf die Gesellschaft nimmt.

Die Antifa der 2000er hatte diese Gefahr zwar in allgemeinen Begriffen erkannt; sie hat das Ganze richtig als einen Integrationsversuch des Staates begriffen. Aber sie hat völlig verkannt, wie wenig subersive Substanz da war, die dem widerstehen konnte; wie wirkungsvoll dieser Appell des Staats an das Klassenbewusstsein der studentischen Linken sein würde. Ganze Generationen sind seither durch diese Schule gegangen und haben die Institutionen geprägt, in denen sie nachher Aufnahme fanden.

Aber es bleibt gar nicht dabei. Dieses Vorgehen ergänzt nur die Logik der Auslagerung von Regierungstätigkeit an „private“ Stellen, an „Vereine“ oder „Initiativen“, die sich Dinge erlauben können, an denen der Staat durch seine Bindung ans Gesetz gehindert sind. In diese Kategorie gehören auch NGOs, die auf staatliche Initiative gegründet werden und rein von staatlichen Stellen finanziert werden; sie sind von jeder denkbaren Mitgliedschaft völlig unabhängig und reine astroturfs, ihre Tätigkeit ist beliebig lenkbar, und sie treten trotzdem im Namen der „Zivilgesellschaft“ auf. Ihr Personal ist mit dem der Regierungsbürokratie austauschbar, es besteht eine Drehtür zwischen ihnen; natürlich sprechen sie im Namen gesellschaftlicher Interessen beim Gesetzgebungsverfahren mit, neuerdings hat sich eingebürgert, dass sie für Regierungsvorhaben Lobbyarbeit beim Parlament machen.

Die Regierung schafft sich ein Schein-Gegenstück in der Gesellschaft; ausgehaltene Schein-Initiativen der Gesellschaft; eine selbtsgemachte Schein-Öffentlichkeit samt einer öffentlichen Schein-Meinung. Das Staatspersonal spiegelt sich in allen diesen Einrichtungen selbst; hier die eine Fraktion des Staatspersonals, die bei uns den Namen rot-grün trägt. Um den Besitz des Staats und um seine Verwendung konkurrieren die verschiedenen Fraktionen; aber es läuft in jedem Fall auf den Staat hinaus.

Es ist noch schlimmer. Das, was ich das Staatsvorfeld nennen muss, geht weit über diesen Kreis hinaus, wenn es auch überall dieselbe Logik hat. Nehmen wir als Musterbeispiel wiederum die „Interventionistische Linke“ (IL) und ihre zahlreichen Kampagnenorganisationen.

Die IL war schon vorher dafür bekannt, von der AA/BO eine Attitude übernommen zu haben, die sagte: ihr braucht nicht denken, dass machen wir für euch; oder: werde auch du aktiv, indem du dich unserer detailliert durchgeplanten Aktion anschliesst und in die vorbereiteten Slogans einstimmst. Man kann ihr, wie neulich ein nürnberger Genosse es nannte, eine „Kontinuität des Opportunismus“ bescheinigen. Aber Mitte der 2010er ist doch noch etwas anderes geschehen. Die alten Kader aus der Blockupy-Ära verschwanden, und es rückte eine neue Sorte nach; diese ist ununterscheidbar von dem Personal der regierungslinken Parteien oder ihrer politischen Stiftungen.

Ein Zeichen dieser Entwicklung ist die Art und Weise der „Professionalisierung“ und der dazugehörenden „Schulungen“. Sie sind darauf angelegt, aus der Bewegung einen Kader von „Aktivisten“ zu destillieren, der nur sich selbst Rechenschaft schuldig ist, und nicht mehr irgendeinem gesellschaftlichen Bedürfnis. Sie halten das für etwas, was sie autonom und radikal macht. Eher ist es so, dass es sie erst völlig für die Manipulation herrichtet.

Alles, was die IL heute anfasst, hat diese eine gemeinsame Charakteristik: es wird eine nicht-antagonistische Opposition aufgebaut, das heisst eine, die darauf angelegt ist, befriedet zu werden. Es geht immer darum, eine Massenbewegung bloss zu inszenieren; oder eine bestehende Bewegung zu überformen; ihr verhandelbare Ziele und eine verhandlungsfähige Führung unterzuschieben. Es geht nicht darum, grundlegende Opposition gegen den bestehenden Zustand zu sammeln; es geht darum, sich als einen Machtfaktor ins Spiel zu bringen. Eine Aufforderung, dass man gekauft werden möchte; und ein Angebot, die Sache, die man vertritt, zu verkaufen.

Deswegen enden alle diese Kampagnen logischerweise darin, dass die Sache zuletzt auf dem Tisch eines grünen Ministers landet, der sie dann selbstverständlich ablehnt, mit dem Ausdruck der grössten „Zerrissenheit“ natürlich. Die eine Sorte Verlogenheit arbeitet der anderen zu. Die einzigen, für die es sich lohnt, ist der neue Kader, dem sich die Türen in den politischen Betrieb öffnen.

Die Kampagnenorganisationen der IL dienen sich der Bewegung natürlich um so leichter an, als sie streng basisdemokratisch sind; überhaupt lässt sich nichts leichter leiten als eine basisdemokratische Organisation, wenn ihre Mitglieder und die Bewegung selbst völlig atomisiert sind. Die Kunst besteht darin, die Informationen zu verwalten, die ihnen zur Verfügung stehen, und die lästige Organisationsarbeit zu übernehmen, die niemand machen will; aber betrogen wird auf Dauer ja doch nur, wer betrogen sein will.

Die aktiveren und regsameren Teile dieser hauptsächlich studentischen Bewegung wissen, ohne es in dieselben Worte zu fassen, dass sie sozusagen zu ihrem eigenen Besten betrogen werden. Die Strukturen, von denen wir hier reden, sind für sie der schnellste Weg zu den Futtertrögen; oder jedenfalls sind sie das in der vergangenen Periode gewesen. Diese schöne Zeit geht zu Ende, aber nicht, weil das dreckige Spiel rechtzeitig durchschaut worden wäre; sondern weil die Futterquelle versiegt, nämlich die politische Protektion.

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In Gesellschaften wie der unseren wird von Protektion kaum gesprochen. Protektion gibt es immer nur anderswo. Aber anderswo ist es nicht grundsätzlich anders als „bei uns“, nur dass in den Gesellschaften des Westens, die heute an der Spitze der globalen Nahrungspyramide stehen, viele Dinge glatter und unauffälliger ablaufen, und sich seltener störend abheben gegen das Idealbild, das man gewöhnlich von der modernen bürgerlichen Gesellschaft hat.

Aber Protektion gibt es selbstverständlich, und es kann viel zur Erhellung beitragen, die Dinge einmal unter diesem Aspekt zu betrachten. Wenn einer politischen Strömung, die als oppositionell auftritt, mit Dingen durchkommt, für die andere Im Gefängnis landen würden, dann liegt das daran, dass sie Protektion haben, auch wenn sie es vielleicht nicht wissen; weil irgendein Teil des Staatsapparates an ihrem Tun irgendein Interesse hat.

Die Mechanismen der Protektion sind immer andere; aber ein Effekt ist immer der gleiche. Wenn ein bestimmtes Treiben von den Behörden immer und immer wieder geduldet, sogar stillschweigend gefördert wird, signalisiert es der Bevölkerung, dass dies die Richtung ist, aus der gerade der Wind weht. Eine Bewegung, die so die Gunst der Obrigkeit gewinnt, gewinnt auch Einfluss in der Gesellschaft; nicht, weil die Bevölkerung die Obrigkeit für respektabel hält, sondern, weil sie weiss, wozu sie fähig ist.

Nichts von dem neueren Aktivismus, so radikal er aussieht, wäre möglich ohne Protektion. Nichts an ihm, so oppositionell er sich gibt, ist staatsfern.

Was wir grade skizziert haben, sind zwei parallele Routen zu den Fleischtöpfen, die studentischen „Aktivisten“ offenstehen; alles, was sie dafür tun müssen, ist, Prinzipien zu verraten, an die sie ohnehin nicht glauben. Diese Routen zu den Fleischtöpfen sind die Wege, auf denen ein Teil der politischen Klasse rekrutiert wird; und selbstverständlich stehen alle diese Aktivitäten unter dessem politischem Schutz.

Dieser Schutz reicht nicht beliebig weit, denn im Staatsapparat konkurrieren verschiedene Fraktionen. An dieser Stelle kann die Sache deshalb nicht mehr weiter als eine isolierte Erscheinung beschrieben werden. Die politische Formation, die wir Pseudo-Linke genannt haben, existiert nicht unabhängig von anderen Formationen, sondern in einer bestimmten Situation mit einem bestimmten Gegenspieler.

Die neue Rechte, die seit 2010 überall auftritt, muss als etwas verstanden werden, das nach genau denselben Prinzipien funktioniert; zwei konkurrierende Bruchstücke derjenigen Formation, die vor 2008 vereint geherrscht hat (Bourdieu hat ihre Ideologie „pensée unitaire“ genannt). Die Krise von 2008 und ihre bis heute andauernden Folgen haben sie in feindliche Brüder verwandelt; die friedliche Integration der einzelnen Interessen in den Staat ist in der Krise, und damit die Grundlage der Verfassung.

In den USA, wo die beiden Blöcke in idealer Reinheit ausgeprägt sind, lässt sich gut zeigen, wie sie sich bis in die verschiedenen Fraktionen des Kapitals fortsetzen, die um die Vorherrschaft ringen; eine Fortsetzung des Kampfs um die Profitrate mit anderen Mitteln. Hinter den grossen Kapitalfraktionen stehen die ihnen nachgeordneten Branchen und Unternehmen, die von ihnen abhängigen Teile des kleineren Bürgertums und zuletzt die Arbeitnehmer, die sich derzeit noch als Anhängsel der bürgerlichen Interessen verhalten. Diese letzteren können auch anders, und sie sind der einzige Faktor, der das ganze Spiel auf Dauer über den Haufen werfen kann.

Die Machtbasis einer Partei im parlamentarischen System ist der Klientelismus. Auch das ist etwas, das man über westliche Gesellschaften nicht oft hört, weil hier die idealistische Fiktion gepflegt wird, als beruhe die Wahlentscheidung auf rein verstandesmässiger Überzeugung. Nehmen wir die dauernde Staatspartei in Bayern, die CSU. Niemand wählt sie aus Überzeugung, als ob man mit ihren Prinzipien übereinstimmen könnte. Niemand kann sogar sagen, ob die CSU Prinzipien hat und welche. Je genauer man die CSU kennt, desto weniger weiss man es. Man wählt sie aus Dankbarkeit, weil sie der Mehrheit des Landes einen relativ glatten und einträglichen Ausstieg aus dem Bauerntum ermöglicht hat. Das gleiche gilt für die SPD in den anderen, stärker industrialisierten Gegenden.

Die Bevölkerung ist sich dieser klientelistischen Struktur viel bewusster als die Politikwissenschaft oder die Linke. Die Linke pflegt ihr Unverständnis in Worte zu kleiden wie „reformistische Illusionen“. Es fragt sich, wer sich hier Illusionen macht.

Was wir gerade Protektion genannt haben, hat es schon immer gegeben; aber es gewinnt in dieser Lage eine gan neue Kraft. Beide Seiten teilen sich den politischen Markt auf; sie sind beide, nach einem hergebrachten Prinzip der machine politics, daran interessiert, mit möglichst wenig Aufwand in den Besitz der Staatsmacht zu bekommen, d.h. sie versuchen, einen Wählerblock beisammenzuhalten, der gerade 51% der Stimmen liefert, und nicht mehr als das.

Denn die öffentlichen Mittel, aus deren Plünderung sie die Interessen dieses Wählerblocks bedienen müssen, sind begrenzt; es lohnt sich also nicht, einen grösseren Wählerblock anzustreben. Je mehr Interessen bedient werden müssen, desto weniger hat man den einzelnen Interessen zu verteilen. Das ist nicht leicht zu akzeptieren, aber der Schlüssel zu vielen Erscheinungen des politischen Racketwesens.

Es muss keine Anstrengung gemacht werden, die Anhänger der Gegenseite zu gewinnen; es wäre sogar höchst unerwünscht. Im Gegenteil bedarf es einer möglichst fanatischen Gegenpartei, deren Anhängerschaft alles hasst, wofür man selbst steht. Je fanatischer, desto hassenswerter für die eigenen Anhängerschaft; je bedrohter sich diese fühlt, desto leichter tut man sich, sie zur Wahl zu bewegen. Hier haben beide Seiten unmittelbar das gleiche Interesse: die Zerstörung der Öffentlichkeit, und ihre Aufteilung untereinander.

Die Grünen z.B. hätten von der Macht, die sie die letzten Jahre hatten, nicht einmal träumen können ohne die Stärke der AfD; denn das bedeutete, dass eine Regierung ohne die Grünen unmöglich wurde. So fiel ihnen die Definitionshoheit zu, was zum „Kampf gegen Rechts“ dazugehört. Umgekehrt wäre diese Stärke der AfD nicht denkbar ohne die Exzesse der Grünen, die jeden letzten Rest von Verstand verloren haben.

Beide Seiten haben also ein direktes Interesse an möglichst grosser, möglichst totaler, möglichst fanatischer Polarisierung; an wedge issues, wie es in der amerikanischen Demoskopensprache heisst. An einer politischen Auseinandersetzung, die möglichst irrational, möglichst verhetzt, möglichst ideologisch ist; und in der jede politische Kraft, die versucht, diese Lage aufzubrechen, möglichst sofort unter die Räder kommt.

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Die Aufteilung des politischen Markts ist restlos. Kein Thema bleibt unberührt; jedes wird „politisiert“ in einem ganz entfremdeten und äusserlichen Sinn. Nicht, dass der eigene politische Gehalt des Thema entfaltet würde; es wird bloss in Beschlag genommen, mit einer Meinung etikettiert, die nichts anzeigt ausser der Zugehörigkeit zu der einen oder der anderen Seite. Es ist für jede Seite nur dahingehend interessant, ob es sich als Träger einer solchen Etikettierung eignet.

Die Meinung zu einem bestimmten Thema wird zum Loyalitätsbeweis. Die erwarteten Meinungen tendieren deswegen dazu, möglichst irrational zu werden; eine Meinung, die zu plausibel wäre, eignet sich nicht zur Abgrenzung. Nur die möglichst unglaubhafte Lüge eignet sich; so wie die Grösse des Publikums bei Trumps Amtseinführung, die entgegen dem direkten Augenschein die grösste seit Menschengedenken gewesen sein musste.

Ob irgendjemand die angestrengten Lügen wirklich glaubt, lässt sich nicht klären. Aber die irre Logik, die dem innewohnt, greift um sich. Die laute Propaganda der einen oder der anderen Seite sind die Aufforderung, sich zu unterwerfen. Es wird nicht nach Gründen gefragt, sondern nach Motiven; wer nach Gründen fragt, macht sich verdächtig, und gerade der berechtigte, gut begründete Einwand ist nur der Nachweis des Hochverrats.

Den in diesem Wahnsinn Befangenen ist es unmöglich, sich Denken vorzustellen, das nicht unter Protektion steht; das nicht um Erlaubnis oder Freigabe gefragt hat und keiner der regierenden Räuberbanden verpflichtet ist. Daher die erstaunliche Karriere, die das Wort vom „Narrativ“ gemacht hat; von einem ideologiekritisch gemeinten Begriff hat er sich zu einem Werkzeug des Konformismus verwandelt. Im verwalteten Denken gehört jeder Gedanke der einen oder anderen Seite, ein drittes gibt es nicht. Hat die eine Seite ihn „besetzt“, das heisst in Beschlag genommen, muss die andere Seite blind das Gegenteil behaupten; ihre eigene irre Rationalität zwingt sie dazu. Den Rest erledigen die Freizeit-Denunzianten, die „Meldestellen“, und die anderen Abschnittsbevollmächigten der Volksaufklärung.

Beide Seiten arbeiten, in erbitterter Feindschaft gegeneinander, daran, die Welt restlos unter sich aufzuteilen. Die klientelistische Aufteilung der Gesellschaft unter einander feindliche Rackets nimmt zuletzt auch die Begriffe in Beschlag. Die Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ nannten das damals „Ticketdenken“.

Das Wort bezeichnet den von der Parteimaschine fertig vorbereiteten Wahlvorschlag, dem man nur zustimmen oder ablehnen kann. Er wird, wie das Programm, nach den Bündniskalkül der politischen Rackets bestimmt. Der ganze Betrug liegt schon darin. Er läuft hinaus auf die vollständige Enteignung der Massen von jeder politischen Selbsttätigkeit, selbst der Freiheit der Gedanken. Wir leben heute wieder in einer Welt, die der in der „Dialektik der Aufklärung“ beschriebenen zum Erschrecken ähnlich sieht; selbst ich als alter Adornit begreife jetzt erst den Zusammenhang mancher ihrer Begriffe. Das ist kein gutes Zeichen.

Am Horizont wird plötzlich wieder die Möglichkeit der politischen Liquidation der Wahrheit sichtbar. Die heute dieses schmutzige Spiel spielen, sind freilich noch nicht selbst die Totalitären; sie verhalten sich nur so und sehen so aus. Aber sie sind überall viel zu verhasst, um sich durchzusetzen. Die Gefahr liegt darin, dass es vielleicht nicht gelingt, sie abzuschütteln; dass ihr Treiben jede Widerstandskraft brechen wird, und dass die, die nach ihnen kommen, mit leicher Hand ihr Werk zu Ende führen werden. Sie werden alles aufs Beste vorbereitet finden.

5
Selbst ein nicht ganz so trostloses Szenario ist immer noch düster genug. Vor ein paar Wochen haben wir ein Bild aus dieser Zukunft zu sehen bekommen, am Tag-X-Wochenende in Leipzig. Man muss sich den Vorgang, den ich als in groben Zügen bekannt voraussetze, einmal unter dem Aspekt der Protektion ansehen.

Alle Demonstrationen waren verboten worden ausser einer, die von Say It Loud e.V. veranstaltet worden war. Say It Loud ist eine „zivilgesellschaftliche Organisation“, SPD- und Grünen-nah, die ihrer Klientel Hilfe bei der Planung und Durchführung von Demonstrationen anbietet. Vorsitzende ist die Vorsitzende der Leipziger SPD und in der Tat war der Anmelder ein grüner Stadtrat. Leipzig und sogar Sachsen wird von SPD und Grünen mitregiert.

Das Vorgehen der Polizei gegen diese Demonstration, der grösste und längste Kessel seit 1986 in Hamburg, hat viele schockiert. Wenden wir den Satz „the cruelty is the point“ an: gibt es eine Art, wie die leitenden Offiziere der Polizei der Öffentlichkeit deutlicher mitteilen können, dass sie die Sorte der Protektion, mit der SPD und Grüne ihre gesellschaftliche Unterstützung aufbauen, nicht mehr akzeptieren? Dass sie sich an das Versprechen, dass die SPD gegeben hat, nicht mehr gebunden fühlen?

Nehmen wir als gegeben an, dass die leitenden Polizeikreise dem rechten Flügel der CDU nahestehen. Dann können wir aus diesem Vorgang nicht nur ablesen, dass sie die Koalition der CDU mit der linken Mitte nicht nur ablehnen; sondern dass sie sich an diese Koalition nicht mehr gebunden fühlen, dass sie sie aktiv sabotieren werden, und zwar mit allen Mitteln der Polizei-Intrige, die ihnen zu Gebote stehen.

Denn diese Kreise haben heute eine Machtoption, die sie früher nicht hatten: eine Koalition mit der AfD. Man darf sich die AfD nicht als eine Partei der „Strasse“ vorstellen. Die Figuren, die dort die Vorstände bevölkern, sehen viel zu sehr aus, als glauben sie die von Jahr zu Jahr sich ändernden Parolen wirklich; sie sehen nicht aus, als beherrschten die den präzisen Gebrauch der Macht. Man darf sich sicher sein, dass viel Einfluss dort in den Händen hoher Staatsbürokraten liegt, die selbst nicht Mitglied sind. Aus welchem Stall kommt Alexander Gauland?

Nach den Tagen von Leipzig darf man ganz sicher sein, dass eine Regierungsbeteiligung der AfD aktiv vorbereitet wird. Und man hat einen Eindruck bekommen, wie wenig die Regierungslinke dem im Ernstfall entgegenzusetzen haben wird. Ihr ganzes politisches Vorfeld, ihr Protektionsnetzwerk wird in kurzer Zeit abgeräumt werden. Niemand würde eine Hand für sie rühren.

Von diesem möglichen Ende des Spiels her zeigt sich das Ausmass des ganzen Wahnsinns. Sie haben ihre gesellschaftliche Unterstützung in einem erschreckenden Ausmass aufgebraucht. Sie haben den Leuten nicht Brot, sondern „Kulturkampf“ gegeben; sie haben damit ihre Stammwählerschaft demoralisiert.

Sie haben nicht einmal Unrecht, wenn sie sagen: wer „Kulturkämpfe“ führt, spielt den Rechten in die Hände. Warum haben sie es denn dann gemacht? Sie sind der Verblendung, die dieses Spiel mit sich bringt, so sehr verfallen, dass sie es nicht mehr durchschauen: Kulturkämpfe, sagt Nils Kumkar, sind wie Mundgeruch, man bemerkt sie nur bei den anderen, nie bei sich selbst.

Die Tage von Leipzig können gut ein Bild aus der Zukunft gewesen sein.

Ein berliner Genosse, dem ich für viele Anregungen danke, hat angemerkt, ich solle auch den Zusammenhang von neoliberaler Subjektformierung und autoritärer Gesellschaftsformierung ansprechen. Ich habe offen gestanden keine Ahnung, was das genau heisst. Ich versuche, es in ein künftigen Teil zu stecken.

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Eine Antwort zu Neues von der Pseudolinken (XI)

  1. Finkeldey sagt:

    wg Deines Nachtrags: Er meint ggfls Ansätze wie etwa „Das unternehmerische Selbst“ von Bröckling. Der Selbstoptimierungsrohrstock.

    https://medienbildung.hypotheses.org/3585

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